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Colombo

28. November. Morgen früh um sechs Uhr sollen wir vor Colombo die Anker auswerfen. Eine gewisse Unruhe hat sich der Passagiere bemächtigt. Man wettet leidenschaftlicher, denn bisher, auf die Schnelligkeit des Schiffes. Alle vierundzwanzig Stunden, um zwölf Uhr mittags, wird nämlich die Zahl der Seemeilen bekannt gegeben, die das Schiff in dieser verflossenen Zeit zurückgelegt hat. Man setzt eine Mark auf diejenige Ziffer, von der man annimmt, daß sie voraussichtlich jene sein wird, welche der Anzahl der zurückgelegten Meilen entspricht. Nach Abzug eines Prozentsatzes für die Witwen und Waisen der Marine, wird der Rest auf drei Preise verteilt, welche jene erhalten, die am besten geraten haben.

Abends ist das sog. Kapitänsessen und jeder erscheint nochmals in großer Toilette. Statt seinen Koffer schließen zu können, muß man wieder alles mögliche auspacken. Diese Abschiedsfeier ist nicht sehr bequem, aber der Lenker des Schiffes muß im Festgewande gefeiert werden. – Die Abendtafel ist reich dekoriert. Statt der Blumenarrangements schmücken Leuchttürme und Fregatten die Tische. Die Stewards haben ihre weißen Jacken, die sie seit Port Said tragen, mit ihrem Galaanzug vertauscht und sehen ungemein elegant aus. Das Menu ist noch reicher, als gewöhnlich. Es gibt Feldhühnerragout, Gänsebraten und eine Reihe von Delikatessen, die den Gaumen erfreuen.

Der Kapitän hält eine deutsche, dann eine englische Rede. Die Engländer erwidern, während wir Deutschen, die übrigens ganz in der Minderzahl gegenüber den englischen Passagieren sind, uns recht unhöflich benehmen. Wir bedanken uns weder für die Rede, noch lassen wir den Kapitän leben. Briefchen fliegen hin und her, jeder will den Toast dem andern zuschieben, aber alle schweigen. Es ist ein Glück, daß das elektrische Licht plötzlich ausgeht, und so unsere Schmach in Dunkel gehüllt wird. – Ein Festmarsch ertönt. Im Gänsemarsch spazieren nun die sämtlichen Stewards des Schiffes herein. Jeder trägt einen japanischen Lampion, jeder eine Platte mit prachtvoll illuminiertem Gefrorenem, vereiste Festungen, Segelschiffe, Dampfer und Leuchttürme. Am Schlusse des Zuges schreitet würdig der edle Bankock mit dem langen Zopf und einem aufgespannten chinesischen Schirm. Alles applaudiert und ruft: Bravo! – Der Zug verschwindet. – Das Licht erstrahlt. Die Stewards erscheinen wieder und präsentieren die glühend beleuchteten Eisbauwerke. Große Knallbonbons werden abgefeuert, die ihnen entfallenden Hauben, Mützen und Kragen aufgesetzt und umgenommen. Die Flaggen aller Länder, mit denen die Tafel verziert ist, werden ins Knopfloch gesteckt. Man erhebt sich von den Sitzen, und beim Klange der Musik beginnt eine große Polonaise, welche die Amerikaner mit einem Niggertanz und dem Cake Walk beschließen. (Der » cake walk« hat einen Kuchen zum Ziel, in den ein Schmuck oder Geldstück hineingebacken ist.) – Die Aufmerksamkeit der Stewards muß belohnt werden. Wir erhöhen die Trinkgelder für die Dinner-Stewards um fünf Mark. Der Ober-Steward bekommt zwanzig Mark, der Deck-Steward zwölf Mark, der Kabinen-Steward, der uns auch bei Tisch servierte, fünfundzwanzig Mark, Badefrau und Bademeister je fünf Mark, Gepäckmeister zehn Mark und der Stiefelputzer drei Mark. – Es wird bis zwei Uhr getanzt.

