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Buchschmuck

XII. Kapitel.
Gedankenspiele

Ethel ging mit ihrem Vater die abendliche Straße am Dürrensee entlang. Sie hörten in der Ferne die Souperglocke.

In den wunderbar wechselnden Farben des sterbenden Tages, eh' der Goldglanz in einem Ozean schwarzen Schweigens ertrinkt, flimmern die Firnen und Eiskuppen, die Gipfel des Cristallo und die Türme der »Zinnen« noch einmal in magischem Lichte auf. Es ist ein Freudeleuchten, ein Lächeln in die Ferne hinüber, ein Gruß nach den Gefilden, wo es noch tagt. Dann erblassen die hohen Spitzen allmählich, sie dämmern und dunkeln, sinken in die Stille der Gebirgsnacht hinein. Mit ihnen alles Leben; die Gäste zwischen Schluderbach und Landro, die sich noch verspätet haben, wandelnde Silhouetten, auch sie versinken in die tiefe Stille der Gebirgsnacht. Oben funkelnde Sterne am ungewohnt klaren Firmament, herbe Luft, rauh anfassend, nicht fächelnd … »Höhenluft,« seufzte die kleine schwarze Ethel, deren Nerven besonders ergriffen und auf die Probe gestellt waren.

»Die Luft massiert einem geradezu die Nerven … die Naturheilkunde …« Papa Ehrsam brach sofort ab, er fühlte in seinem Kinde eine wehe Stelle brennen. Wie gern hätte er etwas zur Linderung beigetragen. Er war ein begeisterter Anhänger von Gymnastik, Kaltwasser und Prießnitzschen Umschlägen: »Warum sollte man nicht die Seele durch veränderte Verteilung des Blutkreislaufes umstimmen können? Die ganze Hirntätigkeit hängt doch nur vom Blutkreislauf ab?« Er sah in ihrem Aug eine Träne lächeln, im Tropfen noch die letzten Strahlen der Dämmerung glänzen; sie rann über die Wange, die dunkler schien als sonst und doch von einer Zartheit, durch die das Geäder rein hervortrat. »Mein Rauchtopas!« scherzte der Vater wie sonst.

Ethel war tief unglücklich.

Zwischen ihr und Mama herrschte ewiger Krieg und doch hatten sie gemeinsame Züge. In der Mutter hatte einst ebenso ein Streben nach etwas Außergewöhnlichem gelebt; auch die Tochter war selbstbewußt, eigensinnig und ließ sich in ihren Entschlüssen nicht irre machen. Schon als Kind fühlte sie sich im steten Gegensatz zur Mutter, die ihrerseits mit einer Art Schadenfreude alles anwandte, um die Wünsche ihrer Tochter zu durchkreuzen. In den Kinderjahren tat sie es im Namen der Erziehung und, als Ethel herangewachsen war, im Namen der Weltklugheit, der Wohlanständigkeit, der Leute wegen, und einer ganzen Reihe anderer derartiger Gründe. Frau Ehrsam hatte eigentlich anfangs keine direkte Abneigung gegen Andersen verspürt, ja, er war ihr sogar sympathisch vorgekommen, – physisch. Allein von dem Augenblick an, da dieses Gesicht, dieser Körper nicht der Ausdruck ihrer Anschauungen war, da sie seine Ideen und Arbeiten sah und in ihm einen Mann kennen lernte, der nicht auf ihren und Woppls geweihten Spuren wandelte, bekam sie eine Abneigung gegen ihn, die noch schärfer wurde, als Ethel sich für ihn zu interessieren begann. Wie Papa wehmütig sagte: »Eure Neigungen bewegen sich im umgekehrten quadratischen Verhältnis. Verdoppelt oder verdreifacht sich Mamas Haß, so wächst deine Liebe auf das Vier- beziehungsweise Neunfache. Das Verhältnis, – wenn x deine Liebe und y Mamas Abneigung ist, – läßt sich durch die Formel ausdrücken: x = a   y², wobei a Mamas uranfängliche und unbesiegliche Quantität Abneigung und y deren Zuwachs ausdrückt.«

