Max Eyth
Der Kampf um die Cheopspyramide
Max Eyth

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10. Kapitel
Unter Fellachin

Nahezu vierzehn Tage waren verflossen, seitdem sie auf dem Pyramidenfelde hausten. Buchwald hatte aufgehört, die Tage zu zählen. War es möglich, fragte er sich manchmal, wenn er halbbetäubt von der Hitze über seine Leinwand hinweg in den brennenden Sand starrte, oder in der Abenddämmerung müde zusah, wie die kleine Haifa in den Resten ihres Kullahs seine Pinsel wusch, ist es wirklich möglich, daß das Leben in der Wildnis eine so ruhige Form annehmen kann? Es war, mit kleinen Abweichungen, ja fast wie in Middletonsquare zu Islington und weitaus geordneter, als in St. John's Wood. Mit jenem Instinkt, der den Engländer nirgends verläßt, hatte Thinker ohne sichtliche Schwierigkeiten das Jägergrab in ein ›Parlour‹, ein Wohnzimmer, umgewandelt. Der Tee duftete nach Sydenham, und zum Frühstück erschienen Eier und Yorkshireschinken, den der Koch, nach einigen mißlungenen Versuchen, vortrefflich zu rösten gelernt hatte. Es fehlte nur der Toast, der allen Experimenten widerstand, um fast zu vergessen, daß sie in der Wüste hinter Gise lagerten, statt in einer Villa zu Camberwell zu wohnen. Trotz seiner zeitweiligen Weltvergessenheit war Thinker kein unpraktischer Träumer, wenn es galt, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Ein vierter ständiger Esel wurde nach der Rückkehr des hochintelligenten Sais Ismael von seiner ersten Sendung nach Kairo eingestellt, von der er statt des erwarteten Rasiermessers ein kräftiges Beil für Fleischhauerarbeiten mitgebracht hatte. Ähnliche kleine Mißverständnisse gehörten auch später zur Tagesordnung und zur ständigen Würze der sonst vielleicht allzu ernsten Unterhaltung der beiden Einsiedler. Sie machten es überdies notwendig, daß der Sais mindestens an jedem zweiten Tag seinen Ritt nach der Hauptstadt wiederholte, um dieses oder jenes dringende Bedürfnis des täglichen Lebens befriedigen zu können. Dies hatte zur Folge, daß sich in Kürze eine wunderliche Sammlung völlig nutzloser Gegenstände in den Höhlen anhäufte, die denselben das Aussehen behaglicher Wohnlichkeit gaben. Die Sache ging soweit, daß in Buchwald der Verdacht aufstieg, sein Freund Eyth überrede Thinkers Freund O'Donald, gelegentlich nach eigener Eingebung irgend einen in Kairo entbehrlichen Gegenstand nach Gise zu senden, um die Höhlenbewohner zu überraschen. Die Ankunft eines zerbrochenen Kanarienvogelkäfigs konnte auf keine andere Weise erklärt werden, nachdem der Koch um eine Drahtglocke gebeten hatte, die seine Fleischvorräte vor Insekten schützen sollte. Vieles, andererseits, gelang über Erwarten: Zwei Schaukelstühle zum Beispiel, die zwar im Sand schlecht schaukelten, sonst aber sehr bequem waren; eine Hängelampe, die wohl vier Tage lang auf den Docht warten mußte, schon in dieser Zeit aber einen herrlichen Schmuck des Jägergrabs bildete und es später ermöglichte, die Abende lesend und schreibend aufs angenehmste zuzubringen. Unerschöpflich erwies sich der Koch in Wünschen nach Geräten aller Art, die er zur Herstellung der wunderbarsten Gerichte aus Tausendundeiner Nacht nötig hatte, wie Buchwald wegwerfend vermutete. Thinker aber, der das Geld mit Verachtung behandelte, bat seinen Freund, der phantasievollen Tätigkeit des arabischen Küchenmeisters nicht Einhalt zu tun. Da glücklicherweise beiden das Verständnis für die Genüsse von Feinschmeckern in bedauerlicher Weise abging und sie kaum mehr bedurften als zweimal des Tags einen guten, heißen Tee, so war es nicht nötig, dem Übereifer des Kochs unliebsam Schranken zu setzen und erfreulich zu sehen, wie sämtliche Gebrüder Musa dabei fett und rund wurden.

Die täglichen Bedürfnisse: Milch, frische, nicht allzu reinliche Ziegenbutter in kleinen Kügelchen, Eier von phänomenaler Kleinheit, Täubchen in reichlicher Menge, manchmal auch ein knochiges Huhn lieferten Kafr und die nächsten Dörfer, sobald bekannt wurde, daß ein mythisch-reicher Engländer mit seinem ›Vekil‹ ein Mumiengrab bezogen und sich dort sichtlich als ›Magnun‹, als eine Art ungläubiger Heiliger, niedergelassen habe. Dem Dragoman, der selbst immer weniger begriff, was er aus seinen Herren machen sollte, gefiel diese Erklärung so wohl, daß er sie nach Kräften unterstützte. Als nach einer Woche Thinkers eigene Meßinstrumente ankamen, änderte sich die Ansicht der Umgegend ein wenig. Der lange, ältere Herr, den man nie anders als in Schwarz gekleidet sah, der mit sonderbaren Gebärden an der großen Pyramide auf- und abkletterte, und allerhand unheilige Gebetsverrichtungen mit Maschinen vornahm, war sichtlich ein großer Zauberer, den zu ärgern man sich wohl hüten mußte. Eher könne man seinem Zauberlehrling durch einen gelegentlichen Steinwurf andeuten, was man von beiden denke, obgleich auch dies besser unterblieb. War er doch ebenfalls scheinbar harmlos, obgleich er sich den ganzen Tag damit beschäftigte, farbige Hexenzeichen auf Leinwand zu schmieren. Der einzige im Dorf, der diese milde Auffassung nicht billigte, war der Imam, ein schwarzbrauner Araber, dessen finstere Züge Buchwald schon zweimal zu skizzieren versucht hatte. Sobald aber der Mann bemerkte, was vorging, war er zornig aufgesprungen und hatte sich tief beleidigt, ohne ein Wort zu sagen, entfernt. Die kleine Haifa war seine Schwester, erzählte der Dragoman. Mit zornsprühenden Augen erklärte der Bruder im Kreis seiner beunruhigten Gemeinde: der Ungläubige habe das Kind behext. Die Kleine schien sich jedoch nichts aus dem Zorn ihres Bruders zu machen und lief nach wie vor nach eigenem Gutdünken dem Maler oder ihrem halben Piaster nach.

