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Achtes Kapitel.


Sie fanden darin die zwey Ritter bey den Bechern. Folko erzählte mit seiner gewöhnlichen freundlich lebhaften Weise, und Biörn hörte etwas finster zu, aber so, daß es schien, als zögen die Wolken fast wider Willen vor einem anmuthigen Wohlbehagen mehr und mehr von dannen.

Gabriele grüßte den Freyherrn lächelnd, winkte ihm, daß er fortfahren möge, und nahm voll heiterer Aufmerksamkeit neben Ritter Biörn ihren Platz. Sintram stand trübe und träumerisch am Feuer, und schürte in den Kohlen, die eine seltsame Gluth auf sein bleiches Gesicht warfen.

»Und vor allen den Deutschen Hafenstädten,« redete Montfaucon weiter, »ist die Stadt Hamburg herrlich und groß. Wir in der Normandie sehen ihre Kaufherren gern an unserer Küsten landen, und sind den frommen, klugen Leuten immer mit Rath und That zur Hand. Da ward ich denn, als ich einmahl nach Hamburg gelangte, mit großen Ehren empfangen. Über dieß hatte ich sie eben in einer Fehde mit einem benachbarten Grafen gefunden, und gleich zu Anfang mein Schwert rüstig und sieghaft für sie gebraucht.«

»Euer Schwert! Euer ritterliches Heldenschwert!« unterbrach ihn Biörn, und die alte flammende Gluth stieg in sein Auge. »Gegen einen Ritter! Für Mauerhocker!«

»Herr,« sagte Folko ruhig, »wie die Freyherrn von Montfaucon ihre Schwerter brauchen wollen, hat immerdar bey ihnen gestanden, ohne daß ein Dritter mitsprach, und ich denke diese gute Sitte so fortzuerben, wie ich sie überkommen habe. Ist euch das zuwider, so sprecht es frey heraus. Dabey jedoch verbiethe ich euch jedes ungezogene Wort gegen die Hamburger, die ich euch bereits als meine Freunde kund gab.«

Biörn senkte sein stolzes Auge, und die Gluth darin erlosch. Er sagte mit leiser Stimme: »redet weiter, hoher Freyherr. Ihr habt Recht und ich Unrecht.«

Da reichte ihm Folko freundlich die Hand über den Tisch und fuhr also in seiner Erzählung fort:

»Die liebsten von allen meinen lieben Hamburgern sind mir zwey wundersam erfahrene Leute: ein Vater und sein Sohn. Was die schon erblickt und gethan haben an den entfernten Enden der Erde, und gegründet in ihrer Vaterstadt! Mein Leben ist Gottlob nicht gerade arm zu nennen, aber gegen den weisen Gotthard Lenz und seinen kräftigen Sohn Rudlieb komme ich mir vor, wie ein Knappe, der ein Paar Mahl bey den Turnieren gewesen ist, und über dieß mit seinem Waidwerke höchstens bis an des eigenen Bannforstes Gränze komm. Bekehrt, gezwungen, erfreuet haben sie die schwarzen Menschen in Landen, die ich nicht zu nennen weiß, und die Reichthümer, welche sie von da mit zurück brachten, weihen sie dem Gemeinwesen, als könne man eben nichts Anderes damit thun. Wie sie aus den kühnsten Seefahrten heimkehren, eilen sie in das von ihnen errichtete Siechenhaus, und verfahren dort als Oberaufseher, und als achtsam demüthige Wärter zugleich. Und dann geht es zur Baustätte der schönen Thürme und Befestigungen, die sie zum Schutze des Vaterlandes aufführen lassen, und dann wieder hin, wo sie fremde Pilger fröhlich bewirthen, und endlich tafeln sie in ihrem Hause mit den Gastfreunden, reich und edel, wie Könige, und frisch unbefangen, wie Hirten, und manche Kunde ihrer bestandenen Abenteuer würzt die erlesenen Speisen und den köstlichen Wein. Da haben sie mir unter andern auch Eines erzählt, davor meine Haare sich sträubten, und vielleicht kann ich hier bey euch nähere Kunde finden, wie es eigentlich damit zugegangen ist. Es war nähmlich vor mehreren Jahren gerade gegen die heilige Weihnachtszeit, da wurden Gotthard und Rudlieb von einem wüthenden Wintersturme gegen die Norwegischen Küsten geschleudert; die Lage des Felsen, an dem ihr Fahrzeug strandete, wissen sie nicht genau anzugeben; aber so viel ist gewiß: unfern von da hob sich eine gewaltige Ritterburg in die Höhe, und Vater und Sohn begaben sich dahin, Beystand und Erquickung zu erbitten, wie es unter Christenleuten gebräuchlich und ziemlich ist, während sie ihr Gefolge bey den kranken Schiffe zurück ließen. Man öffnete ihnen auch das Burgthor, und sie meinten, alles sey gut. Da füllt sich auf einmahl der Hof mit Bewaffneten, sämmtlich ihre scharfen, stahlgespitzten Lanzen gegen die hülflosen Fremdlinge gekehrt, deren würdige Vorstellungen und freundliche Bitten theils mit dumpfem Schweigen, theils mit heiserem Hohnlachen beantwortend. Zuletzt kommt ein Ritter die Stiege herab mit ganz glühenden Augen, – sie wissen nicht, war es ein Gespenst, war es ein wahnwitziger Heide, – der winkt, und die Lanzen schließen Tod bringend enger und enger ihren Rund. Da tönet der Flötenruf einer zarten Frauenstimme, und ruft den Heiland an und in toller Wuth rasseln die Gespenster wider einander, und die Thore fliegen auf, und Gotthard und Rudlieb retten sich, im Herausschreiten noch ein recht engelschönes Weib durch ein beleuchtetes Fenster gewahrend. Sie machten darauf mit ängstlicher Anstrengung ihr leckes Schiff wieder flott, sich lieber dem Meere hingebend, als diesem entsetzlichen Strande, und landeten endlich nach mannigfachen Gefahren in Dänemark. – Sie meinen, das arge Schloß sey eine Heidenburg gewesen, ich aber halte es für eine von Menschen verödete Trümmerveste, wo höllische Gespenster vielleicht ihr Spiel treiben; denn sagt mir, welch ein Heide möchte so teufelisch seyn, daß er dem gestrandeten Schutzgenossen Tod böthe für Labung und Hülfe?« –

Biörn starrte vor sich hin, wie zu Stein geworden. Aber Sintram trat vom Feuer an den Tisch, und sagte: »Herr Vater, laßt uns das gottlose Nest aufsuchen, und es dem Erdboden gleich machen. Ich weiß nicht warum, aber mir kommt es für ganz gewiß in den Sinn, als trage diese höllische Begebenheit an meinen abscheulichen Träumen die einzige Schuld.«

Zürnend erhob sich Biörn wider seinen Sohn, und hätte vielleicht abermahls ein entsetzliches Wort gesprochen, aber Gott wollte das nicht; denn schmetternd brach eine Trompete durch dieß verwirrte Gespräch, die Flügelthüren wurden feyerlich aufgethan, ein Herold trat in das Gemach.

