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Buchschmuck

XVIII. Kapitel.
Ein durchgegangener Automat

Nachdem er einen Arzt herbeigerufen, der das ausgerenkte Bein seines Dieners wieder in die Gelenkpfanne brachte, begab sich Andersen auf die Suche nach seinem Androiden. Vergebens durchstreifte er die Straßen und zog bei Dienstmännern an den Ecken, bei Zeitungsverkäuferinnen, in Zigarrenläden und bei Schutzleuten Erkundigungen ein. Er beschrieb sein Werk als einen stattlichen, großen Herrn mit schwarzem Bart, im Zylinder, der breitschultrig und breitspurig sich einher bewegte. Die Leute hatten viele solche Herren gesehen, breitschultrig und breitspurig und mit Zylindern. Es war einer wie der andere. Andersen nahm in seiner Verzweiflung die Zuflucht zu den Annoncenblättern und Säulenanschlägen. Ein Vermögen war ihm verloren gegangen! Eine Million! Die Arbeit von zehn Jahren! Und was noch schlimmer war, die Aussicht auf Lydia! Das erste, was er in den nächsten Tagen unternahm, war seinem Schmerz in Briefen an Lydia Ausdruck zu geben. In welches Herz konnte er seine Klage besser ausschütten? »Das gute, liebe Kind« würde gewiß sein Leid mit ihm teilen, sie würde jetzt die Lauterkeit ihres kindlichen Charakters, ihre goldene Seele beweisen. Seine Mutter stand vor seinem Geiste; ihre wunderbar tiefen Augen brannten ihm vor der Seele, er konnte sich die blonden Gestalten nicht anders denken, als voll Sanftmut, Hingebung, Aufopferung.

Die Familie Ehrsam in M. war bereits von Woppl, der es sehr eilig hatte, von dem Ereignisse in Kenntnis gesetzt. Schwere und lange Familienberatungen fanden statt, Lydia wußte nicht, wie sich auf die Briefe Andersens verhalten? Ihr Traum von Reichtum war zerronnen, sie war nur froh, daß sie weit weg war und nicht gezwungen, ein Mitgefühl zu heucheln, das sie nicht empfand. Mit ihren Briefen war sie in äußerster Verlegenheit. Sie sollte jetzt den alten Fluß leerer Worte, den der verzückte Verliebte so oft voll anbetungswürdiger Naivität gefunden und gepriesen, durch Trostreden ersetzen, die ihr gar nicht lagen. Nach und nach empfand sie Ärger und Widerwillen. Hatte er sie nicht um ihre schönsten Hoffnungen betrogen? Bei ihren Eltern fand sie auch nicht den raschen Rat, die nötige Hilfe. Das Haus Ehrsam war durch die unerwartete Wendung in eine vulkanische Zisch- und Kochtemperatur geraten. Familienszenen spielten sich zwischen den Ehegatten ab und der arme Papa mußte büßen für alle gescheiterten eitlen Hoffnungen seiner Frau. Sie warf ihm Unfähigkeit vor! Habe er sich doch aus der Firma Zisch & Woppl herausdrängen lassen. Sie warf ihm vor, er habe ihre Tochter verschachern wollen! Und schließlich kehrte sich ihre Wut gegen Andersen und sie war mit ihrer Tochter einig, daß Andersen Holthoff und Woppl weggescheucht und sie so um den einen oder anderen soliden Schwiegersohn gebracht habe. In Lydia entwickelte sich ziemlich rasch ein gegen Andersen aufkeimender Haß. Dieser Haß wurde durch allerlei Mädcheneitelkeiten noch schärfer verwürzt. Sie glaubte aus Ethels stillem Wesen, die sich nach den neuesten Ereignissen immer mehr in sich zurückzog und vor der Familie abschloß, Hohn und Spott herauszufühlen. Die Schwester, die ihr bis jetzt gleichgültig gewesen, die Unterlegene, der gegenüber sie sich erhaben, Siegerin gefühlt, wurde auf einmal ihre erbitterte Feindin.