Ethel fiel ihm dann zärtlich um den Hals: »Du mathematischer Schwärmer.«

Ehrsam, mit komischer Unbeholfenheit sich entschuldigend: »Es ist nur eine selbstverständliche Formel!«

Ethel ergänzte: »Aus der modernen Psycho-Physik!«

Ehrsam mit gemachtem Ernst: »Lache nicht, mein Liebling. Liebe! Haß! Das sind Einbildungen. Der Mensch besteht aus 13 Elementen! Die bauen die Maschine auf, Mensch genannt. 5 davon sind gasförmige und 8 feste«

»Als da sind: erstens – – –?«

»Einen Normalmenschen von 70 Kilogramm Gewicht zu brauen, gilt folgendes Rezept:

 

Rezipe: Sauerstoff 44,00 Kilogramm gleich 28 Kubikmeter
  Wasserstoff 7,00 " gleich 80 "
  Stickstoff 1,72 "      
  Chlor 0,80 "      
  Fluor 0,10        

 

Das sind erst die Gase.«

»Der reinste Luftballon?«

»Ich bitte mir Ernst aus. – Fahren wir fort: Feste Stoffe: 22 Kilo Kohlenstoff. Also ungefähr soviel, um mit unseren heutigen Dampfmaschinen 22 Stunden lang 1 Pferdestärke zu erzeugen. 0,8 Phosphor, für Hirn und Nerven ein Zehntel Schwefel, 1,75 Calcium, 3 Hundertstel Kilo Kalium, 7 Hundertstel Kilo Natrium, 0,05 Magnesium, Eisen 45 Gramm, das ist etwa eine große Stricknadel …«

»Und da überfüttern einen noch die Ärzte, wenn man blutarm ist, mit Eisenpräparaten!«

»Summa 70 Kilo! Edelmetalle gleich Null!«

»Nichts?«

»Nichts!«

»Ein reines Glück, sonst würden die Menschen aus den Schlachtfeldern Goldfelder machen.«

»Der Mensch ist ein Automobil. 22 Kilo Kohle können laufen, schnaufen, aber nicht lieben. Unsinn! Liebe ist Einbildung.«

»Aber Papa, was ist Einbildung?«

»Einbildung ist … ist … wenn Kohle und Phosphor zu heftig verbrennen.«

Ethel ergötzte sich an Papas augenblicklicher Verlegenheit, wie überhaupt am Gedankenspiel. Sie fuhr fort: »Was ist Leben überhaupt?«

»Leben ist Stoffwechsel!«

Ethel: »Ich begreife. Wie der Mensch Kleider wechselt, so wechselt er auch Elemente. Er legt neuen Kohlen-, Wasser-, Sauerstoff an, zieht frischen Phosphor über die Seele, streut Schwefel in sein Hirn, pudert seine Knochen mit etwas Kalk und heftet sich mit einer Sicherheitsnadel Eisen die Daseinsfreude zusammen. Wozu die weiten goldgelben Ährenfelder, die Viehweiden und Sennhütten, der Fleischer, der Bäcker, die Obstbäume?! Man geht zum Chemiker, läßt sich den alten Adam hinausdestillieren und einen neuen einfüllen.«

»Ganz richtig! Die Chemie wird künftig künstliche Nahrungsmittel erzeugen.«

»Dann braucht der Mensch nur 70 Kilo Ersatzmaterie, damit reicht er sein lebelang. Er zieht alle acht Tage die alten Elemente aus, schickt sie zum Chemiker? Damit der daraus frische Nahrung konstituiere, sie assimilationsfähig mache. So führt jeder seinen Nahrungssatz, – wie die Spiritisten sagen würden: die materielle Substitution seines Astralleibes – bei sich.«

