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Anuradhapura

7. Februar. Um sechs Uhr früh rasselt der Wecker. Ich erhebe mich und bin eigentlich überrascht, mich nach all den Strapazen des gestrigen Tages so frisch und munter zu fühlen. Ich renommiere nämlich wirklich nicht, wenn ich behaupte, daß es oft sehr anstrengende Tage waren, die über uns hingingen. – Jetzt werden auch die Herren geweckt. Alfred stößt eine Verwünschung aus, aber Graf Lippe zeigt, wie immer, keinen Unmut.

Um halb sieben Uhr sitzen wir in der Säulenhalle des waldumwachsenen resthouse, schlürfen rauchigen, nach Sumpfwasser schmeckenden Tee und stippen halbverkohlten Toast in den greulichen Sudel. Aber solch kleine Misèren fühlen wir nicht, denn wir sind ja in Anuradhapura, der wunderbaren Märchenstadt, deren Ruf lange vor Christi Geburt weit über die Grenzen Lankas drang. Ihre Blütezeit fällt zwischen 300 vor und 300 nach Christi Geburt, während dieser Zeit wurden die ungeheuren Riesenbauwerke geschaffen, die uns heute noch mit Staunen erfüllen.

Hauptsächlich sind es drei Herrscher des singhalesischen Reiches, die sich, soweit es die Ausgrabungen bestätigen, um den Ruhm von Anuradhapura verdient gemacht haben, und deren Namen man auf Schritt und Tritt begegnet: Tisso (250 vor Chr. Geb.), Dutthagamini (164 vor Chr. Geb.) und Walagambahu (100 vor Chr. Geb.). Tisso erhob Anuradhapura, das bis dahin ein unbedeutendes Dorf war, zu seiner Hauptstadt. Unter ihm entstanden zahllose Prachtbauten, wie achtundsechzig Felsentempel, vierunddreißig Priesterhäuser, viele Nonnenklöster, schöne Dagobas und auf dem Berge Mihintale ein großartiger Tempel, zu dem eintausendachthundert Stufen emporführen. Außer um die religiösen Bauten machte sich der König auch um die für ein tropisches Land so wichtigen Wasseranlagen verdient. Er verteilte über die ganze Insel Tanks und Reservoirs, deren Reste uns heute noch zeigen, auf welch bedeutender Höhe der Kultur Ceylon in jener frühen Periode stand. Ueber die damaligen Verhältnisse der Residenz gibt ein Reisender jener Zeit eine interessante Schilderung. Er schreibt, »es wimmelte von Beamten, die für die Wohlfahrt der Stadt bedacht waren. Fünfhundert Personen niedrigster Kaste sorgten für die Reinigung der Straßen, zweihundert dienten als Nachtwachen, einhundertundfünfzig begruben die Toten auf dem Leichenacker, den des Königs Fürsorge geschaffen hatte.«

Dutthagamini (164 v. Chr. Geb.) kam erst nach blutigen Kriegen auf den Thron. Malabaren hatten sich der Herrschaft bemächtigt. Dieser Erfolg eines fremden Stammes auf der viel begehrten Insel weckte in Elala, einem Fürsten der Koromandelküste, den Wunsch, sein Glück auf Lanka zu suchen. Er überfiel es mit Heeresmacht, nahm Anuradhapura ein und setzte sich dort fest, zerstörte die Tempel und zertrümmerte die Bilder Buddhas. Dies war das Zeichen zum Aufstand. Dutthagamini zog an der Spitze eines starken Heeres aus dem Süden heran, um den Usurpator zu verdrängen. Der Sieg schwankte und wurde schließlich im Einzelkampf, hoch zu Elefant, vor den Toren der Stadt zwischen Dutthagamini und Elala ausgefochten. Dutthagamini siegte und bestieg den singhalesischen Thron, um, nachdem er nochmals die eindringenden Malabaren zurückgeschlagen hatte, sich ganz der Frömmigkeit und der Verschönerung seiner Hauptstadt zu widmen. Als buddhistischer Fürst fürchtete er für sein Seelenheil, denn die zahllosen Menschenleben, die er in seinen Kriegen geopfert hatte, erhoben eine furchtbare Anklage gegen ihn. Um seine Schuld zu sühnen und aus Ehrgeiz, der größte Bauherr der Geschichte zu sein, verwendete er fortan all seine Einnahmen und all seine Zeit zur Errichtung von Tempeln, Dagobas, Priesterhäusern, und erbaute den an Pracht und Ausdehnung alles je Dagewesene übertreffenden »Erzpalast«.

Nach Jahren des Friedens folgte unter Walagambahu (100 v. Chr. Geb.) abermals eine Periode der Unruhen und des Krieges. Wieder waren es die Malabaren, die das Eiland mit Heeresmacht überzogen, Anuradhapura eroberten und den König verjagten. Fünfzehn Jahre lang fristete der entthronte Fürst sein Leben in nur von Eingeborenen gekannten Felsenhöhlen. Die Heerführer der Malabaren verteilten das Reich unter sich. Anarchische Verwirrung riß ein und herrschte, bis Walagambahu aus seiner Verborgenheit trat und nach Vertreibung der Malabaren das Zepter von neuem mit starker Hand ergriff. In den nun folgenden Friedensjahren errichtete der König Wunderwerke, die seinen Ruhm bis in die fernsten Jahrhunderte verkünden. Außer den grandiosen Bauten, die unter seiner Regierung entstanden, machte er sich auch um die buddhistische Lehre hochverdient. Dieselbe beruhte bis dahin ganz auf mündlicher Ueberlieferung und war in furchtbare Korruption verfallen. Er versammelte deshalb fünfhundert der gelehrtesten Priester in jener Höhle, die ihm während eines Teiles seines Exiles in Mátalé als Zufluchtsstätte gedient hatte, und ließ die buddhistische Doktrin in einem großen Werk schriftlich niederlegen.

Mit der Regierungszeit Walagambahus schließt die Reihe der berühmten königlichen Bauherren ab, wenigstens soweit wir ihnen auf dem Ausgrabungsfeld begegnen. Nur Makalantisso (41 v. Chr. Geb.) verdient noch besondere Erwähnung, indem er sich durch ein kolossales Unternehmen auszeichnete. Da er bei seinem Regierungsantritt das Reich in Unordnung fand, erbaute er eine hohe Mauer, die seine Hauptstadt von allen Seiten umschloß. Diese Riesenmauer, deren Fundamente heute noch sichtbar sind, umzog eine Fläche von zweihundertvierundvierzig englischen Quadratmeilen. Die Länge der einzelnen Seiten betrug sechzehn Meilen, was etwa der Entfernung von München nach Starnberg gleichkommt.

Die Herrscher, welche der höchsten Blütezeit Anuradhapuras folgen, zeichneten sich teils durch grenzenlose Demut gegen die Priesterschaft, teils durch das Interesse aus, das sie den Künsten, den Wissenschaften und den Wasseranlagen entgegenbrachten, welch letztere sie sorgfältig über die ganze Insel verteilten. Unter den gelehrten Königen erwarb sich (335 n. Chr. Geb.) Buddhaso als Mediziner ein besonderes Ansehen. Er verfaßte in Sanskrit ein chirurgisches Werk »Saratthasamgado«, das einzige, welches in der asiatischen Literatur bekannt ist. Von ihm wurden Hospitäler und Asyle für Menschen und Tiere gegründet, was gewiß ein helles Streiflicht auf den Stand der damaligen humanitären Bestrebungen wirft.

Mit der Verlegung der Hauptstadt, erst nach dem uneinnehmbaren Felsen Sigiri und später (720) nach Pollanarua, verlor Anuradhapura seine Stellung im singhalesischen Reich und verschwand sozusagen aus der Geschichte. Nur unter Prackrama (1148 n. Chr. Geb.), mit dessen Regierungsantritt eine Art Renaissance für Ceylon erblühte, erinnerte man sich der alten Hauptstadt. Auf Geheiß des Königs sollte dieselbe restauriert werden, allein das Werk des Friedens wurde durch einen neuen Aufstand gestört. Anuradhapura blieb dem Verfall preisgegeben. Bedeckt und überwachsen von dichtestem Dschungel, schien es während vieler Jahrhunderte von der Erde verschwunden gewesen zu sein. Vor etwa fünfzig Jahren begannen die Engländer der verschütteten Zauberstadt nachzuforschen und sie der Vergessenheit zu entreißen, indem sie die gigantischen Trümmerhaufen, die staunenerweckend hohen Dagobas, Tausende von Säulen, Tempel und Paläste aus dem Urwald freilegten.

Die Sonnenstrahlen fielen bereits glühend vom Himmel herab, als wir den Garten des resthouse verließen, durch dessen Bäume wir die Konturen eines jener ungeheuren Bauwerke schimmern sahen, wie wir sie in kleinerem Maßstabe als Dagobas kannten, hier aber zum ersten Male neunzig Meter hoch erblickten. Es machte einen verblüffend großen und mächtigen Eindruck.

Das Ausgrabungsgebiet ist durch eine innere und äußere » circular road« umfaßt. Eine breite Straße durchquert den inneren Kreis von Nord nach Süd. Auf diese begeben wir uns zur genaueren Orientierung. An ihrem nördlichen Ende, dem sogenannten »Prozessionsweg«, liegt die von Tisso erbaute »Thuparama Dagoba«. Folgt man der einstmals sechzehn Meilen langen Straße (von der heute etwa 1½ Meilen dem Verkehr wiedergegeben sind), die in kerzengerader Richtung nach dem »Maha Wihara« und dem heiligen Bobaum führt, so erhebt sich rechts, etwa auf halbem Wege, die von Dutthagamini errichtete »Ruanwelli Dagoba«. Hinter derselben dehnt sich der Tissa-wäwa-See weit ins Land, und an ihn schließen sich zwei weitere Tanks an. Im Westen sieht man in größerer Entfernung die von Walagambahu geschaffene »Abhaygiriya-Dagoba«. Wie ein gewaltiger Berg ragt das ungeheure Denkmal frommen Fühlens aus dem Dschungel hervor. Man hat die Empfindung, als ob die Hügel der Umgebung dem schwärmerischen Glaubenseifer des Königs zum Vorbild für seine Bauten gedient hätten, die er, um die Größe seiner Frömmigkeit zu beweisen, jedoch an Höhe noch zu übertreffen wünschte. Im Süden schließt die Straße mit der »Maha Wihara«, dem »großen Tempel« ab, der einst den Mittelpunkt des »Mahamego« – Großer Garten – bildete. In diesem standen die prunkvollsten Bauten auf weite Flächen verteilt. Jeder Tempel, jeder Palast, jedes Priesterhaus oder Kloster, lag für sich und war umgeben von grünenden Rasenplätzen, ausgedehnten Blumenanlagen, herrlichen Laubbäumen und himmelanstrebenden Palmen. Rechts von der Maha Wihara liegt die »Mirisawati-Dagoba«, unweit des Tissa-wäwa-Sees, der durch den Yoli-Ela gespeist wird und an dessen Ufern hingehend, man wieder an die Ruanwelli Dagoba gelangt.

In Anuradhapura, als Hauptort der Nord-Zentralprovinz, residiert der » government agent«. – Die »Katschery«, wie sein Haus heißt, das Post- und Telegraphenamt, die Kirche, die Missionsschule und unser resthouse sind die einzigen nennenswerten Gebäude. In der Nähe der Maha Wihara hat sich eine Straße im modernen Sinn mit Häusern, Hütten und Buden gebildet, in denen die Einwohner wie die Pilger das Nötige einkaufen, Fremde aber Photographien, Postkarten und Jagdutensilien erwerben können. Die Eingeborenen wohnen zum größten Teil in den parkähnlichen Anlagen des Ausgrabungsgebietes. Ihre Hütten sind tief eingenistet zwischen Bananen, Mais und dichtem Dschungelgrün. Unermüdlich müssen ihre Bewohner die Axt schwingen, um nicht in dem rasch wachsenden, alles überwuchernden Gestrüpp zu ersticken.

Wir beginnen unsern Rundgang mit dem Besuch des »Maha Wihara«, dem »großen Tempel«. Durch ein verfallenes Tor betreten wir einen geräumigen Hof. Der »Tempel« selbst ist spurlos verschwunden. Nur eine erhöhte Terrasse kann man noch sehen, auf welcher der heilige Bodhi oder Bobaum steht, der einst auf wunderbare Weise hierher verbracht wurde. – Buddha hat zwar ganz sicher niemals Nordindien verlassen, trotzdem erzählt die singhalesische Legende von seiner dreimaligen Anwesenheit auf Lanka, wie sie auch Wijeyo als einem verwandten Buddhas die mehr als zweifelhafte Mission zuschreibt, die buddhistische Lehre auf das Eiland gebracht zu haben. Allein, sie faßte keinen Boden und ging im Nakka- (Dämonen-) und Naga- (Schlangen-)Kultus der Ureinwohner wieder verloren. Erst unter Tisso kam durch den frommen und tugendhaften Hohenpriester Mahindo der reine Buddhismus nach Lanka. Mahindo war ein Sohn des »göttergeliebten« Königs Asoka von Magadha, an dessen Namen sich die Ausbreitung und Befestigung des buddhistischen Glaubens knüpft. Als Mahindo durch göttlichen Willen berufen ward, den Hof seines Vaters zu verlassen, um die Lehre Buddhas in fremde Lande zu tragen, wurde er vom Erdboden erhoben und auf übernatürliche Weise durch die Luft auf den Berg Mihintale versetzt. Aber es geschah, daß der König Tisso gerade an diesem Tage in den Wäldern des Berges pirschte und einen großen Surbarhirsch jagte. Da nahm ein guter Geist (Dewa) die Gestalt des Hirsches an und verlockte den Herrscher, ihm bis auf die Spitze des Berges zu folgen. Hier erschien Mahindo und sprach so eindringlich zu dem König, daß er sich zu Buddha bekehrte, und mit ihm vierzigtausend seines Volkes den neuen Glauben annahmen. Mahindo wurde der Apostel des Eilandes, und Tisso überschüttete ihn mit Auszeichnungen. Im Garten »Mahamego« ließ sich der »Königliche Missionar« nieder, predigte seine Lehre, weihte Priester und führte die Zeremonien des Kultus ein.

Schon damals fühlten sich die Frauen von den Männern in ihrer Stellung beeinträchtigt, und sie versuchten deshalb, sich wenigstens auf religiösem Gebiet Gleichberechtigung zu verschaffen. Angeführt von der Schwägerin des Königs, begehrten sie von Mahindo, zu Priesterinnen geweiht zu werden. Doch diesen Wunsch konnte der Apostel nicht erfüllen und riet, seine Schwester Sanghamittha, die tugendhafte Priesterin, zu berufen, damit sie die Frauen lehre. König Tisso sandte Boten zum König Asoka nach Behar (Gangestal), welche den Auftrag hatten, die königliche Priesterin an den Hof von Anuradhapura zu laden und Asoka zu bitten, ihr einen Zweig des Baumes »der Weisheit« mitzugeben.

Da Asoka es für Götterraub hielt, einen Zweig von dem heiligen Baume abzutrennen, nahte er sich demselben mit großem Gefolge. Ehrfurchtsvoll brachte er ihm Blumenopfer und Gebete dar. Dann eine goldene Vase mit lieblich duftender Erde füllend, tauchte er einen goldenen Stift in purpurne Farbe und zog einen Kreis um den Ast, den er für seinen Freund Tisso begehrte, betend, derselbe möge sich vom Baume lösen und in die Vase versetzen. Und dies geschah auch angesichts der versammelten Menge. Darauf zog Sanghamittha mit fünfhundert buddhistischen Nonnen in die Ferne, den kostbaren Zweig mit sich führend. Das Schiff, welches die liebliche Sanghamittha mit ihrem kostbaren Geschenk nach Lanka trug, glitt unter göttlichem Schutz sanft über das sich glättende Meer. Rechts und links wichen die Wellen zwanzig Meilen weit zurück und auf den beruhigten Wassern lagen Blumen hingestreut. Himmlische Melodien begleiteten die Fahrt. So kam das Reis vom Ganges nach Lanka. Sanghamittha aber, die holde Botin, verschwand bescheiden in der Volksmenge, welche, am Meeresstrande harrend, das Heiligtum erwartete. Mit pomphafter Pracht verbrachte der zeremoniöse Tisso den heiligen Zweig nach seiner Hauptstadt und pflanzte ihn dort mit großen Feierlichkeiten in den Mahamego-Garten. Aus dem kleinen Reis erwuchs der ehrwürdige Baum, der noch heute nach mehr als zweitausend Jahren in voller Kraft vor uns steht. Sein Name Bodhi, abgekürzt Bobaum, wurde demselben, weil unter ihm Gautâma »Bodhi«, d. h. »Erleuchtung und Erkenntnis« fand. Deshalb sind unter dem Bodhibaum auch stets einige Fuß hohe Steinwälle oder Holzeinzäunungen errichtet; sie repräsentieren den »wunderbaren Thronsitz«, den »Bohimanda«, auf dem der »Bodhisattwa« saß, d. h. dasjenige Wesen, welches bestimmt ist, Erleuchtung und Erkenntnis zu empfangen und sie hier findet.

Der Bodhi oder Bobaum ist eine Feigenart, » Ficus religiosa«. Seine Blumen sind liebliche weiße Glocken mit gelben Pistillen. An einem langen Stiel hängt das herzförmige, langgeschweifte Blatt leicht und silberhell am Baum. Es bebt unaufhörlich wie Espenlaub aus teilnehmender Freude – sagt der Buddhist – darüber, daß unter seinem Schatten Gautâma die vollendete Weisheit erlangte. Der Bobaum bildet nicht wie die Banyane (» Ficus indica«) Luftwurzeln. Er wächst leicht auf Mauern, Häusern und in den Spalten anderer Bäume. Man nennt ihn auch wohl Pimpalbaum; als solcher ist er der Schlange Kobra geweiht. Als nämlich Gautâma einst unter dem Bobaume saß und die sengenden Sonnenstrahlen zwischen den feinen bebenden Blättern auf sein Haupt niederbrannten, kam der Schlangenkönig Mucilinda und blähte seine »Haube« schützend über den Sinnenden aus.

Der Bobaum von Anuradhapura hat ganz Ceylon mit Ablegern versorgt, und die lückenlose Tradition seiner Geschichte macht es glaubhaft, daß es wirklich noch immer derselbe Baum ist, der aus dem heiligen Reis erwuchs, das Sanghamittha vom Ganges brachte.

Der weite Hof, in dem einst die von Tisso erbaute Maha Wihara stand, und mit deren Namen jetzt der Bobaum bezeichnet wird, ist eine wunderbar stimmungsvolle Stätte. Unter Bäumen und Sträuchern liegen Skulpturen aller Art. Im zitternden Schatten des heiligen Baumes, von Lianen und Schlinggewächsen geheimnisvoll verschleiert, scheint aus der Erdentiefe ein sinnender Buddha hervorzusteigen. Wie aus dem Schoß der Vergangenheit richtet er sich auf. Beschauliche Ruhe liegt auf seinen schönen Zügen. Der weltabgewandte Blick schweift über uns hinweg in rätselhafte Fernen.

Der heilige Bobaum, dessen Schößlinge einen lieblichen Hain bilden, wächst wie aus einem riesigen Blumentopf hervor. Eine sich dreifach verjüngende Terrasse bildet den »wunderbaren Thron«, zu dem breite Stufen emporführen. Ehe man dieselben betritt, überschreitet man den für jene Zeit charakteristischen »Mondstein«, der allen Treppenstufen und Toren vorgelegt ist. Er ist ein halbkreisförmiger Stein, über den sich konzentrische Halbkreise ziehen. In die einzelnen Abteilungen sind Pferde, Büffel, Elefanten, Löwen oder Gänse – der heilige Vogel der Buddhisten – abwechselnd eingeschnitten. Rechts und links schließen die Halbkreise mit Lotosblumen und Blätterranken ab. Zu beiden Seiten des Mondsteins stehen »Prellsteine«, 1½ Meter hohe, abgerundete Steinplatten, in denen der »Dwarpal«, der Türhüter, eingehauen ist. Man versteht darunter eine Gestalt mit eingeknickter Hüfte, die sehr an die indische Darstellungsweise erinnert. Der Kopf des Wächters ist von einer siebenköpfigen Kobra mit aufgeblasenem Halsschild (Haube) geschützt. Zu seinen Füßen hockt ein grotesker Zwerg. Wie der Türhüter, so trägt auch das Treppengeländer indischen Charakter und erinnert an jenes, welches die Stufen des heiligen Schreins in Tanjore schmückt. Aus dem Rachen eines Löwenkopfes zieht sich ein Elefantenrüssel schlangengleich nach abwärts und verläuft hinter dem »Dwarpal« in eine Schnecke.

Wir steigen die verfallene Treppe zur oberen Terrasse hinauf, die mit einem Eisengitter umfaßt ist. Ein kleiner Altar lehnt an dem alten heiligen Baumstamm. Stark duftende Blumen liegen über ihn hingestreut. Zarte Farne, Jasmine, lange gelbe Glocken der »Alamanda«, weiße Sterne der Tempelblume, süßer, bernsteinfarbiger Champac und federähnliche Blüten häufen sich in leuchtender Fülle. Ein Priester im gelben Gewande schreitet mit ruhiger Würde zum Altar. Feierlich legt er Blumen und Früchte als Opfer nieder. Unzählige Aeffchen huschen über die Plattform, schwingen sich in die Zweige der eisgrauen Majestät und stürzen sich gierig auf die lockenden Bananen, die in blinkenden Gefäßen zwischen der Blumenfülle stehen. – Ein geheimnisvolles Flüstern säuselt durch das uralte Geäst. Feine Silberblätter fliegen über die Terrasse. Andächtig neigt sich der Priester und hebt sie liebevoll auf. –

Bewegt von dem ungeheuren Alter dessen, was uns umgibt, verlassen wir den »Maha Wihara« und treten in den zunächstliegenden Erzpalast. Staunend steht man in einem Wald von steinernen Säulen. Der »Lowa Maha Paya« oder Erzpalast verdankt seinen Namen den Metallplatten, mit denen das Dach belegt war, und gilt für eines der größten Prunkgebäude, die jemals existiert haben. Er hatte neun Stockwerke zu je hundert Zimmern, und in den neunhundert Gemächern wohnten lauter Priester. Der Bau muß eine Art Stufenpyramide gewesen sein, ähnlich dem Grabe Akbars in Sinkandarah. Die 1600 Granitmonolithe sollen eine Terrasse getragen haben, aus der die aus leichterem Material gefertigten übrigen Stockwerke sich erhoben. In der Mitte des Palastes lag ein herrlicher Saal mit goldenen Pfeilern, die auf Löwen und Elefanten von gleichem Metall ruhten. Die Wände waren mit Blumenmosaiken aus funkelnden Edelsteinen geschmückt und von Perlengirlanden umzogen. In der Mitte der Halle stand ein reich geschnitzter, kostbarer Elfenbeinthron. Zu seinen beiden Seiten waren Sonne und Mond angebracht. Hier saß unter einem weißen Ehrenschirme, dem Sinnbild der Herrschaft, der hohe Priester.

Dutthagamini (164 vor Christi Geburt) ist der Erbauer dieses Wunderwerks. 1OO Jahre früher hatte Mahindo, der erleuchtete Prophet Tissos, den Bau des Tempels vorhergesagt. Als Dutthagamini von seiner Weissagung vernahm, suchte er – wie in der »Mahavanso« erzählt wird – nach derselben und fand sie auch mit Hilfe der Priester versteckt in einer Vase des Palastes. Auf goldener Tafel stand sein Name als Erbauer des Tempels prophezeit, und eine großartige Schilderung war über den zukünftigen Palast beigelegt, der den Priestern geweiht werden sollte. Der König, hochbeglückt durch! diese göttliche Auszeichnung, versammelte seine Priesterschaft und versprach, den Bau auszuführen, falls genau festgestellt würde, von welcher Art jener Palast sei, den die göttlichen Geister oder Dewas bewohnen. Flugs machten sich acht Priester auf die himmlische Reise, um den Bauplan zu holen, und brachten denselben unverzüglich zurück. Auf einem Blatt war er mit rotem Stift fein säuberlich aufgezeichnet. Der König, gar nicht erstaunt ob des leichten Verkehrs zwischen Himmel und Erde, baute, ohne durch Fragen lästig zu werden, und in der Hoffnung, einstmals nach seinem Tode in »Dewa Loka«, dem Urbild seines Bauwerkes einzuziehen. Die wunderbare Pracht der Ausstattung war der Grund zu häufigen Plünderungen und dem frühen, gänzlichen Verfall des Palastes. Far Hiam, der chinesische Weltreisende, sah ihn 421 nach Christi Geburt noch teilweise erhalten, und ihm verdankt man seine Schilderung. – An der Verbrennungsstätte der alten Könige vorbei, gelangen wir zu dem »Pfauenpalast«. Sein stolzer Name ist alles, was von ihm übrig geblieben.