Wenn ich je wieder eine Reise mache, werde ich meine Kabine nie mehr auf einem Promenadedeck wählen, sondern immer eine auf dem Oberdeck belegen, was den Vorzug größerer Ruhe und frischerer Luft bietet.

Früh sechs Uhr ankern wir vor Colombo. Der Adams-Pik ist hoch in den Wolken sichtbar.

Nach der langen, eintönigen Fahrt macht Colombo mit seiner wahrhaft überreichen Vegetation schon von weitem einen unbeschreiblich fesselnden Eindruck. Im Hafen herrschte ein unsagbar tolles Treiben. Hunderte von Kähnen umgeben uns. In ausgehöhlten Baumstämmen, auf Schwimmhölzern sitzen Dutzende von kleinen Burschen, sie singen, schreien und betteln, stürzen wieder und wieder ins Wasser und tauchen fidel empor, krabbeln in unser Boot, singen »Traradibumdiä« und schlagen sich in wahnsinniger Hast mit den Ellenbogen in die Seiten, um unsere Aufmerksamkeit in diesem Chaos auf sich zu lenken. Alles ist in wilder Aufregung.

Konsul Freudenberg war mit einer Dampfbarkasse gekommen. Alfred und Baron Gemmingen fahren mit ihm ans Land, während wir die Hotelbarke benutzen. Ringsum ist ein Gewimmel, Gewirre, Geschreie, Getue, daß uns die Gedanken vergehen. – Nachdem wir eben ein schwimmendes, europäisches Hotel verlassen hatten, sind wir wie durch Zauberkraft in ein wundervolles Märchenland versetzt. – Mit benommenen Sinnen lauscht und blickt man um sich, man horcht, ob nicht Musik ertönt, die all dieses fremdartig bunte Leben begleitet. Wie in einer Feerie ist uns zumute. Kleine Zwergwagen werden bestiegen, in denen man bequem zurückgelehnt sitzt. Von herrlichen, bronzefarbenen Kulis gezogen, fahren wir in gleichmäßigem Trab dahin, vorbei an nie gesehenen Gestalten und nie geahnten Farbenwirkungen. – Wie auf dem Theater scheint uns alles und doch wieder so ganz anders. – Der Eindruck, so fremd und neu, ergreift uns plötzlich und unvermutet. – Er übersteigt alle unsere bisherigen Vorstellungskreise.

Auf einer breiten, roten Straße, dem Meere entlang, geht es dem Galle-Face-Hotel zu. Das Hotel ist ein großer, luftiger, roter Ziegelbau mit Veranden, Säulenhallen und Balkons, beschattet von den Kronen der Palmen, bevölkert von Vertretern sämtlicher Nationalitäten der Welt. Neben Europäern in allen möglichen und unmöglichen Toiletten, Inder in herrlichen Kostümen, Soldaten in weißen, faltigen Unterkleidern, mit strammer, roter, goldglitzernder Jacke und mächtigem Turban, dann Singhalesen in lose, um die Hüften geschlungene, bis zum Boden reichende weiße Tücher gehüllt. Vor dem Hotel produzieren sich Fakire mit dem Mangobaum, Schlangen und Mungos. Alles tritt uns in wirrem, verwirrendem Durcheinander entgegen. Und in dem vielen Fremdländischen begrüßt uns ein zuvorkommender deutscher Wirt, der wie ein Boxer aussieht und dessen erste fürsorgliche Tat ein kräftiger Faustschlag auf die Brust meines Rickschaw-Kulis ist – Rickschaw heißen die kleinen Wagen –, weil er die ihm gebührende Rupie (1,33 Mk.) nicht nehmen will, sondern vier verlangt.

