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Himâlaya

13. Januar. Die Vorbereitungen zu unserer Tour nach Phallut sind beendet, Heute nachmittag um vier Uhr gingen vierzehn Kulis mit dem Proviant ab. Es sah ganz stattlich aus, als die Leute mit hochgefüllten Butten und »Kiltas«, wie die auf dem Rücken zu tragenden Körbe hier heißen, im Gänsemarsch abzogen. Kopfschüttelnd sah ich all den Lebensmitteln nach, unter denen sich auch lebende Hühner befanden. Sollte es wirklich möglich sein, diese Menge in sieben Tagen zu vertilgen?!

 

14. Januar. Ich habe diese Nacht vor dem Abmarsch kaum geschlafen und kann nicht leugnen, daß mich allerhand beängstigende Gedanken quälten. Es ist doch ein Wagnis, mit siebenundzwanzig fremden Kerls, mit Lopos, Leptschas, Bhutias und Tibetanern, wie die Gnomen, Riesen und Schmutzfinken alle heißen mögen, in die Wildnis zu ziehen, sich ihnen überlassen zu müssen. Wir wandern Hunderte von Kilometern von allen menschlichen Wohnungen entfernt und können uns außer mit dem » guide«, und mit ihm nur notdürftig, mit niemandem verständigen. Passiert uns das geringste, so sind wir in schlimmer Lage, trotz der von Professor Hahn gestifteten vortrefflichen Hausapotheke, die uns stets begleitet. Die Nacht war dunkel und meine Gedanken schwarz. Aber alle Besorgnisse verflogen mit dem anbrechenden Tag.

Aus Aufregung und Angst vor unserer bevorstehenden Expedition, zu der wir unsere Leute nicht mitnehmen, hat der Boy die ganze Nacht durchgekneipt und lag wohl hinter einer Haustür des Dorfes, statt ins Hotel zurückzukehren. Die Aya mußte sich also bequemen, heute morgen bei uns einzuheizen. Aber wie stellte sie sich hierzu an! Mit einer Handvoll taufeuchten Grases, das sie irgendwo im Garten ausgerissen hatte, wollte sie ein Kohlenfeuer anzünden. Natürlich brannte es nicht, und wir waren reisefertig, als endlich schlaftrunken Mr. Charley kam, um seine Dienste zu tun.

Es ist acht Uhr, wir haben gefrühstückt, und der Führer treibt zum Aufbruch.

Ich trete ins Freie, um meine Reisegelegenheit zu mustern. Graf Lippe ist bereits in ihren Anblick vertieft. Mißbilligend betrachtete er das leichte, schwache Gestell, dessen Seitenwände mit schwarzem Wachstuch überzogen sind, und dessen Inneres mit Decken ausgelegt ist. Sehr vertrauensvoll sieht der zurückbleibende Freund unserer Tour nicht entgegen. In langem Ueberzieher, mit hochgeschlagenem Kragen, die Hände tief in die Taschen gesenkt, verfolgt er ernst und feierlich unsere letzten Vorbereitungen. Verzweifelt blicken Aya und Boy drein. Johanna hat trauernd ihre »Schönheit« verhüllt; ich sehe sie zum ersten Male ganz bekleidet. Die beiden Leute stehen da wie zwei Schafe, wenn es donnert. Charley stottert tausend Befürchtungen, die Aya weint Angsttränen, denn sie ahnt, daß wir verunglücken werden. Ich drücke jedem der beiden Betrübten eine Rupie in die Hand, und verklärt lächelt das würdige Paar zum Abschied.

Es ist sehr kalt, und ich bin wieder mit meiner sämtlichen Garderobe angetan. Mein Umfang ist bedeutend, und ich weiß nicht, wie es gelingen soll, mich in den schmalen Behälter, der »Dandy« heißt, aber genau wie eine altmodische Badewanne aussieht, einzuklemmen. Alfred sitzt bereits zu Pferde. Ich steige mühsam in die Dandy, quetsche mich zwischen die glücklicherweise nachgebenden Seitenwände, bekomme ein Luftkissen hinter den Rücken, zwei Wärmflaschen auf die Füße, werde sorgfältig um- und eingewickelt, nehme noch einen letzten, bewegten Abschied von unsern lieben Reisegefährten, fliege dann mit einem kräftigen Schwung hoch auf die Schultern von acht Männern, und der Marsch beginnt. Noch einmal sehe ich zurück und erkenne, daß mich Graf Lippe nicht um meine Situation beneidet, und ich gestehe offen – mit Recht. Nein, das war kein Vergnügen! Obwohl sich die Träger eines schleifenden Ganges befleißigen, aus den Hüften schreiten, den Oberkörper ganz ruhig halten, so wirkt der Laufschritt, in dem sie die Dandy tragen, auf den unglücklichen Insassen doch wie der Ritt auf einem harttrabenden Karrengaul. In der ersten Stunde sagte ich mir, »das hältst du nicht aus«. Mir brummte der Kopf, knurrte der Magen, meine gekreuzten Beine krampften sich, der Rücken schlief mir ein, die Seiten stachen, und ich wagte kaum zu atmen, aus Furcht, das Gleichgewicht meiner erhabenen Lage zu stören, von zehn zu zehn Minuten dachte ich es nicht länger ertragen zu können, setzte mir immer wieder eine neue Galgenfrist, nochmals eine neue, und schließlich gelangte ich zur Resignation.

Hoch über Darjeeling hinweg ging es hinab in tiefe Täler, dann wieder bergauf durch Teeplantagen. Immer großartiger wurde der Blick, und ich vergaß meine geschundenen Glieder, vergaß alles Schaudern, wenn ich in den Kronen der Bäume schwebte, die schwarz aus unergründlichen Tiefen aufstiegen, oder wenn ich auf schmalem, schroff abfallendem Bergrand zwischen Abgründen hin- und herpendelte, vergaß alle Gefahren und sah nur die berauschend schöne Bergherrlichkeit. Die ersten acht Meilen hinter Darjeeling führt der Weg über eine gute, breite Landstraße, ähnlich wie jene nach Griesen oder über den Fernpaß, und Alfred konnte lustig galoppieren. In einem stark bevölkerten, großen Dorf, dessen Häuser mit Gebetsfahnen verziert sind, endet die Fahrstraße, Hier machen wir eine kurze Rast, und als mich die Kulis zu Boden setzen, meine ich weiterzurutschen, so schwindlig ist mir von dem stundenlangen Geschütteltwerden. Gleich war ich von einem Schwarm gutmütig, aber unerlaubt schmutzig aussehender Leute umringt. Jedes dieser breiten, flachnasigen Gesichter mit den Schlitzaugen legte sich in hilfeflehende Falten, und alle stöhnten »Bocksiß«.