Hatte uns schon der Erzpalast durch die Beschreibung seiner phantastischen Verhältnisse verwirrt, so näherten wir uns ganz verblüfft der ungeheuren Glocke, die sich in stupender Höhe zum Himmel erhebt. Es ist die »Ruanwelli« oder »Goldstaub-Dagoba«, die so hoch wie die St. Paulskirche in London ist. Aehnlich dem Erzpalast ist sie infolge einer geschickt inszenierten Prophezeiung vom König Dutthagamini errichtet worden. Wunder begleiteten ihren Bau. Ein Erdbeben verkündete die Grundsteinlegung. Das Baumaterial flog durch die Luft, was vielleicht als poetische Wendung für die Tatsache gelten könnte, daß damals gerade in der Nähe eine große Menge Ziegelerde gefunden wurde.

Die Dagoba ist charakteristisch für alle buddhistischen Länder. Durch solche verlassene oder nicht mehr verehrte Schreine ist es möglich, zu konstatieren, wo Buddhas Lehre geherrscht hat, selbst dort, wo seine Religion nicht mehr existiert oder der Name des Stifters überhaupt vergessen ist. Ob sie Stupen oder Topen usw. genannt werden, ob sie in Indien, Ceylon, Java oder in Japan stehen, überall zeigt »das Grab der Reliquien« dieselbe Form, wenn auch mit geringen Abänderungen. Die Ruanwelli-Dagoba kann man als Typus für die auf Ceylon üblichen Reliquienschreine bezeichnen. Der glockenförmige Bau ist aus solidem Mauerwerk hergestellt und war einst mit Chunam – einer Art Emaille, so hart wie Elfenbein – überzogen und glänzend weiß poliert. Er umschließt einen Hohlraum, in dem die Reliquie (ein mit Perlen und Edelsteinen gefaßter Schulterknochen Buddhas) niedergelegt ist. Dieser »geränderte Spitzkegel«, wie man die Form der Dagoba auch nennen kann, steht auf einer quadratischen Terrasse, welche auf einem dreißig Meter tiefen Unterbau ruht. Letzterer besteht aus Lagen von gehärtetem, mit Chunam gemischtem Stein, aus Platten von Eisen und Kupfer und aus Millionen Tonnen Mauerwerk, das von Elefanten mit sorgfältig durch Lederschuhe geschützten Füßen niedergestampft wurde. – Der Umgang zwischen der Terrasse und äußeren Umwallung heißt »Elefantenpfad«, weil unter der Terrasse Elefanten ausgehauen sind, als ob sie mit Kopf und Vorderfüßen aus dem Mauerwerk brächen, vor der Treppe, welche auf die Terrasse führt, liegt ein besonders schöner, gut erhaltener Mondstein.

Auf der Terrasse ist eine Art Museum arrangiert. Bemerkenswerte Ueberreste glanzvoller Zeit, als reich verzierte Altäre, Simse, steinerne, kunstvoll beschriebene Platten, Elefantenköpfe, kleine, wohl als Vorbilder gedachte Dagobas, schöne Buddhaköpfe und überlebensgroße Königsfiguren stehen und liegen herum. Diese Steinstatuen sind zweifellos Porträtfiguren. Besonders gut erhalten und erst kürzlich aufgefunden, fesselt vor allem Dutthagamini den Blick. Sein fein gefälteltes Gewand fließt in einfacher Drapierung von den Schultern herab. Neben ihm steht Batiatisso, von dem Major Forbes, der englische Altertumsforscher, sagt, »daß er den Ausdruck eines Fanatikers habe, welcher, auf den Himmel hoffend, die Erde zur Hölle gestaltet.« Nicht weit von seinem Standplatz werden uns Vertiefungen gezeigt. Es sind die Spuren der königlichen Knie, die sich infolge der langen Andachten in den Stein gruben. Neben diesen Zeichen übermenschlicher Frömmigkeit dringt aus dem Spalt zwischen den Granitsteinen ein blattloser Baum hervor, der weißblühende Sterne trägt, die heilige Tempelblume, die gespenstig an scheinbar abgestorbenen Aesten wächst. Die Schönheit der Ruanwelli-Dagoba liegt in ihren Proportionen, d. h. in dem Verhältnis zwischen der Größe der Terrasse und jener der Glocke. Trotz ihrer Masse baut sie sich frei und leicht empor. In feierlicher Ruhe und Erhabenheit hebt sich der Bau majestätisch gegen den lichtblauen Himmel ab.

Die innere » circular road« führt uns nun zu der »Thuparama-Dagoba«, die als der älteste Reliquienschrein gilt. Sie soll von Tisso errichtet worden sein und ist, obwohl sie weit über zweitausend Jahre steht, ganz merkwürdig gut erhalten. Ein Schenkelknochen Buddhas liegt in ihr verwahrt. Die Thuparama-Dagoba ist kleiner als viele andere auf Ceylon. Sie übertrifft dieselben aber alle an »Eleganz und Einheit der Zeichnung, an Schönheit der Detailskulpturen und durch ihre graziösen Säulen«, vier schlanke Säulenreihen, welche nach außen an Höhe abnehmen, ziehen sich in konzentrischen Kreisen um sie herum. Man vermutet, daß dieselben als Träger für ein Dach dienten, oder, daß man Querbalken auf sie legte, welche dann zum Aufhängen von Bildern benutzt wurden, die Szenen aus der buddhistischen Geschichte darstellten. Major Forbes sagt, obwohl die Einfachheit das hervorragende Charakteristikum des Restes altsinghalesischer Architektur sei, so könnten sich doch ihre Bildhauerarbeiten – immer das gleiche Material voraussetzend –, was Tiefe und Schärfe des Schnittes anbelange, mit den besten Arbeiten moderner Kunst messen, wogegen die Behandlung des Figürlichen, die Lebendigkeit der Bewegung, sowie die große Korrektheit der Proportionen von den modernen Eingeborenen nicht mehr erreicht würden.

In der Nähe der Thuparama-Dagoba stand einst der »Palast des heiligen Zahns«, in welchem die Reliquie geborgen lag, als sie zuerst nach Ceylon kam und bevor sie nach Kandy verbracht wurde. Ein kleiner, bescheidener Erdhügel wird uns gezeigt. Hier ruht die Asche Sanghamitthas, jener rührenden Gestalt, die in grenzenloser Hingebung an ihren Glauben den glanzvollen Hof ihres Vaters Asoka verließ, um ihre religiöse Ueberzeugung in ferne, unbekannte Lande zu tragen. Nachdem die liebliche Priesterin Scharen frommer Frauen belehrt, ihnen die Weihe gegeben und viele Klöster gegründet hatte, starb sie in stiller Zurückgezogenheit. Sehr im Gegensatz zu diesem einfachen Grabhügel steht die imposante Ruhestätte ihres Bruders Mahindo. Mit ungeheurem Pomp und unter den Tränen eines ganzen Volkes ward seine Leiche auf den Berg Mihintale verbracht. Ueberwältigt von Schmerz, entzündete der König selbst den Scheiterhaufen seines Lehrers und königlichen Freundes.

Ueberall zwischen den Bäumen und Büschen ragen Säulen, Priesterhäuser, Paläste und Tempel hervor. Hier steht auch ein kolossaler Trog, »Pandou oruna«, d. h. »Färberwanne«, welcher zum Gelbfärben der Priestergewänder diente; etwas mehr nach Norden befindet sich ein zweiter von riesigen Dimensionen. Es ist der aus einem Granitblock gehauene Elefantentrog, 2½ Meter lang und 1½ Meter hoch und breit. Er wird als Gefäß bezeichnet, in dem die Reisspenden in Empfang genommen wurden, welche den Hunderten von Priestern zuflossen, die im Bezirk des Tempels versammelt lebten. Vielleicht war diese ungeheure Reisschüssel das Pendant zu der unglaublich großen, 62 Fuß langen, 3½ Fuß breiten, 2 Fuß tiefen »Bowle«, die im Erzpalast steht, in welcher der Lieblingstrank für die tausend Priester des Palastes gebraut wurde. Nicht weit von diesem immensen Bassin gewahrt man eine sargähnliche Steinwanne, in Form und Größe dem menschlichen Körper nachgebildet, welche der Tradition zufolge dem König als Bad diente, wenn er am Stich eines schwarzen Skorpions litt.

Nach den Ruinen zu urteilen, die ringsumher im Grün versteckt liegen, könnte man meinen, es habe sich um jeden Tempel eine ganze Stadt gebildet. Zahllos sind die Namen, mit welchen der Führer diesen Stein, jene Säule oder jenen Steinbaldachin als Reste der verschiedensten Bauten bezeichnet. Welch ein Leben muß einst hier geherrscht haben, und welche Grabesruhe und Totenstille, welche grenzenlose Einsamkeit liegt jetzt auf der Stätte herrlicher Vergangenheit. Phantastische Bilder steigen vor uns auf. Wir folgen der Erzählung des gelehrten Eingeborenen, und in märchenhaftem Glanz scheint sich die lange, breite Straße zu beleben. Triumphbogen, mit aus Gold und Silber gewobenen Flaggen geziert und mit Blumen umwunden, überwölben sie. Weiß »wie der Kern einer Kokosnuß« leuchtet der Mittelpfad, während rechts und links die Fußwege mit schwarzem Sand bestreut sind. Zu beiden Seiten der Straße schlingen sich grüne Girlanden von Mast zu Mast. Zwischen Nischen aus grünem Laub, in denen kostbare, Lampen tragende Statuen aufgestellt sind, stehen silberne Duftvasen und goldene Becken, gefüllt mit Blumen. Unter dem Brüllen der Elefanten, dem Wiehern und Stampfen der Pferde, dem Schlagen des Tamtams und unter dem Klange der Zimbeln und Muschelhörner jauchzt die endlose Prozession daher. Es rauscht wie das Rollen des brandenden Meeres. Der Ruf »Saadhu«, »Lange lebe der König«, schallt durch die Luft. Duftender Weihrauch steigt zum Himmel auf. An der Spitze des Zuges erscheint der mächtige König; ihm zur Seite die liebreizende Königin. Sie tragen goldene Kronen. Auf ungeheuren, pomphaft aufgeschirrten Elefanten thronen sie in prunkvollen Türmen. Ihnen voran wandeln reich geschmückte Jünglinge und holde Jungfrauen. Sie tragen Fahnen und Früchte oder streuen Blumen. Hinter den Elefanten schreitet die Leibwache des Königs: Heldengestalten, Halbgötter, die mit einem Hieb ihres mächtigen Schwertes den Körper des Elefanten zu spalten vermögen. Ihnen folgen von weißen Zeltern gezogene schimmernde Wagen. Unter weißen und roten Ehrenschirmen sitzen die Großen des Reiches. Priester, Mönche, Nonnen, Pilger und Kriegsvolk, eine unzählige Menge von Tänzern, Taschenspielern und Musikanten jeder Art und jeglicher Nation drängen nach. Es ist Neumondfest. Sie ziehen zur Jettavara-Dagoba, die, über und über mit Büschen lieblich duftenden Jasmins bedeckt und in eine ungeheure schneeige Blütenlaube verwandelt, riesengroß sich zum Himmel emporhebt.

Doch nicht bloß heute allein wogt in der » via sacra« solch festliches Gepränge, nein, in dieser Zauberstadt wird jeder Tag zum Feste, und die Straßen prangen endlos neu in frischem Blumenschmuck und Kranzgewinden. In dem sagenumwobenen wunderbaren Priesterreich von Anuradhapura fließt das ganze Jahr als ein einziger langer herrlicher Feiertag festlich dahin. Kaum ist es möglich, sich von der Glanzperiode Anuradhapuras, von seiner Weitläufigkeit, seinem Luxus eine Vorstellung zu machen. Die ganze Stadt war in ihrer immensen Ausdehnung von einer Mauer umschlossen, und die Bauten Tissos und Dutthagaminis bildeten den Mittelpunkt derselben, von Nord nach Süd, von Ost nach West durchquerten sie sechzehn Meilen lange Straßen. Da gab es eine Mond-, Königs-, Fluß- und Ochsenstraße, und in der Mondstraße standen z. B. allein elfhundert zweistöckige, reich ornamentierte Häuser. An den Kreuzungen dieser Straßen waren Lehrhallen erbaut. Priester riefen aus goldenen Muscheln die Menge zum Gebet oder, um das »Gesetz« zu hören. Seen und Tanks waren angelegt, wie wir sie heute noch in der Nähe der Ruanwelli-Dagoba sehen. Bewässerungskanäle durchzogen die Wiesen und Anlagen, die in ihrer duftigen Pracht die ganze Stadt zu einem paradiesischen Garten machten.

Vorbei ist aller Glanz des Lebens. Von dichtem Dschungelgrün überwachsen, liegt die vielsagende Trümmerwelt in einsamer Verlassenheit. –

Die Hitze ist unerträglich. Es ist ein Uhr, als wir matt und müde ins resthouse treten. Hier erwartet uns das lunch, Suppe aus Mooswasser, ein paar mit ranziger Kokosnußbutter zubereitete Sumpfgerichte, dazu verschimmeltes Brot. Als Getränk lauwarmes Sodawasser. Der Kaffee ist ungenießbar. Nach diesen kulinarischen Genüssen pflegen wir ein paar Stunden der Ruhe.

Auf vier Uhr ist der Wagen bestellt, mit dem wir eine Rundfahrt über die äußere » circular road« unternehmen wollen. Aber was für ein sonderbares Gefährt erscheint! Den einzigen Wagen mit dem einzigen im Orte verfügbaren Pferde hatte bereits der »gekränkte Engländer« zu einer Tour nach Mihintale gemietet. Allerdings sehr zu seinem Schaden. Das bockige Pferd ging nicht vorwärts, sondern im Kreise, und er mußte die acht Meilen nach dem Felsentempel größtenteils zu Fuß zurücklegen. Für uns blieb nur ein » bullockcart«. Auf zwei hohen Rädern wippt ein langer Tunnel aus geflochtenen Palmblättern auf und nieder. Ein paar kleine Zebuochsen sind der »absonderlichen« Equipage vorgespannt. Der Kutscher sitzt zwischen den Zugtieren auf der Deichsel. Er springt ab, um den Karren zurückzuhalten, wenn der Weg abwärts, oder mitzuziehen, wenn er aufwärts führt. Unter dem halbkreisförmig gewölbten Palmendach stehen drei Wiener Rohrstühle und eine kleine Kiste, welche zugleich dem Führer als Sitz und uns als Stufe dient, um ein- und auszusteigen. Mit einem schwachen Trabversuch beginnt die Fahrt. Der Tunnel wiegt sich aus und ab, schwankt von rechts nach links. Die Stühle, aus denen wir sitzen, rutschen hin und her. Wir stoßen uns gegenseitig die Köpfe, sinken uns unfreiwillig in die Arme und sind froh, als sich die mutwilligen Oechslein zu einer ruhigeren Gangart bequemen.

Auf gut gehaltener Straße fahren wir durch ein wundervolles Parkland, das außerdem von grasigen Wegen durchkreuzt wird, welche die einzelnen Sehenswürdigkeiten verbinden. Zahllos sind die Ruinen, die im Dschungel in kleineren und größeren Lichtungen angehäuft stehen und liegen. Vor allem sind es die »Pokunas«, die Badeplätze der Priester, der Könige und der Laien, die wir heute besuchen. Jedes Kloster, jeder Palast und jedes Wohnhaus hatte sein eigenes Bad. Als ganz besonders interessant gilt das »Kuttam Pokuna«. Es ist ein Zwillingsbad, welches einen merkwürdigen Beweis für den großartigen Luxus in damaliger Zeit liefert. Durch einen grün bewachsenen Pfad getrennt, liegen zwei schön gebaute Tanks dicht nebeneinander. Mit Steinplatten belegte Terrassen fassen sie ein, und mehrere Treppen mit hübschen Geländern führen in das Bassin hinab. Einer der beiden Tanks ist restauriert, während der anders in seinem verfallenen Zustand wohl den Archäologen zum Studium reserviert bleibt. Ebenso wie das »Kuttam Pokuna« ist auch das Königinnenbad bemerkenswert, welches eine Nische zeigt, die direkt am Wasserspiegel liegt und als der Raum bezeichnet wird, in dem die Königin ihre Gewänder ab- und anzulegen pflegte.

Alle paar Minuten müssen wir aus dem Tunnel kriechen. Kaum, daß wir, von dem Anblick irgendeines Badeplatzes der Priester, der Königin oder der Elefanten befriedigt, abermals unter unser Schattendach geklettert sind, befiehlt der Führer: »Bitte aussteigen, hier ist ein Tempel zu sehen.« Wir turnen zurück auf die Straße und stehen vor einem ungeheuren Grashügel, unter dem die dreihundert Fuß hohe Dagoba verschüttet liegen soll, die einst von Walagambahu zum Andenken an die glückliche Errettung seiner Gattin aus malabarischer Gefangenschaft errichtet worden war. Oder es heißt: »Dort ist ein Palast zu besichtigen.« Wiederum krabbeln wir aus dem Schacht heraus, in dem man nur ganz gekrümmt stehen kann, und werden vor eine Plattform geführt, auf der ein paar Dutzend geborstene Säulen stehen. Bald müssen wir hierhin, bald dorthin gehen, immer ein- und aussteigen.

Unser Führer Srumini ist ein kluger, elegant aussehender Singhalese. Aber er verlangt zu viel von unsern akrobatischen Fähigkeiten. Er war Schullehrer, verlor jedoch seinen Posten, weil er dem Trunk verfiel und, statt alltäglich in die Schule zu gehen, jeden dritten Tag bewußtlos im Graben aufgefunden wurde. Es ist schade um den Mann! Halb Gelehrter, halb Poet, weiß er viel wahre, viel sagenhafte Dinge aus grauer Vorzeit zu erzählen, als noch froh bewegtes Leben in der heute unsichtbaren Königsstadt wogte. – Wie mit großen Scheuklappen fahren wir einher. Gelüstet es uns wirklich einmal, mehr als das braunrote Genick unseres Kutschers zu sehen, müssen wir uns den Hals verrenken und können dann doch nicht mehr als ein paar Bäume erblicken. Schließlich werden wir dieser lästigen gymnastischen Uebungen müde. Mit einem kühnen Sprung verlassen wir den Karren, um den übrigen Teil des Weges zu Fuß zu gehen. Trotz der vorgerückten Nachmittagsstunden hat es noch immer dreißig Grad Reaumur im Schatten. Langsam folgen wir einem grasbewachsenen Weg.

Unter einer von bunt blühenden Lianen überwucherten Tamarinde steht ein reizender kleiner Baum. Vier schlanke Säulen tragen ein flaches Dach mit verzierten Architraven, feinen Simsen und hübschem Fries. Die Linien der Skulpturen sind trotz der Jahrhunderte, während derer sie den Elementen preisgegeben waren, noch so wundervoll erhalten, als ob sie erst kürzlich gemeißelt worden wären. Der zierliche Baldachin muß einem Königspalast angehört haben, denn der Architrav ist mit dem zu Ranken verschlungenen Boblatt verziert. Dieses Blatt galt als so heilig, daß es nur auf dem königlichen Palast und auf den Gegenständen abgebildet werden durfte, die dem persönlichen Gebrauch des Herrschers dienten. – Nun gelangen wir zu einem wundervollen Festsaal mit herrlichem Laubdach. Zwischen einer Gruppe aufrechtstehender hoher Monolithe wachsen mächtige Bäume empor. Die Dschungelrebe windet sich zu grünen Girlanden und schlingt sich in großen Bogen festlich von Säule zu Säule. – Wir gehen weiter und weiter. Wohin wir blicken, gewahren wir Säulen, Mondsteine und Trümmer.

Eine schwermütige Ruhe liegt auf der versunkenen Märchenstadt. Nur der herbe Schlag des scheuen Dschungelvogels tönt leise aus der Ferne. Die Luft ist feucht und schwül. Etwas geheimnisvoll »Wartendes« durchdringt die stimmungstiefe Dschungelpoesie. Mit einer gewissen Befangenheit blicken wir um uns, spähend, ob sich die üppige Tropenwildnis nicht teile und Gestalten längst verklungener Zeiten aus dem undurchdringlichen Grün hervorbrechen. – Wie gebannt, bleiben wir plötzlich stehen. Dort, aus dem düsteren Zwielicht des Dickichts steigt eine geisterhafte Erscheinung vor uns auf. Ein gigantischer Buddha erhebt sich grau und ernst mitten in der Tiefe des Waldes. Feierlich kehrt er die Handfläche gegen uns und scheint dem weihelosen Fremdling seinen neugierig nahenden Blick zu verwehren. In schattenhafter Größe steht der »Vollendete« vor uns. Kein Laut dringt durch die Einsamkeit. Selbst der unermüdliche Dschungelvogel ist verstummt. – Alles schweigt. – Es ist totenstill – wie verwunschen stehen wir inmitten dieser fernen, ausgelebten Welt. Die grünen Baumwände scheinen auf uns einzudringen, uns erdrücken und, wie alles, was einst auf dieser wundersamen Stätte stand, verschlingen, begraben zu wollen. Die luftlose Eingeschlossenheit des Dschungels beklemmt die Brust, man glaubt, zu ersticken.

Die Sonne ist bereits untergegangen, als wir das resthouse erreichen. Wie ausgestorben liegt es im stillen Garten unter den hohen Bäumen. Auf die Ankunft der Post, die mit einer Verspätung von zwei oder drei Stunden erst gegen elf Uhr eintreffen soll, wird mit dem Dinner nicht gewartet. Ermüdet, bilden wir eine schweigsame Tafelrunde, in welcher der »gekränkte Engländer« aber fehlt. Er ist mit dem rundziehenden Pferde von seiner Tour nach Mihintale noch nicht zurückgekehrt. Die Temperatur bleibt heute bis zum späten Abend unerträglich heiß. Vergebens suchen wir unter der Veranda in den bequemen Singapurstühlen Kühlung. Der unermüdliche Ruf des Dschungelvogels klingt wie der Schlag des Hammers in einem nahen Steinbruch quälend durch die schwüle Nacht.

Ich bin heute kaum fähig, meine täglichen Aufzeichnungen zu machen. Gänzlich ermattet gehe ich früh zur Ruhe – doch nur kurz war der Schlaf. Nach kaum einer Stunde werde ich durch das Poltern der ankommenden Postpassagiere geweckt. Die Zimmereinteilung paßte den neuen Gästen nicht. Betten werden hin- und hergetragen, und die Unzufriedenen räsonnieren. Auch die Hunde der Nachbarschaft sind erwacht und rebellieren. Erst kläffen sie die Fremden, dann den Mond an. Eben haben sich die Hunde beruhigt, da beginnt das unheimliche Bellen der Schakale, die das Haus umkreisen. Das kann eine heitere Nacht werden, denke ich mir. Da fällt ein Schuß. – Lautlose Stille folgt. Wie die Wehklage eines Sterbenden, eines Erstickenden, dringt ein gräßlicher Verzweiflungsschrei durch die schweigende Nacht. – Ein Stöhnen – und dann nichts mehr. – Der Mond scheint geisterhaft in den kleinen grünen Hof vor meinem Fenster. Dunkle Schatten huschen unhörbar vorüber! Welch grause Tat mochte da draußen im finsteren Dschungel geschehen sein? – Neugierde und Furcht hielten mich eine Weile wach, dann siegte die Müdigkeit, und ich sank in tiefen Schlaf.

 

8. Februar. Heute morgen erkundige ich mich sogleich nach dem Unglück, das sich diese Nacht ereignet haben mußte. »Unglück?« wiederholte der Boy blödsinnig, und sieht mich verständnislos an. »Der Schuß, wen hat er getötet?« fragte ich. »Ach, lady, den hat ein Engländer abgefeuert, um die Schakale zu verscheuchen.« »Aber der Verzweiflungsschrei, die Klage, das Stöhnen eines Menschen, woher kam dieses?« frage ich weiter. Entsetzt wendet sich der Boy ab, und lebhaft gestikulierend beteuert er, nichts gehört zu haben. » Poor lady,« flüstert der gute Charley. Mein Schicksal war besiegelt. Es war der »Teufelsvogel« gewesen, und wer seinen Warnungsruf hört, der muß sterben. Das war ja eine recht angenehme Enthüllung. Aber ich will durchaus nicht sterben, sondern vielmehr den Todesverkünder sehen. Man sagt mir, daß dies unmöglich sei. Deshalb wird er wohl auch so gefürchtet sein. Niemand hat je den unsichtbaren Vogel gesehen. Die wenigen, die ihn aber dennoch sahen, beschreiben ihn als eine Eulenart, deren buntes Gefieder ebenso herrlich sei, wie der Gesang des Vogels gräßlich und abscheulich klingt.

