Max Eyth
Der Kampf um die Cheopspyramide
Max Eyth

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6. Kapitel
Aus der Heimat

Ein heller Lichtschein fiel störend in unser Halbdunkel. Leise und ruckweise hatte sich die nach dem Speisezimmer führende Türe geöffnet. Vor derselben, Kopf an Kopf hintereinander, stand das gesamte Personal meines Haushalts und telegraphierte, vorläufig noch sprachlos, daß etwas Entsetzliches vor sich gehe: der kleine, freche Eselsjunge Mustapha natürlich voran, aber mit einem Gesicht, aus dem aller Mut gewichen war, dann der Koch, der Boab, der Sais, der Gärtner und ganz hinten Abu Sa, welcher sich offenbar vergebens bemühte, die aufgeregten Leute zu beschwichtigen. Ich sprang auf, um die allzu zutunliche Gesellschaft hinauszuwerfen.

»Was wollt ihr? Was ist geschehen? Marsch, hinaus, ihr Söhne von Hunden!« sagte ich freundlich, wie ich mit meinen Leuten stets zu verkehren pflegte, wenn ich sie auf Abwegen antraf.

»O Baschmahandi, der fremde Herr –!« begann Mustapha, mit weitaufgerissenen Augen, bereit in ein Geheul auszubrechen.

»O Herr, wir bitten um deine Hilfe – der Fremdling!« unterbrach ihn der Sais, ein schöner, baumstarker junger Bursche, zitternd.

»Was ist's? – Welcher Fremdling? Wo ist er?« fragte ich.

»Der Herr des fremden Esels!« erklärte der gesetztere und welterfahrenere Koch. »Er schont niemand. Er hat Mustapha in sein Buch gemalt. Er wird uns alle in sein Buch malen. Wer weiß, was er mit uns anfängt? Du schreibst in deine Bücher. Das schadet nichts und wir kennen dich. Aber er malt. Hat nicht Mohamed – gesegnet sei der Prophet! – diese Sünde verboten? Wir bitten um deinen Schutz.«

»Er hat mich in seinem Buch!« klagte Mustapha, in einer Mischung von Angst und Zorn. »Ali, der Sais hat mich erkannt und versuchte ihm das Buch mit einer Orange aus der Hand zu werfen; aber er traf nicht. Sonst trifft er immer. Der Fremde ist ein Zauberer. Was wird aus mir werden?«

»Dann setzte er sich vor meiner Küche nieder«, rief der Koch ein, »und malte auch sie. Ich versteckte mich hinter der Frau des Gärtners. Und nun macht er Anstalt zu gehen. Halte ihn auf, vernichte sein Buch! Sind wir nicht deine Kinder? Wir alle flehen um deinen Schutz!«

»Ihr seid Dummköpfe«, sagte ich beruhigend. »Wo ist der Fremde?«

»Bei seinem Esel. Er reitet davon, wenn du nicht eilst«, rief der Chor, machte kehrt und lief, von Neugier und Ängstlichkeit getrieben, mir voran dem Gartentor zu.

Neben dem struppigen Mietesel dritter Güte, den ich schon bei meiner Rückkehr vom Fluß bemerkt hatte, stand in der Tat ein Herr in einem grauen, losen Reiseanzug, im Begriff, die Steigbügelriemen seines Reittierchens zu verlängern. Als er sich aufrichtete, traute ich meinen Augen kaum.

»Buchwald! Donnerwetter!«

»Eyth, grüß dich Gott! Sind deine englischen Besuche endlich beim Kuckuck?«

»Aber was treibst du denn? Was schleichst du um mein Gehöft und erschreckst meine Leute, anstatt hereinzuplatzen wie eine willkommene Bombe?«

»Wollte nicht stören und habe Zeit.«

»Das ist zwar beides gut deutsch und ich erwarte von dir nichts anderes. Aber daß du wieder davonreiten wolltest wie ein Dieb in der Nacht, das ist einfach gemein. Mustapha, gib dem Esel einen Arm voll Klee, und du, alter Freund, kommst in die Prunkhalle meines Palasts, in der ich die höchsten Gäste aus allen Weltteilen empfange.«

»Sind sie fort?«

»Wer? Die Engländer? Was kümmern dich die rothaarigen Barbaren? Es sind keine wilden Tiere, und du bist sie so gewöhnt wie ich. Hinein mit dir! Aber sag, was bringt dich in dieses Land von Sand und Wasser.«

