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Neun und zwanzigstes Kapitel.


Nach wenigen Tagen stand Sintram in dem Sprachzimmer des Klosters, und harrte mit klopfendem Herzen auf die Erscheinung seiner Mutter. Zum letzten Mahle hatte er sie gesehen, als er, ein schlummernder Knabe, von ihren heißen Abschiedsküssen geweckt ward, um gleich darauf wieder, träumerisch sinnend, was doch die Mutter eigentlich wolle, in den Schlaf zurück zu sinken, und sie am andern Morgen vergebens im Schlosse und Garten zu suchen. Ihm zur Seite stand jetzt der Kapellan, und hatte seine Freude an dem wehmüthigen Entzücken des sanftgewordenen Helden, auf dessen Wangen ein leiser Nachglanz jenes ernsten Morgenwölkchens zurück geblieben war.

Die inneren Thüren thaten sich auf. In ihrem weißen Schleyer hoch und würdig und hehr trat selig lächelnd Frau Verena herein, und winkte den Sohn gegen das Gitter heran. Hier konnte von keinem stürmischen Ausbruche des Schmerzes oder der Lust die Rede seyn. Der heilige Friede, welcher durch diese Hallen wehete, hätte sich auch in ein weniger geprüftes und gereinigtes Herz gesenkt, als es Sintram jetzt im Busen trug. Stillweinend kniete der Sohn vor der Mutter nieder, küßte ihr das durch die Stäbe vorwallende Gewand, und fühlte sich wie im Paradiese, wo jeder Wunsch und jede Störung schweigt.

»Liebe Mutter,« sagte er, »laß mich ein heiliger Mann werden, wie du eine heilige Frau bist. Dann gehe ich in das Mönchskloster dort drüben und vielleicht, daß ich einst würdig erfunden werde, dein Beichtiger zu seyn, wenn den frommen Kapellan Krankheit und Altersschwäche auf der Burg Drontheim hält.«

»Das wäre ein schönes, stillfrohes Daseyn, mein gutes Kind,« entgegnete Frau Verena. »So aber ist deine Bestimmung nicht. Ein tapferer, hochmächtiger Ritter sollst du bleiben, und das lange Leben, welches uns Erzeugten des hohen Nordens meist immer beschert zu seyn pflegt, zum Schutze der Schwachen, zur Bändigung der Frechen verwenden, und wohl noch zu einem andern, heiter ehrenden Geschäft, das ich bis jetzt mehr ehre, als weiß.«

»Gottes Wille geschehe!« sagte der Ritter, und richtete sich voll Ergebung und Festigkeit empor.

»Das ist mein guter Sohn;« entgegnete Frau Verena. »Ach viel der schönen, stillen Freuden blühen uns auf! Siehe, schon ward unser langes Sehnen nach dem Wiedersehen gestillt, und du sollst mir auch nicht so ganz und gar wieder in die fremde Ferne hinaus. Allwöchentlich um diesen Tag kehrest du zu mir zurück, und berichtest, was du Rühmliches gethan hast, und hohlest dir meinen Rath und meinen Segen.«

»So bin ich ja ordentlich wieder geworden, wie ein gutes, glückliches Kind!« rief Sintram fröhlich aus. »Nur daß mir der liebe Gott noch Manneskraft in Geist und Leib obenein beschert hat. Ach, welch ein beseligter Mensch ist ein Sohn, dem es vergönnet ward, seine liebe Mutter mit den Kränzen und Früchten seines Lebens zu erfreuen.«

So schied er nun heiter und vielfach gesegnet aus des Klosters stillem Umfange, und trat seine edle Laufbahn an. Nicht genug, daß er nach allen Seiten hinaus zog, wo es, dem Rechte zu helfen, dem Unrechte zu wehren, galt: auch jedem Fremden stand die nun sehr freundliche Stammburg immerdar zu Schutz und heiterer Bewirthung offen, und der alte, fast ganz in der frommen Herrlichkeit seines Ritters wieder verjüngte Rolf waltete als Burgvogt darin. Es ging ein schöner, frischthätiger Winter an Sintrams Leben vorüber, und nur bisweilen seufzte er still vor sich hin: »ach Montfaucon, ach Gabriele, ob ihr mir wohl nun ganz verziehen haben mögt?«


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