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Buchschmuck

XIX. Kapitel.
Was aus einer Maschine alles werden kann

Nachdem Frithjof im Warteraum unter einer Oberlichtkuppel zwischen Gobelins und gebrechlich schlanken Eichenmöbeln im englischen Empirestil lange, sehr lange hatte warten müssen, wurde er endlich vom Sekretär empfangen. Er erkannte in diesem seinen Studiengenossen aus der Universitätszeit, Helmut Schattenfroh. Ehe er sich anmelden ließ, zog er den Sekretär in ein Gespräch. Er war begreiflicherweise über alles, was er sah, erstaunt. Wie kam Lars dazu, ein so prächtiges Haus zu besitzen und einen solch' großen Apparat von Menschen zu dirigieren? Wie dirigierte er ihn, mit welchen Mitteln, welchem Erfolge? »Weißt du, lieber Helmut, mir ist es rein unerklärlich! Dir kann ich es schon anvertrauen, mit dem ich so manches Glas Bier geleert: Ich halte deinen Chef für einen ziemlich beschränkten Kopf.«

Assessor Dr. Helmut Schattenfroh, ein sehr geschäftiger und eifriger Beamter, lächelte verständnisinnig: »Unter uns gesagt, ich auch. Ich wundere mich manchmal über die Unmöglichkeiten und Dummheiten, die dieses hochgefeierte Finanzgenie anordnen möchte.«

»Und du kannst es bei einem solchen Wesen aushalten?« frug Andersen.

Helmut lachte überlegen: »Da sieht man wieder eure Schulweisheit! Vorwärtskommen kann man fast nur bei einem solchen. Einem Chef, der ein Genie ist, kann ich lange nicht das sein, was ich einem beschränkten bin. Hier bin ich der Unentbehrliche, der Allesleistende, gewissermaßen der major domus. Ich kenne seine Gewohnheiten, die Worte, auf die er reagiert, ich weiß ihn am Bändchen zu führen. Er scheint alles anzuordnen und zu lenken, in Wirklichkeit bin ich es.«

»Ja, aber wie kommt er überhaupt zu dieser Position, zu diesem Ansehen?«

»Glück, lieber Freund, Glück! Mindestens fünfzig Prozent der Leute, die man als tüchtig rühmt, sind nichts als Glückspilze.«

»Das sagen die Neidischen, die Unfähigen, die es zu nichts gebracht haben! – Beweis? Hast du einen Beweis?«

»Der Beweis ist sehr einfach. Die meisten dieser sogenannten Tüchtigen, wenn sie durch einen Unglücksfall zusammenbrechen, sind nicht mehr fähig, sich empor zu arbeiten. Wenn sie wirklich so tüchtig wären, wie sie ehedem galten, woher das plötzliche Versiegen aller Quellen, Versagen aller Mittel, aller Waffen? Sie waren früher tüchtig, weil sie dafür angesehen wurden.«

»Also Automaten des Erfolges.«

»Ganz richtig! Nun werden sie über die Achsel angesehen und auf einmal vermögen sie nicht mehr den tausendsten Teil von früher, sie enden in Armut und Elend. Wenn sie wirklich jene schöpferische Kraft und Initiative in sich hätten, so müßte es ihnen keine Mühe kosten, wieder empor zu kommen.«