»Und Luft und Licht«, unterbrach er mich lebhaft. »Es ist so schlimm nicht bei euch Ägyptern, und du wohnst in einem kleinen Paradies von Palmen und Kakteen und hast einen Jungen hier, den man als Modell eines pharaonischen Prinzen brauchen könnte. Wie uns diese Fellahgesichter anstarren, als sei das dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung wieder lebendig geworden. Eine fremde Zeit, eine fremde Welt; Gott sei Dank!«

»Was? Bist du auch europasatt? Um so besser. Hier lernst du nach ein paar Monaten wieder schätzen, was du heute ins Pfefferland schickst.«

»Schwerlich. Vorläufig möchte ich so viel davon vergessen, als sich vergessen läßt.«

»So mußt du einiges erlebt haben, seit wir uns trennten – du erinnerst dich – in einem echten, gelbbraunen Londoner Nebel, unter dem Ludgatehill-Viadukt. Hu, wie naß und kalt und klebrig alles war! Aber vorwärts! Wenn du nicht meinen kleinen Springbrunnen dort hinten im Garten ausgetrunken hast, mußt du durstig sein wie ein Schiff der Wüste. Törichter Mensch! Hier außen sitzen, während ich drinnen mit zwei trockenen Engländern pokuliere. Vorwärts!«

Ich schob meinen wiedergefundenen Freund ohne weitere Zeremonie ins Zimmer, wo die Engländer eben im Begriff waren aufzubrechen. Die gegenseitige Vorstellung führte jedoch rascher, als üblich ist, zu einem lebhaften Gespräch. Während derselben hatte mich zwar der Doktor in einer, wie mir schien, unpassenden Weise unterbrochen und zu korrigieren versucht – was ging es ihn an, wenn ich Namen deutlicher auszusprechen liebe, als es diesen Engländern gelingt –, dann aber kam seine rühmliche Zuneigung für alles Deutsche, die er seinen Jugendjahren in Bonn verdankte, zu vollem Durchbruch. Er war entzückt, einen weiteren Sohn des ›Vaterlands‹ gefunden zu haben, wie er unsere Heimat kurzweg nannte. O'Donald fügte sich dem Unvermeidlichen, schielte aber bereits wieder nach dem Piano, über dem mein Koch und Haushofmeister eine Hängelampe anzündete. Dann öffnete der Mann, wie allabendlich, alle Fenster des Hauses, um die Abendluft in beliebiger Richtung durchströmen zu lassen und der gesamten nunmehr beruhigten Dienerschaft Gelegenheit zu geben, von außen unserer Unterhaltung zu folgen. Daran muß man sich in Ägypten gewöhnen. Ich hatte zu Ehren meines neuen Gastes eine Flasche Rüdesheimer entkorkt, deren Inhalt sich mit dem kristallhellen kühlen Nilwasser der Kullahs›Kullah, nennt man die eigentümlichen Wasserkrüge aus porösem Ton, in denen sich das Wasser durch Verdunstung kühlt und die zur Ausstattung jedes anständigen Wohnraums in Ägypten gehören. trefflich mischte. O'Donald versorgte die Gesellschaft mit Zigaretten, und so saßen wir nach kurzer Unterbrechung behaglich auf den Diwans und Lehnstühlen umher, mit denen das Zimmer reichlich ausgestattet war.

