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Buchschmuck

XIV. Kapitel.
Eingekerkert im »Ich«

Und wieder saß die Gesellschaft bei der Jause zusammen.

»S'is g'spaßig,« sagte die Klatschrätin, »wie man an Menschen wie a Maschin ansehn kann! I bitt' schön, a Maschin!«

»Ich wundere mich vielmehr,« sagte Woppl, »wie gerade Sie, ein Mann von Geist, in dem Menschen vor allem nur einen Automaten sehen können. Wie kommen gerade Sie dazu? Bei meinem Kompagnon Zisch verstehe ich das. Der lebt durch Automaten, mit Automaten, in Automaten! Aber Sie, wie gerade Sie?«

Andersen wurde auf einmal ganz traurig. Der Wechsel im Ausdruck des Gesichtes überraschte alle, besonders Ethel. Und er erwiderte mit melancholischer Stimme: »Mir, der so gerne in Stimmungen schwelgt, gerade mir?! Das ist eben das Verhängnis! Eine von meiner Mutter vererbte Schwermut, die eine der seltsamsten Gestalten angenommen hat. Was ist mir diese ganze Welt? Diese Welt, deren blaues Firmament, deren Sternenpracht Sie entzückt? In die Sie Geist und Seele hineinträumen, wie die Wilden in Strauch und Fels Dämonen und Gespenster. Mir ist dieses All ein leuchtender, glitzernder Automatismus! Sehen Sie die Pflanzen dort, der Bäume verwunderliche Gestalt, nach oben strebend, sich in die Höhe reckend? Sind das nicht hilflose chemische Getriebe, Bruchstücke, ungeschickte Automaten? – – Tiere und Menschen: Automaten, schlechte, falsche, gebrochene! Jedes und jeder ein Gunnar in anderen Verhältnissen!«

»Wir begreifen diese Anschauung von Ihnen,« sagte Ethel und es klang, als ob sie ihn entschuldigen wollte. »Sie sind ja Physiker, Mathematiker, Sie sehen überall nur die exakte Formel.«

»Das ist nicht ganz so. Ich bin nur bei meinen Arbeiten exakter Wissenschaftler. Und ich bin es nur, um mich vor den Zaubermelodien meiner Phantasie und ihren blendenden Locklichtern zu flüchten. Sonst bin ich als Mensch, wie es die ganze Natur um uns ist, Traum und Träumer, Einbildung und Einbilder, Fabel und Fabeldichter! Ich lebe nur in Märchen! Mein ganzes Leben ist ein Fabulieren, ein Schwelgen in Maßlosigkeiten, ein Erbauen von Himmelreichen mit jubilierenden Lerchen und wolkengetragenen Götterbildern. Die Hypothesen der bretternen Wissenschaft waren für mich nur Fußsteige hinüber ins Land der Ungebundenheit, des phantastischen Vagabundierens. Die stark besuchten Gesellschaftsorte, wie hier Landro, reizen. mich nur, weil ich die Menschen sich bewegen sehe wie Getriebe, seelische Automaten in vorher berechenbaren Formen und Charakteren. Die Unterhaltung ist mir hier köstlich, ich gehe gern ins Reich der Automaten.«

»Ja, Sie haben recht,« pflichtete Ehrsam bei. »Wir sind alle Automaten. Sehen Sie sich nur diese Gesellschaft an, ist das nicht ein Puppenspiel mit verteilten Rollen. Jede Puppe hat einen Mechanismus im Hirn, im Herzen. Lydia ruft in der Not immer ›Mama!‹ und Ethel ›Papa!‹«

Woppl wurde boshaft. »Erinnert Sie nicht die Hofrätin, die uns mit ihren kleinen Schritten umschleicht, an jene Mäuschen mit Gehwerk, die im Kreise laufen?«