»Also du glaubst, daß es bei deinem Chef nur Glück war?«

»Teilweise.«

»Und wie entwickelte sich die Sache?«

»Herr Andersen« – der Sekretär sprach dies Wort mit besonderer Hochachtung – »trug sich lange Zeit mit einer absurden Idee von der Gründung einer Gesellschaft zum Ankauf von zwanzig der maßgebendsten Zeitungen. Die Sache klang mehr wie eine Satire und als solche wurde sie auch zuerst aufgefaßt. Bald aber fanden sich einige Geldleute, die bisher nur in Grundstücksspekulationen, Bierbrauereien gemacht hatten; reine Geschäftsleute, eine Art Gegenstück zum ›reinen Toren‹, skrupellose, aber juristisch einwandsfreie Leute, ›reine Lumpen‹, denen es ganz Wurst war, ob sie Anstalten zur Reinigung von Bettfedern gründeten, Spielhöllen oder zufällig etwas Gemeinnütziges. Nicht etwa aus Schlechtigkeit, der Himmel bewahre! Nicht aus niedriger Gesinnung, im Gegenteil! Was diese Leute auszeichnete, war höchste Vorurteilsfreiheit. Sie wären ebensogut als Teilhaber der Companie für Waterclosets mit Ölspülung beigetreten, wie sie Goethes Faust oder Raffaels Madonna auf Aktien gegründet hätten! Warum nicht! Wenn die Ertragfähigkeit garantiert war und die Dividende nicht ihre Ehre kompromittierte. Sie waren, wie gesagt, vollkommen vorurteilsfrei. Das Projekt mit der Presse leuchtete ihnen sofort ein. Warum sollten sie nicht einen Ring bilden und das öffentliche Gewissen auf Aktien übernehmen? War es doch sicher, daß etwas dabei herauskommen mußte. Man hatte Minister und Abgeordnete an der Hand und konnte noch deren Unterstützung für andere Unternehmungen erzwingen. Gibt es denn nicht Länder, wo das so gemacht wird? Ich brauche nur an Panama zu erinnern, – eine Sache, die uns übrigens auch zugesagt hätte, ihres grandiosen Maßstabes wegen.«

Helmut seufzte: »Ach, solche Milliardengeschäfte finden sich nicht bald wieder. Allerdings fehlte in Paris die großartige Idee der Einheitlichkeit und Zentralisierung der Presse, der Ringbildung. Statt einer geistigen Heeresmacht, wie Lars und ich sie organisiert haben, operierte jeder einzelne wie ein Buschklepper. Wir aber wollen die wirklich große Presse. Nicht nur jene, die Literatur, Theater, Kunst, öffentliches Leben, Politik an sich reißt, sondern die alle Tiefen der Menschenseele, alle Weiten der Staatsmöglichkeiten beherrscht, eine Presse groß wie eine Religion, wie die Riesen-Fata Morgana des Katholizismus, die den Königen Joche auferlegt und den Geistern die Kette! – Denn das bin ich überzeugt: Im Journalisten steckt noch eine bedeutende Zukunft! Es stecken so viele glänzende Fähigkeiten, so viel Aktivität und Initiative, insbesondere so viel bewundernswerte Flinkheit der Konzeption und der Ausführung in diesen Männern, daß sie nur der Grundlage alles Wirkens, der Anerkennung bedürfen, um Rolle und Rang einzunehmen. Unter ihnen sind die besten und kühnsten Geister ihrer Zeit! –

Du siehst, von dem Augenblick an, wo seine Satire Ernst wurde, war das von Lars eine wirklich geniale Idee!«

Frithjof bekam den Husten, er fühlte sich geschmeichelt, das Lob galt ja eigentlich ihm. War er doch in einer müßigen Stunde auf diesen bissigen Einfall geraten. Aus einem Scherz war ein gewaltiges Finanzprojekt geworden. Er verbiß den Stolz und das Lachen und machte ein sehr aufmerksames, sehr einfältiges Gesicht: »Ich weiß nicht, ob es dir auch so geht, ich finde in der Weltgeschichte dieses Spiel immer wiederkehren: Geniale Ideen, die für Wahnsinn, Wahnsinn der für genial ausgerufen wird, Operettenstoffe, die mit Blut geweiht werden. Von dem Kampf um die durchgebrannte Helena und dem Kinderkreuzzug an bis auf deinen Chef! – Nun, und wie ging das weiter?«

