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Buchschmuck

VII. Kapitel.
Allerhand Leute

Woppl begab sich auf einen Augenblick nach seinem Zimmer, um den Friseur zu absolvieren und in sein Lawn-tennis-Kostüm zu schlüpfen. Während dessen dachte er nach, wie er Andersen, den niemand erwartete, effektvoll einführen könne. Er wollte aus ihm eine Überraschung machen. Woppl war zu rechter Zeit wieder auf der Frühstücksterrasse und erwartete die Familie Ehrsam.

Da saß er, die Beine übereinander geschlagen, auf seinem Schoß das Racket. Er zeigte die geschmeidigen Gummisohlen seiner nagelneuen Tennisschuhe, auch einen Streifen der pikantroten Strümpfe. Dabei plauderte er behaglich mit sechs englischen jungen Damen in allen Größen und in allen Korpulenzen; angenehm dicke Backfischexemplare, sämtlich, mit Ausnahme der Ältesten, in unglaublich schlichten, kniekurzen Babykleidchen; eine Art salonfähiger Variététruppe, die das Kindlich-Unbewußte in einer Ausstellung rundlicher Formen und unzulänglicher Kostüme zum besten gab. Es war jenes Raffinement der Unschuld, die Engländer und Amerikaner besonders graziös zu mimen verstehen. Die Norddeutschen fanden sie zu wenig dezent, die Wienerinnen zu kleinbürgerlich, alle aber niedlich und spaßhaft. Die Engländerinnen – vermutlich Diplomatentöchter aus Indien – taten umgekehrt sehr destinguiert und erklärten alle Welt für nicht ganz » Komm äll fau

Die Kellnerinnen, strauchelnde Tugenden vom Lande, entrüsteten sich mit Augenzwinkern und Achselzucken, was Woppl höchlichst belustigte.

»Die Misses,« meinte er, »wären reizende Beweisstücke für das Wort, das Heine den Prüden zuruft: Wir stecken am Ende doch alle nackt in unseren Kleidern.« Bei den Engländerinnen war nur das Amüsante, daß alle Welt dies noch besonders wußte. Sie besaßen auch eine so geschickt-gedankenlose Art, es den anderen zu Gemüte zu führen. Einige weibliche Kritiker mit flinker Wiener Zunge nannten die wohl in die Breite gediehenen Töchterchen mit Vorliebe die »Mammutkälber« und numerierten sie wie Zwirnsorten nach ihrer Dicke; nur die Älteste, der Mutter gleich eine künstliche Blondine, fand Woppl ladylike gekleidet. Es waren dies die Misses Lansdale, residierend in Bombay. Woppl, – der ins Gebirge gekommen war, mit dem energischen Entschluß sich zu amüsieren, einem Entschluß, der überhaupt die Essenz seines Lebens bildete, denn auch die Ballsaison trat er jeden Winter mit demselben energischen Entschlusse an, – Woppl stürzte sich, durch das Exotische mächtig angezogen, oder wie er es nannte »intriguiert«, in das Hofmachen. Er war eben im Begriff dem Mammutkinde Nummero 1, Miß Mabel, einige Schmeicheleien zu sagen, als die Hofrätin Kubžik, eine kleine Frau mit erzwungenen Jugendfarben auf den Wangen, in schwarzseidenem Kleid, in einer Art tänzelnder Bewegung herangetrippelt kam; sie spielte so seit Jahren die eroberungslustige junge Witwe. Sie verbeugte sich beim Passieren der Frühstückstische nach allen Seiten, wünschte überall »Guten Morgen«, nickte, lächelte, warf einige freundliche Worte über das Wetter hin. »Die hat uns noch gefehlt,« brummte Woppl. Aber schon stand sie an seinem Tisch und grüßte im Halbdialekt:

»Sie g'stattn schon a Fleckerl an Ihrem Tisch, bitt' schön a klein's Eckerl!« Und eh' noch der überaus höfliche Woppl mit dem Ausdruck übermenschlichen Erfreutseins ihr einen Stuhl angeboten, saß sie schon im Eckerl auf ihrem Fleckerl.

