Gustaf af Geijerstam
Alte Briefe
Gustaf af Geijerstam

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3

Es kam so, wie Schritte, die wir zwischen Träumen und Wachen hören, an unser Bett schleichen. Es kam so, wie die Erinnerung kommt und mit ihrem Schmerz quält. Es kam so, wie wenn das Leben selbst sich umkehrt und uns seine Kehrseite zeigt, voll von den Lappen und Flicken, hängenden Fäden und falschen Stichen, die wir vor der Welt verbergen, wenn das Kleid bis zum Halse hinauf zugeknöpft ist, aber die uns quälen, wenn wir gehen, und kaum verschwinden wollen, wenn wir uns in der Einsamkeit entkleiden.

Ich konnte diese Nacht nicht verstehen, daß das, woran ich mich zu erinnern hatte, wirklich wahr war. Ich hatte mich in den Gedanken eingelebt, es sei ein Traum. So stark hatte ich mich hineingelebt und so heftig, daß ich nicht zu glauben vermochte, etwas könne je anders werden. Ich sah Pierre wieder an, und ich fühlte, daß ich Furcht hatte. Nicht vor ihm. Sondern davor, daß alles, was mein Glück ausmachte, zerbrechen und uns beide zerschmettern würde. Ich fühlte, wie ich fror und wie meine Zähne aufeinanderschlugen. Es gab einen Augenblick, wo ich mir einbildete, daß er alles wußte und es mir, wenn der Morgen anbrach, gerade ins Gesicht sagen würde, mich aus seinem Hause jagen, um mich niemals wiedersehen zu müssen. Ich mußte meinen ganzen Mut zusammennehmen, um wieder ruhig zu werden, und mitten in der Nacht war ich so wach, daß es mir vorkam, als hätte ich nie in diesem Grade gefühlt, wie meine Gedanken arbeiteten.

Ich war so jung, als es geschah. Und ich kam aus einem Heim, wo ich nie gewußt hatte, was es heißen wollte, froh zu sein. Alles bei uns war klein, armselig, quälend und unerträglich. Die Einkünfte waren gering – mein Vater war ein Beamter, der nie zu höherem Gehalt aufsteigen konnte – die Zimmer waren klein, beinahe so, daß man sich gegenseitig nicht entgehen konnte, fand ich manchmal; Mama quälte Papa und Papa Mama. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich sie über etwas anderes sprechen hörte als über Geld und Haushaltungssorgen. Meine Mutter sparte und rackerte sich, ging auf den Markt und stand in der Küche. Mein Vater war nur dann vergnügt, wenn er herauskommen konnte, die Geschwister balgten sich um den Platz, ihre Lektionen lernen zu können und um die Möglichkeit eines Vergnügens. Ich erinnere mich an all das mit demselben Eindruck, mit dem ich das Märchen vom armen Aschenbrödel hörte, das allein in einer Ecke saß und über seine garstigen Kleider weinte. Alles, was häßlich, unschön und kleinlich war, stand für mich lange in Verbindung mit dem Gedanken an ein Heim, und ich erinnere mich, wie ich zu Weihnachten zu weinen pflegte, weil ich immer gehört hatte, wie Papa über die Weihnachtsgeschenke und das Konfekt zankte.

Das einzige, was ich genoß, als ich älter wurde, war meine Freiheit. Denn Mama fragte mich nie, wohin ich ging, und Papa bekümmerte sich schon gar nicht darum. Er verlangte von uns Kindern nichts anderes, als daß wir ihn nicht dadurch quälen sollten, daß wir von Geld sprachen. Später habe ich mich wohl gewundert, wie es möglich war, daß niemand ein junges Mädchen, wie ich es war, beaufsichtigte, und ich habe manchmal gedacht, daß dies daher kam, daß die arme Mama so zerquält von all dem war, was sie zu tragen hatte, daß sie gewissermaßen gar nicht Zeit fand, an ihre Kinder zu denken. Sie glaubte wohl, die jungen Mädchen seien so wie in ihrer Jugend, und sie konnte sich gar nicht denken, daß mir etwas Böses zustoßen würde.