Hier wechselte Alfred sein flüchtiges Pferd gegen ein kräftiges Doppelpony, das sich ausgezeichnet bewährte. – Die Kults verproviantierten sich im Dorf für die ganze Tour, steckten mir allerhand Pakete in die Dandy, hingen seltsam geformte Bündel von allen Farben um dieselbe herum, so daß ich höchst merkwürdig dekoriert durch die Wildnis zog. Nachdem alles an- und festgebunden war, setzte sich unser Zug wieder in Bewegung. Auf schlechtem Weg ging es senkrecht in einen finsteren, düsteren Schlund hinab, zwischen Bergen hin, über Berge fort. Was die Kulis leisten, ist unglaublich. Den ersten Tag trugen sie mich acht und eine halbe Stunde und legten zweiundzwanzig englische Meilen – sechsunddreißig Kilometer – in dieser Zeit zurück. Sie überschritten fünftausend Fuß höher als Darjeeling liegende Pässe, stiegen wieder zweitausend Fuß tiefer hinab, und wir blickten dabei in Täler, die wiederum siebentausend Fuß tiefer unter uns sich ausbreiteten. Doch was waren das für Auf- und Abstiege! Meine liegende Stellung in der Dandy wurde beinahe zu einer stehenden, ein solcher Höhenunterschied herrschte zwischen dem Standpunkt der vorderen Träger und der rückwärts befindlichen. Und in welchem Tempo werden diese steilen Berge genommen! Aufwärts gehts im alla breve-Takt, abwärts im vierviertel, dann wieder im siebenachtel, immer in rasender Eile. Je nach den Bodenverhältnissen tritt ein neuer Rhythmus ein, den die Träger durch lautes Ein- und Ausatmen betonen. Die Vordermänner heben an, die Hintermänner erwidern. Je steiler es wird, desto lauter die Töne, und um so seltener setzen sie aus. Es ist gerade, als zögen sie sich am Rhythmus wie an einem Seil den Berg hinauf. Das zischende »Heissssssa« meines rechten Vordermannes wird mir unvergeßlich bleiben.

Die Mittagsrast hielten wir an einem kleinen, halb zugefrorenen See. Unsere Kulis machten sich ein Feuer, lagerten malerisch um dasselbe herum und verzehrten gemütlich ihre Mahlzeit. Die Luft war eisig. Wir konnten es, auf dem feuchten Boden sitzend, im naßkalten Nebel nur kurze Zeit aushalten. Kaum daß wir unsern Lunch zu uns genommen, gingen wir deshalb voraus, in ziehende Wolken sozusagen eingehüllt. Wir wurden von den Kulis bald eingeholt, und ich mußte wieder in den Marterkasten kriechen. An gefährlichem Felsrand steigt der Weg in kurzen Serpentinen rapid aufwärts, und ich fliege in großem Bogen um die Ecken. Ein entsetzliches Gefühl! Auf der Höhe des Berges liegen gewaltige Blöcke aus weißem und rotem Quarz und mächtige Schiefertafeln. Seltsam geformte Riesenbäume mit langen, hängenden Moosen, die im Winde flattern und dadurch im Nebelduft wie ungeheure Trauerweiden aussehen, stehen zwischen den Felsstücken. Gegen drei Uhr nähern wir uns » Tonglu«, unserer ersten Nachtstation. Das »Dack Bungalow«, das Regierungsunterkunftshaus, macht einen kalten, unwirtlichen Eindruck. Es steht auf einem kleinen, abgeholzten, über tiefen Klüften hängenden Bergvorsprung, ist von finsterem Walde umgeben und war bei unserer Ankunft in schweren Nebel gehüllt. Vollständig steif, unfähig, mich allein zu bewegen, steige ich mit Hilfe eines freundlichen und dienstbereiten Leptscha aus meinem Folterbett und gehe mühsam ins Haus. Die Kulis verschwinden in einer Nebenhütte, aus deren Tür, die den Kamin ersetzt, schwarzer Rauch hervorqualmt.

Die Unterkunftshäuser im Himâlaya sind aus Steinen gebaut, bestehen nur aus einem Parterre, das man durch eine säulengetragene, aber höchst einfache Vorhalle betritt. Das Innere des Hauses ist meist in drei bis vier Räume geteilt und für vier bis acht Personen mit Schlafgelegenheiten ausgestattet. Die Touristen müssen, um die Bungalows benutzen zu dürfen, beim Regierungskommissär von Darjeeling einkommen, der auch dafür zu sorgen hat, daß die Reisenden stets den nötigen Platz finden. Man zahlt eine Rupie inkl. Holz für die Nacht pro Person und außerdem zwei Annas für das Herbeischleppen des Brennmaterials, das in ungeheuren Massen im Kamin verfliegt. Der » guide« hatte im sogenannten dining room, in dem ein Tisch mit sechs Stühlen und eine eiserne Bettlade steht, für ein Riesenfeuer gesorgt und unsere Sachen nebst den Bettsäcken in das nebenliegende Schlafzimmer stellen lassen. Ich begann gleich auszupacken und die Betten zu machen, was die einzige häusliche Beschäftigung ist, die mir alltäglich zufällt. Jetzt reitet auch Alfred den Berg herauf. In langem Ueberzieher, den Tropenhelm auf dem Kopf, kommt er auf struppigem Gaul, der müde den Kopf zu Boden hängen läßt, auf schattendüsterm Pfad durch Nebeldunst daher. Er gleicht einem auf Abenteuer ausziehenden Böcklinschen Ritter. Zu meinem größten Erstaunen springt er flott von seinem in Schweiß gebadeten Pony, von Reitweh keine Spur, obwohl er seit zwanzig Jahren nicht mehr auf einem Pferde gesessen ist.

Duftender Himâlayatee dampft auf dem Speisetische. Wir schlürfen ihn begierig, aber zu einer wahren Freude wird der Aufenthalt im Hause nicht, denn ein erstickender Rauch dringt aus dem Kamin und treibt uns hinaus ins Freie. Doch, welch ein Wunder ist hier geschehen! Die Luft ist klar, und eine grandiose Aussicht eröffnet sich uns. Von der gewaltigen Höhe (elftausend Fuß) blicke ich in die Ferne. Ein stilles, glattes Nebelmeer dehnt sich uferlos nach Westen. Das stahlblaue Firmament überwölbt es mit niedrigem Bogen. Die Schneeriesen sind unsichtbar. Nur ihre wundervollen Ausläufer lagern in sechsfacher Reihe als rötlich-blaue Wände und dicht-bewaldete Höhenzüge vor uns. Schmale Täler senken sich dazwischen. Im gähnenden Abgrund zu unsern Füßen hängt einsam eine kleine Wolke am Felsenspalt. Sie wächst und schwillt, steigt höher und höher und lockt von allen Seiten ziehende Nebelschleier an. Sie dehnt sich weiter und weiter, umfaßt alles, verschlingt alles, versunken sind Berge und Wände. Nur die Rücken der nahen Waldhöhen bleiben frei und recken sich kühn in den schneeweißen Ozean, der tief zwischen sie eindringt, sie umspült, Fjorde und Landzungen schafft, wie wir sie einst an Norwegens Küste sahen. Inseln lösen sich von den Vorgebirgen und ragen hier und dort in scharfen Konturen aus dem trügerischen Elemente auf. Die Sonne schwindet hinter bleifarbigem Dunst. Eine purpurne Lohe steigt zum Himmel empor. Graue Schattenstrahlen ziehen durch die feurige Abendglut. Unzählige Schichten laufen wie blaue, rote und orangefarbene Bänder am Horizont entlang. Darüber schweben auf goldgelbem Hintergrund ein paar silberne Wölkchen. Die Dunkelheit bricht herein, ein Nebelschleier hüllt uns ein, und das unbeschreibliche Bild verschwindet.

Frierend kehren wir ins Haus zurück. Beim Flackern des wildbrennenden Feuers und beim matten Schein einer Kerze serviert der Guide das Dinner. Der Mann ist ein vortrefflicher Koch, und seine Schnelligkeit grenzt an Hexerei.

