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Buchschmuck

XVII. Kapitel.
Ein künstliches Hirn

Sie war wohl gekleidet und zeigte ein bärtiges Männergesicht. Andersen demonstrierte den Anwesenden die Eigentümlichkeiten seines Automaten; die Stelle zum Aufziehen des Mechanismus befand sich an der rückwärtigen Seite am rechten Sitz.

Er hatte sie gewählt, weil diese heikle Stelle, von der alle Bewegungen abhingen, unzugänglich war, wenn der Android saß, aber auch in jeder anderen Stellung am besten verteidigt werden konnte. »Niemand kann ihm da beikommen,« sagte Andersen. »Wer ihn an dieser Stelle zu stark berührt, den schleudert er mit einer Kraft zurück, daß alle Knochen krachen. Um die ganze Stelle sind elektrische Kontakte verteilt, die bei einer einigermaßen kräftigen Berührung sofort in Funktion treten und die ganze Widerstandskraft, um nicht zu sagen mechanische Wildheit des Automaten auslösen.«

Und Andersen setzte an der Stelle einen großen Schlüssel mit einer Kurbel ein und man hörte an dem knarrenden Geräusch, daß ein kräftiges Uhrwerk aufgezogen wurde. »Er läuft vor 10 Jahren nicht ab,« sagte Andersen und fügte lächelnd hinzu: »Übrigens hängt doch auch beim höchsten geistigen Wesen, beim Menschen, der Gang seines körperlichen wie seelischen Uhrwerks von dieser Stelle ab.« Kaum war Andersen mit dem Aufziehen fertig, und hatte den Schlüssel herausgezogen, als der Android, an dem bisher die Glieder schlaff herabgehangen hatten wie an einer Puppe, sich langsam zu strecken begann. Es war als ob ihn Leben durchströmte. Die Sehnen zogen an, die Arme rundeten sich, die Schultern hoben sich, er gewann das Aussehen der Schwellung und der Fülle, was der Mediziner den Tonus nennt, er gewann den Tonus des Lebens. Und schon öffneten sich die Augenlider und er schien nur auf ein Wort zu warten, um zu erwidern.

Der Doktor machte vor ihm eine Verbeugung und sprach mit humoristisch klingendem Organ: »Sie gestatten, daß ich mich vorstelle.« – Er legte eine besondere Betonung auf das Wort ›vorstelle‹. – »Mein Name ist Frithjof Andersen, Dr. Frithjof Andersen.«

Bei dem Wort »vorstellen« schien etwas besonderes in dem Mechanismus des Androiden an einer unerklärlichen Stelle ausgelöst. Denn er hatte begonnen sich feierlich zu verbeugen und dann sagte er mit völlig klarer Stimme, die mit dem Organ Andersens eine durchaus täuschende Ähnlichkeit hatte:

»Mein Name ist Lars Andersen, der Großindustrielle Andersen.«

Der Doktor lächelte und fügte hinzu: »Sie sind wohl ein Bruder des Doktor Frithjof Andersen?«

Daraufhin schien sich das Haar des Automaten zu sträuben und die Hände machten eine abwehrende Bewegung: »Nennen Sie mir den Mann nicht!« rief er mit komischem Pathos und immer noch in der Stimme Frithjofs. »Leider werde ich überall mit ihm in ein Familienverhältnis gebracht. Der Mann ist ein Phantast, ein sogenanntes Genie, ein Erfinder, der künstliche Menschen erzeugen will; nennen Sie mir den Mann nicht!«

Alle lachten unwillkürlich. Andersen hatte augenscheinlich seinem Androiden diese Antwort eingetrichtert, um sich in einer Art Selbstpersiflage über alle die Leute lustig zu machen, die seine Lebensarbeit zu bespötteln gesucht hatten. Herr von Holthoff konnte sich vor Lachen nicht halten. Professor Walter sagte:

»Sie haben viel Talent zum Humoristen, Herr Doktor. Sie sind ein bedeutender Erfinder, aber ich glaube, Sie würden ein nicht minder bedeutender satyrischer Lustspieldichter sein.«

Direktor Kunow bewunderte den Mechanismus. Woppl schrie: »Welche Vollkommenheit der Bewegungen! – Da könnte ein erster Bonvivant noch lernen!«