Inzwischen genoß ich meine Freiheit, und ich fand Verkehr, der mir zusagte. Junge Familien, junge Männer und Frauen, Künstler und Schriftsteller, der ganze Kreis von Menschen, der sich um jene sammelt, die die Pflichten und Bande des Alltagslebens nicht kennen und die dieses Gefühl auf alle übertragen, mit denen sie in Berührung kommen. In diesem Kreis glaubte ich nach all dem aufzuatmen, was mich während meiner ganzen trüben Kindheit bedrückt hatte. Hier war es mir, als lernte ich zum ersten Male, was es heißen will, jung zu sein. Hier traf ich auch zum ersten Male ihn.

Ich kann mich dieser Zeit nicht mehr so entsinnen, wie sie einmal war. Ich kann sie nicht in dem Lichte sehen, in dem ich damals alles sah, was mir widerfuhr und was ich erlebte. Aber wenn ich jetzt leide, so weiß ich doch, daß es nicht um der Liebe willen ist, die mich damals glücklich machte, sondern um der Feigheit willen, die mich dazu trieb, das zu verleugnen, was einmal mein Stolz, mein Leben war.

Und doch erscheint es mir wie ein Traum, daß ich ihn je geliebt habe. Wenn ich jetzt Pierre ansehe, wenn ich an ihn denke, habe ich das Gefühl, als müßte ich zu seinen Füßen hinsinken und sterben, um das, was gewesen ist, wieder gut zu machen. Ich kann mich selbst in jener Zeit sehen, wie ich an seiner Seite, der des anderen, ging, und ich verstehe nicht, daß ich ihn je geliebt habe. Ich habe ihn nicht geliebt. Ich habe niemand anderen geliebt als Pierre. Es war die Freude, die Freiheit, die Jugend, der Rausch des Lebens selbst, der mich lockte. Rings um mich sah ich Männer, die Frauen liebten, und Frauen, die Männer liebten. Verheiratete und Verlobte tauschten Händedrücke, zärtliche Blicke, Küsse vor meinen Augen. Es war Frühling wie jetzt, und ich war so einsam. Ich war so einsam, wenn ich heim in meine kleine Kammer kam, wo meine Schwester schon schlief. Ich weiß noch, wie oft ich aufsaß und weinte, weinte, als ob das Herz mir brechen wollte, weil nichts von all dem, was die ganze Welt mit Jubel erfüllte, mir je zuteil werden sollte.

Da kam er eines Tages, als wir uns bei einer bekannten Familie getroffen hatten, und erbot sich, mich nach Hause zu begleiten. Schon lange hatte ich bemerkt, daß es wie ein Strahl von Glück über sein Gesicht huschte, wenn er meinem Blick begegnete. Wenn ich in seine Nähe kam, ging es mir wie Feuer durch jedes Glied, und als er jetzt kam, erschrak ich. An seinem Arm ging ich durch die stummen Gassen, und wovon wir sprachen, habe ich vergessen. Ich glaube, wir sprachen eigentlich kaum, tauschten nur hastige, verstohlene Worte. Aber plötzlich merkte ich, daß ich weinte. Ohne daß ich es hindern konnte, tropften die Tränen aus meinen Augen und rollten eine nach der anderen über meine Wangen. Ich wußte nichts davon, oder ich dachte kaum daran, bis ich seine Stimme hörte, die mich beim Namen rief, ich fühlte seinen Arm, der mich umschlang, und ehe ich es hindern konnte, hatte er mich geküßt. Ich wollte mich losreißen und fortlaufen. Aber ich konnte nicht, es war mir, als würde ich dann wieder ebenso einsam sein wie früher, als würde ich damit den einzigen Menschen zurückstoßen, der sich etwas aus mir machte. Ich empfing seine Küsse, ich zitterte angstvoll, weil ich mich so glücklich fühlte, und ich küßte ihn wieder, während ich laut schluchzte.