Sie riß ohne weiteres das Gespräch an sich. »Wiss'n 's schon, hab'n 's schon g'hört …« Und es begann eine Flut brühwarmer Neuigkeiten.

»Ihre Personalkenntnisse sind ja grandios,« meinte Woppl, »ich würde mich nicht so für die einzelnen Herrschaften interessieren, denn diese Gesellschaft ist von einem einschläfernden Stumpfsinn; die Monotonie wird nur durch die entgegenkommenden gesellschaftlichen Formen einigermaßen erquicklich.«

»Sag'n S' das nicht, sag'n S' das nicht,« meinte die jugendlich Angeschminkte, die von dem Kreis der Spötter als die »Klatschrätin« bezeichnet wurde. »Das sind die interessantesten Leut'! Da seh'n S' dort den Herrn G., der immer so hinkt, das ist ein berühmter Reisender und Afrikaforscher. Sie glauben's nöt, daß er mit seinem Klumpfuß schon durch die halbe Welt gehinkt ist! – Und seh'n S', dort, der Professor Walter! Aus München! Ja, ja, der mit der scharfen Adlernas'n und der noch schärferen Professorenbrille, und was das allerschärfste ist, der durchdringende Blick unter der in Falten zusammengezogenen Professorenstirn, was! das ist ein Kapazitätengesicht!«

»Allerdings, ein unerbittlich Verbissener! Vor dem jede andere Meinung dahinschmilzt wie Schnee vor der Sonne, während inmitten der Auflösung › Errrr,‹ der Herrliche, Unfehlbare und Unvergängliche, wie ein Rhadamantus stehen bleibt. Wer ist aber jener alte Herr dort mit dem ehrwürdigen Bart und dem riesigen Panamahut?«

»Sie meinen wohl den neben der Frau mit den jungferlichen Locken und dem schreiend roten Schal um die Schultern?«

»Ja, ganz richtig, die mit den Locken, die noch immer jung gebliebene. Auf ihren Schultern der glutfarbene Schal sieht wie auf Trümmern ein Abendrot aus, und dann der grüne Entoutcas, den sie trägt, das reinste Tannengrün. In der Tat, höchst malerische Ruinen.«

»Das ist der Philosophieprofessor M. aus München und seine Frau, die bekannte Musikschriftstellerin Hevila Zidon.«

»Da sieht man, wie Geist und Phantasie ewige Jugend bedeuten!«

Die Misses lachten. »Bitte, meinen Scherz nur ernst zu nehmen,« meinte Woppl. »Mich freut es immer, wenn andere ein Wohlgefallen an Formen und Farben haben, natürlich an ausdrucksvollen Formen und sinnlichen, lebhaften Farben.«

»Aber bitt' Sie, alte Leut'!«

»Desto schöner! Alte Leute, die irgendwie jung geblieben, irgendwo in ihrem Herzen noch eine Kinderspielecke bewahrt haben.«

»Aber bitt' schön, eine alte Dame mit einem hochroten Schal und einem spinatgrünen Parapluie!«

»Ich bleibe dabei, das beweist Genußfreudigkeit! Es gibt so viele junge Weisheits- und Literaturgreise, daß es einen angenehm berührt, Greise zu finden die noch Kinder sind; zwei alte Herzen, aus deren Lebensarbeit heraus Geist und Phantasie immer von Neuem Blüten treiben und sie vor dem Eintrocknen und Verstauben schützen.«

»Ich gloube,« meinte Miß Mabel, »Sie sind ouch so ein genußfreudiges Mensch.«

»Das ich glaube ouch,« meinte Mammutkind, Dicke Nr. 2, »seit ich habe gesessen neben Sie an die letzte Table d'hôte. Sie nehmen, daß es ist ein pleasure

»Allerdings finde ich Landro nicht nur landschaftlich hervorragend, sondern auch gastronomisch,« parierte Woppl. »Man ißt hier wirklich sehr gut.«