»Es wurde gegangen. Sobald nur die Kapitalien da waren, lief sich alles von selber rund. Lars schob nicht mehr, er wurde geschoben. Man wundert sich, daß in Amerika Brücken und mehrstöckige Häuser auf Rollen von einer Stelle zur andern transportiert werden. Nun ist aber Geld mehr als Rollen, Winden und Hydraulik! Du weißt ja, wenn man Kapital sagt, sagt man: die Welt auf Rädern. Ehe Lars sich's versah, war er gegründet! Da sich die Geldleute nicht an das kompromittierende Unternehmen heranwagten, bevor der Erfolg es heiligte, hielten sie es für vorteilhaft, Lars vorzuschieben. Auf einmal war der Mann Direktor, mit reichen Mitteln ausgestattet, selbstverständlich Kommerzienrat.«

»Rat oder Unrat, auf alle Fälle Kommerzienrat! Wie ging es aber weiter?«

»Wie gesagt, es wurde gegangen! Du mußt wissen, wo Geld und nur ein Traubenkern vorhanden ist, da keltert sich der Sekt von selbst. Sofort wachsen Leute aus dem Boden, die mit ihren Ideen und mit ihrer Arbeit das Eigentliche vollziehen. Es regnet Vorschläge von allen Seiten. Unbekannte drängen sich heran und suchen sich nützlich zu machen. Mir ist es gerade gelungen, die völlig unsichtbare und doch maßgebendste Stellung zu erlangen. Ich arbeite wie der Theatermaschinist, bald aus der Versenkung, bald vom Schnürboden herab. Auf der Bühne steht der goldpapierne König. Er winkt, und zauberschnell verwandelt sich die Szenerie. Jetzt üppige Landschaft mit Fruchtgehänge und Villenschmuck, jetzt prunkender Marmorsaal, wo das Gold diskret über den grünen Tisch fliegt, jetzt Meerespurpur mit Tauchern, die nach Perlen tauchen! Man klatscht ihm Beifall, ihm, dem hohen Magier! Aber der Magier bin ich, ich der Maschinenmeister dort oben auf dem Schnürboden.«

»Ganz recht, lieber Schattenfroh, ich verstehe. Aber Lars muß doch etwas sagen, muß doch ein wenig disponieren.«

Hellmuth zwinkerte überlegen mit den Augen und sagte leise: »Hast du nie etwas vom Stichwort gehört?«

Frithjof verneinte. »Du meinst das Stichwort auf der Szene?«

»Nein, ich meine das Stichwort im Leben, in der Weltgeschichte. Mindestens vier Fünftel der Geschäfte werden durch Stichwörter suggeriert. Irgend eine maßgebende Persönlichkeit, die durch Geburt, Glück, Protektion, einen blödsinnigen Zufall, – manchmal, und sogar häufiger als man glaubt, auch durch Verdienst – an eine hervorragende Stelle gelangt ist, leitet vier Fünftel der Ereignisse durch einfache Stichworte.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Nehmen wir an, ein Fürst läßt in halber Gedankenlosigkeit ein Wort fallen. Er habe eine Abneigung gegen eine Person, oder noch besser gegen eine ganze Partei. Es ist nur ein Kirschkern! Aber im Kern steckt ein ganzer Baum! Das Stichwort fängt sein Hofmarschall, sein Minister auf. Sofort wächst es sich in dessen Kopf aus zu einem ganzen System politischer Verfolgung. Er gibt es weiter. Natürlich sehr vorsichtig. Er wäre ja auch sonst kein Diplomat! Er wird seinen Untergebenen nicht sagen: ›Begrabt mir diesen Mann, vernichtet mir diese Partei!‹ Aber der ganze Beamtenapparat, vom letzten Polizisten mit seiner Beschränktheit und seinem einexerzierten Gehorsam an bis zum Staatsanwalt, dem sein Brot lieb ist, bis zum ›unabhängigen‹ Richter wird alles nach und nach von der Überzeugung ergriffen, daß man diesem Stichwort Körper geben, daß man den unausgesprochenen Absichten von oben die weitestgehenden Auslegungen gestatten müsse. Und so entwickelt und verflicht sich nach und nach ein weitläufiger Weichselzopf der Verfolgung, des Hasses, der Justizverbrechen. Man hat nur einen Kirschkern weitergegeben. Auf einmal wächst an jeder Straße, jeder Ecke, im Garten jedes königstreuen Bürgers ein Kirschbaum. Das ganze Land steht in Kirschblüte. Man kann nicht leugnen: 's ist ganz lieblich anzusehen!«

