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Buchschmuck

XX. Kapitel.
Lars Andersen

Lars saß in seinem Arbeitszimmer. Ehe Frithjof dahin gelangte, passierte er mehrere Arbeitsräume, in denen Beamte sich befanden, die ganze Sippe eines hervorragenden Managers. Frithjof konnte sich gar nicht erklären, wie so ein Apparat dazu kam, lebende Menschen als Apparate zu dirigieren. Allerdings war der Eindruck, den Lars machte, durchaus der eines Mannes von Geltung. Er war augenscheinlich noch in den besten Jahren. Er saß bequem im Lehnstuhl, hielt Zeitung und Zigarre in den Händen, lächelte mit dem zuvorkommenden Lächeln, das ihm Andersen beigebracht hatte, und erwiderte auf alle Fragen je nach den Stichworten. Frithjof gewann die Überzeugung: Sein Android war gelungen, ganz Mensch! Er unterschied sich durch nichts von den anderen, als durch den Mangel von Herz und Gemüt. Und vielleicht nicht einmal dadurch. Lars machte auf Frithjof ganz den Eindruck eines vornehmen Mannes. Die einladende Handbewegung, das entgegenkommende Lächeln, das nicht in Grinsen ausarten darf, die Bereitschaft, mit Frithjof stets einer Meinung zu sein, die Kunst, gedankenlos zu versprechen. Der Doktor freute sich, alles wiederzusehen, was er in seinen Automaten hineingesteckt. Lars bedauerte ihn, Lars tröstete ihn, Lars versprach, ihm eine bescheidene Sekretärstelle zu verschaffen, und Frithjof lachte innerlich darüber. Er sah das Werk seiner Hände, das er Rädchen für Rädchen zehn Jahre lang unter den Fingern gehabt, nach und nach sein Gönner werden. Sein Automat protegierte ihn!

Er dachte an das schöne Goethesche Wort: »Am Ende hängen wir noch ab von Kreaturen, die wir machten.« Und er hatte nicht übel Lust, auf Lars zuzuspringen und ihn zu zertrümmern. Aber der linke Ellbogen schmerzte ihm noch von jenem Vorfall, als er den Androiden verkaufen wollte.

Er suchte sich einzureden, daß sein Zorn unberechtigt sei, daß es nur eine Maschine wäre, das Werk seines Geistes, auf das er schließlich stolz sein könne; daß Lars nur einem Naturgesetz folge, freilich einem Naturgesetz, das noch von keinem Professor entwickelt und in keiner unserer Schulen gelehrt wird, das aber einst den Mittelpunkt der wichtigsten aller Wissenschaften bilden werde, der Gesellschafts-Wissenschaft: Lars war mit tausend anderen das Produkt der Verhältnisse. Man schob ihn, er ließ sich schieben, man hob ihn, er ließ sich heben. Freilich gehört dazu eine Art Geschicklichkeit; man muß beim Geschobenwerden immer eine Lage einzunehmen wissen, die für sich und die Hebenden nicht unbequem ist. Einfach wie das Schwimmen! Wer es gelernt hat, wundert sich, daß sich von der Flut tragen zu lassen erst gelernt werden müsse. Doch gibt es störrische Leute, Phlegmatiker, die auch von den besten Verhältnissen sich nicht heben lassen. Ihre Wehleidigkeit verträgt diesen oder jenen Griff nicht, oder sie machen sich zu schwer. Lars, der berechnete und berechnende Lars, widersprach niemals, weil er weder sentimentale Anwandlungen, noch ein reizbares Temperament besaß, weil er sich wahrhaft jenseits von Gut und Böse befand.

Frithjof hätte auch aus einem anderen Grunde nicht den zertrümmernden Faustschlag ausgeführt: Er schauderte zurück, es war ihm, als ob er ein Menschenleben vernichten sollte, wie ihn Lars herablassend mit den grau-grünen Reptilaugen anblickte, die so nichtssagend naiv waren, daß sich dahinter alles Denkbare verstecken konnte. Lars, der eben den Rauch seiner Zigarre – wie man am Duft spürte, eine der feinsten Sorten – in die Luft blies, Lars mit den frischen, roten, natürlichen Wangen war ihm eine zu lebendige Persönlichkeit, als daß er nicht gefürchtet hätte, einen Mord zu begehen.

Und schließlich, wer beweist ihm, daß er sich nicht täuscht? Daß er, Andersen, nicht wirklich im Wahn herumwandelt? Daß dieser Mann wirklich kein Mann, sondern ein Automat ist? Allerdings kannte er Stück für Stück und Härchen für Härchen an ihm. Diese nichtssagenden Augen, die grasgrüne Glashülle für jede Tücke, die natürlichsten, die er beim Optiker gefunden, hatte er ihm selbst mit diesen seinen eigenen Händen eingesetzt. Die Haut mit den vollen Wangen und dem elastischen Muskelspiel hatte er selbst monatelang zwischen diesen seinen eigenen Fingern gehabt, ehe sie vollkommen täuschend funktionierte. Er kannte die Gelenke dieser Arme und sah bei jeder Handbewegung im Geist unter dem feinen Kammgarnrock die Stahlsehnen, die anzogen. Er wußte, daß unter diesem üppigen Haarwuchs sich das komplizierteste Räderwerk verbarg, die beste Rechenmaschine der Neuzeit. Er wußte, daß in der linken Seite dieser Brust, wo bei anderen Menschen sich das Herz befindet, nichts lag, als eine gewöhnliche metallene Pumpe, die durch Elektrizität in Bewegung gesetzt, die rote Flüssigkeit dirigierte, die den Menschen, ohne daß er weiß warum, erröten und erblassen macht. Ein künstliches Schamgefühl, eine rein physikalische Erscheinung!