Als ich in die Halle trat, kam ein affenartiges Wesen auf mich zu, meine Jungfer, die Aya; klein wie ein Zwerg, mit einem Bäuchlein wie eine Weltkugel und über alle Maßen häßlich. Sie glich einem Pavian. Daneben hatte sich eine Reihe junger und älterer Männer aufgestellt, unter denen wir uns einen Boy – Diener – auswählen sollten. Wir engagierten einen älteren Singhalesen mit einem Kamm, dessen spitze Ecken wie kleine Teufelshörner rechts und links von seinem Kopfe abstanden und dem gutmütigen Gesicht einen mephistophelischen Ausdruck gaben. Er trug ein langes weißes Tuch um die Hüften geschlungen, gestärkten Kragen und Manschetten und eine weiße europäische Jacke. Dies war Charles Appoo, unser Boy. Graf Lippe hatte sich einen schönen Tamilen ausgesucht, der sehr malerisch drapiert war, sich aber leider später ganz europäisch in Rock und Hose kleidete. Nachdem wir uns mit Dienerschaft versehen hatten, schlossen wir den üblichen Kontrakt mit derselben ab, wonach wir berechtigt sind, die Boys bei unbotmäßigem Betragen ohne Vergütung der Rückreise sofort zu entlassen. Der Boy bekommt monatlich fünfundvierzig Rupien Lohn, die Aya fünfundzwanzig und beide extra zwanzig Rupien zur Anschaffung warmer Kleider für das nördliche Indien. Wir müssen für die Dienerschaft nur noch die Eisenbahnfahrt bezahlen, für alles andere haben sie selbst zu sorgen.

Wir besichtigen unsere Zimmer, die wir von Europa aus bestellt hatten. Sie sind kühl und luftig und bieten einen ganz unbeschreiblich reizvollen Ausblick: Von meinem Fenster übersehe ich eine weite, eingezäunte Wiese, auf der sich kleine Höckerochsen jagen. Im Kreise um den Rasenplatz herum führt eine breite, rote Fahrstraße. Phantastisches Getriebe herrscht überall. Elegante Damen reiten auf kleinen Pferdchen, Herren radeln, ein Parse mit seiner, wie eine Römerin drapierten Frau kutschiert einen feinen Einspänner. Schwarze Ayas mit weißen Säuglingen, weiße Bonnen mit dunkeln Kindern werden auf Rickschaws in schnellem Lauf dahingezogen. Dazwischen fahren überdeckte »Bullock«-Karren, europäische Droschken und Karossen mit zirkusartig aufgezäumten Pferden, theatralisch kostümierten Dienern und Läufern, die mit großen Fliegenwedeln hinten auf dem Wagen stehen, um Mücken und Staub von den Insassen fern zu halten. Und zwischen all diesen bekleideten Menschen schlendern gemächlich auf ihren entsetzlich dürren, krummen, schwarzen Beinen, nur mit einem kurzen Lendenschurz bekleidet, die Eingeborenen. Plötzlich geht ein sintflutartiger Regenschauer nieder. – Die nackten Herren und Damen sperren einen Regenschirm auf und ziehen ein leichtes Tüchlein um die Schulter. Dies alles ist umgeben von hohen, himmelanstrebenden Palmen. Im Vordergrunde sehe ich einen Zaubergarten: lilienartige Blumen auf hohen, feierlichen Stielen mit goldenen Blüten stehen zwischen tief grünen, hohen Bäumen, an denen mächtige, gelbrote Glocken hängen, und bunten Sträuchern, deren blaugrüne Aeste in hellgelben Sprossen enden. – Ein ernster Ton erklingt. Dort im Gebüsch ist eine katholische Kirche. Von allen Seiten strömen die Schwarzen mit Rosenkranz und Gebetbuch herzu. Hochmütig, sich ihres Wertes bewußt, blicken sie um sich. –

Einladung bei Konsul Freudenberg, der ich leider nicht Folge leisten konnte.