Mabel unterstützte ihn: »Voriges Jahr erzählte mir jener Gerichtsrat dort an der Ecke, ein Landsmann von Ihnen, daß er nur einmal so gut gegessen, nämlich 1870 in Orleans. Sehen Sie nur sein rotes Gourmandgesicht! Mit dieses Gesicht in Feuer und Flamme er hat lebhaft geschildert, wie er geschwelgt in Truthähnen, Filets, Trüffeln! Wie er aufgegangen in Poulardes, Kaviare, Kompott! Vor allem aber er war hingerissen und bezaubert von ein Gänseleberpastete. Sie sollen hören, wie er sprach das Wort, ein ›exquisite Pastete‹ und dabei er … smacked … so, mit der Zunge! Ihr Kämpfer for die Einheit von Deutschland besitzte eine der hervorragendsten Tugenden Ihrer Countrymen, nämlich zu sein gerecht den Vorzügen seiner Feinde. Er ist ihnen gerecht geworden damals bis zur Aufgabe seiner Persönlichkeit; denn wie alles auf das Spitze getriebenes Tugend endete auch dieses mit einer Bestrafung! Einer, wie er sagte, ›bombenschweren‹ Indigestion.«

Auch die anderen Mammutkinder lachten, indem sie ungeniert nach dem Herrn hinblickten, bis er merkte, daß er Gegenstand ihrer Heiterkeit war und gutmütig das Lachen wiedergab.

»Ah,« meinte Woppl, »die Küche hier! Die paßt in diese wunderbare Gegend. Ganz dieselbe Nuancierung, derselbe bezaubernde Duft, wie über Berg und Himmel und dem wälderbedeckten Abgrund finden Sie in der künstlerischen Behandlung der Braten, Saucen, Kompotte wieder. Für mich ist die Table d'hôte eigentlich ein Album wechselnder Stilleben. So ein getrüffeltes Huhn in den diskretesten Ocker- und Umbratönen weckt in mir gar feine kunstsinnige Gefühle und Genüsse. Und diese Gemüse! Ja, diese Gemüse! Sie muten mich an! Man schwelgt hier wirklich in allen Reizen der Natur, der gebratenen und der gebackenen! Hier werden für mich kulinarische Genüsse zu ästhetischen!«

Woppl sprach mit einem Schwung, dem man nicht recht ansehen konnte, ob er Ironie oder Ernst war. Und dabei rückte er Miß Mabel nahe, ganz nahe, wie immer, wenn er sich für eine Dame interessierte. Er hatte den Kopf vorgebeugt, sodaß sich seine Augen in die ihren bohrten, den Mund ganz breit verzogen zu einem zärtlichen Grinsen. Er war augenscheinlich bemüht, Eindruck zu machen, so daß Mabel etwas geniert sich erst rückbog, dann zurückrückte. Das war so seine Art mit Damen zu sprechen. Er lag gewissermaßen mit seinem Gesicht auf ihrem. In diesem Augenblick kehrte die Familie Ehrsam vom Spaziergang zurück. Von Ferne schon sah Frau Ehrsam an der Verandabrüstung die Szene und in ihrem Ärger über Woppl, der sie im Gebirge fürchterlich enttäuscht hatte, sagte sie zu ihrem Mann: »Sieh nur, sieh nur! Jetzt macht er schon wieder einer neuen den Hof, dieser Windhund! Und wie er in sie hineinspricht' So macht er's immer, wenn er mit Damen spricht, mit Rede und Augen, mit Mund und Nase steigt er ihr in den Magen hinein!«

Die Gesellschaft auf der Veranda sah die Ehrsams von ferne kommen. Die Klatschrätin fuhr sogleich über sie her. »Ah, das ist ja die Frau Direktor! Sag'n's, die müssn aber wohl sehr reich sein, die hab'n alle Tag a Poar weiße Glacés. Ich bitt' Sie, weiße Glacés im Gebirg! Am End noch dekolletierte Ballkleider! Warum nöt gar!«

Woppl hütete sich, die Gloriole des Reichtums zu zerstören, mit der sich Frau Ehrsam ihrer Töchter wegen umsäumt hatte. »Allerdings,« sagte er malitiös, um Frau Kubžik zu ärgern, »sie sind sehr reich, sie gibt ihren Töchtern eine Heidenmitgift.«

»So, so!« sagte Frau Kubžik und schien vor Neid zu platzen. »Aber sie sieht doch immer schwarz und sorgenvoll aus, ich glaub', sie ist mit ihrem Herrn Gemahl net zufried'n. Was ist denn der Herr Gemahl?«