Und doch, wer bürgt ihm dafür, daß dies alles nicht Einbildung, nicht das Produkt eines hitzigen Fiebertraumes ist?

Vielleicht haben die Leute wirklich recht, wenn sie von seiner ausbrechenden Tollheit munkeln?

Ja, angesichts dieses behäbigen Mannes, der so ruhig und sicher spricht und sich in seinen Reden durch nichts beirren läßt, ist ihm zumute, als ob er träume! Er träumt schwer und ängstlich! Er glaubt sogar zu fühlen, daß sein Atem hochgeht! Und seine Pulse fliegen! Ah, der Sturz im Gebirge! Wie, wenn dieser Lars, dieser berühmte Manager, vor ihm da, ein wirklicher, lebender, ein ausgewachsener Mensch ist, wie er, wie Helmut – und sein Automat nur die Ausgeburt des Wahnwitzes, die Halluzination im Erweichen begriffener Ganglienzellen? Visionen eines paranoisch werdenden Hirns?

Sicherlich, er war toll!

Und indem diese Gedanken hastig und wirr durch seinen Kopf flogen, griff er nach seinem Puls und zählte.

Der Puls ging, eins, zwei, drei … ruhig!

Es war ihm unbegreiflich! Wenn Lars wenigstens eine einzige unbekannte eigene Redewendung vorbrächte! Nicht alle jene, die er in ihn hineingelegt und die er schon kannte, ehe Lars noch das erste Wort aussprach. Und er machte nochmals einen krampfhaften Versuch! Und zwar direkt aufs Ziel los! Nur war er so verwirrt, es kostete ihm so viel Mühe, die Augen geradeaus zu richten, auf sein Gegenüber, und doch hätte er dieses dabei ansehen müssen, hypnotisierend, bannend.

»Entschuldigen Sie,« sagte Andersen scharf und jäh, »mir kommt es vor, als hätte ich Sie schon irgendwo gesehen?«

»Kann sein.«

»Verstehen Sie mich recht, als hätte ich Sie in einer Werkstatt gesehen, – nicht so, wie Sie heute sind.«

»Sie meinen wohl als Mechaniker? Ganz recht! – Ich habe mich von unten herauf gearbeitet. Ich bin stolz darauf, ein self-made-man.«

Er wich ihm offenbar aus. Aber Frithjof ging mit Verzweiflung auf das Ziel los:

»Nein, ich sah Sie als … … Räderwerk!« – Er betonte das Wort. – »Sie waren nichts, als ein halbfertiger Automat! Ihre Eingeweide, der ganze Mastbauch, der Ihnen unter der weißen Weste so stattlich heraushängt, waren halbfertige Apparate eines chemischen Laboratoriums, waren Retorten und neugeformte Gefäße aus Gummi und weichem Material, Ihr Herz eine Pumpe, Ihr Kopf ein Uhrgetriebe …!«

Frithjof war gespannt, was Lars tun würde! Würde er aufbrausen voller Wut, würde er emporspringen und ihn zu zerschmettern suchen? Und das wäre ihm das Liebste gewesen, er würde aus dieser verzweifelten Situation, aus diesem hereinbrechenden Irrsinn mit einem Schlage erlöst!

Aber Lars tat nichts dergleichen. Er drehte sich leicht in seinem Lehnstuhl um und – lächelte ihn an. Es war ein so sicheres, überlegenes Lächeln! Dabei zog sich die Stirn in die Breite, mit so weisen Querfalten! Es war, als ob er sagen wollte: ›Ich glaube, du bist nicht richtig da droben – verstehe mich, im Oberstübchen.‹ Aber in aller Höflichkeit sagte er nur: »Und wenn dem so wäre! Wie wollten Sie es beweisen?«

»Durch Sachverständige!«

»Durch Sachverständige? Sehr gut, ausgezeichnet! Sachverständige! famose Idee! Auch mein Steckenpferd! Wieviel Sachverständige wollen Sie stellen? Eins, zwei, drei? Wohl sehr gelehrte Professoren?«

Frithjof war über den Hohn entrüstet. »Zwölf!« sagte er. »Und sehr gelehrte Professoren!«

Lars trommelte mit den Fingern auf der Ledermappe, die auf seinem Schreibtisch lag:

»Also zwölf! Sagen wir zwanzig! Nun gut, ich werde Ihnen zehn mal zwanzig Sachverständige entgegenstellen, die beweisen, und zwar ausführlich beweisen, mittelst Gutachten vom Umfange eines Konversationslexikons und vom Inhalte einer Universitätsbibliothek, mit Hilfe aller Wissenschaften, die exakt-physikalischen und die mystisch-spiritistischen inbegriffen, daß ich der lebende Mensch bin, verstehen Sie, ich der lebende Mensch, und Sie die Maschine!« – –

Nach einer kleinen Pause: »Kennen Sie nicht das lateinische Wort: Quot homines tot sententiae! Soll ich Ihnen vielleicht einen hochgeachteten Sachverständigen, den die Menschen bewundern und anbeten, dafür verschaffen, daß Sie in der Hölle braten werden? Oder wollen Sie einen Sachverständigen, daß die Seelen der Verstorbenen, um im Jenseits nicht zuviel Platz einzunehmen, ineinandergeschachtelt werden, die Kleineren in die Größeren, wie leere Bonbonschachteln? Wollen Sie Gutachten moderner Philosophieprofessoren über die Weisheit der Natur und über die Löcher in der Natur?

