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Die verwunschene Wand

Der Pfarrer von Annaberg geleitet seine Gäste zu den Gräbern der Opfer. Sie liegen an der östlichen Friedhofsmauer, vier Hügel, zwei davon haben schon ihre Steinkreuze bekommen, auf dem dritten und vierten liegen noch die verwelkten Kränze um die eingerahmten Todesanzeigen. Nicht daß diese letzten etwa weniger trauernde Liebe zurückgelassen hätten, aber man muß warten, bis sich die Erde etwas gesetzt hat, weil dir Kreuze sonst nach kurzer Zeit schief stehen würden. Wenn die Toten aus den Gräbern hervorkommen und sich auf ihre Hügel stellen könnten, dann würden sie über die Friedhofsmauer hinweg gerade die obere Kante der Totenhorn-Südwand sehen.

»Ich wollte ja«, sagt der Pfarrer, »daß der Totengräber die Gruben für die ersten zwei dort drüben aushebt ... dort in der fünften Reihe ... sehen Sie, es wäre gerade noch für zwei Gräber Platz gewesen. Aber dann komme ich und sehe, daß er die Gruben hier gemacht hat, an der Mauer, wo noch niemand liegt. ›Warum?‹ frage ich den alten Zulehner, ›warum sollen die zwei hier liegen?‹ ›Damit die andern daneben Platz haben‹, sagt er.«

»Sonderbar!« meint Haberdietzl.

»Ja, nicht wahr? Ich verweise dem Zulehner natürlich seine Rede. Aber er hat so seine Gedanken, der alte Zulehner. ›Wenn so ein Berg einmal anfangt‹, sagt er, ›so hört er nicht so bald wieder auf.‹ – Nun, er hat ja leider recht behalten ... und es ist ja immer noch Platz für Gräber hier an der Mauer.«

Der Pfarrer von Annaberg steht immer noch auf der Schwelle des Pfarrhauses, wenn der Autobus ankommt, aber nun steht er nicht als der Hausherr da, der seine Gäste mit heiterer Miene empfängt und ihnen frohe Bergfahrt wünscht. Er möchte, wie der gute Eckart, jeden Bergwanderer warnen und ihm das Versprechen abnehmen, die Totenhorn-Südwand ungeschoren zu lassen. Wenn er es nicht tut, wenn er nicht jeden einzelnen beim Knopf faßt und ihm eindringlich ins Gewissen redet, so geschieht es nur darum nicht, weil er befürchten muß, daß er gefragt wird: »Was geht Sie das eigentlich an?« Es gibt jetzt viele Leute, die gegen einen Rat von geistlicher Seite äußerst mißtrauisch sind und vielleicht justament das Gegenteil von ihm tun. Viele Leute lehnen eine Einmischung von geistlicher Seite in weltliche Angelegenheiten von vornherein ab. Die Welt hat sich sehr geändert.

Marianne braucht er natürlich keine Warnung zu erteilen, die kennt den Berg und wird nicht den Ehrgeiz haben, die Wand zum zweitenmal anzugehen, und die Männer, die mit ihr sind, werden es wohl ebensowenig tun. Den einen hat er sogleich erkannt. Der Pfarrer hat ein gutes Gedächtnis für Menschengesichter, Haberdietzl, ja, ja, den kennt er, der hat doch damals den Unfall gehabt und hat solang auf der Jahn-Hütte liegen müssen. Und da mag es sich wohl angesponnen haben, daß Marianne nun als Frau Haberdietzl nach Annaberg kommt. Der zweite Herr ist zum erstenmal hier. Der Herr Lehrer Zangerl – sehr erfreut!

Auch Zangerl ist hier. Er hat gar nicht die Absicht gehabt, mitzukommen, und hat gemeint, nun wäre es an der Zeit, das Ehepaar allein zu lassen. »Ich habe euch lang genug gestört«, hat er gemeint.

Aber Marianne hat erwidert: »Sie stören uns nicht, kommen Sie nur mit.« War das nun bloß eine Redensart? Nein, es war eine Bitte, es klang ganz so, als hätte Marianne einen Grund dazu, ihn mithaben zu wollen. Und so steht nun auch Zangerl auf dem Friedhof von Annaberg vor den Gräbern der Bergopfer und sieht, daß der Totengräber daneben noch für weitere Hügel Raum hat.

»Zuerst hat es ja so ausgesehen«, sagt der Pfarrer, »als wäre mit alldem Segen und Wohlstand für unseren Ort gekommen. Es war ein frohes und frisches Leben, man konnte seine Freude daran haben. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die dagegen sind, wenn sich so ein verborgener Winkel in den Bergen der Welt öffnet. Aber wie kann man seine Freude daran haben, wenn man alle paar Wochen einen da drinnen liegen sieht, einen blutigen Klumpen Fleisch und Knochen unter einem Tuch. Damit man nicht davor erschrickt, was der Berg aus einem Menschenleib gemacht hat.«

Sie sind zwischen den Gräberreihen weitergegangen und vor der weiß getünchten Totenkammer mit dem barocken Giebelschnörkel und dem schlichten Eisengitter stehengeblieben. Über dem Eisengitter steht: »Trennung ist unser Los – Wiedersehen unsere Hoffnung.« »Da drinnen stehen die Tragbahren, auf denen sie die Toten herunterbringen ... Föhrenzweige liegen darauf ... vier solche Bahren habe ich schon gesehen ... und da muß ich manchmal denken, es wäre besser geblieben, wie es war ... ohne Autobus und Fremdenverkehr und all das ... Sehen Sie«, unterbricht er sich und weist mit dem Kopf nach einer Frau, die jetzt den Hauptweg herkommt.