 

Menu.

Schildkrötensuppe.
Hammelkotelett mit Bohnen.
Gebratene Hühner mit Kartoffeln und Tomatensalat.
Aprikosenkompott.
Käse; Obst; Kaffee.

 

Die Hühner gackerten allerdings noch in den »Kiltas«, als sie nach Tonglu kamen, sie zeichneten sich deshalb nicht gerade durch Zartheit aus, aber die frische Luft hat einen gesunden Appetit geweckt. Der guide ist nicht nur Koch und Dolmetscher, sondern auch ein fixer Kammerdiener, und wir fanden, als wir kurz nach acht Uhr die Betten aufsuchten, dieselben durch seine Fürsorge behaglich gewärmt. Ich war todmüde. Wie gerne hätte ich, geschlafen. Aber daran war nicht zu denken, denn auch im Schlafzimmer rauchte der Kamin, und die einzelnen Holzscheite glitten ins Zimmer und qualmten und dampften entsetzlich. Immer wieder mußte ich trotz der Kälte aus dem Bette springen, um das Holz zurecht zu legen, die Funken zu löschen, das Fenster zu öffnen und wieder zu schließen. Endlich erlosch das Feuer. Ich durfte ruhen, aber nur sehr kurz, denn schon um fünf Uhr erschien ein Gnom und heizte ein. Mit einem ungeheuren Blasebalg pustete er in die Asche, die er zugleich mit dem Rauch ins Zimmer blies. Wir stöhnten, machten verzweifelte Zeichen, aber umsonst, der Hausmeister blies weiter, und wir erstickten schier.

 

15. Januar. Um sechs Uhr brachte der guide, das »Mädchen für alles«, den Tee und ermahnte uns, aufzustehen. Zähneklappernd krochen wir aus dem Bett. Da, um einhalb sieben Uhr, wirft die Sonne ihre belebenden, warmen Strahlen in unser Zimmer, über die erwachende Welt und die majestätischen Berge. In herrlicher Erhabenheit begrenzen die Schneeriesen mit ihrem Kamm von eisigem Silber den Horizont. Aus dem Weltmeer scheinen sie aufzutauchen, denn alle Berge und Täler, die wir gestern sahen, sind versunken, und die Wolken fluten und rollen. Es ist ein glorioses Panorama, nicht zu schildern, weil es mit nichts zu vergleichen ist, was wir je in der Heimat gesehen. Wir standen wie gebannt vor dieser Herrlichkeit, die wir heute zum erstenmal in strahlendem Glanze erschauten.

Der guide mußte immer wieder zur Eile mahnen, denn es fällt schwer, Bettzeug in die Säcke zu stopfen, statt sich an überirdischer Schönheit zu entzücken! Doch da half kein Zaudern. Die Kulis trippelten bereits ungeduldig ums Haus und grinsten durch die Scheiben. Sobald sie ihre Last von etwa vierzig Pfund in der Kilta hatten, liefen sie fort. Jeder hat seinen geheimen kürzesten Weg, und ich sah sie im Laufe des Tages oft zwischen Erdspalten auftauchen und im Dickicht verschwinden. Um acht Uhr frühstückten wir. Ich die gewohnte Porridge, die Alfred verschmäht; dann folgt Reis mit Hühnern und Currey, hierauf Hammelstuffato mit Kartoffeln; zum Schluß Obst. Um halb neun Uhr sitze ich in der Dandy, während Alfred zu Fuß geht und ich ihn bald aus den Augen verliere. Der guide und der sweeper – ein solcher darf niemals fehlen – bleiben zurück, um das Bungalow wieder in Ordnung zu bringen. Diese beiden Leute müssen die allerkürzesten Bergwege kennen, denn in jedem Quartier sind sie die letzten, um als erste am nächsten einzutreffen.

Mein »Achterzug« eilt in tatendurstigem Drange über Berg und Tal, schroffe Felsenhänge, zerrissene Klüfte, feuchte Gründe. Jetzt erklettern meine Kulis eine steile Berglehne, die mit Oelbäumen bewachsen zu sein scheint. Doch es sind abgestorbene Bäume, deren kurze Bartflechten wie graue Gelblättchen im Sonnenlichte flimmern. Durch wildromantische Taleinschnitte führt unser Weg über hohe Gneisgipfel und Trümmergesteine, in einen meilenweiten Wald von uralten, geborstenen Stämmen. Ein furchtbarer Waldbrand hat hier gehaust, phantastisch geformt, recken sich die mächtigen Aeste wie geheimnisvolle Riesenhieroglyphen drohend gen Himmel, während ungeheure Wurzeln, durch die Zeiten bloßgelegt, wie gigantische Würmer am Erdboden hinkriechen. Wir überblicken Täler, die sich in endlose Fernen dehnen, und in die wiederum Dutzende von Seitentälern münden. Wie Kulissen schieben sich die Bergzüge vor, Ströme stürzen über wilde Felsen herab und ziehen sich gleich Silberbändern über die flachen Landstreifen gen Süden der Ebene, dem Meere zu. Weiter gehts über festgefrorene Pfade, über Glatteis und Geröll an Abhängen hin, die mit einem tiefgrünen Mantel herrlichster Bäume bekleidet sind. Wir steigen hinunter in schwarze Gründe, in Schluchten voll Azaleen und Rhododendron, die hier im Himâlaya die Höhe unserer Kastanien erreichen. Ihre feurigen Knospen brechen schon dick aus den Blätterkronen hervor. Baumriesen aller Art stehen am Weg, sechzig Fuß hohe Wacholderbeerbäume und bis zum Himmel ragende Eichen, schöne Silbertannen, Lärchen, Eiben, Weiden, Birken, schlanke Edeltannen mit weit überhängenden Aesten, alles umschlungen von sich ineinander windenden Waldreben und Kletterpflanzen. Auf Felsen stehen, wie blaßegraue Pyramiden, hohe Rhabarberstauden. Hin und wieder streckt die giftige Wolfswurzel (Akonit) ihre langen, blauen Spitzen aus grüner Hülle, und auf saftigem Moos stehen, leuchtend wie Saphire, Gentianen. Schlüsselblumen, hohe Lilien erheben sich auf stolzem Stiele, Primeln und Rosen, Kaiserblumen und tausend mir unbekannte Pflanzen beginnen zu knospen, um nach wenigen Tagen in Fülle und Schönheit zu blühen und den grünen Wald in einen Zaubergarten zu verwandeln. In verschwenderischer Menge überziehen Orchideen die Bäume und bedecken sie mit einem smaragdenen Gewand, das bald in schneeigem Weiß, in Lila, Rot oder Gelb erschimmern wird.

Ein steiler Zickzackweg führt zu einer neuen Ueberraschung. Die Sonne fällt wie Goldregen auf unsern Pfad, der breit und eben durch einen dichten Bambusdschungel gehauen ist. Müde neigen sich die fünfzig Fuß hohen, reich gefiederten Blattwedel zueinander, aus zitternden Federkronen einen hochgewölbten Laubgang bildend, der in einen Wald von verwitterten Baumstämmen führt. Dick und wulstig von einem Gewirr grüner Moose und bronzefarbener Parasiten überzogen, von Schlingpflanzen überwuchert, haben die Bäume das Aussehen von ungeheuren Riesenpilzen. Tief unter uns liegt ein düsteres Tal. Halb gleitend, halb laufend, gelangen wir hinunter.