Was Sie Sachverständige nennen, ist das, was man im Mittelalter Gottesurteil genannt hat. Der Angeklagte mußte barfuß über glühendes Eisen gehen, ohne versehrt zu werden. Oder die der Hexerei Verdächtigen wurden ins Wasser geworfen; wenn das Element sie ›nicht wollte‹, sie ›ausspie‹, waren es Hexen. Die Dicken waren damals, wie Sie sehen, den Mageren gegenüber im Nachteil. Und so ist es auch heute. Vor Welt und Richter ist jedermann irgend jemandem gegenüber aus irgend einem physikalischen Grunde im Nachteil. Ihnen bin ich überlegen.« Lars klopfte sich jovial auf den Bauch. »Nein, lieber Freund, das Gutachten der Sachverständigen ist das Element, das nur den ausspeit, der sich nicht den richtigen Propheten mit der richtigen Überzeugung auszusuchen weiß. –

Und dann,« fuhr Lars nach einer Pause fort, »selbst, wenn Sie den Beweis liefern könnten, würden Sie es zuvor mit dem Strafrichter zu tun bekommen … Das ist eben der Geist der Gesetze: sie schneidern eine Art Uniform für Berechtigte wie Unberechtigte. Niemand hat ein Recht, jemandem diese Uniform auszuziehen, ausgenommen der Staatsanwalt und der Richter. Ein Mann, der zwei Beine hat, ist immer ein Ehrenmann. Ein Wesen, das schläft, trinkt, ißt, ist immer ein ehrenhaftes, menschliches Wesen. Ganz abgesehen von seinen schlechten oder guten Qualitäten. Ich weiß nicht, ob überhaupt irgendwo im Gesetz der Begriff Mensch definiert ist? – – Die Gesetze sind eben rein formal, sie sind nichts als Bekleidung, jedermann kann hineinschlüpfen. Die Gesetze stehen wahrhaft jenseits von Gut und Böse!«

Frithjof war ganz geschlagen. Er nickte mit dem Kopf und lachte. Das war ja Wort für Wort alles, was er in ihn hineingelegt! Der Android plapperte alles getreulich nach! Frithjof wußte es ganz genau, alle Walzen waren numeriert! Die diese Weisheit von sich gab, war Walze 193 auf der rechten Schädelhälfte, einen Zentimeter unter der Schläfe. Lars kam ihm vor wie gedankenlose Richter, aus denen die Paragraphen sprachen. Paragraph so und so viel! Walze Nummer so und so viel! Es war kein Zweifel, es war sein Automat! Frithjof hatte ihn mit all diesen Redensarten ausgerüstet, damit ihm niemand etwas anhaben könne. Und es war unglaublich. Es erging Frithjof wie einem Dramatiker, der sein Stück zum erstenmal aufgeführt sieht. Alles klang so ganz anders, so erstaunlich wahr und natürlich! Die Wirkung war von unglaublicher Kraft, geradezu niederschmetternd! Lars hatte ihn zweimal geschlagen, geschlagen mit seinen eigenen Waffen, das erstemal mit der Faust, das zweitemal geistig!

Frithjof sprang auf. Er war in einer Stimmung, die sich nicht beschreiben läßt: Leichentrauer auf einem Clownsgesicht! Bitterweh und burlesk! – Alles, was er an Reden in diesen Automaten hineingelegt hatte für die Schaustellung, Ironie und Satire, nur zum Amüsement, alles wurde in sein Gegenteil verdreht, war gewichtiger Ernst, Waffe im Lebenskampf! Es war unglaublich! Geradezu, als ob die Welt auf dem Kopfe stände! Alles, was der Meister als Gedankenspiele, als Absurditäten in diese Maschine hineingestopft, erhielt bürgerliche Geltung, nur weil die Wucht der Mannesrede, die vom Gesetz gestützte Puppe dahinter stand. Es war, wie Frithjof mit Galgenhumor dachte, um sich jedes Haar einzeln auszureißen!

Was sollte er noch auf dieser Welt? Am Ende war sie durch und durch so wahnwitzig verworren. Am Ende war dieser Android nur das Prototyp der ganzen menschlichen Gesellschaft und alle Verhältnisse nichts als ein Spiel absurder Ideen, Hanswurstweisheiten, vertrackter Gebärden, Faxen und Farcen, die zu Rang und Ansehen führten. Er erinnerte sich, wie Gelehrte Parteiführer und Politiker populär geworden durch Reklamelärm und Paukenschlägerei, durch die hohlen Phrasen eines verlogenen Patriotismus, in welchem als Lebensodem der Vaterlandsliebe tierische Gewalt und Blutdurst atmeten! Wie der Pöbel sie im Triumph durch die Straßen trug! Die ganze Weltgeschichte tauchte verzerrt vor seinem Geiste auf. Kein Widerspruch war zu grell, kein Wahnwitz zu blutrünstig! Um die Liebe eines Welterlösers wurden Hilflose gemartert, wurden für Frauen und Kinder Scheiterhaufen angezündet. Überall ein Ballspiel mit dem kugelrunden, aufgeblasenen plastischen Wort, mit dem mißbrauchten Begriff! Er sah sogenannte Staatsmänner und Philosophen den lächerlichsten Instinkten der Masse huldigen, sah schon in der ersten Erziehung der Kinder die niedrigsten Mittel der Lüge und Selbsttäuschung angewandt, und alles im ehrlichen Bestreben, Güte und Wahrheit großzuziehen: Aus der Saat von Rattenzähnen, Flohrüsseln sollte ein Geschlecht braver, lammfrommer Bürger erwachsen!

