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Buchschmuck

IV. Kapitel.
Denkende Maschinen und tönende Flammen

Den Menschen ….?«

Ethel wiederholte das Wort mechanisch, Ihre schwarzen Augen blickten verträumt auf jenen dunklen Gegenstand, der etwas befremdend und unheimlich in der Mitte des Laboratoriums stand. Langsam drang es in ihr Bewußtsein und wuchs sich aus zur Gewißheit, daß es ein großer eherner Sarkophag sei oder etwas ähnliches. Etwas, das eigentlich besser in ein einsames Gruftgewölbe hineingepaßt hätte, als in dieses Sammelsurium von phantastischen Apparaten, sonderbar gestalteten Retorten, unruhig schlummernden Räderwerken, die hundertfache Formen von Tier- und Menschenteilen besaßen und wie ein Höllenbreughelscher Hexensabbath auf alle wirkten.

»Den Menschen ….?« Auch Frau Ehrsam war nachdenklich geworden. Ihr fiel das Gerede des Hauses ein, daß der blonde Schwede durch elektrische Reizmittel Tote zu unfreiwilligem Leben emporstacheln könne und daß er mit Menschenköpfen und Gliedern aus der Universitätsanatomie heimlich Proben vornehme. Auch ihr Auge irrte noch immer, magisch angezogen, um den Sarkophag; sie suchte, während des allgemeinen Gespräches, sich ihm unmerklich zu nähern und, von den anderen verdeckt, daran herumzutasten, ob sich nicht der Deckel heben ließe.

»Den Menschen?!« rief Woppl erstaunt, mit großen Augen; er konnte sich's nicht vorstellen.

»Den Menschen, das Wunder der Schöpfung?« stammelte Direktor Ehrsam. Ehe noch Andersen antworten konnte, ertönte plötzlich ein gellender Hilfeschrei. Alle fuhren entsetzt in die Höhe. Es war das Gekreisch einer zu Tode erschrockenen Frau, unterstützt vom ängstlichen Wimmern eines Kindes. Besonders Frau Ehrsam machte, vor Schrecken emporgeschleudert, einen Satz, drei Meter von dem mächtigen Sarkophag weg, an dem sie gelehnt hatte, und – aus dem jäh und unvermittelt der Schreckensruf losgebrochen war. Scheu und beklommen blickten alle auf die riesige Truhe; ihre Kerzen klopften. Nur der lallende Diener lachte unbändig.

»Sie haben sich wohl auf die Kiste gestützt?« sagte Andersen beruhigend. »Aber Der drinnen läßt sich's nicht gefallen.« Dann fügte er lächelnd hinzu: »Sie birgt meine kostbarste Arbeit.«

Sofort irrten aller Blicke an dem verschlossenen Sarge herum und suchten sein Geheimnis zu durchdringen. Vergebens! Ungestüme Fragen drängten sich auf ihre Sippen, während sie sich furchtsam einander näherten.

»Wie, jemand ist da drinnen … in diesem Sarg …?« stotterte Frau Ehrsam, vor Furcht fast gelähmt. Andersen, dem diese Frage sichtlich unangenehm war, suchte die Gesellschaft zu beruhigen, mit einigen allgemeinen Höflichkeitsworten langsam der Türe näher zu bringen. Aber Frau Ehrsam, in der die Neugierde stärker war als die Furcht, widerstand und wußte durch immer neue Bemerkungen den Abschied zu verzögern. Als ihre Mittelchen zu versagen drohten, kam ihr Woppl zu Hilfe, indem er die Frage aufwarf: »Wissen Sie, Herr Doktor, was mir eben einfällt? Daß man noch keine denkenden Apparate erfunden hat?« Andersen wollte über diese Frage mit einer allgemeinen Phrase hinweggleiten, als Lydia ihre Hand auf ein zierliches Kupfergehäuse legte, das mit einer Kurbel versehen war. Mit ihren schönen blauen Augen, in denen der Schrecken von vorher noch stand, rief sie kokett: »Ach diese niedliche Kaffeemühle!«

»Was dir einfällt,« sagte Ethel lachend, »eine Kaffeemühle!« und trat an den Gegenstand heran.