Hermann Buchwald war eine große, stattliche Gestalt; blondhaarig und blauäugig, die Nase etwas kurz, Lippen und Kinn von einem leichten, hellblonden Bart beschattet, die breite Brust und die kräftigen Muskeln die eines Turners aus der besten Zeit, kurz äußerlich ein Germane, den man in jedem lebenden Bilde als die Verkörperung der vier F in Mannesgestalt mit Ehren hätte gebrauchen können. Unsere Freundschaft stammte aus London, wo wir in Islington im gleichen Boardinghaus zusammengetroffen waren und die Ähnlichkeit unserer Lage rasch einen engeren Anschluß herbeigeführt hatte. Auch er stammte vom Neckar, aus einer Malerfamilie, die offenbar mit Glücksgütern nicht übermäßig gesegnet war, und war mit ein paar nutzlosen Empfehlungsschreiben nach London gekommen, um dort, wie er hoffte, sein Glück zu finden. Ich hatte als junger Ingenieur dasselbe Ziel im Auge, wenn auch andere Wege zu gehen. Zunächst waren wir beide über diese Wege in besorgniserregender Unklarheit, wenn es uns auch an gutem Mut nicht fehlte. Auch war er mir bald etwas vorausgeeilt. Seine nutzlosen Empfehlungsbriefe hatten auf Umwegen doch zu einer nützlichen Bekanntschaft geführt. Er bekam in einer Bankierfamilie ein Baby zu malen und machte den kleinen Wurm, in Verbindung mit einem Kaninchen, so niedlich, daß ihm die entzückte Mutter die Bestellung auf weitere sechs Babys unter der Bedingung verschaffte, sie alle mit Kaninchen auszustatten, was er natürlich mit Freuden versprach. Und der Mensch wuchs mit seinen höheren Zwecken. Rasch war er bis zu zehn- und zwölfjährigen Mädchen fortgeschritten; seine Kinderbilder wurden Mode, und statt des Kaninchens kam er mehr und mehr in die Lage, hocharistokratische Bernhardiner verwenden zu müssen. Doch verdankte er seine Erfolge keineswegs allein dem Glück und den Bernhardinern. In seinen Kinderbildnissen lag etwas, das ihm nicht jeder nachmachte. Es war ihm gelungen, die Tiefe in der Kindlichkeit zu sehen, die uns oft so fremd und so beweglich aus Kinderaugen entgegen leuchtet, jene dem Kinde selbst unbewußte Ahnung eines Geisteslebens, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint, und er wußte dieses Wunderbarste an einem Kindergesicht, wo immer sich das Modell dazu eignete, auf der Leinwand festzuhalten. Das mochte er dem Umstand verdanken, daß er selbst das kindlichste Gemüt besaß, das mir je bei einem Mann von fünf Fuß zehn Zoll begegnet ist. Die wenn auch oberflächliche Berührung mit den höchsten Gesellschaftskreisen, welche seine Bilder bald mit sich brachte, das Leben der Millionenstadt mit ihrem schwülen Treiben, in dem auch das Zigeunertum der Künstlerwelt üppig gedeiht, all das ging an ihm vorüber, als ob er es nicht sehe. Er turnte dreimal in der Woche mit halsbrecherischer Kühnheit, trank morgens Milch statt Tee und abends Milch statt Bier, und schien oft wochenlang in seinen Kinderaugen aufzugehen. Wir gingen in jener ersten Zeit allabendlich von Middletonsquare nach Highbury spazieren, um aus dem Häusermeer herauszukommen und ein paar alte grüne Bäume und ein uraltes Dorfkirchlein zu besuchen, die in der Brandung der nördlichsten Vorstädte noch nicht ganz versunken waren. Dabei erzählte ich ihm von den Erfindungen, die ich tagsüber gemacht hatte, da ich leider noch keine andere Beschäftigung gefunden hatte, und ließ mich von ihm bewundern. Er verdiente schon beträchtliche Summen; ich nichts. In diesem Punkt nahm ich keinen Anstand, ihn zu bewundern; und so, auf gegenseitige Bewunderung uns stützend, wurden wir die besten Freunde. Doch wie es das Leben mit sich bringt: Als ich London verließ und meinerseits das Glück gehabt hatte, in die Kohlen- und Eisendistrikte Yorkshires zu geraten, verloren wir uns aus dem Gesicht. Nur ein fast zufälliges Zusammentreffen vor meiner Abreise nach dem Osten, einer ungewissen Zukunft entgegen, hatte uns zwei Jahre später noch einmal zusammengeführt. Er hatte jetzt größere Aufträge in Menge, kannte Marquisen und Herzoginnen, und war mit sich um so weniger zufrieden, je besser es ihm ging. Dies war das einzig Neue an ihm. – Und nun kam er plötzlich, wie aus blauem Himmel in meine ägyptische Welt hereingeschneit, noch immer der Alte; das heißt etwas älter, natürlich. Das mochte die Ursache sein, daß über den blauen Augen, die früher so munter und klar in die Welt gesehen hatten, etwas lag wie ein dünner Schleier.