Es ist Sonntag. Um 6½ Uhr erscheint der wippende Tunnel. Wir besteigen den dunkeln Schacht mit der Aussicht auf das braunrote Genick des Tamilen. Langsam setzen wir uns in Bewegung. Die Straße führt an Dagobas, Klöstern und Pokunas vorüber. Einer dieser verlassenen Badeplätze ist ganz besonders reizvoll. Inmitten dichten Baumgestrüpps liegt unter wundervollem blauem Himmel ein lieblich mit Nymphäen überzogener Teich. Nicht weit von diesem blumenbedeckten Weiher gewahren wir wieder eine jener einsam im Walde aufgestellten Buddhafiguren. Schwarz und riesengroß sitzt der »Erleuchtete« unter mächtigen Bäumen. Seit Jahrtausenden sinnt er mit trübem Lächeln vor sich hin. Im Schattenspiel des sanft bewegten Laubes scheinen sich seine Züge zu beleben.

Nach einer Stunde Fahrt verläßt die äußere » circular road« den Dschungel, um alsdann an einem großen See entlang zu führen. Es ist der Bassawa-kulam (kuläm und wäwa bedeutet See), einer der acht großen Tanks, die einst in Anuradhapura lagen. Von allen Bauten, welche die singhalesischen Fürsten ausführten, haben keine staunenswertere Spuren hinterlassen als ihre Bewässerungswerke. Es ist ein merkwürdiges System künstlicher Seen, Tanks und Kanäle. Mit Umsicht und Geschick waren sie über das ganze Land verteilt und bewässerten es nach Bedarf, ihm die dreimalige Jahresernte sichernd. Gesundheit, Kraft, Reichtum und Blüte des singhalesischen Reiches stand und fiel mit dem richtigen Funktionieren dieser Wasseranlagen. In den Seen wurden die in sie geleiteten Flüsse gestaut und der niederfallende Regen aufgefangen. Meistens waren die Bodenverhältnisse bei der Anlage der künstlichen Seen ausgenützt, das abfallende Terrain durch einen Damm abgeschlossen worden.

Der »Kalawäwa«, welcher heute, wie vor zweitausendfünfhundert Jahren, die Zentralnordprovinz der Insel mit Wasser versorgt, ist der zweitgrößte Tank Ceylons. Bei einem Umfang von sechzig Kilometern nimmt er drei große Flüsse in sich auf. Ein kolossaler, elf Kilometer langer und sechzig Fuß hoher, von riesigen Steinblöcken und Erde aufgeführter Damm schließt ihn ab. Eine zwanzig Fuß breite Straße führt über ihn hin. Alle Tanks oder künstlichen Seen wurden nach dem gleichen Prinzip angelegt. Die Dämme sind mit Schleusen versehen, welche den Abfluß des Wassers regulieren.

Im Norden Ceylons liegt ein Tank, »der Wanny« oder Riesensee, der erbaut wurde, um der dortigen Bevölkerung, welche nur alle drei Jahre auf eine Ernte rechnen durfte, für den jährlichen Ertrag ihrer Felder Gewähr zu leisten. Dieser »Riesentank« hatte die Größe des Genfersees. Allein, er trat niemals in Funktion. Infolge falscher Berechnung der Höhenverhältnisse wurde das Wasser nicht gestaut, sondern verlief sich. Die Holländer fanden seinerzeit auf dem Terrain des Tanks vierundzwanzig armselige Dörfer angebaut.

Unter Prakkrama (1253 n. Chr. Geb.), dessen Regierung als eine Renaissance für Ceylon geschildert wird, wurden eintausendvierhundertundsieben Tanks zum allgemeinen Gebrauch, hundert Tanks für Klöster erbaut und außerdem eintausenddreihundertfünfundneunzig Tanks restauriert. Der König erkannte die Wichtigkeit des Bewässerungssystems, die Tragweite seiner Erhaltung. Ueber das ganze Land verteilte er »Merksteine«, deren Inschriften die Pflege der Tanks anbefahl. Auf manchem Felsen sieht man die Mahnung eingemeißelt. Als man aufhörte, ihrer zu achten, sank Macht und Reichtum dahin. Nur durch den Königsdienst »Raja Kariya« war die Erbauung und Erhaltung der großartigen Wasseranlagen möglich gewesen. Dieser zwang jeden einzelnen Untertanen zu einem fünfzehntägigen Frondienst im Jahr, und verpflichtete die Dorfgemeinde zur Instandhaltung ihrer Tanks. Mit der laxeren Behandlung des »Raja Kariya« begann der Verfall der Tanks. Mit seiner Aufhebung traten entsetzlicher Wassermangel, Mißernten und Hungersnot ein, denen verheerende Seuchen folgten. Ganze Dörfer starben aus.

In Erkenntnis der Gefahren, welche die Vernachlässigung der Wasserwerke mit sich führt, begann die englische Regierung vor etwa vierzig oder fünfzig Jahren mit der Wiederherstellung der alten Anlagen. Jeder Gouverneur der Insel sucht, wie die alten mächtigen singhalesischen Fürsten, seinen Ruhm im Ausbauen und im Anlegen von Irrigationswerken. Sir Arthur Hamilton Gordon war es, der 1888 vor allem die Notwendigkeit erkannte, den »Kalawäwa« und den »Yoli-Ela«, den Riesenkanal, wieder herzustellen. Dieser sechsundachtzig Kilometer lange, vierzig Fuß breite Kanal versorgte einst während seines Laufes aus dem »Kalawäwa« nach Anuradhapura achtzig große Dorftanks mit Wasser, und speiste schließlich, abgesehen von zahllosen kleinen, die drei großen Tanks der alten Hauptstadt, den Kalawäwa, den Bassawa-kulam und den Bulan-kulam. Der Tissawäwa, an dem die Ruanwelli-Dagoba liegt, ist im dritten Jahrhundert vor Chr. Geb. von Tisso erbaut. Alle andern Tanks der Stadt wurden durch ihn mit Wasser versehen. Drei derselben sind restauriert und heute wieder im Gebrauch. Streng sind sie den verschiedenen Bedürfnissen zugeteilt. Einer der Tanks ist zum Baden für Mensch und Tier, der zweite zum Waschen der Gewänder bestimmt, während der dritte als Reservoir für Trink- und Kochwasser dient. Jeden Sonntag, so sagt unser Führer, werden die Tanks in den Yoli-Ela abgelassen, worauf frisches Wasser in dieselben eingeführt wird. Dem Tissawäwa selbst darf sich niemand nähern, kein Tropfen Wasser darf aus ihm benutzt oder geschöpft werden. Durch diese Maßregeln hofft die Regierung der Verunreinigung des »gesegneten Wassers« vorzubeugen.

Soweit es sich um die Bewässerung der Reisfelder handelt, scheinen die Irrigationswerke auf der Insel vorzüglich zu funktionieren. Ueberall bedeckt das Land ein smaragdgrüner Teppich aufkeimenden Reises. Mit dem Trinkwasser aber steht es nicht ganz so günstig. Für den Europäer ist es niemals genießbar. Kaum daß man es als Waschwasser ohne Gefahr gebrauchen kann. Selbst der Eingeborene leidet vielfach unter dem halbverfaulten Trinkwasser, ganz besonders im Innern des Landes, wo die Kokosnuß nicht gedeiht und es das einzige durststillende Mittel ist. In Jahren der Dürre entstehen dort, wo die Tanks nicht in Ordnung gehalten worden sind, entsetzliche Zustände. Das Wasser versickert, und die Bevölkerung kann es nur tropfenweise aus einer Schmutzlache schöpfen. An Baden oder Waschen der Gewänder läßt sich nicht mehr denken, und gräßliche Krankheiten sind die Folge davon. Die furchtbarste Seuche ist ein lepraartiges Leiden, »Parangi« genannt, das mit ähnlichen Erscheinungen verbunden sein soll, wie sie beim Beriberi auftreten.

Der Tank, den wir vor uns sehen, wo die » circular road« aus dem Dschungel tritt, ist der Bassawa-kulam. Wir verlassen den Karren und folgen zu Fuß der Straße, die auf dem Damm hinführt, der den großen reizenden Waldsee staut.

Am jenseitigen Ufer liegt die Jettawara-Dagoba, die wir aber nicht aufsuchen. Eine Dagoba ist ja doch wie die andere. Links vom Damm reihen sich Wälder an Wälder, ein Ozean grüner Baumwipfel. Weit am fernen Horizont glaubt man als blauen Streifen das Meer zu gewahren. Im Vordergrund ragt zwischen bizarr geformten Felsen, tiefem Grün und glitzernden Teichen der von Tisso erbaute »Isuruminiyatempel« hervor, wir steigen den steilen Damm hinab. Unten liegt geheimnisvoll versteckt ein smaragdgrüner Nixenteich. Er ist ganz mit großen Lotosblättern überwachsen. Auf schlanken Stielen stehen stolze weiße Blüten. Gleich Diamanten funkeln kleine Wassertropfen in ihren Kelchen.

Der in seiner ersten Anlage dem König Tisso zugeschriebene Isuruminiyatempel macht einen höchst eigentümlichen Eindruck. Vor einem seltsam geformten Felsen steht ein modernes Giebelhäuschen, durch das man in den Tempel eintritt. Darüber, und zwar in die Felsen eingebaut, gewahrt man einen ernsten Priesterpalast mit flachem Dach und ganz engen Fensterluken. Auf hoher Felsenplatte erhebt sich, alles überragend, ein Säulentor. Frei zeichnet es sich vom blauen Himmel ab, in den es geradeswegs zu führen scheint. Zu beiden Seiten türmen sich abgerundete Steinblöcke empor. Links im Hintergrund sieht man die zum Tempel gehörende, schneeweiß getünchte Dagoba. Der Name, Isuruminiya – von Eiswara = »allmächtiger« und Muniya = »Asket« abgeleitet –, den der Tempel trägt, soll aus der Zeit stammen, als weder der brahmanische noch buddhistische Glaube auf der Insel bekannt war; er ist von der ursprünglich so genannten Felsenmasse auf den von Tisso erbauten Tempel mit Wihara übergegangen. Außer seinem Namen ist aber alles andere an dem Bau buddhistischen Ursprungs. Die Mauern und Felsen sind mit grotesken Fresken und Skulpturen bedeckt. Der Torwächter Dwarpal erscheint überall angebracht, und der halbkreisförmige Mondstein liegt vor Treppen und Toren. Auch ein besonders großer »Jogastein«, wie wir schon viele sahen, wird uns im Hof gezeigt, für »Uneingeweihte« höchst verwunderliche Objekte. Der Jogastein stellt eine viereckige Platte dar, in welche eine gewisse Anzahl (neun bis zwanzig) runder Vertiefungen eingemeißelt sind. Bei den gelehrten Buddhisten gelten die Platten als Meditationssteine.

Sie dienten den Mönchen der Vorzeit zu ihren Denkübungen, sollten ihnen die Selbstversenkung erleichtern, ihnen helfen, den höchsten Grad von Heiligkeit, die Erkenntnis ihrer wahren Natur zu erlangen. Die kleinen Höhlungen wurden mit süß duftenden Oelen gefüllt, und dann setzten sich jene Mönche oder Asketen, welche das Jogatum erstrebten, stundenlang vor sie hin. Angestrengt blickten die Sinnenden so lange auf den Stein, bis vor ihren müden Augen alles flimmerte und sie Bilder sahen, welche die Qualen der Hölle zeigten. Hatten sie also die Schrecknisse des Bösen erblickt, dann hoben sie die Augen, und geblendet von dem leuchtenden Glanz des Himmels, wähnten sie die Herrlichkeiten des Paradieses zu erschauen.

Die Archäologen schreiben diesen Steinen allerdings einen andern Zweck zu. Sie nehmen an, daß dieselben zu Gesellschaftsspielen gebraucht wurden, bei denen man Kugeln in die Vertiefung warf, oder daß sie dazu gedient hätten, Wertsachen – Perlen und Juwelen – in ihre einzelnen Höhlungen aufzunehmen. Als kostbare Opfergäbe wurde die ganze Tafel, wie man glaubt, dann zunächst der Reliquie unter den Altar eingemauert.

Seitlich am Fuße des Felsens, auf welchem die Dagoba ruht, sind Baracken aufgeschlagen, in denen heutzutage die Priester wohnen, wenigstens kommt von dort her der Pförtner, der uns den Tempel öffnen soll. Wie er die Stufen feierlich emporsteigt und vor dem Tempeltor würdevoll stehen bleibt, glauben wir fast, den heiligen Petrus in höchst eigener Person zu erblicken. Gelb gewandet, den gewaltigen Himmelsschlüssel im Arm, steht er ernst zwischen den Dwarpals und harrt gelassen unseres Erscheinens. Jetzt ergreift er den halben Meter langen und entsprechend dicken Schlüssel mit beiden Händen, öffnet das Tor, und läßt uns in eine enge Höhle ein, in der kaum fünf Personen Platz finden. Den Altar ziert ein kleiner, aus dem Felsen gehauener Buddha, eingerahmt von zwei alten Figuren, die zu predigen, und vier Elefantenköpfen, die aus der Felswand hervorzubrechen scheinen.

Nachdem unser »Himmelspförtner« seinen Riesenschlüssel abgegeben hat und wieder zum einfachen Führer geworden ist, geleitet er uns auf die Höhe des Felsens. Man zeigt hier oben eine Fußspur Buddhas, offenbar eine Nachbildung jener auf dem Adamspik. Die Form ist stilisiert und über einen Meter lang. Eine hübsche Fernsicht erschließt sich hier dem Auge. Vor dem Tempel, am Fuß des steil abfallenden Felsens, erblicken wir den Tempelhof mit seinem heiligen Tank, ein wenig weiter unter überhängenden Bäumen, umgeben von saftigen Reisfeldern, einen zweiten und dahinter Wald und Wälder bis ans Ende der Welt. Zwischen sich eng aneinanderschiebenden Steinwänden klettern wir über schmale hohe Stufen hinab. Unter einem vorspringenden Felsenrand ist eine Bank aus dem Steinblock herausgehauen. Irgend ein Mönch hat auf ihr sein Leben verbracht und ist auf ihr sterbend zum Heiligen geworden. Weiter unten blicken wir in ein finsteres Loch, dessen Türe offen steht. Es ist die Zelle eines Büßers, der sich aber augenblicklich nicht zu Hause befindet. Im Hofe werden wir von Groß und Klein neugierig umringt, und zu dem nahen Teich begleitet, in dem ein Dutzend Krokodile sorgfältig gehegt und gepflegt werden. Eine ganze Weile standen wir an dem träumerischen Weiher, sahen wohl das Wasser schwanken, von seinen greulichen Bewohnern aber gewahrten wir nichts.

Die Mittagsstunde naht, die Sonne brennt, die Hitze ist glühend. Wir müssen die Rückfahrt antreten. Nur zögernd können wir uns von dem wunderlichen Tempelbau trennen. Mit dem Säulentor, das in den Himmel gebaut zu sein scheint, der schneeweißen Dagoba, dem Giebelhäuschen, dem glitzernden Tank, dem goldenen Bobaum gleicht diese alte Priesterresidenz, tief eingebettet im Dschungel und zwischen plumpe Felsengruppen eingezwängt, der Hexenburg eines mächtigen Zauberers.

Der Bobaum ist bereits zu einem nahen Fest über und über mit Flittern geschmückt. Es knistert in seinen Zweigen, die in der Sonne wie lauteres Gold glitzern.

Wir eilen, soweit es die Hitze gestattet, den bullockcart zu besteigen. Das Lunch war vorüber, als wir zum resthouse gelangten, und wir mußten uns mit höchst fragwürdigen » beaux restes« begnügen.

Nachmittags wurde der Karren wieder benutzt. Diesmal ging es nach Pulexankulama, wo aber wenig mehr als die Basis eines oktogonen Palastes zu sehen war, den der König einst bewohnte. Ein unterirdischer Gang verband den Palast mit einer Dagoba. Dieses Tunnels, der, um seine Richtung geheim zu halten, in vielen Windungen nach dem Tempel führt, bediente sich der Fürst im Notfall als »Fluchtröhre«. Die in Frage stehende Dagoba ist noch nicht aufgefunden, während der geheimnisvolle Gang aus- und aufgegraben vor uns liegt und man das besondere Vergnügen genießt, in einen tiefen, gelben Graben hinabblicken zu dürfen. Um den Palast gruppieren sich zahllose »Laienhäuser«, die alle an den glatten Prellsteinen kenntlich sind. Wohl zwanzigmal beteuert unser Führer mit einer seltsam stilisierten, sagen wir, mit einer verrenkten Handbewegung, daß die Häuser der » laymen« nur glatte Steine besessen hätten, Tempel und Klöster dagegen immer solche mit Türhütern als Symbol der Wachsamkeit.

Es reizte uns, einmal weiter in den Dschungel einzudringen. Wir gingen zwischen den ein wenig auseinanderstehenden Bäumen hindurch, sprangen unvorsichtig genug über ein trübes Gewässer und drangen auf einem Elefantenpfad vor. Nach kaum hundert Schritten stockte uns der Atem, die Luft wurde schwer und stickig. Dornen und wildes Gestrüpp zerrissen Kleider und Gesicht. Es war unmöglich, weiter zu kommen. Eine Schar Affen sprang über unsere Köpfe weg, kletterte in den Zweigen herum und schüttelte wütend die Aeste. Nach Gordon Cumming sind es »Wanderus« ( Presbytes cephalopterus), die uns so ihre Verachtung und ihren Zorn über die Störung ausdrückten. Es ist die nämliche Art, wie wir sie in Indien sahen. Sie ist leicht zu zähmen, und ihrem patriarchenhaften Exterieur verdankt sie die Auszeichnung, nach Indien überführt worden zu sein, wo sie, wie z. B. im Durgatempel zu Benares, heilig gehalten wird. Die »Wanderus« haben ein dunkelgraues Fell, grauweißen Bart und einen weißen Schopf auf dem Kopf, sie sehen höchst würdevoll aus, wenn sie, in Nachdenken versunken, vor einem Altar sitzen. Ihre Stimme klingt unheimlich und erinnert an das »Y – a« unseres Esels.

Den Plan, in den Dschungel einzudringen, gaben wir endgültig auf. Behutsam an einem schmalen Sumpf entlang gehend, der mit einer dicken, giftig grünen Moosschicht überzogen ist, gewannen wir die Straße wieder. Seltsame Geräusche hörten wir: Schnelles Rascheln, tiefes Geknurre, schrille Schreie, schluchzende Töne und das süße Gurren der Dschungeltauben. Wir fühlten uns wie aus Todesgefahr errettet, als wir wieder auf der » circular road« standen, erschraken aber nicht wenig über eine kolossale, fünf Meter lange Schlange, die uns auf dem Wege entgegenglitt. Ich war durch den Anblick wie paralysiert. Leider versäumte ich, mein Objektiv auf das Riesentier zu richten, und kam so um ein höchst interessantes Bild. Die Schlange beachtete uns übrigens nicht. Zielbewußt verschwand sie in einer buschüberwachsenen Erdhöhle, in deren Tiefe sie auf herrlichen Schätzen ruhen mag.

Glücklicherweise wurden wir auf diesem Spaziergang nicht von den springenden Blutegeln überfallen. Wir entgingen ihnen wahrscheinlich deshalb, weil es seit zwei Tagen wenig geregnet hatte. Bei trockenem Wetter verschwinden sie nämlich vollständig, um sogleich nach einem Regenschauer wieder in Scharen zu erscheinen. Auf dem dickeren Teil ihres dünnen Körpers aufgerichtet, wiegen sie sich hin und her und fahnden mit ihren fünf Paar Augen nach allen Seiten auf Beute. Es sind kleine braune Wesen, einen halben Zentimeter lang, die sich fadendünn zu ein paar Zentimeter Länge ausdehnen können. Ist man unvorsichtig genug, sich ins Gras zu setzen, so sollen sie von allen Seiten zu Hunderten heranspringen und sich am Körper festsaugen, ohne daß man es merkt.

Statt nach dem resthouse zurückzufahren, stiegen wir an der Ruanwelli-Dagoba aus. Srumini hatte uns von den schönen Buddhafiguren gesprochen, die man hier durch einen Priester erlangen könne. Es waren Opfergaben frommer Pilger aus Indien, Siam und Ceylon, die verkauft wurden, um deren Erlös zur Restaurierung der Dagoba zu verwenden. Graf Lippe erstand ein kleines Kunstwerk, ich begnügte mich mit dem Erwerb einer Erinnerung: einem Buddha, der auf zusammengeringelter Kobra sitzt und von ihrer aufgeblähten Haube geschützt wird. Der ernste, gelb gewandete Priester, offenbar durch den Handel sehr befriedigt, schenkte uns ein paar grünspanüberzogene Münzen. Sie zeigen, wie er behauptet, die Inschrift von »Sri Parakkrama Bahn 1127«. Wir wollen es ihm glauben.

Als wir uns dem resthouse nähern, liegt es im letzten Abendsonnenglanz. Die Riesenbäume des Gartens und der Straße sind heute erblüht. Große orangefarbene Blumensträuße hängen zwischen dem tiefen Grün der Blätter. Eine Herde Ziegen, die ein leicht drapierter Hirte mit hohem Stabe weidet, zieht uns unter den feurig glühenden Bäumen entgegen, just so, als wären sie eben der Arche Noah entstiegen.

Nach dem Dinner gehen wir hinaus zur Ruanwelli-Dagoba. Es ist heute Vollmond. Wuchtig und breit ragt in kolossaler Höhe die Dagoba gen Himmel. Im Silberlicht des Mondes scheint sie, je länger man sie betrachtet, desto höher zu wachsen. Neben den Stufen, die auf die »Passada« – die für feierliche Umzüge bestimmte Plattform – führen, brennt ein mattes Licht. Unter einem provisorischen Dach hinter einem Glasfenster liegt ein schlafender Buddha. Zu seinen Füßen in einem kleinen von einem Messingpfau getragenen Käfig brennt das durch Kokosnußöl genährte heilige Feuer. Tropfenweise sickert es aus einem außerhalb des Schreines angebrachten Behälter. Einmal im Jahre, am Vollmondfest – 13. April – erlischt es und wird neu aus dem Stein geschlagen. Im flackernden Schein dieses ewigen Lichtes glaubt man die Gestalt eines christlichen Heiligen zu sehen.

Unheimlich und gewaltig ragen die Elefantenköpfe aus dem grauen Mauerwerk. Bleich und geisterhaft stehen die mächtigen Könige einer glänzenden Vergangenheit im kalten Glanz des Mondes neben uns. Beklommen blicken wir zu ihnen auf. Ihr Ausdruck ist hart und grausam. Wir wagen kaum zu sprechen. Es ist, als fürchteten wir, auf diesem »Friedhof längst entschlafener Tage« den lebendigen Laut unserer Stimme zu hören.

Im Dunkel der Bäume, deren blumenschwere Zweige keinen Strahl des Mondes hindurchlassen, wandeln wir zum resthouse. Rechts und links glüht es im Grün. Millionen Leuchtkäfer schweben auf und nieder. Sie heben und senken ihre winzigen Flügel. Ein kleines Feuer leuchtet blitzartig auf. Wie Sterne funkeln sie im Laub.

Als ich in mein Zimmer trete, denke ich mit Grauen der verflossenen Nacht. Was für ungeahnte Laute werde ich zu hören bekommen? Einstweilen haben Frösche ihr mißtönendes Konzert begonnen.

 

9. Februar. Die Fremden, die vorgestern abend unter Lärmen und Toben das resthouse überfielen, sind heute Morgen in gleicher Weise wieder abgereist. Der »gekränkte Engländer«, der sich mit uns versöhnt hat, ist nach Kandy zurückgekehrt. Graf Lippe und Alfred sind mit Skizzenbuch und photographischem Apparat nach Abenteuern ausgezogen. Ich sitze allein auf der Veranda des stillen resthouse. Die Boys und Kulis liegen im Rückgebäude und rühren sich nicht. Es ist acht Uhr. Die Riesenbäume stehen in frischer flammender Pracht. Die feurigen Blüten von gestern sind zur Erde gesunken und bedecken wie mit einem dicken roten Teppich Straße und Garten. Vom Dschungel herüber dringt das zarte Girren der Waldtaube. Bunte Falter, durchsichtige Schmetterlinge umgaukeln mich. Wie Juwelen funkeln und strahlen sie in der Sonne. Ein Chamäleon kriecht über den Weg. Ich bewege mich. Es erblaßt vor Schrecken und sein Köpfchen wird feuerrot. Aber es flieht nicht. Behaglich bleibt es in der Sonne liegen. Die Luft ist schlaff und schwer. Manchmal weht ein lauer Wind über mich hin. Im großen Tulpenbaum säuselt es geheimnisvoll, und ich sitze gespannt, als ob Ungeahntes geschehen müsse. Ich lausche – alle Vögel sind verstummt. Die Mücken schwirren nicht mehr – klingende Stille ringsum – die Feder entfällt mir – ich glaube – ich schlafe. –

» Excuse me, lady, quite alone«, – säuselt mir eine süßliche Stimme ins Ohr. Ein Singhalese im schwarzen Rock steht vor mir. Ich staune, frage überrascht nach seinem Begehr. Sanft neigt er seinen kleinen Kopf, haucht »Aoh«, und stellt sich mir als Reporter des » Observer« in Colombo vor. Er bereist für die Zeitung die Insel, interviewend wen er erwischt. Er war glücklich, eine Deutsche gefunden zu haben, und beabsichtigte, mich nach allen Regeln der Kunst zu inquirieren. Was ich über Ceylon, wie ich über England dächte? Ob ich für die Mission sei, für die katholische, für die protestantische? Für gar keine, schleuderte ich ihm ungeduldig ins Gesicht. Ich hatte meine Erfahrung mit der falschen Aya gemacht, die ihren christlichen Rosenkranz jedesmal buddhistisch abbetete und das Kreuz schlug, wenn sie am gröbsten log. »Aoh, aoh«, flüsterte der Singhalese sanft entsetzt, und rieb sich vergnügt die Hände. » Then you are buddhist, Lady?« Diese Konversation mußte er in seine Zeitung geben. Er war entzückt, eine europäische Buddhistin – für die er mich hielt – gefunden zu haben. – » Please your name?« flehte er. Ich lüftete aber mein Inkognito nicht. Enttäuscht und mit vorwurfsvollem Kopfschütteln verließ er mich. Vielleicht hat er die » experience« literarisch verwendet.