Andersens Belehrungseifer war wieder erwacht: »Natürlich, eine Kaffeemühle!« sagte er. »Sie hat früher dem berühmten Physiker Hirn gehört, er nannte sie immer seine Kaffeemühle.«

»Sie mahlt also ernstlich Kaffee?« sagte Lydia erfreut.

»Nein, leider nur Denkoperationen. Es ist die Denkmaschine, nach der Herr Woppl eben gefragt hat.« Und als alle ihn zweifelnd ansahen, fuhr er fort: »Sind wir denn nicht alle schließlich nur Denkmaschinen? Wenn wir die wenigen Genies ausnehmen, die mühsam das unerwartet Neue konzipieren, so besteht unser aller ganze Hirntätigkeit nur im Registrieren, Kombinieren und permutieren alter Gedanken, die in uns durch die Hand des Lehrers eingerückt worden sind.«

Ethel wehrte anmutig ab. »Was Sie sagen, klingt geistreich; aber es ist keine Maschine denkbar, die irgend eine Wissenschaft treibt.«

»Dennoch haben wir solche Maschinen,« widersprach der Doktor. »Sie wissen ja, daß die Mathematik eine unserer wichtigsten Wissenschaften ist; sie liefert die Grundbausteine unserer Welterkenntnis. Sehen Sie die flüssige Glut einer Leuchtfontäne, das Sternsprühen schwebender, platzender Feuerwerkskugeln, die sich in wunderbaren Farben spielend auflösen – für den Physiker sind sie nichts als ein Spiel, eine Symphonie größerer und kleinerer Ätherwellen. Von ganz bestimmten winzigen Längen, ganz bestimmten riesigen Zahlenverhältnissen! Millionen von Wellen, die sekundlich unser Auge treffen, reizen, in unser Hirn sich einwühlen, in ihm Schönheitsgefühle gebären! Sie kennen vielleicht das Schulexperiment ›Tönende Flammen!‹ Was die Flamme mit dem Tone und beide mit unserer Seele verbindet, ist die Zahl. Goldiger Sonnenglast, Schneefirnen im strahlenden Tag, beseeligende Harmonien der Musik, sie alle sind Wellen, meßbar, zählbar, so und so viel Hunderte oder Billionen in der Sekunde. Symphonien, Opern sind nichts als Zahlen! Hitze und Kälte, Schmerz und Lust sind Kinder des Einmaleins. Die Zahlen sind Brücken über das Unergründliche, Übermenschliche, über die Rätsel der Metaphysik. Sie sind der Schiffssteg hinaus in die See des Außersinnlichen, an dem die lustig bewimpelten, reich beladenen Schiffe der Erkenntnis anlegen. Die Zahl bildet den Fußsteig hinüber ins Land des Nieerklärbaren, des Ewigverborgenen, die Zahl ist göttlich, die Mathematik eine Religion!«

»Und gerade für die Mathematik hätte man Maschinen gebaut?« meinte Woppl.

»Natürlich, natürlich,« sagte der Fabrikdirektor, »Multiplikations- und Divisionsmaschinen! Arithmometer sind ja jetzt in vielen Banken eingeführt; ich glaube auch, die Postbeamten, die ganze Seitenreihen zu addieren haben, arbeiten jetzt mit Additionsapparaten.«

»So ist's,« bestätigte der Doktor. »Sehen Sie diese Kaffeemühle! Der elsässische Gelehrte hat sie oft benützt – sie mahlt Beziehungen, Verhältnisse. Teilen Sie dieser Mühle mit, wieviel Sie täglich ausgeben, und sie wird Ihnen sagen, wieviel Sie noch am Ende des Jahres besitzen werden. Sie mahlt Gedankenarbeit, Schlüsse, Prophezeiungen!

Aber diese kleinen Apparate sind es nicht, die ich meine. Sie kennen die großen dicken Bücher der Logarithmen?«

»Ethel wird es wissen,« sagte die Frau Direktorin mit Mutterstolz. »Sie studiert seit einem Jahre an der Universität.«

»Was, Sie studieren …?«

»Mathematik und Physik,« flüsterte Ethel errötend.