Während ich O'Donald von den künstlerischen Triumphen meines Freundes erzählte, und ihm durch ein paar aristokratische Namen – Lady Doodley, die Herzogin von Hamilton –, die bei Engländern ihre Wirkung nie verfehlen, Achtung eingeflößt hatte, war Buchwald von dem Doktor völlig in Beschlag genommen worden. In seiner mir wohlbekannten Weise Fremden gegenüber blieb er still und zurückhaltend. Nur seine Augen sprachen und sogen sich, nach Malerart, in den feinen, vergeistigten Zügen seines Gegenüber fest. Der Doktor dagegen war bereits wieder in vollem Zuge und glaubte, eine verwandte Seele gefunden zu haben. Da sie beide Neulinge im Lande waren, sprachen sie naturgemäß von ihren ersten Eindrücken: von der einfachen Schönheit der Nilbilder, von den klaren, bestimmten Farben, in denen die Natur hier malt, und von dem Zauber – nun war Finke in seinem Fahrwasser –, der sich von den Pyramiden hinter Gise über die ganze gewaltige Landschaft um Kairo ergießt: im frischen, klaren Morgenlicht, wenn sie sich goldgelb im Sonnenschein gegen das Blau des Wüstenhimmels abzeichnen, um Mittag, wenn sie starr und schweigend in der blendenden Hitze emporragen wie die brennenden Altäre eines unbekannten Gottes, am Abend, wenn ihre violetten Schatten auf dem Goldgrund des Abendhimmels ruhen, oder nachts, wenn sie schwarz und feierlich unter dem sternbesäten Firmament, ewig wie dieses, vom Schaffen der Menschheit zeugen. So ungefähr beschrieb sie Finke. »Und wenn man erst weiß, Herr Buchwald«, fuhr er fort, »selbst wenn man nur ahnt, was sie bedeuten; was eine derselben, die größte, die wichtigste, in Wirklichkeit ist: das Ebenbild des Weltalls auf unserer gottbegnadeten Erde!«

Buchwald riß seine blauen Augen auf, so weit es gehen mochte und war sichtlich ergriffen.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor«, sagte er nach einer Pause, »aber daß einen etwas packt, wie Ahnung, wenn man vor dem Riesenbauwerk steht, das will ich gern zugeben. Nur weiß man nicht recht, was man ahnt.«

»Sehen Sie!« sagte der andere triumphierend, »das ist es eben. Wir fühlen es. Die Menschheit fühlt es seit Jahrtausenden: das Große, Unerklärliche. Ist das nicht ein Beweis, daß hinter den fast formlosen Steinmassen etwas steckt, das weit über alles hinausreicht, was in leblosem Granit und Kalk liegen kann.«

»Die Riesenmasse von Steinen ist es nicht, die uns anzieht«, bemerkte Buchwald nachdenklich, »sonst müßte uns jeder mäßig hohe Bergkegel ergreifen. Auch nicht das gigantische Totenmal eines Königs, von dem wir so viel als nichts wissen.«

»Nein, nein; tausendmal nein!« rief Finke mit großer Lebhaftigkeit. »Ein Totenmal könnte nie dieses Leben ausströmen. Es ist kein Totenmal!«

»Wenn ich mir's überlege«, fuhr der Maler fort, dem das Philosophieren sichtlich sauer fiel, »auch mich zieht das Leben an, das in dem steinernen Riesenleibe steckt; die Kraft, die ihn schuf. Im Lauf der Woche habe ich, nur aus der Ferne, ein paar Aquarellskizzen gemacht. Tote Dreiecke, in flimmerndem Sonnenlicht. Auf diesem Weg wird nichts draus. Auch möchte ich einmal ein wirklich großes Bild malen. In Deutschland, in England, hinter meinen Kaninchen und Schoßhündchen, wäre mir der Wunsch vielleicht nie gekommen. Auf der Fahrt entlang der griechischen Küste zwischen Korfu und Candia packte mich's mit einemmal, und seit einer Woche habe ich einen Gedanken: ein Riesengemälde: der Bau der Cheopspyramide.«

Der Doktor schüttelte den Kopf heftig, doch Buchwald ließ sich nicht irremachen. Nun war er am Zuge.

»Ich denke mir die Sache so: die Pyramide ist mehr als halb fertig. Wir stehen auf der Höhe, die sie erreicht hat, in einem steinbruchartigen Gewirr von behauenen Felsblöcken. Ringsum ein Gewirr von Arbeitern aller Volkstypen des Ostens: Maurer und Steinmetze, Meister und Gesellen, Soldaten und Aufseher, Treiber und Getriebene: ein Bild rastlosen, qualvollen Schaffens. Zu unsern Füßen Memphis und das Niltal, im Hintergrund die Berge des Mokattam und das grünende Delta: die liebliche Natur und die ganze Pracht der alten Zivilisation. Dann, im Vordergrund, der greise Pharao, der mit zitternder Hand seine Trabanten antreibt. Er fühlt, daß er keine Zeit zu verlieren hat, daß alle Macht und Herrlichkeit der Welt ihm keine letzte Ruhestätte geben wird, wenn er sie nicht mit dem Todesschweiß auf der Stirne selbst fertigzustellen vermag. Das denke ich mir in den Lokalfarben gemalt, die uns hier von allen Seiten entgegenleuchten und mit den Gestalten belebt, die heute noch durch die Straßen Kairos wimmeln, wie sie damals in Memphis gewimmelt haben müssen.«

Buchwald stockte. Ich nickte lebhaft. Aus meinem kleinen Kindermaler, wie ich ihn früher genannt hatte, schien etwas Größeres werden zu wollen. Der Doktor aber schüttelte nochmals den Kopf und es trat eine jener nicht ganz angenehmen Pausen ein, die man in allen Gesellschaftskreisen nach dem unerwarteten Ausbruch der Begeisterung eines der Anwesenden beobachten kann.