Die verträumte Sommerstimmung war verschwunden. Die zunehmende Hitze hatte meine Tinte ausgetrocknet. Außerdem hatten hunderttausend kleine Mücken den schwarzen Tod in ihr gefunden. Das Chamäleon liegt noch in der Sonne. Bei näherer Betrachtung zeigt es sich übrigens, daß ich es nicht mit einem Chamäleon, sondern mit einer Eidechse zu tun habe, welche die Farbe wechseln kann. Es ist ein fünfzig Zentimeter großes Tier von herrlich grüner Farbe, das aber noch zu den kleinen seiner Art gehört. Wir sahen drei bis vier Fuß lange Eidechsen, so groß wie kleine Krokodile. Kinder zogen sie an der Leine wie einen Hund mit sich herum. Sie heißen Tolla-goya, sind sehr zutraulich und fürchten den Menschen nicht. Sie wagen sich sogar in seine Gärten, um dort zu leben, d. h. zu sterben, denn sie werden sofort als Leckerbissen verspeist. Ihr Fleisch gilt für ebenso zart wie das des Kaninchens, und ihre Haut ist für Schuhwerk sehr gesucht. Außer dieser Tolla-goya, die wir sahen, gibt es noch andere, so die fünf bis sechs Fuß lange, schön gezeichnete, aber ekelhaft aussehende Kabra-goya. Diese Tiere leben meist an den Ufern der Flüsse. –

Die Schmetterlinge, die uns umflattern, sind nach Art und Menge zahllos. Dunkle Falter mit Samtflügeln und roten Punkten, dann solche, deren schwarze Schwingen mit gelbem oder blauem Atlas gefüttert scheinen; glänzend blaue, rote, grüne oder schimmernd weiße. Wer könnte sie alle aufzählen? Am zartesten, duftigsten, halb durchsichtig ist die »Sylphide«, wahrlich nur ein Hauch! Außer diesen blendend schönen gibt es zahllose einfach gezeichnete Schmetterlinge. Die weniger leuchtend gefärbten Arten zeigen eine merkwürdige Wanderlust. Alljährlich vom November bis Februar, d. h. mit dem Einsetzen des Nordost-Monsuns erfaßt die lustige Schar ein Reisefieber. In unzähliger Menge schwärmen sie über die Berge hin. Niemand weiß, woher sie kommen, niemand, wohin sie ziehen. Und wenn der Wind auch noch so stürmisch bläst, die zarten Wesen halten ihren Kurs. Von unerklärlichem Instinkt getrieben, erkämpfen sie sich ihren Weg. Wie ein unendlicher Strom folgen sich Legionen auf Legionen. Für einen Schmetterlingssammler bietet die Insel unvergleichlich reiche Ausbeute. Ueberall werden prachtvolle Exemplare zum Kaufe angeboten.

Während ich hier sitze und schreibe, und nachdem die Sonne noch vor ein paar Sekunden alles brennend heiß beleuchtete und eine verhältnismäßig angenehme, weil trockene Hitze herrschte, geht jetzt plötzlich ein sintflutartiger Regenschauer nieder. Kaum, daß ich Zeit habe, es zu vermerken, ist alles überschwemmt – und jetzt ist der Guß vorüber, eine schwüle, feuchte Treibhausluft bleibt zurück. Die Herren kommen im Laufschritt, völlig durchnäßt, nach Hause. Sie müssen sich ins Bett legen, während ihre Sachen in der Sonne trocknen, die bereits alle Nässe des Gartens aufgesogen hat.

Früher als sonst beginnen wir heute nachmittag unsern Rundgang. Mr. Srimini, der täglich zwei Rupien bekam, hat alles vertrunken. Er liegt wohl in irgend einem Graben und träumt. Das lebende Lexikon fehlt uns sehr. Mit dem Buch von Cave und den » Buried Cities of Ceylon« von J. M. Burrows beladen, ziehen wir aus. Noch einmal wollen wir die verschiedenen Dagobas besuchen. Während wir vor den einzelnen Bauwerken stehen, lesen wir das auf sie bezügliche vor. Ich höre, aber begreife nicht. Es ist zu heiß, zu unerträglich schwül zum Denken.

Auf einem schönen Parkwege gelangen wir zur »Abhayagiriya-Dagoba«, zur »Festung des Heils«. Ich hatte mir den Besuch dieses stupenden Baues als letzten Eindruck von Anuradhapura vorbehalten. Staunend stehe ich vor einem durch die sinkende Sonne hell erleuchteten Berg. Dichter, undurchdringlicher Wald bedeckt ihn. Weiße und lila Kletterreben, Schlinggewächse aller Art winden sich gleich Schlangen um die Baumstämme, ziehen sich von Ast zu Ast. Ein von keiner Seite zugänglicher Berg liegt vor uns. Auf der Spitze ragt aus den Bäumen auf viereckigem Unterbau ein hoher, runder, verfallener Turm. Und das soll alles Mauerwerk sein? fragt man sich zweifelnd. Es scheint unglaublich, daß Menschenhände solch ein Riesenwerk vollbracht. So zwecklos – so häßlich. Unten am Fuße stehen ein paar hohe Säulen. Vergleicht man sie mit der überwachsenen Dagoba, so bekommt man annähernd eine Vorstellung von der gewaltigen Höhe derselben.

Walagambahu (89 v. Chr. Geb.) ist der Schöpfer dieses zyklopischen Baues. Der Einfall der Malabaren hatte den König vom Throne verjagt. Sein erstes Werk nach Wiedererlangung der Krone war die Errichtung jener kolossalen, vierhundert Fuß hohen Dagoba, der höchsten in Anuradhapura.

Die Reste dieser nationalen Denkmäler werden durch die Pyramiden der Aegypter kaum übertroffen. Aegypter sowohl wie Singhalesen scheuten weder Geld noch Mühe, solch staunenswerte Bauwerke zum Heil ihrer Seele auszuführen. Mahanamo, der religiöse Schriftsteller der Mahawanso, preist die Opferwilligkeit der großen singhalesischen Könige mit den Worten: »Also empfängt der wirklich Weise unvergänglichen Lohn durch seinen andernfalls vergänglichen Reichtum.«

Obwohl der Abhayagiriya-Berg ganz unzugänglich erscheint, so ist er doch zu besteigen, wenn man die steilen Stufen benutzen will, die kerzengerade unter Baumgestrüpp aufwärts führen. Vor ein paar Jahren haben Gefangene sie angelegt. Der Turm sollte restauriert und die Reliquienkammer geöffnet werden. Es ging die Sage von fabelhaften Schätzen, die man hier zu heben hoffte. Durch das massive Gemäuer wurde ein Schacht getrieben, die Kammer erbrochen, aber völlig leer befunden. Nur ein paar wertlose Perlen lagen auf dem Boden zerstreut. Längst waren alle Kostbarkeiten geraubt worden. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt, während der häufigen Ueberfälle durch Malabaren, hatten diese Plünderungen stattgefunden.

Wen es reizt, sich dem mühevollen Aufstieg zu unterziehen, soll einen lohnenden Blick über das weite Parkland haben, aus dem Säulen aufragen, Seen aufleuchten. Wir fühlen keine Lust, uns die Bäume von oben anzusehen, hatten wir doch schon von dem Isuruminiyatempel einen Blick über Millionen Wipfel genossen. Neben der Dagoba, die für eine der heiligsten Ceylons gilt, liegen die Trümmer eines großen Klosters. Es war die Residenz der Priester, welche während einer langen Periode den Mittelpunkt der buddhistischen Hierarchie bildete. Außer den Resten des verfallenen Klosters und allen jenen mit einem Tempel verbundenen kleinen und großen Bauten, fallen uns schön geschnittene Mondsteine auf; ferner Stufen, Prellsteine und eine vortreffliche siebenköpfige Kobra. Ganz verschleiert unter Blumenranken entdecken wir ein reizendes Relief, das uns, wie damals in Gwalior, an italienische Arbeit erinnerte. Die hier dargestellte liebliche Gestalt fällt ganz aus dem Rahmen buddhistischer Kunst.

Den Bau der Dagoba nochmals zu beschreiben, erscheint überflüssig. Er stimmt in der Anlage mit dem der Ruanwelli überein, nur daß er höher und größer im Umfange ist. Auch die Abhayagiriya-Dagoba hat einen Elefantenweg, eine »Passada«, auf welcher ein kleines Museum der besten Funde aufgestellt ist.

Die Aufnahmen, die wir von den beiden Dagobas gemacht, geben keinen Begriff von den gewaltigen Bauten.

Der Heimweg von der Dagoba zum resthouse glich einer Flucht. Ein fürchterlicher, mit Donner und Blitz verbundener Gewitterregen überraschte uns. Graf Lippe und Alfred kamen heute zum zweiten Male »in die Traufe«. Ich war wie aus dem Wasser gezogen. In Colombo wurde uns versichert, die Regenzeit sei vorüber. Deshalb versäumten wir, uns mit Schirmen und Mänteln vorzusehen, und waren nun allem Unwetter preisgegeben.

Täglich meint man, die Tage müßten länger werden, aber immer bleiben sie sich gleich. Die fünfundvierzig Minuten, um die sie hier im Laufe eines ganzen Jahres schwanken, merkt man kaum. Auch heute war es schon dunkel, als wir das resthouse im Sturmschritt erreichten. Zum Trocknen meiner durchnäßten Sachen fand sich weder Zeit noch Gelegenheit. Jetzt galt es, die Toilette zum »Dinner« zu ersinnen. Ein zweites Kleid hatte ich versäumt, einzupacken. Aus meinem roten » saut-de-lit« verfertigte ich mir einen Rock mit seltsam spitzer Zipfelschleppe, zog die einzige Bluse, die ich noch bei mir hatte und die leider von grüner Farbe war, dazu an und sah wirklich ganz abscheulich aus. Die Herren kamen im zugeknöpften Ueberzieher zu Tisch. Sie fühlten sich sehr verlegen, denn ein »gedreßter« Engländer und seine junge Frau in Gesellschaftstoilette nahmen an der Mahlzeit teil. Die beiden sorgfältig gekleideten Gäste schienen unser Kostüm – mit Recht – sehr sonderbar zu finden. Ich beeilte mich, unser Aussehen zu erklären. Errötend und schüchtern, als ob sie die Worte suche, ließ sich die hübsche Frau auf ein Gespräch ein. Sie war die Gattin eines Ingenieurs, der im Innern des Landes mit der Trassierung der Bahn nach Norden beschäftigt war. Sieben Monate hatte sie im tiefsten Dschungel gelebt. Eine Palmblatthütte war ihr Heim gewesen; der zementierte Boden in derselben ihr einziger Luxus. Ihren Mann sah die junge Frau nur jeden Monat ein paarmal im Fluge. Ihre Dienstboten waren ihr an Weihnachten davongelaufen; sie konnten die Einsamkeit nicht ertragen. Nur die Aya war zur Pflege ihres neunzehn Monate alten Kindes bei ihr im Dschungel geblieben. In der Nähe der Hütte »wechselten« Elefanten, und alltäglich hörte sie die Tiere nach dem Wasser ziehen. Ihre Behausung war ein Gestell aus frischem Holz, mit Taliputblättern gedeckt und seitlich belegt. Das frische Holz verfaulte und bildete den Nährboden für Moskitos. Außer den Moskitos waren die weißen Ameisen eine furchtbare Plage. Die giftigen Stiche der bissigen Insekten brachten ihr das Fieber, während die Ameisen in aller Stille die Holzpfeiler ihrer Hütte aushöhlten und die Sicherheit ihres Aufenthaltes untergruben. In ewiger Sorge, das Dach möge über ihrem Kopfe zusammenbrechen, oder ein Elefant könne es im Vorübergehen mitnehmen, lebte das arme Geschöpf einsam in tödlicher Angst dahin. Ihre Ernährung bestand aus Konserven und Reis. Sie hatte sich zwar einen kleinen Geflügelhof angelegt, aber sie mußte die Hühner angebunden halten, damit sie sich nicht im Dschungel verliefen. Die Pflege war mühsam, und sie gab die Hühner auf, das heißt, sie hat vor drei Monaten das letzte aufgegessen und seit der Zeit kein Fleisch mehr bekommen. Als Neuvermählte nahm das junge Paar, wie viele Engländer, die gut bezahlte Stellung in den Kolonien an. Aber nicht etwa, weil sie glaubten, von dem Gehalt etwas erübrigen zu können – das kleine Vermögen der Frau wird sogar verbraucht –, sondern wegen der hohen Pension, von dem Gehalt läßt sich nichts zurücklegen. Abgesehen davon, daß der »Appoo« (sprich Appu), wie der Oberdiener heißt, der dem kleinsten Haushalt unentbehrlich, genau weiß, wieviel sein Herr Jahreseinkommen hat und danach die Ausgaben einrichtet, so sind auch die Lebensmittel im Dschungel so teuer, daß selbst ohne blutsaugenden Appoo nichts übrig bleibt. Mit vier Dienstboten zog die junge Frau in den Dschungel, dem Appoo, Koch, sweeper und der Aya. Daß ein Boy fehlte, nahm ihr der Appoo sehr übel. Diese Dienstboten mußte die junge Frau aus Colombo mitnehmen. Die Löhne beliefen sich auf monatlich hundertundvierzig Rupien, wofür sich die Leute allerdings selbst zu verpflegen haben. Alle Sendungen sind mit großen Unkosten verbunden; ein Dutzend Flaschen Sodawasser stellt sich z. B. auf zweieinhalb Rupien = drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig. In einer Flasche ist aber kaum mehr als ein gutes Quart. Bei der herrschenden Hitze kann man also sein Vermögen in Sodawasser vertrinken. Die junge Frau klagte bitter, daß das ganze Gehalt ihres Mannes durch den Haushalt verschlungen werde. Nach sieben Monaten trostlosen Aufenthaltes im Dschungel waren sie endlich versetzt worden. Die Dame reiste nach Keckerawa, einer Station zwischen hier und Dambul. Sie sieht diesem neuen Aufenthalt wie dem in einer Großstadt entgegen, und doch ist es nur ein armseliges Dorf. Aber sie wird dort in einem Bungalow, in einem gemauerten Haus mit Fenstern und Türen wohnen. Seit drei Tagen ist sie unterwegs. In zwei bullockcarts, wie wir einen auf unsern täglichen Fahrten benutzt hatten, unternimmt sie den Umzug. Im ersten Karren sind die Matratzen und Betten auf dem Boden ausgebreitet. Auf diesem Lager weilt sie täglich zwölf Stunden, während das Gefährt etwa zwölf Meilen im Schritt zurücklegt. Im zweiten Karren folgt das Gepäck. Die junge Frau war erst vor ein paar Stunden angekommen und erwartete, hier Nachricht von ihrem Mann zu finden. Sie hoffte, die Reise gemeinsam mit ihm fortsetzen zu können. Wie einfach und als selbstverständlich sie ihre Erlebnisse erzählte! In einem duftigen Kleid saß das zarte gebrechliche Wesen vor uns. Ihre Haut glich der einer Toten, nur, daß ihr kleine hektische Flecken auf den Wangen brannten. Sie fühlte das Fieber nahen, welches gestern die Aya geschüttelt und sie unfähig zu jeder Dienstleistung gemacht hätte. Mit wehmütig zitterndem Ton und dankbarem Lächeln pries die liebende Mutter Gott, der die Gnade habe, sie davor zu bewahren, am gleichen Tage mit der Aya vom Fieber erfaßt zu werden. »Was würde dann aus › poor baby‹ werden?« fügte sie sanft hinzu.

Wir waren von der Schilderung ihres Lebens und Leidens im Dschungel tief ergriffen.

 

10. Februar. Früh um fünf Uhr stehe ich auf. Im Nebenzimmer weint das Baby, und ein leichtes Stöhnen dringt durch die Wand. Es kommt von der armen fiebernden Frau. Und wir? – wir ziehen hinaus zu Genuß und Freude! – – –

Um sechs Uhr geht die Post. Sie sollte uns vor sechs Uhr im resthouse abholen. Wir warten vergebens. Auf der Missionskirche schlägt es sechs, die Post ist nirgends zu sehen. Besorgt, sie möge uns vergessen haben, ziehen wir mit Sack und Pack zum Postbureau. Welche Ueberraschung erwartet uns hier! Das Haus liegt in tiefem Schlaf. Nichts regt sich. Durch ein trübes Fenster blicken wir in einen mit Qualm erfüllten kleinen Raum. Eine Oellampe im Verlöschen, nirgends eine Menschenseele. Die Postkutsche steht noch da, wie sie gestern abend ausgespannt wurde. Aber unter dem Postwagen in der sogenannten Schaukel entdecke ich zwei Natives, die in Morpheus Armen ruhen, wir rufen »Kuli«, keine Antwort. Wir schreien »he Post«, Charley etwas auf Singhalesisch, was mehr Erfolg hat. Verschlafen gähnend tritt der Herr Posthalter aus dem »Bureau«. Er scheint sehr überrascht, stößt dann einen Laut aus, der die Kulis auf die Beine bringt, und schimpft Unverständliches in den Stall. Die Pferde werden herausgezerrt, der Kutscher nimmt gravitätisch die Zügel aus den Händen des Pferdekuli, und wir klemmen uns zwischen ihn und die bekannte Eisenstange. Der Kutscher knallt mit der Peitsche, die Kulis reißen die Pferde, die sich mit allen Vieren gegen das Anziehen sträuben, an den Ohren vorwärts. Eben als ich denke, »jetzt fahren wir los«, da flötet eine ölige Stimme neben mir » please your name«, der Reporter stellt sich als Mr. Salomon vor. Er verhindert die Post am Abfahren, er will meinen Namen. Alfred kritzelt ihn auf ein Blatt Papier, und fort geht es im Galopp. Möge Herr Salomon Freude an unserm Namen erleben!

Mit Unbehagen sehen wir einem regnerischen Tage entgegen. Abwechselnd gießt es in Strömen, oder die Sonne brennt wie Feuer. Wir sind durch und durch naß, trotzdem wir gegen den Regen völlig geschützt sitzen. Die Feuchtigkeit durchdringt eben alles.

Eine Schar Schulkinder kommt uns entgegen, wo mag die Schule sein? Die kleinen Singhalesen tragen ihre Bücher unter dem Arm. Außer diesen aber halten sie ein Blatt der Taliputpalme in der Hand. Wie ein kolossaler Fächer ist es zusammengepreßt. Ein Regenschauer geht nieder. Der »Fächer« wird entfaltet, und das Blatt ersetzt den Regenschirm. Groß und klein zieht mit einem solch eng zusammengefalteten Palmblatt über Land. Wenn Freunde gemeinsam reisen, legen sie ihre Blätter abends mit dem Stiel gegeneinander und kriechen über Nacht in dieses glockenförmige Zelt. Die Blätter der Taliputpalme erreichen eine Länge bis zu fünfundzwanzig Fuß.

Als wir vor ein paar Tagen nach Anuradhapura fuhren, schwammen auf den Tanks nur schwere, dunkle Blätter. Heute heben sich aus dem stillen Wasser silberne und goldene, rosige und bläulich schimmernde Blüten. Wasserschlangen strecken ihre Köpfe zwischen ihnen empor.

An der Straße stehen große Regenbäume. Sie fangen das Wasser in ihren sensitiven Blättern auf und lassen es ihnen entfließen, wenn die Sonne hervordringt. Am Wiesenrand wächst rosa blühender Klee. Seine feinen Blättchen schließen sich ängstlich während des gewaltigen Regenschauers.

Die Pferde scheinen noch widerspenstiger als auf der Hinfahrt. Kein Geschrei, keine Peitschenhiebe bringen sie weiter. Es ist qualvoll, das mit ansehen zu müssen. Nicht übler Wille, sondern Schwäche liegt bei ihnen vor. Wer sollte auch die Tiere heute morgen gefüttert haben? Wir stehen vor einem Berg und kommen nicht hinauf. Es gießt in Strömen. Die Pferde ziehen und rutschen, der Wagen geht rückwärts, direkt dem tiefen Graben zu. Der Kutscher sagt » never mind«, ich bin aber durchaus nicht dieser Ansicht, sondern verlange, daß die Eingeborenen doch wenigstens aussteigen sollten. Das geschah mit einigem Widerstreben. Die Pferde laufen im Galopp davon, die natives in flatternden Gewändern hinterdrein, in Todesangst, die Post zu verlieren. Wir durften die Pferde nicht in ihrem Eifer stören, nicht anhalten. Wer weiß, ob wir sie je wieder in Gang gebracht hätten. Wie der Wind flogen die Eingeborenen und sprangen, als sie die Kutsche erreichten, wie Affen hinein, Hier schnatterten sie um die Wette mit den Hühnern, welche unten in dem Wagen gackerten. Als wir durch Keckerawa kamen, gedachten wir der jungen Frau, die dem Aufenthalt in diesem traurigen Nest so erwartungsvoll entgegensah, und stellten dazu einige philosophische Betrachtungen an.

Um ein Uhr treffen wir in Dambul ein. Nach dem lunch« sitzen wir auf der Veranda des resthouse, dessen schwarze Rolläden herabgelassen sind. Heute müssen sie gegen den Regen statt gegen die Sonne schützen. Es ist zum Lesen zu dunkel, und wir schlafen in den Singapurstühlen ein. Später, nach einer Abwechslung verlangend, sind wir ausschweifend genug, eine Tasse Tee zu bestellen. Brr! wieder die grünschwarzbraune Brühe und tausendjährige Kakes dazu. Inzwischen lichteten sich die Wolken, und wir beschließen, noch heute den Felsentempel zu besuchen.

Von der Veranda des resthouse aus betrachtet, sieht die große Felsenmasse, in welcher die Tempel verborgen liegen, wie der kahle Schädel eines Riesen aus, dem ein Haarbusch am Hinterkopf wächst. Schwarz und düster ohne eine Spur von Vegetation steigt der langgestreckte Berg fünfhundertundfünfzig Fuß schroff aus der Ebene auf. Eine Meile muß man klettern. Auf steilen, in den Felsen eingehauenen Stufen über glatte Steinplatten hinweg, gelangt man zum Eingang der Tempel und zu einer sehr lohnenden Aussicht. Im Norden bilden die sich malerisch aufbauenden Berge der Provinz Kandy einen schönen Hintergrund. Im Osten ragt aus dem dunkeln Grün des Dschungels der schroffe Felsen Sigiri hervor. Im Norden liegt die Ebene, und zu unsern Füßen erblicken wir weite, frischgrüne Reisfelder. Alles Tempelgut. Den Eingang des Tempels links liegen lassend, steigt man auf nicht ungefährlichem Weg noch hundert Fuß höher, um die Spitze des Berges zu erreichen. Allein, wir unterließen das Wagnis, glücklich, bei der feuchten Hitze bis hierher gekommen zu sein. Wir betreten das Tempelgebiet durch ein rohes Ziegeltor. Senkrecht steigt der Felsen in unheimlicher Nähe zur Rechten empor. Links gähnt ein tiefer Abgrund. Auf dem schmalen Tempelhof steht eine einzige Palme, gelb gewandete Priester mit ihren kleinen Gehilfen tauchen von allen Seiten auf. Es beginnt der Rundgang. Die Felsentempel sind aus natürlichen Höhlen hervorgegangen. Während der Ueberfälle und Kriege der Malabaren boten sie den fliehenden Singhalesen-Königen sichere Schlupfwinkel. Besonders Walagambahu war es, der nach Wiedererlangung seines Thrones die Höhlen, in denen er Zuflucht gefunden hatte, vergrößern, darin Buddhafiguren aufstellen ließ, ihnen Priester zugesellte und diesen Land zu ihrem Unterhalt schenkte. Die Erweiterung der Höhlen wurde dadurch erzielt, daß eine sechzig Fuß hohe Mauer aufgebaut wurde, welche einen überhängenden Felsen mit dem Vorsprung verbindet, auf dem wir jetzt stehen. Eine gedeckte Holzgalerie führt an der Außenwand und zugleich am Rande des Abgrundes entlang. In dieser liegen die Eingänge zu den Tempeln.

