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Trichinopoli

Um elf Uhr gelangten wir nach Trichinopoli mit 80 000 Einwohnern, lauter nackte Schwarze. So wie Trichinopoli von den Engländern geschrieben wird – sie sprechen immer nur von Tritschi – denkt man unwillkürlich an Trichinen, doch die Stadt ist älter als die Entdeckung dieser lieben Tierchen durch Virchow, sie heißt eigentlich Tirisirapali, was »der Sitz des Dreiköpfigen« bedeutet, mit welchem Namen die drei großen Felsenhäupter bezeichnet werden, die sich senkrecht in und vor der Stadt aus der Ebene erheben.

Eine geschlossene, mit einem elenden Gaul bespannte Gepäckdroschke brachte uns zum Felsentempel. Der Tempel liegt auf einem schroff aufragenden, freistehenden Gneisfelsen und erinnert aus einiger Entfernung an die Akropolis, ja auch der daneben stehende kleine Säulen-Pavillon zeigt Aehnlichkeit mit dem graziösen Tempel der Nike Apteros. Zweihundertundneunzig hohe Stufen, von denen die letzten in das Urgestein eingehauen sind, führen durch den Vorraum des Shiwatempels hinauf zum Pavillon, vorbei an einer dem Parthenon ähnlichen großen Säulenhalle, die stolz die unten liegende Stadt beherrscht. Wir klettern, gegen heißen Sturm ankämpfend, in schwülem Regen, mühsam hinauf zum Ganeshatempelchen. Die Aussicht ist sehr lohnend. In der Ferne sieht man kolossale Felsblöcke, die steil aus der Erde emporwachsen, und nahe an der Stadt einen ungewöhnlich großen Teich mit reizenden Inseln. Ueberall liegen Pavillons und Tempelchen mit weißen und rosa Säulen zwischen dichten, herrlichen Palmenwäldern. Unten, zu unsern Füßen, blicken wir in die von hohen, grünen Decken umzäunten Höfe der Hütten und Häuser der Eingeborenen, in denen sich ein für uns so fremdes Leben abspielt. Von jenseits des Toveri-Flusses, der im Sommer kaum eine schmale Rinne bildet, aber jetzt als mächtiger Strom durch die Landschaft fließt, ragen wie Pyramiden die Gopuren des Sri-Rangam, des Tempels »der himmlischen Wollust« – wie die Brahmanen dieses Pflanzenparadies nennen – aus feucht duftiger Ferne herüber.

Sri-Rangam, den wir nach glücklichem Abstieg vom Ganesha-Tempelchen besuchten, wurde ungefähr ums Jahr 700 erbaut. Er ist der größte Tempel in Indien. Sieben quadratische Mauervierecke umschließen das Heiligtum, von denen die vier inneren dem Kultus geweihten nicht betreten werden dürfen, während die drei äußeren Andersgläubigen zugänglich sind. Von der Terrasse des Tores, durch das man in das Innere des Tempels tritt, übersieht man die drei äußeren Umfassungsmauern mit ihren hohen Gopuren, zwischen denen die Gärten und Dörfer der Brahminen, die Basare und Logierhäuser für die Pilger liegen. Alles zeugt von Wohlhabenheit, die Steinhäuser sowohl, auf deren flachen Dächern die Familien der Brahmanen sitzen, als auch die wohlgenährten gut gekleideten Priester, und die mit Schmuck überladenen, selbstbewußten Weiber. In dem Vorhof des Tempels ragt eine grandiose Halle aus tausend mit Banyanenkapitälen geschmückten Säulen empor, in der gegenwärtig religiöser Markt – Mela – wie alljährlich um diese Zeit, stattfindet. Hier herrscht ein wirres, abscheuliches Durcheinander: Tolles Geschrei, durchdringendes, entsetzliches Getöse, Gebrülle, Gestöhne, ekelhafte Kranke, abschreckende Krüppel, Händler, Pfuscher, Priester! Freche heilige Kühe verunreinigen die Höfe und belästigen uns auf Schritt und Tritt. Heilige Elefanten mit rosarot gefärbten Ohrlappen heben die Rüssel, stoßen schmetternde Trompetentöne aus, machen dann, die Knie beugend, ihren Salaam und strecken den »Finger« ihres Rüssels verlangend nach einem Bakhschisch aus. Alles bettelt, drängt und stößt. Schreckliche Musik ertönt, und zwischen opfernden Hindus, abgerichteten Affen und Tempeldirnen sehen wir staunend englische Soldaten in voller Uniform. Wilde Papageien schwirren und kreischen oder hocken dutzendweise zwischen den bemalten Bildwerken der Gopuren, welche die Tore überragen, durch die man in die verschiedenen Höfe gelangt.