»Nun, dann wissen Sie ja, was die Herstellung solcher Logarithmenbände bisher an Hirnschmalz kostete. Da saßen die Leute und multiplizierten im Schweiße ihres Angesichtes. Und wenn sie fertig waren und ganze Bände voll Zahlen gefüllt vor ihnen lagen, dann fühlten sie sich erst nicht sicher, ob nicht die Fäulnisbazillen von tausenderlei Irrtümern eingeschlichen wären. Diese Bände stellten ein kostspieliges Arbeitsmaterial dar! Sie wurden gesetzt und in Platten stereotypiert, um bei Neuauflagen nicht neuerdings die Gefahr der Druckfehler zu laufen und neuen kostspieligen Satz zu erfordern. Auch für die Schiffahrtkunde mußten ganze Foliobände berechnet werden, alles Arbeiten, die Hunderttausende kosteten. Nun, sehen Sie, das alles macht jetzt die Maschine. Die englische Regierung hatte erst siebzehntausend Pfund für den Bau eines solchen Rechenapparates ausgeworfen.«

Der Direktor erklärte: »340 000 Mark!«

Frau Ehrsam schlug die Hände zusammen.

»O, dieser eiserne Professor der Mathematik kostete noch einmal so viel! Erst zwei Schweden, Vater und Sohn Scheutz, haben im Jahre 1871 das Werk zu Ende geführt. Sie sehen, auch die Denkmaschine ist erfunden.«

»Wunderbar!« sagte Ethel.

»Noch mehr als Sie glauben,« unterbrach sie Andersen. »Jeder kleine Fehler, der sich einschleichen will, etwa durch Ungenauigkeit in den Zahnrädern, oder durch ein Staubkörnchen, verbessert sich sofort. Die Maschine bewacht und kontrolliert sich selbst unaufhörlich!«

»Aber beim Abschreiben und Drucken könnten doch Irrtümer entstehen?« warf Ehrsam ein.

»Auch dafür sorgt die Maschine. Sie setzt ihre Resultate selbst. Sie ordnet die Seiten, numeriert sie, stereotypiert sie, kurz, sie gibt nichts Halbes aus der Hand. Nur völlig druckreife Tafeln mit Seitenzahl, Teilstrichen, allem Denkbaren.«

Die Anwesenden waren voll Bewunderung, Lydia pochte mit schlankem Finger an die Kaffeemühle; da der Doktor sich für sie interessierte, fand sie alles interessant. Der Doktor war »einfach entzückend«; er sah sie bei jeder Erklärung besonders an und alle diese komisch-krausen, komplizierten Sächelchen legte er ihr huldigend zu Füßen. Sie konnte nicht genug »Reizend! Reizend!« rufen, mit dem ganzen Schmelz ihrer Stimme. Allerdings, ein Blumenbukett oder eine Bonbonnière wären erfrischender gewesen; sie ermüdete schließlich von so viel Technik und Geist.

Ethels schwarze Augen fühlte der Doktor voll inniger Wärme auf sich ruhen. Fast hätte sie sich verraten, daß sie nichts leidenschaftlicher wünschte, als die Lebensgefährtin dieses unvergleichlichen Mannes zu sein, der mit den geheimen Wundern der Natur sein überlegenes Spiel trieb, seine Mitarbeiterin in den Kämpfen mit aufkeimenden Ideen und trotzigen Gesetzen, die Freundin arbeitsvoller Tage und rastlos sinnender Nächte. Andersens' träumerische Gelehrtennatur ahnte davon nichts, daß in seiner Nähe die Paradiesblumen heiß und berauschend duftender Mädchengefühle sich erschlossen und, vom leichten Hauch seiner Worte anmutig erregt, sich ihm zuneigten und Düfte streuten. Doch hatte er dunkles, dunkles Gefühl herzlicher Sympathie, das ihm zur kleinen Neugierigen hinzog – hätte ihm nur nicht im Augenblick die scheinbar überlegene Kühle der Blonden wie abgeklärte Vornehmheit imponiert!