 

29. November. All unser Gepäck ist richtig abgeliefert worden, nur die Kiste mit den hundert Konserven, die ich mitgenommen hatte, um mich gegen Magenverstimmungen möglichst zu schützen, fehlt. – Baron Gemmingens sind nach Madras vorausgereist. – Besuch bei Konsul Freudenberg, dessen Anwesen ein fürstliches Gepräge zeigt. Es besteht aus zwei Häusern, von denen das eine für die Eltern, das andere für die Söhne eingerichtet ist. Das Parterre bildet ein großer Raum, der durch verstellbare Wände nach Belieben in verschiedene Zimmer abgeteilt werden kann. Eidechsen huschen als nützliche Haustiere zum Schnakenfressen an den Wänden des Salons auf und ab und geben kleine, seltsame Laute von sich. Die Eidechsen heißen Geckos.

 

30. November. Durch das heiße, staubige Viertel der Eingeborenen, das malerische Pettah, fahren wir per Wagen nach dem Tempel von Kelani. Die Landstraße befindet sich in vorzüglichem Stande, nur ist gegenwärtig in der Regenzeit der Boden sehr aufgeweicht. Die Fahrt gestaltet sich märchenhaft schön. Rechts und links der Straße dichter Palmenwald, durch den kein Sonnenstrahl dringt, vorbei an Seen mit überragenden, nie erblickten Bäumen, an denen üppige, rotschimmernde, schwere Dolden hängen; durch Musahaine, deren übergroße, weiche Blätter wirr und zerzaust durcheinander wachsen, und inmitten von all dieser Pracht und Fülle ein öder, kahler Hügel mit ein paar im heißen Sonnenbrande abgestorbenen Palmen. – Es ist ein Kirchhof. Abseits unter einem primitiven Schilderhaus (ein Palmbrett ruht auf vier Bambusstangen) hält ein Soldat die einsame Wacht. – Dieser verdorrte, verbrannte, tote Boden, auf dem kein Grashalm wächst, steht in ergreifendem Gegensatz zu den sich ringsum mächtig offenbarenden Naturkräften. Immer dichter wird das wild wuchernde Grün des Waldes. Ein erdiger Geruch erfüllt die schwere, schwüle, feuchte Luft. Es ist uns zumute, als führen wir durch ein ungeheures, großartiges Treibhaus. Seltsam berauschender Duft umfängt und ermattet die Sinne. Mächtige Brotbäume, Frangipanis, Taliputpalmen, Papeyos mit ihren schlanken, smaragdartig schillernden Früchten, und der Jackbaum, ragen aus dem undurchdringlichen Dickicht empor. Eingebaut in diese tiefgrüne Waldwand, halb versteckt unter schweren Schlinggewächsen, liegen der Straße entlang die Hütten der Eingeborenen: vier Lehmwände mit einem Palmblattdach und einem kleinen offenen Vorbau, der eine Veranda bedeutet. Hier ruht alt und jung auf Matten oder niedrigen Bänken und sucht sich (pardon) gegenseitig das Ungeziefer ab. Selbst Kinder, die kaum stehen können, sind schon in der mütterlichen Frisur mit größter Aufmerksamkeit beschäftigt. wenn man beobachtet, wie hier die Leute den ganzen Tag fegen, kehren und putzen und nach dem täglichen Bade mit fliegenden, nassen Haaren, um sie zu trocknen, herumgehen, so begreift man kaum, daß, bei all der Reinlichkeit nirgends eine Gruppe beisammen sitzen kann, ohne sich gegenseitig die Köpfe zu »behandeln«.