Der Sri-Tempel ist mit dem herrlich erhaltenen Tempel von Madura nicht zu vergleichen. Es will mir scheinen, als wären hier in Trichinopoli noch mehr phantastische Ungeheuer, bunt gruppierte Massen und vielarmige Götter, noch mehr Verrenkungen in der menschlichen Gestalt, noch mehr Unnatürlichkeiten in der Ausschmückung verwendet, als in Madura. Hier an diesen Bildwerken empfindet man in höherem Grade als bisher, daß die indische Kunst nur einen symbolischen Charakter trägt. Niemals wendet sich der bildende Künstler dem Studium der Natur zu. Niemals idealisiert er ihre Erscheinungsformen, sondern von seinen religiösen Ueberzeugungen geleitet, die alles Bestehende, Vergehende für nichtig erklären, stellt er sich über die Natur, und seine Darstellungen gehen ins Monströse. Johannes Scherr sagt: »Sein Schönes ist das nebelhaft Riesige, sein Erhabenes das Ungeheuerliche, sein Liebliches das sinnlich Füllenreiche« und Goethe schrieb in seinem Verdammungsurteil in den zahmen Genien:

»Die indischen Götzen sind mir ein Graus.
Nichts Schrecklicheres kann dem Menschen geschehn,
Als das Absurde verkörpert zu sehn. –
Und so will ich ein für allemal
Keine Bestien im Göttersaal. –
Die leidigen Elefantenrüssel,
Die umschlungenen Schlangengenüssel,
Die Urschildkröt' im Weltensumpf,
viel Königsköpf' an einem Rumpf,
Die müssen uns in Verzweiflung bringen.« –

Die Rückfahrt vom Tempel war für unser armes Pferd zu viel, es blieb mitsamt dem Wagen im Lehmboden stecken und wir mußten uns zu Graf Lippe in den Wagen setzen, dessen Tier uns aber auch beinahe nicht weiter gebracht hätte. Die ganze Fahrstraße zurück nach dem Bahnhof ist ein dichter Laubgang. Rechts und links der Straße entlang liegen alte Weiber auf Matten, Lebensmittel, Opferspenden und heilige Andenken zum Verkaufe anbietend. Zahlreiche Säulenhallen stehen am Wege hin. Es sind die Unterkunftsstätten der Pilger. Dazwischen sieht man häufig mannshohe Bänke zum Absetzen der Lasten. Eine der Hallen, die an einem Tank liegt, ist dicht besetzt. Eben bekommt unter furchtbarem Geschrei ein Neugeborenes, das noch ganz weiß ist, sein erstes Bad. Malerisch waren die Pilger, meist Weiber in bunten Gewändern, gruppiert. Es ist alles armes Volk, das seine kleinen Ersparnisse den wohlgenährten Brahminen als Opferspenden bringt und selbst hungert.

Wir kommen todmüde wieder zur Station. Nachdem wir uns durch Tee gekräftigt, nehmen wir ein Bad, speisen um halb acht und gehen gleich nachher zu Bett. Bei offenen Türen und Fenstern, die sich alle nicht schließen lassen und auf einen Balkon gehen, der von den übrigen Reisenden zum Promenieren benützt wird, müssen wir Toilette machen.

 


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