Es ist ein altes, ganz krummgezogenes Weiblein in Schwarz, das an einem Stock humpelt. Sie geht mitten im schönsten Sonnenschein, aber dort, wo sie geht, ist es, als büße die Sonne etwas von ihrer Kraft ein. Sie leuchtet gar nicht so hell wie anderswo, wo das Weiblein nicht geht. »Wissen Sie, wer das ist?« flüstert der Pfarrer, »es ist die Mutter des Gaugusch, der zuletzt abgestürzt ist. Er war ihr einziger Sohn. Sie ist zum Begräbnis gekommen und seither hiergeblieben. Sie verbringt fast den ganzen Tag an seinem Grab. Sie ist als eine recht stattliche Frau gekommen, gebeugt von Schmerz, aber ohne Stock. Und nun schrumpft sie von Tag zu Tag mehr ein, es ist, als mache sie die Trauer immer krummer, nun braucht sie schon einen Stock.«

»Kommen Sie fort«, sagt Marianne und schlägt einen Seitenweg ein, auf dem man dem schwarzen, verkrümmten Weiblein nicht begegnen muß. »Wollen Sie uns nicht Ihr Bild zeigen? ... Ich habe meinem Mann davon erzählt.«

»Möchten Sie es sehen?« sagt der Pfarrer mit einer kleinen Freude und schreitet den Gästen nach der Kirche voran. »Es ist nun natürlich noch mehr mein Trost als früher.«

Da hängt das Bild in der Kirche an seinem Ort, aber Marianne weiß gar nicht, ob es dasselbe ist wie früher. Gewiß ist es dasselbe Bild, aber es muß sich doch etwas daran geändert haben. Oder hat es Marianne nur früher nicht so gut angesehen? Hat die Muttergottes wirklich ihr liebliches Lächeln so völlig verloren, oder hatte sie früher schon diesen harten, herben, traurigen Zug um den Mund. Und der Berg, von dem der Pfarrer behauptet, er stelle die Totenhorn-Südwand vor, ist auch mit ihm eine Veränderung vorgegangen? Wenn man früher daran zweifeln konnte, so gewiß nur darum, weil ihm der Maler vielleicht ein zu liebliches, freundliches Aussehen gegeben hat. Jetzt aber ist er ein grimmiger, bösartiger Berg, unheimlich, als ob ihn jemand verwunschen hätte.

Haberdietzl und Zangerl sehen das Bild zum erstenmal und sind unbefangene Betrachter. Der Pfarrer steckt ihre Lobeserhebungen ein, eine wehmütige Freude für ihn, ein Labsal seiner Seele. »Ja, ja, ein schönes Bild, und von großem Kunstwert«, seufzt er, und dann begleitet er die Fremden auf den Kirchplatz. »Sie werden Bekannte auf der Hütte treffen. Den Bircher Schnacksele, und dann Raimund Rotter und seine Frau ... Nun, Gottes Segen über alle!«

Sie sprechen auf dem Aufstieg nicht allzuviel miteinander. Die vier Gräber auf dem Annaberger Kirchhof und die Totenkammer, wo die Bahren abgesetzt werden, das sind Dinge, von denen man nicht gleich wieder los kann. Aber wie sie höher kommen und die Bergwelt sich immer weiter auftut, da bleibt Marianne bisweilen stehen und nennt da und dort einen Gipfel, die Grenzen ihres einstigen Reiches. Das Totenhorn braucht sie nicht eigens zu zeigen, das steht ohnehin so da, daß es niemand übersehen kann.

Auf der Jahnhütte sind nicht allzu viele Leute. »Ein Zufall«, sagt Helene Böhmer, »vorige Woche waren wir ausverkauft ... und wie geht es Ihnen in der Ehe? Sie sind ja neuerdings noch einmal berühmt geworden, wieder auf andere Weise ...«

Ja, auch diesmal ist Marianne wieder bei einem bedeutenden sportlichen Ereignis dabeigewesen. Man hat Bilder von ihr in den Zeitungen gesehen, es ist nicht zu vermeiden gewesen, daß Marianne manchmal mit daraufkam, wenn die Kamera geschnappt hat.

»Wer hätte das von dir gedacht?« sagt der Bircher Schnacksele zu Marianne, »wie du damals hier auf der Jahnhütte die Wirtschaft geführt hast ...«

»Was denn?«

Na, erstens, zweitens, drittens ... erstens der märchenhafte Aufstieg ... damals hast du es bloß mit den Bergen zu tun gehabt, und das war immerhin eine auf gewisse Kreise beschränkte Angelegenheit, gerade noch mit ein paar Randgebieten dazu ... jetzt gehörst du der ganzen Welt. Denn warum? Es mag wenig Berichte über Haberdietzls Großtat gegeben haben, die nicht erwähnt hätten, daß seine Gattin mit dabei war ... in führender Rolle. Und jetzt sollen diese berühmten Wasserskier sogar auf Wanderausstellungen dem staunenden Europa vorgeführt werden ... ich habe einmal eine Kunstuhr aus Stroh gesehen, ganz aus Stroh, auch die Räder waren aus Stroh. Die ist von ihrem Erfinder auch so durch die Welt geschleppt worden.«

»Das geht uns nichts mehr an. Ich finde es ja auch geschmacklos. Aber die Skier gehören ja jetzt Herrn Morbes, er hat Othmar seine Erfindung abgekauft, und es war ein Einfall dieses Herrn Rummel. Nun, und ...?«

»Was – und?«

»Zweitens?« fordert Marianne heraus.

»Zweitens: Verheirateterweise ...«

»Ich wüßte nicht, daß ich das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt hätte.«

»Gewiß nicht ... nur dachten wir alle damals, wennschon, dann – Saliger. Wie ihr miteinander – sozusagen durchgegangen seid ...«

Der Bircher Schnacksele ist noch immer so geradezu wie einst, aber Marianne kann es auch noch immer ebensogut wie früher, die Luft um sich bis zur Weltraumkälte zu vereisen. »Du siehst ja wohl, daß es ein Irrtum war«, sagt sie.

»Ich bitte, friß mich nicht.«

»Mach dir keine Sorgen, Männer mit solchen Bärten fresse ich nicht ... Und ... drittens?«

»Nun eben: Haberdietzl!«

»Hast du vielleicht etwas gegen ihn einzuwenden?«

»Gott behüte ... er ist sicher ein guter Kerl.«

»Wenn du etwa meinst, daß er zu gutmütig und dumm ist, so bist du wieder im Irrtum.« Kein Wunder, wer soll diesen Othmar Haberdietzl kennen, wie ihn Marianne kennt, einen Haberdietzl, der den Hut ins Genick schiebt und sehr zur unpassenden Zeit pfeift, und der eines Morgens einfach ausreißt, um allein über den Kanal zu gondeln.

Der Bircher Schnacksele merkt, daß in dieser Richtung Gefahr droht, und dreht bei. »Und was sagst du zu den Dingen, die hier geschehen sind?«

»Es ist schrecklich«, sagt Marianne leise.

»Es ist wirklich schrecklich«, nickt der Bircher Schnacksele, »dort drüben in der Südwand hockt der Tod und wartet ... er hat gewiß noch nicht genug ...«

Es mag wohl so sein, daß er noch nicht genug hat, das meint ja der Totengräber unten in Annaberg auch.