»In einem Kofferchen.«

»Ganz recht! Dein Herz, z. B. das tätigste Organ, das sich am raschesten abnutzt, setzt seine Stoffe schon in drei Tagen um. Denk an, das treueste Herz hält nicht länger! Du hast alle drei Tage ein nagelneues Herz. Siehst du, Maus, mit der Liebe ist es aus!«

Ethel, sonst zärtlichkeitskarg, umarmte den Vater. Sie waren beide sehr guter Stimmung. Sie liebte es, wenn er sie scherzend belehrte, obgleich ihren schwärmerischen Idealitätsdrang nicht alles befriedigte.


Nach dem Souper machte die Familie Ehrsam gewöhnlich einen Verdauungsspaziergang. Papa und Ethel hatten ihre Gedankenspiele wieder aufgenommen.

Sie hielten sich dann auf der Hauptstraße gegen Schluderbach zu, da man sich hier nicht im Dunkeln ängstlich mit den Füßen durchtappen mußte und weniger in Gefahr war, fehl zu gehen oder unangenehme Abenteuer zu erleben. Auch war es minder unheimlich als unter der Finsternis wunderlich gestalteter Bäume, die in Verschworenenhaufen, ein- und niederträchtig munkelnd, zusammenstanden. Es war eine augenlose Nacht! Die Finsternis hatte sich ausgebreitet mit ihren zahllosen schwarzen Mantelzipfeln, über die man leicht stolpern konnte.

Mama geht mit Lydia; sie beklagt sich sehr über Woppl, der am Abendtisch sitzen geblieben war: »Da klebt er wieder an den Engländerinnen wie eine Fliege am Syrup! – Und Ethel und Papa gehen unfehlbar voran wie immer und treiben Philosophie.«

Lydia meinte: »Diese Ethel! Ich begreife wirklich nicht, wie kann man sich nur immer Schnupftabak in die Seele streuen lassen.«

Ehrsam war zu entfernt, um diese Bemerkungen zu hören. Er suchte gerade die Liebe zu klassifizieren, um an den verschiedenen getrockneten Arten zu zeigen, wie leblos sie wären. Als das nicht half, wurde er ernster. Sie gingen schweigend Hand in Hand, im Anblick der Berge versunken.

Im Verstummen der ruhelos nervösen Ethel war es zu fühlen, welch' unendliches Sehnen in ihrem Herzen, welch' würgender Schmerz in ihrer Kehle aufstieg. Ehrsam, in seiner ungelenken Art, suchte das überquellende Gefühl zu dämmen. »Mein Kind, was ist Liebe, Liebe ist Einbildung.« Papa Ehrsam sagte es eigentlich nur, um ihr ihre Gefühle auszureden. Denn, ob er auch in Wirklichkeit niemals geliebt hatte, so lernte er doch in den Tränen seines Kindes dieses Gefühl begreifen und werten. Und als Ethel die Achseln zuckte, fuhr er betroffen fort:

»Ein Beweis dafür: Die Menschen haben in verschiedenen Zeiten verschieden geliebt. Es ist alles nur Mode! Als Werthers Leiden erschienen, grassierte der Werthertod! Die Welt hat immer anders geliebt, einmal à la Byron, dann à la Musset, gestern war der Naturalismus Mode, das Weib aus dem Volke, oder die Cameliendame im Spitzenbattist der Unschuld, dieser Rührbrei von Gnade und Laster; heute ist die emanzipierte Frau an der Reihe. Die Frauen sind Automaten der Liebe; man richtet sie auf bestimmte Sentimentalitäten ein. Und darum, mein Ethelchen,« – er streichelte sie – »nur einzig darum ist dein Wissenstrieb plötzlich erwacht, hast du angefangen, Physik und Mathematik zu studieren, Habe ich nicht recht?«

