Dante
Die göttliche Komödie
Dante

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Dreizehnter Gesang

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    Denkt euch, so recht zu schauen ihr gewillt,
    Was jetzt ich sah – und während ichs berichte,
    Vor Augen haltet felsenfest das Bild –:
Die fünfzehn Sterne, die mit hellstem Lichte
    Den Himmel rings beleben, klarer Pracht,
    Die siegend strahlt durch allen Dunstes Schichte;
Denkt die des Wagens euch, der Tag und Nacht
    Treu unsrem Himmelsrund, von dessen Grunde
    Kein Wenden ihn der Deichsel schwinden macht;
Denkt die dazu von jenes Hornes Munde,
    Das sich zunächst dem Knauf der Achse hält,
    Um die der Himmel erster schwingt die Runde;
Zwei solcher Zeichen denkt am Himmelszelt
    Sie bildend dann, wie eins erstrahlt' im Glanze,
    Als Minos' Tochter Todesfrost gefällt; 359
Das eine leuchtend in des andren Kranze
    Und beide kreisend, eines stets voran,
    Das andre einen Schritt zurück im Tanze:
Ein Schattenbild des Wahren seht ihr dann
    Vom Doppelreigen jener Himmelszeichen,
    Der dort um mich zu kreisen nun begann.
Nichts kann, was uns vertraut, sich dem vergleichen,
    So wenig wie dem Himmel, dessen Gang
    All andre überholt, der Chiana Schleichen.
Da riefs nicht Bacchus, kein Päan erklang!
    Wie Gott in drein, wie Gott und Mensch verbunden
    In einerlei Person, das pries ihr Sang.
Nun schloß ihr Lied und ihres Reigens Runden;
    Die heiligen Lichter neigten sich uns dar,
    Des neuen Dienstes froh, den sie gefunden,
Das Schweigen dann der eintrachtseligen Schar
    Brach jenes Licht, draus Wundermär vom Leben
    Des Armen Gottes mir erklungen war:
»Nun eine Garbe schon Erdrusch gegeben
    Und eingebracht ihr Korn, lockt wundersam
    Mich Liebe, mit der andren anzuheben.
Du meinst, die Brust, draus Gott die Rippe nahm,
    Die Wange draus zu bilden, deren Schimmer
    Um Gaumens Gier der Welt so teuer kam;
Und jene, die, vom Speer durchbohrt, auf immer
    Für alle Sündenschuld genuggetan,
    Daß nichts die Waage senket nun und nimmer:
Die hätten mit dem Lichte, das sie sahn,
    Soviel des Menschen Art nur kann ertragen,
    Von Ihm, der ein' und andre schuf, empfahn.
Drum nimmt dichs wunder, hörest du mich sagen,
    Kein zweiter gleiche jenem Weisheitshorte,
    Den hier im fünften Licht du siehest tagen.
Tu auf dein Auge, so ich dir antworte,
    Und sieh, der Wahrheit trifft ins Herz hinein
    Dein Denken gleicherweis wie meine Worte.
Ob ewig, ob vergänglich, alles Sein
    Ist von dem Urbild, das aus lauter Lieben
    Der Herr erdenket, nur ein Widerschein. 360
Das Licht vom Lichte, eins mit ihm geblieben
    Und mit der Liebe beide dreigeeint,
    Dies lebend Licht, von seiner Huld getrieben,
Strahlt, ewig eines bleibend, so vereint
    Sein Leuchten aus in neun Urwesenheiten,
    Daraus es wie im Spiegel widerscheint.
Von dann strahlts zu den letzten Möglichkeiten,
    Um da, fortwirkend stets von Ring zu Ringe,
    Vergänglich Zufallswerk nur auszubreiten.
Zufällig heiß ich die gezeugten Dinge:
    Das, was der Himmel kreisend läßt gedeihn,
    Obs mit, ob ohne Samen ihm entspringe.
Ihr Wachs und was den Stempel prägt darein,
    Sind nie sich gleich; drum scheint das Urbild eben
    Aus dem Gepräge mehr und minder rein.
So kommts, daß gut' und arge Früchte geben