»Wenn Sie tiefer gehen wollten!« sagte Finke endlich sanft. »Ja, wenn Sie die geheimnisvolle Zeit erfassen könnten, in der jenes Bauwerk entstand! Aber dazu sind wir noch nicht reif, noch lange nicht reif.«

»Die Zeit liegt aber doch so weit hinter uns«, warf ich jetzt ein, um einer zweiten feierlichen Stockung vorzubeugen, »daß es einem Künstler erlaubt sein muß, seine Phantasie mitbauen zu lassen.«

»Ich weiß nicht«, sagte der Doktor sehr ernst. »Es gibt Dinge, bei denen wir mit unserer Phantasie sehr sparsam sein sollten; Dinge, die über unseren menschlichen Gedanken stehen und bei denen wir auf schwere Irrwege geraten können, wenn wir unser Spiel mit ihnen treiben. Was soll es mit Ihrem Pharao auf der großen Pyramide«, wandte er sich wieder an Buchwald, der seine naive Offenherzigkeit zu bereuen begann. »Diese Pyramide war nie ein Königsgrab.«

»Was war sie denn?« fragte ich, meinem sprachlosen Freund zu Hilfe kommend.

»Wie soll ich das Ihrem Freund erklären?« seufzte der Doktor. »Wie soll ich überhaupt in einigen Minuten deutlich machen, was mich, und Bessere als mich, Jahrzehnte des Studiums und Nachdenkens gekostet hat? Sind Sie mit der Zahl Pi bekannt? Dem griechischen ›π‹?« – Er wandte sich mit seinem gewinnenden Lächeln wieder ausschließlich an Buchwald, in den er offenbar mehr Vertrauen setzte als in mich.

»Pi?« fragte der Maler, während seine großen Kinderaugen unstet umherirrten. »Pi? Ich erinnere mich aus meiner Schulzeit – dunkel. Was war es doch? Eyth, hier hast du endlich eine Gelegenheit, deine Freundschaft zu beweisen.«

Ich machte mir das boshafte Vergnügen, ihn jetzt zappeln zu lassen. O'Donald hatte das Skizzenbuch aufgeschlagen, das Buchwald beim Eintreten auf den Tisch gelegt hatte: prächtige Sachen, die mich vollständig gefangen nahmen. Gute Freihandskizzen hatten von jeher für mich einen unwiderstehlichen Reiz gehabt. Es ist unglaublich, wieviel Seele in einem Strich liegen kann. So kam's, daß ich nur noch halb auf Finke hörte.

»Das griechische Pi!« fuhr dieser unbeirrt fort, und es zeigte sich, daß doch ziemlich viel vom deutschen Schulmeister an ihm hängen geblieben war. »Sie wissen, so bezeichnet man kurz das Verhältnis des Durchmessers zum Umfang eines Kreises; jene merkwürdige, unergründliche Zahl, die in der Natur tausendfach wiederkehrt, die den Grundpfeiler alles physikalischen und astronomischen Wissens, aller technischen Tätigkeit des Menschen bildet, die trotzdem noch kein Mensch mit mathematischer Genauigkeit auszudrücken vermochte. Ist sie doch der Schlüssel zu der ewig unlösbaren Quadratur des Kreises, das ergreifendste Symbol eines andern unlösbaren Verhältnisses – der Materie zum Geist, des Irdischen zum Himmlischen – 3,1415926535... und so weiter, und so weiter. So weit hat sie ein Gelehrter im Jahr 1580 berechnet. Vor zwanzig Jahren erst bestimmte sie ein Rechenkünstler auf zweihundert Dezimalstellen, ohne daß man ein Gesetz oder ein Ende der rätselhaften Zahlenreihe zu erkennen vermag. Ob die alten Chinesen oder die Chaldäer sich mit dem Problem beschäftigten und einen Annäherungswert fanden, weiß ich nicht. Das zahlenkluge Volk Israel begnügte sich noch um Salomos Zeiten, tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung mit der rohesten Schätzung und gibt an, daß der Umfang der kreisrunden metallenen Schale im Vorhof des Tempels dreimal so groß sei, als sein Durchmesser. Für den größten Weisen jener Zeit war Pi gleich drei, wie Sie im 23. Kapitel des 1. Buchs der Könige lesen können. Siebenhundert Jahre später kam der große griechische Mathematiker der Wahrheit um einen Schritt näher. Ihm galt das Verhältnis von 7 zu 22 oder auch von 71 zu 223 als das richtige. Das eine war zu groß, das andere zu klein; aber dabei blieb die Weltweisheit der folgenden zwei Jahrtausende. Wenn ich Ihnen nun sage, daß der Erbauer der großen Pyramide vor viertausend Jahren die Zahl Pi gekannt haben muß mit einer Genauigkeit, die wir heute noch nicht übertroffen haben? Wenn Ihnen greifbar vor Augen tritt, daß dort drüben über dem Nil ein Bauwerk aus der Urzeit der Menschheit steht, welches die heute noch ungelöste Quadratur des Kreises mit vielleicht mathematischer Genauigkeit in Riesenmaßen verkörpert? Was sagen Sie dazu? Wissen Sie jetzt, weshalb Sie das unerklärliche Ahnen beim Anblick des siebenten Weltwunders der Alten ergriffen hat, dessen sich seit viertausend Jahren niemand erwehren kann, der ihm gegenübersteht?«

