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Eilftes Kapitel.


Die freudige Ruhe, welche an diesem Tage über Sintram gekommen war, schien mehr zu seyn, als ein vorüber gleitender Sonnenblick. Wenn auch bisweilen eine Erinnerung an Ritter Paris und Helenen die Wünsche seines Herzens kühner und wilder entflammen wollte, so brauchte es nur eines Blickes auf Schärpe und Schwert, und der Strom seines innern Lebens glitt wieder spiegelklar und heiter dahin. »Was kann denn ein Mensch noch weiter begehren, als mir bereits geworden ist?« sagte er dann oft zu sich selbst in stillem Entzücken.

Es blieb lange so. Schon begann der schöne nordliche Herbst die Blätter der Eichen und Ulmen um die Burg her zu röthen, da saß er einmahl mit Folko und Gabrielen im Baumgarten, fast an der nähmlichen Stelle, wo ihm vorher das seltsame Geschöpf begegnet war, das er, ohne selbst recht zu wissen warum, Kleinmeister nannte. Aber es war alles heute viel anders, als damahls. Still und strahlend neigte sich die Sonne gegen das Meer, abendliche Düfte und einzelne Vorbothen der herbstlichen Nebel stiegen rings von Wiesen und Feldern gegen den Schloßberg auf. Da sagte Gabriele, ihre Zither in Sintrams Hände legend:

»Lieber Freund, so hold und sanft, als ihr jetzt immer seyd, darf ich euch wohl meine zarte Lieblinginn anvertrauen. Laßt mich dazu euer Lied von den schönen Blumen hören. Mich dünkt, es muß auf diese Art weit anmuthiger klingen, als wenn ihr es in das Gedröhne euerer furchtbaren Harfe singt.«

Der junge Ritter neigte sich freundlich, und that, wie die Herrinn befahl.

Leise, in sonst an ihm ganz ungewohnter Huld, klangen die Töne von seinen Lippen, und das wilde Lied schien sich umzuwandeln, und zu einem Garten der Seligen zu erblühen. Gabrielens Augen wurden feucht, und immer lieblicher singend in seiner heitern Sehnsucht, schauete der begeisterte Sintram in die perlenden Himmel. Als nun die letzten Accorde verklangen, hallte Gabrielens Stimme wie ein Engels-Echo nach:

»Ey du Land mit den schönen Blumen!« –

Sintram ließ die Zither sinken, und seufzte dankend empor zu den eben jetzt herauf wandelnden Sternenlichtern.

Da neigte sich Gabriele gegen den großen Freyherrn, flüsternd: »lange, ach, wie lange schon, sind wir nun fern von unsern leuchtenden Burgen, von unsern blühenden Fluren! O das Land mit den schönen Blumen! – «

Kaum wußte Sintram, ob er recht höre, so ganz und gar fühlte er sich mit einem Mahle aus dem Paradiese verbannt. Aber auch sein letztes Hoffen verschwand vor den sittigen Versicherungen Folko’s, er wolle sich eilen, der Herrinn Wunsch noch in der nächsten Woche zu erfüllen; das Schiff liege bereits segelfertig am Strande. Sie dankte ihm durch einen, leise auf seine Stirn gehauchten Kuß, und wandelte an ihres Helden Arm singend und lächelnd nach der Burg empor. Der trübsinnige, beynahe in Stein umgewandelte Sintram blieb vergessen zurück.

Tobend riß er sich endlich in die Höhe, als schon die Nacht am Himmel stand, rannte, voll seiner ganzen früheren Wildheit, den Baumgarten auf und nieder, und stürzte zuletzt in das wilde, von dem Monde beleuchtete Gebirge hinaus.

Dort ließ er sein Schwert in Strauch und Baum klirren, daß alles rings umher zu krachen und zu stürzen begann, und die Nachtvögel schreyend und pfeifend im wilden Entsetzen um ihn her flogen, Hirsche und Rehe mit flüchtigen Sprüngen herab rannten, in die tiefere, ruhigere Wildniß hinein.

Plötzlich stand der alte Rolf vor ihm, heimkehrend von einer Wanderung zum Kapellan von Drontheim, dem er mit Freudenthränen erzählt hatte, wie Sintram durch Gabrielens Engelsnähe gemildert sey, ja fast geheilt, und wie man hoffen dürfe, daß der böse Traum gewichen sey. Jetzt hätte beynahe des Wüthenden umher schwirrende Klinge den guten Alten unbewußt verletzt. Dieser blieb mit gefaltenen Händen stehen, und seufzte aus tiefer Brust herauf: »ach Sintram, du mein Pflegekind, du mein Herzblatt, was ist über dich gekommen, daß du so gräulich rasest? – «

Der Jüngling stand eine Zeit lang wie gebannt, schauete seinem greisen Freunde trüb und sinnend entgegen, und seine Augen glichen erlöschenden Wachtfeuern, die durch tiefe Nebelgewölke funkeln. Endlich seufzte er leise und kaum vernehmlich:

»Du frommer Rolf, du frommer Rolf, lasse ab von mir! Ich bin nicht daheim in deinen Himmelsgärten, und haucht mir auch einmahl ein freundlicher Luftzug die goldenen Pforten auf, daß ich hinein schauen darf in das blumige Wiesenland, wo die lieben Engel wohnen, – gleich stürmt ein kalter Nordwind eisig dazwischen, und die klirrenden Thore fliegen zu, und einsam stehe ich draußen im endlosen Winter.«

»Ritter, lieber junger Ritter, ach höret mich an, ach hört doch den guten Engel in euch selbst an! Traget ihr denn nicht dasselbe Schwert in euerer Hand, womit euch die reine Herrinn umgürtet hat? Wallet denn nicht ihre Schärpe über euere tobende Brust? Wisset ihr denn nicht? Ihr pfleget zu sagen, kein Mensch könne mehr begehren, als euch zu Theil geworden sey!«

»Ja, Rolf, das habe ich gesagt;« erwiderte Sintram, und sank bitterlich weinend auf das herbstliche Moos. Auch dem alten Manne rannen die Thränen in seinen weißen Bart.

Nach einer Welle richtete sich der Jüngling wieder auf, die Zähren stockten ihm, er sah furchtbar, kalt und grimmig drein, und sagte: »Siehe, Rolf, ich habe stille, selige Tage verlebt, und ich dachte, es wäre mit allem Entsetzlichen in mir ab und todt. Es hätte auch vielleicht so bleiben können, wie es ja auch immer Tag bliebe, stände die Sonne nur immer am Himmel. Aber frage doch diese arme, verdunkelte Erde, warum sie so finster aussieht. Rede ihr doch zu, daß sie lächle, wie sie es vorhin that! Alter, die kann nicht mehr lächeln, und nun ist der stille, mitleidige Mond mit seinen frommen Leichenschleyern hinter die Wolken gegangen, da kann sie auch nicht mehr weinen, und in der schwarzen Stunde wird jedes Entsetzen und jede Tollheit wach, und du störe mich nicht, sage ich dir, störe mich nicht! Hussah, hinterdrein hinter den blassen Mond!«

Seine Stimme war bey den letzten Worten fast zum Gebrüll worden. Stürmisch riß er sich von dem bebenden Alten los, und flog durch die Waldung davon.

Rolf kniete nieder, und weinte und bethete still.


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