»Wie kannst du das sagen, Papa! Wenn die Leute nach Goethe, Musset oder Byron geliebt haben, waren es doch gewiß ehrliche Gluten, die von selbst glimmten, und sich an den Flammen dieser genialen Menschen nur zu schöneren Feuern entfachten. Siehst du, Papachen, der Durchschnittsmensch ist ja durchaus nicht originell und deshalb ist es ja gut, wenn er für seine Empfindungen und Handlungen schönen und großen Geistern schöne und große Formen entlehnt. Das Wesentliche selbst, die Leidenschaft, aber muß vorhanden sein, muß ehrlich sein: Es ist gar nicht schön, daß du mir, gerade wie Mama, mein Studium vorwirfst! (Ehrsam wurde ganz niedergeschlagen, daß sie ihn mit Mama auf eine Stufe stellte.) Was du das emanzipierte Weib nennst, ist doch nichts anderes als die Frau, die nach einer ernsten und würdigen Materie für Denken und Empfinden, nach einem höheren Lebensgehalt sucht!«

»Du weißt doch,« meinte Ehrsam entschuldigend, »daß die Frau, welche studiert, den zarten Reiz der holden Weiblichkeit abstreift und ein Blaustrumpf wird.«

»Ach Papa, wie kannst du, den ich so schätze, nur mit so veralteten Anschauungen kommen! Die Frauen, die am leidenschaftlichsten liebten und geliebt wurden, findet man gerade unter den Blaustrümpfen. Die Leonore Tassos konnte sogar Latein und Griechisch. – Fi donc, nicht wahr? Die George Sand fand für die Fülle ihrer Empfindungen ganze Bände von Gestalten; die Romane, die sie durchlebt, ihre bittersten Herzenskümmernisse durchweinte und überwand sie in glänzenden, schöpferischen Phantasien. Und erst die Tränen, die Musset um diesen Blaustrumpf geweint, sie versteinten zu jenem süßen Perlenschimmer einer Poesie voll zartem Liebreiz. Es tut mir im Herzen weh, dich, meinen lieben gescheiten Papa, so reden zu hören wie die Leute in den Zeitungen und im Reichstag. Unwissenheit ist ebensowenig eine Grundbedingung für Anmut, wie Knochenmangel für Schönheit. Ach, ich weiß, euer Grundsatz ist: Je größer die Gans, desto zarter die Weiblichkeit!«

Papa Ehrsam begütigte sie.

»Nein, nein!« erwiderte sie leidenschaftlich. »Besonders mit meinem Studium tust du mir Unrecht. Du weißt, ich habe mich nie so vollkommen in unseren kleinbürgerlichen Strickstrumpf hineingefunden, wie es sein sollte. Es war in mir immer ein Rest von Unbefriedigtsein und unerklärlichem Sehnen geblieben, von meiner Kindheit an. Du hast ja recht, daß wir Andersen im vorigen Jahr am Achensee nur flüchtig kennen gelernt haben, wir haben kaum zweimal miteinander gesprochen. Aber der Eindruck dieser Persönlichkeit, der Eindruck seines Strebens war für mich wie eine plötzliche Erleuchtung! Auf einmal bekam mein Leben Ziel und Inhalt! Nicht wahr, es klingt ja lächerlich, wenigstens nach eurer Auffassung lächerlich, wenn ein Mädchen von Ziel und Inhalt ihres Lebens spricht. Aber im Grunde genommen, haben doch alle ein bewußtes Sehnen, ein Bedürfnis darnach! Sonst könntest du dir ja gar nicht erklären, wie die meisten, die so oberflächlich erzogen sind, später brave Hausfrauen werden! Tüchtige, aufopferungsvolle Mütter, die man oft nicht wiedererkennt. Ist es nun unrecht von mir, mein Wissen bereichern, mit dem Auffassungsvermögen eines erleuchteten Menschen auf gleicher Höhe stehen, ihn besser und inniger begreifen zu wollen? – Sage, Papa, ist es ein Unrecht, anders in die Welt stieren zu wollen, als mit den Augen eines neugeborenen Hundes, eines Maulwurfs, oder mit den Fühlfäden einer Qualle?«