In der Höhlenwohnung konnte man nicht malen; es war dort zu dunkel. Im Freien war es während des größeren Teils der Zeit zu heiß. Aber schon am dritten Tag hatte Buchwald in der Nähe des Sphinx neben dem sogenannten ›Zahlengrab‹ eine tiefe Nische gefunden, auch wohl eine frühere, jetzt halbzerstörte Grabhöhle, deren vierte Seite nach Osten hin völlig offen war. Hier hatte er seine Malerwerkstätte aufgeschlagen und diesen Raum betrachtete Haifa von der Stunde an als ihr Gebiet. Sie brachte einen Strohwisch und fegte den Sand hinaus. Sie sah danach, daß der Malkasten geordnet und geschlossen wurde, wenn sich Buchwald entfernte. Sie brachte zwei weitere Kullahs, stellte sie am Eingang auf einen Stein, den sie mit Aufbietung all ihrer Kräfte herangewälzt hatte und sorgte dafür, daß die Flaschen stets gefüllt blieben. Groß war ihre Erregung, als – wie dies auch vor der Grabwohnung geschah – ein schwarzer Nubier als Boab (Türhüter) vor der Nische erschien. Thinker hatte sich diese Leute nachträglich aus Kairo verschrieben, um die unerwünschten Besuche der Umgegend abzuhalten und dem Verschwinden kleiner aber oft wertvoller Gegenstände aus der gemeinsamen Behausung Einhalt zu tun. Da Haifa über diese neue Einrichtung leidenschaftlich erzürnt schien, sprach ihr Buchwald freundlich zu, worauf sie sich langsam beruhigte. Den Boab aber betrachtete sie in der Zukunft als ihren Diener, ermahnte ihn, bei Tag wach zu bleiben und bei Nacht beide Augen aufzumachen. Dies ließ der Boab mit dem üblichen Ernst seiner Zunft sich ruhig gefallen. Er schien die Ansicht des Mädchens zu teilen, daß sie die kleine Frau des Malers sein müsse.

Das tägliche Leben der beiden Anachoreten verlief nach einigen Tagen in der geordneten Weise, welche angestrengte Tätigkeit stets mit sich bringt. Nach dem Frühstück, das eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang bereit stand, packten beide einigen Mundvorrat in die Tasche und zogen auf ihren Eseln in die Welt hinaus: Thinker nach Norden der Cheopspyramide zu, Buchwald meist nach Südost, um zuerst seinem Atelier einen Besuch abzustatten. Jeder hatte nun mit seinen eigenen Arbeiten bis gegen Mittag vollauf zu tun. Um diese Zeit fänden sie sich wieder in ihrer Höhlenwohnung zum frühen Mittagsmahl zusammen, dem die wohlverdiente Siesta folgte. Um dreieinhalb Uhr wurden ein paar Täßchen arabischen Kaffees getrunken. Dann ging es abermals hinaus in den glühenden Sonnenschein, bis die Abenddämmerung sie wieder vereinigte. Meist lagen sie nach dem Tee noch stundenlang auf den Felsplatten über den Gräbern, halbträumend ihr Arbeitsfeld überblickend und von Zeit zu Zeit ein paar Worte tauschend. Die heißen, ägyptischen Tage ermüden, auch wenn sie keine größeren körperlichen Anstrengungen bringen. Doch fehlte es auch an diesen namentlich Thinker nicht, dem es mit seinen Vermessungsarbeiten bitterer Ernst war und der häufig noch bis in die tiefe Nacht hinein Notizen ordnete, schrieb oder studierte. Denn aus seinem gewaltigen Koffer war nach und nach eine ansehnliche Bibliothek herausgekrochen: ein englisches und ein altes hebräisches Testament, Herodot, Strabo, Plinius, ein paar Araber, die Werke der französischen Expedition, Howard-Vyse, Wilkinson und anderes mehr, und hatte auf einem geschickt horizontal laufenden Felsvorsprung an der hinteren Wand des Jägergrabs Aufstellung gefunden. Buchwald konnte sich nicht enthalten, ein paar heimliche Skizzen seines Freundes auszuführen wie man ihn unter der Hängelampe über die alten Bände gebeugt, durch die verwitterte Öffnung des Felsengrabs in dem gespenstisch erleuchteten Raum sitzen sah: ein Faust, der noch nicht die Hoffnung verloren hatte, in den Gräbern das alte, und vielleicht ein neues Leben zu finden.

Dem Maler gewährte sein ungewohntes Arbeitsfeld eine Befriedigung, die er kaum erwartet hatte. Dies mochte nicht zum geringsten Teil daher stammen, daß ihm hier Motive entgegentraten, grundverschieden von denen, die ihn bisher beschäftigt hatten. Dort moderne Menschen, umgeben von dem Luxus und der Unnatur unseres heutigen Tages, unter dessen schillerndem Licht selbst das Kind in der Natürlichkeit, die es auf die Welt bringt, kaum mehr zu erkennen ist; hier die Natur in ihren einfachen Formen, in der jede Berührung mit dem Menschen seit Jahrtausenden erstorben war, groß und gewaltig, aber stumm, voll Licht und Luft, aber doch ohne Leben. Der Gegensatz von heute und gestern tat ihm wohl. Der Bann einer Gedankenwelt, die ihn seit Jahren umgeben und gequält hatte, löste sich unmerklich, und die frische reine Wüstenluft erfüllte ihn mit neuen, bisher unbekannten Kräften.

Er fand merkwürdig viel Schönes in der scheinbaren Einförmigkeit seiner Umgebung: die Farbenpracht des Gesteins in Licht und Schatten der Abendsonne, die schneidende Bestimmtheit der Formen in der brennenden Helle des Mittags, den Duft über den fernen zierlichen Palmen des Niltals am frühen Morgen. Dazu ein Vordergrund, der lautlos auf Schritt und Tritt an den geheimnisvollen Uranfang der Menschheit mahnte: hier eine Mastaba, dort die Ecke einer der Pyramiden, dazwischen die Sphinx, der stumme Wächter des Totenfeldes. Er hatte Dutzende von Skizzen und drei oder vier größere Bilder angefangen: Träumereien aus einer Vergangenheit, die niemand mehr kennt, Freilichtstudien, wie sie vor vierzig Jahren kein zweiter Maler gewagt hätte. Und mit wachsender Freude fühlte er, wie unter dieser Sonne der Plan für sein großes Bild reifte, in dem er alles vereinigen wollte, was ihm diese Tage brachten.