»Ich hab' es ja auch versuchen wollen«, fährt der Bircher Schnacksele fort, »aber ich habe es einstweilen aufgegeben. Du weißt, ich fürchte mich nicht so schnell. Aber die Südwand ist mir jetzt ... irgendwie unheimlich. Und vielleicht war es ein Deuter, den ich damals bekommen habe ...«

»Du meinst ... es war eine Warnung?«

»Aber es ist, als ob eben dies, dieses Unheimliche für manche Menschen eine besondere Anziehung hätte. Was habe ich dem Gaugusch zugeredet, erst im nächsten Jahr in die Wand zu gehen. Der Lobgesang, der mit ihm war, erzählt, er versteht es nicht, wie es geschehen ist. Der Gaugusch steht unter ihm in einem Tritt und stürzt auf einmal, und das Seil reißt ... ein gutes, neues Seil ... Und jetzt will wieder der Rotter den Durchstieg machen.«

»Der Rotter?«

»Mit seiner Frau ... und läßt sich nicht davon abbringen.«

»Das darf nicht sein«, sagt Marianne, und der Bircher sieht in ihren Augen eine bodenlose Angst, »nein, das dürfen wir nicht zugeben ... wir müssen ihn zurückhalten. Man müßte die Wand verbieten.«

Der Bircher kippt sein Gläschen Enzian, das ist ein gutes Mittel gegen alles Unbehagen des Leibes und der Seele: »Verbieten?« zuckt er die Achseln, »wie willst du es in den Bergen jemandem verbieten, seinen Kragen aufs Spiel zu setzen? Versuch es halt, es ihm auszureden ... gelt ... wirst ja sehen ...«

Er steht schwerfällig auf, er ist ein wenig fett geworden, der Bircher Schnacksele, und das ist vielleicht der Kummerspeck über diese niederträchtigen Prüfungen, »übrigens ... der Saliger, der ist ja ein großer Macher geworden ... er führt die Unzufriedenen in Leoben ... seine sechs Wochen hat er schon einmal gefaßt ... ein Prachtbursch, aber er setzt auch seinen Kragen aufs Spiel ...« –

Oben auf der Bank, die einmal Mariannenruhe geheißen hat, sitzen Haberdietzl und Zangerl. Wovon sie sprechen? Sie sprechen auch von der Südwand, die sich in grauenhafter Großartigkeit vor ihnen aufbaut, der Berg des Schreckens.

»Ich weiß nicht, was die Leute mit einem solchen Berg für Aufhebens machen«, sagt Haberdietzl. »Warum müssen denn da durchaus alle Leute herunterfallen?«

»Das verstehst du nicht!« erwidert Zangerl und läßt mit Behagen seine kurze Pfeife qualmen. »Du redest als der alte Wasserfloh, der du bist.« Er ist vielleicht der einzige, der nichts von dem verspürt, was hier oben anders geworden ist. Er hat die Jahnhütte nicht gekannt, wie sie früher war, er weiß nicht, daß der Himmel viel niedriger geworden ist und nun die Menschen nicht mehr zu sich in die Höhe zieht, sondern auf ihnen lastet, und was für feindselige Gesichter nun die Berge haben. Mag sein, daß Haberdietzl etwas davon verspürt, aber er will es nicht spüren und sagt: »was sollte ich davon nicht verstehen?«

»Nun, was da alles dazugehört. Jahrelange Übung und Sicherheit. Technik, Othmar, Technik!«

»Das ist alles Wichtigtuerei. Man paßt eben auf, eine gute Lunge gehört dazu, ein gutes Auge und anständige Muskeln an Beinen und Armen. Habe ich die vielleicht nicht?«

»Ich war als kleiner Junge zu Besuch bei einem Onkel in der Nähe von Brünn«, sagt Zangerl nachdenklich, »sie haben dort einen Erdabsturz im Karstgebiet, den sie Mazocha nennen, die Stiefmutter. Dieser Erdabsturz ist genau so tief, wie der Wiener Stephansturm hoch ist, und er hat seinen Namen davon, weil dort einmal eine böse Stiefmutter, die was bei den Tschechen Mazocha heißt, ihren kleinen Jungen hineingestoßen haben soll. Nun, da kommt einmal ein junger Mann, ein Hutmachergeselle aus Graz, schaut in den Absturz hinein und sagt: ›Lächerlich, und da sollte man nicht hinunterklettern können? Da haben wir bei Graz ganz andere Berge!‹ Und zieht seinen Rock aus und beginnt hinunterzuklettern. Nun, ich hab' ihn dann unten liegen gesehen auf dem Schutthügel in der Mitte. Ein Bündel Kleider, und daneben lag sein runder, schwarzer Hut, der war wie der Schlußpunkt zu der Geschichte.«

»Was soll ich mit deinem Grazer Hutmacher?« fragt Haberdietzl ärgerlich.

»Weil du mich sehr an ihn erinnerst«, sagt Zangerl und sieht der grauen Wolke zu, die über die Kante der Wand gequollen ist und nun langsam an ihr hinabkriecht. Ab und zu bleibt ein Fetzen an den Zacken hängen, schwankt eine Weile hin und her und löst sich dann auf.

»Ich will dir etwas sagen«, platzt Haberdietzl los, »ihr seid alle hier miteinander ... alle miteinander seid ihr vor lauter Getümmel mit dieser Bergsteigerei ganz blödsinnig geworden.«

»Wer: wir?«

»Nun, du und Marianne und alle miteinander.«

»Marianne kann ja einigermaßen mitreden«, wirft Zangerl ein.

»Jawohl ... sie redet mit und redet davon und redet bald nichts mehr anderes und denkt unaufhörlich daran, und es ist ihr ganzes Um und Auf; das Wichtigste auf der Welt ist dieser gottverdammte Berg und alles was damit zusammenhängt. Und alles andere ist daneben unbedeutend und armselig und lächerlich.«

Zangerl nimmt die Pfeife aus dem Mund und schaut Haberdietzl langmächtig an: »Ich denke, gerade du solltest dich über Marianne nicht beklagen.«

»Lächerlich, sage ich. Darüber bin ich mir nicht im unklaren. Eine dumme Spielerei, so hat sie gedacht. Aber die Berge, die sind das Großartige, das Erhabene, hier entscheiden sich die Schicksale.«

»Othmar«, und Zangerl zieht die buschigen Augenbrauen zusammen, »du solltest dich schämen. Sei froh, daß du einen Menschen wie Marianne neben dir hast. Aber ich fürchte ...«

Ist das nicht Marianne, die da unten aus der Hütte kommt? Ja, und da steigt sie den Hügel hinan, etwas mühsam und schwerfällig, als wollten die Beine nicht recht fort.