»Oh, dieser Herr Gemahl,« log Woppl, »ist einer der berühmtesten Techniker Deutschlands, er war bisher Direktor in unserer Fabrik – Zisch & Woppl – Automatenfabrik – und hat jetzt einen bedeutenden Ruf nach … nach … (Woppl wußte selbst nicht, wohin) nach dem Süden erhalten.«

»Bitt' schön, was kriegt denn so ein Direktor für ein Gehalt?« frug die Klatschrätin im Gedanken an das niedrige Einkommen ihres verstorbenen Mannes, des Staatsbeamten.

»Na,« log Woppl munter weiter, »ich sollte es ja nicht sagen, aber ich weiß ja, Sie erzählen es nicht weiter, es bleibt unter uns. Er hat sich in den letzten Jahren mit Tantième so auf 80 000 bis 100 000 Mark gestanden.« Woppl dachte dabei: Ich wäre froh, wenn mein eigenes Einkommen so groß wäre.

»So, so,« sagte Frau Kubžik und wurde noch blässer und gelber.

Woppl war schon auf dem Sprunge ihr beizustehen, falls sie wirklich auseinandergehen sollte. »Augenscheinlich hält das Mieder so fest,« raunte er Mabel zu. Mabel nickte verständnisvoll. Woppl bemerkte noch: »Zwei reizende Töchter hat sie.«

Mabel drohte mit dem Finger: »Ich gloube, Sie machen die Blonde das Hof. Sie ist aber auch eine beautiful lady

» Indeed, a beauty

»Doch glaube ich, eitel und vergnügungssüchtig,« sagte Frau Kubžik.

»Nun, das möchte ich nicht behaupten,« erwiderte Woppl. »Wohl aber etwas stofflich im Gemüt; sie ist die Mutter ins Blonde übertragen, äußerlich kristallne Reinheit und innerlich so etwas wie Baumwolle.«

»Ich,« fiel eine kleinere Nummer der Mammutkinder ein, »ich würde die kleine Schwarze vorziehen, sie ist so nice und lieb.«

»Die würde ich schon eher mit einer feinen Brabanter Spitze vergleichen,« sagte Woppl.

» As yellow

»Nein, sondern so zart und fein, so zierlich durchbrochen und doch so stark.«

»Sie schwärmen ja!«

»Sie zum Beispiel, meine kleine spaßige Miß, würde ich mit Seide vergleichen, wissen Sie, so eine helle Seide, mit vielen prachtvollen Lichteffekten.«

» Thank you, très aimable

»Aber Sie rauschen manchmal etwas nervenangreifend …«

»Und die Hofrätin?« Diese wurde unter der Schminke purpurblau.

»Die Hofrätin?« Er verneigte sich gegen die Dame: »Eine Art Changeant, durchaus modern, erfrischend bei Farbe, bei jeder Wendung überraschend, kurz heutzutage sehr beliebt, daher auch überall anzutreffen.«

»Aber … i muß schön bitten!« sagte die Hofrätin geziert und gewunden, so daß ihr Oberleib die Form eines S annahm. Sie wußte nicht, sollte sie beleidigt oder geschmeichelt sein. Sie entschied sich mit einem verlegenen Lächeln für das letztere: »Der Herr ist so g'spaßig!« Die Misses in ihren sehr gemischten Gefühlen für die Dame lachten entzückt. Sie riefen wie aus einem Munde: »Ihre Vergleiche können sein richtig.«

Unterdessen war die Familie Ehrsam die Treppe heraufgekommen, hatten die Bekannten begrüßt und sich an Woppls Tisch auf den reservierten Stühlen niedergelassen.