Die Träger stellen mich nieder, Hier wird Rast gemacht. – –

Da sitze ich nun mit meinen acht bezopften Kulis mitten im Himâlaya. Jetzt verschwinden auch diese im Wald und ich bin mutterseelenallein unter alten Eichen und Kastanien, unter wilden Feigenbäumen, in deren Aesten Lianen ihre Wurzeln wie Krallen eingeschlagen haben. Alfred ist meilenweit zurück, denn das Tempo der Kulis kann kein Pferd einhalten.

Zwischen hochragenden Tannen gewahre ich einen kleinen, blauen Himmelsfleck. Ein dunkler Punkt erscheint hin und wieder. Es ist ein über den höchsten Gipfeln kreisender Adler.

Die Einsamkeit ist beklemmend. Ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit und Hilflosigkeit beschleicht mich. Rings herrscht ungeheure Stille. Ungeheuer ist alles in diesem ungeheuren Lande, die Berge, die Entfernungen, die Einsamkeit, die Vegetation. – Ich fürchte mich. – Ich sitze und lausche und wage nicht, mich zu rühren. Nichts regt sich. Nur die Sonnenlichter tanzen einmal über den Weg und erschrecken mich durch ihr leuchtendes Hüpfen. Leise und schwach, an- und abschwellend, dringt das Rauschen ferner Ströme durch die Luft an mein Ohr. Es ist, als höbe und senke sich die Erde unter mir, als atme sie, und ich glaube ihren Pulsschlag zu fühlen. Es ist mir, als fingen die zu dicken Tauen gewundenen Lianen, die in großen Bogen zwischen den Bäumen hängen, an, sich zu schwingen. Ich sehe, wie der klimmende Baum, dessen Luftwurzeln einen mächtigen Stamm umklammert halten, sich belebt und sich wie eine ungeheure Raupe höher und immer höher in die Krone des erdrosselten Baumes schiebt. – Irgendwo in der phantastischen Baumwildnis bricht ein Ast. – Ist es ein Bär, ein Tiger, der sich anschleicht, um mich zu zerreißen, wie dies kürzlich in der Nähe von Darjeeling einem Pony passierte, oder ist es ein »Yack«, der wilde Büffel, dessen Leber so groß sein soll, daß sie für den zahmen Ochsen eine Last bedeutet, wie die Eingeborenen erzählen?

Ich sitze wie erstarrt. Da weht ein bekannter Duft lieblich über mich hin. Der Rauch einer Zigarette! Meine Kulis sind wieder da. Mit welcher Freude begrüße ich sie. Aber sie verstehen meine Gefühle nicht, ihnen fehlt der Glaube, daß ich ein Herz habe, »zu leiden, zu weinen, zu genießen und zu freuen sich« wie sie. Schnell schwingen sie mich auf ihre Schultern, und dahin geht es wieder über Stock und Stein. Verzweifelt klopfe ich einem Bhutia auf den Rücken und winke »langsam, langsam«. Erschreckt wendet er sich um und kommandiert »schneller, schneller«, und mit Windeseile geht es fort. Der Tropenhelm auf meinem Kopf schlägt mit hartem Schlag den Takt dazu. Ich verliere schier die Besinnung. Aber ich schweige. Denn wer weiß, was der Achterzug sonst noch verstehen könnte. Meine Kulis leisten Wunder. Eines dieser armen Lasttiere, ein Tibetaner, leidet anscheinend am Hexenschuß, denn sobald wir Rast machen, wirft er sich zu Boden, und ein anderer kräftiger Geselle trampelt auf seinem Rücken herum. Es ist das wohl die landesübliche Massage, die unsereinem freilich unfehlbar das Kreuz brechen würde. Die Kulis sind alle schlecht genährt und schlecht gekleidet, aber immer vergnügt, geduldig und gefällig. Besonders die Leptschas, die in Darjeeling als die besten Reisebegleiter gelten, sind harmlos wie die Kinder. Kaum, daß sie ihrer Last ledig sind, das heißt, mich niedergesetzt haben, springen sie, ungeachtet der zurückgelegten Meilen, zur eigenen Lust wie die Gemsen an den Berghängen auf und ab, immer die Zigarette im Munde, für die sie ihre letzte Anna hergeben, immer auf Allotria bedacht, durch die sie die schwerfälligeren Bhutias und Tibetaner necken.

Die Leptschas sind die Ureinwohner von Sikkim und die in Darjeeling am meisten vertretene Bevölkerung. Sie haben die Tradition einer Sündflut, während welcher ein Menschenpaar sich auf den Berg Temsong rettete, der als »Berg Arrarat« von Darjeeling aus gezeigt wird. Ihre geschichtlichen Daten gehen nur auf dreihundert Jahre zurück, bis zur Zeit, als die ersten buddhistischen Lamas ins Land drangen, vorher erklärten sie, wild und langhaarig wie die Affen gewesen zu sein. Trotzdem steht ihre Moral höher, als die der Tibetaner und Bhutias. Vielmännerei ist bei ihnen unbekannt, und Vielweiberei selten. Die Heiraten werden in den Kinderjahren geschlossen, die Frauen durch den zukünftigen Gatten gekauft oder dem Schwiegervater abverdient, wie dies einst Jakob bei seiner Rahel tat. Eine eigentliche Religion besitzen die Leptschas trotz der buddhistischen Mission wohl kaum, vielmehr huldigen sie dem Dämonendienst. Die guten Geister beachten sie nicht, »Warum sollten wir das auch«, sagen sie, »die guten benachteiligen uns nicht, dagegen die bösen, die in jedem Felsen, Baum und Berg hausen und damit beschäftigt sind, uns zu schädigen. Zu ihnen müssen wir beten, ihnen opfern, damit sie uns nicht Unheil bringen.«

Wir mögen jetzt auf einer Höhe von neuntausend Fuß sein. Die Blätter der Rhododendron ziehen sich fröstelnd zusammen und hängen wie große Sterne schlaff nach abwärts. Die Bambusstauden haben ihr Gefieder verloren und gleichen unserm Zinnkraut, nur ins Riesige übersetzt. An den Gliedern oder Ansätzen des Rohres steht ein Kranz stachliger Blättchen, und bloß an der Spitze schwankt der Federbüschel. – Nebel jagen über die Berge, durch die Täler und Klüfte, die Szenerie bald in Dunkel hüllend, bald, wenn sie sich heben, in sonnigem Glanze zeigend. Die Tannenbäume, deren Aeste sich wie schlanke Schalen nach aufwärts biegen, sind mit weißem Reif überzogen. Düster, winterlich stehen sie im grauen Nebel und leuchten wie Hunderte von strahlenden Weihnachtsbäumen, wenn sie gegen den kristallhellen Himmel stehen.