Fünf Höhlentempel ziehen sich von Ost nach West und dringen fünfzehn bis hundertundfünfzig Fuß tief in den Felsen ein. Sie sind teils von Natur, d. h. durch Felsen, teils durch Kunst, nämlich durch eine aufgeführte Mauer getrennt. Ihre Höhe, die nach der Tiefe zu abnimmt, schwankt zwischen zehn und dreißig Fuß.

Der Eindruck beim Betreten der ersten Höhle, der »Maha Deva Davala«, Tempel »des großen Gottes«, ist überwältigend. Wir schweigen betroffen. Eine süßliche Grabesluft weht uns entgegen. In der dunkeln Tiefe, wo die Decke sich beinahe auf den Boden senkt, liegt eine ungeheure Riesengestalt, ein immenses, siebenundvierzig Fuß langes Götterbild. Es ist aus dem Stein gehauen und springt in gewaltigen Formen hervor. Der Kopf ruht in der Hand des rechten Armes. Gekrümmt, stützt sich das Idol auf ein Kissen, in dem die Spuren seiner Schwere eingedrückt sind. Diesem gigantischen Buddha gegenüber steht ein unscheinbarer, halb vermoderter Vishnu. Der kleine Holzgott ist sonderbarerweise der große Heilige in diesem Tempel.

Solch unvermitteltes Nebeneinander buddhistischer und brahmanischer Bildwerke wirkt überraschend. Nirgends trat uns die Vermischung beider Glaubensrichtungen so auffallend entgegen, wie eben hier.

Nachdem wir uns an das Dämmerlicht gewöhnt, gewinnen die Wände Leben. Unzählige, betende Gestalten heben sich nach und nach aus dem Halbdunkel ab. Alle streben mit gestreckt zusammengelegten Händen dem Mittelpunkt des Plafonds zu, wo ein licht glänzender Buddha sitzt. Seine rechte Hand hält er gehoben, die Finger erscheinen gespreizt nach abwärts gebogen, nur der Daumen und der Zeigefinger berühren sich. Komposition und Bewegung erinnern sehr an alte christliche Heiligenbilder.

Die Wandmalereien sind roh und lassen sich wohl am besten mit altbyzantinischen Fresken vergleichen. Die Priester behaupten, diese in der Farbe vorzüglich erhaltenen Bildwerke seien zweitausend Jahre alt. An solches Wunder könnte man in der trockenen Luft Aegyptens glauben, hier bei der triefenden Feuchtigkeit der Felsen scheint die Behauptung etwas unwahrscheinlich. Alfred, der Skeptiker, sieht in den Kunstwerken die in Leimfarbe ausgeführten Malereien eines Kunstjüngers aus Colombo. Die Restaurierung geschah, wie uns später in Colombo gesagt wurde, in den letzten Jahren auf Kosten einiger Radjas.

Westwärts auf der schmalen Galerie weitergehend, gelangt man durch ein massives Tor in die zweite Höhle, die »Maha Wihara« oder »großer Tempel«. Sie ist die umfangreichste und weitaus imposanteste Höhle. Durch ein paar kleine Fenster und die offene Tür dringt das Tageslicht in den geräumigen Saal, der hundertundsiebzig Fuß lang, fünfundvierzig tief ist, in der Nähe des Eingangs zwanzig Fuß hat, während die Decke an der Rückwand auf vier Fuß herabsinkt. Den Fußboden bildet geglätteter Felsen, der Plafond ist mit Stoff überspannt und mit zahllosen Buddhas wie historischen Szenen bedeckt. Dem Eingangstor gegenüber stehen und sitzen meist überlebensgroße Buddhas, die einen unter vorspringenden Baldachinen, die andern in Nischen oder frei an der Mauer. Rechts von der Tür ist die Wand wieder mit ähnlichen Figuren besetzt. Links gewahrt man eine Dagoba, deren Spitze den Plafond berührt, dann folgen wieder Statuen. Etwa fünfzig trübsinnende Buddhas und schwermütige Propheten halten Wacht. Unter ihnen erblickt man auch eine Statue Walagambahus und die Kirti Nissangas, von dem erzählt wird, er habe zweiundsiebzigtausend Buddhafiguren im Tempel aufstellen lassen. Die Nullen kann man getrost streichen. Um die Figuren zu sehen, werden sie mit einer Kerze von unten bis oben abgeleuchtet. Man sieht dann gerade so viel, als das Licht bescheint.

Ganz nahe der Dagoba vertieft sich der Boden zu einem kleinen Bassin. Ununterbrochen fallen große Wassertropfen von der Decke hinein. Es ist heiliges Wasser, das zu heiligen Zwecken dient. Um diesen kleinsten Tank stehen in Töpfen ein paar Palmen. Gelb und kränklich sind die Pflanzen im licht- und luftlosen Raum geworden. Die Dunkelheit berührt unheimlich. Lautlos bewegen sich die Priester auf nackten Füßen hin und wieder. Aus dem Zwielicht steigen schattenhafte Göttergestalten schreckhaft hervor. Es herrscht Totenstille. Nur das leise, monotone Tröpfeln des heiligen Wassers unterbricht diese Grabesruhe. Eine abergläubische Furcht beschleicht mich. Aengstlich höre ich auf den Widerhall unserer Schritte.

Neben der Haupthöhle liegt, durch einen Felsenspalt damit verbunden, ein kleiner niederer Raum. Decken und Wände sind mit Fresken-Darstellungen aus der Geschichte Ceylons bemalt, so z. B. ist die Landung des Fürsten Wijeyo (543) sehr amüsant wiedergegeben. Das Schiff fährt auf leicht bewegtem Meer dahin. Fische strecken die Köpfe aus den Wellen und bedrohen es. Die Fische sind aber so groß, daß das Fahrzeug mit Mann und Maus in ihrem Rachen verschwinden könnte. Auch der Zweikampf, den König Dutthagamini mit dem Fürsten Elala vor den Toren von Anuradhapura ausfocht, ist anschaulich dargestellt, nur, daß der Spieß des Königs die Länge eines Mastbaumes besitzt. Es würde zu weit führen, wollte ich all die sonderbaren Bilder aus der Geschichte vergangener Jahrhunderte erwähnen.

Die Malerei der alten Singhalesen erscheint im ganzen höchst mangelhaft. Ihre Figuren zeichnen sie manchmal richtig, manchmal treffen sie auch die Proportionen zwischen diesen und der Umgebung. Allein überall fehlt die Perspektive, und die meisten Gruppen zeigen etwas Absurdes.

Die dritte Höhle stammt aus dem 18. Jahrhundert. Kirti Sree Radja (1750), der letzte König von Ceylon, stellte fünfzig mit großem Heiligenschein umgebene Buddhafiguren in ihr auf.

Im stumpfen Winkel schließen sich an diese westwärts liegenden Tempel noch zwei kleine Höhlen an. Sie stammen aus neuester Zeit und bieten keinerlei Interesse. An der äußeren Mauer hat man die Todsünden und ihre Strafen in drastischer Weise aufgemalt. Zwei große englische Soldaten in berlinerblauen Röcken stehen Schildwache. Sie scheinen aufzupassen, ob auch gewissenhaft gerädert, gebrannt und geprügelt wird.

In jedem einzelnen Tempel hatte man uns einen Opferteller entgegengehalten. Aber wir sind gewitzigt. Erst in der letzten Höhle legten wir unsern Obulus von einer Rupie pro Person auf die Platte.

Der Abstieg geschah halb gehend, halb gleitend, unter Donner und Blitz. Die unerhört hohen Stufen in sitzender Stellung herabrutschend, kam ich unter Hilfe eines Bettelgreises, der plötzlich aus dem Buschwerk auftauchte, mit heilen Gliedern, wenn auch ziemlich durchnäßt, im resthouse an. Von Trocknen der Kleider konnte nicht die Rede sein. Das ganze Bungalow steht unter Wasser und tropft von Feuchtigkeit. Es regnet in Strömen, aber zum Trinken haben wir nichts! Keine Flasche Limonade oder Sodawasser ist mehr im Hause. Der Wirt ringt die Hände, wir verschmachten. Man bietet uns Kokosnußmilch an, aber sie sieht unappetitlich aus. Ich bleibe bei dem grüngelbbraunen Teesudel. Wollte die Brühe doch wenigstens erkalten! wenn ich nur einmal in langen, durstigen Zügen nach Herzenslust trinken könnte. Immer mehr! Immer mehr! Ertrinken im Trinken! Von dem Dinner ist nichts Bemerkenswertes zu sagen, toujours perdrix! Außer uns sitzen ein paar Engländer am Tisch, und zwei schwache Dämchen aus Südafrika, die von Amerika kommen und nach Kaschmir, Indien, Birma usw. gehen.

 

11. Februar. Von allen Nächten unserer Reise war die verflossene die unangenehmste. Das Bett bestand aus einem Holzbrett, auf dem eine halb verfaulte Matratze lag. Die Härte war Nebensache, aber der Geruch! Entsetzlich! Die Wasche des Bettes griff sich feucht an, die Luft blieb drückend heiß. Man fröstelte und glaubte zugleich vor Hitze ersticken zu müssen. Welch ein Unbehagen! Das Nachtlicht erlosch. Ich lag im Dunkeln. Jetzt wurde alles lebendig um mich her. Es raschelte im Plafond, huschelte über die Wände, knisterte auf dem mit Sand bestreuten Fußboden. Vor der Tür grunzte ein Schwein, ein Hund heulte auf, dann brummte, pustete, fauchte etwas, dann fielen die Blumenstöcke auf der Veranda um, und endlich war ich überzeugt, daß Bären und Leoparden vor meiner Tür kämpften. Ich hatte wohl Fieber.

Meine animalische Wärme trocknete schließlich den »Prießnitz-Umschlag«, in dem ich lag. Jetzt hätte ich schlafen können. Doch mit Tagesanbruch war das Haus wach. Jeder froh, Bett und Zimmer verlassen zu können, drängte ins Helle, in die freie Luft hinaus. Hell war es, strahlend hell, als wir vor das Bungalow traten, von der freien Luft fühlte man sich dagegen arg enttäuscht. Schwül und dunstig lag sie auf uns. Wie durch einen Silberschleier sah man die Welt. Die Erde dampfte unter den glühenden Strahlen der Sonne. – Das Frühstück war genießbar. Das Brot und der tausendjährige Zwieback waren aufgegessen; wir bekamen statt dessen eine Nationalbäckerei – frische Reisfladen – die ausgezeichnet waren.

Die Post wird um ein Uhr erwartet. Wir schleppen uns zu einem malerischen Brunnen, der unter saftig grünen Bäumen liegt. Braune Nymphen stehen am Rande. Aus golden glänzenden Lotas gießen sie das aus der Tiefe geschöpfte Wasser über Kopf und Schultern. Sie versteckten ihr Gesicht, als wir uns nahen. Ein Aeffchen sitzt auf einem Ast und schaut den Mädchen aufmerksam zu. Es ist zu heiß zum »Bummeln«, und wir kehren ins resthouse zurück. Die englische Südafrikanerin sitzt auf der Veranda und aquarelliert. Obwohl ihr Papier auf einen Blechrahmen aufgezogen und der Block in einem Blechkasten hermetisch verschließbar ist, hat die Feuchtigkeit in dem Papier große Blasen gezogen.

Bäume und Sträucher, die das Haus umgeben, aufmerksam betrachtend, näherte ich mich achtlos einem schmalen, mit Gebüsch bestandenen kleinen Graben. » Lady, snakes«, klang es warnend aus einem Dutzend Kehlen vom resthouse herüber. Ich habe keine Schlange gesehen, nur ein sehr großer Erdwurm lag geringelt im Grase. Ich stöberte ihn aus seiner Ruhe auf. Ein ekelhaftes, etwa dreißig Zentimeter langes, daumendickes Tier, glänzend schwarz mit roten Streifen über dem Rücken, und wohl hundert kleinen gelben Beinen, kriecht über den Weg. Im sumpfigen Grund in der Nähe der Seen sollen diese Tiere hohe maulwurfartige Hügel aufwerfen.

Schon um halb ein Uhr kommt die Post. Die Passagiere nehmen das lunch, und nach kurzem Aufenthalt beginnt die Fahrt mit all den schon bekannten Schikanen. Die Bocksitze sind von einem Engländer und einem Norddeutschen besetzt. Wir und mit uns, außer dem Boy, noch zwei Eingeborene müssen ins Interieur. Im letzten Augenblick steigt noch eine europäisch gekleidete Frau mit ihrem Sohne ein. Die Frau hat eine Hutschachtel bei sich, von der sie sich nicht trennen mag, und die sie mir ungeniert zur Hälfte auf den Schoß stellt. Das scheint hier so Sitte. Es ist sehr eng. Da, im allerletzten Augenblick, verlangen noch zwei besser aussehende Singhalesen, mitgenommen zu werden. Die Eingeborenen haben den Vorteil, nur ein Drittel unseres Fahrpreises zu zahlen, und den Vorzug, immer mitgenommen zu werden, wenn auch Europäer abgewiesen wurden. Allerdings können sich die Leute sehr einschränken. Wie Striche sitzen sie nebeneinander.

Etwa gegen zehn Uhr kommen wir an die Straße, die nach dem Felsen Sigiri abzweigt. An der Weggabelung steht in strömendem Regen ein Europäer mit seinem Rad. Die Singhalesen rücken gutmütig zusammen, und er findet, halb im Wagen sitzend, halb auf dem Trittbrett stehend, Platz. Das Rad wird aufs Dach gehoben. Der junge Mann ist, nach dem Dialekt zu schließen, Schwabe. Er lebt in Colombo, um seine kaufmännischen Kenntnisse zu vervollkommnen. So oft er Zeit findet, und es die Hitze erlaubt, macht er per Rad Ausflüge durchs Land. Diesmal wollte er nach dem Felsen Sigiri, wo interessante Ausgrabungen im Gange sind. Das Wetter zwang ihn jedoch zur Rückkehr. Als er heute morgen lautlos auf seinem Stahlroß durch den Dschungel glitt, sprang ein Leopard nur wenige Meter von ihm entfernt in einem großen Satz über die Straße weg. Glücklicherweise fallen die Leoparden den Menschen nicht an, sondern halten sich mehr an seine Hunde. –

Der Aufenthalt in dem Interieur der Kutsche ließ wirklich viel zu wünschen übrig. Ein Geruch herrschte, daß ich immer wieder verzweifelt fragte, was wohl in den Paketen unter unsern Füßen verpackt sein möge. Es war, als ob der ganze Wagen mit verwesten Tierleichen angefüllt wäre. Der Seemannsknaster, den der Engländer auf dem Bock rauchte, schien mir ambrosischer Duft gegen diese unheimlich aufsteigenden Gerüche, deren Provenienz sich nicht erkennen ließ. Die Pakete müssen untersucht werden, erkläre ich. Da dreht sich der Norddeutsche auf dem Bock um und fragt kleinlaut: »Geniert Sie der Geruch? Es ist eine vier Meter lange Schlange, die gestern geschossen wurde. Die Haut liegt unter Ihrem Sitz. Ich bringe sie meiner Frau mit.« Ob mich die Schlangenhaut geniere? Eine naivere Frage hat wohl noch nie ein Mensch getan. Die Schlangenhaut wurde hervorgezogen und unter den Wagen zu den Hühnern gelegt. Hoffentlich sind sie an der Nachbarschaft nicht zugrunde gegangen.

In Nalanda stieg die Frau mit der Hutschachtel, die ich die ganze Zeit mithalten mußte, samt ihrem Sohn aus. Wir atmeten auf. Nalanda ist ein schönes, unter Tamarinden gelegenes Dorf. Hier erwartet uns eine große Ueberraschung. Endlich erblicken wir, wonach wir auf der ganzen Fahrt gespäht, einen Wädda. Scheu und mißtrauisch steht er abseits; er sollte Stalldienste versehen. Allein, nur widerwillig schien er das Leitseil zu halten, das man ihm zugeworfen hatte. Wie es nicht anders zu erwarten war, ist dieser, in ein paar Lumpen gehüllte Wilde ein gezähmter Wädda. Wie ein wilder Buschmann stand der Mensch vor uns. Ein Urwald wuchs ihm auf dem Kopf. Nie waren seine Haare geschnitten, gekämmt oder gewaschen worden. Verfilzt stehen sie ihm rings um den Schädel, hängen ihm in langen Strähnen über Rücken und Achseln und lassen den Kopf unproportioniert groß auf den schmalen Schultern des skelettartigen Körpers erscheinen. Das Gesicht mit den unstet blickenden Augen, der eingedrückten Nase und den wulstigen Lippen, den vorstehenden Kinnbacken und Zähnen hat einen weinerlichen Ausdruck. Man sagt, der Wädda könne nur weinen, nicht lachen; er verachte den glücklich Lachenden. Gerade so sieht der Mann aus. Aber Professor Geiger in Erlangen widerlegt diese Ansicht in seinem Buch über Ceylon und behauptet, dies wäre eine Fabel, ebenso wie die Meinung, die Wäddas seien halbe Idioten. Er muß es wissen, denn er hat persönlich mit ihnen verkehrt und das Glück gehabt, sich ein paar Wäddas aus Bintenne, ihrer Heimat, verschaffen zu können.

Ob die Wäddas Nachkommen der Ureinwohner Lankas, ob verwilderte Singhalesen, oder verwilderte Ureinwohner, darüber streiten die Gelehrten. Nach singhalesischer Ueberlieferung sind sie Nachkommen des von Wijeyo 543 vor Christi Geburt auf Lanka vorgefundenen Volksstammes der Yakkos, der mit den Nagas die Urbevölkerung der Insel ausmachte. Die Yakkos (Yakkas = Dämonen) tragen ihren Namen von dem Dämonendienst, dem sie huldigten, während die Nagas (Naga = Schlange) Schlangenanbeter waren. Die Nagas flüchteten bei der Ankunft Wijeyos nach Norden. Dieser Teil der Insel hieß von da ab »Naga dipo« Schlangeninsel! Und merkwürdig genug, noch heute besteht dort der alte Schlangenkultus. Auf einer kleinen Insel bei Jaffna werden in einem Tempel lebende Kobras von Priestern und Priesterinnen ehrfurchtsvoll verehrt.

Von den Yakkos, welche sich mit der Gefolgschaft Wijeyos, den Magadhaleuten vermischten, stammen die Singhalesen. Auf jene Yakkos aber, die zur Zeit Wijeyos in die Berge und Wälder flüchteten, führt die Tradition die Wäddas zurück. Das von ihnen bewohnte Gebiet – das Wäddaland – liegt im Süden und Südwesten von Kandy in der Gegend von Badulla. Der Distrikt besteht teils aus parkähnlichem Land, teils aus ungesundem Dschungel mit niedrigen Felshügeln. Diese sumpfigen Niederungen, das »Bintenne«, gleichen in all ihren Einzelheiten dem »Tarrai«, das sich am Fuße des Himâlaya hinzieht.

Man unterscheidet zwischen Küsten-, Dorf- und Felsen-Wäddas. Die Küstenwäddas, die sich an der Westküste Ceylons aufhalten, sind ein wenig zivilisierter und verrichten sogar bei den Tamilen Fischerdienste. – Dorf- und Felsenwäddas zeigen nur geringe Unterschiede. Auch die Dorf-Wäddas leben hauptsächlich von der Jagd. Da sie sich mehr an der Peripherie des Waldes aufhalten, treten sie auch häufiger mit den übrigen Eingeborenen in Verkehr. Obwohl die Dorf-Wäddas ein wenig Reis bauen, so kann man sie doch nicht eigentlich seßhaft nennen. Die englische Regierung ist zwar eifrig bemüht, sie an feste Wohnsitze zu gewöhnen, pflanzt Kokosnußpalmen um ihre Hütten, weist ihnen Reisfelder an, gibt ihnen Sämereien, allein, die Wanderlust kommt doch immer wieder zum Durchbruch. Sie verlassen ihre Hütten und schlagen diese wo anders auf. – Die Gesamtzahl der Wäddas wird auf zwölfhundert geschätzt. Ein unbedeutender Bruchteil hiervon trifft auf die Felsen-Wäddas.

Die »blaublütigen« Kekelé-Wäddas oder Felsen-Wäddas, die man kaum je zu Gesicht bekommt, sind geblieben, was sie von je gewesen, ein nomadisierendes Jägervölkchen ohne festen Wohnsitz, aber mit anerkanntem Landbesitz. Sie leben in den unzugänglichsten Teilen des Urwaldes. Jede Familie hat ihr Revier, das von den andern als Eigentum geachtet wird. Unter vorspringenden Felsen oder in den Aesten der Bäume suchen sie Obdach. Sie folgen dem Wild auf seinen Wanderungen nach den Wasserplätzen, wobei ihre kleinen, vortrefflichen Hunde die Fährte sehr geschickt verfolgen. Der Wädda geht als echter Wilder nackt. Er trägt nur einen Lendenschurz aus Blättern oder einem Lumpen, den er irgendwo gefunden hat. Seine Jagdgeräte sind ebenso primitiv wie seine Kleidung. Eine kleine wuchtige Axt und ein sechs Fuß langer Bogen mit ein paar längeren und kürzeren Pfeilen dienen ihm als Waffe. Die eiserne Spitze des Pfeiles ist das einzige Bedürfnis des Wäddas, das ihn gelegentlich in die Nähe menschlicher Wohnsitze führt. Er legt dann vor das Haus eines singhalesischen Schmiedes nächtlicherweile ein Blatt nieder, das die Form und Größe der gewünschten Pfeilspitze anzeigt. Als Bezahlung läßt er etwas Fleisch, Honig oder ein Tierfell zurück. In einer der nächstfolgenden Nächte kommt er wieder an diesen Ort und erwartet den bestellten Pfeil zu finden. Ward er zur Zufriedenheit bedient, so verleiht er dieser wohl noch durch ein besonderes Geschenk Ausdruck. Ist ihm aber der Schmied nicht zu Diensten, so hat derselbe sein Leben verwirkt. Bei erster Gelegenheit tötet ihn der Pfeilschuß des Wädda. Der Schütze hält den Bogen in der Rechten und spannt mit der linken Hand. Sein Schuß fehlt selten, und den Elefanten trifft er sicher mitten ins Herz. Hat der Schütze aber auf ein Federwild gerechnet, und fehlt ihm der große Pfeil, wenn er auf einen Elefanten stößt, so schleicht er sich an und wartet, bis dieser seinen mächtigen Fuß bewegt. Schnell sendet er einen kleinen Pfeil in die Fußsohle. Ein wütendes Aufstampfen treibt den Pfeil tiefer in den Fuß. Derselbe eitert; er vermag die schwere Last des gewaltigen Körpers nicht länger zu tragen. Der Elefant bricht zusammen und wird ein Opfer des schlauen Wilden.

Alle Wäddas, die »gezähmten« wie die »blaublütigen«, besitzen außer vorsichtigem Beschleichen des Wildes noch ein weiteres Hilfsmittel in ihren dressierten Büffeln. Sie legen dem Tiere einen Strick um eines seiner Hörner. Gewohnt, dem Zug des führenden Leitseils zu folgen, geht dasselbe zu der Stelle, wohin es der Wädda zu haben wünscht. Hinter dem Büffel verborgen, nähert er sich dem arglosen Wild zum sicheren Schuß. Diese Art des Anpürschens mit dem Jagdbüffel ist nicht nur den Wäddas eigentümlich, sondern wird auch von den übrigen Eingeborenen der Insel angewendet.

In der Nahrung sind die Wäddas nicht besonders wählerisch. Erstaunlich ist die Abneigung, welche sie, wie die Singhalesen, gegen das Elefantenfleisch hegen. Auch das Fleisch der Bären, Büffel, Panther und Schakale verschmähen sie. Als bevorzugte Leckerbissen gelten ihnen vielmehr Ratten, Ichneumons, Eichhörnchen, Schildkröten Fledermäuse, Krähen, Rieseneidechsen und geröstete Affen. Ihre Hauptnahrung ist jedoch das Hirschfleisch. In lange Streifen geschnitten, wird es über dem Feuer getrocknet. Ueberflüssigen Vorrat wickeln sie in Baumrinde und versenken ihn in einen hohlen Baum; mit Lehm oder Honig wird die Höhle luftdicht verschlossen.