Blankenstein stimmte ein. In der Tat, sie waren alle überrascht von dem Wort, das die Erscheinung so durchaus treffend charakterisierte: Ein Bonvivant. Die große, kräftige, männlich bedeutende Gestalt mit einer Anlage zum Fettwerden, das starke kräftige Haar und der wohlgepflegte schwarze Bart sorgsam zugeschnitten in Form eines Henri quatre, der etwas stark entwickelte Bauch. »Etwas zu stark,« stotterte Andersen, »aber es ließ sich nicht anders machen, ich mußte eine ganze Reihe chemischer Apparate hier unterbringen, um die Operation der Verdauung zu ermöglichen und aus den hier zur Verarbeitung gelangenden Kohlenstoffen und Wasserstoffen die Energie für den Bewegungsmechanismus zu gewinnen.« Und der Android ließ sich mit einer gewissen behaglichen Schwerfälligkeit auf einen Stuhl an dem Tisch nieder, um den die andern saßen.

»In der Tat ein Bonvivant,« bemerkte von Holthoff, der eben die Schwerfälligkeit unwillkürlich mit seiner eigenen verglich.

Und der Android begann zu sprechen. Es war keine mechanische Figur mehr! Die breite Gestalt, das behäbige, fleischige Gesicht mit dem fetten Muskelspiel, die Augen beweglich und unergründlich wie viele andere Menschenaugen, die eine Hand däumlings in der Westentasche, die andere an den Berlockes! Und das Schaukeln des Oberkörpers, und das Überschlagen des einen Beines über das andere, und das Spiel der Finger, und die Bewegung der Lippen, und die Sprache! Und die Worte, die ihm nur so vom Munde rieselten mit natürlichem Klang, mit Inhalt! Nein, es war keine Maschine, ein Mensch war's! Ja, sie hatten den lebhaften Eindruck eines Menschen, eines gutsituierten Herrn, eines Kaufmanns, Großindustriellen, Bankiers. Einer ihres Schlages!

Schon die imponierende Haltung des Kopfes, die demonstrierende Bewegung der Hand! Wie er ihnen seine Projekte entwickelte! Er sprach fließend und sicher:

»Die Presse,« sagte er, – und man glaubte vollkommen Andersen reden zu hören, »die Presse ließe sich in viel großartigerem Maßstabe organisieren und verwerten als bisher. Wir gründen eine Gesellschaft von 6, 10 oder 20 Milliönchen und kaufen etwa 20 erste Blätter auf. Wir haben damit die Residenz, ja das ganze Reich in der Tasche. Es gibt dann keine anderen Ansichten mehr, als die unsern. Wir sind die öffentliche Meinung, das öffentliche Gewissen. Der Schriftsteller, der ein Buch schreibt, der Dichter, der ein Theaterstück auf die Bühne stellt, die Sängerin oder der Geigenvirtuose, der Naturforscher und der Nationalökonom, sie sind alle von uns abhängig, sie sind alle Wir. Die Industrie erzeugt nur das Gute, das wir gut finden. Den Gesetzgeber, der nicht nach unserer Pfeife tanzt, machen wir lächerlich, den Staatsmann, der vor uns nicht den Hut abzieht, bringen wir in Mißkredit, wir die öffentliche Meinung, das öffentliche Gewissen.