Ab und zu suchte ihn Thinker auf, wenn der Gelehrte einen besonders wichtigen Fund gemacht zu haben glaubte, oder in der Länge eines Felsblocks, der Höhe einer Schicht des Pyramidenbaues neue Beziehungen zu Himmel und Erde entdeckt hatte. Buchwald, ruhig fortpinselnd, lachte dann wohl im Stillen, je mehr ihn sein älterer Freund mit Zahlen überschüttete. Aber langsam und fühlbar zog ihn doch die Begeisterung, der felsenfeste Glaube seines Gefährten in ihren Bannkreis. Er war nicht mehr weit davon entfernt, ein gläubiger Jünger der kleinen Pyramidengemeinde zu werden, die in Thinker ihren eifrigsten Apostel gefunden hatte.

Allerdings streute dieser neue Prediger in der Wüste den Samen seiner krausen Wahrheiten auf einen Boden, den ein Pflug gelockert hatte, von dem er nichts wußte. Hundertmal, wenn Buchwald hinübersah, wo in bläulichem Dunst die Minaretts von Kairo zu erkennen waren, fragte er, ob sie wohl zurückgekommen sein mochte, ob er sie wiedersehen werde, ob er nicht der größte Narr unter der Sonne sei, hier zu sitzen und tote Wüstenbilder zu klecksen, anstatt dort drüben das einzige aufzusuchen, was das Leben lebenswert mache. Warum mußte sich an diese Gedanken ein scharfer heimlicher Schmerz knüpfen, etwas wie eine Angst ohne Ursache? Sie war das Kind nicht mehr, das er gekannt hatte; natürlich! Konnte sie aber nicht zehnmal schöner geworden sein? Ja. Aber konnte sie nicht auch im bunten Treiben der großen Welt so viel anderes und hundert andere gesehen und die unvergeßlichen Stunden von Stoke-Newington längst vergessen haben?

Trotz aller Mystik, in der der Gelehrte lebte, ging es an der Cheopspyramide, bei Thinker, einfacher und verständiger zu. Statt der versprochenen zwölf Mann waren am Tage nach der Unterredung mit dem Schech von Kafr doch sechs und vier Mädchen angetreten. Nachdem sich der Dorfschech überzeugt hatte, daß Thinker in der Bezahlung von Männern und Mädchen keinen Unterschied machte, kamen am folgenden Morgen vier Männer und sieben Mädchen, von denen zwei, wegen allzu zarten Alters, sofort wieder heimgeschickt werden mußten. Aber auch so machte die Arbeit unter dem schrillen Gesang des Frauenchors sichtliche Fortschritte und am Abend dieses zweiten Tages hatte der Forscher die unaussprechliche Freude, die Stelle frei zu legen, welche das in den gewachsenen Felsboden eingemeißelte vertiefte Lager des nordwestlichen Ecksteins der Pyramide gebildet haben mochte. Die Kanten der Vertiefung zeigten noch immer die Schärfe, welche der Stolz der alten Baumeister gewesen sein muß: ein Gefühl, das aus dem Sinn des heutigen Ägypters völlig verschwunden ist, der ein genaues Maß und eine gerade Linie nicht kennt. Schon am folgenden Tage glückte es, die entgegengesetzte nordöstliche Ecke aufzufinden, die weit weniger tief im Sande begraben lag, und auch hier ließ sich, wenn nicht von Millimetern, so doch von unzweifelhaften Zentimetern sprechen, wenn es galt, die Seitenlänge der Grundfläche der Pyramide festzustellen. Man hatte nur die Entfernung der gefundenen Kanten mit der nötigen Genauigkeit zu messen, um aller Welt den Glauben an eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeit der Cheopspyramide, ihre sozusagen prophetischen Beziehungen zur Zahl π, aufzuzwingen.

»Nur!«

Es war so einfach nicht, als es sich ausspricht. All die Gelehrten, die bisher die Aufgabe zu lösen versuchten, mußten sich schließlich mit einem zweifelhaften ›ungefähr‹ begnügen. In der zu messenden Linie von annähernd zweihundertunddreißig Metern lagen kleine Täler und Hügel, haushohe Trümmerhaufen und verwitternde Felsblöcke in wilder Verwirrung, über die hinweg genau zu messen selbst einem gewieften Geometer von Beruf nicht leicht geworden wäre. Doch Thinker war auf seine Aufgabe vorbereitet wie wohl kaum ein anderer seiner Vorgänger, und hatte monatelang den Spott der Jungen und das Kopfschütteln der Alten um Sydenham ertragen, wo er durch Parkstücke und an Gartenwegen entlang imaginäre Pyramidenseiten abmaß. Zunächst mußte auf günstigerem Grund und Boden in einiger Entfernung eine Vermessungsbasis abgesteckt werden. Eine etwa hundert Meter lange, fast völlig ebene Strecke, die sich hierzu eignete, da von deren beiden Enden die Eckpunkte der Pyramide gesehen werden konnten, fand sich noch auf dem Felsplateau im Norden des Baus. Thinkers eigene, sehnsüchtig erwartete Meßgeräte hatte der Sais Ismael tags zuvor aus Kairo gebracht. Sie waren nach Landessitte auf dem Zollamt zu Alexandrien zweimal verloren gegangen und gegen ein entsprechendes Bakschisch wiedergefunden worden. Die weiblichen Grabarbeiter wurden zum stillen Ärger Ibrahim ben Musas und unter lautem Widerspruch des Schechs nach Hause geschickt. Sie waren vorläufig nicht mehr nötig. Dagegen mußte Buchwald, den dringenden Bitten seines Gefährten nachgebend, seine Studien unterbrechen und hatte das Hochgefühl, wie Thinker meinte, bei dem Ausstecken der Vermessungsbasis behilflich sein zu dürfen. Das Abmessen von dreihundert englischen Fuß wurde sodann mit allem wissenschaftlichen Raffinement vorgenommen. Die drei, sechs Fuß langen stählernen Meßstangen lagen in hölzernen Mänteln, aus denen an den Ecken nur ihre Stahlspitzen hervorsahen. Sie wurden auf Böcken genau horizontal eingestellt, nachdem sie in der Richtung der abzumessenden Linie niedergelegt waren. Vor dem Ablesen des kleinen Zwischenraums zwischen den Stangenspitzen, die sich nie berühren durften, mittels eines Mikrometers, wurde die Temperatur der Umgebung notiert, um die Expansion des Stahls in Rechnung ziehen zu können. Denn die abzusteckende Basis sollte keineswegs in der Sonnenhitze eines Nachmittags, sondern bei der mittleren Jahrestemperatur unter dem dreißigsten Breitengrad dreihundert englische Fuß messen.