    Die Bäume gleicher Art, und wie die Pflanze
    Bringt ihr verschiedne Gabe mit ins Leben.
Wär ohne Fehl das Wachs, wär ja die ganze,
    Die höchste Kraft des Himmels aufgewandt,
    Das Siegel strahlt' in seinem vollen Glanze.
Allein Natur bringt Stückwerk nur zustand,
    Schafft einem Meister gleich, der wohl erfahren
    In seiner Kunst, doch zittert ihm die Hand.
Nur wenn es Liebesglut im Licht, dem klaren,
    Bereitet und geprägt der ersten Macht,
    Muß Allvollkommenheit sich offenbaren:
So ward der Erdenkloß bereits bedacht
    Mit Allvollkommenheit an Leib und Leben,
    So hat der Schoß der Jungfrau Frucht gebracht.
Drum muß ich deiner Meinung Beifall geben:
    Nie konnt und kann die menschliche Natur
    So hoch sich wie in diesen zwein erheben.
Jetzt, wenn ich hier nicht fort zu reden fuhr,
    So höbst du füglich wieder an mit Fragen:
    Wie war denn jener ohnegleichen nur?
Bedenke, soll dir dieses Dunkel tagen,
    Wer es gewesen, was sein Wunsch allein,
    Als er die Stimme ›Wünsch dir‹ hörte sagen. 361
Ich sprach in Rätseln nicht, so siehst du ein:
    Er war ein König, und um Weisheit flehen
    Hieß ihn der Wunsch, ein König recht zu sein;
Nicht deren Zahl zu wissen, die da drehen
    Des Himmels Rad; nicht, ob notwendiger Schluß
    Aus Möglich und Notwendig kann entstehen;
Ob ersten Antrieb braucht der Dinge Fluß;
    Noch obs ein Dreieck gibt im halben Kreise,
    Das nicht den rechten Winkel haben muß.
So siehst du, wenn du merkst, was ich dir weise,
    Daß Königsweisheit jene Einsicht war,
    Darauf mein Pfeil gezielt zu seinem Preise;
Und blickst du auf das Wort ›erheben‹ gar,
    So siehst du wohl, auf Könige muß es gehen;
    So viele gibts, und gute sind so rar!
In solchem Lichte sollst mein Wort du sehen,
    So kanns mit dem, was du vom ersten Ahnen,
    Vom lieben Heiland glaubest, wohl bestehen.
Dies sei dir Blei am Fuße, soll dich mahnen,
    Daß er bedächtig wie ein Müder schleicht
    Bei Ja und Nein auf unerforschten Bahnen:
Ist aller Toren letzter doch, wer leicht,
    Ohn Unterscheidung ja und nein will sagen,
    Ob so, ob so sein Schritt vom Wege weicht.
Auf falschem Wege sehn wir oftmals jagen
    Voreilig rasche Meinung, und in Bande
    Will Eigenliebe dann das Urteil schlagen.
Weit ärger denn vergebens stößt vom Lande,
    Wer Wahrheit fischt und nicht die Kunst versteht:
    Denn wie er auszog, kehrt er nie zum Strande!
Des sind euch Zeugen, daß ihrs deutlich seht,
    Bryson, Parmenides, Meliß samt vielen,
    Die gehn und wissen nicht, wohin es geht;
So fiel Arius, fiel Sabell, so fielen
    Die Toren, die der Schrift ihr grad Gesicht
    Schwertklingen gleich entstellt und machtens schielen,
Geht nicht zu dreist, ihr Menschlein, ins Gericht!
    Seid nicht, wie die das Korn, noch eh sie heuen,
    Schon auf dem Halme schätzen nach Gewicht! 362
Oft sah ich winterlang mit Stacheln dräuen
    So starr den Hagedorn und doch am Ende
    In Rosenblust den Wipfel uns erfreuen;
Sah gradeswegs ein Schifflein und behende
    Das weite Meer hin steuern seine Bahn
    Und schließlich scheitern, nach der letzten Lände.
Nicht wähne, weil sie einen stehlen sahn,
    Den andren opfern, Hinz und Kunz nur eben,
    Daß Gottes Ratschluß ihnen aufgetan:
Denn der mag fallen, jener sich erheben.«

 


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