Einzig Frau Direktor raffte ihr Kleid zusammen, als ob sie fürchtete vom Beifall der anderen angesteckt zu werden. Der Doktor suchte nach einem geeigneten Abschluß, allein die Direktorin, die auf dem Sprunge Abschied zu nehmen, noch immer, von äußerster Neugier gefoltert, nach dem Sarkophag hinschielte, suchte mit landläufigen oder bissigen Bemerkungen alle aufzuhalten. Auch Ethel konnte sich nicht trennen, sie hätte in der Nähe des Doktors immerfort verweilen und alle seine Kunstwerke bewundern mögen. Dieser aschblonde Kopf, der mit der Natur auf du und du stand, zog sie mächtig an. Die schönen bleichen Züge, auf denen das Licht des Geistes spielte, wie Sonne auf den: Gemälde eines alten Meisters, das beredte graue Auge, das immer neue Strahlen schoß unter dem Stromimpuls der Gedanken … sie bewunderte und vergötterte ihn. Ihre Gefühle schmolzen voll Eingebung. Noch eine lang zurückgehaltene Frage lag ihr im Sinn. Und da das Abschiednehmen sich verzögerte, konnte sie sich nicht länger beherrschen:

»Bitte, Herr Doktor, wenn die Erfinder bereits so viel geleistet haben … warum vereinigt man, oder … warum vereinigen … Sie … nicht alle diese Sachen zu einem einzigen, wunderbaren Automaten? Den Flötenspieler des Vaucanson, der die Attitüden natürlich beherrscht, mit dem Kopf, der spricht und Wangen und Lippen bewegt und Blutzirkulation besitzt, mit dem künstlichen Rechenapparat, der schwierige Aufgaben löst, mit dem Verdauungsmechanismus der Ente? Kurz alles, was je erfunden worden, zu einem einzigen Automaten! – dem merkwürdigsten von allen! – einem möglichst menschenähnlichen Geschöpf? Wie in Goethes Faust: Zu einem Homunkulus?«

Der Doktor reichte ihr entzückt beide Hände und sagte etwas geheimnisvoll:

»Ich bewundere Ihre Divinationsgabe. Es ist, als ob Sie meine Gedanken im Krystall sähen. Das ist ja das Geheimnis, das ich seit zehn Jahren hier oben bewahre; an diesem Androiden arbeite ich schon seit zehn Jahren. Aber ich habe die Sache völlig geheim gehalten, denn nichts ist unangenehmer, als lästige Mitwisser zu haben, die unsere Wickelkinder von Ideen in der ganzen Welt herumzerren und jedermann sagen: Sehen sie, das artige Näschen! Das hat er von Papa, und die Augen vom Großvater, und das von dem und das von dem … Ich habe einen solchen künstlichen Menschen zustande gebracht. Sehen Sie, hier ist er!«

Der Doktor trat an den großen, ehernen Sarkophag heran. Es war ein Doppelkasten; erst wurden die beiden schweren englischen Vorlegeschlösser des Eisengehäuses abgenommen. Die Spannung machte die Gesellschaft sehr lebhaft. Besonders die Damen umdrängten den Doktor neugierig: »Ein Mensch, ein künstlicher Mensch?« Jetzt öffnete der Doktor den Deckel des inneren hölzernen Sarges. Aber die Anwesenden konnten nur einen einzigen Blick erhaschen. Denn blitzschnell sprang der taubstumme Diener herbei und warf den Deckel zu. Und dies mit einer Wucht, daß dem vorwitzigen Herrn Woppl beinahe sämtliche Finger der rechten Hand abgeklemmt worden wären. Sie fuhren alle erschreckt zurück. »Ist das eine Unart,« schrie die Frau Direktor. Die Herren waren entrüstet. Der Doktor sah seinen Diener streng an, was dieser jedoch mit einem trotzigen Blick erwiderte. Schon wollte der Doktor aufbrausen. Aber die Frau Direktor brachte ihn durch eine bissige Bemerkung wieder zur Besinnung, puterrot und ihr feistes Doppelkinn wie eine Truthahngurgel rollend, sagte sie: »Das ist wohl Ihr Erzieher?«

»Nein,« erwiderte der Doktor trocken, »aber meine Amme!«

Alle lachten. »Ihre Amme?«

»Ja, meine Amme! Er hat mich gesäugt! Mehr noch, er ging zwei Monate mit mir schwanger, er hat mich ausgetragen.«

Die anwesenden Herren brachen erst recht in Lachen aus, die Mädchen kicherten verlegen.