Aber die Briefe an Andersen waren noch immer sehr liebevoll.

Andersen war entzückt, wenn er diese Briefe erhielt. Er klammerte sich an die Liebe »dieser Einzigen«, wie er sie nannte, wie ein Ertrinkender an einem Strohhalm. Was war ihm denn nach dem Zusammenbruch seiner großartigen Hoffnungen an Gut und Ruhm anderes geblieben als die Liebe, die treue aufrichtige Liebe. Eines Tages aber versagte auch dieser Quell des Trostes. Die Briefe blieben aus. Warum? Was war geschehen? Er zerbrach sich den Kopf, er schrieb Briefe auf Briefe, er überschüttete sie mit Fragen. Vergebens! Keine Antwort! Es blieb ihm nichts übrig, als hinzureisen. War sie krank geworden? Da waren doch noch ihre Eltern, doch Ethel da! Der Fabrikdirektor selbst war doch ein ganz anständiger Mensch und von ihm konnte er nur ein korrektes Verhalten erwarten. Aber er mußte die Reise von Tag zu Tag verschieben und je mehr er einsam über seine Lage nachgrübelte, wurde ihm klar, daß es mit den Ehrsams vorbei wäre, daß sie von seinem Zusammenbruch überzeugt seien und über ihn zur Tagesordnung übergingen. Er stellte sich heftige Kämpfe vor zwischen Mutter und Tochter, »dem treuesten Wesen«, das er noch immer verherrlichte. Er hatte sich mehrmals an Ethel gewandt, von deren ehrlichem und verläßlichem Charakter er überzeugt war. Auch von ihr keine Antwort. Sollte die Mutter die Briefe aufgefangen und unterschlagen haben? Er hielt sie zu allem fähig. In der Tat kamen erst auf den dritten und vierten Brief an Ethel einige Zeilen von ihr mit den wenigen Worten: »Fragen Sie nicht, es ist schlimmer, als Sie denken!«

Was konnte noch schlimmer sein, als er dachte? Diese rätselhaften Worte, die gewiß gut gemeint waren, versetzten ihn in noch größere Aufregung. Und dabei konnte er vorläufig nicht abreisen. Nachdem er sich mit Mühe das nötige Geld verschafft, hatte er einen Aufruf an den Säulen und in den Zeitungen erlassen. Zur Beschaffung dieser kleinen Summe mußte er einen Teil seiner Apparate verkaufen, denn mit seinem Vermögen war er zu Ende. Er machte bekannt, daß ihm ein Automat durchgegangen sei, er beschrieb den Automaten genau nach Größe und Wuchs, gab die Photogramme einzelner Gliedmaßen und des Schädelinnern, wie er sie selbst aufgenommen hatte, führte die hauptsächlichsten Witze an, von denen er wußte, daß der Automat sie in der nächsten Zeit zum besten geben müßte, und setzte eine Belohnung auf die Einbringung der Maschine aus.

Der Erfolg war ein äußerst verhängnisvoller.

Man sprach in der ganzen Stadt nur von dem verrückten Erfinder, der einen Menschen erfunden haben wollte. Die Lokalreporter beschrieben ihn als einen Privatgelehrten, der durch zu vieles Grübeln und Nachdenken auf die Sandbank einer fixen Idee geraten war. Kistenmacker, der die Gelegenheit gekommen sah, sein Mütchen zu kühlen, tat es reichlich, indem er den Zeitungen allerlei verdächtigende Einzelheiten zutrug.

Die übrigen waren gutmütig genug, nur von einem harmlosen Irrsinn zu sprechen. Die Professoren erwähnten ihn in ihren Vorlesungen als auffallendes Beispiel geistiger Überarbeitung. Die Coupletsänger der Bühne und des Dingeltangels coupletierten und refrainisierten ihn in ihren Liedern unter dem Jubeln und Johlen der Menge, es fehlte nicht viel und man hätte auf der Straße mit Fingern auf ihn gezeigt.

