Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Capitel.

Derweil die beyden Männer auf ihren seltsamen Spuren umherschweiften, schlief Malgherita, über die Kissen ihres Ruhebettes hingelehnt, einen ängstlichen, verworrenen Schlaf. Ob das, was sie während dieser Zeit erblickt haben wollte, dem Traum angehörte oder dem Wachen, – es schien sich nie gänzlich ermitteln zu lassen, aber sie erzählte Folgendes, und schwur darauf, ihre leiblichen Augen haben es gesehen.

Emporfahrend aus dem hinbrütenden Schlummer, ward sie in der Dämmerung, welche eine einzige Lampe durch das Gemach verbreitete, mit Schaudern einer großen, grauen Mannesgestalt gewahr. Die saß unfern von ihr in einem Lehnsessel, klimperte auf einer halbbezognen Zither, und sah starr nach ihr herüber. Wie sie genauer hinblickte, war es der Geist ihres Vaters. Das Entsetzen faßte sie zu hart an, als daß sie hätte nach ihren Mägden rufen können, zu hart auch, um ihr nur eine Wimper zucken zu lassen. Starr und regungslos und wie vereist standen ihre Augen auf die trübe Erscheinung gerichtet.

Die griff in die verstimmten Saiten, und sang mit heißem Tone etwa folgende Worte:

   »Kennst du am Provenzal'schen Strande
Des großen Freyherrn Haus?
Das fuhr empor im heißen Brande,
Nun liegt's im dunkeln Graus.

   Der große Freyherr hat entzündet
Die wilde Feuergluth,
Dem trüben Wahnsinn halb verbündet,
Und halb dem kühnen Muth.

   Ey, ey, was hast du dort verborgen,
Du Ahnherr, in der Burg?
Trifft Alles seinen kalten Morgen,
Und Luft und Licht weht durch.

   Der große Freyherr hat gebrochen,
An heiligen Gestein;
Da hat der Ahnherr sich gerochen
Mit grauem Feuerschein.

   Halloh, halloh! Die Flammen lodern,
Die alte Veste bricht!
Hast, Kindlein, noch was dran zu fodern?
Ich rath dir's, nah' dich nicht.

   Oft um die Trümmer zürnend wanket
Des großen Freyherrn Geist.
Und was der Malgheriten danket –
Du weißt wohl, was du weißt.«

Da that die furchtbare Gestalt noch einige mißlautende Griffe auf der Zither, und wankte hinaus. Pietro fand heimkehrend Malgheriten in fieberhaftem Erbeben.

Zwar stellte die nächste Morgensonne mit ihrem beruhigenden Licht die Gesundheit der erschreckten Frau ziemlich wieder her, doch blieb ihr Geist von fortdauernden Schrecken befangen. Pietro hoffte durch Bertram Nachrichten einzuhohlen, vor denen die Aussage der spukhaften Erscheinung in nichtigen Nebel verschwände, und eilte deßhalb zu ihm. Leider fand er statt der Widerlegung nur furchtbare Bestätigung. Der Kaufherr hatte so eben Bothschaft aus Marseille empfangen, wie des großen Freyherrn Schloß schon vor mehreren Monathen niedergebrannt sey. Man wollte sogar auch wissen, der Burgherr habe das Feuer beim unvorsichtig nächtlichen Suchen nach der vermauerten Prophezeihung seines Stammvaters selbst entzündet, und sey verzweifelten Muthes unter den einstürzenden Trümmern jenes furchtbaren Bogenganges begraben worden.


 << zurück weiter >>