Bisher hatte es seine Schwierigkeiten, eine lobende Rezension in ein Blatt ersten Ranges einzuschmuggeln, man brauchte dazu gute Bekannte, Freunde, die beim Redakteur vorsprachen, bei denen die Kritiker zu Gaste waren, man war genötigt, einer Clique anzugehören, in der man sich gegenseitig ohne Aufhebens, sozusagen stillschweigend, die Hände wusch. Das machen wir jetzt bequemer, wir bringen das Ganze in ein einfaches Finanzsystem, jede Zeile Lob so und so viel. Die Bücherrezensionen sind heutzutage diskrediert, auf die Kritiken von Theater- und Konzertaufführungen gibt niemand mehr einen grünen Pfennig. Das Urteil über die Leistungen von Abgeordneten und Staatsmännern wird ja so wie so von den jeweiligen Parteistandpunkten aus diktiert. Wozu also noch die alte einfältige Einbildung einer Unparteilichkeit und Sachlichkeit, die nie existiert hat, nie existieren kann, weil die menschliche Maschine zu unvollkommen ist, um unparteiisch und möglichst unfehlbar zu kritisieren. Unsere Tagesliteratur lebt von der Reklame. Die Reklame bezahlt alles, vom Papier und der Druckerschwärze an bis zum geistvollen Leitartikel. Sie sind Abonnent eines großen Blattes. Sie finden in der Sonntagsausgabe alle Vorgänge des Tages, alle politischen Ereignisse, sie finden überdies noch zahlreiche Novellen, wissenschaftliche Abhandlungen, einen Roman, alles schwere geistige Arbeit zahlreicher Männer, die Sie mit ganzen fünf Pfennigen bezahlen. Glauben Sie wirklich, daß Sie diese geistige Nahrung Ihrer gedankenlosen Morgenstunden mit diesem nichtigen Preis bezahlen? Weit gefehlt. Die Reklame zahlt alles, die Reklame unterhält Sie, die Reklame belehrt Sie, die Reklame macht Sie reich. Brechen wir also mit der alten Heuchelei. Warum nicht gleich die Reklame als das einzig Ausschlaggebende erklären? Führen wir den Absolutismus der Reklame ein. Die Reklame ist die Hauptsäule der Publizistik, wir können ihr ja immer noch wie bisher das alte Mäntelchen der öffentlichen Meinung, des Gemeinwohls usw. umhängen. Aber unter uns können wir einig sein. Wir verwandeln den ganzen Inhalt in Reklame. Da jede Zeile dem einen oder anderen nützen kann, so muß auch jede Zeile bezahlt werden?«

Und nun begann Herr Lars Andersen die innere Einrichtung der Redaktion zu entwickeln. »Den anderen Gewerben gegenüber ist die Entwickelung der Literatur um fast ein Jahrhundert zurückgeblieben. Alle andern haben sich von der Kunst zum Handwerk und vom Handwerk zum Maschinenbetrieb entwickelt. Die Literatur hält erst beim Handwerk. Es wird hier alles handwerksmäßig fabriziert. Für unsere Familienzeitschriften und unsere Zeitungen wird nach einem ganz bestimmten Schema gearbeitet. Alle zwei oder drei Jahre kommt ein neues Muster, was man bei Damentoiletten ein Pariser Modell nennt. Danach wird gearbeitet. Das junge naive Mädchen, der reizende Wildfang, der Held, die Liebe mit Hindernissen, die endgültige Heirat als beglückende Lösung, alles ist festgelegt, ein routinierter Romanschriftsteller weiß was er soll, und was er nicht darf. Der Anfänger kann sich in der Redaktion jedes Familienblattes Bescheid über die Schablone holen.

Das Publikum drückt das Niveau der Ansprüche des Redakteurs herab und der Redakteur richtet sich ängstlich nach den Wünschen seiner Hunderttausende. Redakteur und Publikum arbeiten Hand in Hand mit einem rührenden Einverständnis auf die gegenseitige Verdummung hin. Und dieser Zug geht durch die ganze Massenliteratur. Literatur wird nach der Elle gekauft, nach der Elle fabriziert. Warum also nicht auch in die Literatur den Maschinenbetrieb einführen?

