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Neuntes Kapitel.


Niflungs-Heide hieß eine öde, feyerliche Gegend in Norwegen; man sagte, der junge Niflung, Högnes Sohn, seines Stammes Letzter, habe daselbst ein wehmüthig siegloses Leben dunkel beendet. Viel der uralten Grabsteine standen rings umher, und auf den einzelnen Eichen, die hier und dort über die Ebene hinrauschten, horsteten hochgewaltige Adler, und kämpften bisweilen hart mit einander, daß man ihren schweren Flügelschlag, ihr zorniges Geschrey von fern, über bewohntere Gegenden fort, vernehmen konnte, und die Kinder in den Wiegen bisweilen davor zusammen fuhren, und die Alten aufschraken, die am Herde eingeschlummert waren.

Eben wollte die siebente Nacht, die letzte vor dem Kampfestage, herein brechen, da kamen von den Hügeln zu beyden Seiten zwey reisige Züge feyerlich herab: von Abend her Eirik der Alte, von Morgen her Biörn Gluthauge; denn die Sitte wollte es, daß man früher auf dem Wahlplatze erschien, als zur gegebenen Stunde, um auch so anzudeuten: man scheue nicht, sondern man suche das Gefecht.

Folko ließ alsbald das himmelblaue Sammetgezelt, mit goldenen Franzen verziert, das er für die Bequemlichkeit seiner zarten Hausfrau mit sich führte, auf der gelegensten Stelle der Heide aufschlagen, während Sintram in Heroldsweise zu Jarl Eirik dem Alten hinüber ritt, ihm anzusagen, in Ritter Biörns Heerschar reise auch die wunderschöne Gabriele von Montfaucon, und werde Morgen als Kampfrichterinn die Schlacht beschauen. Da neigte sich vor dieser anmuthigen Bothschaft Eirik Jarl tief, und hieß seine Skalden einen Sang beginnen; der klang folgender Gestalt:

»Freye Eiriks-Fechter,
Fangt euch an, mit leuchtenden,
Schmucken Waffen zu schmücken zur morgenden Schlacht.
Herrlichste aller Herrinnen
Hält ob euerm Feldruhm
Schönes Gericht zu Morgen in dröhnender Schlacht.
Wohl über ferne Woge
Wallte durch Wies und Wald her
Kunde zu uns vom kühnsten Freyherrn laut.
Der kommt drängend und wehrhaft
Dort in feindlichen Reih’n an.
Folko kommt! Ficht rühmlich, du Eiriks-Volk!«

Die wunderlichen Klänge schwebten über die Heide heran bis in Gabrielens Gezelt. Sie war es gewohnt, ihres Ritters Ruhm von allen Seiten verherrlicht zu sehen, aber wie sein Preis so glänzend aus Feindes Mund gegen den Nachthimmel anschwoll, wäre sie fast vor dem großen Freyherrn in das Knie gesunken. Aber der zierliche Folko hielt sie mit anmuthiger Geberde aufrecht und drückte einen glühenden Kuß auf ihre schwanenweiche Hand, sprechend: »Dir, o liebliche Herrinn, gehören meine Thaten, und nicht mir!« –

Als nun die Nacht überhin gezogen war, und es in Osten flammte, wie flammte und wogte und tönte es da auf Niflungs-Heide! Helden legten ihre klirrenden Rüstungen an, edle Rosse wieherten, der Frühtrank ging in leuchtenden Gold- und Silberschalen umher, Kriegslieder und Harfensänge rauschten drein. Ein fröhlicher Marsch aus Waid- und Schlachthörnern stieg von Biörns Seite her empor. Montfaucon, seine Reisigen und Knappen in stahlblauer Rüstung um ihn her, geleitete seine Herrinn einen Hügel hinauf, wo sie vor den fliegenden Speeren sicher war, und das Kampfesfeld frey übersehen konnte. Die Morgenlichter spielten feyernd um ihre Schönheit, und wie sie dicht an Eirik Jarls Lager vorüber zog, senkten seine Mannen ihre Waffen, die Führer neigten ihre hohen Helmbüsche tief. Zwey von Montfaucons Edelknaben blieben zu Gabrielens Dienst oben, vor so holdem Auftrage ihre Fechterlust nicht ungern zügelnd. Dann rückten beyde Heerscharen grüßend und singend an ihr vorbey, stellten sich kampfgerecht auf ihre Plätze, und die Schlacht hob an.