Nie werde ich den Schrecken vergessen, der mich überfiel, als ich an diesem Abend allein war. Es schien mir, als bebte die Erde unter meinen Füßen, und zu gleicher Zeit war ich wie berauscht vor Stolz und Freude. Ich meinte, alle müßten mir ansehen, was geschehen war, es mir ansehen und alles begreifen. Ich sehnte mich darnach, daß es Tag wurde, daß ich ihn wiedersehen konnte, und zugleich fürchtete ich, daß ich ihn nicht wiedersehen würde. Wie konnte ich wissen, ob er nicht glaubte, daß ich nur ein gedankenloses Mädchen sei, das er küssen durfte, da sie es erlaubte. Er hatte ja nichts gesagt – nicht einmal, daß er mich liebte.

Und nun kam jener wunderliche Sommer der Jugend und des Glücks, den ich mit einem anderen Sommer bezahlen muß, der auch einmal vorbei sein wird. Hoch über alle Sorgen und Zukunftsgedanken ward ich an seiner Seite emporgetragen, und ich war so stolz auf mein Geheimnis, daß ich beinahe auf andere Frauen, die nichts für ihr Glück geopfert hatten, herabsah. Ich dachte nicht, ich grübelte nicht, ich schob gleichsam jeden Gedanken an die Zukunft von mir weg. Ja, ich spiegelte mir beinahe vor, daß ich von einem seltsamen Schicksal getragen wurde, dessen Macht größer war, als Gedanken es ahnen und Träume es erreichen konnten. Ich glaubte über die Erde zu schweben, und nie wandelte ich mit leichteren Schritten.

Aber der Herbst kam, und als ich wußte, daß ich einem Kinde das Leben schenken sollte, da weinte ich nicht, und ich verzweifelte nicht. Ich wußte ja, daß er mir nicht helfen konnte. Er hatte nichts – wie oft hatte er es mir nicht gesagt, und wie oft hatte ich nicht über seine Worte gelächelt – wir konnten nicht heiraten, und ich glaube beinahe, ich hätte gar nicht gewünscht, seine Frau zu werden. Ich weiß ja jetzt, wenn es geschehen wäre, wäre ich nie glücklich geworden. Vielleicht wußte ich es schon damals oder ahnte es wenigstens. Aber als die Not kam, fühlte ich mich mit einem Male so verzweifelt stark. Es kam eine Spannkraft über mich, wie sie in Menschen erwachen muß, wenn sie gezwungen werden, um ihr Leben zu kämpfen, und eines Tages erinnerte ich mich, daß ich eine Freundin hatte, die wie eine Schwester gegen mich war. Zu ihr ging ich und erzählte ihr alles. Sie war verheiratet und hatte keine Kinder. Wir sprachen und sprachen. Gott weiß, was wir uns sagten, aber am Abend kam ihr Mann nach Hause, und nachdem sie beide lange allein miteinander gesprochen hatten, kam er und fragte mich mit Tränen in den Augen, ob ich ihnen das Kind, das bald mein Eigen werden sollte, anvertrauen wolle. Wie glücklich machte es mich nicht, zu sehen, wie sie sich meinethalben sorgten. Wie Eltern, wie Geschwister waren sie gegen mich! Ich hatte Furcht vor ihrem Manne gehabt, und ich hatte es ihr gesagt. Aber als er kam, machte er mir keine Vorwürfe, er stellte mir nicht einmal irgendwelche Fragen, er sprach bloß davon, wie alles geordnet werden sollte und wünschte meine Antwort. Es war mir, als wenn eine Last, die mich zu ersticken drohte, plötzlich von meiner Brust gehoben worden wäre. Ich lehnte mich an ihn wie an einen Bruder, weinte und dankte ihm in einem Atem, und ich glaube, daß ich nie weder früher noch später so für einen Menschen empfunden habe. Es schien mir, daß er ein höheres Wesen war, das mich zu sich emporhob. Es war mir, als hätte ich weder ihn noch Elsa vorher recht gekannt, und daß, wenn ich sie so gekannt hätte, dies nie geschehen wäre.