Sie erinnern sich vielleicht,« – Lars Andersen wandte bei diesen Worten den Kopf etwas nach der Seite. Es hatte halb den Anschein, als ob die Worte an Holthoff gerichtet wären, der sich durch die Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlte; es konnte aber auch Professor Walter gelten, bei dem das eigentliche Verständnis vorauszusetzen war, – »daß Giordano Bruno, der unglückliche Philosoph, der vor drei Jahrhunderten auf dem Scheiterhaufen endete, die mechanische Kombination von Ideen mittelst mehrerer drehbarer Scheiben versuchte. Das ganze Zeitalter der Scholastik war auf den gefunden Standpunkt angelangt, daß jede Gedankenarbeit nur noch ein formales Kombinieren von Sätzen sei. Und Giordano Bruno war nicht der Einzige, der die Arbeit von Menschenhirnen durch einen einfachen mechanischen Apparat ersetzen wollte. Diese geistvolle Erfindung können wir nun im verbesserten Maßstab für unsere Redaktion anwenden. Meine Herren, wir können den Betrieb von 20 Redaktionen in einer einzigen Hand vereinen und würden dadurch großartige Ersparnisse erzielen. Die Hauptsache ist ja auch gar nicht die Idee, das dichterische Wort, sondern nur die Reklame. Wir setzen unsere Leitartikler und Feuilletonisten hin und lassen die Sätze, die sie niederschreiben, beliebig ins X-fache permutieren. In der Tagespost beginnen wir beispielsweise mit dem Satz: ›Ein blauer Frühlingsmorgen lacht über Leipzig.‹ Im Weltstadt-Anzeiger heißt es schon: ›Wer lachte an diesem Morgen über Berlin? Ein blauer Frühling!‹ Jemand anders hätte sich das schwerlich erlauben dürfen! In den Nachrichten für das Reich: ›Ein blauer Morgen! Wien oder Graz im Frühling! Lachender Himmel!‹ Oder auch: ›Eine Morgen ohne Blau! Nicht wie München im Frühling!‹ Und so fort mit Grazie in infinitum. Durch diese Permutationen können wir aber auch die großartigsten Effekte erzielen. Wir können in dem einen Blatt genau das Gegenteil von dem sagen, was in dem anderen, und im dritten wieder eine neue Kombination, die den Inhalt der beiden ersten Blätter völlig umstößt. Und all dies ohne die Überzeugung, das Gewissen zu strapazieren. Erinnern Sie sich nur, daß wir einen Kritiker hatten, der über die Stücke in einem Wochenblatt das diametrale Gegenteil von dem schrieb, was er in dem andern mit Pathos vorgetragen! Aber auch beim leichtfertigsten Menschen erfordert es eine gewisse psychische Anstrengung, das einmal Gelogene umzulügen. Es ist, als ob gewisse Hirnbahnen festgelegt wären. Durch unsere Permutationsmaschinen wird die Sache völlig einfach. Und mehr noch als der Tölpel Publikum gehören uns die Staatsmänner, die Regierungen. Denn besonders glänzend dürften sich die Apparate in der Politik bewähren. In der Politik, wo jede Meinung beweglich, jede Überzeugung flüssig, jede Wahrheit doppelzüngig ist. Wir können mit Leichtigkeit, ohne ein einziges Hirn, ein einziges Rechtsbewußtsein anzustrengen, in zwanzig Blättern zwanzig verschiedene Meinungen sagen, einfach mit Hilfe von zwanzig Kurbeldrehungen.«

Die Anwesenden lachten und klatschten ihm vollen Beifall. Lars Andersen zog ein Batisttuch aus der linken Brusttasche und schien sich leicht die Stirn zu trocknen. Dabei blitzte ein edelsteinbesetzter Ring an seinem Finger. Die Herren sahen ihn mit Scheu und Bewunderung an. Der Fabrikdirektor Kunow suchte etwas zu erwidern, aber es war, als ob Lars ihn nicht gehört hätte, denn dieser sagte mit Pathos: Die Zukunft gehört dem Journalismus. Wenn der Mann der Druckerschwärze Mann der Tat wird, gehört ihm die Erde! Er holt Livingstone aus dem schwarzen Erdteil, nimmt mittelst Ballon Besitz vom Nordpol, folgt den Siegesspuren der Armeen, lanziert Staatsmänner und führt die Völker am übergüldeten Nasenring der Ideale. Die Politik gehört uns auf Gnade und Ungnade! Aber nur einen Staatsmann werden wir immer hochhalten, nur einer soll unser Ideal sein: Der Staatsmann mit möglichst wenig Ideen und vielen Versprechungen.«

Jetzt brachen die Anwesenden erst recht in Beifallslachen aus. Daß Lars auf den Einwurf Kunows nicht geantwortet hatte, gab ihm das Ansehen eines Mannes, der sich durch Einwürfe nicht beirren läßt. Sie freuten sich der kräftigen Persönlichkeit und Professor Walter schüttelte dem Redner die Hand. Lars erwiderte den Druck kräftig. Auch von Holthoff wollte sich nicht entgehen lassen, dieser pompös wirkenden Persönlichkeit gegenüber freundlich aufzutreten und drückte ihm ebenfalls die Hand. Auf ein lautes Gelächter des stummen Dieners aber fuhren sie beschämt zurück, mit verlegenem Lächeln. Sie erinnerten sich eben, daß sie einer Puppe die Hand gedrückt hatten und Professor Walter wandte sich halb verlegen zu Doktor Andersen, indem er ihm die Hand reichte: »Eigentlich müssen wir ja Ihnen die Hand schütteln, denn Sie sind ja der Satyriker, der uns so trefflich erheitert.«

Lars schien nun in seinem Element zu sein, denn er redete noch fort und wurde dabei durch einzelne Einwürfe Andersens und der anderen unterstützt, indem gewisse Worte in ihm immer neue Kontakte auslösten.