So sehr mich Buchwalds Skizzen fesselten und gerade in diesem Augenblick ein wundervoller Frauenkopf fast entsetzte – wer konnte das sein?! –, hatte mich doch Finkes Auseinandersetzung so angezogen, daß ich das Skizzenbuch O'Donald allein überließ. Dieser hoffentlich nur vermeintliche Zusammenhang von Pi mit der Cheopspyramide – es war ja reiner Unsinn! Da mich überdies der Maler unter dem Zahlenstrom, mit dem ihn der Doktor übergossen hatte, verwirrt und hilfesuchend ansah, schien es an der Zeit, wieder einzugreifen.

»Ein merkwürdiger Zufall!« sagte ich deshalb, »und eine glänzende Entdeckung überdies, wer sie auch gemacht haben mag.«

Dies sollte ein Kompliment für Finke sein, dem ich, als meinem Gast, möglichst entgegenzukommen wünschte. Aber es wirkte anders.

»Zufall!« rief er entrüstet. »Sie sind Ingenieur, Herr Eyth. Sie sollten Mathematiker sein. Sie verstehen etwas von Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß sich zwei zusammenhanglose Zahlen bis auf die zehnte Dezimale gleichlautend gestalten? Wäre ein solcher Zufall nicht wunderbarer, als das Wunderbarste, das eine entfesselte Phantasie erfinden könnte. Nein, mein Freund, solche Zufälle gibt es nicht in dieser endlichen Welt, in der wir leben. Dahinter steckt etwas anderes, als Ihr Zufall, mit dem Sie alles verwischen möchten, was über den Fernblick unseres kleinen Ichs, über den Horizont von heute oder gestern hinausgreift. Zufall!«

Erst bei dieser Veranlassung erfuhr ich, welcher Grimm, welche Verachtung sich in sechs Buchstaben ausdrücken ließ, die mit Leidenschaftlichkeit eigentlich nichts zu tun hatten. Nun auch etwas erregt, fragte ich:

»Wo aber, im Namen aller Pharaonen, haben sie die Pyramidenmaße her, auf denen diese wunderbare Entdeckung beruhen soll? Es dürfte nicht leicht sein, die Höhe und die Grundlinie des Bauwerks so genau festzustellen, um daraus zehnstellige Dezimalen abzuleiten? Sind Sie schon in Gise gewesen? Standen Sie schon in dem Trümmerfeld von Steinblöcken am Fuß der Pyramide, oder auf der abgeköpften Spitze, auf die man heute eine kleine Villa stellen könnte?«

