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Buchschmuck

Geleitwort

Lieber Bürger, edler loyaler Untertan, der du kritiklos bewundernd vor allem und jedem devotest auf dem Bauch rutschest was man dir als groß und glänzend hinstellt, für den nichts dumm genug ist, als daß er nicht täppisch darauf hineinfiele, für den nichts lächerlich genug ist, als daß er es nicht ernst nimmt, für den nichts ernst genug ist, als daß er es nicht frech begrinst, der bereitwilligst den Genius blutig verfolgt, wenn er dafür ein Trinkgeld, ja nur das huldvolle Kopfnicken der Lakaien einheimsen kann – Ihr Alle von der edlen Gilde derer, die nicht alle werden: hier habt Ihr den Künstler gefunden, der Euch liebevoll Euer Porträt vorhält, den Biographen, der den Mechanismus Eurer ganzen Beschränktheit rücksichtslos freilegt.

Ein großer satirischer Zug weht durch dieses Werk – es ist die Schärfe des Blicks, die hier aus der Wirklichkeit eine Satire macht. In Romanform ist das Buch, das im ersten Drittel sich auch bloß als naive Erzählung gibt, weit mehr als ein Roman. Es ist nur spannend wie ein Roman und amüsant wie die Phantasie des boshaften Humoristen, aber der geistige Gehalt ist schwer und gediegen gleich einer tiefen wissenschaftlichen Arbeit. Nur nicht so langweilig, wie solche in unserer Zeit – wo der Snobismus und das Protzentum sogar schon auf die intellektuelle Sphäre übergegriffen hat – zumeist noch sein müssen, um voll gewürdigt zu werden. Wer dieses Buch gelesen hat, dem ist der Star gestochen, der hat aufgehört staatsblind zu sein, der ist aus seinem bürgerlichen Schlummer aufgeweckt. Darum ist es auch ein Aufklärungsbuch par excellence! Namentlich für die Unzahl jener großen Kinder, die am gefährlichsten werden, wenn sie artig sind, wo sie dann mittels Zuckerbrot und Peitsche zu allem zu haben sind, wofür man sie haben will.

Am künstlichen Menschen, am Automaten, der die Welt erobert, wird hier – wie in der Medizin am Phantom – die ganze Enge des Menschendaseins gezeigt: eine Tragödie, wo es sich um den nach Unendlichkeit ringenden wahrhaft schöpferischen Menschengeist handelt, ein Komödie, wo die ganze Nichtigkeit des leeren Popanz, die aufgeblähte, sich unendlich wichtig nehmende Impotenz der betreßten Tagesgröße offenbar wird. Wer reiche Anregung zum Nachdenken über die tiefsten menschlichen Probleme nicht scheut, weil er Gefahr läuft, sich dabei auch zu unterhalten; wer einem Roman deshalb nicht aus dem Wege geht, weil er ihn zwingt, oft mitten in der besten Unterhaltung zu einem ernsten konzentrierten Nachsinnen sich aufzuraffen, der greife zu diesem Buche und helfe, was an ihm liegt, diese Quintessenz von Philistergift überall auszustreuen. Der Philister selber aber schaue dankbar zu seinem Verfolger empor! Er hat ihm ein unzerstörbares Denkmal gesetzt. Nie wird anmaßender Bürgerstumpfsinn einen kraftvolleren Bildner finden, nie wird das gottgeschlagene Rindvieh, jener erlauchte Ahnherr der allerdümmsten Kälber, die sich wählen ihren Metzger selber, auf glanzvollerem Piedestal sich erheben.

Das Buch klingt in ein Lachen aus, das mit leise verstohlenem Kichern anhebt, das aber allmählich das Zwerchfell der Mutter Erde erschüttert und so stark wird, daß alle überkommenen Schranken zu wanken beginnen. Es ist das gesunde, läuternde, heilige Lachen der innerlich Freien, der Aufgeklärten, derjenigen, die hinter die Kulissen geblickt haben. Ein Blick hinter die Kulissen des Staatstheaters mit all seinem papiernem Flitterwerk, ein Blick hinter die Kulissen der Götzentempel, ja mehr als das, ein Blick hinter die Kulissen des Ich, hinter die Kulissen der menschlichen Seele – das ist es, was Gilberts Werk, was seine Automatenschöpfung vermittelt. Es demaskiert uns in jeder Uniform, in jeder Livree, in jeder Maske, ja es demaskiert am Ende sogar noch unsere Nacktheit: die Satire des Scheins steigert sich damit zum Pamphlet des Seins.

Aus diesem Grunde hat das Buch auch nicht nur künstlerische Bedeutung, sondern zugleich Erkenntniswert. Es ist Weltanschauungslehre in der gefälligen Form der Dichtung. Wissenschaft gleichsam im Walzertakt … die Walzerrhythmen wachsen aber schließlich zu symphonischen Akkorden an – und mit einem Male bemerken wir mit Grausen: es ist ein Totentanz, ein neuer vergeistigter Totentanz, raffiniert instrumentiert, in dessen wunderlichen Reigen wir uns nichts ahnend schwangen!

Rudolf Goldscheid.

Buchschmuck


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