Um drei Uhr kommen wir nach Sindukphu (zehntausend Fuß), unserm zweiten Nachtquartier. Die letzte halbe Stunde vor Sindukphu ist grandios. Nichts kann eine Vorstellung von dem Bilde geben, das sich bot, als wir nach einem kerzengeraden Anstieg uns plötzlich der ganzen riesigen Bergkette des Himâlaya gegenübersahen. Mount Everest – eine leuchtende Eiszacke – und der Kinchinjunga – eine breite Schneepyramide – mit all ihren stolzen Nebenbergen tauchen auf azurblauem Hintergrund über einer unendlichen Flut weißer Wolkenballen in unbegreiflicher Höhe empor. Der Atem stockte, das war eine Erscheinung aus einer andern Welt. Das waren die »Schneewohnungen« der großen Götter, die seit Jahrtausenden in Sagen und Liedern verherrlicht und besungen werden. Es war ein Blick ins Unermeßliche. Alles, was wir bisher gesehen, schwindet vor diesem großartigen Panorama stiller Majestät, das, in überirdischen Lichtglanz getaucht, in unnahbarer Nähe vor uns schwebt.

Das Bungalow von Sindukphu ist dem von Tonglu sehr ähnlich, nur hübscher und freundlicher, doch leider ist alles frisch angestrichen, und wird dadurch jede Bewegung gefährlich. Ein Feuer, groß genug, um einen Ochsen zu braten, lodert im Kamin. Trotzdem bleibt es kalt, und wir bringen es kaum auf fünf Grad. Wieder steht der heiße Tee bereit. Die Speisetische in den Bungalows trafen wir immer gedeckt, nur daß die Tischtücher in den einzelnen Quartieren mehr oder weniger rein, mehr oder weniger durchlöchert sind. Die Funken des Kamins springen mit lautem Krachen durch den ganzen Raum, und man ist unausgesetzt der Gefahr preisgegeben, in Flammen aufzugehen. Wir finden keinen Augenblick Ruhe. Alfred wirft seinen englischen Roman verzweifelt in die Ecke, denn es knistert in meinem Kleid und knallt unheimlich im Schlafraum. Atemlos rennen wir zwischen den beiden Kaminen hin und her, um nachzulegen oder Unglück zu verhüten. Seit wir die Höhe von zehntausend Fuß überschritten haben, hören wir unser Herz aufgeregt gegen die Brust schlagen und fühlen ein heftiges Hämmern in den Schläfen. Eine quälende Müdigkeit liegt in den Gliedern. Die geringste Bewegung raubt uns den Atem, und das Zusammenrollen unserer Bettstücke, das Einstopfen in die Säcke, nimmt doppelt so viel Zeit in Anspruch, wie in der Ebene. Gehen wir morgens oder abends auf einen Aussichtspunkt, so bekomme ich von der Anstrengung Nasenbluten und fühle Uebelkeiten.

Heute ist an einen abendlichen Spaziergang nicht zu denken. Es wütet ein fürchterlicher Orkan, das Bungalow kracht in allen Fugen. Die Wände ächzen, es tobt ein Wind, der wie Donner grollt. Wäre dieser entsetzliche Sturm eine halbe Stunde früher losgebrochen, wir hätten an unserm Weiterkommen verzweifeln müssen. Den Kamin herab sausen kalte Windstöße, sie drohen das Feuer zu löschen, die Flasche Burgunder und das Sodawasser umzustoßen, welch letzteres, zu Eis gefroren, in der Nähe zum Auftauen steht. Das Licht auf unserer Tafel flackert unruhig, und wir schnattern vor Kälte. Das Dinner ist wieder ein Meisterstück.

 

Menu.

Juliennesuppe.
Hühnerragout mit Kartoffeln.
Hammelbraten mit Blumenkohl und Gurken
Obst; Käse; Kaffee.

 

Um acht Uhr legen wir uns bei kaum zwei Grad Zimmertemperatur zu Bett, und als wir morgens aufstehen, ist das Waschwasser gefroren. Obwohl wir halb angekleidet lagen und uns mit allem, was wir besaßen, zugedeckt hatten, konnten wir uns kaum erwärmen und fühlten eisigen Zug von allen Seiten. Alfred, den das Schlagen einer Tür nervös machte, und der deshalb aufstand, um sie zu schließen, befiel infolge der Erkältung ein heftiger Schüttelfrost, der mich sehr erschreckte.

 

16. Januar. Um halb sieben Uhr streckt der sweeper den Kopf ins Zimmer und ruft triumphierend: » Mount Everest beautiful!« Es gehört zu den Seltenheiten, daß sich dieser Riese den Erdgeborenen zu wiederholten Malen zeigt, und sein Erscheinen ruft sogar bei den Einheimischen eine gewisse Aufregung hervor. Wir springen auf, erfassen Mantel, Decken und Tücher und stürzen ins Freie, denn die geringste Verzögerung kann uns um den hehren Anblick bringen, so schnell wechseln die Fernsichten. Aus einer flockigen Wolkenmasse, die frisch gefallenem Schnee gleicht und sich zu ungeheuren Ballen türmt, sich hinauswälzt in ungeheure Fernen, erheben sich hoheitsvoll in gigantischer Größe die sieghaften Bergketten. Sie sind umgeben von einem Farbenzauber wunderbarster Art. Dieses in uferlose Räume wegwogende Wolkenmeer ist charakteristisch für den Himâlaya und übermannt den Beschauer durch seine unvergleichliche Schönheit immer aufs neue.

Der Sturm pfeift noch immer. Ich begreife meine Tollkühnheit nicht, die mich es Wagen läßt, während des wütenden Windes die Dandy zu besteigen. Aber unter dem Eindrucke der überherrlichen Umgebung verliert man jegliches Gefühl von Gefahr und wandelt, obschon wach, doch wie im Traume, dahin, das Wunderbare genießend. Wonneberauscht, ohne an ein Mißgeschick zu denken, kroch ich wieder in meinen Behälter. Den Hut halte ich fest auf den Schoß gedrückt, den Kopf habe ich eingebunden, den Sonnenschirm krampfhaft umklammert und liege eingeschnürt wie ein Wickelkind in der Dandy. Da faßt uns an einer Felsenecke ein Windstoß und drückt uns gegen die Wand. Die Mützen und Kappen meiner Kulis werden von einem Wirbelwinde erfaßt; die Leute wollen nach ihrer Kopfbedeckung haschen. Ich gleite dabei von ihren Schultern und rolle über den Weg hinab. Am Abgrund hängend, halten mich drei Kulis mit Aufgebot aller Kraft fest. Eingebunden wie ich war, konnte ich mir nicht helfen, durfte ich mich nicht rühren, um die Leute nicht mit hinab zu ziehen. Als ob es mich gar nichts anginge, blickte ich in die Tiefe und überlegte, was nun geschehen werde. Da ich aber wieder auf den Weg heraufgezogen war, und zu mir selbst kam, fühlte ich mich wie gelähmt und ließ mich wohl aus Mangel an Willenskraft, aus gänzlicher Erschlaffung nach dem entsetzlichen Schrecken wieder auf die Schultern heben. Aber was hätte ich auch sonst tun sollen? Gehen konnte ich nicht, mir zitterten die Knie, und weiter mußte ich doch. –

Der nun folgende Weg war wirklich furchtbar. Wohl mehr als eine halbe Stunde ging es über einen schmalen Grat hin, auf dem die Leute sich jeden Schritt geschickt suchen mußten, um nicht abzurutschen. Vom Winde hin und her gewiegt, schwebe ich hoch oben auf schwankenden Schultern zwischen zwei gähnenden Tiefen. Rechts und links geht es senkrecht hinunter, und mein Blick schweift über Berge und Täler, die sich in schwindelnden Fernen hintereinander aufbauen. Ich muß die Augen schließen, um nicht die Besinnung zu verlieren.