»Ich würde am liebsten sogleich alle Messungen in Pyramidenzoll ausführen, wenn unsere Instrumente entsprechend eingeteilt wären«, sagte Thinker leise zu Buchwald, denn er fürchtete in kritischen Augenblicken selbst die Störung einer Schallwelle. »Sie erinnern sich, dieser Zoll ist der fünfzigste Teil des Pyramidenmeters, der wieder der fünfhunderttausendste Teil der Polarachse der Erde ist. So müssen wir uns zunächst mit dem englischen Zoll behelfen, der übrigens nur um ein Tausendstel länger ist, als der Pyramidenzoll. Ist dies nicht eine erstaunliche« – Plötzlich stockte er.

»Himmlische Heerscharen!« – es war sein heftigster Fluch, der ihm nur in der äußersten Aufregung entschlüpfte – »ich wollte Ihnen dies in einem feierlicheren Augenblick mitteilen. Sie reifen heran, lieber Buchwald; sichtlich. Aber für diese Wahrheit, die unser teures, englisches Volk mit den Offenbarungen der großen Pyramide verknüpft, sind Sie noch nicht reif. Nehmen Sie keinen Anstoß an dem, was Sie gehört haben. Ihre Zeit wird kommen. Sie kommt sicher.«

»Null Komma drei drei fünf!« rief Buchwald, in großer Seelenruhe seinen Mikrometer ablesend, so daß Thinker sich beruhigte. Seine unvorsichtige Äußerung hatte sichtlich kein Unheil angerichtet. Der Maler freute sich an den Fortschritten, die er in der praktischen Geometrie machte und bemerkte mit Verwunderung, wie vielerlei man im Land der Pharaonen lernen konnte, auch ohne auf die Offenbarungen der Pyramide einzugehen.

Das Abstecken der Vermessungsbasis kostete zwei volle Tage. Dann ging es an die trigonometrische Aufnahme der gesuchten Seitenlinie. Während dieser Arbeit bat der Maler dringend, entlassen zu werden, eine Bitte, die ihm Thinker nach langem Zögern kopfschüttelnd gewährte. Die jüngeren Fellachin erwiesen sich anstellig genug, wenn man sie von Zeit zu Zeit mit einem Bakschisch ermunterte und den Dragoman nicht hinderte, handgreiflichere Mittel anzuwenden. Allerdings flößte ihnen die Aufstellung des Theodolits große Besorgnis ein, namentlich nachdem sie entdeckt hatten, daß es keine gewöhnliche kleine Kanone war, wie man anfänglich vermutet hatte. Was konnte der Zweck des rätselhaften Instrumentes sein, das der Fremde bedrohlich nach lächerlichen Zielen richtete, das aber trotzdem nie losging? Was mochte der schwarze Zauberer im Schilde führen? Er gab Bakschisch, reichlich, aber wer konnte sagen, ob sie nicht alle dafür zu büßen hätten, ehe das geheimnisvolle Treiben zu Ende war! Im Dorf wuchs die bange Erwartung von Tag zu Tag. Und dann kam aus dem eine Stunde entfernten Abusir die Nachricht, daß dort ein Mann, der Amtsschreiber des Schechs, tot zu Boden gestürzt sei, gerade zur Zeit, als Thinker mit dem Theodolit zu hantieren begann. Niemand hatte einen Knall gehört, niemand sah einen Rauch und trotzdem war der Mann mausetot. Kein Zweifel mehr: es war eine Zauberkanone der schlimmsten Gattung und von unerhörter Fernwirkung.

Am fünften Tag blieb Thinker allein in seinem Grab und schrieb und rechnete stundenlang. Buchwald hatte sich mit ungewohnter Entschiedenheit geweigert, ihm Gesellschaft zu leisten. Fast hätten sie sich gezankt. »Alles hat seine Grenzen«, sagte der Maler zu sich, als er in wirklichem Zorn den Esel bestieg, um sein Atelier aufzusuchen. »Logarithmen! Das geht zu weit.«

Er fand mittags Thinker in einem Zustand so tiefer Betrübnis, daß ihm sein Zorn leid tat. War und blieb er nicht ihr Onkel?

»Sehen Sie, lieber Herr Thinker«, sagte er reuig, »ich will ja gerne alles für Sie tun; nur Logarithmen, die waren mir von Kindesbeinen an ein solcher Greuel –«

»Ich weiß, ich weiß!« unterbrach ihn Thinker, nach seiner Hand greifend. »Aber gehen Sie nach Tisch mit mir. Sie wissen nicht, wieviel an den nächsten vierundzwanzig Stunden hängt. –«

Die Freunde waren versöhnt und wanderten in der Glut der Nachmittagssonne nach der Vermessungsbasis. Dort begannen sie sofort, die Strecke zum drittenmal zu messen. Das Ergebnis der ersten Berechnungen hatte Thinker nicht befriedigt. Und in der Tat: am Abend stellte sich heraus, daß die Linie im Lauf der letzten drei Tage um achtzehn Millimeter kürzer geworden war!

»Unglaublich«, rief Thinker, »wenn nicht die Mächte der Finsternis ihr Spiel dabei haben. Ich möchte dies fast vermuten. Wir stehen hier an der Pforte von Geheimnissen, die das Übernatürliche fühlbar berühren. Sie wissen, wie in den Volkssagen aller Völker Schätze von Dämonen gehütet werden. Kommen Sie mir nicht mit Ihrem alten Lächeln, das Sie sich seit einigen Tagen abgewöhnt hatten. Die Volksseele steht der Wahrheit näher, als unsere blinde Vernunft.«

Mit Mühe hielt ihn Buchwald ab, die Nacht durchzurechnen. Dafür wälzte er sich schlaflos auf seinem Bett umher und stand zweimal geräuschvoll auf, in der Hoffnung, dadurch den Anbruch des Tags zu beschleunigen. Es war noch frische, kühle Dämmerung, als er bereits das Feldtischchen vor die Höhle gerückt hatte, und siebenstellige Logarithmen vor sich hinflüsterte.