»Was treibt ihr hier?« fragt Marianne, oben angelangt, und keucht ein wenig.

»Ach, Othmar redet Unsinn«, lacht Zangerl, denn nun, da Marianne gekommen ist, freut ihn die Welt wieder.

»Das redet er jetzt öfter«, sagt Marianne und gibt ihrem Gatten einen freundlichen Klaps.

Ist Marianne vielleicht auch froh, mit jemand sprechen zu können, der ganz heiter und unbefangen sein darf, und den das Verhängnis, das von der Wand dort drüben Besitz genommen hat, nicht das mindeste angeht? Aber ihr Versuch, der Sache eine heitere Wendung zu geben, gelingt völlig vorbei. Haberdietzl ist ganz und gar nicht spaßhaft aufgelegt, im Gegenteil, er ist durch den Klaps beleidigt. Man gibt seinem Gatten in Gegenwart Fremder keinen Klaps. Das ist eine völlig unpassende Vertraulichkeit.

»Na also, wenn ich Unsinn rede«, sagt er gereizt, »dann kann ich euch ja von meiner Gegenwart befreien, damit ihr miteinander gescheit reden könnt.« Spricht's, steht auf und stelzt mit steifen Beinen über den Hügelkamm und verschwindet hinter ihm.

»Was hat er denn?« staunt ihm Zangerl verblüfft nach, »ist er jetzt immer so?«

Es hat natürlich Zangerl nicht verborgen bleiben können, daß sein Freund wirklich häufig so ist, ein launenhafter, mürrischer Mensch, eine richtige Zuwiderwurzen. Benimmt man sich so, wenn man ein glücklich verheirateter Ehemann ist? Es hat manchmal wirklich den Anschein, als wäre er es nicht. Und wenn jetzt Zangerl seine Beobachtungen in die Form einer Frage kleidet, so tut er es, weil er von Marianne eine Erklärung dafür möchte.

Aber Marianne weiß wohl selbst keine Erklärung. Oder, wenn sie eine weiß, dann hält sie mit ihr zurück. »Ach, ich verstehe gar nicht recht, was mit ihm los ist«, sagt sie.

Zangerl hat sich wieder über seine Pfeife hergemacht. Der leise Bergwind hier oben bläst ihm sechs Streichhölzer nacheinander aus. Um das siebente Flämmchen schließt er seine Hände zu einem Schirm, und nun gelingt es. Durch das blaue Gewölk schielt er von unten nach Mariannes Gesicht. »Habt ihr euch ... vielleicht ... gezankt?«

»Gezankt? Nein!« antwortet Marianne. Sie wünscht das Gespräch nicht fortzusetzen, und da entdeckt sie eben Caruso, der sich auf der Almwiese herumtreibt. »Caruso«, ruft sie, »komm her!«

Caruso benimmt sich merkwürdig gegen Marianne. Sie hat den Männern einiges von ihm erzählt, von seiner rührenden Freude bei ihrem letzten Besuch. Aber diesmal verläuft das erste Zusammentreffen ganz anders. Sie ruft Caruso von fern an, und er kommt auch wie aus der Pistole geschossen. Aber bei Marianne angelangt, riecht er an ihr, wedelt wohl, jedoch gerade nur aus Höflichkeit, er springt nicht an ihr hoch, er heult nicht und verliert nicht den Verstand. Der wahnsinnige Glücksjubel, den Marianne in Aussicht gestellt hat, bleibt aus.

»Er wird Sie halt doch schon etwas vergessen haben«, tröstet Zangerl.

Und auch jetzt tut Caruso so, als wäre Marianne eine beiläufige Bekannte, nicht der beseligende Schwarm seines treuen Hundeherzens. Er kommt folgsam heran, wedelt auch wieder, schnuppert an Mariannes Schuhen, geht ein Stück fort, kehrt um, als hatte er sich doch besonnen, was sich schickt. Aber es hält ihn nichts in Mariannes Nähe, er ist offenbar in Verlegenheit, und schließlich meint er, es sei seinerseits genug geschehen, und trollt sich wieder davon.

Er benimmt sich ganz ähnlich wie die alte Regei. Die ist eben dabei, den Schweinestall auszumisten, als Marianne auf die Alm kommt, sie schaut kaum auf, unterbricht ihre Arbeit nicht und knurrt nur: »Bist wieder amol herobn? was willst denn da?« Keine Frage nach Mariannes Ergehen, kein vertrautes Wort, und nach einigen Versuchen, die hinter aller Kratzbürstigkeit verborgene Wärme aufzuspüren, bleibt Marianne nichts übrig als abzuziehen.

Und auch der Kümmerer beträgt sich nicht viel anders. Er sitzt in der Küche am Herd, wo er seinen Stammplatz hat, und bemüht sich ebensowenig wie Caruso und die Regei um besondere Herzlichkeit. Es ist beinahe, als sähe er es gar nicht gern, daß Marianne zu Besuch gekommen ist.

»Wie geht's?« fragt Marianne.

Der Kümmerer spuckt ins Aschenloch und brummt etwas. Helene und die Aushilfsdirn wirtschaften in der Küche herum, Marianne kann sich vor Zeugen nicht so abspeisen lassen. »Ich hab' dir auch was mitgebracht«, sagt Marianne und reicht dem Kümmerer ein ansehnliches Päckchen. Es sind viele kleine Päckchen in dem großen, lauter Tabak, weit feinerer, als der Kümmerer sonst raucht.

»Dankschön!« sagt der Kümmerer und legt das Päckchen neben sich auf die Ofenbank. Seine üble Laune wird auch durch diese Liebesgabe nicht gebessert, es ist eine wetterfeste üble Laune. Nun ja, er ist der Bergführer hier oben, er trägt gewissermaßen die Verantwortung dafür, wenn die Leute abstürzen. Aber was kann er tun, wenn ihn die Leute nicht mitnehmen wollen? Wenn sie den Ehrgeiz haben, die Wand durchaus führerlos machen zu wollen?

»Warst du einmal ganz oben?« fragt Marianne.

»Jo«, sagt der Kümmerer. Er ist oben gewesen mit einem andern Führer, einem aus Lagrein. Zu zweit haben sie die Wand gemacht, er muß sie doch kennen, wenn ihn jemand mitnehmen will. Sie ist schwer, die Wand, aber abstürzen muß man nicht.