Er fühlte sich erregt, in einem Zustand der Verzweiflung, in die sich alles mischte, was ein Mann, ein einsam grübelnder Gelehrter, in sich an Zorn und Scham, Empörung und Verbitterung brüten kann. Und hundert andere entsetzliche Stimmungen folterten ihn; er fühlte sich irre werden, fühlte wie der Wahnsinn die Krallen in sein wundes Hirn bohrte.

Andersen verließ das elegante Arbeitskabinett. Noch ein letztes, schnödes Kichern hörte er hinter sich. Noch klangen ihm die letzten metallenen Worte ins Ohr:

»Der Sinn dieser Welt ist nicht Gerechtigkeit, der Sinn dieser Welt ist Gesetzmäßigkeit!« –

Draußen sollte noch eine größere Überraschung seiner harren. Als er nämlich den Vorsaal durchschritt, hörte er im anstoßenden Salon eine helle, klare Frauenstimme, eine Silberstimme, einen Triller, wie eine Rakete, der ihn stutzen und schaudern machte. Nur einen Augenblick der Besinnung! Dann riß er die Türe auf:

»Lydia! – – –«

Es war dieselbe Lydia, die er einst vor einem halben Jahre gesprochen, nur mit einer Nuance von Würde in der Toilette. Er glaubte zu erraten: Lydia als Braut. In seinen Augen blitzten Zorn, Verachtung, Zweifel, Fragen! Lydia hielt ihren blonden Kopf sehr hoch erhoben … so von oben herab …! Seinen Vorwürfen setzte sie eine eisige Unverschämtheit entgegen und als er sich dadurch nicht verblüffen ließ, kehrte sie mit weiblicher Schlauheit die Sache um und schleuderte ihre Herzensergüsse in Form heftiger Anklagen gegen ihn: Daß er sie plötzlich verlassen, getäuscht, hintergangen! – Tränen. – Dazwischen Schluchzen. – Und dergleichen mehr. Und sie ließ ihre schönen blauen Augen, die sich mit Wasserperlen füllten, diese Sterne eines herrlichen Sommernachtstraumes, die er einst für Spiegel unschuldsvoller Treue und kindlicher Wahrhaftigkeit gehalten, so fest, so klar auf ihm ruhen, – so unschuldsvoll und kindlich, daß er an sich selbst irre wurde. Kein Zweifel, irgendwo und irgendwie mußte sich die Sache ganz anders verhalten! Die Schuld mußte an ihm liegen! Denn sie? O, sie! Sie war weiß wie ihre Glacées und fleckenlos wie ihr Teint. Er sah ihr prüfend ins Gesicht, – sie sah ihm offen ins Gesicht!

Kein Zweifel, so blickt nur die Unschuld, die Überzeugung!

Sie war ein Engel. Und Frithjof griff sich wild an den Kopf. Der Android mit seiner unerklärlichen, infernalischen Selbständigkeit hatte ihn nicht so um seine Sinne gebracht, wie dieses Weib! Dieses wahre, echte, lebendige Gottesgeschöpf! Vermochte sie nicht unter Tränen zu beschwören, daß Tag Nacht wäre und die Sonne ein Tintenfaß?!!

Und in diesem Augenblick lächelte sie ihn an! Zutraulich, lieblich, süß, engelrein! Er erstarrte. Er sank auf einen Fauteuil nieder und stammelte vor sich hin: »Ja, Sie haben recht … mea culpa! mea culpa! …«

»Na also,« hauchte sie erleichtert.

Nach und nach ließ sie sich zu näheren Erklärungen bereit finden. Die Sache war einfach so gekommen: Ihre Briefe an Frithjof waren durch die Post unrichtig abgegeben worden und in die Hände von Lars geraten. Gab es denn seit einem halben Jahre überhaupt einen anderen Andersen, als den Lars Andersen! Alle Welt weiß ja, welchen Ruf Lars Andersen besitzt! Aus dieser Verwechslung hatte sich dann eine Korrespondenz mit Lars entwickelt. Sie hatte sich entschließen müssen, ihn zu heiraten. Mama wollte es durchaus! Sie wohne jetzt mit Mama hier in einer Pension, da sie ihre musikalische Bildung vervollständigen müsse. Sie habe mit Mama eben bei Lars Rendezvous, um mit ihm Toilettefragen zu besprechen.

Sie sagte alles so offen, so selbstverständlich! Frithjof war ganz verblüfft. Steckte wirklich eine so große Portion Unschuld … um nicht zu sagen Unwissenheit in dem jungen Mädchen, daß sie sich mit einer Maschine ehelich verbinden wolle, nur weil diese Geld besaß? Sie hatte wohl keine Ahnung von der Ehe? Ihr ganzes Träumen war auf glitzernden Tand gerichtet, Toiletten und Repräsentation! Die Gestalt des Mannes, den sie heiraten sollte, sein Bartschnitt, seine Haarfarbe, seine Sprache, sein Herz und Gemüt, seine Seele, das waren eigentlich nur Nebennuancen, die mehr oder weniger sympathisch auffallen konnten. Die Hauptsache blieb, daß er sie in einem großartigen Hause unterbringen, ihr Dienerschaft und Equipage zur Verfügung stellen und ihr die sogenannte gute Gesellschaft eröffnen sollte.

Frithjof taumelte seit einigen Monaten von Verwunderung zu Verwunderung, von Enttäuschung zu Enttäuschung. Aber dies war das Absonderlichste, das Absurdeste, was er je hätte erwarten können! Er ließ sich mit Lydia in ein längeres Gespräch ein, in der Hoffnung, daß sie irgendwelche Unbefriedigtheit zeigen würde, Nervosität, Hysterie! Daß sie sich als unverstandene Frau oder ähnliches aufspielen würde! Aber das lag augenscheinlich noch fern; der Brautstand war wohl zu jung, als daß die zukünftige Ehe ihre Schatten hätte vorauswerfen können. Im Gegenteil, sie war äußerst glücklich, als sie, um Frithjof zu versöhnen, ihm die Roben schilderte, die sie für die Besuche und Empfangsabende der ersten Zeit bestellt hatte. Das mußte doch auf ihn Eindruck machen! Von ihrer Schwester Ethel sprach sie gar nicht, und ihre eigene Mutter behandelte sie als »eine Dame, die nie genug kriegen könne«. Sie war überhaupt »jenen Kreisen« entwachsen, sie gehörte jetzt der großen Welt an.

