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Buchschmuck

XXIII. Kapitel.
Stultitia populorum …

Eine Menschenmenge drängte sich vor dem Rathause.

In der Großen Halle war Volksversammlung. Frithjof und Ethel, vom Gedränge fast getragen, fanden sich plötzlich im Riesensaal. Drei Redner folgten einander auf der Tribüne; ein Schullehrer, ein Pastor, ein Reichstagsabgeordneter.

»Hurra, Hurra, Hurra!«

»Für König und Vaterland!«

Alles schien sich auf den Krieg zu freuen, alle warm von Begeisterung, von jener pelzgefütterten Begeisterung, in die man sie wickelte und in der sie sich so herrlich wohl fühlten – dem bekannten wohlig warmen Wolfspelz des Patriotismus und des Christentums. Ungeheuer zarte, süßliche, in der Herzenseinsamkeit fröstelnde Schafe in einem gräulich-roten, struppig-wilden Wolfspelz: Voll heroischen Opfermuts, den mühsam gepflegten Garten der Kultur zu zerstrampeln und müßten sie sich dabei dem großen Metzger ans Messer liefern. Der Lehrer redete süßlich, der Pfarrer ölig; aber den größten Applaus trug der Abgeordnete davon: er war grob. Wie es auf allen Gesichtern leuchtete, wie es aus vollen Mannes- und anderen Brüsten »Hurra« rief! Es lag darin etwas Berauschendes, Hinreißendes! Man fühlte, wie ihnen der brutal-witzige Ton des Volksredners aus der Seele ging. Sie wollten hinaus aus der Selbständigkeit, der Würde, dem Wirken des bürgerlichen Lebens, zurück in die Schule, die Kaserne, unter den Bakel des Belfers, die Fuchtel des Feldwebels. Sie wollten die Arme regen, wollten Helden sein in den Eingeweiden ihrer Mitmenschen, sie wollten prügeln und geprügelt werden.

Neben Frithjof schrie es besonders laut; er erkannte seinen Flickschneider. Einen schmalen, blassen Menschen, den man sonst Tag und Nacht mit untergeschlagenen Beinen auf seinem Tische sticheln sah. So stichelte er in Röcke, in Hosenböden hinein seine heimlichen Gedanken und Gefühle, wie er die Welt sah und wie er sie erfüllen wollte, und manches zum Kugliglachen kunterbunte Kinkerlitzchen und manchen Schwertstreich-Traum einer Schneiderseele. Jetzt hatte ihm die Begeisterung allen Zwirn aus dem Öhr gebracht, die Augen quollen hervor, noch bleicher und hinfälliger als gewöhnlich schien er. Mut durchfieberte ihn, Heldentum beutelte ihn, Patriotismus schwitzte aus allen seinen ungewaschenen Poren. »Für König und Vaterland!« tobte er wie besessen, ebenso wie er in einer anderen Versammlung »Für Zwirn und Hosenknopf!« sich fanatisiert hätte.

An der Wand lehnte ein Gymnasialprofessor mit Bart, Brille und hoher Stirne, der furchtbar grimmig auf den Schneider hinabäugte. Es war der klassisch-philologische Bart- und Brillengrimm, mit dem er seinen Jungen, dieser Brut eines »barbarischen« Jahrhunderts, gewaltigen Respekt vor der hohen Kultur gereimter Genusregeln einzuflößen pflegte. Er war sein lebelang in einer Art Presse gelegen, zwischen verdächtigen Lausbuben, deren er mit griechischer Weisheit und mit dem Notenbüchlein in der Hand sich zu erwehren suchte, und zwischen Rektor und Schulbehörde, die ihn selbst niederdrückten und in gehorsamer Untertänigkeit hielten, schlechter als ein Schulbübchen. Nun war in ihm sein mühsam verhaltenes Griechentum, das längst verjauchte Ideal von Staats- und Menschengröße akut geworden und brach wie eine brandige Beule aus.

Neben dem Professor stand ein junger, furchtbar schneidiger Leutnant, drehte sein Schnurrbärtchen, während er an seine Spielschulden, Kasernenhofbrutalitäten und verführte Mädchen dachte. Er fixierte, durchaus nicht herablassend, vielmehr kasernenscharf die Kanaille, von deren Arbeitsschweiß und Steuergeldern er lebte, und die sein Nichtstun und seine Passionen bezahlte, deren Söhne er kujonierte und deren Töchter und Frauen er als sein Jagdwild betrachtete, er schnitt den Plebs, der ehrfurchtsvoll einen Kreis um ihn bildete, damit der Herr Offizier nicht ebenso im Gedränge stehe wie die anderen. Die Offiziere waren überhaupt furchtbar im Werte gestiegen; die schlappsten Schleppsäbel klapperten lauter als gewöhnlich. Wenn die Plempen übers Pflaster schleiften, rasselten sie aufdringlich: Wir sind die Vaterlandsretter! Wir sind die Vaterlandsretter! Und die sadistischen Soldatenpeiniger, die Menschenmetzger aus Naturtrieb strahlten schon als Cids im blendenden Lichtschein ihres nahen Avancement.