»Dös war vorig's Jahr«, sagt der Kümmerer, »bevor, daß du zum letztenmal hier heroben gewesen bist.« warum stellt das der Kümmerer wohl mit solchem Nachdruck fest? »Ja, du warst nicht auf der Hütte, als ich das letztemal hier war.«

»I hab' a Partie aufs Hochgrindeck g'habt.« Der Kümmerer spuckt ins Aschenloch. »Aber jetzt geh' i nimmer in d' Wand.«

»Warum?«

Der Kümmerer schaut sich um, Helene und die Dirn sind drüben im Gastzimmer, er ist mit Marianne allein. »s' Hüttenmanndl is fort«, sagt er leise.

»Das Hüttenmanndl? So?«

»Jo ... es hat eam jemand 's Schüsserl z'treten und die Milli verschütt'. D' Helen hat eam jo a neuch's hing'stellt, aber dös nutzt nix mehr, wann eam so was amol passiert, nacher ziagt's aus.«

»Und kommt nicht mehr wieder?«

»Naa ... und jetztn hot d' Hütt'n ka Glück mehr ... ka Glück.«

Erst am dritten Tag treffen Rotter und seine Frau auf der Jahnhütte ein.

Sie haben eine Höhenwanderung gemacht mit einigen schwierigen Gipfeln, eine Generalprobe für die Südwand. Rotter erzählt ausführlich und haargenau, was sie alles unternommen haben, alles, was man in der Südwand braucht, haben sie auf ihrem Weg einzeln bewältigt. »Wir sind vorzüglich in Form«, sagt er. Er ist ungemein redselig, wiederholt oft ganze Stücke seiner Beschreibung, als könne er den Zuhörern gar nicht fest genug einprägen, wie gut er und seine Frau für alle Schwierigkeiten gerüstet seien.

Früher war Rotter kein Mann vieler Worte, man mußte oft beharrlich fragen, ehe man ihn zum Sprechen brachte. Jetzt ist er beinahe ein Schwätzer geworden, und sein früher so klarer, fester, fernhinschauender Blick ist jetzt nahe, unstet und flackernd.

Frau Augusta sitzt daneben und paßt auf. wenn es jemand gibt, der noch mehr aufpaßt als ein Haftelmacher, dann ist es Frau Augusta. Ihre Augen gehen wie Schildwachen zwischen ihrem Mann und Marianne hin und her. Immer hin und her. Gelegentlich wird auch Helene Böhmer gestreift. Aber die kommt wohl nicht in Betracht; und auch Marianne kommt kaum mehr in Betracht. Jenes unsagbare Etwas, jene gefährliche Strahlung, die einmal von ihr ausging, ist offenbar verschwunden, Marianne ist eine richtige Ehefrau geworden. So viel ist unzweifelhaft, daß sie mit ganz andern Dingen beschäftigt ist als mit Männerfang. Frau Augustas Augen kann nicht entgehen, daß mit Marianne etwas los ist, eine Unruhe und heimliche Qual steckt in ihr, gut so, man kann im Punkt Marianne beruhigt sein.

Die Gefahr liegt anderswo. Die größte Gefahr, die Frau Augustas Ehe bisher gedroht hat, ist dieses ruchlose Frauenzimmer, diese Bestie, die schlau und zielbewußt daran arbeitet, ihr den Mann abwendig zu machen. Eine saubere Überraschung, als Frau Augusta bald nach ihrer Heimkehr aus Ungarn bemerkt hat, wie die Dinge stehen. Es hat ihr ja nicht lange verborgen bleiben können, was sich da angesponnen hat.

Diese plötzlich erwachte Selbständigkeit, diese vielen Alpenvereinssitzungen und die Teilnahme am politischen Leben, die plötzlich Rotters Zeit so in Anspruch nimmt.

»Ach«, sagt Frau Rotter zu einem Parteigenossen des Gatten, »wir armen Frauen kommen jetzt zu kurz. Aber was soll man tun? wir Frauen müssen eben der großen Zeit unsere Opfer bringen. Man muß sogar noch stolz sein, wenn der Mann seine Aufgaben so ernst nimmt. War das gestrige Referat meines Mannes gut?«

»Referat?« fragt der Parteigenosse verwundert zurück, »Referat? Ihr Mann war doch überhaupt noch niemals bei uns.«

Soso? Ein harmloser Verräter bestätigt Frau Augustas Verdacht. Und dann war der Brief, den Frau Augusta in ihres Gatten Rock gefunden hat, eigentlich kaum mehr nötig. Die tägliche Durchmusterung hat aber doch einmal auch ein schriftliches Beweisstück zutage gebracht.

Furchtbares häusliches Drama! Aber nun ereignet sich etwas, was Frau Augusta niemals für möglich gehalten hätte. Ihr Gatte leistet Widerstand. Rotters späte Liebe zeigt Zähne und Klauen. Er ist sein Leben lang unterm Joch gegangen, jetzt bäumt er sich auf. Er tobt, er brüllt, er stampft mit dem Stuhl auf den Boden, zuletzt wirft er eine Blumenvase aus böhmischem Kristall mitten in den Spiegel. Die Scherben fliegen umher, und eine verletzt Frau Augusta an der Stirn. Blut fließt, Frau Augusta schreit auf: »Ich bin verwundet!« und sinkt wimmernd auf das Sofa.

Aber Rotter, dieser Rohling, läßt sie bluten und wimmern, er stülpt seinen Hut auf und schlägt die Tür hinter sich zu. Es nützt auch nichts, daß Frau Augusta bei seiner Rückkehr blaß und elend ist und einen Verband um die Stirn trägt.

»Du wärst imstande, mich verbluten zu lassen«, sagt Frau Augusta mit schwacher Stimme.

»Ich hab' schon gesehen, daß es nur ein Kratzer ist«, knurrt Rotter.

Solcher Sachen ist Rotter nun fähig. Dieses dämonische Weibsstück, diese Theatervettel, diese ausgekrähte Sängerin hat ihn vollkommen verhext. Sie sitzt irgendwo in ihrem Netz, diese lüsterne Spinne, und Rotter zappelt in ihren Maschen. Du lieber Gott, was ist aus ihm geworden!