»Sie hat sich rasch gehäutet,« dachte Frithjof.

Das Werk seiner Hände hatte ihm sein Vermögen, seine Stellung, seinen Namen geraubt, ja hatte ihn sogar protegieren wollen! War das zu glauben?! Und jetzt! Jetzt kam noch das Spaßhafteste dazu: Es hatte ihm seine Liebe genommen! …

Und unwillkürlich fiel ihm das Schicksal eines andern Meisters, des Bildhauers der schönen Galathea, ein. Als dieser sein wundervolles Werk vollendet, entdeckte er zu seinem Entsetzen, daß darin seine Liebe, seine Schönheitssehnsucht, sein Lebensglück festgezaubert, versteint war. Und so wanderte der Marmor in die Welt hinaus, ein Schönheitsleuchten, ein Glückeslächeln für ferne, fremde, unbekannte Menschen, – nahm sein Glück und seinen Seelenfrieden mit und ließ ihn verzweifelnd zurück … Und nun wurde es Frithjof auf einmal klar: Sein Los war die ganz natürliche Entwickelung: Dem geistigen Schöpfer entwindet sich die Schöpfung, das Werkstück emanzipiert sich. – Der Schaffende ist nie der Genießende!

Andersen stellte an Lydia die naheliegende Frage, ob sie glücklich sei? Sie erwiderte lebhaft: »Wenn Sie die schöne Ballrobe sehen würden! Mama hat sie heute herschicken lassen, damit Lars sage, ob sie ihm gefällt?« Und sie klingelte und wollte durchaus, daß das Kammermädchen die Robe hereinbringe. Frithjof hatte alle Mühe, sie daran zu hindern. Sie aber bestand darauf und ließ von ihrer Kammerjungfer ein mit Pariser Eleganz gearbeitetes Spitzenkleid hereinbringen. »Ah, wenn Sie erst meine Equipage gesehen hätten, mit blauer Seide ausgeschlagen und mit meinem Monogramm am Wagenschlag! O, Lars wird der beste aller Ehemänner werden!«

Frithjof sah im kindlich-prahlenden, im glückvollen Aufleuchten ihrer Augen einen Schimmer der Verlegenheit. Sie entfaltete diese Pracht und diesen Reichtum über die Tische ihres zukünftigen Heims, über die buntseidenen Jagd- und Schäferszenen der Stuhl- und Sofa-Gobelins, – alles echte Möbel Louis XV., aus einem der vielen Schlösser dieses unter seinen Lastern und Lüsten bei lebendigem Leibe verfaulten Königs. Der Luxus sollte ihr Anwalt sein, und ihm in sinnbetörender Weise zuschreien: Hat sie nicht recht gehabt! Hätte sie anders handeln sollen? Anders können! Und als Frithjof gutmütig das Kleid und die vielen Spitzen bewunderte, die Lydia zwischen ihre feinen Finger nahm und ihm vor die Augen hielt, und als sie in Ekstase ausrief: »Echte Brüsseler! Wirklich ganz echte! Für 20 000 Mark!« konnte er sich vor »Ah's« der Bewunderung nicht lassen. Er tat ihr den Gefallen: »20 000 Mark! Wie muß das Ihre Frau Mama freuen!«

»O, Mama! Sie wissen gar nicht, wie stolz sie ist! Aber nur vor den Leuten. Mir gegenüber nicht. Sie kennen Mama gar nicht. Seit ich dies alles habe, ist sie wie umgewandelt, der gelbe Neid!«

»Aber Lydia, eine Mutter ist doch nicht neidisch!«

»Da kennen Sie Mama schlecht. Anfangs, als ich ihr alles mögliche schenkte, war sie sehr zufrieden und nannte mich einen Engel von Tochter. Aber dann wurde ihr alles immer weniger und weniger und jetzt bin ich nur noch ein Rabenkind. Haben Sie denn eine Ahnung von Mama? Sie kann nie genug kriegen.«

Frithjof schmunzelte: »Wie naiv, wie niedlich Sie das sagen!« Es lag Aufrichtigkeit in seinem Spott, denn sie sagte es wirklich so lieblich, sie war in diesem Augenblick genau das himmlische Wesen, dessen Natur und Unschuld er vor Monaten noch angebetet hatte. »Es liegt fast kein Sinn mehr in dieser Welt!« seufzte er laut, »Schönheit ist nicht die Trägerin der Güte, Form nicht der Ausdruck des Inhalts, die Menschen haben Masken vor; Dichter, Maler, Schauspieler züchten unsere Empfänglichkeit für all die Täuschungen.«

»Ach, Sie sind noch immer der geistreiche Menschenfeind!« sagte sie mit zierlicher Schmeichelei und blickte ihn mit zwei so lieben, blauen Vergißmeinichten an! Und er fühlte noch immer den Zauber dieses Weibes! Und wie sie sich mit den graziösen Bewegungen eines Kätzchens fest an ihn schmiegte! Und es aus ihren reizenden Kinderaugen ihn sanft anflehte: »Geh! nimm's mir nicht übel! Verzeih' mir!!«

Er sagte, sie fest anblickend: »Bereuen Sie nicht?«

»Ich konnte nicht anders.«

»Aber es war Falschheit!«

»Falschheit?« Sie strahlte ihn an mit dem sanften Licht der Unschuld. »Falschheit? … Nein! … Wenn ich Ihnen das sagen könnte! Wenn Sie mich begreifen könnten!« Und sie fuhr mit der Hand an ihr Herz.