Wie alltäglich, sind wir um drei Uhr im Nachtquartier, Phallut liegt noch einen Tagemarsch in der Luftlinie vom Kinchinjunga entfernt. Die Leute, welche nur am ersten Tag, als sie die dreiundzwanzig Meilen zurücklegten, eine Mahlzeit zu sich nahmen, sind gestern und heute ihre sechzehn und achtzehn Meilen sozusagen nüchtern gelaufen und fühlen sich folglich marode. Vor allem ist es die Kälte, die sie angreift. Sie stehen zitternd an den Glastüren und machen nicht mißzuverstehende Zeichen über allerhand Beschwerden. Wir haben leider nur eine einzige Flasche Whisky bei uns, beschließen aber trotzdem, den Kulis davon zu geben. Der guide, der den Trunk stolz ablehnt, verdolmetscht unsere Absicht, und jeder der schlotternden Gesellen kommt mit einem tiefen »Kotau« herein, gießt sein Glas auf einen Schluck hinunter und verschwindet, demütig dankend.

Zum Sonnenuntergang schleppen wir uns zweihundert Fuß höher auf den äußersten Vorsprung des Bergrückens (zwölftausend Fuß). Hier oben stehen fünf höchst fremdartige spitze Steinhaufen. Sie sind mit tibetanischen Inschriften bedeckt und sollen einst von Lamas errichtet worden sein. Der Sturm heult mit erneuter Kraft und macht einen freien Ausblick unmöglich, nur geschützt durch die Felsen, dürfen wir es wagen, den Kopf vorzustrecken und der scheidenden Sonne nachzublicken, die weit hinter dem wild wallenden Wolkenmeer in farbig schillernder, glatter Fläche versinkt. Es schwebt ein phantastisches Gebilde daher, gleicht zwei mit den Spitzen sich berührenden ungeheuren Spiralmuscheln. Es ist wohl eine »Wolkenhose«, wenn es solche gibt, Halb kriechend müssen wir die Höhe verlassen, denn der Wind erfaßt uns mit fürchterlicher Gewalt, und wir rollen buchstäblich den Berg hinab. –

Die Menus wiederholen sich, die Kälte, der Sturm steigern sich, und ich kann kaum die Feder zu meinen alltäglichen Aufzeichnungen in den erstarrten Fingern halten. Ab und zu treten wir an den Kamin, breiten unsere Mäntel weit aus, um Wärme zu fassen, und fühlen uns dann einen kurzen Augenblick ganz wohlig.

Der Mond scheint hell am tiefdunkeln Himmel. Sein klares Leuchten und der blasse Glanz der Schneeriesen verdunkeln das Glitzern der Sterne. Die Milchstraße erlischt, und nur einzelne Planeten erglühen in feurigem Licht.

Der Wind hat sich zu einem weltenerschütternden Toben gesteigert. Es ist, als stürzten Lawinen mit donnerndem Krachen von allen Seiten über uns weg. Die Berge stöhnen, die Erde dröhnt, der Sturm heult. Rudra, der alte Sturmgott, scheint mit seinem Gefolge, den »Maruts«, unter Wehgeheul und Hohngelächter durch die Lüfte zu hetzen. Es ist ein Orkan, der Berge versetzen könnte. Schließlich schlafen wir ein, aber im Traume erleben wir Erdbeben und gräßliche Eisenbahnzusammenstöße, und als um fünf Uhr der Heizer das Feuer mit seinem kolossalen Blasebalg anfacht, fährt Alfred erschreckt aus dem Schlafe auf, meinend mein Atem ginge so stark. Es war eine grauenvolle Nacht, voll entsetzlicher Träume und Wahnvorstellungen.

 

17. Januar. Um dreiviertel sechs Uhr brachte der guide den Tee. Er hat es aber immer so eilig, daß man ihn kaum etwas fragen darf. Auch heute hörten wir nur en passant, daß die Sonne um halb sieben Uhr aufgehen werde. Wir sind rechtzeitig zur Stelle.

Als wir aus dem Bungalow traten, lag die Welt noch im grauen Dämmerschein. Der Mond schimmerte durch den Frühdunst. Wir gingen wieder zu den fünf heiligen Gebetsteinen hinauf, von brausendem Sturm halb getragen, halb getrieben. Voll gespannter Erwartung harren wir der aufgehenden Sonne. In unvergleichlicher Schärfe zeichnen sich am Morgenhimmel die Linien der hoheitsvollen Berge. Grau und bleich sind die glatten Granitwände, die Schneeseiten der Berge, und geisterhaft erheben sich die starren Massen zu schwindelnder Höhe. Wir wagen kaum zu atmen. Ich höre Alfred flüstern: »Sie kommt«, und die ersten Strahlen der Sonne gleiten in goldigen Tönen über das weiße Wolkenmeer. Eine unermeßliche Fläche erschillert. Wie die »Insel der Seligen« schwimmt am Rande der Welt ein grünes Eiland. Hier steigt der Feuerball aus den Tiefen des Jenseits empor. Die gigantischen Berge, die noch eben in gespenstiger Blässe beinahe wesenlos aus dem Nebelmeere wuchsen, erglühen warm und rosig. Die golden leuchtenden Wolken werfen ihren Glanz über die ins Ungeheure wachsenden Gipfel, und ein duftiges Farbenspiel herrlich verschmelzender Töne vom tiefsten Rot, Orange, Gold und Rubin verwirrt, berückt uns. Wie zwei unüberwindliche Großkönige mit Vasallen und Heeresgefolge, liegen in stolzem Selbstbewußtsein die beiden Ketten des Mount Everest und des Kinchinjunga einander gegenüber; sie scheinen ihre Kräfte mit trotziger Ueberlegenheit zu messen.

Die unzugängliche Höhe des Gebirges, dessen äußere Umrisse so wunderbar präzis und scharf gegen den Himmel stehen, die ins Unendliche gedehnte Ferne, das alles verschlingende Wolkenmeer sind zwei mit nichts zu vergleichende Eindrücke, die durch stets wechselnde Beleuchtungseffekte noch gesteigert werden. Der ganze Anblick ist von solch grandioser Herrlichkeit, daß wir Tag um Tag diese Pracht mit nie sich mindernder Bewunderung immer wieder neu genießen.

Wir saßen lange an die Gebetssteine gelehnt und sahen ergriffen dem wilden Gewoge des Meeres unter uns zu. Die Sonne stieg höher und höher. Wolkenzüge lösen sich aus dem Nebelmeer, die sich verflüchtigen. Starre Felsen in zackiger Kahlheit, zu schmalen Kanten und Spitzen aufsteigende und jäh abstürzende Berge wachsen aus dem schwindenden Duft hervor. Wir überblicken ein Labyrinth von längeren und kürzeren parallellaufenden und sich kreuzenden Tälern. Wir sehen Gebirgszüge mit wildromantischen Gipfeln und Abhängen, an denen sich die Wälder wie breite Samtbänder hinziehen.