Woppl ermunterte Frau Kubžik mit Worten und Zutraulichkeiten. Sie fühlte sich auch sehr heimisch, prüfte während der Unterhaltung die Toiletten der Damen, indem sie jeden Besatz in die Finger nahm. Innerlich dachte sie: »Blau wär' besser … wie geschmacklos … aufgedonnert wie ein Truthahn … kaufen die aber teuer, da krieg ich ja den Meter um zehn Kreuzer billiger.« Laut aber äußerte sie: »Einzig, meiner Söl, einzig! Nein, wie Sie das verstehen! – Ja, wenn Sie bei dem arbeiten lassen! – Wie Ihnen das steht, so liab! A herzigs Falberl – Einzig!« –

Am heitersten genossen Lydia und Woppl die Schönheit der Natur und die Annehmlichkeit des Aufenthaltes, Lydia war überall glücklich, wo ihr gehuldigt wurde und viele sich um sie bewegten, und Woppl ebenso dort, wo er vielen huldigen und sich um viele bewegen konnte. Die seelischen Erregungen des köstlichen Aufenthaltes setzten sich bei ihnen in Konversation, Lawn-tennis, Radfahren und anderen Sport um. Man plauderte, sagte sich Schmeicheleien, klatschte, bekrittelte die Menschen nach ihrer Eleganz, ihren Manieren, ihrem Aufwand. Sie bewegten sich in einem amüsanten Bilderbuch, in dem sie selbst zierliche Figuren waren, und in das sie nebenbei Arabesken und Randbemerkungen hineinzeichnen durften. Es war sehr pikant. In ihnen wurden keine Ideale wach, keine Sehnsüchte schwellten ihre Herzen, kein unbestimmtes Verlangen nach einer Freude, einer Wollust, einem Glück, für das sie keinen Namen hatten. Sie krankten nicht an einem Übermaß der Empfindungen, nicht an Unerfüllbarkeit der Wünsche. Sie freuten sich des fröhlichen Landaufenthaltes und der guten Verdauung. Sie waren in der Sommerfrische.

Ethel hörte zerstreut zu. Woppl fand, daß ihr die Gebirgsluft nicht sehr gut täte, daß sie blaß und leidend aussähe. Er äußerte das laut und tat so, als ob er den Grund nicht wüßte.

Lydia dagegen war voll munterer Plauderhaftigkeit, sie knöpfte die weißen Handschuhe, die sie vor fünf Minuten angezogen hatte, wieder auf, streifte sie mit Grazie von den schlanken Fingern, die weiß und weich zur Geltung kamen, warf sie mit koketter Nachlässigkeit über ihr Racket auf den Stuhl neben sich hin – und ärgerte sich über ein Zucken in Ethels Augen, welches besagte: »Das hast du vor dem Spiegel gut einstudiert.«

Das Gespräch, von Woppl geleitet, kam bald auf das Thema »Männer«. Das Thema übte eine verschiedene Wirkung aus. Ethel wurde noch zerstreuter und melancholischer, die Misses lebhafter, Lydias rosiges Gesicht bekam dunkle Farbe, ihre Augen schienen innigeren Glanz anzunehmen; die Mutter rümpfte gravitätisch die Nase, wurde anspruchsvoll und erhaben; die Hofrätin streckte doppelt neugierig den Kopf vor, wie eine Katze, die auf Tauben lauert, während die beiden älteren Engländerinnen in eine leichte Ausgelassenheit gerieten und die kleineren zum Croquetspiel fortschickten.

»Wissen Sie,« sagte Lydia unter anderem, »ich habe noch nie einen Mann getroffen, dem ich meine volle Achtung hätte schenken können.«

Woppl: »Das ist ein Wort, das ich merkwürdigerweise schon viel von jungen Mädchen gehört habe. Sie beweisen dadurch immer nur, daß sie die ernste Lebensarbeit eines Mannes nie zu würdigen verstanden.«

»Das ist aber nicht unsere Schuld! Wenn die Männer sich nicht herablassen, mit uns von ihrer stolzen Lebensarbeit zu sprechen,« meinte Ethel.

»Die Gentlemen sprechen immer nur über Sport … wenn sie sprechen überhaupt,« sagte Mabel. »Meistens aber sie ziehen vor, wie ich sehe jeden Tag an der Table d'hôte, ihre Lebensarbeit zu widmen der Vertiefung in die verschiedenen Kompotte und Weine.«

»Meine Damen,« sagte Woppl mit großartiger Wendung, »Sie haben nur die Männer kennen gelernt, die Sie verdienen.«

»Oho,« rief Lydia, »ich protestiere!«

»Sie natürlich ausgenommen, mein holdes Fräulein, Sie werden nur für einen Mann Bewunderung haben.«

»Und das wäre?« Sie spitzte das Näschen schalkhaft und neugierig.