Es leuchtete in ihm auf, er begriff. Nein, wenn ihre Naivität auch raffiniert wirkte, es war keine Falschheit! Ihn hatte sie zwar getäuscht, aber sich selbst war sie treu geblieben. Sie war dem Instinkt gefolgt, der von Natur aus, von der ersten Keimzelle an in ihr gelegen war, der von der Mutter in ihr großgezogen und ausgebildet worden! Sich selbst war sie treu geblieben, unbewußt und aller angequälten Moral entgegen, sich und ihren automatenhaften Trieben! Nur das, was die anderen, die Erzieher, in sie hineinzulegen versucht hatten: Vernunft, Ehrlichkeit, Pflichtgefühl, aufrichtige Liebe, all diese Dinge, die ihrem Wesen widersprachen, das war das Falsche! Ihre gesunde Natur war mächtiger und sobald der Augenblick kam, stieß sie mit richtigem Instinkte das Fremde, Angelernte von sich.

Frithjof seufzte: »Hier streute ich Lilien der Anbetung, und sie fielen in diesen Müllkasten von Seele.« Laut aber rief er, nur um den in ihm wogenden Empfindungen Ausdruck zu geben: »O, ihr Frauen seid immer unergründliche Rätsel!«

»Sagen Sie das nicht,« meinte Lydia mit affektierter Lebhaftigkeit, »denn wenn Sie meinen künftigen Mann kennen lernen würden, der ist noch viel rätselhafter, als nur irgend eine Frau sein kann. Sie glauben gar nicht, wie wunderlich er mir manchmal vorkommt! Er ist lange nicht so zärtlich mit mir, wie Sie in Ihren Briefen. Er versagt mir die gewöhnlichen Wünsche nicht; aber ich weiß nicht … ich … Er hat Momente im Tag – und hat sie sehr oft – wo er gar nicht ist wie andere Leute. Er hört mich nicht recht an. Oder er versteht mich nicht. Selbst wenn ich mich noch so niedlich für ihn mache, bekommt er manchmal etwas Starres, Unbewegliches in seinem Wesen, einen seltsamen Ausdruck, seine Augen erinnern mich manchmal an die Puppen aus meiner Kinderzeit. Ich glaube, an den Puppen lernen wir Frauen mit Männern umzugehen. Wir behandeln lange und geduldig diese starren Geschöpfe so, als ob sie uns unseren Willen täten, bis sie ihn wirklich tun. So scheint auch Lars etwas Sonderbares, Idiotisches im Kopfe zu haben! Gewiß seine Geschäfte! – Es geht auch so eine Menge in seinem Kopfe herum – halten Sie es für denkbar, daß er noch Minister wird?«

»Bei Gott ist alles möglich,« erwiderte Frithjof mit einem frommen Augenaufschlag.

»Und dann,« fuhr Lydia fort, »tut er oft plötzlich Dinge, die man bei richtiger Überlegung wohl kaum tun kann. Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, als ob in ihm irgend etwas steckte, was auf ein Wort hin, ganz plötzlich, wie auf einen Federdruck, in ihm aufschnellt, ein Springteufelchen. Er handelt dann und spricht nicht, wie er sollte, sondern wie aus irgend einem unzurechnungsfähigen Willen heraus. Und dabei ist er gar nicht unzurechnungsfähig. Alles, was er dann spricht oder tut, ist, wie soll ich sagen, sogar so überaus vernünftig … wie sage ich nur … logisch.«

Frithjof erwiderte – in Gedanken versunken, als ob er zu sich selbst spräche –: »Von Natur aus ist der Mensch ein Zufallsgeschöpf; wie alles an und um ihn, ist auch alles in ihm Zufall … Tausend Regungen blitzen in ihm auf, tausend Keime von Mitleid, Begierden und Lastern werden durch ein Wort, durch einen Blick zum Erzittern gebracht. Alle diese Keime sind voll Wachstumsdrang. Alle wollen sich ausbreiten! Taten werden! … Die Vernunft lernt unter diesen Instinkten Auslese treffen, die folgerichtigen erwählen, aneinanderknüpfen, die schädlichen unterdrücken … Aber deswegen bleibt doch die Ursache all des Handelns ein dunkler Reiz, der Instinkt, der auf dem finsteren Grunde unserer Seele lauert.« …

Lydia nickte. Frithjof schien es, als erwartete sie etwas, wie ein plötzliches Licht, deshalb erhob er im Eifer seine Stimme: »Aber da bei den Menschen nie die Schulung so weit reicht, um dem Urteil der Vernunft die Leitung zu sichern, so bleiben in jedem Menschen unbezähmbare Launen, unberechenbare Instinkte, unbestimmte Reize, die ihn zu Taten treiben.

Wenn nun eine Frau durch Schönheit, Grazie und den lieblichen Zauber zärtlicher Worte die innere Folgelosigkeit ihrer plötzlichen Instinkte und Gedankenlosigkeiten überdeckt … wie mit Blumen ein inneres Chaos, so bewundert der Mann und vor allem der Dichter das ›rätselhafte Wesen‹. – Er schwärmt für die Pracht des vermeintlichen Märchengartens, zwischen dessen wildverschlungenen Ranken und Büschen er nicht wildes Unkraut träumt, sondern ein künstlerisch geordnetes Beet geheimnisvoller roter Lilien von entzückender Feuerpracht.«

Lydia hörte mit der größten Aufmerksamkeit zu … und war ganz enttäuscht. Sie hatte an etwas ganz anderes gedacht, und darüber Aufklärung erwartet. Jetzt mußte sie Frithjofs Hilfe direkt in Anspruch nehmen. Aber wie ihn für die Sache interessieren?