Aber wie ich nun nachts wach lag und an dies dachte, wurde mir das Herz so schwer. Ich sah Pierre wieder an, und vor Schmerz stöhnend, erhob ich mich, warf eine Decke über meine Schultern und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, sachte und lautlos, um ihn nicht zu wecken. Ich konnte nicht im Schlafzimmer bleiben. Ich vermeinte zu ersticken, wenn ich dieselbe Luft atmete wie er. Er wußte ja nichts, hatte nie etwas geahnt. Und ich trat hinaus in das Atelier, das voll von seinen Bildern war. Ich dachte daran, wie ich ihn zum ersten Male traf. Alles war vorüber, ich war gesund, und aller Schmerz schien entschwunden. Ich war nach Paris gereist, wo niemand mich kannte und mein Geheimnis unbekannt war. Wieder waren es Elsa und ihr Mann, die für mich gedacht und mich hieher geschickt hatten. Es kam mir damals vor, als wäre alles, was ich erlebt hatte, versunken, dahin, und als sollte das Leben von neuem beginnen. Und niemals dachte ich, daß das, was ich einmal, wie es mir damals schien, so herrlich und reich erlebt hatte, mir noch einmal widerfahren, sich wiederholen, sich erneuen könnte. Ich glaubte, daß ich mit dem Leben fertig sei, und ich war stolz, mir selbst mein Brot verdienen zu können, indem ich in einem Blumenladen arbeitete. Ich hoffte überhaupt nichts anderes, als einmal so glücklich zu werden, meinem Knaben, der sich meiner nicht einmal erinnern konnte, etwas von all dem, das ich jetzt verschweigen mußte, erzählen zu können.

Da begegnete mir Pierre. Ich weiß nicht, was ihn zu mir zog, ich habe es nie verstehen können. Es war vielleicht meine Scheu, wie er es selbst gesagt hat, meine Verwirrung, als ich merkte, daß er mich liebte, meine Angst, als er schließlich sprach, als ich ihm nicht entkommen konnte und ich fast vor Schrecken aufschrie und ihn bat, mich zu lassen.

Soll ich es ihm sagen? erklang es in mir. Wie ein furchtbares Unglück, das mich zerschmettern konnte, quälte mich dieser Gedanke. Wochen gingen, Wochen und Monate, und ich konnte mich nicht davon befreien. Ich schrieb nach Hause und fragte die einzigen Menschen, die mein Leben kannten. Ich wollte, daß sie für mich entscheiden sollten. Ich hoffte, sie würden mir befehlen zu sprechen. Aber es kam nicht so. Sie antworteten mir, daß hier nur mein eigenes Gefühl entscheiden könne, hier könne ich mich nur selbst entschließen. Und mit Schrecken erkannte ich, daß ich keine Macht mehr über mich selbst hatte, keine Macht mehr, mein eigenes Schicksal aufzuhalten. Ich war wie von unsichtbaren Banden gefesselt. Wie oft war ich nicht entschlossen gewesen zu sprechen. Wie oft hatte ich nicht überdacht, daß es geschehen mußte. Nur ein paar Worte, dann war es gesagt, nur ein Augenblick, den ich im Fluge ergriff, dann konnte ich von meiner Angst befreit sein. Geschehe dann, was da wolle! Aber so oft ich Pierres wehmütigen, strahlenden Augen begegnete, die mich zu liebkosen schienen, wenn sie den meinen entgegenglänzten, da war es, als ob die Worte mir in der Kehle stecken blieben, und ich zitterte vor Angst, daß ich ihn verlieren könnte. Ich versuchte zu schreiben. Ein Mal ums andere saß ich da und schrieb, zerriß, was ich geschrieben hatte und weinte über meine Schwäche. Einmal stand ich mit einem Briefe in der Hand vor dem Postkasten. Aber ich zog die Hand wieder zurück und lief nach Hause. Es war, als hätte mir jemand ins Ohr geflüstert: »Nein und nein und nein.« Und ich gab mich nicht eher zufrieden, als bis ich meinen Brief im Kamin brennen gesehen hatte.