»Und alles aus dem einen Kirschkern!«

»Noch nie hat ein Kriegsgericht jemanden auf Kommando verurteilt. Das ist die niederträchtige Behauptung irgend eines Verleumders. Ein Offizier wird sich nie dazu hergeben. Aber ein Stichwort ist gefallen. Und was für eins! ›Meine Herren, wer sein Vaterland liebt, wird keinen Verräter im Heere dulden,‹ sagt der Kriegsminister. ›Ich will Ihrem erleuchteten Urteil nicht vorgreifen, wenn auch meine Meinung über den Verräter unerschütterlich feststeht. Urteilen Sie nach Recht und Gerechtigkeit. Ihr Gewissen sei Ihnen Richtschnur. Ihr patriotisches Pflichtgefühl kann Sie unmöglich fehlgreifen lassen.‹ – Ich bitte dich, lieber Frithjof, wo ist da das Kommando?«

»Im Gegenteil, der Minister hat Gerechtigkeit und Gewissen anempfohlen!«

»Dasselbe wiederholt sich in jedem beliebigen anderen Maßstabe im gewöhnlichen Leben. Der Direktor eines Unternehmens läßt ein Wort fallen, der Sekretär nimmt es auf, gibt ihm einen Sinn und gibt den Sinn durch ein Stichwort weiter. Die Untergebenen sind sofort eifrig hinterher, die empfangenen Stichworte nach ihrer Auffassungskraft und -Farbe ins Werk zu setzen. Gelingt's, dann war es höhere Einsicht! Gelingt es nicht, nun dann sind nur die untersten Instanzen kompromittiert, denn die oberen haben nichts gesagt, sie sind falsch verstanden worden! Welches eigenmächtige Vorgehen der Unterbeamten! Man wirft sie hinaus, die Oberen selbst sind weiß wie Schwäne und rein wie Engel!

Und erst die Riesen-Welt-Schlagworte! ›Christenliebe!‹ Man hat mit diesem Wort mehr gehaßt als geliebt! Wieviele Völker hat man damit greulich geschlachtet, Kinder gewürgt, Mütter gefoltert, Männer geblendet. Und alles aufs herzlichste, aus Christenliebe.«

»Ich verstehe,« nickte Andersen nachdenklich.

»Es ist auch gar nicht schwer zu verstehen! Nur Toren, die die Welt nicht kennen, Dichter von Schauerdramen denken gleich an Bösewichter, die Mörder dingen, Dolche und Gifte bereit legen. Im Leben wird das nie so gemacht! Ein Lächeln, eine Handbewegung, eine Betonung: Der Angeklagte ist abgetan, das Beil fällt von selbst!«

Frithjof legte die Hand auf die Schulter Helmuts und meinte: »Du bringst mich auf eine Idee, ich hatte vor einem Jahr an einem Automaten gearbeitet, einem sogenannten Androiden.«

»Ich weiß,« sagte Helmut mit jenem verlegenen Lächeln, das andeuten sollte: »Aha, die fixe Idee!«

»... Ich errate … deinen Gedanken! … Aber setze den Fall, ich hätte wirklich an einem Androiden gearbeitet … Um diesen künstlichen Menschen auf die Anrede anderer Personen eine halbwegs richtige Antwort erteilen zu lassen, habe ich ihn mit einer Vorrichtung ausgestattet, die deinen Auseinandersetzungen vom Stichwort entspricht. Ich habe ihn mit einem mikrophonartigen Blättchen versehen, das auf gewisse Worte mechanisch reagiert, indem es einen Strom schließt, der jedesmal eine andere Rede auslöst. Allerdings, so weit reichende und großartige Effekte lassen sich damit kaum erzielen, wie du sie da mit deinem ›Stichwort in der Weltgeschichte‹ anführst. Aber – lächle nicht – die Wirkungen sind viel weitgehender, als du ahnst! – Ich sage dir nochmals: lächle nicht – du unterliegst der von mir angestifteten Täuschung mehr als du denkst.«

»Na, sprechen wir nicht davon,« sagte Helmut, der ungern seinen Jugendfreund auf die unglückliche Idee kommen sah, die ihn in allen Bekanntenkreisen verrufen gemacht.