»Du solltest dich schämen, du alter Esel!«

Kein Spektakel verfängt, kein Hohn, keine Bosheit. Das Netz muß zerrissen werden, Frau Augusta glaubt sich noch immer stark genug, solche Netze zu zerreißen. Sie begibt sich geradeswegs ins Netz der Spinne. Aber das Unternehmen geht nicht gut für Frau Augusta aus. Frau Carmen bleibt sehr kühl und überlegen, sie sagt nur etwas von Hausfriedensbruch und geht zum Tischtelephon: »Wollen Sie vielleicht, daß ich die Polizei verständige?«

Nein, das Unternehmen endet kläglich. Rotter kommt andern Tages heim, ganz unheimlich anzusehen, eine Wetterwolke: »Du hast dich also unterstanden, Frau Lind-Vallacosta zu bedrohen? Wenn du noch einmal etwas Derartiges tust, so sind wir geschiedene Leute.«

»Nie, nie, nie, nie lasse ich mich von dir scheiden«, knirscht Frau Augusta, »das würde dir so passen! Aber nie, nie, nie ... das merk dir!«

»So ... du willst dich also nicht scheiden lassen?«

»Nein ... mich wirst du dein Leben lang nicht los.«

Frau Augusta ist wohl geschlagen, aber sie ist nicht besiegt, sie verschanzt sich in einer uneinnehmbaren Festung.

Bircher Schnacksele weiß eine ganze Menge von diesen Dingen. Frau Augusta sucht Widerhall, sie braucht jemanden, dem sie alles erzählen kann. Und er kann es ruhig weitererzählen, es bindet ihn keine Schweigepflicht. Frau Augusta macht kein Geheimnis daraus, die Leute sollen es nur wissen, unter welchem Einfluß ihr Gatte steht, und daß sich ein gemeines Frauenzimmer seiner bemächtigt hat.

Das erfährt Marianne von Schnacksele, und er ahnt nicht, daß Marianne in gewissem Sinn an diesem Drama nicht unbeteiligt ist. Nicht eigentlich unmittelbar beteiligt, aber doch in gewissem Sinn, durch das, was sie von einer der handelnden Personen weiß, während Bircher erzählt und durchblicken läßt, daß er von Frau Augusta nicht ganz auf ihre Seite gebracht ist und Rotter nicht einmal ganz unbegreiflich findet, ist Marianne zu einem Entschluß gekommen.

»Nun hat die Gute Boden gewonnen – glaubt sie«, sagt der Bircher. »Denn warum? Zwei Jahre hat es für Rotter keinen Gipfel gegeben ... Tannhäuser im Venusberg ... jetzt hat er sich wieder besonnen, daß es noch Aufgaben gibt, die seiner würdig sind. Es kann wohl sein, daß ihn die Totenhorn-Südwand zuerst gar nicht gereizt hat ... meinst du nicht auch?«

»Ja«, sagt Marianne, es ist wahrscheinlich so, daß Rotter nicht da Zweiter sein wollte, wo ein anderer Erster war.«

»Man kann nicht auf jedem Gipfel Erster sein ... aber gerade hier, wo es solches Aufsehen gemacht hat. Nun aber, da es den Anschein hat, als ob die Wand jeden anderen abschütteln wollte ... da mag es ihn überkommen haben ... sein bergsteigerischer Ehrgeiz ist erwacht. Vielleicht hat es auch einen Krach mit seiner Frau Carmen gegeben ... wer kann's wissen? Solche Krache kommen in den besten Nebenfamilien vor. Jedenfalls will er die Wand angehen. Und Frau Augusta meint nun, daß ihr Weizen wieder blüht. Nun rückt sie wieder an Rotters Seite.«

»Meinst du«, fragt Marianne nachdenklich, »daß Frau Augusta eine sehr begeisterte Bergsteigerin ist?«

»Gott behüte!« lacht der Schnacksele, »sie steigt ebensogern auf Berge, wie eine Katze ins Wasser geht. Aber es soll auch schon Katzen gegeben haben, die schwimmen können. Und es ist, meint wohl Frau Augusta, das Band, das Rotter noch am stärksten an sie fesselt. Es ist immerhin eine Art Heldenmut, ihr Wille ist stärker als ihr Unbehagen und ihre Angst. So ... und nun kannst du es ja versuchen, Rotter von seinem Plan abzubringen.«

Ja, und nun sitzt Rotter da, und es ist, als hätte er zum Reden eingenommen. Er spricht uferlos und weitschweifig, und Marianne kann sich nicht genug darüber wundern, wie zerfahren und unbeherrscht er geworden ist.

»Und Sie wollen es wirklich unternehmen?« fragt Marianne, »nach alledem, was sich hier zugetragen hat?«

»Warum nicht?« Und Rotter zeigt deutlich, daß er jede Einmischung mißbilligt und unpassend findet: »Sie vergessen, daß ich noch ganz andere Sachen gemacht habe.«

Ja, ja, Rotter ist der große Meister, er hat den Fuß auf Dutzende überwundene Gipfel gesetzt, es ist eine Anmaßung, ihm gute Lehren erteilen zu wollen.

Haberdietzl hat das große Lichtbild herabgenommen, das die Totenhorn-Südwand im größten Maßstab vorstellt. Es ist aus vielen Einzelaufnahmen mit dem Fernobjektiv zusammengesetzt, und der Weg des Erstdurchstiegs ist rot eingezeichnet. Es hängt über dem Tisch auf dem Ehrenplatz, Gegenstand der Bewunderung und jetzt auch leisen Schauerns.

»Gibt es nur diesen einen Weg durch die Wand?« fragt Haberdietzl, den Finger auf der roten Linie.

»Ich werde es wahrscheinlich von dem schwarzen Wasserriß ab links versuchen«, sagt Rotter, ohne hinzusehen.

»Und wann wollen Sie aufbrechen?«

»Übermorgen.«

Übermorgen also. Marianne sagt sich, daß es nicht angehe, einen Rotter so vor allen Leuten zu einem Verzicht überreden zu wollen. Es wird überhaupt schwer sein, ihn dazu zu bringen, jetzt, da er die Sache so vor aller Öffentlichkeit lautmärig gemacht hat. Seine bergsteigerische Ehre ist verpfändet, er wird schwerlich mit sich handeln lassen. Aber, es muß doch, um Gottes Willen, alles geschehen, um ihn abzuhalten. Die Verantwortung, die Marianne auf sich fühlt, erdrückt sie beinahe.

Sie sucht Rotter am andern Tag vergebens. Er ist sehr zeitig mit seiner Frau aufgebrochen, irgendwohin, wahrscheinlich hat er geahnt, was ihm bevorsteht, und geht allen Leuten aus dem Weg.