Die Hofrätin wurde ganz rot und rief: »Was, ich a Maus?«

Woppl fuhr unbeirrt fort: »Und dort Direktor Kunow! Wie er im Eifer des Gesprächs mit der Rechten automatisch Gedankenfliegen fängt! Und Ihre verehrte Frau Mama, die auf irgend ein Wort hin plötzlich nervös und beleidigt ist und vierundzwanzig Stunden grollt und Rachepläne schmiedet. Und Sie und ich, wir alle, sind wir nicht wie die meisten Leute hier nervös und gleich aufgeregt? Verdorbene Automaten, Uhren, die falsch schlagen! Und Ihr Herr Papa, ein sonst vortrefflicher Mann, ist er nicht mit Eifer Wagnerianer, Jägerianer, Vegetarianer, Naturheilfreund, wie überhaupt mit Überzeugung alles, was von ungewöhnlicher Gewöhnlichkeit ist und auf …ianer endigt? Und die fünf Misses, in verschiedenen Größen nach einem Modell gearbeitet, tragen sie nicht alle in sich dieselbe Walze lockender Unschuld, kitzlicher Natürlichkeit? Spielen wir nicht alle dieselbe stumme Melodie der Großtuerei ohne Worte?«

Andersen freute sich, so rasch Schule gemacht zu haben. Er fügte deshalb zu Woppls Worten hinzu: »Betrachten Sie die Ansprüche dieser Gnädigen, die Gefühle dieser Jugend, das Klugtun der Philister! Mir ist es, als ob sie mich schon seit Ewigkeiten langweilten. Schließlich kennen wir ja auch die Menschheit seit Jahrtausenden! Haben wir nicht schon mit Ramses gelebt? Mit dem tollen Iwan Blutherrschaft getrieben? Flüsterte mir nicht erst gestern Aristophanes seine geistvollen Aperçus, seine gottlosen Bosheiten ins Ohr? Hörte ich nicht Krösus mit seinen Millionen prahlen? Und Lukullus mir die Schmackhaftigkeit seiner Fische preisen, die mit Menschenfleisch gefüttert waren? Nichts einfacher als das: Fische, die mit Menschenfleisch gefüttert werden, damit sie anderen Menschen pikanter schmecken! Lukullischer Sadismus! – Und Alexander und Nero! Es ist mir, als ob ich sie bis auf den Grund ihrer Seele kennte, ihre Eitelkeiten und ihre Fanfaronaden!

Hat Cäsar nie über Zahnweh seine Backen verrenkt? Hat der göttliche Antonius nie sich vollgefressen? Alle diese Großen der Weltgeschichte, die tausende stramm dressierter Puppen auf die Schlachtfelder führten, wo sie um Töpfe voll Sand und Gartenerde kämpften, die sie Länder und Reiche nannten! Was sind die Ursachen und Werte, um welche die Wüteriche wüteten und die Helden heldeten? – Und das übelriechende Sumpfgas des aufgeblasenen Pathos jener, die hoch oben stehen! Und daneben die selbstverständliche Knechtseligkeit derer, die in der Tiefe unten den Nacken beugen! Dieser untertänigen Bürger, die knien, roboten, schuften und Speichel lecken! Dieser Sklaven, die ihre eigenen Ketten mit Wollust schmieden! Die sich selbst die Ruten binden, mit denen sie gestrichen werden! Dieser Kälber, die sich ihre Schlächter selber wählen, füttern, hätscheln, mit goldenen Tressen behängen! Sind das alles nicht Puppen mit mechanischen Trieben und mechanischen Hemmungen, nach der Jahrtausende alten Fabrikstype?! Und werden diese Automaten nicht durch Jahrtausende ebenso, genau so funktionieren?!

