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Fünf und zwanzigstes Kapitel.


Mit günstigem Frühlingswinde schifften der Freyherr und seine schöne Hausfrau schon auf dem weiten Meere, ja die Küsten der Normandie stiegen bereits vor ihnen aus den Wellen auf, und noch immer saß Biörn Gluthauge finster und sprachlos in seiner Burg. Er hatte nicht Abschied genommen. Mehr furchtsamer Trotz, als liebende Ehrfurcht war für Montfaucon in seiner Seele, vorzüglich seit der Begebenheit mit dem Eberbilde, und herbe nagte der Gedanke an seinem stolzen Herzen: der große Freyherr, des ganzen Stammes Blüthe und Preis, sey in Freuden gekommen, ihn zu besuchen, und scheide nun unzufrieden, im strengen, tadelnden Ernste. Er hielt es sich beständig vor, und grub es wie mit Stacheln in seine Brust, wie alles gekommen sey, und wie alles anders hätte kommen können, und immer glaubte er Lieder zu vernehmen, die noch die ferne Nachwelt von dieser Reise des großen Folko singen müsse, und von der Wertlosigkeit des wilden Biörn.

Da riß er endlich voll grimmigen Zornes die Bande seines trüben Sinnes entzwey, brach mit allen seinen Reisigen aus der Burg, und hub eine der furchtbarsten und ungerechtesten Fehden an, die er noch je gefochten halte. Sintram hörte seines Vaters Heerhorn tönen, befahl dem alten Rolf die Steinburg, und sprengte kampfgerüstet hinaus.

Aber die Flammen der Hütten und Höfe im Gebirge stiegen vor ihm empor, und leuchteten es ihm entgegen mit ihrer furchtbaren Gluthschrift, welche Art von Krieg sein Vater führe. Da trabte er zwar noch zum Heerbanne vor, aber nur seine Vermittelung both er dort an, betheuernd, er werde in einem so abscheulichen Kampfe die Hand nicht an sein edles Schwert legen, ob auch vor der Feindesrache die Steinburg versinken müsse, und die Stammveste dazu. Biörn warf den Speer, den er eben in der Hand hielt, im wahnwitzigen Ingrimme nach seinem Sohne. Das Mordgewehr zischte vorbey, Sintram blieb offenen Helmsturzes halten, regte kein Glied zu seinem Schutze, und sagte: »Vater, thut was ihr dürft. Aber in eueren gottlosen Krieg ziehe ich nicht.«

Höhnisch lächelte wohl Biörn Gluthauge: »es scheinet, ich soll hier immer einen Aufseher behalten; mein Sohn löset den zierlichen Frankenritter ab!« – Aber er ging dennoch in sich, nahm Sintrams Vermittelung an, ersetzte den angerichteten Schaden, und zog finster nach seiner Stammburg zurück, Sintram wieder den Mondfelsen hinauf.

Ähnliche Vorfälle waren seit dem keine Seltenheit. Es kam dahin, daß Sintram als Schirmherr aller derer galt, welche sein Vater voll ausbrechenden Grimmes verfolgte, aber dennoch riß den jungen Ritter seine eigene Wildheit bisweilen fort, daß er dem tobenden Vater in furchtbaren Thaten zur Hand ging. Dann pflegte Biörn voll gräulichen Wohlgefallens zu lachen und zu sprechen: »sieh einmahl, Söhnchen, wie unsere Fackeln aus den Höfen empor lodern, wie unsern Schwerten das Blut nachgestürzt ist aus jenen Leichen!« Ich merke denn doch, wie du dich auch anstellen magst, du bist und bleibst mein echter, lieber Erbe!«

Nach solchen wüsten Verirrungen wußte Sintram keinen andern Trost zu finden, als daß er zum Kapellan nach Drontheim sprengte, und ihm sein Elend und seine Sünde beichtete. Der entließ ihn dann nach gehöriger Buße und Reue freylich der Schuld, und richtete den Geknickten wieder auf; aber er sagte auch öfters:

»O wie nahe, wie ganz nahe warest du schon daran, die letzte Prüfung zu bestehen, und sieghaft in Verenens Antlitz zu schauen, und alles zu versöhnen. Nun hast du dich wieder auf Jahre zurück geschleudert. Bedenke, Sohn, des Menschen Leben ist vergänglich, und wenn du immer von neuem abwärts gleitest, wie willst du noch diesseits den Gipfel erklimmen?«