»Einen Krösus!«

»Sie sind keck, mein Herr!«

»Und aufrichtig.«

»Sie täuschen sich,« sagte die Mama mit tiefer Heroinenstimme, indem sie sich imposant aufrichtete und das vom Alter nachgedunkelte Gesicht in grämliche Falten zog: »Meine Tochter gestattet nicht, daß man zu ihr in diesem Tone spricht …«

»Im Gegenteil, Ihr Fräulein Tochter wünscht, daß man sich zwanglos unterhält.«

»Aber Mama, wie kannst du nur so empfindlich sein? Da hört ja alle Konversation auf. Man kann sich doch nicht immer mit Kaffeegesprächen langweilen. Ein wenig pikant muß schon eine Unterhaltung sein.«

Die nervös-gallige Mama wollte sich erheben und mit den beiden Küchlein unter den Flügeln davonrauschen. Aber sie überdachte rasch, daß der Angreifer ein lediger junger Mensch, aus reichem Hause, mit den besten gesellschaftlichen Verbindungen war. Sie lächelte daher krampfhaft und sagte, sich zurücklehnend: »Wir verwöhnen Sie sehr, mein lieber Herr Woppl.«

»Ach, warum sagst du das, Mama!« rief Ethel. »Auf diese oberflächliche Weise muß ja jede Unterhaltung, bei der man seine Meinungen über sich und die anderen erweitert, Schiffbruch leiden.«

»Ach, die kleine Professorin! – Sie will nämlich um jeden Preis eine Gelehrte werden. – Die Maturitätsprüfung hat sie schon abgelegt,« zankte mürrisch die Mutter, obwohl sie im geheimen darüber stolz war. Die Miß, Dicke Nr. 2, blickte bewundernd zu dem kleinen schwarzen Geschöpf hinauf, das so großartig gelehrt war; Mabel, die Sportmiß, Dicke Nr. 1, rümpfte kaum merklich das Näschen, die Hofrätin aber strahlte hochbeglückt ein: »Schau, schau!« von sich. Dann schien sie wieder Fassung zu erlangen und explizierte ihre Bewunderung: »So a kloans Spazerl und schon so grundg'scheit! 's ist nicht zum glaub'n, was man heutzutage derlebt! Daß's schon unter die g'studierten Leut geht! Gebens nur acht, daß sie nicht ihre Gesundheit mitverstudiert. Mein heilig's Prinzip is: die G'sundheit. Auch gut kochen können! Aber es geht nichts über d' G'sundheit!«

»Ja, sie ist eine kleine Professorin!« ergriff Woppl wieder das Wort. »Ihr Streben nach Gründlichkeit in Ehren! Da wir von Männern sprechen, sie könnte nur einen berühmten Mann brauchen, für den sie sich opfert …«

»Shocking,« fiel Lydia ein.

»Oh, da kennen Sie Ihre kleine interessante Schwester schlecht. In ihr spuken die sentimentalen Russen. Sich opfern für ein Ideal, ein in einem Manne verkörpertes Ideal …!«

Lydia: »Na, das tröstet mich über ihr Los. Denn wo sollte sie dieses Wunder von Mann treffen? Sie wird einen gewöhnlichen heiraten, wie wir alle. Der am Morgen mit einem abgerissenen Hemdknopf vorwurfsvoll vor sie hintritt, tagsüber ins Bureau oder Geschäft geht, mittags brummig das Essen hinunterschlingt, abends seinen Schlafrock und seine gewärmten Pantoffel schon bereit gestellt haben will, – und vor dem Schlafengehen nochmals die Geschichte von dem abgerissenen Hemdknopf aufwärmt.«

Alle lachten.

»Es wird ihr gehen, wie uns allen! Wo sollte sie dem Wunderknaben begegnen?«

»Er ist schon gefunden,« meinte Woppl.