»Er wird Ihnen auch die berühmte Anekdote vom Burgtheater erzählen,« sagte Frithjof. »Die habe ich ihm eigens beibringen müssen, damit er einen humoristischen Vorwand hat, sich gegen die zu schützen, die an seine verwundbarste Stelle herankommen wollen, an die Stelle, wo das Uhrwerk zum Stillstand gebracht werden kann.«

Und Lars begann die Anekdote zu erzählen: »Ein berühmter Schauspieler hatte eine schwere Rolle einzustudieren. Nun befiel ihn zufällig der nervöse Tick, daß er bei einer und derselben Stelle unausbleiblich zu stolpern pflegte. Er stolperte immer bei den Worten: ›Daß sich niemand an mich heranwagt!‹ Krampfhaft studierte er sich die Worte ein. Aber er sah mit Bangen dem Abend entgegen. Abends auf der Bühne wollte nun der Himmel, daß ein Hosenknopf losging und die Hosenträger ihren Dienst zu versagen drohten. Er kämpfte nun mit Verzweiflung seine Furcht nieder und konzentrierte krampfhaft die ganze Aufmerksamkeit auf die Stelle, wo er zu entgleisen pflegte. Immer wieder aber tastete er nach dem Hosenbund, um sich zu vergewissern, daß alles noch in Ordnung wäre. Da rückte der gefürchtete Moment heran und in dem Augenblick, wo das Stück den Gipfelpunkt der Tragik erreicht und der Gegner auf ihn zustürzen will, streckt er ihm abwehrend die Hände entgegen und ruft mit Donnerstimme und allen Gesten des Schreckens und der Drohung: ›Daß mir niemand an die Hosen kömmt!‹ Das bisher furchtbar gespannte Publikum brach in ein donnerndes Hallo aus.«

Lars mimte die Szene ausgezeichnet. Man sah den Schrecken auf seinem Gesicht, sah die Bewegung seiner Hände nach dem Hosenbund zu, sah die furchtbare Drohung des mit der Verzweiflung Kämpfenden in seinen Augen aufsteigen. Er reckte die linke Schulter empor, abwehrend, er streckte beide Hände aus, ganz der Schauspieler, wie er im tragischen Moment in den Schreckensruf ausbricht: »Das nur niemand an die Hosen kömmt!«

Auch die Anwesenden brachen in stürmisches Lachen aus. Die sonst harmlose Anekdote, so vorgetragen, wie Lars sie vorzutragen verstand, so drollig, so natürlich gemimt, hatte einen durchschlagenden Erfolg.

»Ja, aber wie soll dieser Scherz für seine Sicherheit dienen?« fragte Woppl.

Andersen begann das zu demonstrieren. »Mein Freund Lars erzählt die Anekdote überall, man wird sie überall kennen. Man wird es als einen natürlichen Scherz empfinden, wenn er sie zitiert. Und jetzt will ich Ihnen die Anwendung derselben zeigen.«

Andersen, der, während er sprach, mit verschränkten Armen bisher am Fenster gestanden hatte, trat jetzt auf Lars zu und sagte: »Bitte, wollen Sie nicht aufstehen?« Er betonte kräftig das Wort » aufstehen

Lars erhob sich sofort, eine Bewegung, die Fabrikdirektor Kunow um so mehr bewunderte, als ihm klar war, daß eine ziemlich schwierige Gleichgewichtsverschiebung bei dieser Lageveränderung im Spiele war. Dabei schlängelte sich aber ein Lächeln um Lars Lippen, ein seltsam hämisches, das Frithjof ganz übersah. Frithjof näherte sich ihm und sagte zu den Herren gewendet: »Wir wollen jetzt über den Preis verhandeln, Sie gestatten mir, das Uhrwerk abzustellen.«