Auf Frithjofs Wangen brannte die rote Scham. Also auch Helmut hielt ihn für den wahnsinnigen Fachsimpel … das entgleiste Genie! Wenn er die Leute so überlegen reden hörte, kam er sich ungeheuer naiv vor, ohne Entdeckerspürsinn, ohne Geist, ohne Weltkenntnis. Und merkwürdig war's ihm zumute, daß er, ein kühner Pfad- und Gedankenfinder in einsamen Nächten, hier vor dem Lichte fremder Augen nicht eine Spur eigenen Charakters, energischen Wissens und Handelns zeigte. Er hatte den Androiden gar nicht gemacht, er nicht dieses Räderwerk, das Hunderte von Menschen in Gang hielt wie Maschinen. Er nicht! Ein Gefühl von Selbstekel, Verzweiflung ergriff ihn, ein Schwindel, ein Schleier legte sich vor seine Augen. War er toll? Träumte er? In ihm hämmerte und hämmerte es und alles Blut drang ihm zu Kopfe. Mit Anspannung aller Kräfte hielt er sich aufrecht. Er erinnerte sich dunkel, daß er einmal im Gebirge gestürzt; sollte damals sein Verstand gelitten haben? Doch der Humor bekam bei ihm wieder Oberwasser! Und er frug: »Glaubst du, wenn Christus heute wiederkäme, ein Bettler, der Kirschen von der Straße aufliest, man würde ihn wieder erkennen, anerkennen? Glaubst du nicht, der erste beste Pfarrer würde ihn im Namen des Christentums der Polizei übergeben …. Unzweifelhaft würden sie alle Christus im Namen des Christentums selbst verleugnen. Ja, wenn der Schöpfer selbst käme, er würde nicht seine Geschöpfe, die Schöpfung nicht ihn erkennen! …

... Aber sage mir noch eines,« fragte Andersen halb betäubt. »Irgend welche hervorragende Eigenschaften muß doch dein Chef besitzen?«

»Allerdings, Herr Lars Andersen ist einer der vortrefflichsten Rechner. In dieser Beziehung muß ich dir gestehen, kommt er mir ganz unheimlich vor. Rechnen und nichts als rechnen. Er führt dir die glänzendsten Kalkulationen mit einer Unfehlbarkeit durch, die alle Welt in Erstaunen setzt. Er rechnet alles im Kopf! Der Mensch ist eine wahre Rechenmaschine!«

»Und nützt ihm das?«

»Aber lieber Freund! Du bist noch immer der weltabgewandte Träumer und Spintisierer, als den wir dich schon in der Universitätszeit gekannt haben. Rechnen ist ja unser Lebenselement. Was sage ich da, es ist ein Gemeinplatz: Rechnen ist das Urelement der Welt überhaupt. Du kannst keine Schwefelsäure auf ein Stück Eisen gießen, ohne daß der sich entwickelnde Wasserstoff und das schwefelsaure Eisen ganz genaue Verhältnisse besitzen. Kein chemisches Element wird sich mit dem andern vereinigen, ohne die genaue Atomzahl einzuhalten, das toteste Stück Kiesel ist hierin unfehlbarer Mathematiker! Nur der Mensch mit seinem Vogelhirn läßt sich in seinen Schlüssen von Launen und sogenannten Gefühlen beeinflussen. Der Mann, der ohne Rücksichten rechnet, dem gehört die Welt! Die Welt gehört der Rechenmaschine! Und siehst du, mein verehrter Chef, Lars Andersen, ist eben nichts anderes, als eine Rechenmaschine!

