Dante
Die göttliche Komödie
Dante

 << zurück weiter >> 

Sechsundzwanzigster Gesang

        1


4


7


10


13


16


19


22


25


28


31


34


37


40


43


46


49


52


55


58


61


64


67


70


73


76


79


82


85


88


91


94


97


100


103


106


109


112


115


118


121


124


127


130


133


136


139


142


145


148
    So, einer hinterm andern, schritten wir
    Den Saum entlang, und sprach zu vielen Malen
    Mein Hort: »Hab acht, zunutze sag ichs dir!«
Die rechte Schulter trafen mir die Strahlen
    Der Sonne, die des Abendhimmels Blau
    Mit weißem Schimmer schon begann zu malen.
Und röter schien von meines Schattens Grau
    Die Flamme; die ich drinnen sah sich regen,
    So blaß die Spur, sie merkten drauf genau. 268
So ward es Ursach, daß sie meinetwegen
    Ins Reden kamen, und sie hoben an:
    »Kein Schemen scheint, der dort uns kommt entgegen!«
Dann, wie sie konnten, kamen dicht heran
    Etwelche, stets in Sorge, nicht zu weichen,
    Wo sie's nicht sengte, aus des Feuers Bann.
»Du, der als letzter, nicht, wie Träge schleichen,
    Nein, wohl aus Ehrfurcht, nach den andren geht,
    Gib mir, den Durst und Feuer brennt, ein Zeichen!
Nicht ich allein bins, der um Kunde fleht,
    All diese dürsten, wie nach frischem Quelle
    Des Inders Sinn, des Äthiopen steht.
Sag, wie geschiehts, daß du der Sonnenhelle
    Zum Schirme wirst, als fielest du noch nicht
    Ins Netz des Todes an des Grabes Schwelle?«
So frug mich einer, und Bericht
    Schon wollt' ich geben, als mein Sinn gefangen
    Sich sah vor Staunen durch ein neu Gesicht:
Inmitten kam des Feuerpfads gegangen,
    Den andren grad entgegen, eine Schar,
    An der erwartend blieb mein Auge hangen.
Von beiden Seiten seh ich Paar um Paar
    Vorspringen und sich küssen, ohne Rasten.
    Der Liebesfeier froh, so kurz sie war:
So siehst in schwärzlichen Gewimmels Hasten,
    Ob Weg, ob Los erforschend, du zu zweien
    Ameisen, Mund an Munde, sich betasten.
Kaum trennen sich im Freundesgruß die Reihen,
    Da, eh ein Schritt sie scheidet, eifernd schier
    Sucht eins das andre laut zu überschreien:
»Sodom« riefs »und Gomorra« drüben; hier
    Im ersten Schwarm: »Pasiphaë, o Schande,
    Lockt' in der Kuh auf ihre Brunst den Stier!«
Wie Kraniche, wenn teils zum Wüstensande,
    Teils nach Riphäerbergen zielt' ihr Flug,
    Die Frostes satt, die gram dem Sonnenbrande:
So geht der eine, kommt der andre Zug,
    Und weinend kehren sie zu ihrem Singen
    Und zu dem Ruf, der jedem Pflicht und Fug. 269
Und die ich eben in mich hörte dringen,
    Sie kamen wie zuvor mir wieder nah,
    Und ihre Blicke mir am Munde hingen;
Drum ich, der zwiefach nun ihr Lechzen sah:
    »Ihr Seelen, die zum Frieden hier zu wallen
    Gewiß ihr seid, wenn eure Zeit erst da:
Nicht welk, nicht unreif ließ ich drunten fallen,
    Hierher bring ich sie mit, die Glieder mein,
    Mit Fleisch und Blut und ihren Sehnen allen.
Hier steig ich an, nicht länger blind zu sein:
    Mir warb da droben eine Frau die Gnade,
    Durch eure Welt zu gehn mit Fleisch und Bein.
Doch wollt zum Ziel ihr bald auf eurem Pfade,
    Zum höchst ersehnten, kommen, daß zu Gast
    Euch lieberfüllt der Himmel höchster lade,
Sagt, wer ihr seid, und von dem Schwarme laßt
    Mich wissen, treulich alles hinzuschreiben,
    Der euch den Rücken wandt in solcher Hast.«
Nicht anders stutzt, um staunend stehn zu bleiben,
    Der Sohn der Berge und verstummt und gafft,
    Der blöd und roh gerät in städtisch Treiben,
Als dort die Schatten all in ihrer Haft;