Der Himâlaya, d. h. Schneewohnungen (von Hima = Frost, alaya = Haus – Sanskrit) legt sich in einer Länge von fünfzehnhundert Meilen (zweitausendfünfhundert Kilometer) säbelförmig um die nördliche Grenze Indiens. Er ist ein Urgebirge, Gneis und Granit sind das vorherrschende Gestein. – Man muß sich, ihn als doppelten Gebirgszug, sozusagen als eine doppelte Bergmauer vorstellen, die sich von Osten nach Westen, von Kaschmir nach Kaschgar zieht. Die südlichere der beiden steigt zwanzigtausend Fuß = vier Meilen, steil von der Ebene Indiens auf und gipfelt im Kinchinjunga (28 176 Fuß) und Mount Everest (29/nbsp;200 Fuß), Sie fällt nördlich in Täler und auf ein Hochland von dreizehntausend Fuß Höhe ab. Jenseits von diesem erhebt sich die zweite, nördliche Mauer, hinter der Tibet liegt. Zwischen den beiden so gebildeten Bergmauern sammeln sich in den ungeheuren Tälern die Wasser des Indus, Sutlej (spr. Sutletsch) und des Sangpu, die ihren Weg durch Schluchten und Klammen in das Punjab und nach Assam finden, wo der Sangpu den Namen Brahmaputra annimmt.

Ganz einfach ausgedrückt, steigt der Himâlaya aus der tiefliegenden Ebene Indiens auf und senkt sich jenseits zum Tafelland Tibet hinab, das eine Durchschnittshöhe von fünfzehntausend Fuß hat. Die höchsten Berge sind mit ewigem Schnee bedeckt und ungeheure, oft sechzig Meilen lange Gletscher schieben ihre Eismassen langsam zu Tal. Der Himâlaya staut und sammelt das Wasser und führt es der tropischen Ebene zu. Die mit Wasserdampf gesättigte Luft über dem Indischen Ozean wird durch den im Juni regelmäßig eintretenden Südwest-Monsum nordostwärts getragen, worauf dann die vom Landmann angstvoll erwartete Regenzeit eintritt, von deren Regelmäßigkeit die Ernte ab hängt. Eine große Quantität der durch den Monsum gebrachten feuchten Luft schlägt sich, während sie über Indiens heiße Ebenen hinzieht, nicht als Regen nieder, sondern wird gegen das Gebirge getrieben, das ihren Zug nach Norden unterbricht, ihre Feuchtigkeit als Regen oder Schnee aufnimmt. Nur wenig Feuchtigkeit dringt über die doppelte Gebirgskette hinüber, so daß, während auf den südlichen Ausläufern des Himâlaya die bedeutendste Menge Wasser der ganzen Welt niedergeht, auf der Nordseite der Bergmauer das große Plateau von Tibet fast gar keine Niederschläge zu verzeichnen hat. Die südlichen Abhänge des Himâlaya sind durch die starken Regengüsse teilweise sehr fruchtbar, doch reißen die wilden Ströme vielfach auch das Erdreich von der Oberfläche der Berge fort und lassen sie da kahl und weiß erscheinen. Dieses ganze Bergland ist ein System gigantischer Abgründe, eine Serie steil aufsteigender Berge, die in Täler, Schluchten und Flußbette jäh abstürzen.

Am Fuße des Himâlaya zieht sich ein Gürtel Tiefland, »das Tarai«, entlang, ein ungesunder, fieberaushauchender Dschungel, nur von wilden Tieren und kleinen indischen Volksstämmen bewohnt. Mit dem Anstieg von je tausend Fuß fällt das Thermometer um einen Grad Reaumur. Jede Höhenlage hat ihre eigene Vegetation, und man kann dieselbe durch die Bäume und Pflanzen, die an Eigenarten grenzenlos sind, unfehlbar bestimmen. –

Mit dem Gebetplatz der Tibetaner war für uns der äußerste Punkt unserer Reise erreicht. Was haben wir in diesen drei Monaten, die wir ferne »von Europens übertünchter Höflichkeit« verbrachten, nicht alles erlebt und gesehen! Jahre scheinen mir in dieser kurzen Zeit entschwunden zu sein.

Im Bungalow von Phallut werden wir mit Ungeduld erwartet; die Kulis wollen fort, und das Frühstück steht bereit. Nadar Sadar, unser Führer, blickt finster. Wir packen, wir frühstücken, schnell steige ich in die Dandy und im Trab geht es hinab in die Tiefe. Ich biß auf die Zähne, um nicht zu schreien, denn ich hatte heillose Angst, die Kulis könnten mich dann vor Schrecken hinwerfen, oder wir könnten in einer Felsspalte stecken bleiben, zwischen denen der Weg in so kurzen Biegungen hindurchführt, daß man sie bei dem schnellen Tempo nur mit der äußersten Aufmerksamkeit zu passieren vermag. Wie oft ich hängen geblieben bin, zeigten die Fetzen und Löcher meiner Dandy und das ächzende Krachen des ganzen Gestells.

Unsere Leute sind merkwürdig genügsam. Ich leide Qualen, wenn wir uns an einem Waldrand zum Tiffin setzen, das der guide unter Bewachung eines hungrigen Kulis an bestimmter Stelle zur festgesetzten Stunde auftischen läßt. Wie gerne würde ich mit den armen Leuten teilen. Aber ich habe meist selbst nur ein Ei, zwei Hühnerflügel und eine Orange. Bloß vom Brot können wir ihnen geben und selbst da trifft kaum ein Bissen auf den einzelnen.

Ungeduldig steht der Führer, der wie gewöhnlich, vorausgeeilt, auf der Schwelle des Bungalow von Sindukphu, als wir endlich um halb vier Uhr angetrabt kommen. Der Sturm begann bereits wieder zu toben, und ich begreife jetzt, warum Nadar so streng darauf hält, daß wir pünktlich im Quartier eintreffen. Ein Marsch in späterer Stunde wäre unmöglich.

Hier in Sindukphu müssen wir von den herrlichen Eiszacken des Mount Everest Abschied nehmen. In bläulich bleiernem Licht liegen die Riesen starr und erhaben da. Schwere Schatten ruhen auf den bewaldeten Bergen. Der Aussichtspunkt gleicht heute einem schroffen, ins Meer hinausragenden Felsenriff, an dessen Wänden die Brandung mächtig zu uns empor zu spritzen scheint. In den Bäumen braust rasender Sturm. Es tobt und tönt wie sich überstürzende Wellen, so daß wir uns auf hoher See dünken, weiter und weiter wälzen sich die Nebelwogen und verschwimmen in einem leuchtenden, ruhigen Strom. Die Sonne bricht durch die Sturmwolken und sinkt hinter den Horizont. Ein Opalglanz gleitet über die von uns fortströmende Flut, die Berge erröten in purpurnen Tinten, das Zwielicht löst sich in grünlichen, geisterhaft verblassenden Schimmer auf. Aschfahl zieht die Dämmerung herauf. Aus den Tälern steigen Nebel und verschleiern unsern Augen wohl für immer das unvergleichlich schöne Bild.

 

18. Januar. Heute heizte Nadar Sadar in höchst eigener Person ein und machte ein so großes Feuer, daß wir uns dem Kamin nicht nähern können. Wir beginnen eine lange Wanderschaft. Während zwei Stunden geht es steil abwärts, aber ich besteige die Dandy nicht. Die Gegend, die wir durchziehen, gleicht einem ungeheuren Park voll hochragender Bäume, herrlicher Sträucher, » ferntrees« und zierlicher Gold- und Silberfarne aller Art. jedesmal, wenn ich zu Fuß gehe, folgt mir ein Kuli und läßt mich nicht aus den Augen, hält mich am Rocksaum, wenn ich ausgleite, und tritt vor mich hin, wenn es mich gelüstet, in einen Abgrund zu blicken. Er scheint für mich haftbar zu sein.