Wohl gingen Jahre auf und Jahre nieder, und Biörns Scheitel ward schneeweiß, und aus dem Jüngling Sintram war ein fast älternder Mann geworden; kaum vermochte der greise Rolf die Steinburg mehr zu verlassen, und sprach bisweilen: »daß ich noch lebe, gereicht mir wohl sehr zur Überlast, aber auch gewisser Maßen zum hohen Troste, indem ich meine, der liebe Gott habe mir noch eine recht große Freude hiernieden aufgespart. Und das muß euch betreffen, lieber Herr Ritter Sintram; denn was könnte mich wohl sonst noch freuen auf der Welt?«

Aber alles blieb, wie es war, und Sintrams furchtbare Träume gegen Weihnachten wurden alljährlich eher gräßlicher als milder.

Es kam jetzt wieder die heilige Zeit heran, und dem geplagten Ritter ward ängstlicher zu Sinne, denn je. Bisweilen, wenn er die Nächte bis dahin abzählte, trat ihm ein kalter Schweiß auf die Stirn, und er sagte: »gib Acht, mein lieber, alter Pflegevater, auf dieses Mahl steht mir etwas ganz furchtbar Entscheidendes bevor.«

Da verspürte er eines Abends eine treibende Bangigkeit nach seinem Vater hin. Ihm war, als gehe nun das Allerentsetzlichste auf der Stammburg vor, und vergebens erinnerte Rolf, daß der Schnee haustief in den Thälern liege, vergebens deutete er sogar darauf hin, daß den Ritter sein grauenvoller Traum zur einsamen Nachtzeit im Gebirge überfallen könne. – »Schlimmer kann es nicht werden, als wenn ich hier bleibe;« entgegnete Sintram, zog sein Roß aus dem Stalle, und trabte in die wachsende Dunkelheit hinaus.

Der edle Renner glitt und strauchelte und fiel in den bahnlosen Wegen, und immer riß ihn der Ritter wieder empor, und trieb ihn nur eiliger und ängstlicher dem ersehnten und gescheueten Ziele zu. Dennoch hätte er es wohl kaum erreicht, wäre nicht sein treuer Jagdhund Skovmaerke mit ihm gelaufen. Der suchte seinem lieben Herrn die verweheten Pfade, und lockte ihn mit fröhlichem Bellen dahin, und warnte ihn winselnd vor Abgründen und vor der trügerischen Glätte des Eises unter dem Schnee. So kamen sie denn gegen Mitternacht zu der Stammburg hinauf. Die Fenster der Halle blitzten ihnen reich erleuchtet entgegen, als feyerte man dort ein herrliches Fest; auch dröhnte es durch die Scheiben, wie dumpfer Gesang. Eilig gab Sintram im Schloßhofe den Gaul einem Reisigen, und rannte die Stiegen hinauf, während Skovmaerke bey dem befreundeten Rosse blieb. In der Burg trat dem Ritter ein frommer Waffenknecht entgegen, der sagte: »Gottlob, lieber Herr, daß ihr gekommen seyd. Es wird eben gewiß wieder einmahl nichts Gutes gebrauet. Aber nehmet euch selbst in Acht, und laßt euch nicht bethören. Euer Vater hat einen, und, wie es mir vorkommt, einen häßlichen Gast.«

Schaudernd öffnete Sintram die Thüren.

Mit dem Rücken gegen ihn saß ein kleiner Mensch in Bergmannstracht; die Harnische waren schon seit geraumer Zeit wieder um den Steintisch her aufgestellt, so daß sie nur zwey Plätze frey ließen; die Stelle der Thür gegen über nahm Biörn Gluthauge ein, von dem grellsten Strahle der Kerzen beschienen; und so flammendroth in Angesicht und Blicken, daß er jenem grauenhaften Beynahmen vollkommen entsprach.

»Vater, wen habt ihr bey euch?« rief Sintram, und seine Vermuthung ward zur Gewißheit, als der Bergmann sich wandte, und Kleinmeisters abscheuliches Gesicht aus der dunkeln Verkappung hervor lachte.