In diesen Tagen erweiterte sich die Kluft zwischen dem erbitterten Andersen und der Menschheit bedenklich. Wenn er Mittags die von Fußgängern und Wagen wimmelnden Geschäftsstraßen hinabging, erschien ihm die Menge wie eine Herde Vieh, die zum Futtertrog eilt: dick, dumm und gefräßig und er dachte an ein Wort Voltaires: »Wenn die Dummheit noch nicht gewalttätig ist, so ist sie doch jeden Augenblick bereit, es zu werden.«

Nur wo er persönlich den Leuten gegenübertrat, verstummte jedes Lächeln vor dem durchaus ruhigen, gefaßten Wesen, das er zur Schau trug. Über die Sache selbst ließ er sich mit niemandem in ein Gespräch ein. Wollte jemand verstohlen oder spöttischerweise auf den Gegenstand zurückkommen, so konnte er ihn mit einem ernsten Blick, mit einer verachtungsvollen Handbewegung sofort von seinem Vorhaben zurückbringen. Allerdings bedurfte es der größten Geistesstärke, sich aufrecht zu erhalten, jetzt, wo der Bankerott mit seinen entsetzlichen Folgen über ihn hereingebrochen war. Er rief sich das Beispiel aller großen Geister und Genies in Erinnerung: Hatte nicht die französische Akademie Fultons Dampfschiff für eine Unmöglichkeit und Napoleon ihn für einen Betrüger erklärt! Jener würdige Kreis staatlich geaichter Erleuchtung und dieser Menschenkenner mit dem Adlerblick! Hatte man nicht erst vor wenigen Jahrzehnten den Entdecker des wichtigsten und umfassendsten Naturgesetzes, jenes Gesetzes, das die ganze moderne Wissenschaft, Technik und Naturerkenntnis beherrscht und kontrolliert, hatte man nicht den Arzt Robert Meyer in ein Irrenhaus gesperrt und unter Folterqualen dazu bringen wollen, seine Überzeugung von der Richtigkeit des Energiegesetzes abzuschwören? Es war kein Geringerer als ein Obermedizinalrat, ein Mann der hellköpfigen, toleranten Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, in staatlichem Amt und Würden, der als wirksamstes Argument den Zwangsstuhl benützte, um Ideen abzuführen.