»Allerdings,« erwiderte sie, »es ist bei allen Menschen etwas Unberechenbares im Spiel. Mein Lars zum Beispiel ist ganz eigentümlich, heute so und morgen so! Und das ist sehr unbequem. Will ich unseren Stall – ah, ich kann auch schon reiten! Wenn Sie sehen würden, was für hübsche Pferde ich habe! – Unseren Stall, den möchte ich mit Marmor, wie beim Grafen Stetten nebenan. Aber Lars rechnet mir die Kosten vor. Denke ich als vorsorgliche Frau schon an den Sommer und mache ihm den Vorschlag, eine Villa an der See anzukaufen, die mir eine Freundin als sehr hübsch gelegen und billig – unter der Hand – angepriesen, dann macht er Schwierigkeiten und schützt schlechte Geschäfte vor. Möchte ich eine Aluminiumjacht, – ich bitte Sie, es ist nicht einmal so teuer, einige hunderttausend Mark, – – und es ist doch das Einzige, womit man den Nachbarn in der Gartenstraße noch einigermaßen imponieren kann. – Und auch die Neidischen ein wenig ärgern. – Möchte ich die Jacht, – was ja das Modernste ist und Vornehmste, – alle Prinzen haben Jachten – dann schützt er Kopfweh vor, nennt mich eitel, einen Hans in allen Gassen und bittet mich, ihn in Ruhe zu lassen. Sie werden mich begreifen, Frithjof: Ich möchte einen Mann haben, der mir alle Wünsche erfüllt, alle! Wozu heiratet man denn!«

Angenehm berührt vom vertraulichen »Frithjof«, dachte er: »Beneidenswertes Kind voll seidener Sorgen und goldenem Leid!« Da blitzte ein mephistophelischer Gedanke in ihm auf. »Was ich Ihnen früher von der Zufälligkeit ungeschulter Instinkte sagte, das trifft also auf Lars vollkommen zu? Und wissen Sie warum?«

Lydia tat ihre blauen Augen groß auf.

»Ich muß es Ihnen ganz heimlich sagen.« Er näherte sich und flüsterte ihr ins Ohr: »Lars ist kein gewöhnlicher Mensch!«

Lydia nickte. Daß ein Bräutigam ihr so viele Wünsche erfüllte, war natürlich; daß er aber gerade bei den extravagantesten schlechte Geschäfte und Kopfweh vorschützte, war untrüglich das Zeichen eines ungewöhnlichen Menschen.

»Erinnern Sie sich, als Sie in jener Nacht bei mir waren und ich jenen Doppelsarg öffnete, in dem mein Android lag?«

»Ja, ja, ich erinnere mich, die vielen hübschen Räderchen und die Unmenge anderer entzückender Sächelchen. Es flimmert mir jetzt noch vor den Augen ganz wirr und kraus, wenn ich nur daran denke. Es war reizend, geradezu reizend!«

»Diesen Androiden habe ich auf die Beine gebracht.«

»Ach, reizend! Wo ist er zu sehen? Werden Sie ihn uns zeigen?«

»Sie sehen ihn bereits täglich – – ohne es zu ahnen. Dieser Android ist …« – Lydia horchte gespannt – »Dieser Android ist – Lars!«

Lydia stieß einen kleinen Schrei aus. Es war so ein Mittelding zwischen Wahrheit und Komödie, Ärger und Erstaunen. »Der Scherz ist aber sehr unpassend!« sagte sie.

»Es ist mir voller Ernst, Sie sind verlobt – mit einer Maschine.«

Lydia erhob sich von ihrem Stuhl, reckte ihre elastische Figur in die Höhe und mit einer Würde, die ihn an Mama Ehrsam erinnerte, sagte sie: »Mein Herr! Ich gestatte Ihnen nicht solche Scherze über meinen künftigen Gemahl! – Sie gehen zu weit!«

»Bevor Sie sich ärgern,« fiel er ihr schnell ins Wort, »müssen Sie wissen, daß ich in der Lage bin, Ihren künftigen Herrn Gemahl so zu beeinflussen, daß er Ihnen keinen Wunsch mehr versagt. Er wird Ihnen nichts mehr abschlagen.«

Sie ließ von ihrer Würde ein wenig nach, sie zweifelte noch immer.

»Im Ernst. Wenn Sie sich mit mir vertragen, so werde ich Ihnen ein unfehlbares Mittel geben, durch das Sie Ihren künftigen Gemahl zu jeder Zeit völlig beherrschen können. Er wird Ihnen in Zukunft keinen Wunsch versagen, keinen!«

»Aber daß Sie sich nicht wieder einen solch unziemlichen Scherz erlauben!« Schon war sie wieder zutraulich, wie ein Kätzchen.

»Entschuldigen Sie, ein Arzt muß sich alles erlauben können. Und dazu hier noch, wo ich geradewegs ein Wunder tun soll, müssen Sie mir volle Redefreiheit gestatten.«

»Bitte, bitte!« Ihr lag an der Aluminiumjacht mehr, als an allen Würdefloskeln ihrer Mama.