Im Tongluer Bungalow haben die Anstreicher auch gewütet. Alles trieft von Oelfarbe, und die Fensterscheiben sind zerbrochen. Auf dem Speisetisch liegt ein schön geschriebener Beschwerdebrief über »gestohlenes Holz«, das die armen Kulis vorgestern zum Kochen ihres Reises gebraucht haben. Der Herr Forstmeister verlangt zwölf Annas Entschädigung, doch als wir die Bezahlung ablehnen, verschwindet der Brief auf unerklärliche Weise von dem Tisch. Es war dies wohl ein Erpressungs- und »Mahatmastreich« zugleich. Der Abend verlief im Wettkampf um ein brennendes Feuer. Alfred saß vor einem, ich vor dem andern Kamin; wir bliesen und pusteten in die zischende Glut, aber das feuchte Holz siedet nur, es brennt nicht. Verzweifelt rufen wir uns zu: »Brennt dein Feuer?« und jedes antwortet trostlos: »Das meine verlöscht!« Zitternd vor Frost gehen wir zu Bett.

 

19. Januar. Der letzte Tag unserer Tour zeigt die Berge noch einmal in ihrer ganzen Pracht. Schnell und schneller geht es abwärts. Die Kulis sind kaum mehr aufzuhalten. Ihre fröhlichen Weisen klingen wie Trutz- und Schelmenlieder. Sie singen sich gegenseitig Verse zu, nach jeder Strophe folgt mutwilliges Gelächter. Die Melodie ist wohllautend, der Text scheint improvisiert zu sein. Kurz vor Darjeeling ließ ich mich nochmals zu Boden setzen und verteilte unter meine »Acht« die nicht im Kontrakt ausgemachten Trinkgelder. Denn so trefflich unser guide als Reisemarschall ist, so habgierig ist er auch, und er würde zweifellos von den Leuten Prozente verlangen, wüßte er von diesem »Bocksis«.

Bei unserer Heimkehr finden wir vor dem Hotel Charle in eine Decke gehüllt und Johanna in ein halb Dutzend bunte Tücher gewickelt. Sie warten, den Blick auf die Straße gerichtet, seit fünf Tagen auf unsere Rückkehr. Beide sind blau vor Kälte und Hunger. Der Boy hat gleich am ersten Tage sein Geld vertrunken, die Aya dasselbe in einem halben Dutzend Ringen angelegt, die ihr die schwarzen Pfoten zieren.

Die Tour hat mit Getränk alles in allem 265 Rupien gekostet. Doch kann man sie ganz gewiß erheblich billiger machen.

 

21. Januar. Nach einem Tag der Ruhe in Darjeeling, reisen wir heute nach Kalkutta. Die Talfahrt ist prachtvoll, der Kinchinjunga thront in wolkenlosem Glanz in Himmelshöhe und macht uns den Abschied sehr schwer.

In den Lichtungen des Urwaldes sehen wir die Blockhäuser hell erleuchtet. Die Fenster und Türen stehen weit offen. Die Tische sind zum Dinner weiß gedeckt, und das Innere dieser Urwaldwohnungen sieht einladend und behaglich aus.

Vier deutsche Herren fahren mit uns im Zuge. Ihrem anmaßenden Benehmen verdanken wir es, einen einzigen unwirschen Stationsvorstand in Indien kennen gelernt zu haben. Offen erklärte er mir, daß das herrische Auftreten dieser aus China zurückkehrenden deutschen Offiziere ihn zwänge, seine Vorschriften streng auszuführen, was zum Resultat hatte, daß man uns trennte, d. h. in Herren- und Damencoupés unterbrachte.

 

22. Januar. Mittags trafen wir in Kalkutta ein. Wir fanden Graf Lippe vor dem Hotel promenierend und uns erwartend. Kalkutta machte bei diesem unserm zweiten Besuch einen nicht minder unsympathischen Eindruck als das erste Mal. Am liebsten wären wir gleich weiter gereist, allein, der Abstecher in den Himâlaya hätte mich doch so sehr ermüdet, daß ich eines Ruhetages dringend bedurfte.

Das Hotel war durch die mittlerweile vom Durbar eingetroffenen Gäste überfüllt, und das für uns reservierte »Appartement« läßt sich kaum beschreiben. Es ist staunenswert, wie das schlechteste Zimmer hier in Indien immer noch durch ein viel schlechteres übertroffen werden kann. Diesmal liegt unser Wohnraum unterhalb des Straßenniveaus an einer meterbreiten Gosse, in die das Abwasser sämtlicher Bäder fließt. Das Badekabinett ist ein dreieckiges Loch, in dem eine verrostete, übelriechende Wanne steht; die Scheiben der Glastür, die in das finstere Eck führt, sind zerbrochen, und ein zerfetzter, roter, speckiger Vorhang soll den ekelhaften Geruch abhalten, der aus dieser »Toilette« dringt. Doch nicht genug mit dieser Nachbarschaft. Auch die »frische« Luft, die durchs Fenster kommt, ist erbärmlich. Das in der Sonne den ganzen Tag verdunstende schmutzige Badewasser sendet seine Miasmen ins Zimmer, und der Rauch der Verbrennungsstätten, der bei gutem Wetter durch den Wind über die Stadt getrieben wird, verpestet die Atmosphäre. Ruhe kann man hier nicht finden. Vor der Tür, deren Flügel immer halb offen stehen – hierzulande wird nie eine Tür geschlossen –, toben die Kinder des ganzen Hotels mit ihren Ayas und Boys; neben mir wohnt ein streitlustiges Ehepaar, und wenn der zanksüchtige Gatte fort ist, schnattert ein Dutzend Weiber. Das entsetzlichste von allem sind aber die grauköpfigen Aasraben, die, abgesehen von den dunkelsten Stunden der Nacht, ein Geschrei zum Wahnsinnigwerden vollführen. Als Singstimme zu diesem Orchester erklingt der mißtönende scharfe Triller eines kleinen grauen Vogels, der im Gebüsch seinen unangenehmen Ruf ausstößt. Die Nacht ist qualvoll. Es kläffen die Hunde; ein Mensch mit idiotischem Lachen reizt sie, und das Bellen nimmt kein Ende. Um fünf Uhr morgens stellt sich ein halbes Dutzend Männer an unser Fenster, um die Gasse zu kehren. Wahrscheinlich unterhalten sie sich ganz friedlich, aber es klingt, als rauften sie sich auf Tod und Leben. Für dieses Zimmer, in das eben ein Kerl durchs Fenster einsteigen will, um sich den Weg ums Haus herum zu ersparen, zahlen wir täglich mit Pension fünfundzwanzig Mark.

 

24. Januar. Alfred hat seit gestern Neuralgie und leidet sehr. Er zeigt deshalb wenig Lust, den Abstecher nach Puri zu machen. Doch wie könnten wir die Koromandelküste entlang fahren, ohne Jagannath zu besuchen? Was würde Professor von Brentano dazu sagen, der mir so enthusiastisch von diesem grandiosen Heiligtums erzählte? Abfahrt nach Puri abends neun Uhr.

 


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