Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Kapitel.


Wo der Meeresstrand sich am höchsten und schroffesten erhebt, unter drey halb verwitterten Eichen, – es sollen in der Heidenzeit dort Menschenopfer gebracht worden seyn, – stand Sintram, auf sein gezücktes Schwert gelehnt, einsam und erschöpft in der nun wieder von dem Monde beleuchteten Nacht, und sahe in das ferne Gewandel der Wogen hinaus, und starrte todtenbleich, wie ein furchtbares Zauberbild, von den blassen Strahlen, die zwischen den Baumästen durchzitterten, wechselnd beschienen.

Da richtete sich zu seiner linken Seite jemand aus dem hohen vergelbten Grase mit halbem Oberleibe empor, und heulte und röchelte leise, und legte sich wieder nieder.

Es hob sich aber folgendes wunderliche Gespräch unter den beyden Nachtgesellen an:

»Du da, der sich im Grase so schauerlich regt, gehörest du zu den Lebendigen oder zu den Todten?«

»Wie man es nehmen will. Dem Himmel und der Freude bin ich todt; der Hölle und dem Jammer lebe ich.«

»Mich dünkt, ich hatte dich schon sonst gehört.«

»O ja.«

»Bist du wohl ein unruhiger Geist, und ward dein leiblich Blut hier ehemahls bey dem Götzenopfer auf den Grund gegossen?«

»Ein unruhiger Geist bin ich; mein Blut hat niemand vergossen, und kann niemand vergießen. Aber herunter haben sie mich gestürzt, – hu, einen himmeltiefen Abgrund.«

»Und da brachest du den Hals?«

»Ich lebe, und werde länger leben, als du.«

»Beynahe kommst du mir vor, wie der wahnsinnige Pilger mit den Todtengebeinen.«

»Der bin ich nicht, ob wir gleich viel Gesellschaft zusammen halten, ja oftmahls recht nahen Freundesumgang. Aber zu euch gesagt! für toll sehe ich ihn auch an. Wenn ich ihn bisweilen anhetze und sage: nimm! da besinnt er sich, und zeigt nach den Sternen hinauf. Und wenn ich dann wieder einmahl spreche: nimm nicht! da faßt er meistens recht täppisch zu, und ist im Stande, mir meine beste Lust und Freude zu verderben. Aber eine Art von Waffenbrüdern und überhaupt von Verwandten bleiben wir nun einmahl doch.«

»Gib mir die Hand, daß ich dir aufhelfe.«

»Oho, mein dienstfertiger Junker, das möchte euch gar böslich bekommen. Aber im Grunde, aufhelfen thut ihr ja doch. Gebt Acht ein Bißchen.«

Wilder und immer wilder regte sich es am Boden; dichte Wolken eilten dabey über Mond und über Gestirn, einer langen, unbekannt wilden Reise entgegen, und Sintrams Gedanken trieben sich in einem nicht minder wunderlichen Reigen herum, und ganz unbändig, aber schwer ängstlich rauschte nahe und fern Gras und Baum. Endlich hatte sich das unheimliche Wesen in die Höhe gestellt. Wie furchtsam neugierig warf durch eine Wolkenkluft der Mond seinen Schimmer auf Sintram’s Gefährten, und machte dem schaudernden Jünglinge sichtbar, daß Kleinmeister neben ihm stehe.

»Hebe dich fort!« rief er. »Ich will deine bösen Historien vom Ritter Paris nicht mehr vernehmen. Da würde ich am Ende noch gänzlich toll.«

»Es braucht dazu der Geschichten vom Ritter Paris nicht!« lachte Kleinmeister. »Genug, daß die Helene deines Herzens nach Montfaucon reiset. Glaube mir, da hat der Wahnsinn dich bereits mit Haut und Haar. Oder möchtest du, daß sie noch bleibe? Da mußt du höflicher seyn gegen mich, als eben jetzt.«

Dazu schallte Kleinmeisters Stimme gewaltig zürnend über das Meer, daß Sintram vor dem Zwergen ordentlich zusammen fuhr. Doch schalt er sich alsbald deßwegen aus, stützte sich auf den Schwertgriff mit beyden Händen krampfartig fest, und sagte hohnlachend:

»Du und Gabriele! Was hast denn du für Bekanntschaft mit Gabrielen?«

»Nicht viel;« kam die Antwort zurück. Dabey schwankte Kleinmeister sichtlich im zürnenden Schrecken hin und her, und sagte endlich: »Den Nahmen deiner Helene kann ich überhaupt nicht gut leiden, und nenne du mir ihn nicht zehn Mahl in einem Athem. Aber wenn nun die Stürme sich aufmachten? Wenn nun die Wogen anschwöllen, und rollten sich, ein brausender, schäumender Ring, um Norwegens Gestade her? An die Fahrt nach Montfaucon müßte gar nicht mehr zu denken seyn, und deine Helene bliebe hier wenigstens den ganzen langen, dunkeln Winter hindurch!«

»Wenn! Wenn!« entgegnete Sintram verachtend. »Ist etwa das Meer dein Knecht? sind die Stürme deine Gesellen?«

»Rebellen sind sie mir! Verfluchte Rebellen!« murrte Kleinmeister in den rothen Bart, »du mußt mit dazu thun, Herr Sintram, wenn ich ihnen gebiethen soll; aber dafür hast du wieder kein Herz.«

»Prahler! Ärgerlicher Prahler!« fuhr der Jüngling auf. »Was verlangst du von mir?«

»Nicht viel, Herr Ritter; für einen, der Kraft und Feuer in der Seele hat, gar nicht viel. Du sollst mir nur eine halbe Stunde lang so recht fest und scharf in das Meer hinaus schauen, und nicht aufhören mit aller Anstrengung zu wollen, und immer wieder zu wollen, daß es schäume, daß es tobe, daß es rase, und sich nicht beruhige, bis der starre Winter über eueren Bergen steht. Dann legt der dem Herzog Menelaus das Fortschiffen nach Montfaucon schon genug. Und gib mir auch eine Locke deines schwarzen Haares. Das fliegt ja ohnehin so toll um dich her, wie Raben- und Geyerflügel thun.«

Der Jüngling zückte seinen scharfen Dolch, schnitt sich in voller Wildheit eine Locke vom Haupte, warf sie dem Fremden hin, und starrte nun, nach dessen Verlangen, gewaltig wollend in die Meeresfluthen hinaus.

Und leise, ganz leise begann es sich zu regen in den Wassern, wie jemand vor ängstlichen Träumen flüstert, und möchte gern ruhen, und kann doch nicht. Sintram war im Begriffe, abzulassen; aber im Mondenstrahle fuhr ein Schiff mit schwellend weißen Segeln gegen den Süden hin. Die Angst, Gabrielen auch bald so fortschiffen zu sehen, kam über ihn; immer kräftiger wollend, bohrte er seine starren Blicke in den feuchten Abgrund ein – Sintram, hätte man rufen mögen, ach Sintram, bist du denn wirklich derselbe, der noch kaum erst in der Herrinn feuchte Augenhimmel sah? –

Und die Wogen schwollen gewaltiger auf, und der Sturm zog pfeifend und wimmernd darüber hin; schon wurden die schäumigen Wellenhäupter im Mondglanze sichtbar.

Da warf Kleinmeister die Haarlocke des Jünglings gegen das Gewölk empor, und wie sie in den Luftstrudeln flatterte und wankte und schwebte, hob sich der Sturmwind so zornig empor, daß Meer und Himmel vernebelt in Eins fuhren, und man fern das Angstgeheule viel tausend sinkender Schiffer vernahm.

Der wahnsinnige Pilger aber mit den Todtengebeinen fuhr auf den Fluthen am Ufer vorbey, sehr hoch, entsetzlich schwankend; man sahe das Fahrzeug nicht, auf welchem er stand, so gewaltig bäumten die Wellen sich rings um ihn her.

»Den mußt du retten, Kleinmeister, den mußt du retten, durchaus!« so tönte Sintram’s flehende, zornige Stimme durch das Gelärm der Wogen und Winde; aber Kleinmeister entgegnete lachend: »sey doch nur um diesen ruhig, der wird sich schon selbst retten. Dem thun die Fluthen nichts. Siehst du? Sie betteln nur bey ihm, und springen deßhalb so hoch an ihm hinauf. Und er gibt ihnen reichliches Almosen, sehr reichliches; das kann ich dir versichern.«

In der That war es, als streue der Pilgersmann einige Todtengebeine in die Fluth, und fahre alsdann unangefochten vorüber.

Da fühlte Sintram einen entsetzlichen Schauer durch sein Blut zittern, und stürmte im wilden Laufe nach der Burg empor. Sein Gefährte war wie verflogen und verstoben.


 << zurück weiter >>