Eine exzellente! Er ist auch Aufsichtsrat von Industrien, Generaldirektor von Bergwerken, von allem, was lukrativ ist, er ist alles. Wenn die Waisen seiner Arbeiter betteln kommen und die Witwen weinen, dann hört er nachdenklich zu und rechnet. Er legt ihre Tränen auf seine Goldwage, ihre Schmerzen, ihre entsetzlichen Krankheiten auf seine Hunte-Wage, er berechnet ihre Verzweiflung nach Kubikmetern und ihren Hunger nach Tonnen. Im Nu hat er in seinem Kopfe das Resultat: Dieser Wohnungspferch wirft so viel Dividende jährlich, diese englische Krankheit so viele Hunderttausende, dieses Bluthusten steigert den Kurs der Aktien um so und so viel Prozent. – Noch nie ist die Armut, die Erbitterung von ihm gegangen, nicht das elendeste Stück altes Weib, ohne ihm Trost zugesprochen, ohne ihn mit freudigen Hoffnungen erfüllt zu haben. – Sein Ruf ist bis in die höchsten Regierungskreise gedrungen, alles als Folge seines Einflusses auf die öffentliche Meinung. Staatssekretäre sprechen bei ihm vor; Geheimräte gehen aus und ein. Ich glaube, es gibt kaum einen Minister, der nicht um seine Freundschaft wirbt und dabei stillschweigend seine mit vieler Volubilität vorgetragenen politischen Anschauungen bewundert; sie lassen ihn reden und hören intelligent zu.«

»Unmöglich, unmöglich!« rief Frithjof. »Und noch eins, er muß doch sonst Menschliches an sich haben, er muß doch essen, schlafen, rauchen, ruhen?«

»Und ob er Bedürfnisse hat! Er hat sie nur allzu reichlich. Er ist von einer Faulheit, die du dir gar nicht denken kannst! Aber siehst du, das gehört ja eben dazu. Ein Mensch ohne Bedürfnisse kann gar kein vornehmer Mensch sein. Wenn er nicht schlafen, essen, rauchen würde, wäre er ja kein Mensch, nur ein Bauer oder eine Maschine. Bequem daliegen und Ansprüche machen, das ist ja, was die Ehrfurcht vor ihm steigert. Du weißt doch, es gibt in unserem Staate ganze Gesellschaftsklassen, die nichts anderes tun, für die es seit Jahrhunderten als Schande gälte, wenn sie tätig wären. Und das untere Volk, die misera plebs, sagt ehrfurchtsvoll: ›Feine Leute!‹

Aber desto besser für uns, desto mehr bleibt uns zu tun. Unter uns gesagt, ich glaube, Lars Andersen hat sich mit seinen Ideen schon ausgegeben. Nur wenn man ihm zuredet, fällt hier und da ein Wort, das ihn in Eifer bringt. Dann redet er gleich einen Wortschwall herunter und duldet keinen Widerspruch.«

»Wie, er duldet keinen Widerspruch?«

»Wenigstens bemüht er sich nicht, auf Dinge zu antworten, die mit seiner Rede nicht harmonieren. Wir verstehen dann sein Schweigen, deuten es als eine beschämende Abweisung und verstummen.«

»Allerdings,« dachte Frithjof, »ich habe ja dem Kerl nicht so viel Walzen für alle möglichen Fälle in den Kopf legen können, daß er auf jede Rede eingeht.« Und laut fragte er dringlicher: »Aber der Mensch besteht doch auch aus Leidenschaften, Neigungen, Gefühlen?«

Helmut zuckte die Achseln. »Für mich ist er nur der Chef. Sonst kenne ich ihn nicht näher. Aber verliebt muß er wohl sein, denn er besitzt eine Braut, eine sehr hübsche Blondine; verliebt muß er wohl sein!«

»Was, eine Braut besitzt er auch?« Andersen schlug die Hände zusammen.