Die Wäddas gelten für friedfertig und wahrheitsliebend, für treue, zärtliche Ehegatten. Sie leben in Monogamie. Die Ehen werden ohne besondere Zeremonien geschlossen. Der junge Mann spricht sein Verlangen durch das Darbringen von Nahrung an die Eltern des begehrten Mädchens aus. Der Antrag wird meistens angenommen. Entweder der Freier führt die Braut gleich ohne weiteres mit sich fort, oder er holt sie nach ein paar Tagen. Der Ehebruch soll nur höchst selten vorkommen. Dann aber rächt sich der Beleidigte an dem Beleidiger durch einen sicher treffenden Pfeilschuß. Eine Wäddafamilie beschränkt sich meist auf vier bis sechs Personen. Obschon Kindermord unter ihnen nicht üblich ist, sterben die Wäddas doch allmählich aus.

Während die wilden Wäddas ohne ausgebildete Religionsformen sein sollen und in den Yakkas ihre zu Teufeln gewordenen Ahnen fürchten, betrachten die Dorf-Wäddas dieselben als gute Geister. Der Dämonendienst hat bei diesen die Form des Ahnenkultus angenommen. Vor einer Unternehmung rufen sie die Geister der Verstorbenen an und opfern ihnen unter Tanz und Gesang mit Wurzeln und Honig gebratenes Fleisch, das die Anwesenden nachträglich unter sich verteilen und verzehren. Professor Geiger sagt, außer diesen Geistern der Verstorbenen, welche über das Wohl der Lebenden wachen, hätten die Wäddas noch acht oder neun Gottheiten. Böse Geister schienen sie nicht zu kennen. Dagegen besäßen sie Zaubersprüche zur Abwehr von wilden Tieren, wie Elefanten, Büffeln, Panthern und des besonders gefürchteten Bären.

Die Wäddas gehören nach Anschauung der Singhalesen zu einer hohen Kaste, und einer ehelichen Verbindung mit ihnen, die auch manchmal vorkommen soll, steht nichts im Wege. Die einheimische Tradition betrachtet sie als eine Mischrasse von Aboriginern und Ariern, sie führt ihren Stammbaum auf Wijeyo, den ersten König Lankas, zurück.

Als Wijeyo einst erschöpft von Hunger und Müdigkeit unter einer Palme eingeschlummert lag, fühlte er ein leichtes Fächeln, das den Fliegen wehrte. Ueberrascht ob der Fürsorge, öffnete er die Augen und erblickte ein holdes Mägdlein, das ihm winkte, ihm zu folgen. Es war Kuweni, die einzige Tochter eines Yakko-Aeltesten. Wijeyo begehrte die Yakkoprinzessin zur Gattin. Doch kaum durch sie zur Macht gelangt, verstieß er sie und machte eine indische Prinzessin zur Königin. Kuweni hatte dem König zwei Kinder geboren, einen Knaben und ein Mädchen. Nachdem sie beide in die Obhut des Onkels gegeben hatte, wanderte sie zur Stadt, um die Königin zu sehen. Sie wurde erkannt und erschlagen. Der Onkel floh mit den Kindern in das Gebirge. Hier lebten Bruder und Schwester als Mann und Weib. Ihre Nachkommen sind die Wäddas. Mit dieser singhalesischen Tradition soll die der blaublütigen Felsen-Wäddas übereinstimmen.

Um acht Uhr kamen wir nach Matalé. Es regnet noch immer. Wir können von Glück sagen, die Postfahrt mit geraden Gliedern überstanden zu haben. Eine Reise in solcher Kutsche scheint mir mehr Gefahren zu bieten, als eine Seefahrt um die Welt. Die Straßen von Matalé sind finster. Nur in den Kaufbuden brennen ein paar armselige Oellampen. Das resthouse ist hell erleuchtet. Mehr als ein Dutzend Europäer sitzen rauchend um den großen Speisetisch. Werden wir wohl noch Unterkommen finden? Eine herkulische Gestalt mit langem weißen Bart – der erste große, dicke Mann, den ich auf Ceylon sehe – kommt uns entgegen. Es ist der Wirt. Wir fragen, ob noch Betten frei seien. » Perhaps by and by«, lautete die mysteriöse Antwort. Sollten wir vielleicht einer nach dem andern im Laufe der Nacht untergebracht werden? Dies mußte wohl eine singhalesische Redewendung sein. Statt »vielleicht nach und nach«, bekamen wir sofort zwei erträgliche Schlafräume.

 

12. Februar. Nach dem Frühstück besuchten wir die zwei Meilen von Matalé entfernte Alu-Wihara. Ein Wagen für vier Personen war bestellt. Ein Engländer wollte sich anschließen. Indessen fuhr ein Ponywägelchen für drei zwölfjährige Kinder vor. Der Engländer mußte zurückbleiben. Wir nahmen wohl oder übel in dem Chaischen Platz. Charley machte sich noch dünner, als er ohnehin ist, und setzte sich neben den Kutscher. Das Pony zieht an. Langsam und mühselig kommen wir vorwärts. Man fühlt sich als Barbar. Indessen, zu gehen, wäre bei der entnervenden Hitze unmöglich. Die tropische Waldherrlichkeit, die wir durchfahren, ist traumhaft schön. Unsere rote Landstraße zieht sich durch frisch grünende und immergrünende Baumpracht: stolze Palmen, graziöse Akazien, Myrten-, Satin-, Eisen- und Gummibäume, Bananen mit goldgelben Riesentrauben beladen, Tamarinden, Mais, Zuckerrohr. Schlank aufstrebende Papayas entfalten ihre wundervollen Kronen wie zu einem großen Schirm. Unter den schweren, tiefzackigen Blättern hängen grün schillernde Früchte. Zarte Farne ziehen sich an dünnen Fäden um buntfarbiges Laub fremdartiger Bäume und klettern bis in die höchsten Aeste hinein. Wie ein leichter Schleier fällt das durchsichtige Gewirre über gelbflammende Blütenbüschel und süßduftende weiße Sterne wieder zur Erde herab. Den verschwenderischen Reichtum, die berückend feinen Farbentöne in Worten darzustellen, ist unmöglich.

Nach einer kleinen Stunde sind wir am Ziel. Ueber moosbewachsene, schmale, durch massige Pflanzenwände eingeengte Steinstufen, gelangen wir auf die Höhe des Felsens. An der Alu-Wihara ist wenig zu sehen. Wieder ein paar Höhlen mit bunten Malereien, vergrößert durch eine aufgeführte Mauer, die einen überhängenden Felsen stützt. Interessant ist die Alu-Wihara nur wegen ihrer literarischen Bedeutung. In ihr versammelte Walagambahu die Priester, welche die buddhistische Lehre, die bisher nur auf mündlicher Tradition beruhte, in der Palisprache auf Palmblätter niederschrieben.

Die Lage der Alu-Wihara ist malerisch, der Blick in die Landschaft anmutig. Die Felsen, welche sich zu engen Spalten zusammenfügen, sind sehr pittoresk. Ihre inneren Wände scheinen mit weichem schwarzem Samt überzogen zu sein. Es sind Myriaden Fledermäuse, die sich dicht aneinanderdrängen. Leider verbreiten sie einen widerlichen Geruch, so daß man eilig von dannen flieht. Als wir den Felsen herabsteigen, sehen wir zum erstenmal ein fliegendes Eichhörnchen. Größer und weicher im Fell, gleicht es dem unsrigen, wenn es von Ast zu Ast hüpft, will es aber einen weiteren Sprung wagen, so hat es alle Aehnlichkeit verloren. Es spreizt seine vier Beinchen, die durch eine Haut verbunden sind, und schwebt wie ein viereckiges Stückchen Pelz, den Schweif als Steuerruder gebrauchend, wohin es will. Ist es auf die Wiese oder den Zweig niedergesunken, dann zieht es die entfaltete Haut ein und huscht flink auf seinen vier Beinchen davon. Die Metamorphose sieht sehr lustig aus.

Das Pony brachte uns im Schritt nach Matalé zurück. Am Fischmarkt verließen wir den Wagen. Große Fischvorräte liegen ausgebreitet. Zum Schutz gegen die Fliegen sind sie dicht mit feinem Sand bestreut. Kein Wunder, daß man den ganzen Mund voll Sand hat, der zwischen den Zähnen knirscht, wenn man ein Fischgericht ißt. Es sind lauter sllbergraue Flußfische mit rosa und gelben Flossen, kein Vergleich mit den phantastischen Seefischen der Fischhalle von Colombo. Dort schillern in allen Farben des Regenbogens die wunderlich geformten Papagei-, Mond- und Feuerfische und wie sie alle heißen mögen. Aus grünen Köpfen leuchten goldene Augen; glänzend schwarz gestreift, hell- und dunkelblau gefleckt sind die Körper mit rotem, gelbem oder silbernem Schweif. In ihrer unendlich bunten Mannigfaltigkeit möchte man sie mit Schmetterlingen vergleichen. Diese glänzend gefärbten Fische gelten nicht durchaus für wohlschmeckend. Dagegen ist der silberschillernde Ceylonhering nicht nur schön, sondern auch sehr fein im Geschmack. Entgrätet und gedörrt, wird er vielfach zum Curry und Reis serviert. Wie sieht es aber hier wieder zwischen den Buden aus. Nicht anders als nach einem grausigen Blutbad. Tamilen und Singhalesen, Männer und Frauen, alles kaut »Betel«. Das Spucken ist über alle Maßen degoutant. Aber das Betelkauen soll gesund sein. Man behauptet, der Kalk, der in der Mischung enthalten ist, ersetze Vegetariern den Fleischgenuß. Das Betelblatt, in dem die Delikatesse eingewickelt ist, und von dem sie ihren Namen trägt, gleicht unserm Efeu, nur daß es fetter und fleischiger ist. Aus ein paar Stückchen der Arekanuß und dem Kalk gebrannter Muscheln wird das Reizmittel zusammengesetzt. Scharf und beißend, färbt es das Zahnfleisch des Gewohnheitskauers orangerot.

Wir eilen, den Bahnhof zu erreichen. Der Zug steht bereit. Aus dem Fenster der zweiten Klasse blickt ein wunderhübsches Geschöpf, das den Pfad der Tugend verlassen zu haben scheint. Ob es das »Rodiyamädchen« eines Europäers ist? Der Europäer sieht auf Schönheit, nicht auf Kaste. Das schöne Kind sitzt ganz allein im Coupé.

Die buddhistische Lehre verwirft zwar das Kastenwesen, aber dessenungeachtet, bestehen zwischen den Singhalesen dieselben gesellschaftlichen Unterschiede, wie bei den Hindus. Der Singhalese bleibt in dieser Hinsicht seiner brahmanischen Abstammung getreu, die er auf Wijeyo und dessen Gefolgschaft zurückführt. Wie der Hindu, so teilt auch er die Bevölkerung in vier Kasten. Die dritte hat zwei, die vierte sechzig Unterabteilungen. Man sollte glauben, daß hierdurch Raum für alle geschaffen worden wäre. Doch dem ist nicht so. Nach diesen fünfundsechzig Gesellschaftsschichten folgen die » outcasts«, die von der Gesellschaft »Ausgestoßenen«! Auch die »Rodiyas« zählen zu diesen, allein mit Hochmut blicken sie herab auf alle jene, die noch tiefer stehen, so auf den Betelbüchsenmacher, den Wäscher, den Barbier. Sonderbar, daß gerade der »Dhobie« und der »Anbetteyos« zu den Unreinsten gehören! Haben doch beide für die Reinlichkeit der Hohen und Großen zu sorgen. Der eine reinigt seine Wäsche, der andere seift ihm das Gesicht ein.

Die zahlreich verbreiteten Rodiyas sind ein interessantes Geschlecht. Der Menschenschlag ist kräftiger als die Singhalesen höherer Kaste. Die mitunter schönen Mädchen gelten für höchst verführerisch, und das galante Leben ist ihr Beruf. Ueber die Herkunft der Rodiyas gibt es verschiedene Versionen. Sie werden entweder auf die Tschandalas zurückgeführt, welche die tamilischen Fürsten von Indien zur Verrichtung niedriger Arbeiten herüberkommen ließen, oder auf Verbrecher, die sich in den Dschungel retteten. Die Ueberlieferung erzählt von einem königlichen Jäger, der für das Wild der fürstlichen Tafel zu sorgen hatte, und der ohne Beute von der Jagd heimkehrte. Um der Ungnade des Königs zu entgehen, schlachtete er ein Kind, löste die Knochen heraus und setzte es dem König vor. Die Schandtat wurde entdeckt, der Jäger floh in den Dschungel, und die Rodiyas sollen seine Nachkommen sein. Der Rodiya selbst schmückt seinen Stammbaum allerdings romantischer aus. Nach seiner Tradition besaß der große Prakrama Bahu (1147) eine Tochter, Namaratnawali, die er wegen eines Vergehens vom Hofe verbannt hatte. Trotz des väterlichen Verbotes aber kehrte sie in den Palast zurück und redete in der Vorhalle mit einem Diener, des Namens Rodda. Der Mann schenkte ihr Gehör. Zur Strafe wurde Rodda mit der Prinzessin verbannt. Sie zogen in die Einsamkeit, und »Rodiya« hieß ihr Geschlecht. In späteren Zeiten wurden ganze Familien der höheren Kaste als Strafe für Verräterei zu Rodiyas degradiert. Es ist also nicht erstaunlich, wenn diese »Ausgestoßenen« ein schönes, vornehmes Aeußere zeigen.

Die Rodiyas sind die Zigeuner Ceylons. Sie befassen sich mit Wahrsagerei, verstehen sich – wie man sagt – auf magische Künste, verkaufen Zaubermittel und bringen sich ohne bestimmtes Handwerk so gut oder schlecht wie möglich fort. Sie sind klug und gewandt. Sehr zum Erstaunen der übrigen Eingeborenen wählte Ernst Häckel während seines Aufenthaltes in Kandy einen schönen Rodiya als Gehilfen. Er rühmt ihn als gescheit und zuverlässig in seinen Arbeiten. Unter englischem Gesetz sind die Kastenunterschiede aufgehoben worden. Der Abstand zwischen den höheren und niederen Klassen der Bevölkerung besteht aber trotzdem in alter Weise fort, wenn die Ueberzeugung sich auch wohl nach und nach geltend macht, daß vor dem europäischen Richter gleiches Recht für alle gilt.

Der Wahrheit die Ehre zu geben, wir schliefen auf dem Wege von Matalé nach Kandy, statt uns an der blühenden Wildnis und den Palmenwäldern zu begeistern. Kurz vor Kandy stieg das schöne Mädchen aus. Nicht weit vom Bahnhof liegt ein luftiges Bungalow zwischen Teeplantagen.

In Kandy kamen wir um ein Uhr an. Sehr angenehm berührte es uns, unsere alten Zimmer wieder beziehen zu können.

Zum Dinner erscheinen Herr Federer und Frau von R., Herr und Frau Baronin Gemmingen. Wir konstatieren, daß unsere gemeinsame Reise hauptsächlich aus Wiedersehen und Abschiednehmen besteht. Uebermorgen gehen alle wieder nach Colombo voraus.

 

13. Februar. Jenseits des Berges, der den Kandysee abschließt, rauscht die Mahawelli-Ganga – der Sandfluß. Hoch aus den Bergen, nahe dem Adamspik, entspringt er unter Rhododendron, stürzt über Felsen hinab in die waldige Ebene, und fließt als herrlicher Strom durch die schönsten Teile des Landes. In seinem mächtigen Flußbett badet alltäglich nachmittags um drei Uhr die Elefantenherde eines reichen Plantagenbesitzers. Als wir heute den Badeplatz besuchen wollten, durften wir uns dem Ufer nicht nähern. Alles ist abgesperrt und mit Teppichen belegt. Der Gouverneur von Ceylon, der gegenwärtig in Kandy weilt, wird erwartet. Wir versuchen, dennoch vorzudringen, da geht einer der bekannten Platzregen nieder. Nirgends eine Zuflucht! Die Teppiche, die bis zum Ufer hinab den Lehmboden bedeckten, schwimmen in einer gelben Brühe. Die Dienerschaft sieht keine Hilfe, sie läßt sich ruhig anregnen. Wir sputen uns, die Wagen zu besteigen, und eilen zum Hotel zurück. In einer Reihe geschlossener Karossen fuhr die Gesellschaft an uns vorüber.

Mr. Fips aus Amerika wird heute abend erwartet. Es ist einer von den Nawabs aus dem Dollarland. Das gesamte Personal befindet sich in Aufregung, der dicke Manager am meisten. Jetzt gilt es zu – verdienen. Eine ganze Etage wird für den Krösus bereit gehalten. Wer im Wege stand, wurde auslogiert. Es kann nicht fehlen, Mr. Fips wird zufrieden sein, und der Manager auch.

Mr. Fips kommt an und verlangt » ein Zimmer«! Tableau.

 

14. Februar. Eine halbstündige Eisenbahnfahrt brachte uns um sieben Uhr nach Paradeniya, dessen botanischer Garten einen Weltruf genießt. Mit seinen wunderbaren Palmenalleen, Baumgruppen, Wiesen und Seen, seiner wunderfarbenen Blumenfülle erinnert er in nichts an die gewohnte Steifheit einer solchen Anlage. Von drei Seiten durch die Mahawelli-Ganga umspült, liegt er auf einer Halbinsel. Prachtvoll gehaltene Wege durchziehen den Garten nach allen Richtungen. Gleich am Eingangstor steht eine Reihe großer Kautschukbäume ( Ficus elastica). Unheimlich sehen die ungeheuerlichen Bäume aus. Mächtige Luftwurzeln wachsen vom Hauptstamm herab, wie riesige Reptilien winden sich ihre langen Erdwurzeln in weitem Umkreis über den Boden hin. Gegenüber dieser Gruppe Ficus elastica steht eine Reihe üppiger Mahagonibäume. Nun durchschreitet man das Tor des Gartens. Das erste, was man sieht, ist eine Gruppe einheimischer Palmen; als Mittelpunkt die Königin ihres Geschlechts, die Taliputpalme, umgeben von allen Arten ihrer Gattung. Weiter Gruppen ausländischer Palmen von Cuba, Indien, China, Afrika. Man fühlt sich überwältigt von dieser Pracht. Buntfarbige Papageien fliegen hin und her und kreischen leider recht unmelodisch durcheinander. Wir kommen an einem Wunderbaum mit noch nie gesehenen Blumen vorbei. Wie soll ich ihn beschreiben? Auf einem Baum, der einer mächtigen Kastanie ähnelt, zwischen kräftigen glänzenden Blättern, wächst eine Blume, die einem großen Strauße gleicht. Das Innere derselben ist eine dicke rote Knospe, deren Blätter sich wie die einer Artischocke fest zusammendrängen. Ein paar Reihen großer Blätter, in Gestalt und Form wie jene der Azaleen, flattern, immer heller werdend, um die Blüte, die viel größer als die größte Sonnenblume ist.

In der » Carica papaya« machte ich die Bekanntschaft des Baumes, der den Eingeborenen gute Dienste leistet, wenn ihre Digestion durch übermäßiges Rekordessen gelitten hat. Der Saft, den die Blätter und die unreife Frucht der Carica papaya liefern, enthält ein Ferment, das dem des tierischen Magens ähnlich ist. Reizend ist die Mimosa pudica. Wie saftiger Klee sieht die zierliche Pflanze aus, deren Blätter sich bei Erschütterung des Bodens schließen, wenn sich ihr von ferne jemand naht.

Auf köstlich klaren Teichen schwimmen blühende Lotosblumen aller Nuancen in unzähliger Menge. Eine hochstämmige Palmenallee läuft kerzengerade an der einen Seite des Gartens entlang. Die Mahawelli-Ganga fließt trübe nebenher. In künstlich angelegten Buchten, welche die Ganga seltsamerweise mit ganz klarem Wasser versorgt, stehen Bambussträucher aus Java und Malakka. Jeder einzelne Strauch bildet einen Wald für sich. Hundertfünfzig Fuß hoch und fünfundzwanzig Zentimeter dick sind die glänzenden grünen und gelben Rohre. Graziös beugen und wiegen sich die schweren Wedel über den Teichen. Es scheint kaum glaubhaft, daß das Wachstum dieser ungeheuren Masse das Resultat weniger Monate sei. Aus einer unsichtbaren, unter der Erde fortkriechenden Wurzel springen all die zahllosen Stämme hervor. Sie blühen und sterben, um im folgenden Jahre in gleicher Fülle wieder zu erstehen. Bis zu sechzig Stämmen zählt man oft an einem einzigen Busch. Während der Regenzeit im Juni schießen sie in einer Nacht fünfzig Zentimeter in die Höhe. – Das weibliche Bambusrohr ist hohl und besteht aus regelmäßig aufeinander gesetzten wasserdichten Abteilungen, die, abgetrennt, kleine Kästchen liefern. Die zarten Pflanzen des Gartens werden in sie eingesetzt, um so auch verschickt zu werden. Das männliche Bambusrohr ist solide und wird zu härterem Dienst verwendet, z. B. zur körperlichen Züchtigung. Ein Tulpenbaum, wie wir deren so viele in Anuradhapura sahen, blüht in besonderer Pracht. Er heißt wegen seiner zart gelb gefärbten Blüten mit rotem Kelch, die, wenn die Sonne untergeht, mit ihr verblassen, Suriya oder Sonnenbaum. An einem großen Brotbaum oder Jack hängen kolossale Früchte. Sie sollen ein Gewicht bis zu sechzig Pfund erreichen.

Man könnte in alle Ewigkeit aufzählen und würde doch nicht zu Ende kommen. Nur der Orchideenhäuser und des Museums muß ich noch erwähnen. Die Orchideenhäuser sind große runde Lauben mit kleinen Pavillons auf dem Blechdach. Immergrünes Laub hüllt sie völlig ein. Leider standen nur wenige der farbenprächtigen Orchideen in Blüte. – Das Museum des botanischen Gartens enthält eine gut geordnete Sammlung aller Arzneimittel, Drogen und Gewürze, welche auf Ceylon wachsen. Desgleichen waren auch die Querschnitte aller auf der Insel vorkommenden Holzarten aufgereiht: Ebenholz, Mahagoni, Eisen-, Satin-, Eichenholz, Kalamanderholz, das sich nur noch selten findet, das Holz des Bo- und Jackbaumes, endlich das ungeheuer harte Nadunholz, aus dem die Singapurstühle angefertigt werden, usw. In der Nähe des Museums liegt ein Laboratorium. Unter der Vorhalle standen ein paar Käfige mit Tieren. In einem Glaskasten wand sich um einen dürren Baum die » eye snake«, wie die smaragdgrüne Schlange heißt, die wir im Dschungel gesehen haben, und die diesen Namen wohl wegen ihrer Liebhaberei trägt, Mensch und Tier in die Augen zu schießen. Verwirrend war die Kollektion Blatt- und Holzinsekten, die zur Familie der Mantis gehören, und die ich unter dem Namen mimicrys kannte. Niemals würde man glauben, etwas anderes als ein braunes oder hellgrünes Blatt zu sehen, bewegten sich diese scheinbaren Blätter nicht frei umher. Auch das Holzinsekt wird niemand für etwas anderes als für einen blattlosen Stiel halten. Ich habe mir ein kleines, grünes Insekt, vorsichtig mit Nadeln aufgespießt, in eine Schachtel verpackt. Aber ich fürchte, es dürfte, wenn es erst ausgetrocknet ist und mürbe wird, zerfallen, somit die Reisestrapazen nicht überstehen.

Um den Reichtum und den Wert dieses ungeheuren Treibhauses unter freiem Himmel richtig schätzen zu können, müßte man Sachverständiger sein. Für uns Laien war der Eindruck des Gartens vor allem als großartige Anlage ein Genuß, eine herrliche Augenweide.

Nach Kandy zurückgekehrt, mochte ich die Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen, und wollte versuchen, ein paar um diese Zeit gut beleuchtete »Waldinterieurs« aufzunehmen. Alfred begleitete mich. Nach kaum einer Viertelstunde mußten wir das Unternehmen aufgeben. Die Hitze war glühend; man fühlte die Sinne schwinden, wir eilten nach dem Hotel zurück.

Als wir nachmittags einen erneuten Versuch machen, die Elefantenherde des reichen Plantagenbesitzers im Bade zu überraschen, finden wir sie vollzählig zur Stelle. Ein Dutzend mächtiger Tiere liegt im Wasser, pustet, schnaubt und spritzt das mit dem Rüssel gefaßte Wasser über sich hin. Auf einzelnen Tieren sitzen »Mahuts« und reiben und fegen mit Bürsten und Steinen an ihnen herum. Sobald sie uns erblicken, erhebt sich einer der Riesen und kommt aus dem Wasser gestampft, andere folgen. Ein Baby, das aber die Größe eines Ochsen besitzt, ist auch darunter. Ruhelos schwingen sie die Rüssel, an denen vorn der »kleine Finger« verlangend zittert, in hohem Bogen hin und her. Wir hatten uns mit Leckerbissen aller Art für sie verproviantiert, und es war verwunderlich zu beobachten, mit welcher Geschicklichkeit auch das geringste Krümchen mit dem Finger erfaßt und in das ungeheure Maul geschoben wurde. Ihre gewöhnliche Ration ist achtzig Pfund grünes Futter und achtzehn Pfund Körner pro Tag.