Der von der Hauptstraße nach dem Tempel von Kelani abzweigende Weg ist wie durch einen Urwald gehauen; am Wegrand stehen enge Buden, in denen die Opfergaben für den Tempel, Reis und Blumen, feilgeboten werden. Komische Puppen, große und kleine englische Ladies in merkwürdigen, völlig mißverstandenen europäischen Toiletten, einen Bindfaden durch den Kopf gezogen, hängen lang aufgereiht in den kleinen Läden und bilden das Entzücken der nackten Eingeborenen. – Ueberall liegen hoch aufgehäuft herrliche Bananen, gewaltige Büschel, deren Früchte, dicht gedrängt am Stengel hängend, wie eine kolossale Riesentraube wirken, und Stöße von reifen Kokosnüssen, deren erfrischende Milch zum Trunk gereicht wird. Wir verlassen den Wagen. Der nahe Tempel ist rings durch eine hohe Mauer von der Außenwelt abgeschlossen. In die innere Seite der Mauer sind unzählige kleine Dreiecke eingehauen, welche beim großen Vollmondfest im Mai zum Aufstellen der brennenden Opferlampen dienen, was ein entzückender Anblick sein muß. In dem schönen Hof mit prachtvollen Bäumen, deren weitreichende, saftgrüne Aeste den ganzen Platz beschatten, befindet sich der Tempel. Ein glockenartiger Bau (Dagoba) steht daneben.

Wie ein großer, weißgetünchter Steinhaufen sieht der Schrein aus, in den vor achthundert oder neunhundert Jahren heilige Reliquien eingemauert wurden. Der Tempel ist ein kunstloser Bau, mit von Säulen getragener Vorhalle. In einem seiner inneren Räume treffen wir auf einen einfachen Glasschrank. Hier sitzt der große Buddha mit einer kostbaren Perle auf der Stirne, die den Gedanken bedeutet, während der kolossale, lang ausgestreckte, schlafende Buddha daneben Buddha Nirvana darstellt. Beide sind umgeben von zahllosen silbernen Weihgeschenken, die Pilger von weither gebracht haben. Vor den Glasschränken stehen lange, schmale Holztische, auf denen die Opfergaben niedergelegt werden. Besonders sind es Blumen in herrlicher Fülle, goldene Blütenbüschel der Arica- und Taliputpalme, bleiche Wasserlilien, gelbe Malven und die weiße Tempelblume, die wie eine Tuberose aussieht, aber einen noch viel sinnberauschenderen Duft verbreitet als diese. In eine hohe, kupferne Urne wird Reis als Opfergabe geschüttet. Interessant sind die Götterbilder, welche die Wände schmücken. Sie erinnern im Schnitt des Bartes und des Haares an Porträts von Velasquez. – Die Priester in ihren amberfarbigen Togen, mit kahlen Köpfen, feinem Gesichtsschnitt und ernstem Ausdruck stimmen schön zu der fremdartigen Umgebung; würdevoll bringen sie uns ein Buch, in das wir unsere Namen eintragen sollen – doch dies bedeutet keine Huldigung, sondern eine Bitte um ein Opfer in bar.

Wir verließen den Tempel, begleitet von einer Anzahl mild blickender Singhalesen und einer Schar niedlicher Kinder, die uns Blumen anboten. Im äußeren Hof steht ein Bo-Baum, den wir erst jetzt bemerkten. Er ist ein Ableger des berühmten Ahnherrn in Anuradhapura, der vor zweitausend Jahren aus Indien auf wunderbare Weise dorthin gebracht wurde. Unter dem Bo-Baum fand einst Buddha Erleuchtung, und deshalb fällt ihm reicher Anteil an den Tempelopfern zu. Blumen liegen in Menge hingestreut vor ihm; häßliche Idole sind in seinem Schatten aufgestellt, indische Götter, die Ganesha, Vishnu und Shiwa darstellen. Shiwa erscheint höchst merkwürdigerweise in der für Buddha charakteristischen Stellung abgebildet. Es ist eine überraschende Tatsache, daß auf Ceylon die Hindugötter in vielen Buddhatempeln ihren Platz gefunden haben, ja, daß Buddha sozusagen nur den alten Hindugöttern hinzugefügt ist. Die Erklärung für den stark korrumpierten Buddhismus in Ceylon führt auf das Eindringen von Priestern aus Siam zurück, die sowohl den Aberglauben der Hindus als ihre Kastenvorurteile mit sich brachten. Reiner ist die von den Engländern unterstützte Amarapurasekte, die 1802 durch aus Birma eingewanderte Mönche gestiftet wurde. Sie verkündet Gleichheit aller Menschen, verbietet aufs strengste die Vielgötterei und verbannt die Symbole der Hindus aus ihren Tempeln. Die Amarapurasekte unterscheidet sich äußerlich durch das rund um die Schulter gelegte gelbe Priestergewand von den Mönchen der Sekte aus Siam, die immer ein Ende des Gewandes über die linke Schulter schlagen, wodurch die rechte Schulter, sowie der rechte Arm nackt bleibt. Beide Parteien haben den Schädel glatt geschoren, dagegen ist über das Rasieren der Augenbrauen ein Kampf entbrannt, so heiß, wie seinerzeit über die Tonsur in der christlichen Kirche. Auf Ceylon tragen alle Buddhabilder die rechte Schulter entblößt, ein Beweis, daß sie unter siamesischem Einfluß entstanden sind.