»Natürlich übertreibst du wieder!« Ehrsam, der sich innerlich freute, sein Lieblingskind so reden zu hören, suchte noch immer Schutz hinter allerlei Einwendungen. »Aber ich bin doch auch Physiker und Ingenieur, wenn dein Interesse für die Wissenschaft unpersönlich wäre, warum hab ich dich nicht schon früher zum Studium begeistert?«

»Aber lieber Papa, ich behaupte ja gar nicht, daß mein Interesse so unpersönlich sei! Das ist ja mein Unglück!« – Sie trocknete sich eine leichte Träne aus den Augen. »Du unterschätzest deinen Einfluß!« – Sie sagte es zärtlich. – »Denn allerdings war es dein beständiger Umgang, die lieben Belehrungen, die du mir bei jeder Gelegenheit zu teil werden ließest, die mir von Kindheit an Interesse an all den kleinen und großen Wundern der Natur einflößten, an den vielen Gesetzen, die in so überraschender Weise um uns herum Wirkungen ausüben. Wo andere unwissende Eltern ihre Kinder durch läppische Märchen irreführen, gabst du mir Licht und Verstehen. Aber das eigentlich bewußte Streben, den Entschluß konnte erst Andersen in mir auslösen.«

Ehrsam sagte etwas eifersüchtig: »Immer dieser Andersen.«

»Ja, er erinnert mich an all die Vorzüge seiner Rasse, an Nansen, der jahrelang durch das Eis des Polarmeeres irrt, und an all die Schriftsteller, deren Bücher wir täglich lesen. Er hat das Feine und Stille, das Weite und Tiefe, – Ausschauende und Sinnende, – den Wagemut, die Wickingerseele – – – –«

»Siehst du,« fuhr sie fort, »bei dem macht es nicht das bloße Wissen! Seine Auffassung ist es! Die ist eine durchaus großartige. Spricht man mit ihm über sein Fach, so ist es nicht allein ein neues verblüffendes Gesetz, mit dem er uns bekannt macht, es ist eine ganze großartige Weltanschauung, die sich auf einmal offenbart. Da werden die Atome beseelt, in den Dunstschichten und Wetterstürmen der Atmosphäre wohnen die Leiber und Geister der Dahingegangenen! Das, was bei euch bloß Kohlensäure ist, ist bei ihm der ausgehauchte Seelenprozeß erloschener Geschlechter, ist bei ihm der Atem der Pharaonen, ist zugleich die Weltgeschichte der Menschen wie der Materie. In diesen Fluten und Wogenstürmen der Atmosphäre leben noch die Trümmer der Verstorbenen, schweben die Bausteine der Kommenden. In euren Augen, ihr Herren Ingenieure, sind wir Menschen nur rauchende Schlote, die Kohlen verbrennen wie eure Dampfmaschinen. In Andersens Hirn aber wächst dies alles zu einer unendlichen, seelischen Aktivität empor, die das All durchweht in einem großen, geistigen Entwickelungsgang, einem gewaltigen Ewigkeitsproblem! Wo bei euch alles mit dem Materialismus endet, mit eures Büchners »Kraft und Stoff«, da beginnt bei ihm das dritte Weltbewegende: der Geist. Eure Natur wird in Fabriken gehobelt, gedreht und gefeilt, in Museen einbalsamiert, in Formeln getrocknet. Seine Natur ist das ewige Leben!«

»Glaubst du denn, daß wir nicht auch das gleiche Verständnis für die Naturerscheinungen und die gleiche Freude empfinden? Überhaupt, haben wir Ingenieure nicht die Eisenbahnen gebaut, die Telegraphendrähte gezogen, die unterseeischen Kabeln! Haben wir nicht überhaupt alles geschaffen, das ganze moderne Jahrhundert!«