Gegen zehn Uhr suchte er Buchwald auf, der von der halben Höhe der Menkaurapyramide die beiden Großen zu malen begonnen hatte, und schwenkte während des Aufstiegs einen Bogen Papier triumphierend über seinem Kopf. Die Berechnung war abermals durchgeführt. Das jetzige Ergebnis stimmte auf drei zweiunddreißigstel Zoll mit der Theorie. Drei zweiunddreißigstel Zoll auf eine solche Länge ist ein Fehler, der dem besten Meßinstrument unserer Zeit zugeschoben werden kann, erklärte er triumphierend. »Wir haben also in der Tat die genaue Tageszahl des Sonnenjahrs in der Seitenlänge der Pyramide gefunden«, erklärte er. »Infolge der gotteslästerlichen Zertrümmerung ihrer Spitze kann die ursprüngliche, wahre Höhe des Bauwerks nicht anders als durch Berechnung bestimmt werden. Der Böschungswinkel, den uns der gefundene Verschalungsstein angibt, läßt sich allerdings mit den uns zur Verfügung stehenden Instrumenten mit der wünschenswerten Genauigkeit nicht messen. Jedenfalls aber liegt er um 51 Grad und 32 Minuten. Dies ergibt eine Höhe, die nicht nur die Zahl Pi, sondern auch die für unser ganzes irdisches Dasein so hochwichtige Entfernung der Erde von der Sonne verkörpert«.

Unter einer Flut von Zahlen malte Buchwald ruhig weiter. Thinker hatte sich an seiner Seite niedergelassen, während Haifa, vor ihm sitzend, wie wenn sie einen wilden Vogel betrachtete, jedes Wort mit weitaufgerissenen Augen von seinen Lippen ablas. Sie liebte Thinker nicht. Er war auch für sie der schwarze alte Zauberer, vor dem sie für Buchwald Angst hatte. Dieser ließ den Zahlenregen schweigend über sich ergehen, in der Hoffnung, daß auch wieder sonnigere Stunden kommen würden.

»Nur eins begreife ich nicht, Herr Thinker«, begann er endlich, als der Gelehrte in seiner freudigen Erregung nach Luft schnappte; »weshalb gehen wir nie hinein, ins Innere Ihrer großen Pyramide. Wenn Sie in der Schale schon solche Wunder lesen, muß da der Kern nicht zehnmal wundervoller sein?«

Der Doktor wurde plötzlich sehr ernst.

»Haben Sie noch eine kleine Weile Geduld«, sagte er nach einer Pause. »Ich bin gewohnt, Schritt für Schritt zu gehen. Man sollte das Heiligste nicht in unziemlicher Hast betreten. Manchmal packt mich ein förmlicher Schauder der Ehrfurcht. Wäre es möglich, daß Sie sich würdig fühlten? Armer junger Freund!«

»Würdig in der großen Pyramide herumzukriechen?« fragte Buchwald, mit seiner unverwüstlichen Naivität. »Warum nicht?«

»Sie sollen es in einigen Tagen erfahren; haben Sie Geduld«, antwortete Thinker. »Ich habe zuvor noch eine mühselige Arbeit zu vollenden. Gewiß, eine Arbeit der Liebe ist wohl nie eigentlich mühselig, aber ich gestehe: Das Klettern, Bücken und Knien tut mir heute weniger wohl als vor fünfundzwanzig Jahren. Morgen werde ich beginnen, die Höhe der einzelnen Horizontalschichten zu messen, aus denen die Pyramide besteht. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es zweihundertundvier, vom Grund bis zur Spitze, wenn man die verschwundenen Stufen des Gipfels mitzählt.«

»Was fangen Sie aber mit den Maßen an, wenn Sie sie haben?« fragte der Maler.

»Ich weiß es nicht; aber ich hoffe es wird sich zeigen«, antwortete Thinker. »Nichts in diesem Bauwerk ist gleichgültig oder das Werk des Zufalls. Sie werden dies mit mir empfinden, wenn wir uns zusammen dem halbentzifferten Innern nähern. Dort wird vielleicht auch Ihnen ein Licht aufgehen. Geduld und Arbeit muß uns zum Ziel führen, was es auch immer sein möge. Es ist nicht gut, den Baum der Erkenntnis leichtfertig zu schütteln.«

Er warf einen Blick auf die Leinwand des Künstlers und seufzte.

»Das echte Sinnbild von Menschenwerk, wie es der Affe zustande bringt! Ruhig, mein Freund. Verlangen Sie keine Erklärung. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Sie malen die Chefrenpyramide wieder mit ihrer boshaften scharfen Spitze und ihren sinnlosen Winkeln? Und – ei, ei, da oben in der Ecke wieder einmal der Mädchenkopf! Buchwald, Buchwald, laufen sie mir nicht zu lange falschen Göttern nach!«

Er faltete das mit Zahlen bedeckte Papier zusammen, steckte es sorgfältig in seine Brusttasche, und kletterte die Stufen des Menkauragrabdenkmals hinunter, sichtlich nicht völlig befriedigt von diesem Besuch bei seinem jungen Freund.

 

In den folgenden Tagen war Buchwald kaum imstande, den Besuch heimzugeben. Thinker bewegte sich auf den höchsten Stufen der Cheopspyramide, das einzige schwarze Fleckchen auf der gelben Fläche. Stöhnend folgte ihm der Dragoman und wimmernd die vier Fellachin, die seine ständige Leibwache geworden waren. Mit Senkblei, Winkel und Richtlatte wurde Stufe um Stufe gemessen und langsam arbeitete sich auf diese Weise das Trüpplein in fünf Tagen vom Gipfel bis gegen den Grund herab. Täglich ein- oder zweimal mußte die Arbeit unterbrochen werden, wenn zu immer neuausbrechendem Jammer des Doktors eine Gesellschaft fremder Besucher von Gise her geritten kam, und am Fuß der Pyramide Anstalt machte, den Gipfel zu besteigen. Dann floh er entlang der horizontalen Staffel, auf der er sich befand, an deren äußerstes westliches Ende und kauerte sich dort unter dem geöffneten Sonnenschirm wie eine Landschildkröte zusammen, bis das ›Ungeziefer‹ verschwunden war. Keine Worte waren ihm am Abend stark genug, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen, wenn bei einer Begegnung dieser Art ein allzu neugieriger Reisender gewagt hatte, die Natur der eigentümlichen Schildkröte näher zu untersuchen, oder wenn er die Schläge eines Hammers hören mußte, der Stückchen von den Felsblöcken auf dem Gipfel lostrennte, die ›zur Erinnerung‹ mitgenommen werden sollen. »Als ob ein mit Vernunft begabtes Wesen die große Pyramide vergessen könnte!« Er lachte bitter und erwartete von seinem Freund ein sympathisches Echo. Und Buchwald lachte mit. War er nicht ihr Onkel?