»Warum wundert dich das?«

»Weil … weil …« – Frithjof war verlegen – »weil ihm die Natur ein Mönchsgelübde auferlegt haben soll, wie man erzählt.«

»Ihm? Ich glaube nicht. Du solltest ihn mal pikante Anekdoten erzählen hören, so entre nous! Er ist auch deswegen in Finanzkreisen als angenehmer Gesellschafter bekannt. Sehr derb, sehr …, aber nur desto geschätzter!«

Frithjof griff sich an die Schläfe, ihm war zum Umsinken. Er träumte wohl? Nein, so ins Ungeheuerliche konnte die Welt nicht gehen. Sein Android nächstens verheiratet?! Gunnar! Gunnar! Was hatte der Hexenenkel in die Maschine getan?

Und doch, im Grunde genommen, hatte er nicht die unglaublichsten und ungeheuerlichsten Ehen gesehen? Warum wunderte er sich denn? Ehen von gedankenlosen Mädchen, denen jedes Reglement in der Versorgungsanstalt der Ehe gut genug war, und von Männern, in denen alles Häcksel war wie in den Puppen.

Frithjof wäre vor Statuten und Abscheu in den Boden gesunken, wenn er in diesem Augenblick noch gewußt hätte, wer diese Braut war.

War sein, Frithjofs, Hirn verschroben und wankte es von Halluzination zu Halluzination, von Vision zu Vision? Er griff sich an den Kopf und besah die Hand: Ob die Wunde an der Schläfe vom Sturz im Gebirge sich nicht geöffnet hätte, und seine Finger nicht blutfeucht wären! Wachte er, träumte er?

»Muß er denn verliebt sein?« fragte er skeptisch. »Daß die klugen Leute noch immer darauf hineinfallen, wo Ehe ist, auf Liebe zu schließen, und wo Schönheit, auf Glück! Lieber Helmut, haben Sie nie die Akten von Ehescheidungsprozessen gelesen? Wie vieles auch in der Ehe ist Fassade, Kulissenmalerei! Seelen, die sich nie berührt, und Körper, die sich nie erkannt!«

»Lars Andersen verlobt! Nächstens vielleicht verheiratet!« Er schüttelte sich vor Lachen. Am Ende war es gar nicht sein Android? Das war ja die grimmigste Parodie! Das Drollig-Alltägliche ins Ungeheuerliche gezogen! Die breitmäuligste Grimasse im Zeitalter der Maschine! Der Kalibanspott, mit der die moderne Auffassung der Ehe als Versorgungsanstalt sich selbst persifliert! »Unmöglich!« rief Frithjof. »Der Hexen-Gunnar kann nichts in die Maschine getan haben, was zu solchen Abnormitäten führte.«

Aber wie, wenn Gunnar vor jener ersten Vorführung des Androiden in einem unbewachten Augenblick seinen Zwerg-Vetter hatte hinein schlüpfen lassen?! Dann schmarotzte jener Wechselbalg im Bauch des Androiden. Brüstete sich tagsüber mit dessen Stattlichkeit und dessen Fähigkeiten und schlüpfte nächtens aus dem Gehäuse! Was wäre da unmöglich? Hatte es ihm nicht schon der Schachspieler Kempelens vorgemacht? Und machte es ihm nicht die ganze Natur vor? Vom Einsiedlerkrebs angefangen, der die leere Schneckenschale zu seinem Gehäuse macht, bis zum Arier, der im androidalen Wunderwerk des Juden aus Nazareth sich wohnlich eingerichtet, sich geberdet, als ob er der Christ wäre, er allein der Erlösungswürdige, das Kind Gottes, der Sohn des Menschen! Vor allem natürlich er die imperialistische Rasse! Hat nicht der Arier aus jener herrlichen Idee der Nächstenliebe, welche die Gewalt des Zufalls, des tückischen Schicksals brechen sollte, seine arische Christenliebe gemacht, hat er nicht das Heilandherz ausgebrochen, das Blut über die Erde gestreut und aus jedem heißen Tropfen Schafotte, Scheiterhaufen, Jammern von Müttern, Elend ganzer Familien, ganzer Provinzen hervorsprießen lassen! Im Bauche jedes Meisterwerkes nistet sich die Gemeinheit ein und verstreut dessen Herzblut in Lastern und Verheerungen durch die Welt.«

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