Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechstes Kapitel.


Staunend sahe der Freyherr auf seinen seltsamen Gegner hin; aber wie er ihn mehr und mehr betrachtete, stiegen ihm Erinnerungen empor, die ihn an den Nordlands-Stamm mahnten, daraus seine Ahnen entsprossen waren, und mit denen er immer freundlichen Verkehr gehalten hatte. Eine goldene Bärenklaue, Sintrams Oberkleid zusammen haltend, machte ihm endlich alles gewiß.

»Hast du nicht,« fragte er, »einen hochgewaltigen Vetter, Seekönig Arinbiörn geheißen, welcher goldgetriebene Geyerflügel auf seinem Helme trägt? Und ist dein Vater nicht Ritter Biörn? Denn ich meine, daß die Bärenklaue auf deiner Brust ein Stamm- und Wappenzeichen sey.»

Sintram bejahete das alles in tiefer, demüthiger Beschämung.

Ritter Montfaucon richtete ihn ernsthaft empor, und sagte leise: »da sind wir Anverwandte zusammen, aber nimmermehr hätte ich gedacht, daß jemand aus unserem ehrbaren Hause einen friedlichen Mann ohne alle Ursache anfallen könnte, und noch dazu unverwarnter Weise.»

»Tödtet mich,« entgegnete Sintram, »falls ich es noch werth bin, von so edlen Händen zu sterben. Ich mag das Licht der Sonne nicht mehr sehen.»

»Weil du überwunden bist ?»fragte Montfaucon.

Sintram schüttelte verneinend das Haupt.

»Oder weil du ein unritterliches Stück begangen hast?«

Des Jünglings heiße Schamröthe sprach ja.

»Da mußt du nicht sterben wollen,« fuhr Montfaucon fort, »vielmehr dein Vergehen wieder gut machen, und dich selbst verklären durch viele herrliche Thaten. Siehe, du bist gesegnet mit Tapferkeit und Leibeskraft, und wohl auch mit dem Adlerblicke des Feldherrn. Zum Ritter schlüge ich dich ohne weiteres, hättest du in einer guten Sache eben so gefochten, wie jetzt in einer schlechten. Schaffe, daß ich es bald thun darf. Es kann noch ein Gefäß hoher Ehren aus dir werden.«

Ein fröhliches Klingen von Schallmeyen und silbernen Becken unterbrach das Gespräch. Gabriele, schön wie der Morgen, trat im Gefolge ihrer Frauen an das Land, und in wenigen Worten durch Folko unterrichtet, wer sein ehemahliger Gegner sey, nahm sie das ganze Gefecht als einen Wettkampf, sprechend: »Ihr müßt es euch nicht verdrießen lassen, edler Herr, daß mein Ehegemahl den Preis gewonnen hat; denn wisset: auf der ganzen Erde gibt es bis heute nur einen einzigen Helden, vor dem der Freyherr von Montfaucon des Sieges nicht mächtig geworden ist. Und wer weiß,« fuhr sie halb scherzend fort, »wie auch das gekommen wäre, aber er nahm es sich damahls heraus, mir den Zauberring abzugewinnen, mir, die ich doch ihm von Gott und meinem eigenen Herzen zur Dame beschieden war.»

Folko neigte sich lächelnd über der freundlichen Herrinn schneeweiße Hand, und bath alsdann den Jüngling, ihn zu der Burg seines Vaters zu geleiten. Für die Ausschiffung der Rosse und Kostbarkeiten übernahm Rolf die Sorge in großen Freuden, indem es ihm vorkam, als sey ein weiblicher Engel erschienen, um seinen lieben Junkherrn zu besänftigen, und auch wohl von jeglicher frühern Verwünschung zu heilen.