Diese Worte wirkten eigentümlich auf die Anwesenden. Eine so stattliche Persönlichkeit und Preis? Und Uhrwerk? Gunnars verschleiertes Auge nahm einen giftigen Blick an und er zog sich mit tückischem Lauern in die Zimmerecke zurück. Lars selbst hatte beim Wort »Preis« den Kopf gehoben, als ob irgend eine neue Idee in ihm ausgelöst wäre, vielleicht die Idee auf seiner Hut zu sein. Wenigstens kam es den anderen Anwesenden so vor und sie fanden dies unwillkürlich als berechtigt und natürlich. Der Gedanke von einem Mechanismus, der abgestellt werden soll, kam ihnen jetzt beinahe wie ein Scherz vor. Ihre Empfindungen begannen sich fast zu verwirren, ihre Begriffe revolutionierten, die Logik versagte. Ein unheimliches Gefühl legte sich auf ihre Brust und teilte sich Frithjof mit. Eine Scheu, die jeden ergreift, der jemals um Mitternacht sich plötzlich einer lebensgroßen Erscheinung gegenüber sieht, die mit Kräften aus einem Geisterreiche anderer Ordnung begabt ist. Der Android war keine Puppe mehr; er war die Organisation zahlreicher Elementarenergien, die dunkel in ihrem Schlaf der Materie ruhten und die jäh irgend ein Unheil auslösen konnten. Er war eine geistige Dynamitpatrone, besaß, schlummernd in Harmlosigkeit, eine unberechenbare Schicksalsgewalt; er konnte den furchtbarsten elektrischen Funken spritzen, der je Menschengeschicke gesprengt: Das Wort.

Professor Walter, nur um etwas zu sagen und die Beklemmung, über die sie lachen wollten und die sie doch nicht abschütteln konnten, irgendwie zu lösen, sagte: »Bitte, stellen Sie ihn ab!« Er setzte, gleich wie entschuldigend, hinzu: »Damit wir wieder zur Überzeugung kommen, daß wir es bloß mit einem Automaten zu tun haben.«

Andersen bückte sich, dies zu tun, und fuhr eben mit dem großen Schlüssel nach der rechten Sitzseite des Androiden, als Lars mit einer halben Leibeswendung sich umdrehte und mit lachend-drohendem Gesicht die scherzhaft-gewaltatmenden Worte hervordonnerte: »Daß mir niemand an die Hosen kommt!« Und ehe der Erfinder noch Zeit fand, aus seiner gebückten Haltung emporzuschnellen, war er von einem eisernen Armgriff so weit fortgeschleudert, daß er mit dem Ellenbogen an der Tischkante aufschlug, über dem zusammenschauernden Woppl, der im Fauteuil saß, hintorkelte und auf den stummen Diener in der Zimmerecke, der seinem Herrn zu Hilfe kommen wollte, niederstürzte. Und zwar so unglücklich, daß er diesem das Schienbein aus dem Kniegelenk trat und sich selbst nur mit Mühe und mit Hilfe des Professor Walter wieder erheben konnte, um nochmals auf den Schoß Woppls niederzusinken.

Lars richtete sich noch einmal hoch auf und wiederholte mit satyrisch-wuchtigem Klang der Stimme: »Daß mir niemand an die Hosen kommt!« Und er brach in wieherndes Lachen aus!

Die Bestürzung war groß, alle waren aufgesprungen. Auch der schwere Holthoff. Aufs tiefste erschrocken, war er doch der erste, der zu lachen versuchte, gezwungen laut! »Ein Erfinder, der vor seinem Werk zurückzuckt!«

Andersen saß noch immer auf dem Schoß Woppls. Die Sache erschien ihm selbst zu ungeheuerlich! Er stotterte beschämt: »Das habe ich allerdings nicht bedacht. Jetzt läuft er fort, zehn Jahre lang. Niemand bringt ihn mehr zum Stillstand … das kommt davon, wenn man alles zu fein bedenkt … Es sei denn, daß er wie ein wildes Tier eingefangen wird, unter Anwendung eines starken Netzes, von mehreren kräftigen Männern.« Alle blieben sprachlos.