Aber noch schlimmer sollte es an einem schönen Frühlingstag kommen. Andersen, der trübselig die Hauptstraße hinabwandelte, fühlte sich plötzlich von den Ellenbogen eines Vorübergehenden angestoßen. Der Stoß weckte ihn mit einer eigentümlichen Sensation aus seiner Versunkenheit, denn es war ein scharfer Stoß, der nicht von einem Knochen, nur von einem eisernen Körper herrühren konnte. Andersen wandte melancholisch den Kopf nach dem Rücksichtslosen, der bereits an ihm vorbeigeschossen war. Ein Schreck erfaßte ihn: Sein Android! Ein Schreck gemischt mit Freude! Jetzt hatte er ihn! Ah, jetzt würde alle Welt sehen, daß er weder ein Schwindler, noch irrsinnig sei! Aber sofort kehrte das Bedenken zurück. Wie sollte er seiner habhaft werden? Er stürzte auf den nächsten Schutzmann zu und bat ihn um seinen Beistand. Der Mann schien gar nicht zu verstehen. Er sollte jemanden festnehmen? Wen denn? Jenen Herrn! Und warum denn? Was hätte er sich denn zu Schulden kommen lassen? Ob er seinen Namen wüßte? Ob er die Adresse des Herrn angeben könne? Was er gegen den Herrn hätte? Und als Andersen ihm in seiner Überstürzung die Geschichte von dem Automaten auseinanderzusetzen begann, spielte über das breite, kräftige Gesicht des Schutzmannes, der jedenfalls einmal ein ausgezeichneter Feldwebel gewesen war, die ganze Skala von Unverständnis, Zweifel, Argwohn, List. Er schien sich zu sagen: Kennen wir schon! Er redete mit herablassendster Güte, so einnehmend, wie nur ein sanfter Feldwebel sein kann, Andersen zu, ihm nach dem nächsten Polizeibureau zu folgen und das Nähere festzustellen. Er lockte ihn mit den amtlich gebräuchlichen Wendungen und wandte alle Schlauheit der Dummheit an, ihn sicher zu machen. Andersen war in diesem Augenblick zu sehr hingerissen von der Möglichkeit, seines kostbaren Werkes wieder Herr zu werden, als daß er über die Absichten des Mannes der Gesetze tiefer nachgedacht hätte. Er ging mit und wurde auf der Polizeiwache festgehalten. Er protestierte, nannte Freunde, die man herbeirufen möge, und erklärte sich einverstanden, daß man einen Arzt kommen lasse. Der Herr Wachtmeister frühstückte eben. Er war sehr ungnädig. Schon das Wort Android kam ihm sehr verdächtig vor; wenn es nicht Krankheit war, war es Politik, das ist noch viel schlimmer! Die Polizei war nicht zu jedermanns Belieben da, die Polizei ist das Gemeinwohl, und wenn das Gemeinwohl Hunger hatte, sollte man es frühstücken lassen. Der endlich herbeigerufene Sanitätsrat war ein ganz jovialer Mann, der seine Patienten nach den Regeln des Buches inquirierte, ohne daß er das Scherzhafte, das den Menschen dem Menschen näher bringt, dabei weggelassen hätte. Er prüfte Andersen den Puls, behorchte sein Herz, fragte, ob er nicht hochgradig erregt sei, ließ sich von ihm seinen Beruf, seine Lebensweise erzählen, und so weiter. »Wir haben ganz unfehlbare Mittel,« sagte er im vertraulichen Tone, »festzustellen, ob einer bei gesunden oder kranken Sinnen ist. Wir Menschen sind ja alle fehlbar, aber die Wissenschaft, die ist heilig, die ist unfehlbar, und da wir im Namen der Wissenschaft Urteil sprechen, so sind wir eben von einer fehlbaren Unfehlbarkeit.«

»Ich verstehe Sie recht!« Andersen ging auf die Ironie ein. »Sie maßen sich im Namen der unfehlbaren Wissenschaft Gewalttätigkeiten an, lehnen aber auf Grund Ihrer menschlichen Fehlbarkeit jede Verantwortung ab.«

»Ich sehe, wir verstehen uns,« sagte der Sanitätsrat wohlwollend, und begann gleich nach einer Reihe wichtiger Einzelheiten zu fragen. Plötzlich sagte er: »Spielen Sie Skat?«

Andersen verneinte, der Sanitätsrat zuckte die Achseln. »Ja, sehen Sie, jeder Mensch spielt heutzutage Skat. Ein Mann, der nicht Skat spielt, das ist sicher etwas Anormales. Ich will ja nicht sagen, daß es unbedingt notwendig sei, man kann ja ausnahmsweise ein gesunder Mensch sein und nicht Skat spielen. Aber immerhin ist es eher ein Beweis gegen Sie, als für Sie. Sie wissen ja, unsere Wissenschaft arbeitet wie alle anderen Wissenschaften darauf hin, alle Kriterien in eine einfache, jedem zugängliche Form zu fassen. Unsere Professoren dozieren ihre Wissenschaft nicht für die scharfsinnigsten unter den Hörern, nicht für das beste Menschenmaterial, um daraus Nerven- und Irrenärzte zu machen, nicht für die Auslese, sie dozieren für den Durchschnittsschüler, das schwer kapierende Halbhirn. Sie passen ihren Vortrag der niedrigsten Qualität von Ganglienzellen an. Infolgedessen haben wir in unseren Büchern eine Reihe sogenannter klassischer Merkmale festgestellt, ein jeder Schüler, auch der dümmste, kann sie sich einpauken und nach Belieben kreuz und quer damit operieren, dazu ein paar lateinische Brocken, Sie wissen ja, wie's gemacht wird.«