»Sie haben recht; das ist nicht ganz einfach«, gab der ebenso plötzlich wieder ruhig gewordene Doktor zu. »Deshalb bin ich nach Ägypten gekommen. Aber was geschehen konnte, ist geschehen. Die Spitze der Pyramide läßt sich aus dem Neigungswinkel der Seitenflächen berechnen, und dieser ist aus den wenigen noch vorhandenen außerordentlich harten Kalksteinblöcken der Verschalung mit großer Schärfe zu bestimmen. Was die Seitenlänge der quadratischen Grundfläche betrifft, so hat man zwei in den Felsboden eingemeißelte Hohlräume gefunden, in welche die Ecksteine der nördlichen Grundlinie eingesenkt waren. Es handelte sich nur darum, ihre richtige Entfernung zu messen, und ich muß zugeben, daß die Gelehrten bis jetzt nicht imstande gewesen sind, diese scheinbar einfache Aufgabe mit genügender Genauigkeit zu lösen. Auf dem Papier sieht das alles so hübsch aus, so bestimmt, so zweifellos. Ah, mein lieber Herr Eyth, wenn die gläubige Welt wüßte, wie ihre berühmtesten Gelehrten mit den Stangen im Nebel herumfahren, so oft es sich darum handelt, wirklich einmal etwas genau zu messen, was die gottgeschaffene Natur klar und deutlich auf ihre Tafeln geschrieben hat! – In unserem Falle sind die glaubhaftesten Messungen die der französischen Expedition von 1799, und die von Howard-Vyse aus den Jahren 1836 und 37. Nehmen Sie den Durchschnitt dieser zwei Angaben. Berechnen Sie sodann, hierauf fußend, die Höhe der Pyramide aus dem Neigungswinkel der gefundenen Verschalungssteine. Wenn Sie nun die Berechnungen weiterverfolgen wollen, Herr Buchwald – Buchwald deutet an, daß er lieber alles zu glauben bereit sei –, so finden Sie, daß das Verhältnis dieser Höhe zu der doppelten Seitenlänge, wie 1 zu 3,14159, wie 1 zu Pi ist.«

Finke sah sich um, wie ein triumphierender Prophet. Es war nutzlos, gegen seine Zahlen anzukämpfen. Wenn sie richtig waren, so lag allerdings eine schwer erklärliche Tatsache vor, die meine schon zuvor hohe Achtung vor der Cheopspyramide ins Unbehagliche steigerte. Auch der Gedanke, daß Finkes Gehirntätigkeit nicht ganz normal sein dürfte, wollte nicht haften. Wirkliche harte Zahlen sind nie verrückt und haben unserem weichen Menschengehirn gegenüber eine stumme Grausamkeit, die ich nur allzu wohl kannte.

»Wenn das alles wäre!« begann Finke nach einer langen Pause wieder. »Es wäre, denk' ich, genug, eine Pilgerfahrt nach Ägypten zu rechtfertigen, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen, daß noch immer ein Wunder der Welt am Nil steht. Aber es ist nicht alles. Sie werden noch mehr von mir hören müssen, Herr Eyth, denn ich bedarf Ihrer.«

Hier war jene Redewendung zum zweitenmal, mit der ein ganz anderer Prophet als Finke ein Eselein in Anspruch genommen hatte. Sie gefiel mir nicht sonderlich, doch hielt ich es für klüger, die hierauf folgende Stille nicht zu unterbrechen. Es war dem wackeren Mann so furchtbar ernst.

»Und auch Ihrer, Herr Buchwald!« rief er, aufstehend. »Ihr Gedanke, ein glänzendes Bild des Pyramidenbaus zu malen, kann eine große Tat werden. Machen wir unsere Studien gemeinsam – Sie die Schale, ich den Kern. Sie werden, sobald wir uns verstehen, etwas anderes in den Vordergrund stellen als einen eitlen Tyrannen umgeben von seinen Sklaven und Höflingen.«

»Zum Beispiel dies!« rief O'Donald, der der ganzen Unterhaltung nicht den geringsten Geschmack abgewonnen hatte, und jetzt dem Doktor Buchwalds Skizzenbuch unter die Nase hielt. Es dauerte eine halbe Minute, bis es dieser sah. Dann wurden seine umflorten Seheraugen plötzlich größer, und ein erstauntes Lächeln spielte um seinen Mund.

»Das ist merkwürdig! Das ist wirklich merkwürdig!« murmelte er, und hielt das Buch, das ihm O'Donald überlassen hatte, auf Armeslänge von sich.

Er hatte nicht unrecht. Hier war er wieder, der wunderbare Mädchenkopf, der mich schon vor einer Viertelstunde auf der Rückseite des dritten Blattes im Buch mit Erstaunen erfüllt hatte. Es war abermals eine Rückseite; diesmal die des letzten Blatts, die man gewöhnlich benutzt, um einen flüchtigen Gedanken, einen vorübergehenden Eindruck festzuhalten. Auf derselben zeigte sich, leicht hingeworfen, eine volle Gestalt in phantastischer, orientalischer Tracht, während der Kopf mit der zartesten Sorgfalt ausgeführt war.