Für den vereinsamten Europäer inmitten einer afrikanischen Bevölkerung, deren Sprache er nicht versteht, von deren Denkweise er keine Ahnung hat, bleibt das Leben der Eingeborenen, selbst wenn er täglich mit ihnen in Berührung kommt, ein mit sieben Siegeln verschollenes Buch. Es ist ihm von morgens bis abends, als stände er vor einem dichten Vorhang, auf dem Schatten vorüberhuschen, hinter dem er Lärm und Stimmen hört; was sie aber bedeuten, muß er erraten, und meist rät er falsch. Manchmal glaubt er, von verbohrter Feindseligkeit bedroht zu sein, während die Leute die Absicht hatten, ihm heimlich das Beste zuzustecken, das sie selbst besaßen, ein andermal meint er einen rührenden Zug von Treue und Anhänglichkeit belohnen zu müssen, weil ihn ein besonders schlauer Spitzbube geschickt hinters Licht geführt hatte. Ahnungslos geht er an wirklichen Gefahren vorüber, die er durch eine Handlung vermeintlicher Höflichkeit selbst heraufbeschworen hatte, und greift erschreckt nach seinem Revolver, wenn ihn ein wohlwollender Halbwilder etwas dringender als gewöhnlich zum Abendessen bittet. Diesem Schicksal entgingen auch Buchwald und sein würdiger Freund nicht, deren Beziehungen zu den Bewohnern von Kafr und den Nachbardörfern durch mancherlei Wandlungen gingen, ohne daß sie das geringste davon merkten. Denn Thinker arbeitete wohl nächtlicherweise eifrig am Entziffern von Hieroglyphen und altarabischen Urkunden, lernte aber kaum ein Wort Vulgärarabisch, und Ibrahim ben Musa übersetzte nur, was ihm gut und nützlich dünkte. Buchwald allerdings hatte in Haifa, seiner ›kleinen Frau‹, eine Lehrmeisterin, die ihm stundenlang vorplauderte. Aber ihre Methode war primitiv und die Fortschritte, die er machte, etwas lückenhaft und zickzackartig. So blieb ihnen auch in der zweiten Woche ihres Aufenthalts stilles Beobachten und Erraten das Haupthilfsmittel im Verkehr mit den sie umgebenden Halbbeduinen, die ihrerseits die Fremden mit wachsender Scheu beobachteten.

In den ersten Tagen, während des Suchens nach den Fundamenten der Ecksteine kam der Schech von Kafr, Hag-Ali, allabendlich auf seinem alten, weißen Esel, der bessere Tage gesehen hatte, angeritten und begab sich ohne weiteres in Ibrahims Zelt, um den Tagelohn für seine Arbeiter in Empfang zu nehmen, den der Dragoman sich zuvor mit großer Pünktlichkeit bei Thinker geholt hatte. Man hörte dann wohl eine Stunde lang heftigen Wortwechsel, meist im Flüsterton, manchmal aber auch in laut klagende oder zornige Rufe ausbrechend. Es handelte sich zunächst stets darum, wie viel von der Gesamtsumme der Dragoman für seine eigenen Verdienste bei der Sache zurückzubehalten berechtigt sei. Der Schech glaubte beschwören zu können, daß sie übereingekommen seien, Ibrahim solle eineinhalb Piaster für den Kopf und Tag erhalten, der Dragoman schwur ohne viel Federlesens, daß sie zweieinhalb Piaster verabredet hätten. Diese Vorfrage mußte jeden Tag aufs neue erledigt werden, wobei manchmal der Schech, manchmal der Dragoman obsiegte. Dann kam die schwierigere Berechnung des Gesamtbetrags und die unvermeidlichen Rechnungsfehler zu Gunsten des Dragomans, die den Schech mit dumpfer Wut erfüllten, denn er fühlte sich auf diesem Gebiete schwach. Sah der Dragoman, daß der alte Mann, unter verzweifelten Bitten um den Beistand Gottes gegen seinen Widersacher, zusammenzubrechen drohte, und schwur, nie mehr einen tauben Krüppel zu liefern, wenn man ihn behandle wie den Sohn eines Hundes, so gab er nach. Dies wurde ihm in der Tat nicht allzuschwer, denn er hatte ja vornweg eineinhalb Piaster vom Tagelohn jedes Arbeiters in der Tasche, von denen der Schech nichts wußte: den Unterschied der Löhnung, die Thinker in Wirklichkeit, und die er nach Hag-Alis Glauben bezahlte. So endete der Streit regelmäßig mit einem Versöhnungskaffee, worauf sich die Freunde in tiefem Frieden und mit den herzlichsten Versicherungen gegenseitiger Hochachtung trennten.

Während sich diese Dinge im Zelt abspielten, lagen Buchwald und Thinker in der Abenddämmerung gewöhnlich auf den Felsplatten über ihren Gräbern, Thinker in Betrachtung der Wände der Cheopspyramide vertieft, Buchwald nicht immer so aufmerksam, als es wünschenswert gewesen wäre. Manchmal, wenn der Streit im Zelt an Schärfe zunahm, konnte man einzelne Worte hören. Dann lauschte Thinker aufmerksam und belehrte Buchwald, daß die Leute offenbar ihr Abendgebet verrichteten. Der Maler nickte zustimmend, aber er war in Gedanken in Kairo oder Stoke-Newington. Es war ihm heute ein deutsches Lied aus seiner Studienzeit eingefallen, und summte ihm stundenlang im Kopf herum: ›Ob sie wohl kommen wird, zu beten an meinem Grab?‹ Ein rechter Unsinn, wenn man bedenkt, daß das Grab keineswegs das seine, sondern das der Tochter des Oberpriesters Menusi aus der Zeit der fünften Dynastie des alten Reichs war. Soviel hatte nämlich Thinker, nach mühevollen Studien, aus den Hieroglyphen herausgelesen, die das Wandgemälde des Hochzeitsfestes in der zweiten Kammer umgaben.