Andersen lächelte trotz seiner unangenehmen Situation. »Und das verraten Sie mir?«

»Aber lieber Herr, warum denn nicht, die vernünftigen Leute, die Meier und Müller, die Woppl und Ehrsam würden mich doch nicht verstehen, sie würden mich für einen Charlatan halten, wenn ich ihnen die Wahrheit sagte. Sie würden nicht begreifen, daß man ein tüchtiger Arzt voll Aufopferung und idealer Ziele sein und doch die Lücken der Erkenntnis, die Selbsttäuschungen des eigenen Standes, die Prahlereien und Anmaßungen der Wissenschaft durchschauen kann. Das Leben ist immer ein Paradoxon. Diesen bürgerlichen Kretins, ihren Staatsanwälten und Richtern hat man eingeredet, die Ärzte seien Wissenschaftler. Nein, Wissenschaftler sind wir eben nicht, können's gar nicht sein; wir sind Techniker, Techniker in lebendem Fleische. Sie sind noch der Einzige, der mich verstehen kann, denn, bei meinem Heiligen Lombroso sei es geschworen, Sie sind ein Genie oder ein Maniak, ein Strahl des Himmels oder ein Paranoiker!«

»Wenn es meiner Bescheidenheit nicht zu sehr widersprechen würde, zöge ich das erstere vor,« sagte Andersen. »Aber Sie nannten soeben Woppl und Ehrsam; kennen Sie diese Herren?«

Über die Frage entdeckten beide, daß sie eine ganze Reihe gemeinsamer Bekannten hätten. »Die Kunst ist lang, das Leben ist kurz, sagt Hippokrates, und besonders das Urteil schwierig,« zitierte der Sanitätsrat »Ich müßte Sie auf das Beobachtungszimmer bringen lassen, wissenschaftlich quälen, bis Sie vor Wut die Geduld verlieren, dann würden wir Sie natürlich für verrückt erklären können. Denn, sehen Sie, jedem Trunkenbold, jedem Räuber ist es gestattet, wenn man ihn in eine unpassende Umgebung bringt, in Wut zu geraten. Ein des Wahnsinns Verdächtiger, aber vollkommen Geistesgesunder, der höchstens an nervösen Überreizungen leidet und der in einer Umgebung von Irrsinnigen unter der Behandlung eines eingebildeten und aufgeblasenen Anstaltsarztes vier bis sechs Wochen lang gemartert wird, der muß sich beileibe hüten, jemals in Zorn zu geraten oder gar den Tropf von Arzt zu beleidigen, sonst bestätigte er den schweren Verdacht. Aber wir haben ein einfaches und vorzügliches Mittel in der Psychiatrie, ein wirklich unfehlbares und schnell wirkendes. Es ist dasselbe, was Ihnen in allen Lebenslagen ungeheure Dienste leisten kann, in der Justiz, bei den Behörden, ja selbst in der Philosophie, die wahre Panacee: Freunde, Konnexionen! Haben Sie einen befreundeten Arzt? Wir wollen ihn zusammen aufsuchen, er wird für Sie eintreten, und die Sache wird sich aufs Gütlichste klären.«

Andersen konnte nicht anders, als einwilligen. »Der Sanitätsrat war in seinem Berufe doch ein ganz jovialer und klar denkender Mann und ließ mit sich reden.« Sie nahmen also gemeinsam eine Droschke, gegenüber setzte sich ein schnauzbärtiger Schutzmann, der den »Kranken« mit pflichtgemäßer Wachsamkeit beobachtete, besonders, daß dieser nicht die Scheiben der Droschke etwa ein- oder den Herrn Sanitätsrat gar totschlüge. Sie fuhren zu einem mit Andersen befreundeten Arzt und für diesmal kam Andersen mit dem bloßen blauäugigen Schrecken davon.