»Es ist ja nicht möglich!« sagte der Doktor, indem er mit dem Buch unter die Hängelampe trat und Anstalten traf, eine Brille aus der Tasche zu ziehen. »Haben Sie diese Skizze nach der Natur gezeichnet? Herr Buchwald? Sie waren doch wohl noch nicht in Indien? Oder – oder – in Sydenham?«

Der Maler, der noch immer als gewissenhafter Mensch über Pi nachgedacht und nicht aufgemerkt hatte, errötete wie ein Mädchen und wollte Finke das Buch aus der Hand nehmen. Ich kam ihm jedoch zuvor.

»Zweimal nein!« sagte er mit großer Entschiedenheit. »Künstlerphantasien, Herr Doktor! Sie sehen, es hat keine Bedeutung. Man zeichnet ernsthafte Skizzen nicht auf die falsche Seite des Papiers.»

Ich ließ die Blätter durch die Finger laufen: Küstenlandschaften aus Dalmatien und Griechenland, die Nadel der Kleopatra, Straßenszenen aus Alexandrien, Wasserträger, Orangenweiber, dann eine Partie aus meinem Garten und Mustapha, mein Eselsjunge. Man sah, Buchwald war über Triest gekommen; die Skizzen mußten die Ausbeute der letzten Wochen sein. Aber auf der Rückseite von nicht weniger als fünf Blättern war der Mädchenkopf; im Profil, en face, zum Himmel blickend, zu Boden sehend, selbst fast von hinten, so daß man nur die wundervolle Kontur der Wange sah und ihn doch erkannte. War das für heute das zweite Spiel des Zufalls, das aller Wahrscheinlichkeitsrechnung ins Gesicht schlug? Buchwald konnte meine Sakuntala, die zehn Meilen von hier, unten an der Barrage, in diesem Augenblick den ägyptischen Sternenhimmel betrachtete, nicht gesehen haben. Zwei Sakuntalas konnte es in unsern Tagen nicht geben. Und doch!

Ich streckte mich, um den Docht der Hängelampe etwas höher zu schrauben. Buchwald benutzte die Gelegenheit, riß mir mit einem raschen Griff das Buch aus der Hand und klappte es zu.

»Du kannst später, bei besserem Licht, all das betrachten, so lange du willst«, sagte er, verlegen lachend.

»Jetzt aber ist es die höchste Zeit, aufzubrechen«, fiel O'Donald ein. »Es ist stockfinster in der Schubraallee, auch beim Mondlicht, und wir dürfen von Glück sagen, Herr Doktor, wenn wir nicht über den Wurzeln eines wilden Feigenbaums den Hals brechen.«

»Wagen wir's!« rief der Doktor, mutig. »Sie aber, Herr Eyth, muß ich noch um eine Gefälligkeit bitten. Ich habe in meinen alten Tagen noch Unterricht in der praktischen Geometrie genommen und mit meinen Meßinstrumenten ganz Sydenham in Aufregung versetzt. Es waren nur Vorbereitungen für das, was hier geschehen muß. Sie haben sicher einen guten Theodolit. Meine Sachen schwimmen noch auf hoher See und kommen vielleicht erst in vierzehn Tagen in meine Hände. Die Ungeduld verzehrt mich und ohne Instrumente komme ich nicht weiter. Wollen sie mir aushelfen?«

»Das war eigentlich, kurz gesagt, der Zweck unseres Besuchs«, lachte O'Donald. »Wir hätten Ihnen einiges ersparen können, wenn unser verehrter Doktor mich hätte reden lassen. Zum Beispiel die Vorlesung über Pi.«

»Ich hätte sie ungern geschwänzt«, sagte ich zu Finke, »und was ich habe, steht Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung. Nur ist mein Theodolit für den Augenblick noch eingepackt, an Bord meines Boots. Sie wohnen im Hotel Shepheard? Vielleicht übernimmt mein Freund Buchwald, der heute bei mir übernachtet, die kleine Mühe, Ihnen morgen das Instrument zu bringen.«

Buchwald sträubte sich ein wenig bezüglich des Übernachtens. Ich sagte ihm aber gebieterisch, ein Feldbett sei stets für ihn bereit, auf oder unter meinem Dach, und sein vernünftigerer Esel schlafe schon.

»Auf Sie rechne ich also!« rief Finke, ihm warm die Hand schüttelnd. »Je mehr ich darüber nachdenke, um so deutlicher sehe ich Ihr großes Bild. Wenn Sie der Mann sind, für den ich Sie halte« – er sah dem Maler dabei mit väterlicher Zärtlichkeit in die Augen –, »und wenn Sie mir folgen – aber das werden Sie – so müssen Sie das größte Gemälde des Jahrhunderts schaffen. Niemand wird es verstehen. Aber was tut das. Das Größte wird nie verstanden.«


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