Als die trigonometrischen Arbeiten und die Höhenmessungen an die Reihe kamen und Thinker nur noch ein Drittel der Arbeiter aus dem Dorf nötig hatte, schickte Buchwald die andern unbarmherzig nach Hause. Diese zogen es jedoch vor, den Zurückbehaltenen bei ihrer Arbeit hartnäckig zuzusehen, und als sie für dieses Zusehen vergeblich bezahlt zu werden wünschten, entstand eine tiefe Verstimmung im Dorf, die der Schech und selbst der Dragoman teilte. In dieser Weise plötzlich ihre hübschen Einnahmen auf weniger als die Hälfte vermindert zu sehen, erschien allen im Lichte einer Willkür, zu welcher die Fremden nicht berechtigt waren. Überhaupt, wurde in Kafr jetzt gefragt, wer gab diesen Ungläubigen das Recht, an den Pyramiden herumzumessen, die Sphinx, den Vater der Schrecken, abzumalen und ähnliche Teufelskünste zu treiben? Der junge Imam, dessen Stimme gegen die strömenden Bakschische Thinkers machtlos angekämpft hatte, fühlte, daß er wieder Boden gewann. Er hatte seine Schwester Haifa zweimal eingesperrt, aber die Kleine war gewandt und schlau wie ein junger Schakal, und nach wenigen Stunden durch das Dach der brüderlichen Lehmhütte entwischt. Atemlos kam sie mit ihrem frischgefüllten Kullah dem Maler wieder zugelaufen. Sie schlief jetzt im Atelier und frühstückte mit dem Boab. Daß sie verhext sein mußte, war zweifellos, und dies schützte sie. Die Leute gingen ihr vorsichtig aus dem Weg und der Imam beschloß, bei der nächsten Gelegenheit einen Weli, einen heiligen Mann zu befragen, der in der Nähe von Mit Rahine unter einer Kuhhaut wohnte und sich für solche Fälle eines großen Rufes erfreute. Mit um so größerer Aufmerksamkeit beobachtete er mittlerweile aus sicherer Entfernung das Treiben der Fremden. Seitdem der Theodolit, die Zauberkanone, in scheinbar völlig zweckloser Weise von Zeit zu Zeit aufgestellt und sorgfältig gerichtet wurde, um unsichtbare Zauberkugeln unhörbar in unbekannte Fernen abzufeuern, stand die Tatsache fest, daß hier von ungläubigen Hunden schwarze Magie der schlimmsten Art getrieben wurde, der man am besten aus dem Wege ging, wenn man sie nicht verhindern konnte. Dies war neuerdings die Auffassung des Imams, der zugleich Dorfschmied und ein klarer Kopf war, dem man wohl glauben mußte.

Der Schech und die übrigen Dorfbewohner teilten die Ansicht ihres Imams und selbst dem Dragoman, mit dem man jedoch über so kitzlige Dinge nicht offen zu sprechen wagte, wurde es unbehaglich. War je ein Reisender wochenlang vor den Pyramiden sitzengeblieben? Und das Graben und Messen, das nächtliche Schreiben in der erleuchteten Grabhöhle – das alles war nicht geheuer. Wenn Allah es duldete, gut; das war Allahs Sache. Wenn er es aber hindern wollte, noch besser. Er, Ibrahim ben Musa, würde sich dem Zorn des Allmächtigen nicht aussetzen, um zwei ungläubige Schwarzkünstler vor gerechter Strafe zu retten. – Ja, wenn die Bakschisch nicht wären, seufzte die ganze Umgegend. Und dann zahlten die Fremden für Eier und Hühner, für Milch und Butter mehr als doppelte Preise. Selbst die Weiber wollten nichts davon wissen, daß solche Leute ganz des Teufels seien. – Namentlich bei dem Maler war dies unwahrscheinlich. Hatte er nicht eine Haut wie Milch und Rosenblätter? Beim Alten – ja; bei dem mochte das Schlimmste seine Richtigkeit haben.

Diese Stimmung wuchs von Tag zu Tag. Man betrachtete die Fremden mit feindlicher Scheu, ging ihnen am liebsten aus dem Weg, oder war, wenn eine Begegnung stattfand, höflich bis zum Versinken. Die harmlosen Höhlenbewohner hatten von alldem keine Ahnung, gingen ruhig ihrer Wege und glaubten, nach und nach das Wohlwollen und Vertrauen der braven Leute von Kafr gewonnen zu haben.

Seit einigen Tagen befand sich ein Trupp wandernder Beduinen in der Nähe, wie dies in jener Gegend nicht selten der Fall ist. Sie hatten ihr kleines Lager bei Abusir, gegen Sakkara hin, aufgeschlagen und ließen etliche zwanzig Kamele am Rand der Wüste weiden. Einzeln oder in Trüppchen kamen sie auch nach Kafr herüber, tranken mit den Dorfleuten, die selbst seßhaft gewordene Beduinen waren, Kaffee, und erzählten, daß sie für den Vizekönig und für Halim Pascha wilde Tiere aus dem Sudan gebracht hätten. Nun wollten sie ein paar Tage rasten, ehe sie den Rückweg nach Siut anträten. Der Imam, der ein echter Beduine war, besuchte seine Stammesgenossen bei Abusir fast täglich und schlich stiller und verschlossener umher als je zuvor. Auch die kleine Haifa kam nicht mehr so regelmäßig wie früher und schien unruhig und geängstigt zu sein. Wenn sie kam, erzählte sie Buchwald wichtigere Geschichten als gewöhnlich, von denen er um so weniger verstand, je länger sie waren.

Schließlich führte all das zu einer kleinen Katastrophe, die leicht eine größere hätte werden können. Buchwald skizzierte gegen Abend an der südöstlichen Kante des Tafellandes, das Niltal überblickend, eine panoramaartige Fernsicht gegen Kairo und das Delta, als Haifa, die den ganzen Nachmittag nicht erschienen war, flink wie eine Gazelle, ihre Burka im Winde flatternd, über den Sand gelaufen kam.

»Schuff, schuff!« (Sieh, sieh!) rief sie schon aus der Ferne in wilder Aufregung »ich wußte nicht, wo du warst. Schnell! Die Diebe, die Räuber! Sie stehlen dir deinen Vater. Dort, dort!«

Sie lief nach Buchwalds Esel, der im Schatten einer Felsbank schlief und riß ihn in die Höhe. Buchwald sprang auf und warf seine Staffelei über den Haufen. Fast einen Kilometer südlich von der Menkaurapyramide bewegte sich eine dichte kleine Staubwolke gegen Sakkara hin. In derselben sah er durch sein Feldglas fünf oder sechs weiße Gestalten, alle auf Eseln, in rascher Bewegung. In der Mitte der Gruppe war von Zeit zu Zeit eine schwarze Figur sichtbar. Das mußte Thinker sein, wenn Haifa recht hatte. Der Maler sprang in den Sattel, den das Mädchen zurechtgerückt und festgeschnallt hatte und trieb das Tier mit Absätzen und Faustschlägen vorwärts. Da Haifa gleichzeitig den am Boden liegenden Malstock aufgehoben hatte und ihn mit aller Kraft verwendete, um dem erstaunten Grauschimmel einen Begriff von der Sachlage beizubringen, so galoppierte Buchwald in kürzerer Zeit, als all dies zu erzählen kostet, in die Wüste hinaus. Haifa folgte ohne Anstrengung und wurde nicht müde, auf den Esel loszuschlagen, der nur einmal anhielt, um munter hinten auszuschlagen und damit anzudeuten, daß er begriffen habe, was man von ihm verlange. Dann aber stürmte er vorwärts, daß Buchwald jeden Augenblick befürchtete, samt dem wuchtigen Sattel auf dem Sand zurückzubleiben.