»Ich bin nämlich ein Siebenmonatkind. Ich kam zu früh und zu schwächlich auf die Welt, die Ärzte gaben mich verloren. Er hat mich in einem künstlichen Wärmeapparat, in einer alten gefütterten Hutschachtel, ausgebrütet und mit Milch gepäppelt. Wie gesagt, er ist meine Amme.«

Alle Blicke wandten sich mit einer Art Gespensterfurcht der Amme zu. Diese, ihr schlecht rasiertes Kinn reibend, zog sich grollend, mit feindseligen Blicken, nach einer dunklen Ecke des Zimmers zurück.

Von dem Androiden im Sarge hatten die Anwesenden nur einen blitzartigen Eindruck erhalten. Es schwirrte vor ihrem Geiste wie menschenähnliches Gebilde, Kopf, Leib, Glieder angefüllt mit metallenem Triebwerk. Stählerne Stücke, Hebeln, Drahtsehnen, wimmelndes Räderwerk. Insbesondere der blutrote Kopf, hautlos und fleischig wie der Kopf des geschundenen Borromeo, hatte eine Fülle kleiner und kleinster Rädchen gezeigt. Bronzene Spindeln, blaue Uhrfedern, Windfahnen, endlose Schrauben, stiftenstarrende Walzen, die an silberne Igel erinnerten, viel zierliche Ketten, Zacken und Zähnchen, die alle zwangsmäßige Gedankengänge darstellten, kluge Berechnungen, Witze, geistreiche Worte. Sie imponierten dem Direktor durch ihre bewundernswerte Kleinheit und Feinheit. Auch die Damen hatten den blitzschnellen Eindruck einer Art Filigranarbeit erhalten. Ethel verglich es später mit dem ungeheuer reichen Räderwerk einer komplizierten Fabrik von mikroskopischer Kleinheit, einer Fabrik, die für die Puppenstube eines Prinzen oder für die »ganz kleinen Mäuschen« irgend eines Märchens zusammengezaubert war.

»Dies ist die Frucht eines zehnjährigen, schweren Schaffens,« sagte der Doktor. »Sie können sich denken, wie begierig ich bin, endlich einmal meinen Androiden auf die Beine zu bringen. Ich erwarte nur noch von einer der ersten Gummi- und Celluloidfabriken die Haut geliefert. Wie mir der Fabrikant versichert hat, soll sie an Treue und Natürlichkeit alles bisherige in den Schatten stellen. Wenn sie so ist, wie er versprochen, zart und dehnsam, durchschimmernd wie echte Menschenhaut, mit dem blauen Geäder feiner Gummiröhrchen, die sich wie Blutgefäße zusammenziehen und ihren roten Inhalt überall hin dirigieren, daß die Haut errötet und erblaßt – kurz und gut, wenn sie so vorzüglich gelungen ist, daß Maler daran die schönsten Fleischtöne studieren können, dann darf mein Android in die Haut fahren.«

Die Anwesenden nickten beifällig und sahen dem Doktor zu, wie er sorgsam mit Hilfe seines stummen Dieners den Sarkophag verschloß.

Als sie Abschied nahmen, konnte die Direktorin nicht umhin, die Frage zu erörtern, die ihr auf dem Herzen lag, die Frage, welche die allgemeine Bewunderung herabstimmen, wie ein kalter Wasserstrahl auf den hoch temperierten Enthusiasmus des Doktors wirken sollte.

»Sagen Sie, Herr Doktor, diese Arbeiten müssen doch ein Heidengeld kosten.«

Der Doktor lächelte:

»Allerdings ist an dieser zehnjährigen Arbeit beinahe mein ganzes Vermögen draufgegangen.«

»Und sie trägt nichts ein,« sagte die Direktorin spitz.