»Das allein macht es nicht. Ihr habt die ganze überwältigende Zeit geschaffen, aber ihr geltet nichts! Das ist's ja eben: Der Jurist, der Arzt, besonders aber der Jurist, spielen eine ganz andere Rolle im Staat und in der sozialen Wertschätzung. Ihr erinnert mich an die japanischen Bildhauer und Maler, die so feinsinnig Vorzügliches leisten und doch nur als Handwerker gering geachtet werden. Ihr seid eben nur die Handwerker gewesen, die die eigene Größe euerer gewaltigen Schöpfung nicht begriffen. Ihr habt aus dem alten Tier ein ganz wunderbar neues geschaffen. Aber das neue Tier dankt euch nicht, nennt euch nicht Dichter, nicht Seher, nicht Vater! Die Schnelligkeit Eurer Bahnen überflügelt die Flinkheit der besten Rennpferde um ein mehrfaches; die Drähte, die ihr um den Erdball gelegt, sind metallene Verlängerungen unserer Gehörsnerven auf fabelhafte Distanzen hinaus; das Echo unserer Worte ist in euere Phonographen gebannt, wie das Echo unseres Mienenspiels in Euere Kinematographen. Dynamit und die anderen Explosionskörper dienen dazu, mit leichtem Fingerdruck Felsmassen zu heben und Berge zu öffnen. Der Dampf verleiht unserm Arm Muskeln, gegen die die Kraft Polyphems nur Kinderärmchen bedeutet. Ihr habt aus dem furchtsamen Menschen, der sich vor den Blitzen Thors und Jupiters versteckte, durch Elektrizität und Sprengstoff das wilde Tier der Apokalypse gemacht!«

... Sie schöpfte Atem: »Aber ihr, die dies alles erdichtet und geschaffen, ihr habt es nicht nur versäumt, die Folgerungen für euere soziale Stellung daraus zu ziehen, ihr habt es auch versäumt, den geistigen, den staatsmännischen, den ethischen und philosophischen Gehalt eurer Schöpfung herauszudestillieren. Ihr habt eine neue Weltanschauung, eine neue Weltverfassung zustande gebracht, von deren Erhabenheit euch selbst keine Ahnung dämmert.«

Ehrsam war ganz betroffen: »Ich weiß nicht, Kind, wo du das alles her hast? Das sind gewiß die Früchte deiner Gespräche mit Andersen; aber im Grunde genommen habt ihr beide recht. Wir haben gesät, die anderen, die Schönredner, haben geerntet!« …

Der Mond war untergegangen, es wurde ungemütlich dunkel und sie fröstelten. Alan kehrte um. Eine dunkle Gestalt kam ihnen entgegen und umschlich sie lautlos. Endlich schrie sie: »Hallo!« Es war Woppl auf seinen Gummisohlen, der, wie immer, Andersen suchte.

»Sie schleichen und krümmen sich ja wie eine Katze,« sagte Ethel.

Er lächelte verlegen und suchte an vergangene Gespräche anzuknüpfen. So kamen sie auf gemeinsame Erinnerungen, auf jene Lärmnacht.

»Jene Nacht ist mir unvergeßlich,« sagte Ethel, »zuerst der Lärm, der Schreck, der mir durch alle Glieder fuhr, und dann die tolle Hexenküche.«

»Und nicht zuletzt der eindrucksvolle Zauberer?«

»Mir spukt nicht so sehr das Gesehene im Kopf, als vielmehr das Ungesehene, das unter dem halb gelüfteten Schleier Verborgene, jener Automat im Sarge. Im blitzschnellen Augenblick, da der Deckel gelüftet wurde und wieder zuflog, sah alles so kraus und wunderlich aus. Diese menschlichen Formen, ein Skelett, ein aus dem Leben herausgeschnittenes anatomisches Präparat, und überall angefüllt mit Rädern und Triebwerken, die mit ihren winzigen Zähnchen, Drähten, Schnüren und Kämmen wie nicht endenwollende Raufen von Grabwürmern in allen Größen aussahen. Ein Leib, ausgefüllt von Zerstörung und doch über allem im Dämmer der Nacht das Phantom einer unheimlichen Regelmäßigkeit, ein Extrakt aus allen Gesetzen der Natur! Ich hätte beinahe schaudern mögen, wie man vor jenen düsteren Dämonen schaudert, die wir beklommenen Atems in einsamer Nacht in verlassenem Walde oder in Felsöde aus gespenstigen Schatten tückisch hervorlauern fühlen.