Was mich am meisten amüsiert, sind die Mimen! Die Mimen der Gesten, des Pinsels, der Worte! Sie mimen die Automaten nach, schaffen neue, zergliedern sie nach allen Richtungen, bemühen sich, diesen Mechanismen noch feinere Gelenke, mikroskopisch zierlichere Rädchen einzufügen: Diese Automaten noch zu überautomatisieren! Der Schauspieler, dieser amüsante Charakterhaubenstock, ist ein Modellautomat ersten Ranges! Eine Art energieleeres Perpetuum mobile, das keine nutzbare Seelenarbeit leistet. Aber er bewegt sich in zahllosen Psychen, er rumort, als ob er Herzen bräche, Reiche regierte und Länder eroberte, als ob er Geschehnisse tausendfältig wirkte, ein Proteusautomat. Sein Daseinszweck ist: vielerlei Automaten aus einem einzigen zu entwickeln.«

Woppl unterbrach ihn: »In der Tat, ein eigener Reiz, zu sehen, auf welchem Wege ein Mensch Ihrer Geistesweite zu einer solch engen Auffassung kommt.«

Die Klatschrätin beeilte sich hinzuzufügen: »Ich versteh's zwar net ganz, aber 's is so – wie soll ich sag'n – so hochintressant!«

»Sie sagen es,« erwiderte Andersen zu Woppl gewendet: »Weite erzeugt Enge. Das ist unrettbar Menschenlos: Weite erzeugt Enge! Je gewaltiger die Gedankenwelt eines Meisterwerkes, desto sicherer der unsichtbare Schlagbaum, der Bannkreis der Beschränkung, der Beschränktheit. Alle unsere Gedankenbahnen sind eingeleisig, all unsere Schöpfungen zwangsläufig, an die Beschränkung ist der Schaffende gefesselt, ein Galeerensklave mühseliger Logik, ein Zuchthäusler der Menschenenge. Meine Anschauung ist einer tiefinnersten Notwendigkeit entsprungen, der Sehnsucht nach Unendlichkeiten, Allmächtigkeiten. Sie ist der Pulsschlag meines Temperamentes, meines Charakters! – Ich, der ich das Bedürfnis habe, mit tausend Empfindungen, in zahllos wechselnden Temperamenten, in zahllosen Charakteren zu leben, mich auszudehnen, allumfassend zu sein! Ich fühle, voll Schmerzen, mich beschränkt auf den einen Charakter, das eine Temperament, die eine Empfindungswelt, die mich durchglüht, den einen Ingenieur, den einen Andersen! Ich habe nur ein Gemüt! Und nicht mehr! – Zwischen einem Löwen und einem Leuchthai ist ein größerer Abgrund von Lebensmöglichkeiten, Lebensherrlichkeiten, als zwischen einem Cäsar und einem Straßenkehrer! Der Unterschied zwischen dem höchsten und dem tiefststehendsten Menschen ist nur ein Größenunterschied, kein Qualitätsunterschied, kein Weltunterschied. Was soll mir das eine kleinbürgerliche Schicksal! – Gebt mir Schlachtebenen, Reiche voll wimmelnder Völker, purpurn leuchtende Meerfluttiefen, gebt mir Himmelshöhen, Sternenweiten! Gebt meinem Tatendurst, meinem Seinshunger die weitesten Möglichkeiten! – Muß ich denn bei allen Ereignissen, die auf mich eindringen, bei Schmerz und Streit, bei Arbeit und Freude, just nur das Eine empfinden, was mein Gemüt zu empfinden fähig ist! Kann ich nicht über mich selbst hinaus! Nicht über mich hinaus! Nicht hinaus!

›Ich‹ ist ein Kerker! Eine Zelle! … ›Ich‹ ist eine wandelnde Kerkerzelle! Sind wir nicht schlimmer daran als Faust, der zwei sich widerstreitende Seelen in seiner Brust empfindet? Nicht viel schlimmer! Diese Beschränkung auf eine einzige Seele, während den phantasievollen Geist das Bedürfnis quält, Millionen Seelen in sich empfinden, sprechen, toben zu fühlen. Ach, diese Ein-Seele, wie sie langweilt! Wie sie mich langweilen all diese Ein-Seelen der Erde? Alle die wandelnden Kerkerzellen!