Erst am Abend kommt er zurück, und nun kann Marianne doch nicht gleich vor all den Menschen mit ihm sprechen. Sie muß warten, bis alles schlafen gegangen ist, und muß sich dann irgendwie heimlich an Rotter heranmachen.

Zum erstenmal scheint der Zufall Marianne Vorschub zu leisten, zum erstenmal in diesen Tagen.

»Geh nur ins Bett«, sagt Rotter zu Frau Augusta, »ich komme gleich, wenn ich die Flasche Roten ausgetrunken habe.«

Frau Augusta ist so fügsam wie noch nie, sie widerspricht nicht, sie geht ins Bett. Auch Marianne geht mit Haberdietzl auf ihr Zimmer, tut auch, als beginne sie sich auszukleiden, aber dann fällt ihr plötzlich etwas ein: »Ich muß nur noch ein Wort mit Rotter sprechen«, sagt sie.

Rotter ist über die Stunde der Hüttenruhe hinaus aufgeblieben, vor einer allerschwierigsten Unternehmung, das ist gegen alle bergsteigerischen Regeln. Und er sitzt vor einer Flasche Wein, das ist auch gegen alle bergsteigerischen Regeln. Es ist sogar die zweite Flasche Wein, Rotter hat sich von Helene, ehe sie schlafen ging, noch eine zweite Flasche auf den Tisch setzen lassen.

Auch sie ist schon halb geleert, und Rotter sitzt da und starrt vor sich hin. Er hebt schwere, müde Augenlider, und sein Blick schwimmt in einer glitzernden Feuchtigkeit.

»Was wollen Sie?« fragt er barsch.

»Ich muß mit Ihnen sprechen«, sagt Marianne leise und setzt sich ihm gegenüber auf die Bank.

»Wenn Sie etwa wieder versuchen wollen, etwas besser zu wissen als ich, dann können Sie sich die Mühe ersparen.« Eine grobe Tonart, ungewöhnlich ungehobelt für den einst so höflichen und ritterlichen Rotter. Soll sie vielleicht dazu dienen, eine Unsicherheit zu verbergen?

Aber Marianne läßt sich nun einmal nicht abschütteln. »Sie haben doch gar keine Vorbereitungsarbeit gemacht ...«

»Ach Sie ...«, sagt Rotter, »blasen Sie sich nur nicht auf, mit den ungeheuren Bergerfahrungen, die Sie haben.«

»Die Wand ist nicht sturmreif«, beharrt Marianne. Jetzt ist nicht die Zeit, über Kränkungen ungehalten zu sein. »Gewiß, ich bin ja keine Bergsteigerin, die sich mit Ihnen vergleichen kann. Ich bin eine Hoffnung, die getäuscht hat. Einmal und nicht wieder. Aber soviel weiß ich ... wir haben zwei Lager vorbereitet ...«

Eine gewaltige Handbewegung fegt das alles hinweg. »Lauter Übertriebenheiten! Lager ... zwei Lager ... das sind Himalajamanieren. Zwei Zdarskysäcke, das genügt vollkommen. Und wir kürzen ab ... wir gedenken uns nicht wochenlang in der Wand aufzuhalten.«

»Sie sollten doch Rücksicht auf Ihre Frau nehmen«, wendet Marianne ein, »ob sie nicht doch versagen wird?«

Rotter macht eine Miene, als hätte er der alten Regei etwas abgesehen. »Kümmern Sie sich um etwas anderes als um meine Frau«, sagt er heftig. »Meine Frau wünscht mitzugehen und freut sich darauf. Glauben Sie vielleicht, daß ich sie dazu zwinge? Sie wünscht es, hören Sie, und freut sich darauf, das können Sie allen Leuten sagen.«

Von dieser Seite her ist Rotter nicht beizukommen, das muß Marianne einsehen. Gut, aber das andere muß nun wenigstens in Ordnung gebracht werden, »wo ist meine Mutter?« fragt Marianne plötzlich aus einem hochgespannten Schweigen heraus.

Rotter zuckt zusammen und zieht den Kopf zwischen die Schultern. Seine Hand tastet fahrig und unsicher nach dem Weinglas. »Sind Sie auch darum gekommen?« Er trinkt, und einige Tropfen Rotwein fallen auf sein Hemd.

»Ja«, sagt Marianne unbarmherzig.

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Weil ich es nicht zugeben kann, daß es ... meine Mutter ... gerade meine Mutter ist, durch die Ihre Ehe in die Brüche geht.«

»In die Brüche geht«, murmelt Rotter, »diese Ehe?«

»Ich maße mir kein Richteramt an«, beharrt Marianne, »aber es soll nicht gerade meine Mutter sein, wo ist sie?«

»Sie ist in Wien«, atmet Rotter schwer, »was wollen Sie tun?«

Mitleid? Marianne kann nicht anders, als tiefes Mitleid empfinden mit diesem Mann, mit dieser ausgebrannten, dem Zusammensturz nahen Ruine Rotter, die sich anmaßt, die Totenhorn-Südwand bezwingen zu wollen. Aber Marianne gibt nicht nach. »Ich werde sie aufsuchen. Ich werde mit ihr sprechen. Ich bin es dem Andenken meines Vaters schuldig, mit ihr zu sprechen.«

Rotter langt über den Tisch und packt Mariannes Handgelenk mit hartem Griff: »Das werden Sie nicht tun!« zischt er, »ich verbiete es Ihnen.«

Mariannes Handgelenk wird von einem eisernen Schraubstock zusammengepreßt. In diesem ausgehöhlten Menschen hat Not und Wut einen Rest der alten Kraft entfacht. »Sie werden mir nichts verbieten«, stöhnt Marianne, »ich werde tun, was ich für meine Pflicht halte.«

Knarrt da nicht die Tür zur Küche? Der Kümmerer steht da und kommt auf leisen Kletterschuhsohlen zum Tisch. »I hob enk red'n g'hört«, sagt er, »und da komm i holt noch amol, Herr Rotter ... und i bitt Eana, nehmen S' mi mit.«

Hat der Kümmerer nicht gesagt, daß er nicht mehr in die Wand will? Und da steht er und bittet, daß ihn Rotter mitnehmen möchte, und es geht ja aus seinen Worten hervor, daß es nicht das erstemal ist, daß er ihn bittet. Mag sein, daß sein Bergführergewissen erwacht ist. Wird man nicht in Annaberg und in Klausen-Oberdorf und weiter im Tal hinaus bis Gott weiß wohin fragen: Ja, zum Teufel, wer ist denn dort auf der Jahnhütte eigentlich der Bergführer? So – der Kümmerer, werden sie sagen, na das muß ja ein richtiger alter Tepp fein. Herrgottkruzihaxen, er kann sich doch den Leuten nicht an den Rucksack anhängen! Beim Rotter will er's aber jetzt unter allen Umständen durchsetzen, mitgenommen zu werden; ob nun ein Hüttenmanndl da ist oder nicht, das darf dabei keinen Ausschlag geben.