Woppl lächelte: »Sie sehen zu viel.«

Dann, überlegend, fügte er hinzu: »Aber im Grunde genommen hatte ich dasselbe Gefühl, das einem das Herz beklemmt. Es war nur ein Automat, und doch sichtlich mehr als ein Automat. Vielleicht war es die Wirkung der Nacht, vielleicht das Grauenvolle der doppelten Einsargung in diesen langen schwarzen Kasten, den wir so manchesmal über schauerlich wachsbleiche Gesichter zunageln sahen. Vielleicht …«

Sie blickten sich an. In ihren Augen blitzte es verständnisvoll auf. Ethel sagte mit leiser Stimme: »Sie haben wohl auch gemerkt, der Diener …?«

»Hat er auf Sie auch diesen Eindruck des Undurchdringlichen, Geheimnisvollen gemacht? Ich weiß nicht, ich bin doch sonst eine so nüchterne Natur. Aber das eine Auge halb erloschen und doch von einer dämonischen Bosheit; wie sie plötzlich aus dem trüben Schleier der Pupille aufblitzte, um wieder jäh zu ersterben! Dieses Gesicht mit seiner pockennarbigen Verwüstung. Diese Züge, wie unter dem Schein einer Wetternacht schwefelfahl erhellt und verzerrt, mit ihren Furchen und Verstümmelungen, Runen des Lasters und innerer Stürme! Und dabei, seltsamerweise, das andere Auge von einer widerspruchsvollen und deshalb unnatürlichen Gutmütigkeit. Dazu noch dies grelle, eintönige Lallen, das uns so unverständlich angellt und das Herr Andersen so gut versteht, – wie die Sprache einer anderen, dämonischen Welt, melancholisch, giftig … wie das klägliche Lallen einer verruchten Seele, die sich in Höllenqualen windet. Etwas unsäglich Schmerzvolles, unsäglich Infernales.«

»Die Nacht macht ihn seltsam beredt,« dachte Ehrsam.

Ein kalter Windstoß, rauh und fröstelnd, fuhr durch das Tal. Sie schauerten alle, sie hörten ein heiseres Lachen hinter sich: »Ach, Herr Woppl, eben lispelten Sie noch englisch und jetzt schwärmen Sie teuflisch-mystisch!« Es war Mama Ehrsam.

»Der böse Dämon meines Lebens!« dachte Ethel. Sie verabschiedeten sich, Ethel, um von Andersen, der Mama und dem unheimlichen Gunnar zu träumen. In ihrem Traum flossen Mama und Gunnar in eine Person zusammen. Woppl träumte, er hätte den Automaten angekauft, müßte aber darum mit dem Diener ringen, der wie die anderen Phantome in Andersens Laboratorium Feuer speit und im Grunde genommen auch nur ein eisernes Gespenst ist. Bis endlich Andersen wütend dazwischen springt, und auf Gunnar einschlägt, daß dieser heulend und wie eine Rakete zischend und funkensprühend auseinanderberstet und ihm die Eingeweide in Form schnurrender Zahnradgetriebe aus dem Bauch quellen. Schwefel und Pulverdampf prasseln aus dem Balg erstickend hervor, so daß Woppl fürchterlich niesen muß und schweißgebadet erwacht.

»Ich habe zuviel vom fetten Schweinebraten gegessen,« sagt er sich vorwurfsvoll und legte sich auf die andere Seite.

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