»Die Sache ist sehr einfach. Im Kopf des Herrn Lars ist alles eitel Berechnung. Bei jedem Wunsch, den er billigt, rechnet er augenblicklich nach, ob das in sein Soll und Haben hineinpaßt oder nicht, und darum versagt er Ihnen die billigsten Wünsche.«

»Es stimmt, es stimmt!« rief Lydia. »Es ist bei ihm alles eitel Berechnung!«

Frithjof freute sich, daß seine Worte einschlugen. Jetzt konnte er sich an dem Androiden für alle Unbill rächen. Jetzt fand er ein Mittel, den Automaten wieder in seine Hände zu bekommen. Lars, der berühmte Lars, die Maschine ohne Herz, sollte wieder nichts anderes sein, als ein künstliches Räderwerk. Wie wollte er dies aller Welt zeigen! Sich über die Toren lustig machen! Wie wollte er dies aller Welt zeigen! Wenn er nur Lydia in diese Angelegenheit verstricken könnte! Sie war die Einzige, die ihm zu seinem Ziel verhelfen konnte.

»Die Sache ist viel einfacher, als Sie denken. Sie brauchen weder Arzneimittel noch Zaubertränke, die Sache ist die einfachste von der Welt!«

Lydia lauschte gespannt.

»Sie passen einen Nachmittag ab, an dem Lars in seinem Lehnstuhl sein Verdauungsschläfchen hält. Das ist der Moment, wo aus der chemischen Verarbeitung der Mahlzeit sich neue motorische Kraft für die Tätigkeit des übrigen Tages entwickelt. Er hält sein Mittagsschläfchen!

In diesem Augenblick treten Sie auf ihn zu und trennen mit einer kleinen Stickschere die Naht auf, die Sie an seinem Hinterhaupt unter seinem dichten schwarzen Haar entdecken werden. Achten Sie genau auf die Stelle, wo der Wirbel ansetzt. Schon diese Naht wird Ihnen die Überzeugung erleichtern, daß Sie es mit einem Automaten zu tun haben. Sie schlagen dann behutsam, damit Sie nichts zerreißen, die Kopfhaut um, und erblicken dann eine blankpolierte, stählerne Schädelplatte, in die, kaum unterscheidbar, eine fein eingepaßte viereckige Klappe, ebenfalls aus Stahl, eingesetzt ist. An jeder Ecke der Platte bemerken Sie ein kleines vernickeltes Schräubchen. – Hier ist ein Schraubenzieher!«

Er griff in die Tasche und zog einen kleinen zierlichen Schraubenzieher hervor, aus blauem Stahl mit blankpoliertem Griff: »Damit entfernen Sie die Schräubchen und heben die Platte ab. Darauf wird sich Ihren Blicken ein Teil jenes Räderwerkes darbieten, das Sie seinerzeit bei mir in jenem Doppelsarg gesehen haben. Sie werden da auch eine große Anzahl Walzen beobachten. Geben Sie aber acht, keine zu verletzen. – Nun passen Sie auf: Hier ist eine Lupe.« – Er griff in die Westentasche. –

»Sie sind ja mit allen Werkzeugen ausgerüstet!« – Sie atmete heftig! Sie wußte nicht, sollte sie über das Märchen lachen? Oder war es wirklich die Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche?!

»Mit dieser Lupe sehen Sie hinein und untersuchen die Nummern der verschiedenen Windfänge. Einer dieser Windfänge ist mit 13 bezeichnet. Mit Hilfe des Schraubenziehers lösen Sie die Schraube am Fuß des Windfanges und ziehen ihn heraus. Dann bringen Sie mit Vorsicht den Stahldeckel wieder in die Schädelwölbung hinein, so daß die vier numerierten Ecken aufeinander passen, und befestigen sorgsam die Schrauben. Aber bitte, sorgsam! Damit nichts verloren geht. Wenn alles fest angezogen ist, klappen Sie die Kopfhaut herab und mit einer feinen Nähnadel, einer Handschuhnähnadel, säumen Sie sie vorsichtig wieder zu.«

Lydia wußte nicht: Scherzte er, oder war er toll? Wirbelnd gingen ihr die Gedanken im Kopf herum. Sie nahm halb im Traum Schraubenzieher und Lupe in die feinberingte Hand, an der Perlen und Edelsteine blitzten. Sie wollte lachen, aber die Augen Frithjofs hatten so klar und ohne Widerspruch zu dulden, so fixierend hypnotisierend in ihre Augen geblickt und ihre Seele festgebannt! Das Wesen Lars erschien ihr jetzt auf einmal in einem eigenen Lichte. So vieles Sonderbare und Fremdartige schien plötzlich eine Erklärung zu finden. Sie glaubte ihn auf einmal durch und durch zu sehen. Sie wollte noch immer lachen, um den Spuk abzuschütteln, aber es war nicht mehr möglich. Sie behielt Schraubenzieher und Lupe, die sie Frithjof vor die Füße hätte werfen wollen, noch immer in der Hand … Man konnte es ja versuchen! Und indem sie von Andersen Abschied nahm, empfand sie plötzlich etwas, wie den weiblichen Drang, sich anzuschmiegen, sich vor der männlichen Überlegenheit und Verführung demütig hinzuwerfen, etwas wie Hingebung und süße Sklaverei – und im Herzen erwachende Sehnsucht seufzte: »Schade, er wäre vielleicht der Richtige gewesen! … Mein Gott! Am Ende habe ich falsch gesetzt im Glücksspiel der Ehe!«

Frithjof achtete nicht, wie ihre Sinne sich ansengten am Feuer der Gelegenheit. In ihm zitterte die Erregung, als er die Hand auf die Türklinke legte: »Jetzt hatte er ihn, das seinen Händen entronnene Werk, den empörten Sklaven, den Androiden, und zugleich die Lösung des unheilvollen Rätsels!«

Buchschmuck


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