Sintram hatte Bothen umher gesprengt, seinen Vater zu suchen, und ihm die edlen Gäste zu melden. Daher fand man den Ritter Biörn schon auf seiner Burg, und alles zur festlichen Aufnahme bereitet. Gabriele trat mit einigem Schaudern in den himmelhohen, finstern Bau, und sah noch ängstlicher in des Schloßherrn rollendes Gluthauge; jetzt auch kam ihr der bleiche, dunkel gelockte Sintram sehr fürchterlich vor, und sie seufzte in sich: »o zu welch grauenvollem Besuche, mein Ritter, hast du mich geleitet! O wären wir daheim in meiner blühenden Gascogne, oder in deiner ritterlichen Normandie!«

Aber der feyerliche edle Empfang, das tiefe, wahrhaft ehrfurchtsvolle Neigen vor ihrer Huld und Ritter Folko’s Herrlichkeit richteten ihr den Muth wieder auf, und bald war ihre Nachtigallenlust an allem Neuern durch die ungewohnten, bedeutsamen Erscheinungen dieser fremden Welt ganz anmuthig erweckt. Über dieß konnte jedes weibliche Zagen sie in ihres Hausherrn Nähe nur vorüber gehend durchzittern. Sie wußte zu gut, in welchem gewaltigen Heldenschutze der hohe Freyherr von Montfaucon alles hielt, was ihm theuer und pflegbefohlen war.

Durch den großen Saal, worin man sich nieder gelassen hatte, zog jetzt Rolf mit den Dienern der Fremden und deren Gepäck nach ihren Gemächern hinauf. Gabriele ward ihre zierliche Laute im Vorbeytragen gewahr, und geboth einem Knappen, sie ihr zu bringen, damit sie versuche, ob das geliebte Instrument auch nicht allzu viel von der Seefahrt gelitten habe. Wie sie nun stimmend, und mit zarter Achtsamkeit überhin gebeugt, die wunderschönen Finger auf den blanken Saiten auf und nieder wandeln ließ, zog ein Lächeln, wie Frühlingsschein, über Biörns und Sintrams dunkele Gesichter, und beyde seufzten unwillkührlich: »ach wenn sie spielen wollte, und ein Liedlein singen dazu! Das wäre allzu schön!« – Die geschmeichelte Herrinn blickte lächelnd nach ihnen auf, nickte mit freundlicher Bejahung, und sang in die Saiten ihrer Laute:

»Wenn die Blumen nun kommen
Im fröhlichen May,
Dann kommen die Lieder,
Kommt, alles, alles wieder, –
Doch eines, ach eines, das ist vorbey! –
Das eine, das weiß ich wohl, wie es heißt.
Doch kann ich’s nicht, will ich’s nicht nennen.
Denn hold mir war es zu allermeist,
Und will mich nun gar nicht mehr kennen.
Du Nachtigall, flöte so süße doch nicht
Aus deinen blühenden Zweigen,
Mir schwillt, mir bricht
Das Herz vor der Lieder Schwellen und Neigen
Ach flöte so nicht; –
Denn die Blumen die kommen,
Und auf Wolken geschwommen
Der blühende May,
Und das eine, das süßeste eine,
O wehe, vordem das meine!
Das ist vorbey.«

Die zwey Norwegs-Recken saßen in wehmüthiges Sinnen auf unerhörte Weise versunken; vorzüglich aber funkelten Sintram’s Augen mild, und seine Wangen hatten sich sanft geröthet, und alle seine Züge besänftiget, so daß man ihn fast für einen Verklärten hätte ansehen mögen. Darüber freuete sich der fromme Rolf, der während des Liedes stehen geblieben war, aus ganzem Herzen, und hob seine alten, getreuen Hände recht inbrünstig dankend zu dem lieben Gott empor.

Gabriele aber konnte in ihrem Erstaunen gar nicht mehr von Sintram wegsehen. Endlich sagte sie: »mein junger Herr, nun gebt mir kund, was euch an diesem kleinen Lied so gar sehr ergriffen hat. Ist es ja doch nichts, als ein ganz einfacher Frühlingsgesang, wie ihn die schöne Jahreszeit mit geringen Veränderungen und Wiederhohlung derselben Bilder zu Tausenden in meiner Heimath hervor ruft.«

»Habt ihr eine solche, eine so höchst wunderbare, so überaus Gesanges reiche Heimath?« rief Sintram begeistert aus. »O dann befremdet mich auch euere überirdische Schönheit nicht mehr, nicht mehr die Gewalt, welche ihr über mein starres, verwildertes Herz ausübt, denn es versteht sich ja, daß ein Paradies der Lieder dergleichen Engelsbothen senden muß durch die übrige noch ungestaltete Welt!«

Und zugleich senkte er in tiefer, sittlicher Demuth sich vor der schönen Herrinn auf beyde Knie.