»Hurra, Hurra, Hurra!«

»Für König und Vaterland!«

Dann stimmte die Versammlung einen Choral an. Die charmanten Töne eines beliebten Opernsängers schwebten den mächtig rauschenden Klangwogen voran; es war ein großer, erhebender, einziger Augenblick! Ein Volk, einig mit seinem Fürsten zu Taten unvergeßlichen Heldentums!

»Wenn sie nur von ferne so etwas wie ein Ideal riechen, fährt sofort die Bestie in sie … Ideal-Tiere, die Religion, Gottesfurcht, christliche Nächstenliebe, Kultur, Sittlichkeit durch Feuer und Schwert bestialisch verbreiten möchten … Der Brat- und Leichengeruch ihrer christlichen Nächstenliebe allein genügt, um Jahrtausende zu verpesten … Betende Bluthunde, Karnassiers, begierig sich gegenseitig die Leiber zu zerfetzen, um des verbrecherischen Ungeschickes eines fürstlichen Tollpatsch willen!« murmelte ein langhaariger Gelehrter, der neben Frithjof stand. Frithjof kannte ihn: ein Arzt, ein Naturforscher, der, nach vierzig Jahren mühseliger Arbeit und des Kampfes mit armseligen Verhältnissen, ein anästhesierendes Mittel gefunden, eine Einspritzung in die Rückenmarkflüssigkeit, um die unsäglichen Qualen von Hunderttausenden, bei denen chirurgische Eingriffe nötig waren, von Amputierten, Gebärenden, Sterbenden, verschwinden zu machen, jenen Schmerzenssumpf, der alles Menschliche in sich einzieht und erstickt. Der Arzt sah im Geiste schon das Feldlazarett vor sich voll von Charpiehaufen, Binden, Kompressen, Schwämmen, Messern, Pinzetten, mit denen man die Nerven und Adern der zu Krüppeln Geschossenen hervorzerrt, die Sägen, die in den Knochen leise knirschen, er sah alles, was nach Karbol und Schmerz riecht. Er sah schon die Erntewagen voll blutenden Fleisches, roch den rußenden Qualm der Feuersbrünste, fühlte die entsetzliche Verzweiflung der Verlassenen! Der Greise, Mütter, Kinder! – Und wozu?!

»Müßiggänger, elende, verbrecherische Metzgerhunde! Für euch quälen wir uns, euch eine Kultur zu schaffen!« Vierzig Jahre voll Arbeit und Entbehrungen traten vor sein Auge, er knirschte mit den Zähnen und eine Träne preßte sich zwischen seine von Nachtwachen geröteten Lider. »Heulende Makaken! Dummjaks! Für die Kultur verloren gegangener Menschenmist, der sich zu künstlichem Mut erwärmt und dabei vor Niedrigkeit stinkt! Latrinen-Dung! Menschenmist!«

... Mächtig schwoll der Choral aus tausend begeisterten Herzen.

»Blauärschige Mandrills! Mit Euerem bluthündischen Gewinsel! Wofür? Für einen Popanz!«

»Und was für einen Popanz,« sagte Frithjof, der jedes Wort genau gehört hatte.

Auch die Umstehenden hatten es gehört. Erst wurden einige Stimmen laut, dann ein Stimmengewirr, Füße scharrten, Stühle wurden gerückt. »Hinaus! Verräter! Vaterlandsverräter! Schlagt ihn nieder! Schlagt ihn tot, den Hund! Spion! Wo ist die Polizei! Hängt ihn!« Und der dürre Schneider, dessen Klappergebein sein leeres Lebelang für Vaterland und Menschheit Hosen gestichelt hatte, – alte Hosen, neue Hosen, Hosen mit einfachem Boden, Hosen mit gefüttertem Boden – warf sich gleichzeitig mit dem Griechisch-Professor, der in Alkibiades Tugenden herumgeschmökert, umbrandet von einem brüllenden Haufen anderer Patrioten, aus denen der pockennarbige, fischgespenstige Calibankopf des taubstummen Gunnar hervortauchte, schäumend vor Bestialität, auf den unansehnlichen, bleichen, rotgeliderten, erschöpften Leidenserlöser. Frithjof gelang es mit Mühe, den Forscher, der aus einer Stirnwunde blutete, vor der fanatischen Menge zu retten.