Fröhlich flogen die Nordlands-Speere aus kräftigen Händen, prallten tönend von den entgegen geschwungenen Schilden zurück, begegneten einander auch wohl klirrend im Fluge; bisweilen stürzte in Biörns oder Eiriks Geschwadern ein Kämpfer schwelgend in sein Blut.

Da brach Ritter Folko von Montfaucon vor mit seinem Normännischen Reitergeschwader. Noch im Vorbeyfliegen grüßte er mit der leuchtenden Klinge nach Gabrielen hinauf, dann ging es mit vielstimmig jubelndem Schlachtrufe in der Gegner linken Flügel hinein. Eiriks Fußknechte streckten ihm, auf das Knie gestemmt, ihre starrenden Hellebarten eisenfest entgegen; manches edle Roß stieg tödtlich verwundet, und warf, sich überschlagend, seinen Reiter mit auf den Boden; manches andere riß in seinem Todesfalle den Gegner zugleich unter sich; Folko flog durch, unverwundet er und sein Schlachtgaul, eine Menge erlesener Ritter ihm nach. Schon tosete Verwirrung durch das feindliche Heer, schon rückten Biörn Gluthaugens Rotten siegjubelnd vor, da warf sich eine Reiterschar unter Eirik Jarl dem großen Freyherrn entgegen, und während dessen Normänner, schnell gesammelt, ihm nachhieben in die neuen Feindesreihen, rollte sich das Fußvolk der Gegner zusammen, immer zusammen, in einen ganz dichten Knäuel; man hörte, daß es auf den wunderlich gellenden Ruf eines Kriegsmannes in der Mitte geschah. Und kaum ward die seltsame Schlachtordnung gebildet, so flog sie auch wieder nach allen Seiten sturmrufend aus einander, aber mit zersprengender Kraft wie Hekla aus unergründetem Schlunde seine Flammen treibt. Biörns Krieger, die den Feind zu umschließen dachten, wankten und fielen und wichen vor der unbegreiflichen Wuth. Vergebens stemmte sich Ritter Biörn dem Strome entgegen; schon war er beynahe mit fortgerissen in die allgemeine Flucht.

Stumm und starr blickte Sintram in das Getümmel. Freund und Feind strich an ihm vorüber, und jeder bog ihm aus, und keiner wollte irgend mit ihm zu schaffen haben, so furchtbar, ja gespensterhaft, war er in seinem stillen Grimme anzuschauen. Auch er hieb nicht rechts, nicht links, die Streitaxt rastete in seiner Hand. Aber gewaltig flammten seine Augen, und schienen die Rotten des Feindes zu durchbohren, als müsse er den heraus finden, welcher diese Kampfeswuth angeschürt habe. Das gelang ihm. Ein kleiner, fremdartig geharnischter Mann, große Goldhörner auf seinem Helme, ein weit vorgestrecktes Visir daran, lehnte sich gegen eine zweyschneidige, oben ganz sichelförmige Hellebarte, und sahe wie hohnlachend hin und her auf die sieghafte Jagd der Eiriks Krieger und die Flucht der Gegner. – »Der ist es!« schrie Sintram auf. »Der will uns feldflüchtig machen vor Gabrielens Augen!« –

Und pfeilschnell fuhr er mit wildem Geschrei gegen ihn los.

Der Kampf erhob sich grimmig, aber währte nur kurze Zeit. Der kühnen Gewandtheit seines Feindes zum Trotz schlug Sintram, seine weit überlegene Größe benutzend, von oben herein über den gehörnten Helm einen schmetternden Schlag, welchem sogleich ein sprudelnder Blutstrom nachfolgte, während der Getroffene stöhnend niedersank, und nach einigen entsetzlichen Zuckungen die Glieder erstarrend zum Tode streckte.

Sein Fall schien den Fall des Eiriks-Heeres zu bedingen. Auch die, die ihn nicht hatten stürzen sehen, verloren plötzlich Muth und Kampfesfreudigkeit, wichen ungewissen Trittes zurück, oder rannten voll wilder Verzweiflung in die Hellebarten ihrer Feinde. Zu gleicher Zeit auch hatte Montfaucon das Roßbanner Eirik Jarl’s nach wüthender Gegenwehr zersprengt, ihn selbst aus dem Sattel geritten und mit eigner Hand gefangen. Biörn Gluthauge stand sieghaft in der Mitte des Feldes. Der Tag war entschieden.


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