 

1. Dezember. Gestern nachmittag und heute morgen war ich auf der Suche nach meiner Konservenkiste. – Hoffentlich höre ich nie mehr etwas von der unglückseligen Kiste. Sich hier in Colombo nach einem verlorenen Gegenstand erkundigen oder gar danach suchen zu müssen, bedeutet eine Anstrengung, die jeder Beschreibung spottet. – In Schweiß gebadet, werde ich von Pontius zu Pilatus geschickt, überall begegnet man mir mit ausgesuchter Höflichkeit, nur ist fast immer die Hauptperson im nächsten Café und kommt meist »sogleich«. Ich werde dann im Warteraum unter die Punkah gesetzt, die mich beinahe zum Fenster hinaus fächelt, der Halfcast-Sekretär drückt mir eine Zeitung in die Hand und geht, den Mr. Soundso zu suchen – ich sitze und warte – – bis Mr. Soundso geruht, ausgeschlafen zu haben, denn er sitzt gar nicht im Café, sondern schnarcht nebenan. Ich höre nämlich nach einer Weile flüstern, man gähnt, man räuspert und erscheint. Der Official weiß ganz genau, daß die Kiste da und da steht und befiehlt, daß mich der Kuli hinführe. Ich stürze hin und erfahre, daß die Kiste gerade in ein anderes Depot gebracht worden ist. – Ich fliege nach, »ach diese Kiste gehört Ihnen«, sagt der Kulivorstand, »o, vor einer Stunde wurde sie in den Lagerraum verbracht, in dem die mangelhaft adressierten Stücke aufbewahrt werden.« »Aber meine Kiste war doch gar nicht mangelhaft adressiert«, sage ich verzweifelt – er zuckt verbindlichst die Achseln, und ich gehe nach dem Lagerraum. Hier durchsuche ich alles, krieche hinter und unter Kisten und Kasten, finde nichts.