Ich lechze nach gewaltiger Wandlungsfähigkeit, nach der Unendlichkeit eines Proteus! Ich dürste mit tausend Hirnen zu begreifen, mit Millionen Herzen zu schlagen, mit Milliarden Willen zu wollen! Aber ich bin geeinsamt in den Käfig eines Leibes, in die Monotonie eines Gemütes, in die Hirnzelle einer einzigen Seele! – Nur ein Gemüt, ein Herz, ein Hirn, ein Schicksal! – Zusammengepreßt liege ich wie eine getrocknete Pflanze unter der starren Wucht eines Berggeschickes! Ohnmächtig schäume ich in morschem Zorn! –

Und so lächelt mir als einziger Trost lebendiger Verdammnis, so wärmt und schauert mich an zugleich als einzige Erkenntnis – eine eisige Meereswelle, die über mich Ertrinkenden hingraust: – Ich bin nur eine Zahl! – Nur ein Gesetz! – Nur ein Automat! –

Vergebens! Was hilft es, die Fäuste gegen den Himmel ballen! Der Himmel? Das ist auch so eine künstliche Idee des Automatismus! Als ob sie eine Weite, eine Unendlichkeit wäre, diese blaukrystallene Kerkermauer, die sogar unsere Blicke, den Flug unserer Hoffnungen neidisch einkerkert. Haben Sie nicht schon einmal einen wilden Vogel im stürmischen Freiheitsdrang gegen die Fensterscheibe anfliegen und vor dem unerklärlichen, magisch starren Nichts zusammenbrechen sehen, jenseits dessen die sonnenfrohe Weite liegt? So bricht unser Blick, unsere stürmische Sehnsucht an jenem durchsichtigen Krystall ›Nichts‹, ›Unendlichkeit‹ elend blutend zusammen. Ich kann die Mauer, in die ich lebendig gemauert bin, das Berggeschick, das auf mir liegt, nicht niederwerfen! Ich bin ein Automat! Mit automatischer Seele!

Nur daß in mir noch jenes winzige, seltsame, jenes ungeheuer mystische Flämmchen flackert, jener gewalttätige chemische Reiz, die zerstörende Sehnsucht, mich über mich hinaus zu ringen! Über mich! – hinaus! – Ja, wohin hinaus? – – –

»Und darum,« schloß Andersen mit leiser Stimme, »suche ich in dieser Arbeit, in dem Bau dieses Automaten, in dieser seltsamen, übermenschlichen Schöpfung noch einen letzten möglichen, flüchtigen Trost.«

Ethel, die träumend zugehört hatte, flüsterte leise: »Prometheus.« Andersen, der es auffing, sagte: »Es ist schmerzlich, jemanden, wer es auch immer sei, als den Elendsten aller Sterblichen, als Prometheus bezeichnen zu hören. Selbst Prometheus, was könnte er in unserem technischen Zeitalter anderes, als in der Maschine auszuprägen suchen den Fluch der Menschenenge! –«

... Als Andersen so geendet hatte, blieb die Gesellschaft einen Augenblick wortlos, im Innersten betroffen! Alle fühlten, daß der Erfinder etwas ausgesprochen hatte, was jeden unbewußt im Tiefsten bewegte.

Plötzlich unterbrach die Stille ein tiefer schwerer Seufzer. Alle empfanden ihn mit, er schien aus aller Herzen zu kommen. Und merkwürdigerweise hatte diesen Seufzer niemand anderer ausgestoßen als Holthoff! Holthoff, der kalte Rechner, der waghalsige Spekulant, der Börsenmatador! Wie im stillen Zimmer plötzlich ein Möbelstück ächzt, weil sich in ihm alte Spannungen jäh lösten.

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