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Sechs und zwanzigstes Kapitel.


Der treue Skovmaerke war seinem Herrn liebkosend gefolgt, und lag nun, während Sintram auf einer Steinbank in der Mauer halb eingeschlafen saß, wachsam und spähend zu dessen Füßen. Plötzlich spitzte er die Ohren, sahe vergnügt aus den hellen Augen umher, und sprang mit fröhlichen Sätzen den Berg hinab. Gleich darauf kam der Kapellan von Drontheim zwischen dem Gesteine hervor, indem sich ihm das gute Thier begrüßend anschmiegte, und dann wieder zu seinem Ritter zurück rannte, wie um diesem die erwünschte Bothschaft zu melden.

Sintram schlug seine Augen auf, gleich einem Kinde, dem man die Weihnachts-Bescherung vor das Bett gestellt hat. Denn ihm lächelte der Kapellan entgegen, wie er ihn noch nie angelächelt hatte. Es lag Sieg und Segen, oder doch die freudige Nähe von beyden darin.

»Du hast gestern viel gethan, sehr viel!« sagte der fromme Geistliche, und seine Hände falteten sich, und seine Augen perlten. Ich preise Gott für dich, mein Heldenritter. Verena weiß alles, und auch sie preiset Gott für dich. Ja, ich darf hoffen, es sey nun bald an der Zeit, daß du vor ihr erscheinen kannst. Aber Sintram, Ritter Sintram, es eilt auch sehr. Denn der Greis dort oben bedarf schleuniger Hülfe, und eine schwere – hoffentlich die letzte – aber eine hoch schwere Prüfung hast du deßhalb noch zu bestehen. Rüste dich, mein Held, rüste dich auch mit leiblichen Waffen. Zwar braucht es wohl dieses Mahl nur der geistlichen, aber dem Ritter wie dem Mönche ziemt in entscheidenden Augenblicken immer seines Standes ganze, feyerliche Tracht. Wenn es dir recht ist, ziehen wir alsbald zusammen nach Drontheim. Du mußt heute Nacht den Rückweg machen.Das gehört mit zu dem verborgenen Rathschlusse, der sich in Verena’s Ahndungen dämmernd offenbart. Auch ist hier doch immer noch so manches feindlich und wild, und stille Sammlung thut dir heute sehr nöthig.«

In freudiger Demuth neigte sich Sintram bejahend, und rief nach seinem Pferde, und nach einem Harnische. »Nur,« fügte er hinzu, »daß man keine der Rüstungen bringe, die von voriger Nacht her in der Halle umgestürzt liegen!« – Alles erging schnell nach seinem Gebothe.

Die Waffenstücke, die man herbey hohlte, mit eingegrabener Arbeit schön verziert, nur der Helm einfach, beynahe mehr auf Knappenart geformt, als auf Ritterweise, die fast riesenhaft große Lanze, welche dazu gehörte, – der Kapellan sahe das alles tief nachsinnend und mit wehmüthiger Rührung an. Endlich während Sintram schon fast mit Beyhülfe des Knappen fertig geharnischt war, sprach der fromme Geistliche:

»Wunderbare Fügung Gottes! Seht, lieber Herr, diese Rüstung und diesen Speer führte ehemahls Ritter Weigand der Schlanke, und hat damit viele große Thaten vollbracht. Als er nun von euerer Mutter gepflegt ward in der Burg, und auch euer Vater noch nicht mild gegen ihn war, bath er sich es zur Gnade aus, seinen Harnisch und seine Lanze in Biörns Waffenhalle aufhängen zu dürfen, – er selbst, wie ihr wohl wißt, gedachte ein Kloster zu bauen, und als Mönch hinein zu gehen – und seinen ehemahligen Knappenhelm fügte er statt eines andern hinzu, weil er diesen noch trug, als er zum ersten Mahle in der schönen Verena Engelsantlitz schauete. Wie trifft es sich nun so eigen, daß man euch für die entscheidenden Stunden eben diese längst geruheten Waffen bringt! – Mir jedoch, so weit mein kurzsichtiges Menschenauge reicht, mir scheint es ein zwar sehr ernstes, aber herrliches und hoch verheißendes Zeichen.«

Sintram stand indessen vollgerüstet, recht feyerlich und prachtvoll da, und man hätte ihn fast noch für einen Jüngling halten mögen an Wuchs und Gewandheit, nur daß sein gramgefurchtes Antlitz älternd aus dem Helme hinaus starrte.

»Wer hat dem Schlachtrosse Laub auf das Haupt gesteckt?« fragte Sintram die Reisigen unwillig. »Ich bin kein Sieger und kein Hochzeitsbitter. Und was gibt es denn auch für Laub noch, als diese roth und gelb raschelnden Eichenblätter, trübe und todt, wie die Jahreszeit selbst?«

»Herr, ich weiß selbst nicht,« erwiederte ein Reisiger; »aber mir war nun einmahl, als müsse es durchaus also seyn.«

»Gebt ihm nach;« sagte der Kapellan. »Mir ist, als käme auch das zum bedeutsamen Zeichen von der rechten Quelle«

Da schwang der Ritter sich in den Sattel; der Geistliche ging nebenher, und beyde zogen langsam und schweigend nach Drontheim zu. Der gute Jagdhund lief seinem Ritter nach.

Als man der hohen Drontheims-Burg ansichtig ward, legte sich ein sanftes Lächeln über Sintrams Antlitz, wie Sonnenschein über ein winterliches Thal. »Gott thut Großes an mir,« sagte er. »Als ein furchtbar wilder Knabe sprengte ich einst fort von hier; als ein bereuender Mann kehre ich zurück. Ich hoffe, es soll gut werden mit diesem armen, verstörten Leben«

Der Kapellan neigte freundlich bejahend sein Haupt, und bald darauf kamen die Reisenden durch das hohe hallende Thorgewölbe in den Schloßhof. Ehrerbiethig eilten auf des Geistlichen Wink Reisige herzu, und nahmen das Roß in ihre Pflege; dann schritten er und Sintram durch viel verschlungene Treppen und Gänge nach dem entlegenen Zimmerchen hin, welches sich der Kapellan auserwählt hatte: fern von dem Gewühle der Menschen, nahe den Wolken und den Sternen. Da verging beyden ein stiller Tag in herzinnigen Gebethen und im angestrengten Lesen heiliger Schriften.

Als der Abend herauf stieg, hob sich der Kapellan empor, und sagte: wohlan, mein Ritter, nun gürte dein Roß, und sitze auf, und reite wieder nach deines Vaters Burg. Du hast einen mühseligen Pfad vor dir, und ich darf dich nicht begleiten. Aber zum Herrn rufen für dich, das kann ich, und das will ich, diese ganze, furchtbare Nacht hindurch. O du sehr theueres Gefäß des Höchsten, gehe doch ja nicht verloren!«

Schaudernd vor entsetzlichen Ahndungen, aber dennoch stark und froh in seinem Geiste, that Sintram nach des heiligen Mannes Geboth. Eben versank die Sonne, als der Ritter sich einem langen, seltsam von Felsen eingeschlossenen Thale näherte, durch welches der Weg nach der Stammburg heimführte.


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