Ich kann nicht sagen, daß ich mich inmitten der Elefanten gerade sehr behaglich gefühlt hätte. Die Nähe der kolossalen Füße weckte grausige Vorstellungen in mir. Auf ein kosendes Wort – jeder Elefant hat seinen Namen – auf einen leisen Wink des Mahuts, hebt einer der Riesen gehorsam seinen rechten Vorderfuß auf. Der Mahut stellt sich in das Innere desselben, wird behutsam aufgehoben und schwingt sich dann auf den Hals des Tieres. Die Herde kehrt ins Wasser zurück. Die Elefanten legen sich auf die Seite und die Mahawelli-Ganga rauscht kühlend über sie fort.

Die meisten Elefanten auf Ceylon werden zum Ausroden des Dschungels, zum Tragen des Bauholzes, Aufrichten von Dämmen, zum Brückenbau und zum Wegemachen verwendet. Unschätzbar sind sie für die Kultivierung des Landes. Die schwersten Ackerbaumaschinen ziehen sie spielend. Freilich bedarf der Elefant einer langen Lehrzeit und Schulung, wie der Mahut sagt. Doch es lohnt die Mühe, da er ein Alter von achtzig bis hundert Jahren erreicht. So groß er ist, so zart ist seine Gesundheit. Die Füße sind überaus empfindlich. Die bei Tag und Nacht gleich gut sehenden Augen neigen zur Entzündung, und die Haut springt bei unaufmerksamer Pflege wie die eines verhätschelten Stadtkindes. Trotz seines Gewichts ist der Elefant ein ausgezeichneter Schwimmer und vorzüglicher, sehr geschickter Bergsteiger. Fußspuren auf dem Adamspik zeigen, daß auch er die Wallfahrt unternommen hat. In ruhigem, gleichmäßigem Schritt legt der Elefant täglich fünfzig englische Meilen zurück, wird er aber überanstrengt, so fällt das willige Tier plötzlich tot um. Die Märe vom gebrochenen Herzen, an dem der Elefant sterben soll, erzählt hier jeder. Als Beispiel wird angeführt, wie ein erst kurz vorher gefangener Elefant, der sich gutwillig in alles fügte und aus der Hand fraß, tot zusammenbrach, als ihm das Geschirr angelegt wurde und er einen Wagen ziehen sollte. Der Mahut sagt, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, aus Empörung über die Schmach, knechtische Dienste tun zu sollen!

Die Elefanten werden auf eine nur bei den Singhalesen übliche Art mittels des sogenannten »Kraals« gefangen. Eine unsichtbare Palisade, eine feste, undurchdringliche Umzäunung wird so geschickt im Dschungel errichtet, daß der wilde Elefant die Falle nicht merkt. Vier bis fünftausend Treiber umzingeln das Revier, in dem eine Elefantenherde ausgekundschaftet wurde. Tag für Tag wird der Spielraum kleiner, in dem die Tiere freie Bewegung genießen. Täglich werden sie dem Eingang des Kraals näher zugetrieben. Haben sie denselben aber überschritten, so sind sie gefangen. Zahme Elefanten empfangen sie freundlich und umflirten sie eifrig, während sie mit Zärtlichkeit die aufgeregten Fremdlinge zu beruhigen trachten, verstecken sie zugleich den Mann, welcher, mit einer festen Schlinge versehen, herankriecht, um sie um den Fuß des frisch gefangenen Riesen zu werfen. Ist dies geschehen, so wird der Gefangene an einem Baum festgelegt, wobei die zahmen Kollegen verständnisvoll helfen.

Einst richteten die Elefantenherden ungeheuren Schaden an, zertraten in einer Nacht die Lebensarbeit eines » planters« und vernichteten die schönsten Kokosnußplantagen. Um diesen Verwüstungen abzuhelfen, wurden auf den Kopf eines getöteten Elefanten zehn Rupien Belohnung ausgesetzt. Bald aber trat die Kehrseite ein. Die Dickhäuter drohten auszusterben, wie die Büffel in Amerika. Seit 1872 erhebt die englische Regierung hundert Rupien für den Erlaubnisschein, einen Elefanten zu schießen, Heute sollen die Herden beinahe ihre frühere Stärke erreicht haben. Besonders in den nördlichen Provinzen, wo unsere blasse Ingenieursfrau im Dschungel gelebt hat, sind die größten Elefanten herdenweise vertreten. Das Eldorado der Jäger aber liegt in den Teilen der Insel zwischen Badulla und Magama. Ein sechzig Quadratmeilen großer Urwald ist das ergiebigste Jagdgebiet für Elefanten, wilde Büffel-, Schrei- und Schweinehirsche, wie sonstiges fremdartiges Wild.

Auf Ceylon einen Elefanten zu schießen, ist nur eine Frage des Geldes. Man stellt sich unter die Fürsorge eines Unternehmers, der die Jagd arrangiert und für die Erlegung eines Elefanten garantiert. Dem Unternehmer zahlt man ein vereinbartes Tagegeld, zwölf bis fünfzehn Rupien, dafür schafft er die Jäger, die Zelte, die Verpflegung. Gegen ein paar hundert Rupien kann man sicher sein, zum Schuß zu kommen.

Unser Boy Charley zeigte sich bei unserer heutigen Ausfahrt als Interpret sehr gewandt. Da wir ihn nur noch wenige Tage besitzen, durchbrechen wir unsere majestätische Reserve und lassen uns huldvoll in ein Gespräch mit ihm ein. Zu unserm größten Erstaunen vernehmen wir, daß er von Hause aus Bergwerksmanager ist, und daß er in seiner Stellung elf Bücher zu führen hatte – vielleicht war es auch nur ein einziges! Jedenfalls schreibt und liest er tadellos. Auch weit gereist ist das dürre Männchen. Er war in Birma, Japan, Java und Aegypten.

 

15. Februar. Die Reisegesellschaft hatte sich wieder einmal getrennt. Frau von R. und Herr Federer, Baron und Baronin Gemmingen fuhren heute morgen nach Colombo. Wir folgen übermorgen. – In meinem Zimmer zeigt das Thermometer morgens 22½, in der Sonne steigt es bis zu 44, im Schatten sinkt es auf 25½ Grad Reaumur. Als feuchte Hitze eine höchst unangenehme Temperatur. Die beiden letzten Tage, die wir noch in Kandy weilen, gelten Spaziergängen in der nächsten Umgebung. Mit großem Geschick sind die Promenaden angelegt, alle gleich schön, gleich schattig und mit reizenden Durchblicken in die Ferne. Entzückend ist » Lady Hortoms Walk«. Langsam ansteigend führt die Straße an dem jenseitigen Abhange des nördlich von Kandy gelegenen Berges hinauf. Dieser Weg bietet einen wundervollen Rundblick. Zu unsern Füßen fließt die Mahawelli-Ganga. Wie ein breites Silberband zieht sie sich durch ein herrliches Waldtal. Zwei blaue Bergketten erheben sich nordwärts in feucht glitzernder Ferne. Ein wenig links und näher eine hohe Felsenpyramide und gegenüber, von Wolken leicht umhüllt, fünf massige Kuppeln. Wir stehen am Rande des Berges. Neben uns, unter uns, über uns Riesentannen, blühende Cinnamoneichen, Kitoolpalmen, die wie Frauenhaar gekräuselt sind, und Blätter- und Blumenbäume in dichten wilden Massen und wundervoller tropischer Pracht.

Es ist Sonntag. Ganz Kandy lustwandelt, die Christen wie die Buddhisten. Die kleinen getauften Mädchen sehen gar drollig aus. Ihre dunkeln Körperchen stecken in rosafarbigen und himmelblauen Kleidern. Schmale Gesichtchen schauen altklug aus dem bis zum Kinn geschlossenen Leibchen hervor. Je drei in einer Reihe gehen die Kinder Hand in Hand, blicken rechts und blicken links, prüfend, ob man auch hört, wie fein sie englisch plappern, ob man sieht, wie europäisch sie sich zu benehmen wissen. Die armen kleinen Aeffchen, wenn sie doch wüßten, wie häßlich sie aussehen, und wie reizend neben ihnen ihre heidnischen Schwesterchen wirken, die nur mit einem silbernen Herzblättchen bekleidet sind, das ihnen an einem grauen Faden um den Leib hängt.

Das so getragene Herz ist dem Boblatt nachgeformt und als solches ein »Amulett« gegen den bösen Blick.

Hinter den kleinen singhalesischen Zierpüppchen kommt ein Troß wie Oxforder Studenten kostümierte Buben. Nur einer trägt den weißen Schleier des Tamilen, der ihm in weichen Falten um die Glieder fließt. Wie ein Prinz sieht der Knabe unter diesen maskierten christlichen Honoratiorenkindern aus. Wir sprachen mit mehreren dieser Jungen. Sowohl die europäisch gekleideten unter ihnen, als auch jene in Nationaltracht, besitzen dieselben Kenntnisse wie unsere Deutschen gleichen Alters. Sie kennen die Geschichte und Geographie ihrer Insel und die Englands ganz genau, sprechen außerdem fließend und mit gutem Akzent Englisch.

 

16. Februar. In den letzten Stunden des letzten Tages suchen wir noch einmal die entzückenden Wege auf, die durch Waldesdunkel in Waldestiefe führen, wo zwischen hohen Bäumen und saftigen Büschen feine Gräser, feurige Blumen stehen, bunte Blütenpracht knorrige Stämme umschmeichelt, sich leichtes Gewinde von Zweig zu Zweig schlingt und geflügelte, durchsichtige Wesen seltsame Gewebe durch den Wald ziehen. In solch tiefer, grüner Wildnis traf Baron Gemmingen am letzten Tage vor seiner Abreise ein wundervolles Exemplar der Cobra, hoch aufgerichtet und mit aufgeblähter Haube an. Es war dies die einzige ungezähmte Cobra, die einer von uns auf der ganzen Reise erblickt hat.

Das Hotel ist überfüllt, Fremde suchen in Kandy Kühlung, die teaplanters der Umgebung Amüsement. Letztere haben auf ihren » estates« kein besonders bequemes Leben. Das »Teepflücken« setzt sich das ganze Jahr hindurch fort, verlangt viel Aufmerksamkeit und europäische Aufsicht. Vor allem bilden die heftigen Niederschläge eine stete Sorge des » planters«. Seine Kulturen ziehen sich an dem Berggelände hin. Durch die furchtbaren Platzregen wird das beste Erdreich des abschüssigen Terrains leicht fortgeschwemmt und muß mühselig aus den tieferliegenden Ländereien wieder heraufgeschleppt werden. Nur selten findet man Singhalesen auf den » estates« beschäftigt. Sie erachten die Feldarbeit für entehrend, sofern sie nicht direkt zum eigenen Unterhalt dient. Die kräftigen und fleißigen Tamilen, die zu Hunderttausenden von Südindien nach Ceylon herüberkommen, bilden die Stützen der Pflanzer. In der Heimat verdienen sie jährlich kaum vier Pfund, in Ceylon dagegen das Drei- und Vierfache. Sachverständige versicherten mich, daß in einer allzuguten Bezahlung, d. h. in einer höheren, als sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen, eine große Gefahr läge. Die Kulis arbeiten nur, solange sie nichts erübrigt haben. Sobald sie einen Ueberschuß besitzen, stellen sie die Arbeit ein und feiern ein paar Tage. Solche Arbeitskräfte hindern den regelmäßigen Betrieb eines Unternehmens und zwingen den Arbeitgeber zu dem seltsamen Mittel, möglichst wenig zu zahlen, um dauernd Arbeiter zu haben.

Heute abend verlangten wir die Hotelrechnung. Welche Ueberraschung! Der »wundermilde« Wirt hatte für die fünf Tage unserer Abwesenheit uns achtzig Rupien und Graf Lippe vierzig Rupien aufschreiben lassen. Wir trauten unsern Augen kaum, und Alfred meinte, daß dieser edle Herr von R. mit der rötlich glühenden Nase und nach Whisky duftenden Atmosphäre bezüglich des Erwerbsinns durch seine raubritterlichen Ahnen erblich belastet sei. Kein Zweifel, er betrachtet die armen Reisenden, welche in seine Hände fallen, als von Gott gesandte Aussaugungsobjekte. Oder sollte er das von den hiesigen springenden Blutegeln gelernt haben?

Infolge unserer Reklamationen motivierte er seine Forderung damit, daß er unsere Zimmer reservieren mußte, weil der Boy des Grafen Lippe vor dessen Zimmertür geschlafen und jedem den Zutritt verwehrt habe. Wann aber hätte je ein Europäer die Worte eines natives beachtet, wenn es ihm nicht bequem gewesen wäre? Der Vorwand erschien überhaupt lächerlich, wenn man sah, wie der gewalttätige Mensch sonst mit den armen Eingeborenen umsprang. Hatte er doch vor wenigen Tagen einen unglücklichen » guide«, der, seinem leuchtenden Vorbild folgend, einen Reisenden um weniges übervorteilt hatte, derartig geprügelt, daß der Bejammernswerte ins Spital gebracht werden mußte, von R. ließ denn auch sofort uns fünfzig, dem Grafen Lippe fünfundzwanzig Rupien nach, wodurch er sich eigentlich, wie Alfred sagte, recht als degenerierter Epigone des stolzen Räubergeschlechtes offenbarte. Wären wir hartnäckiger gewesen, so hätte er wohl auch den Rest seines Rançons fahren lassen, aber wir standen vor der Abreise und wollten keine weiteren Unannehmlichkeiten haben, worauf der alte Schlaumeier natürlich gerechnet hatte. Solche Versuche scheinen sich übrigens bei ihm zur lieb gewordenen Gewohnheit ausgestaltet zu haben. Bei Baron Gemmingen hatte er es auch probiert, war aber gründlich abgeblitzt, ebenso bei Mr. Fips. Eigentlich wären auch wir gewarnt gewesen, denn schon bei unserer ersten Ankunft im Hotel hatte er uns angelogen. Damals versicherte er uns, daß wir nicht darauf rechnen könnten, Postplätze in Matalé reserviert zu finden, da er dieselben für seine Gäste auf Wochen hinaus vorgemerkt habe. Hätten wir dem edeln manager geglaubt, so wären wir um den schönen Ausflug nach Anuradhapura gekommen.

Zu meinem Bedauern muß ich konstatieren, daß, nachdem wir auf unserer ganzen Reise durch Indien selbst von den gottlosesten Heiden und Schwarzen immer ehrlich und anständig bedient worden waren, es leider ein christlicher Deutscher gewesen ist, der eine unrühmliche Ausnahme gemacht. Nicht leugnen will ich allerdings, daß das Hotel gut geführt und das Essen trefflich ist. Wenn nicht die Frau des Wirts in unseliger Erinnerung an ihre Chansonettenzeit geglaubt hätte, die Gäste den ganzen Tag durch musikalische Vorträge unterhalten zu sollen, der Aufenthalt in dem guten Hotel, in dieser paradiesischen Gegend, wäre zu schön gewesen.

 

18. Februar. Schweren Herzens trennen wir uns von dem lieblichen Kandy. Eine Abschiedsstimmung beschleicht uns. Mit unendlichem Bedauern denken wir daran, daß uns nur noch wenige Tage des Aufenthaltes auf dieser »göttergeliebten Insel« bleiben, die nur vielleicht ein wenig zu heiß ist, um auf ihr ganz glücklich zu sein. Als wir den Zug besteigen, hat es achtundzwanzig Grad Reaumur im Coupé. Hinunter, immer weiter hinunter saust der Zug, dessen Tempo uns heute zum erstenmal zu schnell erscheint. Wir umfahren den majestätisch aufragenden Allagalla, einen spitzen Felsen, von dem einst die alten Könige Kandys jene Untertanen hinabstürzten, die schmählichen Verrat geübt hatten. Schnell folgen sich immer neue Panoramen, liebliche Szenerien. Wie viel ist noch zu sehen! Wir blicken nach rechts, nach links, um nur ja nichts zu versäumen; auf die Berge hoch über uns, wie in die weiten, tief unter uns liegenden Täler. Ueberall unbeschreiblich herrliche Vegetation. Eine wellige Hügellandschaft tut sich vor uns auf. Am Horizont in der Ferne sehen wir tiefblau den Adamspik. Leider konnten wir ihn nicht besteigen. Es fehlte uns der Mut, bei der großen Hitze eine so bedeutende Anstrengung zu wagen. Wie gerne hätte ich seinen weltberühmten Schatten gesehen den er kurz vor Sonnenaufgang plötzlich in die Atmosphäre wirft.

In Colombo angekommen, fahren wir direkt zu Konsul Freudenberg und Thomas Cook, um unsere Post zu holen. Veraltet sind alle Nachrichten. Nie hat mich die Antwort auf einen meiner Briefe erreicht. Doch während man die Nachrichten liest, vergißt man für Augenblicke die Zeit, die zwischen den Zeilen liegt, und genießt die lieben Heimatgrüße ohne Nebengedanken.

Im »Galle-Face-Hotel« werden wir mit gewohnter Aufmerksamkeit empfangen. Zwei luftige Zimmer mit herrlich freiem Blick aufs Meer stehen für uns bereit. Es ist wohl heißer hier unten in der Ebene als oben in den Bergen. Allein, die Seebrise, die durch die Zimmer weht, wirkt belebend, beinahe erfrischend.

 

19. Februar. Um 7½ Uhr 23 Grad Reaumur im Zimmer.

Heute feiert die deutsche Kolonie den sechzigsten Geburtstag des Konsuls Freudenberg und Fürsten von Colombo. Im Hotel Bristol haben die Freunde einen Festabend arrangiert. Um sieben Uhr versammelt sich die Kolonie, um sieben Uhr fünf Minuten fahren Konsul Freudenberg und Gemahlin vor. Mit den gebührenden Ehren, Blumen und dreimal donnerndem Hoch freudig empfangen, wird der Gefeierte in den reich geschmückten Saal des Hotels geleitet.

Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von einheimischen Fremden und flüchtigen Reisenden, die sich versammelt hat und nun an der Festtafel Platz nimmt. Nach dem Toast auf Seine Majestät den Deutschen Kaiser spricht Oberst von Raffey. In begeisterten Worten hebt er die hohen Verdienste des Jubilars hervor; sein großes Geschick, die vielseitigen Interessen der Landsleute zu berücksichtigen und zu wahren. Er betont, wie durch ihn die Stellung der Deutschen auf Ceylon an Ansehen gewonnen, wie durch seine tätige Umsicht sich der Handel gehoben habe, und wie es ihm allein zu verdanken sei, daß das Einvernehmen zwischen der deutschen Kolonie und den Engländern sich mehr und mehr freundschaftlich gestaltet.

Der schöne alte Herr steht, obwohl er beinahe ein Menschenalter im tückischen Tropenklima gelebt und gearbeitet hat, noch in voller Gesundheit und Kraft vor uns. Nach Tisch wird ein Gelegenheitsstück aufgeführt, später musiziert. Unter den anwesenden Damen ist eine Deutsch-Engländerin, die mein besonderes Interesse weckt. Mrs. Musaeus Higgins gründete hier eine buddhistische Mädchenschule mit dem Zweck, die Singhalesinnen in ihrer Religion zu erziehen und ihnen ihre Nationaltracht zu erhalten.

 

20. Februar. Von dem heutigen Tage erwarte ich mir eine Offenbarung. Wir sollen um neun Uhr bei dem Hellseher von Colombo vorgelassen werden. Dem »wir« fehlt leider Graf Lippe, der verhindert ist, mitzugehen. Außer Alfred und mir haben sich der Führung des schon früher erwähnten Herrn K., dessen Gattin und ein Amerikaner mit seiner Vorleserin angeschlossen. » The Honorable Dr. Oronhyatekka, the last remaining chief of the Aztekes«, stellt Herr K. die mächtige Erscheinung als letzten Nachkommen Montezumas vor, neben dem seine Begleiterin wie eine Liliputanerin aussieht. Mr. Oronhyatekka, der in seiner Heimat die »schwarze Wolke« heißt und mich beim Abschied in sein Wigwam einlädt, das irgendwo in Kanada liegt, ist zu Hause ein bedeutender und einflußreicher Mann, der Gründer einer auf Gegenseitigkeit beruhenden großartigen Lebensversicherungsbank, die erste, an der sich Indianer beteiligen können. Als Aufnahmebedingung in dieselbe gilt ein nüchterner Lebenswandel. Trinker sind ausgeschlossen. Oronhyatekka, der nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Menschenfreund ist, will durch diese Maßregel dem unter den Indianern herrschenden Branntweingenuß Einhalt gebieten, will durch sie den Familien das Oberhaupt länger erhalten und zugleich den Aktionären eine möglichst hohe Dividende sichern.

Unsere kleine Expedition setzt sich von der Ecke des Hotels Bristol in Bewegung. Herr K. war durch ein Erlebnis in der verflossenen Nacht noch sehr erregt. Er lag schlafend im Bett, als er sich plötzlich mit seiner Matratze höher und höher gehoben fühlte. Entsetzt sprang er auf. Eine enorme schwarze Ratte wälzte sich unter der Matratze hervor und entfloh. Sein anerkannt tüchtiger Rattenfänger aber hatte sich ins Nebenzimmer geflüchtet und lag, am ganzen Leibe zitternd, unter dem Sofa, was er auch immer tut, wenn sich der abgeschiedene Hausherr manifestiert. Durch diese geheimnisvolle Geschichte in mystische Stimmung versetzt, besteigen wir die Elektrische und fahren durch endlose Straßen unzähliger Vorstädte. Endlich, an einem Kreuzweg, steigen wir aus. Wenige Häuser weiter lesen wir: » fortuneteller«; was sonst auf der Tafel noch steht, ist uns singhalesisch. Wir stehen vor einem alten holländischen Haus mit dunkler, nach der Straße hin durch Holzgitter abgeschlossener Veranda. Sie ist mit Wartenden überfüllt. Kurz nach neun Uhr wird die Haustür geöffnet. Wir treten ein und befinden uns in einem dämmerigen Raum, mit der Durchsicht in einen lichtüberfluteten Garten. Auf dem Boden hocken und liegen Eingeborene auf ihren Matten. Seit vierundzwanzig Stunden warten sie in gläubiger Einfalt darauf, vorgelassen zu werden, das Antlitz des »großen Lichtes« zu sehen. Kranke, Geschäftsleute, Mütter, Mädchen und Jünglinge holen sich seinen Rat und hoffen auf seine Hilfe. Alle blicken nach einer kleinen offenen Tür, die in ein längliches Zimmer führt. An der gegenüberliegenden Wand dieses Zimmers sehen wir in Rauch gehüllt eine weiße Gestalt. Man bittet uns, einzutreten. Auf einer für uns aufgestellten Stuhlreihe nehmen wir Platz. Vor dem mit Blumen und Bildern geschmückten Tisch sitzt mit geschlossenen Augen der Seher. Er beugt sich über die Duftpfanne, neben der ein trübes Oellicht brennt. Ein großes Buch liegt zur Seite des zauberkundigen Mannes aufgeschlagen. Herr K. erklärt dem Dolmetscher unser Begehren, der es weitergibt. Meinen Namen, die Stadt und die Straße, wohin die Reise des »Lichtes« gehen sollte, mußte ich angeben. Beides wird in das Zauberbuch eingetragen. Nachdem die Reiseroute festgesetzt worden, opfere ich mit dem Wunsche »sein Licht möge klar sehen«, eine Handvoll Betel. Dann werde ich aufgefordert, mich auf meine Frage zu konzentrieren. Gebete und Sprüche murmelnd, wirft der Seher wieder Rauchpulver in die Pfanne und hält sich ein dampfendes Gefäß an den Mund. Als er sich genügend vorbereitet glaubt, stellt er eine schwarze Platte vor sich hin, füllt noch einmal die Schale mit Weihrauch, legt die Hände zusammen, und in blauen Nebel gehüllt, blickt er in diesen Weltspiegel. Sein »Licht« wandelte auf meinen Wunsch nach München, hat aber dort offenbar den Namen der Straße und die Hausnummer falsch gelesen – was in der frühen Morgenstunde eines deutschen Wintertages – wir sind der Münchener Zeit um 5½ Stunden voraus – erklärlich ist. Kurz, statt zu einer kinderlosen Dame verirrte sich das »Licht« in eine reich gesegnete Familie, über deren Haus eben der Storch zum fünften Male flog.