So vergingen mehrere Monate, die Lage Andersens wurde täglich trostloser. Als er eines Tages einen kleinen Scheck wechselte, wunderte er sich über die übergroße Höflichkeit des alten Bankbeamten, eines schiefentwickelten Herrn mit wackeligen Zähnen, der sonst gleichgültig und wortkarg, sich diesmal nicht genug in Verbeugungen und Höflichkeiten erschöpfen konnte. Andersen sah, daß der Angestellte etwas auf dem Herzen habe. Endlich schien dieser sich Mut zu fassen und fragte mit devoter Miene: »Habe ich die Ehre mit Herrn Lars Andersen,« Direktor der Aktiengesellschaft: Presse und Industrie?«

Bei diesem Wort horchte Andersen auf. »Lars Andersen? – Bedaure!« erwiderte er.

»Dann sind Sie doch wenigstens verwandt mit diesem Herrn? Nicht? Einer unserer größten Financiers! Enorme Gründungen! Eine der einflußreichsten Persönlichkeiten!«

Andersen beteuerte nochmals mit dem Herrn Lars Andersen nicht einmal verwandt zu sein.

»Was, Sie sind nicht einmal verwandt! Da haben Sie eine gute Chance versäumt,« sagte der Beamte, und wechselte sofort den Ton. Er wurde doppelt geschäftsmäßig und frostig. Er hatte nur mit dem Gelehrten Andersen zu tun! Nicht mit dem Geldmann? Was war ihm alle Gelehrsamkeit, alles Genie, aller Geist gegenüber dem einfachsten Kontokorrent in den Büchern der Bank. Er schüttelte aber immer noch den Kopf und konnte sich von seiner Enttäuschung nicht erholen. »Also nicht Lars Andersen?« murmelte er zwischen der schwarzen Zahnlücke.

Der Doktor hatte die Bank verlassen, als er unter einem plötzlichen Impuls wieder umkehrte und sich nach der Adresse Lars Andersens erkundigte. Lars Andersen? Wer war das? Sollte das sein Android sein? Der Angestellte gab unwirsch Antwort. Frithjof, mit der Adresse in der Tasche, eilte sich zu vergewissern, wer dieser große Gründer Lars Andersen wäre? Eine ungeheure Ahnung erfüllte ihn. Sollte das Werk seiner Hände, seine Maschine, ihn nicht nur um die Frucht seiner Arbeit, um sein Vermögen gebracht haben, nein, auch um seinen Namen? Er wäre niemand mehr? Er, Frithjof Andersen, ehedem wegen seiner Bücher, die er veröffentlicht, seiner Automaten, die er gebaut, bekannt und geschätzt, wäre jetzt niemand. Sein Android hätte alles usurpiert, alles von ihm vernichtet, selbst bis auf seinen Namen! Es wäre fast tragisch, wenn sich dem nicht eine Messerspitze Humor beimischte. Und schließlich, warum nicht? Warum sollte eine Maschine sich nicht eine Stelle erringen können unter all den anderen Maschinen? Was waren sie denn anders als Automaten, alle diese Menschen? Anatomisch, physiologisch, geistig, moralisch? Automaten! Alle die Menschen, für die es keine Wahrheit, keine Möglichkeit gab außerhalb der in ihnen festgeschraubten Begriffe, der Anschauungen von Gott, Staat, Gesellschaft, in denen sie erzogen waren, Begriffe, die von der Wissenschaft in Büchern festgelegt waren, in den einfachsten und konzentriertesten Ausdrücken, wie der Sanitätsrat so richtig sagte: Gerade faßbar genug für die Dümmsten. Und zu denken, daß diese Weisheit mit ihren tordierten und ausgewundenen Ausdrücken schon in hundert Jahren unseren Nachkommen albern und lächerlich erscheinen wird, genau so wie uns heute die gelahrten Schmöker der in einem unmöglichen Deutsch niedergekommenen Perücken des 18. Jahrhunderts. Die ganze Gesellschaft, der ganze Staat, das ganze Leben erschien ihm in einer humoristischen Auffassung. Sie handelten alle, sie begriffen alle nur nach eingelernten festgelegten Begriffen, alle nach Wälzchen, die in ihre Köpfe versenkt worden, als sie noch empfänglich waren. Der ideale Schwärmer für zerfließende Nebelbegriffe, der Monarchist, der einen Ladestock verschluckt hat, der demokratische Materialist von 1848, der im Gedanken dort stehen gebliebene, der Sozialist, alles Walzen!