»Berühmt?«

»Sie verkennen Fräulein Ethel! Ihr Ideal ist nicht der Gewordene, sondern der Werdende. Der Kämpfer, der unter seiner Aufgabe blutig zusammenbricht und dessen Wunden sie pflegen, des Leiden sie weglächeln kann. Sie gleicht den Naturen jener Russinnen, welche Dostojewski, Turgenjeff, Tschechow so wundervoll intim geschildert haben. Über ihrem Tempel steht das Wort ›Opfer‹.«

»Und Sie wollen ihn gefunden haben?«

»Ja, den unersättlich Hochstrebenden! den kein Hindernis begrenzt, kein Tod erschreckt, kein irdisches Bedürfnis herabzieht. In seinem Geiste die Unsterblichkeit!«

»Eine Unsterblichkeit, ohne etwas geleistet zu haben?«

»Im Gegenteil, die größte Leistung der Menschheit, das Wunder dieses wie aller Jahrhunderte ist auf dem Wege, und er hat es geschaffen, er, den ich meine.«

Die kleine Brünette ahnte, von wem die Rede war. Sie wurde ganz aufgeregt, Woppl hatte seine Rede ernster und feuriger wie sonst gehalten.

»Als Mensch ist er der zarteste Kavalier und zugleich die energischeste Hand. Hart, wenn Not am Mann ist, und zerschmelzend wie Schnee, wo weichere Gefühle ihn erfassen. Diskret und polternd zugleich.«

»Ein solchen Mann gibt es gar nicht,« meinte die Mutter ärgerlich. »Entweder Sie wollen uns zum Narren halten oder der Herr, für den Sie so schwärmen, ist ein intimer Freund von Ihnen, den Sie uns interessant zu machen suchen.«

Lydia: »Mama hat recht; so ein Männchen gibt es gar nicht.«

»Der Herr von Woppl ist g'spaßig! Die berühmten Leut sind alle arme Taifel. Bitt schön, a Berühmter, der zugleich a Gav'lier is, das gibt's gar nicht.«

»Sagen Sie uns im Ernst; gibt's einen solchen unter Ihren Bekannten oder haben Sie uns nur einen schönen Traum gemalt?« Ethel hatte seine Hand erfaßt. Er fühlte ihre schmalen, glatten und weichen Finger, die in ihrer nervösen Magerkeit ihm wie die Offenbarung eines feingebildeten Geistes, eines tiefen, leidenschaftlichen Gemütes erschienen.

Lachend rief er, indem er aufstand: »Er ist allerdings äußerlich mehr Bär als ›Gav'lier‹ im Sinne von Lackstiefelträgern, wie ihn die gnädige Frau Hofrätin sich denkt. Aber einen solchen Mann gibt es …«

»Wo ist er, wo ist er …« riefen alle Damen.

»Ich werde ihn sofort herzaubern: Hokus, pokus, Abracadabra!« Woppl warf einen Blick auf die Straße, sein Gesicht leuchtete auf. Er machte eine Kunstpause und wiederholte, indem er die Hände wie ein Taschenspieler über einen unsichtbaren Gegenstand zusammenballte: »Hokus, pokus, Abracadabra. Eins, zwei, drei – hier …«

»Wo, wo?« riefen alle.

»Hier steht er vor Ihnen!« Sein Arm war nach der Aufgangstreppe gerichtet, wo in diesem Augenblick ein neuer Gast erschien.

Es war ein bestaubter Wanderer in Touristenkostüm.

Alle Blicke wandten sich ihm zu.

Ethel wurde purpurrot, als sie ihn erblickte. Ein Blutstrom überflutete ihr Gesicht und schmerzliche Erinnerungen ihr Hirn. Sie nahm alle Kraft zusammen, nicht ohnmächtig zu werden.

Die Mutter richtete sich zornig auf und schoß funkelnde Blicke bald auf den Angekommenen, bald auf Herrn Woppl. Der schien ihr einen wohl abgekarteten Streich gespielt zu haben. Ihr schwebte in diesem Augenblick die Wolter als Medea vor, wie sie eben das Messer zum Morde ihrer Kinder schleift. Ihre Augenbrauen ballten sich, der Oberkörper erhob sich superbe, die Hand war theatralisch vorgestreckt. Sie legte für den Ankömmling den blutigen Dolch zurecht.

Der Ankömmling war Frithjof Andersen.

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