»Ja siehe einmahl, Herr Sohn,« sprach der ganz verwilderte Biörn, du bist lange nicht bey mir gewesen, und da hat mich denn heute Abend dieser lustige Kumpan besucht, und dein Platz ist dir verloren gegangen. Aber wirf nur einen der Harnische bey Seite, und schiebe dir einen Sessel an die Stelle, und trinke mit uns, und sey fröhlich mit uns.«

»Ja, thut das, Herr Ritter Sintram!« lachte Kleinmeister. »Was kann doch weiter daraus herkommen, als daß die umgestürzten Panzerstücke etwas wunderlich zusammen rasseln, und höchstens der irre Geist dessen, dem der Harnisch gehört hat, euch einmahl über die Schulter sieht. Aber den Wem trinkt er uns nicht aus; das lassen die Geister wohl bleiben. Also nur frisch heran!«

Biörn stimmte in des abscheulichen Fremden Lache mit tollem Ungestüm ein, und während Sintram seine ganze Kraft zusammen faßte, um nicht vor diesen wilden Reden irre zu werden, und mit stiller Festigkeit in Kleinmeisters Angesicht schauete, rief der Alte: »was siehest du ihn dir so an? Kommt es dir etwa vor, als sähest du in einen Spiegel? Jetzt, da ihr beysammen seyd, finde ich es nicht mehr so sehr, aber vorhin war es mir, als sähet ihr euch einander zum Verwechseln ähnlich.«, »Da sey Gott vor!« sagte Sintram, schritt näher gegen die furchtbare Erscheinung hinan, und sprach: »ich gebiethe dir, häßlicher Fremdling, zu weichen aus dieser Veste, kraft meiner Gewalt als Erbsohn, als geweihter Ritter und als Geist.«

Biörn schien sich mit allen seinem Ingrimme dagegen setzen zu wollen; Kleinmeister murmelte in sich hinein: »Du bist ja hier gar nicht der Herr im Hause, frommer Rittersmann, hast ja nimmermehr ein Feuer hier angezündet auf dem Herde;« – da zückte Sintram die ihm von Gabrielen verliehene Klinge, hielt das Kreuzgefäß dem bösen Gaste vor die Augen, und sagte ruhig, aber mit gewaltiger Stimme, »bethe an oder fliehe!«

Und er flohe, der entsetzliche Fremde, flohe davon mit so Blitzes schneller Eile, daß man kaum wußte, war er durch das Fenster gesprungen, oder zur Thür hinaus. Aber einige der Harnische warf er dabey um, die Kerzen verlöschten, und in einem blaugelben Lichte, das die Halle auf eine unbegreifliche Weise erleuchtete, war es, als gingen Kleinmeisters frühere Worte in Erfüllung: als lehnten sich die Geister, denen die gefallenen Harnische gehört hatten, furchtsam grinsend über den Tisch.

Beyden, dem Vater und dem Sohne, war es entsetzlich zu Sinne, aber jeder schlug den entgegen gesetzten Weg zur Rettung ein. Biörn wollte den häßlichen Gast wieder herauf haben, und es ließ sich fühlen; sein Wille war so gewaltig, daß schon Kleinmeisters Tritt von neuem aus den Stiegen klirrte, seine braungelbe, dürre Hand am Thürschlosse nestelte.

Dagegen sagte Sintram immer in sich hinein: »wir sind verloren, wenn er zurück kommt! Wir sind in Ewigkeit verloren, wenn er zurückkommt!« und sank auf seine Knie, und bethete inbrünstig aus seinem geängstigten Herzen zu Vater, Erlöser und heiligem Geist; und dann war Kleinmeister von der Thür weg; und abermahls wollte ihn Biörn herauf; und abermahls bethete ihn Sintram fort; so ging der furchtbare Geistesstreit die lange Nacht hindurch, und heulende Wirbelwinde toseten dabey rings um das Schloß, daß alles Hausgesinde sich des Endes der Zeiten versahe.

Ein Morgenschimmer dämmerte endlich gegen die Fenster der Halle, das Sturmgebrüll schwieg. Biörn sank ohnmächtig schlummernd auf seinen Sessel zurück, in alle Gemüther der Burgbewohner kam Hoffnung und Ruhe, und Sintram ging bleich und erschöpft vor das Thor hinaus, den thauigen Hauch der milden Winterfrühe zu athmen.


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