»Aber Kind,« fiel ihr der Direktor ins Wort. »Wenn dieser Android halbwegs gelingt« … und ohne zu beachten, daß seine Frau ihn spöttisch und ungläubig anblickte, »weißt du denn nicht, daß heutzutage solche Sachen …« Sie zuckte die Achseln. Das kannte er schon, deshalb wandte er sich um: »Wissen Sie, Herr Woppl, Sie sollten wegen unserer Fabrik sich für diesen Androiden interessieren.«

»Werde mich schwer hüten,« erwiderte Woppl als gewiegter Geschäftsmann, obwohl er im Gegenteil sehr gierig war, das gute Geschäft zu machen.

Die Frau Direktor hauchte mit tiefster Geringschätzung: »Phantast!« ihrem Manne zu, aber sie wickelte in den geringschätzenden Hauch Andersen mit ein. Es war, als ob sie hinzugefügt hätte: »Sie sind nichts für meine Töchter.«

Woppl, der mit dem mediumistischen Sinn der Eifersucht dies deutlich heraushörte, sagte zu Andersen mit überquellender Verbindlichkeit: »Herr Doktor, mein wärmstes Interesse, Herr Doktor!« Papa Direktor dagegen stammelte zu Ethels Befriedigung: »Großartig! – Phänomenale Idee! – Offenbarungen! – Schon lange kein solcher Genuß!« Lydia zog das linke Bein hinter das rechte. »Recht tief,« wie der Tanzmeister es sie gelehrt. – »Mit einer anmutigen Verbeugung des Kopfes.« – »Etwas schelmisch nach links.« Ethel drückte ihm warm die Hand, man trennte sich.

Allein geblieben, begegneten sich die Blicke von Herrn und Diener feindselig. Andersen suchte ihn strafend anzublicken, aber Gunnars schielendes Auge erwiderte fest, wenn auch mehr nach Andersens linker Westentasche hin, und väterlich vorwurfsvoll und sprach: »Da warst du wieder im Begriff, eine schöne Dummheit zu machen.«

»Er hat recht,« dachte Andersen verlegen hustend.

Andersen ging erregt im Zimmer auf und ab: »Geld? Was war mir bis heute Geld? Chimäre! Maskenflitter! Schmetterlingsstaub! Aber jetzt: Reich sein! Reich um jeden Preis! Reich ihretwegen! Sie in Samt, Seide, Pelzen! In Equipagen, in einem Palast! O Lydia! Ja, ich fühle, dieses wunderbare Wesen mit ihrer kindlich unberührten Seele muß weich gebettet sein wie eine antike Venus auf Wolkenpolstern, von girrenden Turteltauben gezogen. – Aber diese Ethel macht mich verwirrt. Ihre glühenden Kohlenaugen leuchten seltsam magisch! Eine Seele von Weib! Sie blickte mich mehrmals an, als ob sie mich durch und durch sehen wollte, mit ihrem Herzen durch und durch wärmen – durch und durch! O diese Ethel! … Aber Lydia! …

Die Gesellschaft war unterdes die Treppe hinuntergestiegen.

»Ein Phantast!« keuchte Frau Ehrsam.

Lydia: »Ich möchte sagen, ein grausamer Phantast! Denn er entkleidet alles Leben bis aufs schauerliche Gerippe.«

Papa: »Du meinst bis auf das schauerliche Gerippe der Zahlen.«

Ethel atmete schwer und tief. Sie zitterte und ihr flimmerte vor den Augen. Sie trat im Taumel die Stufen.

Sie hatte in den Geist eines hochstrebenden Mannes geblickt wie in einen Zauberspiegel. Sie war entzückt und berauscht. Sie fühlte in sich Seligkeiten, Wonne und Musik. Das »zierliche Wunderwerk aus Sèvres«, wie Woppl sie nannte, fühlte in sich alle Nerven ihres feinen kleinen Leibes, von heißer, vibrirender Glut bewegt, zart und harmonisch erklingen … Sie dachte an das Experiment aus ihrem Physik-Laboratorium: Tönende Flammen.

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