Er ging auf einen Dienstmann zu, frug ihn nach der besten Pferdebahnverbindung in die Parkstraße, wo Lars Andersen wohnen sollte. Er ließ sich, im Bedürfnis mit einem menschlichen Gebilde Worte zu tauschen, in ein Gespräch ein und kam dabei, er wußte selbst nicht wie, zufällig auf das einfache und allgemein bekannte astronomische Verhältnis der Sonne zur Erbe. »Nicht wahr,« sagte Frithjof arglistig: »die Erde steht fest und die Sonne, die am Morgen auf- und am Abend untergeht, dreht sich um sie?«

Der Dienstmann sah ihn an und lachte:

»Sie haben woll Ihre Schulzeit verschlafen! Nee, Männecken! Wer Bildung gelernt hat, weeß, die Erde dreht sik um die Sonne, daran is nich zu tippen! Wer Bildung gelernt hat, weeß et!«

Andersen suchte ihm nun begreiflich zu machen, daß dies nach dem ganzen Zeugnis seiner Sinne ein Unsinn sein müsse. Man sehe ja täglich die Sonne sich bewegen, und die Erde still stehen, sie müßten ja alle, wie sie da die Straße entlang gingen, beim Umdrehen der Erde kippen und, mit dem Kopf voran, in den Weltraum fallen. Aber der Dienstmann ließ sich nicht bereden: Sie hätten es so in der Schule gelernt, die Sonne sei feste, und das sei unerschütterlich. Andersen bat ihn um Beweise. Der Mann sah ihn verblüfft an. »Sie wolln mir wohl utzen! Alle Welt weeß et! Der Lehrer hat's gesagt!« Und dabei blieb er. Nichts konnte ihn bewegen, von der Autorität des Lehrers abzugehen, nichts von der Autorität »Alle Welt«, selbst ein Trinkgeld nicht, das ihm Andersen anbot. Er steckte es zwar erheitert ein, aber mit der Bemerkung: »Es bleibt doch so, wie ich's gelernt habe.« Andersen ging lachend davon. »Da haben wir's! Was ihnen eingetrichtert wird, das geht in Fleisch und Blut über und da lassen sie sich nicht einmal ein Tüpfelchen vom i rauben, obwohl sie tagtäglich das Gegenteil wahrnehmen. Alles wird bei ihnen Religion! Sie wissen nicht, warum es so ist, es könnte auch das Gegenteil sein! Tatsächlich haben sich auch Völker mit ihrem letzten Blutstropfen, mit der Berserkerwut der Überzeugung, mit Bestialität zerfleischt für alle denkbaren Gegensätze, für Christus, Mohammed, Brahma und Vitzliputzli! Glaube oder Aberglaube! – für irgend ein phantastisches Ungebilde, eine Götzenfratze, deren Anbetung man ihnen in der Schule mit dem Belferbackel eingebläut. Selbst die Schule lehrt nicht sehen, beobachten, diskutieren, denken! Sie lehrt glauben! Ist es diesmal zufälligerweise das Richtige, was dieser Mann glaubt? Ist es auch wirklich das Richtige? Als Galiläi vor hundert Jahren das aussprach, worauf heute jeder Eckensteher dank den Schulprügeln schwört, wollte man ihn verbrennen. Wenn heut ein anderer käme und nachwiese, daß Galiläi sich geirrt, es würden sich alle Gelehrten, alle Professoren, und was das Schlimmste ist, alle Eckensteher zusammenrotten, um ihn totzuschlagen wie einen wütenden Hund. Siehe Robert Mayer! – O, Robert Mayer! – Wir leben eben im Zeitalter der wissenschaftlichen Erleuchtung! Dieser aufgeklärte Mensch des 20. Jahrhunderts ist ein ebenso bornierter Schakal, wie der Inquisitionsrichter des Mittelalters. Der Herr Lehrer hat mal in seinen Kopf diese Walze eingelegt, und es würde Mühe kosten, sie herauszuholen und eine andere einzusetzen.«