Folko lächelte wohlgefällig dazu, aber Gabriele schien in ängstlicher Verlegenheit nicht zu wissen, was mit dem jungen, halb wilden, halb gezähmten Normanne zu beginnen sey. Nach einiger Überlegung jedoch reichte sie ihm die schöne Hand, und sprach, ihn leise empor ziehend: »Wer am Gesange so viele Freude findet, der weiß ihn auch gewiß recht anmuthig zu erwecken. Da, nehmet meine Laute, und laßt uns ein schönes, begeistertes Lied vernehmen.«

Sintram aber wies das zarte Saitenspiel sanft zurück, und sagte:

»Gott behüthe diese milden Klänge, diese feinen Griffe vor meiner unbändigen Hand! Wollte ich ihnen auch Anfangs freundlich schmeicheln, so käme doch endlich im Schwunge des Tones der wilde, in mir wohnende Geist über mich, und vorbey wäre es mit der holden Laute, Ton und Gestalt. Nein, gönnt mir, daß ich meine gewaltige Harfe hohle, mit den Saiten aus Bärensehnen, mit der erzbeschlagenen Einfassung. Denn wahrlich, zu singen und zu spielen fühle ich mich begeistert!«

Gabriele flüsterte halb lächelnd, halb erschreckt ihr ja, und pfeilschnell hatte Sintram sein wunderliches Saitenspiel herbey geschafft, und hob zu dessen dröhnenden, tief gewaltigen Klängen mit nicht minder kräftiger Stimme folgendes Lied an:

Du Recke, wohin im Sturmesgebraus?«
   »Nach Südland spann ich die Segel aus.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

»Ich habe genug durchmessen den Schnee,
   Nun will ich ’mahl tanzen auf frischen Klee.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

Und er steuert bey Son’ und bey Sternenschein,
   Und wirft bey Neapel die Anker ein,
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

Da wandelt ein zierliches Liebchen am Strand,
   Ihr Haar durchflochten mit gold’nem Band.
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

»Gott grüß’, Gott grüß’ schöne Magedein,
   Du mußt noch heute die meine seyn.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

»Mein Herr, ich bin eines Markgrafs Braut,
   Dem werd’ ich ja heute noch angetraut.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen

»Laß’ ihn kommen und proben sein Schwert, den Held.
   Der beste Fechter ist’s der dich behält.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

»Herr, sucht euch ein anderes Fräulein aus.
   Der blüh’n hier die schönsten ein reicher Strauß.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

»Auf dich ist mir einmahl der Sinn gestellt.
   Den wendet mir nichts auf der ganzen Welt.«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

Da kam der Markgraf zornig herab,
   Da schlug ihn der Normann in’s Rasengrab.
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

Und also sprach der fröhliche Held:
   »Nun will ich behalten Braut, Burg und Feld!«
      Ey du Land mit den schönen Blumen!

Sintram schwieg, aber seine Augen funkelten wild, und die Saiten der Harfe dröhnten noch immer in den kühnsten Schwingungen und wunderlichsten Gängen nach. Biörn hatte sich stolz im Sessel empor gerichtet, strich den gewaltigen Knebelbart, und rasselte freudig an seinem Schwerte.

Wohl bebte Gabriele dem wilden Liede und vor diesen seltsamen Gestalten zusammen, aber nur bis sie einen Blick auf Herrn Folko von Montfaucon warf, der in aller seiner Heldenkraft lächelnd da saß, und das kühne Gelärm wie herbstliches Stürmetosen behaglich an sich vorbey sausen ließ.


 << zurück weiter >>