Ach, wie lange wankte ich nicht in dieser Nacht in seinem Atelier umher und dachte an all dies, während ich sah, wie der matte Schein der kleinen Lampe durch die offene Türe wie ein allsehendes Auge hinaus ins Dunkel leuchtete. Ich erinnerte mich an unsere Hochzeit, wie glücklich ich war und wie ich litt, wie ich vor Angst bebte, daß er mein Geheimnis an meinem Körper sehen könnte . . . Ah, ich hätte vor Scham sterben können, als ich ihn meinen Namen flüstern hörte, als ich . . . Ah, ich kann nicht daran denken. Noch in diesem Augenblick möchte ich nur weinen, aus Reue weinen, weil ich so schwach und so feige gewesen bin. Denn Pierre liebte mich nur zu sehr. Er konnte nichts sehen, nichts. Wenn mein Körper vergiftet gewesen wäre, er hätte es nicht gemerkt. So sehr liebte er mich.

In diesen Gedanken blieb ich an der Balkontüre stehen. Von dort aus hat man den Blick über die Seine, und ich erinnerte mich, wie oft ich an Pierres Seite da gestanden hatte. Ich begriff nicht, wie dieser Gedanke sich in diesem Augenblick beruhigend auf meine Seele senken konnte, so wie eine kühlende Hand, die sich auf eine fieberheiße Stirn legt. Aber es kam das Gefühl über mich, wie glücklich ich durch Pierre geworden war. Es wollte mir scheinen, als könnte nichts dieses Glück erschüttern. Etwas in mir sagte mir, daß alles nur von mir selbst abhänge. Ich glaubte es wie ein fernes Flüstern zu hören, an das ich glauben wollte, aber nicht konnte. Und als ein großer Segen, den ich niemals vergelten konnte, erschien es mir, daß ich einen Mann gefunden, der mich den Wert des Lebens kennen gelehrt. Was war all das andere? Was war es wohl wert? Und was war es gewesen? Es war nichts. Es war Tag für Tag abgefallen. Ich war nun so glücklich geworden, daß es aus meinem Dasein, beinahe aus meiner Erinnerung ausgelöscht war. Ich mußte an den Tag denken, an dem mein und Pierres erstes Kind geboren wurde. Ich erinnerte mich, wie Pierre da an meinem Bette saß und durch seine bloße Gegenwart meine Qualen linderte. Es war mir, als hätte er mich so durchs Leben getragen, daß ich seine Schwere gar nicht zu fühlen bekam. Wohin ich sah, entdeckte ich nichts anderes als Pierre und Pierre und Pierre. Ich konnte nicht anders als vergessen, ich mußte vergessen, was wie nichts gewesen, wenn ich nun an das dachte, was war. In mir stieg etwas von jenem Kraftgefühl der Verzweiflung an, als wollte ich mit dem Leben um mein Glück kämpfen und alles wagen, um nur Pierre nicht zu verlieren.

Ich fühlte mich mit einem Male so stark, als könnte mir nichts zu leide geschehen, und lautlos schlich ich mich in unser Zimmer und ging frierend zu Bette, ohne daß er mich bemerkte.

Aber als ich wieder in seiner Nähe war, verließ mich meine Stärke. Ich mußte mich selbst mit Gewalt zurückhalten, ihn nicht wach zu küssen, ihm zuzurufen, was ich so lange verschwiegen, mich auf die Kniee zu werfen und ihn anzuflehen, mich nicht zu verstoßen. Ich lag wach, bis die Sonne auf die schweren Vorhänge schien, und als der erste Strahl kam, war es, als wenn kleine unsichtbare Wesen über den Boden gehuscht und nach allen Seiten verschwunden wären. Da endlich schlief ich ein und träumte, daß ich in meinem Elternhause säße. Es war Weihnachtsabend, und ich weinte, weil ich kein Geld hatte, den Geschwistern Geschenke zu kaufen. Diese Tränen erweckten mich zu dem Gefühle, daß etwas Trauriges eine alte Frau erwartete.

 


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