    Doch als sie dann gesprengt des Staunens Bande,
    Dem rasch so hohe Seele sich entrafft,
Begann aufs neu der Frager dort im Brande:
    »Heil dir, der, recht zu wandeln, lädst das Gut
    Des Weistums auf dein Schifflein hier am Strande!
Die Schar, die von uns schied in dieser Glut,
    Büßt, wes man Cäsarn zieh im Zug der Ehren,
    Als ›Königin‹ ihn schalt der Übermut;
So rufen die, wenn sie den Rücken kehren,
    ›Sodom‹ sich selbst zum Schimpf – du hörtests eben –,
    Durch Scham der Läutrungsgluten Kraft zu mehren.
Hermaphroditisch fehlten wir im Leben;
    Doch weil wir gleich dem Vieh der Sinnengier,
    Nichtachtend unsrer Menschenpflicht, ergeben,
So rufen scheidend uns zur Schande wir
    Den Namen derer, die, versteckt im Schragen
    Des Tiergebildes, selber ward zum Tier. 270
Weißt unsre Art nun, wes wir uns verklagen.
    Doch willst du etwan uns beim Namen kennen,
    So fehlts an Zeit, auch wüßt ichs nicht zu sagen.
Mich, deinen Wunsch zu stillen, will ich nennen:
    Bin Guido Guinizell; weil ich bereut
    Vor meinem Ende, darf ich rein mich brennen.«
Wie jene beiden Söhne, die bedräut
    Vom Gram Lykurgs die Mutter wiederfanden,
    Stand ich – den solch ein Gruß zwar nicht erfreut –,
Da selbst er seinen Namen mir gestanden,
    Mein Vater und noch Besserer denn ich,
    Die süßer Liebesreime Kranz sich wanden;
Und ohne Hören lang und Reden schlich
    Des Wegs ich sinnend hing an seinen Brauen,
    Denn ihm zu nahn verhielt die Flamme mich.
Als ich gesättigt nun an solchem Schauen,
    Erbot ich ihm zu Dienst mich ganz und gar
    Mit der Beteuerung, der alle trauen.
Und er zu mir: »Nicht Lethes Naß fürwahr
    Vertilgt die Spur, noch bleicht es sie, die eben
    So tief dein Wort mir eingeprägt und klar!
Doch, schwurst du wahr, so sag mir: was im Leben
    War Ursach, daß ich deinem Herzen wert,
    Des mir dein Blick und Reden Zeugnis geben?«
Und ich: »Eur süßer Sang, der so begehrt
    Noch jedes Blatt uns macht mit seiner Weise,
    Solang die neue Art man übt und ehrt!«
»Ach, Bruder«, sagt' er, einen, der im Kreise
    Voranging, mir bedeutend, »beßrer Schmied
    Der Muttersprache war, den ich dir weise.
Nimm Rittermäre oder Minnelied,
    Sein ist der Kranz! Laß preisen nur die Toren
    Den von Limoges, daß Beßres ihm geriet!
Statt Echtem leihn dem Ruf sie ihre Ohren,
    Und eh Vernunft sie oder Kunst befragt,
    Auf Spruch und Meinung sind sie eingeschworen.
So hat man vom Guittone einst gesagt,
    Den man von Mund zu Munde hörte loben,
    Bis Wahrheit siegte, die nun manchem tagt. 271
Doch wird dir denn die hohe Gunst, dort oben
    In jenes Klosters Pforte einzutreten,
    Dem Christus selber ward zum Abt erhoben,
So wolle mir ein Vaterunser beten,
    Soweit in dieser Welt es not uns tut,
    Hier, wo wir kein Gebot mehr übertreten.«
Er sprachs, und wie zum Grunde taucht der Flut
    Ein Fischlein, schwand er, einem ihm zur Seiten
    Den Platz zu räumen, in der Feuersglut.
Ich trat ihn an, den er mir wies, den zweiten,
    Und seinem Namen, sagt' ich, sei mein Sinn
    Willfährig, gute Stätte zu bereiten.
Freundwillig wandte der sich zu mir hin:
    »So linde locket Euer huldreich Fragen,
    Daß nicht mich hehlen darf noch willens bin:
Ich bin Arnaut, muß singend gehn und klagen;
    Mit Leide blick ich auf verwichnen Wahn,
    Bin frohen Hoffens, daß mirs bald soll tagen.
Bitt Euch bei jener Macht, so Euch die Bahn
    Zum Gipfel führt, beizeiten denkt im Guten
    Der Pein, darin mich Eure Augen sahn!«
So barg er sich in läuternd reinen Gluten.

 


 << zurück weiter >>