Im Weitergehen perorierte der aufgeregte Frithjof: »Ich habe oft Gelegenheit gehabt, studierende Assessoren, Privatdozenten zu bemitleiden. So ein armes Menschenhirn quält sich seine zehn oder zwanzig Jahre und stopft eine Masse Unrat sogenannter Wissenschaft in sich hinein. Wenn man die Leute abends besucht, ist es geradezu mitleiderregend, wie ihre Köpfe dampfen! Formeln, Beweise, Deduktionen, Paragraphen! Zwanzig Jahre einer unermüdlichen Formung des Denkapparates! Und das Resultat? Ein aufs engste begrenztes Wissen! Nur wenige Elemente, die wirklich noch nach hundert Jahren als richtig anerkannt werden. Nimmt man den Succus, die Essenz von dem allen, so ist es ein Fingerhut fester Substanz auf eine Heidelberger Tonne Wasser. Es ist wie mit dem Bier, Dreiviertel von diesem ausgezeichneten Getränk ist nichts als einfaches Quellwasser und in vielen Fällen nicht einmal das beste. Wieviel Jahre, Kosten, Sorgen häufen sich zu einem Düngerhaufen, auf dessen Spitze das armselige Blümchen der Fachwissenschaft blüht? Und bei den meisten dieser Leute als Frucht nicht einmal ein kleinster origineller Gedanke von einiger Tragweite! Nach zwanzig Jahren Dampfarbeit! In den Tausenden von Dissertationen, die jährlich von den verschiedensten »Doktoren« verfaßt werden, kaum eine, die wirklich etwas Bleibendes enthält. Und nun kommt oft urplötzlich der Tod und schneidet ein solch mühseliges Leben, solch ein schweißtriefendes Sammeln von Geistesabfällen anderer mitten durch; es zerstiebt in stinkende Atome, in Nichts. Und die Natur, diese Bestie, wiederholt ihren Entwickelungsgang in jedem Geschöpf mit äußerster Mühseligkeit immer von neuem. Immer wieder Dampf, Nerven und Schweiß! Schweiß! Immer dasselbe! immer dasselbe! Das gleiche Kriechen und Klettern eine steile Felswand hinan! Wozu? Um am Gipfel angelangt, glatt und kurz abzustürzen! Sciens nescieris! – Und da sollte sich die dürftige Essenz von dem allen, was solch ein bedauernswertes Geschöpf von Mensch in sich aufzuspeichern pflegt, nicht mit Leichtigkeit in die eiserne Hirnkapsel eines Automaten hineinlegen lassen?!«

Mit diesen Gedanken hatte Andersen eine Trambahn bestiegen und gelangte bis an den Hauptmarkt, von dort bog er in die Bellevuestraße ein und erreichte die Gartenstraße. Vor einem der elegantesten Häuser blieb er stehen.

Auf einem Täfelchen an der Türe las er: »Lars Andersen.« Er zögerte einen Augenblick; was stand ihm noch bevor?

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