Das hat sich in den letzten Tagen entschieden, eigentlich in der gestrigen Nacht, seitdem der Kümmerer oben auf der Totenhorn-Südwand das große schwarze Kreuz erblickt hat. Es war nicht lange zu sehen, vielleicht so lange, bis man zehn gezählt hat, aber während dieser Zeit hat es sich ganz deutlich oben auf der Kante der Wand gegen eine hellere Wolke abgehoben. Und nun ist es doch wohl so, daß der Herr Rotter in der Wand einen Beistand brauchen könnte.

»Nehmen S' mi mit«, bittet der Kümmerer dringlich, »ohne Tax. Es ist mir um d' Ehr.«

Rotter schenkt den Rest Wein aus der Flasche in das Glas und leert es mit kurzem Schwung: »Sie wissen doch, Kümmerer, daß ich immer ohne Führer gehe.«

»Ob'r dösmal is was anders«, der Kümmerer ist heute zäh wie Sohlenleder, »es könnt Eana lad tun, daß S' mi net mithab'n.«

»Warum ist es etwas anderes?« fragt Rotier und erhebt sich langsam. Es scheint ihm Mühe zu machen, sich aufzurichten, mit hängenden Schultern, eingesunkener Brust und erloschenen Augen steht er da. Beinahe greisenhaft sieht er aus. »Also, warum ist es etwas anderes?«

»I woaß net«, quetscht der Kümmerer herum, »i moan nur. Scho weg'n der Frau, moan i ...«

»Also jetzt gehe ich schlafen«, sagt Rotter, er öffnet auch schon die Tür, aber da kommt er noch einmal zurück. »Und Sie wollen wirklich, Frau Marianne ...?« fragt er flehend. »Wenn Sie alles erwägen ... dies und das ... dort und hier ... können Sie das verantworten? Sie richten damit nur Unheil an.«

»Es muß sein.« Marianne glaubt es sich und Rotter und Frau Augusta und dem Andenken ihres Vaters schuldig zu sein, davon kann sie nicht abgehen.

»Nun ja«, sagt Rotter und läßt den Kopf sinken, »dann muß es wohl sein.«

Er knipst seine Taschenlampe an, und dann hören sie ihn die hölzerne Stiege zum oberen Stockwerk hinansteigen.

»Wie wird morgen das Wetter sein?« fragt Marianne. Eine letzte Hoffnung: es könnte ja sein, daß ein Wettersturz eintritt. Schneesturm, Nebel, ein richtiger Wolkenbruch. Nur ein Aufschub, ein Zeitgewinn, um Rotter vielleicht doch noch mürbe zu machen.

Aber der Kümmerer schüttelt den Kopf: »Am Wetter feit si morg'n nix.«

Es fehlt auch wirklich nichts am Wetter. Bei Tagesgrauen sind Rotter und Frau Augusta aufgebrochen. Er hat sich alle Begleitung verbeten, sie tragen alles auf dem eigenen Rücken, nie hat es Rotter anders gehalten. Er arbeitet im klassischen alpinen Stil. Selbst ist der Mann.

Bei der Jahnhütte gibt es jetzt ein Fernrohr auf einem Gestell. Es steht auf der gemauerten Plattform vor dem Glasvorbau, und es ist vom Hellwerden an immer jemand dabei, der daran herumschraubt und das Auge an das Glas drückt.

Bis Mittag kann man die beiden in der Wand verfolgen. Sie kommen erstaunlich schnell höher, am Nachmittag sieht man sie im schwarzen Wasserriß zum letztenmal. Dann biegt Rotter, wie er es gesagt hat, nach links aus und verschwindet in den Felsen.

Der Kümmerer ist der einzige, der das Fernglas nicht benützt, seine Augen sind scharf genug, daß er keine Hilfe braucht. Er sitzt auf der Bank vor der Hütte und raucht, aber er raucht kalt, und Marianne, die ihn so gut kennt, weiß, daß dies ein Zeichen für äußerste Gespanntheit ist.

Nun sind die beiden nicht mehr zu sehen, und der Kümmerer legt die Pfeife weg und beugt sich vor und verläßt sich nun auf seine Ohren. Er hat auch die weitaus schärfsten Ohren, und er ist es auch, der gegen Abend das alpine Notsignal hört.

Eine halbe Stunde später brechen die Retter auch schon auf, der Kümmerer hat in seiner Schlafkammer alles zurechtgelegt. Sie sind sechs Mann, der Kümmerer, der Lobgesang, der gestern auf die Hütte gekommen ist, zwei Herren aus München und einer aus Wien. Der sechste Mann ist der Bircher Schnacksele, denn da gibt es jetzt kein Fragen und kein Bedenken, es geht um Menschenleben.

Noch ein siebenter Mann will mitgehen.

»Nein«, sagt Marianne, »du bleibst auf der Hütte, Othmar.«

»Ich gehe mit«, entgegnet Haberdietzl in heller Empörung, »vom Schnacksele kann ich eine Windjacke bekommen, und der Kümmerer hat noch ein zweites paar Schuhe.«

»Du wärst ihnen nur ein Hindernis und keine Hilfe.«

Dabei hat es sein Bewenden. Haberdietzl kann doch nicht gut vor allen Leuten ein Schauspiel aufführen, betitelt: Der Kampf um die Vorherrschaft. Und Marianne ist in einem Zustand von Aufregung, der es unwahrscheinlich macht, daß Haberdietzl siegen würde.

Die Rettungsmannschaft kann natürlich nicht in der Nacht aufsteigen. Sie lagert am Fuß der Wand, beim Einstieg, und geht die Wand am Morgen an.

Eine Nacht vergeht und ein ganzer Tag, und am Abend kommt die Mannschaft zurück. »Rotter ist dabei«, sagt Zangerl, der am Fernglas steht.

Sie haben die Tragbahre zwischen sich, und darauf liegt der Sack, den der Kümmerer mitgenommen hat. Und in dem Sack befindet sich das, was einmal Frau Augusta Rotter war.


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