Der Chorus aber fuhr ungestört fort:

»Jesus, Heiland, der du bist die Liebe!« …

Da schlug ein lärmendes Lallen, ein viehisches Stammeln an Frithjofs Ohr. Er drehte sich rasch um. Inmitten der begeisterten Menge stand sein Gunnar und tobte. Mit Händen, Füßen, dem Kopfe gestikulierte er, seine schielenden, stechenden Augen waren noch unheimlicher, sein verwüstetes Gesicht noch lasterhafter in seiner Zerrissenheit, sein tolles, übersprudelndes, höhnendes Lallen noch besessener, dämonischer. Und er paßte so ausgezeichnet da hinein. Frithjof blickte zu ihm hinüber, machte Ethel auf ihn aufmerksam, auf diese packendste Personifikation der Volksbrut. Gunnar war ganz der Inbegriff der Masse in ihrer edelsten Begeisterung. Er der Narr mit den tausend Stimmungen, er das Menschenbruchwerk mit den schlecht geflickten Seelenfetzen, er, der einäugige Dämon mit den zahllosen Halbcharakteren! Seiner Laster und Fähigkeiten unbewußt, ein Kielkropf, unfertig und gespensterhaft, Quartalssäufer, ein Spielball Jahrtausende alter Suggestionen – die gezähmte Tollwut! Dieser Tölpel war das Volk! Die Staatsmänner wiegten es in eine beständige Gefahr; denn von diesem Wiegen lebten sie, ihr Ansehen wuchs mit der Gefahr. Das Volk, furchtsam, feig, Quartalsdelirant des Fanatismus, des Jähzorns, der patriotischen Begeisterung, fiel mit bangem Herzklopfen und prahlerischem Maulen die Nachbarnationen an: Das Volk, ein gezähmter Maniak, wußte sehr gut, was ihm nötig war, wenn es sich selbst die große Zwangsjacke von Polizei und Armee anfertigte und über den Leib zog. Frithjof lächelte: Die Behörden waren nicht die Diener des Volkes, sondern seine Zwangsjacke; das Heer, das Volksheer, aus seinem eigenen Blute geknetet und geknechtet, war nicht die Sicherheit, die Kraft des Volkes, sondern seine Zwangsjacke …

»Hurra, Hurra, Hurra!«

»Für König und Vaterland!«

Frithjof war es gelungen, den blutenden Leidenserlöser in einen Wagen zu bringen. Er hatte voll Ekel und Verachtung diese Versammlung verlassen, die ebenso war wie andere Versammlungen, in denen man dem Bürger neue Sünden konstruierte und verbrecherische Tugenden und wo brutale Regierungsmänner zur Maskierung ihrer schnöden Gewaltspolitik unaufhörlich vom »christlichen Staate« schwärmten. Draußen sagte er zu Ethel:

»Wie sie sich des Christentums erfrechen! Armer Heiland! Ihm geht es, wie allen Werkmeistern großer Gedanken! Wäre heute nicht selbst Christus, käme er wieder, genötigt, sein Werk zu zertrümmern? Würde selbst ein Gottessohn diese ungeheure Verantwortung, diesen unsäglichen Schmerz ertragen: Sich geopfert haben – um einen Ozean neuer Sündhaftigkeit zu erzeugen! Würde er sich nicht vorkommen, er, der Urheber des Ungeheuerlichen, wie ein Knabe, der über Blumen ein Krüglein Wasser ausschüttete und ein Meer entstehen sieht, ein Meer mit seinen Sturmfluten, seiner gierigen Brandung, die Schiffe und Inseln in die Tiefe wirbelt, Kontinente mit ihren Städten und Äckern untergräbt, verschlingt! …«

Frithjof erbleichte vor einem neuen grandiosen Gedanken: »Vielleicht ist dies nicht nur das Schicksal der Göttersöhne, nein, der Götter selbst! Das Geheimnis des Weltwiderspruchs, der entsetzliche Abgrund? Ein Gott, der das Edelste wollte und das Grausamste schuf!

Am Ende ist dies Weltleid Gottesleid, die Heterogonität in den Zielen eines All-Schöpfers!«

Dann schwieg er unter der Wucht der Vorstellung. Ethel sah ihm sinnend ins Gesicht. Ihr ängstlicher Blick suchte unter seiner Stirne die Gedankenmaulwürfe, die sich dort eingewühlt, herauszugraben. Frithjof aber dachte in diesem Augenblick: »Ich muß das Werk zerstören, es ist meine Pflicht …«

Und wie er an den Androiden dachte, da lachte es in ihm wieder auf.

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