Jetzt erscheint ein Singhalese mit der Feder hinter dem Ohr. Würdevoll bedauernd erklärt er mir, er habe die Kiste zu Mr. »Frudenberg« dem German Konsul gesandt. Ich atme auf und fahre zum Konsul Freudenberg, aber der weiß nichts, gar nichts. Und nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Keiner von allen, niemand hatte je von der Kiste etwas gehört. Schwindel war alles. Ueberall ließen mich die Officials und Vorsteher meine Kistengeschichte ausführlich erzählen, um mir dann die Auskunft zu geben, durch welche sie mich am schnellsten los wurden. Die Leute besitzen ihre Erfahrung und kalkulieren ganz richtig, daß, wenn man genug gesucht hat – und das ist bei der unerträglichen Hitze sehr bald der Fall – man das Suchen aufgibt und sich freut, wenn man seine Ruhe wieder erhält. Ich zum Beispiel könnte mir keinen größeren Schrecken denken, als wenn jetzt auf einmal die Kiste wieder auftauchen würde, und ich nochmals mit dieser Schar übelriechender, nackter Schwarzen zwischen den Kisten und Gepäckhaufen herumkriechen müßte. Die Kerls sehen alle so gutmütig und hilfsbereit aus und waren doch solch durchtriebene Spitzbuben! Haben mich so zum besten gehalten! – »Verschenken, ans Krankenhaus, oder wer sonst die Kiste will«, rief ich auch deshalb, aufs höchste erschrocken, ins Telephon, als der junge Herr Freudenberg, kurz, ehe wir uns nach Tuticorin einschifften, anfragte, ob er sie mir nachsenden solle, er habe Aussicht, die verlorene Kiste wiederzufinden. Nachsenden – nein, ins Meer versenken, wo es am tiefsten ist, nur nichts mehr von ihr hören, ist mein einziger Wunsch – aber der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Die erste Nachricht, die mich nach meiner Rückkehr von Indien im Hotel zu Colombo empfing, war, daß das Krankenhaus mein Geschenk nicht angenommen habe, weil acht Rupien Rollgeld auf der Kiste lagen. Nun hatte ich sie wieder, die schreckliche Kiste, aber nicht auf lange, denn ich fand einen freundlichen Mann, der es übernahm, sie zu versteigern. Dann hörte ich nie wieder etwas von der Kiste, noch von dem freundlichen Mann, welcher wohl seine Rechnung bei der Versteigerung gefunden haben muß.

Unsere Billetts für die Reise durch ganz Indien haben wir uns hier in Colombo bei Cook genommen, der uns mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit ein Coupé von Tuticorin nach Madura reservieren ließ, kurz, in jeder Hinsicht von umsichtiger Aufmerksamkeit war. Die Gesellschaft besteht, da Baron Gemmingens gestern vorausgereist sind, für die nächste Zeit aus Frau von R., Herrn Federer, Graf Lippe und uns beiden. Doch ist mit dem gemeinsamen Reisen keinerlei Abhängigkeit verbunden. Jeder richtet seine Tage nach eigenem Belieben ein. – Wir haben die Abreise von Colombo so beschleunigt, weil hier noch die Regenperiode andauert, jeden Nachmittag ein furchtbares Gewitter niedergeht und eine feuchte, schwüle Hitze herrscht, die alle Lebensgeister lähmt, außerdem aber auch deshalb, weil wir Delhi vor den großen Krönungsfestlichkeiten (dem Durbar) erreichen wollen, da die Herren den Trubel fürchten. – Heute nach vier Uhr schifften wir uns auf einem elenden alten Dampfer, der »Afrika«, ein. Das Schiff ist schmutzig und eng; alle bequemen Sitzgelegenheiten fehlen. Ich belege sofort das Rauchzimmer, um mit Alfred auch die Nacht darin zuzubringen. Es sind wenig Passagiere an Bord. Außer uns ein Rajah mit seinem Begleiter, zwei Engländer und ein junges Ehepaar mit einem Neugeborenen, das in einen: Waschkorb reist. Seine Aya will sich mit dem Kleinen für die Nacht bei uns im Rauchzimmer einlogieren. Ich erlaube es nicht. Meine Hartherzigkeit erscheint ihr unbegreiflich.

Außerdem machen nur noch Eingeborene die Ueberfahrt mit. Sie liegen, als ein ungeheuer großer, schwarzer Haufen im Zwischendeck zusammengeballt, aus dem nur weiße Punkte blinken, die auf Lebendiges da unten deuten; es ist das Weiße in ihren Augen, und die blendenden Zähne, was herauffunkelt. Alles sind Südinder, denen es in ihrer Heimat zu heiß ist, und die Jahr für Jahr im »kühlen Ceylon« einige Monate Feldarbeit tun, um dann daheim von dem Erlös die übrige Zeit zu leben. – Es regnet in Strömen, aber das Meer ist ruhig; so können wir, ohne Seekrankheit zu befürchten, in der engen, dumpfigen Kajüte das »Dinner« einnehmen.

 


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