»Das soll Ihnen mit nichten gelingen,« klang plötzlich eine höhnische Schnapsstimme, die an Gunnar erinnerte. Sie kam aber nicht aus der Zimmerecke, wo Gunnar wie ein Häuflein Unglück zusammengekauert war; sie kam von Lars, der eine Reihe grinsender Zähne zeigte. Er wiederholte: »Das soll Ihnen mit nichten gelingen! Wollen Sie etwa wagen?« Er trat drohend auf Holthoff zu, der rasch aus der einen Sofaecke in die andere hinüberrutschte und zu schwitzen begann: »Hören Sie, das wird ungemütlich!«

»Das glaub' ich Ihnen aufs Wort! Ich war lange genug Ihre Spielpuppe. Jetzt bitt' ich mir aber eine andere Tonart aus!«

Alle wurden starr. Sie schwankten zwischen Furcht und dem Schein von Beherztheit. Endlich suchte der Professor die Situation zu retten, er stotterte: »Ja, aber lieber Freund, wenn wir zahlen sollen, so müssen wir auch etwas in Händen haben! Wenn wir den Mann da nicht beliebig aufziehen und abstellen können, so hat er nur einen beschränkten Wert für uns.«

Blankenstein war anderer Meinung. »Im Gegenteil, er wird dadurch bedeutend interessanter.«

Auch Woppl und der Fabrikdirektor sprachen ihre Meinung aus. Aber in diesem Augenblick erhob sich Lars, knöpfte seinen Rock zu, ergriff einen Hut und einen Stock und sagte:

»Entschuldigen Sie, ich habe andere, dringendere Geschäfte. Ich habe Sie lange genug unterhalten. Jetzt haben Sie mich – in bester Erinnerung.« An der Kunstpause erkannte Frithjof Gunnars Geist. Eh' er aber sich noch faßte und begriff, hatte Lars mit Hackenschlag nach Offiziersart sich verbeugt, resolut die Türklinke ergriffen, die Türe geöffnet und – war verschwunden.

Frithjof blickte ihm wie in Betäubung nach. Sein Arm sprach noch immer mit der warnenden Stimme des Schmerzes zu ihm. Sein stummer Diener kauerte in der Ecke des Zimmers, hatte den Mund aufgerissen und wußte nicht, was er tun sollte. Eine Sprachlosigkeit hatte sich aller Anwesenden bemächtigt, sie saßen da und starrten einander an. Endlich brach von Holthoff das Schweigen. Er erhob sich mit einem plötzlichen Ruck vom Sofa, daß er bis jetzt ganz allein okkupiert hatte, nahm seinen Hut und sagte mit Entrüstung: »Sie haben uns wohl zum Narren gehabt! Sie haben irgend einen beliebigen Packträger von der Straße abgerichtet, uns den Automaten vorzuspielen. Und damit wollen Sie uns Millionen aus der Tasche locken? Sie sind ein ganz gewöhnlicher Schwindler!«

Auch die andern waren aufgesprungen. Aus den Augen Blankensteins sprühte die Entrüstung, aber als Mann der guten Welt bewahrte er seine Haltung. Professor Walter schämte sich seiner philosophischen Auseinandersetzungen. Direktor Kunow dagegen sagte mit der Überlegenheit des Fachmannes: »Das habe ich mir ja gleich gedacht! Ein solcher Automat ist ja gar nicht denkbar! Das habe ich mir ja gleich gedacht!«

Auch die andern hatten die Empfindung, daß sie sich das gleich gedacht hatten. Woppl war wie vor den Kopf geschlagen. Reelle Hunderttausende, die er schon in seinem Portemonnaie sah, zerplatzten ihm unter der Hand wie Seifenblasen. Er wußte, daß man in solchen Lebenslagen sich die Sache immer gleich gedacht hat, und er pflegte bei ähnlichen Gelegenheiten sich's auch immer gleich gedacht zu haben. Nur in diesem Falle hatte er zu viel von der Erfindertätigkeit Andersens gesehen, zu viel von dessen genialem Treiben, er hatte ja sogar die Räderwerke des Androiden in jenem Doppelsarge bewundern können. Es war ihm unmöglich, die durch Jahrtausende von stupiden Menschengeschlechtern geprägten Worte zu wiederholen. Diesmal schloß er sich Holthoff nicht an. Den Kopf affektiert erhoben, verließ zwar auch er das Zimmer, um den andern zu folgen, aber Andersen glaubte noch in seiner Betäubung ihn rufen zu hören: »Armer Doktor, armer Doktor!« und den teilnahmsvollen Druck einer Hand zu fühlen.

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