Seine noch folgenden, mich und die andern betreffenden Aussagen waren ebenso lichtvoll und wahrheitsentsprechend. Uns beugend vor der unerforschlichen Macht, die hier sich dem trüben Blick gezeigt, verließen wir das »große Licht«. Seine Begabung hat dem Hellseher ein bedeutendes Vermögen eingetragen. Bei allen andern Gelegenheiten – so sagte man uns – nur leider gerade heute nicht – pflegt er ganz ausgezeichnet in die Ferne zu sehen.

 

21. Februar. Durch die liebenswürdige Vermittlung der Frau Konsul Freudenberg konnte ich heute die von Mrs. Musaeus Higgins gegründete Schule besuchen. Mrs. Higgins, deren Gatte vor elf Jahren starb, suchte, um das Leben nach dem schweren Verlust noch fernerhin tragen zu können, eine ernste Beschäftigung. Als Wink des Schicksals erschien es ihr daher, daß in einem Inserat der »theosophischen Zeitung« unmittelbar unter der Todesanzeige ihres Mannes eine Lehrerin zur Leitung der buddhistischen Schule in Colombo gesucht wurde. Kurz entschlossen, bot Mrs. Higgins ihre Kraft an und erhielt eine zusagende Antwort. Alle Vorbereitungen zu ihrer Abreise von London waren vollendet, als ihr die Nachricht zukam, eine andere Dame habe im letzten Augenblick den Vorzug erhalten. Allein, nach wenigen Wochen folgte dieser Absage die Bitte, nun doch die Stellung antreten zu wollen. Die junge, vor kurzem eingetroffene Lehrerin war tot aufgefunden worden. Ob ermordet, oder durch eigene Hand umgekommen, wurde niemals ergründet. Mrs. Higgins schiffte sich mit dem nächsten Dampfer nach Colombo ein. Seit dieser Zeit widmet sie all ihre Kräfte in selbstloser Weise dem Unternehmen. Sie hatte bei ihrer Ankunft Verhältnisse angetroffen, die es ihr unmöglich machten, die Schule in der bisherigen Weise weiterzuleiten, weshalb sie sich von der bestehenden trennte und eine eigene, kleinere Anstalt gründete, in welcher die Kinder unbemittelter Eltern kostenlos oder gegen geringe Bezahlung (2 Rupien = 2 Mark und 60 Pfennig monatlich) aufgenommen wurden. In Mr. d'Abbrew, einem wohlhabenden Singhalesen, fand sie einen tatkräftigen und einsichtsvollen Gönner. Wenn auch nur in bescheidenem Umfang, so gelang es ihr doch, mit seiner Hilfe ihre Idee zu verwirklichen. Mr. d'Abbrew stellte ihr einen Garten zur Verfügung. Ein Haus aus Lehm mit Palmdach (» mudhouse«) wurde errichtet, und für lange Jahre war hier die Stätte ihres Wirkens, ihr Heim. Nur wer solch niedriges Erdhaus gesehen hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, welch eiserne Willenskraft, welche große Begeisterungsfähigkeit dazu gehört, als Kulturmensch in einer derartigen Behausung auszuharren.

Eine große Ueberraschung bietet die äußere Erscheinung der Persönlichkeit, die so tapfer alle Beschwerden und Kämpfe überwand und unentwegt auf ihr ideales Ziel zuschritt: der armen Bevölkerung durch Hebung ihrer sittlichen Anschauungen, Förderung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Es ist eine kleine, rundliche Dame mit Kinderhändchen. Der Ausdruck ihres Gesichts verrät wohlwollende Güte. Aus ihrem Auge, aus ihrem ganzen Wesen spricht Zuversicht und Vertrauen auf höhere Hilfe, die ihr auch immer in kritischen Augenblicken wird. Das Vertrauen auf die Vorsehung bildet die Kraft der höchst sympathischen Frau. Rührend ist die Bescheidenheit, mit der sie von ihrer Arbeit erzählt. Als Mr. d'Abbrew den wohltätigen Einfluß ihrer Bestrebungen erkannte, half er weiter und interessierte auch andere Singhalesen für die Bildungsstätte. Neben dem » mudhouse« baute Mrs. Higgins mit kleinen Mitteln ein neues Haus für ihre Schule. Am gleichen Tage, als das Bungalow beziehbar wurde, fiel das » mudhouse« plötzlich ein. Weiße Ameisen hatten die stützenden Balken ausgehöhlt. Während des Kochens der letzten Mahlzeit, die in dem alten Haus genommen werden sollte, schrien die Kinder entsetzt auf, »das Haus stürzt ein.« Den Speisetopf ergreifend, floh Mrs. Higgins in das neue Bungalow, wo unter besonderen Dankgefühlen der erste Curry mit Reis verzehrt wurde.

Das einfache, kleine Gebäude, in dem Mrs. Higgins lebt und wirkt, steht neben einem von Palmen beschatteten Spielplatz. Der Fußweg führt durch einen schattigen Garten auf das Haus zu. Ueber eine etwas erhöhte Veranda tritt man in dasselbe ein, zuerst in den hellen Salon, in dem eine reiche theosophische Bibliothek aufgestellt ist. An den Wänden hängen die Porträts der Frau Blawatsky und der Annie Bésant, der berühmten Gründerin und geistreichen Förderin der Theosophie. In einer Nische steht die Büste des Colonel Olkott, des Hohenpriesters der theosophischen Lehre. Dieser gewiß von den besten Intentionen beseelte Mann hat sich bei der englischen Regierung auf Ceylon sehr unbeliebt gemacht. Er veranlaßte die Neubelebung der buddhistischen Feste und Umzüge, bei denen es, wie z. B. in Galle, zu öffentlichen Ruhestörungen kam. Er reizte die buddhistische Priesterwelt gegen die christlichen Missionen auf. Seiner Einwirkung wird es zugeschrieben, daß die Priester auf den höchst sonderbaren Strafmodus verfielen, jenen Buddhisten, die sich dem Christentum zuwandten, den Segen des Teufelstanzes zu versagen. Zauberer und Beschwörer durften für den »Christen« nicht mehr wirken, und den Astrologen ward verboten, den Abtrünnigen das Horoskop zu stellen; wer sich taufen ließ, mußte 1½ Rupien Strafe zahlen; lauter Bestimmungen, die den meist nur äußeren Vorteil suchenden Eingeborenen davon abhalten, sich zum Christentum zu bekennen, da ihm dann die Tröstungen des alten Glaubens fehlen, die er in entscheidenden Augenblicken im geheimen immer wieder sucht.

Neben dem Salon befindet sich das Speisezimmer, in dem ein Harmonium steht. Rückwärts, an das Bungalow anschließend, liegt ein grüner, von bescheidenen Holzhallen und dem großen Lesesaal umschlossener Hof. In den Hallen finden die Mahlzeiten der Kinder statt, und in einzelnen abgetrennten Abteilungen erhalten die jüngeren Schülerinnen Unterricht. Neben der ersteren sind die Wirtschaftsräume vorgesehen. Außer zwei alten Weibern, welche die Küche unter sich haben, und einem alten Mann, dem die schwere Hausarbeit zufällt, werden alle übrigen Obliegenheiten von den Kindern selbst besorgt. Die Schlafsäle sind im oberen Stockwerk untergebracht. Nur halbhohe Wände trennen die einzelnen Räume, um freien Luftdurchzug zu gestatten. Die Kinder besser situierter Eltern schlafen auf Feldbetten, die andern, nach Landessitte, auf Matten. In jedem Raum führt ein älteres Mädchen die Oberaufsicht. Hier oben unter dem Dach hat auch Mrs. Higgins ihr Schlafzimmer, wenn man die bescheidene Ecke des Hauses, die sich die selbstlose Frau vorbehielt, so nennen kann. Die Ernährung der Kinder besteht zum Frühstück aus einer Suppe, mittags und abends aus der Nationalspeise Curry mit Reis.

Man darf sich unter Curry mit Reis aber nicht etwa ein Gericht vorstellen, das mit dem uns in Europa bekannten, wie Feuer brennenden Currypulver hergestellt ist. Der Curry wird alltäglich frisch zugerichtet. Er ist eine schmackhafte Mischung von zarten Gemüsen, reifem Pfeffer, Curcume, grünem Ingwer usw., der zugleich mit Kokosnüssen, Krebsen und gedörrten Fischen zum Reis serviert und gegessen wird. In der endlosen Reihe verschiedener Curryzusammenstellungen liegt die Kunst der singhalesischen Köchin. Und auch am europäischen Tisch wird dem Curry mit Reis große Aufmerksamkeit geschenkt. Er fehlt bei keiner Mahlzeit, nur, daß er hier oft aus Hammel- oder Hühnerfleisch bereitet wird.

Die Schule besteht aus acht Klassen, von denen die oberste (achte) in zwei Abteilungen zerfällt. In der oberen Abteilung sind die besonders begabten Schülerinnen vereinigt, die ihr Studium fortsetzen und sich weiter ausbilden wollen. Aus der Schule ist bereits ein Mädchen mit dem Reifezeugnis für den Besuch einer englischen Universität abgegangen. In diesem Jahre folgt ein zweites. Unterstützt wird Mrs. Higgins in den verschiedenen Lehrfächern von Lehrerinnen, die in der Schule ausgebildet worden sind. Die Stunden im Singhalesischen, in Geographie, Geschichte, Literatur, den alten Sprachen und im Zeichnen werden von Lehrern, die übrigen Fächer, wie Englisch, Handarbeit und alle Anfangsgründe in den unteren Klassen von Mrs. Higgins und ihren Hilfslehrerinnen erteilt. Für Mathematik zeigen die Kinder wenig, dagegen für Zeichnen sehr viel Talent.

Ich habe selten so etwas Melodisches gehört wie den Vortrag singhalesischer Poesie. Mit auf- und absteigendem Tonfall werden die Verse halb singend gesprochen. Es klingt seltsam feierlich und anmutig zugleich.

Mrs. Higgins wurde von der Mission bei Beginn ihrer Tätigkeit heftig angefeindet. Die glänzenden Erfolge ihrer Schule und ihr wohltätiger Einfluß auf das Gemüt der Schülerinnen haben ihr aber nach und nach die Herzen aller ehrlich für das Wohl des Volkes besorgten Europäer gewonnen. Ihr Unternehmen wendet sich in keiner Weise gegen die Mission, wie früher irrtümlich angenommen wurde. Mrs. Higgins will durch ihre Schule in jene Volksschichten einzudringen suchen, in denen ein Uebertritt zum Christentum vorerst völlig ausgeschlossen ist. Sie bringt neues Denken und Fühlen in Kreise, die bisher ganz vernachlässigt worden waren.

 

22. Februar. In früher Morgenstunde besuchten wir den vielgerühmten Aussichtspunkt Colombos, das große Reservoir, welches die Stadt mit Wasser versorgt. Man besteigt einen mit Rasen überwachsenen, dreißig bis vierzig Meter hohen Ziegelbau und überblickt Colombo mit seinen 130 000 Einwohnern. Aber man sieht kein Haus und keinen Menschen. Die ganze Stadt liegt unter Palmenwäldern und in Zimtgärten versteckt. Kaum, daß ein paar Türme aus dem dunkelgrünen Gewoge hervorragen.

Colombo ist sehr weitläufig gebaut und bedeckt einen großen Flächenraum. Seine zahlreichen Vororte werden durch Kokosnußwälder getrennt, in denen sich deren Besitzer angesiedelt haben. Auch in den früheren Zimtgärten, » cinnamon gardens« sind inmitten schön gepflegter Park- und Blumenanlagen elegante Bungalows entstanden.

Wieder andere liegen an den »Lagunen« (Süßwasserseen), die sich nach allen Seiten der Stadt verzweigen. Die Lagunen erstrecken sich die ganze östliche und westliche Küste Ceylons entlang. Durch Kanäle verbunden, bilden sie eine Hauptverkehrsstraße des Küstenlandes. In Colombo selbst weckt das durch sie gebildete » Slave Island« traurige Erinnerungen. Auf ihm wurden zur Zeit der holländischen Herrschaft allnächtlich die Staatssklaven interniert, den Moskitos wehrlos preisgegeben. Die Lagunen gewähren insofern ein ganz besonderes Interesse, als sie die einzigen natürlichen Süßwasserseen auf Ceylon sind. Ihre Entstehung erklärt sich folgendermaßen: Die von den Gebirgen herabstürzenden Flüsse tragen mit ihren Wassermassen große Mengen von Stein und Sand zu Tal. Meeresströmungen, durch den NO.- und SW.-Monsun erzeugt, wirken stauend auf die Flußläufe, sie zwingend, das mitgeführte Geröll der Berge an ihrer Mündung abzulagern. Hierdurch bilden sich Wälle, »Barren« genannt. Zugleich schwemmen die Strömungen des Meeres Sand und Steine an den Strand und vergrößern die durch den Fluß aufgeführten Wälle. Die Barren wachsen allmählich derart an, daß der vom Meer abgesperrte Fluß seitlich einen Ausweg suchen muß. Auf diese Weise entstehen lange Dämme, die sich nach und nach mit reicher Vegetation überziehen. Innerhalb derselben liegen große, stille Süßwasserseen, die der zu einer andern Mündung gedrängte Fluß weiterhin mit Wasser versorgt. Die verschiedenen Seen sind durch Kanäle untereinander verbunden und haben an einzelnen Stellen Abflüsse nach dem Ozean.

Dieses Labyrinth von Lagunen bildet einen großen Zauber Colombos. Immer wieder fährt man an den Ufern der stillen, klaren, weitverzweigten Teiche hin, die von tropischen Bäumen üppig umfaßt sind. Die weißen Bungalows, die an ihren Ufern zwischen dem reichen Grün auftauchen, sehen kühl und wohnlich aus, ihre Bewohner werden aber durch die Moskitos daran erinnert, daß dies Paradies auf Erden liegt.

Ziemlich zweifelhaft darüber, ob die Aussicht von dem Reservoir aus die Mühe des Anstieges lohnte, verlassen wir dasselbe. Auf halber Höhe steht ein Baumwollenbaum. Starr und steif streckt er seine blattlosen Aeste von sich weg. An den kahlen Zweigen hängen grüne Schoten. Oeffnet man sie, so liegen zwischen leichter, flaumartiger Wolle schwarze Samenkörner. Diese Baumwolle wird zum Füllen von Kissen und Matratzen gebraucht, da sie ihrer Kürze halber sich zum Spinnen nicht eignet. Das Entfernen der kleinen Samenkörner aus der Wolle ist sehr schwierig, und so werden sie mit derselben in die Gefäße eingefüllt. Oh, ich lernte sie kennen, diese kleinen Körner, die sich aus dem Innern der Kissen und Matratzen an die Oberfläche drängen, so daß man auf Schrot zu liegen meint.

Von dem Reservoir fuhren wir zum Museum, das in den Zimtgärten 1877 erbaut wurde. Es enthält auf Ceylon bezügliche Sammlungen, Mineralien, Antiquitäten, kunstgewerbliche Gegenstände, lebende Schlangen, ausgestopfte Tiere, sowie eine herrliche Kollektion von Schmetterlingen, Käfern und vieles andere.

Durch die Zimtgärten, in denen auch der Viktoriapark liegt, führen meilenweit schöne, abends sehr belebte Straßen. Jetzt ist niemand zu sehen. Arm und reich schlummert. Frau Konsul Freudenberg ist deshalb auch nicht wenig überrascht, als wir in dieser Glut bei ihr vorfahren, um uns bei ihr zu verabschieden und ihr für alle uns erwiesene Güte zu danken.

Um vier Uhr sind wir zu einem five o' clock tea in das Bungalow Hagenbeck geladen. Die ganze deutsche Kolonie und viele Fremde finden sich dazu ein. Es soll die neue Truppe, die Hagenbeck zu einer Tournée nach Europa zusammengestellt hat, vor ihrer Abreise vorgeführt werden, Pünktlich versammelt sich der große Kreis in dem schönen Garten des träumerisch an einer der reizenden Lagunen gelegenen Bungalows. Bunte Teppiche sind über den Rasen gebreitet, Sessel und Stühle für die Gäste aufgestellt. Ein eleganter Teetisch steht unter rot glühenden Sonnenbäumen. Zwischen hochstämmigen Palmen schweift der Blick hinaus auf eine jener stillen Lagunen. Im Hintergrund, jenseits des lieblichen Sees, drängen sich seidenglänzende Musen mit ihren goldgelben Früchten, Alamandas, olivengrüne, rote und tiefgrüne Bäume und die graziöse Bambusstaude an das Ufer und spiegeln sich im Wasser, das ihr Bild wunderbar klar zurückwirft. Weiße Gestalten stehen hoch aufgerichtet in leichten Fahrzeugen. Sie gleiten, von der Strömung sanft getrieben, auf uns zu. Zwischen Lilien, die stolz auf schlanken Stielen ihre herrlichen lila Blüten tragen, und lichtgrünen Büschen legen sie an. Im Vordergrund hat sich unter den Palmen ein buntes Völkchen gelagert. Zigeuner von der Malabarküste, die von je Akrobaten waren, führen ihre überraschenden Künste mit erstaunlicher Geschicklichkeit aus. Auf schwanker Bambusstange erhebt sich eine Menschenpyramide, die bis zu den Kronen der Palmen reicht, schön gebaute, doch geschmeidige Männergestalten. Eine Gruppe lockender, bunt geschmückter Bajaderen mit feurig glühenden Augen steht zum Tanze bereit. Die schönste sitzt unter einem großen Latugabaum mit den köstlich grün-gelben Blättern und hält eine kleine strampelnde Nacktheit im Arm. Als Jüngstes zieht das Kind mit ihr über das weite Meer. Der Tanz der Bajaderen beginnt. Aus leichtem Hin- und Herwiegen, schnellem Vor- und Rückwärtsschieben der Füße, einem stetigen Heben und Senken der Arme mit stilisierten Bewegungen und endlich aus einem fortwährenden Tremolo des ganzen Körpers setzt sich der Tanz zusammen, der den Hindugöttern gefällt. Die Bajaderen Südindiens tragen reich verzierte Röcke; sich den Bewegungen der Glieder anschließend, fallen sie schlank am Körper herab.

Nach dem Göttertanz folgt das Wettrennen der Riesenschildkröten. Auf den ungeheuren Tieren sitzen junge europäische Herren. Den Strohhut im Genick, schwingen sie das Spazierstöckchen kühn in der Rechten. Unter der mächtigen Schale der Reittiere reckt sich an langem Hals der Kopf ehrgeizig hervor. Immer länger und länger werden die stumpfen Beine. Zwischen den so schwerfällig scheinenden Monstertieren beginnt der Wettstreit. Eine Schildkröte sucht der andern vorzukommen. Die Reiter verlieren die Balance und liegen im Gras. Die Schildkröten fliehen im Eilmarsch schleunigst fort. – Ausgezeichnete Zauberer produzieren sich. Nie verschwanden so große Mädchen in so kleinen Körben, nie tanzten Schlangen so gehorsam, verbeugten sich so tief zum Klange der magischen Flöte. Ich kam mir vor, als erlebte ich ein Märchen, das man sonst artigen Kindern erzählt.

Die » season« hat für Colombo begonnen. Die weniger schönen als lebenslustigen Australierinnen sind, wie alljährlich, gelandet und haben dieselbe durch ihre Ankunft eröffnet. In hypermodernen Toiletten – wie sie glauben – und staunenswert korrekten Frisuren suchen sie im Hotel Galle-Face galante Abenteuer. Die Frisuren der Australierinnen erwecken meinen Neid. Was ich auch beginne, ich bin immer à la Wassermaus frisiert, die Hitze löst alle Bande, trotzt jedem Brenneisen. Wer nicht zum glatten Scheitel geboren ist, muß eine Perücke tragen, sagte der Friseur des Hotels, als ich ihm mein Leid klagte, und zog ein paar Schachteln Haarfrisuren unter dem Ladentisch hervor. Für die nächste Reise sehe ich mich vor.

»Galle-Face« faßt kaum die Zahl der Gäste. Abends ist der Speisesaal überfüllt. Die fashionable Herrenwelt der Stadt diniert im Hotel. Einzelne längere Tafeln sind besonders elegant gedeckt. Schiffskapitäne oder andere gewichtige Persönlichkeiten werden an denselben gefeiert. Auch die kleinen Tische sehen festlicher aus als früher. Das Buffet in der Mitte des Saales ist mit allen köstlichen Früchten Ceylons beladen. Sämtliche elektrische Ventilatoren sind in Bewegung. Im strahlend hell beleuchteten Saal spielt Tafelmusik. Die Bedienung ist musterhaft. Jeder Gast hat seinen Boy. Lautlos erfüllt er Wünsche, die noch gar nicht geäußert worden. In ihrem langen weißen Umschlagtuch, dem »Comboy«, dem unbequemsten Kleidungsstück, das sich denken läßt, und ihrer kurzen weißen Jacke sehen die Leute äußerst reinlich und appetitlich aus. Aber was sind das für Männer mit ihren schlangenhaft weichen Bewegungen? Sind diese lieblichen Singhalesen mit ihren nackten Füßen – alle Dienerschaft geht barfuß – Männer, sind es Weiber, man weiß es nicht. Wie Mädchen, werfen sie schmachtende Blicke aus ihren feuchtglänzenden Augen. Wir haben z. B. einen » butler« mit biegsamer, schmiegsamer Gebärde, dessen Blick nur zu sagen scheint, »bin ich nicht schön?« Heute, als wir durch die Stadt fuhren, sah ich vor einem Hause eine reizende weibliche Gestalt. Sie legte eben ihr langes Haar leicht um den Kopf und drehte sich um. Sie hat einen Bart. Es ist ein Mann! Ebenso geht es uns mit unserm Stubenboy. So lange Charley Quarantäne in Madura hielt, besorgte das Hotelpersonal unsere Bedienung. Alfred läßt es sich nicht nehmen, der Boy ist ein Frauenzimmer. Er trägt Spangen um den vollen Oberarm, verräterisch klingende Reifen um die feinen Hand- und Fußgelenke. Sein Gewand ist eine weiß herabhängende Hülle. Weiches schwarzes Haar schlingt sich am Hinterkopf zu einem Knoten, aus dem eine Locke leicht auf den Hals fällt. Sein Gesicht erinnert an das der schönen Frau von F. Das ist der Stubenboy, der vor unserer Tür in der Ecke hockt, mit beiden Händen die Klinke umfaßt hält und den Kopf träumerisch auf den weichen Armen ruhen läßt.

Jeden Abend ist Ball im großen Festsaal. Alle Fremden, die mit dem Schiffe ankommen, strömen herzu. Unter der gleichmäßig schwingenden Punkah drehen sich erhitzte Paare im Kreise. Für eine kurze Stunde hat sie der Zufall zusammengeführt. Sie wissen nicht, wie sie heißen, wer sie sind, aber tanzen vergnügt zusammen, froh, endlich einmal wieder festen Boden unter den Füßen zu fühlen.

Junge Mädchen habe ich auf der ganzen Reise weder in Indien noch auf Ceylon gesehen. Wohl einige reifere junge Damen und heiratslustige Witwen. Aber ich glaube nicht, daß aus Reise- – Lebensgefährten geworden sind.

Ein russisches Kriegsschiff ist heute im Hafen eingelaufen. Seine Kapelle spielt draußen im Garten. Herren und Damen ruhen in bequemen Stühlen und lauschen dem Klange der Musik. Zwischen den Kronen der Palmen hängen bunte Lichter. Wie große Leuchtkäfer glänzen sie durch das Grün. Leise dringt das Rauschen der Brandung durch die warme Nacht. Die Russen spielen schwermütige Weisen. Wehmütig klingt die Stimmung in uns wieder. Es ist der letzte Abend, den wir gemeinsam verbringen.

 

23. Februar. Schon liegt der »Prinz Heinrich« im Hafen, der uns die Reisegefährten entführt. Mit geteilten Gefühlen sehen wir sie nach Osten ziehen. Beinahe will es uns gereuen, daß wir nicht mit ihnen weitersegeln. Wenige Stunden später gehen auch wir an Bord.

 

24. Februar. Auf Deck des »Prinz-Regenten« herrscht geschäftiges Treiben. Verwandte und Freunde nehmen Abschied. Die Zeit drängt. Das Tam-Tam treibt die Zögernden, das Schiff zu verlassen. Sie eilen, die den Dampfer umlagernden Boote zu besteigen. Die Anker werden gelichtet. Der heulende Ton der Dampfpfeife gibt das Zeichen zur Abfahrt. Kaum merklich setzt sich unser Koloß in Bewegung. Aus den Barken klingt ein letztes Lebewohl. Weiße Tücher wehen. Langsam fahren wir an dem russischen Kriegsschiff vorbei, unsere Musikkapelle stimmt die russische Nationalhymne an. Die Russen grüßen zurück und spielen »Heil dir im Siegerkranz«. Begleitet von diesen Klängen, dampfen wir hinaus in das weite Meer und steuern nach Westen – der Heimat zu.


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