Anfänglich schienen die Beduinen den Verfolger nicht zu bemerken. Sie waren alle mit Thinker beschäftigt, auf den sie einsprachen und dabei zwei Lanzen wild hin- und herschwangen. Ein heißer Wind kam aus Süden, so daß sie das Geräusch des galoppierenden Esels nicht hören mochten, bis der Maler kaum hundert Schritte von ihnen entfernt war. Dann begann eine wilde Jagd. Das Feldglas, in Stellvertretung einer Pistole zielend ausgestreckt, ritt Buchwald vorwärts. Das Gefühl, das dem Europäer auch gegenüber einer überwältigenden Übermacht der dunkleren Rassen treu bleibt, hatte auch ihn ergriffen. Es fiel ihm gar nicht ein, daß er nahezu waffenlos gegen sechs mehr oder weniger bewaffnete Araber losstürmte und daß auch sein Esel kein Streitroß war. Und der Feind nahm ohne Verzug Reißaus. Doch nach wenigen Minuten zeigte es sich, daß sich die feindlichen Esel nicht mit Buchwalds Tierchen messen konnten, wenn sie beisammen bleiben wollten. Die Entfernung wurde mit jeder Minute kleiner. Der Maler erinnerte sich jetzt erst, daß er einen kleinen ungeladenen Revolver in der Tasche seiner Beinkleider und zwei Patronen in der Westentasche hatte und es gelang ihm, ohne die Geschwindigkeit seines Tieres zu hemmen, beide hervorzuziehen und den Revolver zu laden.

»Halt!« rief er jetzt, den Revolver im Anschlag, mit der ganzen Kraft seiner Lungen.

Möglich daß die Beduinen das allzukleine Mordwerkzeug weniger fürchteten, als die drohendere Mündung des Feldstechers, sie antworteten mit einem wilden Feldgeschrei und schlugen mit vereinten Kräften auf Thinkers Esel los.

»Halt, oder ich schieße!« schrie der Maler, dem die Aufregung der Jagd nach und nach in den Kopf stieg. Und doch –: es kostet einen Entschluß, in Zeiten des Friedens gegen Menschen abzudrücken. Aber es schien ihm vor den flimmernden Augen, daß seine Entfernung von den Beduinen wieder wuchs. Das durfte nicht sein.

»Halt! – Bei Gott, ich schieß!« rief er zum drittenmal, mehr um sein Gewissen zu beruhigen als in der Hoffnung, verstanden zu werden. Dann knallte es los. Ein Taschenrevolver auf einem galoppierenden Esel, bei dreißig Schritt Entfernung – das kann kein wirkliches Unheil anrichten. Dieser Gedanke schoß ihm durch den Kopf, während die Kugel flog. Aber trotz allem – sie hatte ein Ziel gefunden.

Nach sechs Richtungen flogen die Beduinen auseinander. Auf dem Schlachtfeld lag ein Esel am Boden, nicht tot, denn er schlug heftig mit den Hinterbeinen im Sand umher, und neben ihm stand schwarz und feierlich, mit zusammengebundenen Händen Thinker, so ruhig, als ob der siegreiche und nicht unblutige Kampf ihn nur nebenbei berührte.

Der Esel blutete wirklich. Buchwalds Kugel war ihm ins Hinterbein gedrungen. Rasch und in freudiger Aufregung laut lachend, löste der Maler die nicht allzu festen Fesseln seines Freundes. Dann versuchten beide, den Esel aufzustellen, was nur mit großer Mühe gelang. Kurze Zeit darauf aber steckten die zwei Langohren die Köpfe vertraulich zusammen, um das Ereignis gemeinsam zu beschnüffeln. Die Tiere am Ziegel führend, machten sich die beiden Freunde auf den Heimweg. Von den Beduinen war keine Spur mehr zu sehen; sie hatten hinter verschiedenen Sandhügeln Deckung gefunden. Der erbeutete fremde Esel hinkte zwar kläglich, aber er kam noch leidlich vorwärts. Es war ein erhebendes Gefühl, das die Helden des Tags zum erstenmal kosteten: mit einer wirklichen, lebendigen Kriegsbeute nach Hause zu kommen.

Thinker wunderte sich, daß sich sein Freund so sehr erhitzt hatte. Er sei mit den Beduinen vortrefflich ausgekommen. Sie hätten ihn allerdings etwas gewaltsam eingeladen, nach Sakkara mitzugehen. Auch habe er wohlverstanden, daß es sich um ein Lösegeld handeln werde. Sie seien bezüglich des Betrags nicht ganz ins klare gekommen, was bei der Schwierigkeit der Verständigung ohne Dragoman ja nur natürlich gewesen sei.

»Donnerwetter; ja!« unterbrach ihn Buchwald, in ehrlichen Zorn ausbrechend. »Wo war der alte Spitzbube, während man Sie einlud, Ihre Wüstenfahrt anzutreten? Es sollte mich nicht wundern, wenn wir noch herausfinden, daß die ganze Bande unter einer Decke mit dem Raubgesindel steckte.«

»Nein, nein, nein!« rief Thinker. »Denken wir nicht das Schlimmste von den Leuten. Ich möchte eher vermuten, daß einer der Beduinen unser Freund, der Imam von Kafr war. Sie waren zwar alle in ihren dicken Gesichtsschleiern eingemummt, daß man nur die Augen sah. Aber Augen wie die seinen sind nicht leicht zu verwechseln.«

»Wenn dies irgend jemand weiß, so ist es meine kleine Haifa!« rief Buchwald und sah sich zum ersten Male nach dem Kinde um. Aber Haifa war spurlos verschwunden. Auch am nächsten und übernächsten Tage tauchte sie nicht auf und dann – nun, dann dachte niemand mehr an das Beduinenmädchen, das der Maler verhext hatte, ohne es zu wissen und zu wollen.

 


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