Der verneigte sich ernst, und sprach sodann: »mich sendet Jarl Eirik der Alte. Vor zwey Nächten ist er heimgekehrt von seiner Fahrt in das Griechenmeer. Er gedachte Rache zunehmen an dem Eilande, welches Chios heißt, weil dort vor nun gerade fünfzig Jahren sein Vater von kaiserlichen Söldnern erschlagen ist. Aber euer Vetter, der Seekönig Arinbiörn, lag eben in der Bucht vor Anker und sprach zur Sühne. Davon wollte Jarl Eirik nichts hören, und der Seekönig Arinbiörn sagte zuletzt, er wolle es nimmermehr zugeben, daß man das Eiland Chios verwüste, weil man dort die Lieder eines uralten Griechen-Skalden, Homeros genannt, gar herrlich singe, und über dieß sehr auserlesenen Wein trinke. Vom Reden kam es zum Fechten, und so gewaltig hat Seekönig Arinbiörn gestritten, das Eirik Jarl zwey Schiffe verlor, und auf einem einzigen, sehr beschädigten, nur mühsam entrann. Diese That hofft Eirik der Alte einstweilen den Stamm des Seekönigs büßen zu lassen, weil Arinbiörn noch nicht selbst zur Stelle ist. Willst du, Biörn Gluthauge, nun an Stieren und anderem Geld und Gut den Jarl entschädigen, wie er es verlangt? Oder willst du dich ihm stellen zur Schlacht heute über sieben Nächte auf der Niflungs-Heide?«

Biörn neigte gelassen sein Haupt, und wiederhohlte freundlich: »Heute über sieben Nächte denn auf der Niflungs-Heide.« – Darauf reichte er dem Herold einen goldgetriebenen Becher voll edlen Weines, sprechend: »trink aus, und dann stecke in deinen Mantel, und nimm mit dir, woraus du getrunken hast.«

»Grüße deinen Jarl auch von dem Freyherrn von Montfaucon,« setzte Folko hinzu, »und ich würde mit dabey seyn auf Niflungs-Heide, als des Seekönigs Stammfreund und als Biörn Gluthauges Vetter und Gast.«

Der Herold fuhr sichtlich vor dem Nahmen Montfaucon zusammen, neigte sich sehr tief, schauete darauf den Freyherrn mit ehrerbiethiger Achtsamkeit an und schritt hinaus.

Gabriele lächelte ihrem Ritter freundlich und sorglos zu, gar wohl mit dessen Siegergewalt bekannt, und fragte nur: »wo soll ich denn bleiben, während du hinaus ziehest, Folko?«

»Ich dächte,« erwiderte Biörn, »ihr ließet es euch hier auf meiner Burg gefallen, schöne Frau. Als Wächter und Diener lasse ich euch meinen Sohn zurück«

Gabriele sann einen Augenblick nach, und Sintram, nach dem Feuer zurück gewandt, sprach leise und finster in die eben jetzt wild auflodernde Flamme hinein: »ja, ja, so wird es vermuthlich kommen. Mir ist, als wäre Menelaus auch gerade von Burg Sparta fort gewesen, auf einen Kriegszug hinaus, als der glühende Ritter Paris die reitzende Herrinn am Abend im Garten fand.«

Aber Gabriele, zusammen schreckend, ohne zu wissen wovor, sagte plötzlich: »ohne dich, Folko? Und soll ich denn die Freude entbehren, dich fechten zu sehen? Und die Ehre, dein zu pflegen, falls eine Wunde dich träfe?«

Folko beugte sich ziemlich dankend vor der Herrinn, und entgegnete: »ziehe mit deinem Ritter, falls du es also begehrest, du, sein schönes, begeisterndes Gestirn. Wohl ist es gute, alte Nordlands-Sitte, daß Frauen zugegen sind bey den Kämpfen der Helden, und kein echter Normann wird dem Platze störend nahen, von wo sie die Lichter ihrer Augen herab senden. – Oder« – fragte er, nach Biörn hinüber nickend – »ist etwa Eirik Jarl seiner Ahnen nicht werth?«

»Ein Ehrenmann;« betheuerte Biörn.

»So schmücke dich denn, so schmücke dich denn, mein schönes Liebchen!« sang Folko halb und sprach es halb; und ziehe mit uns hinaus als herrliche Richterinn der Schlacht!«

»Hinaus! Mit hinaus in die Schlacht!« sang der fröhlich begeisterte Sintram, und alle gingen heiter und hoffend aus einander, die übrigen zur Ruhe, Sintram in den Wald.


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