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Madras

5. Dezember. Wir kommen morgens um acht Uhr in Madras an. Nach dieser schlechten, halbdurchwachten Nacht war der Wirrwarr, der Tumult, welcher uns beim Verlassen des Zuges empfing, Sinne raubend. Welch' eine Menschenmenge umwogte uns! Ganz nackte Schwarze, völlig bekleidete Mohammedaner, Weiber grellrot drapiert und mit klirrendem, glitzerndem Schmuck rings behängt. Alles stößt und schreit aufeinander ein. Man versteht niemanden und wird von niemandem verstanden. Eine große Menschenwelle erfaßt uns und schiebt uns aus der Bahnhofshalle in neues Gewühl hinaus, das uns von allen Seiten umschließt. Wagen jeder Art halten dichtgedrängt auf dem Platze. Equipagen, Karren, Nutkas (die Droschke der Eingeborenen), Riclas – Stangensitz auf der Achse eines leichten, mit einem Zebuochsen bespannten Deichselgestells, einem Rennwagen gleichend – gedeckte und offene Bullokcarts, geschlossene Droschken, offene Viktorias, und zwischen Wagen, Pferden und Zebus eingekeilt, angeschrien von tausend Kutschern und Kulis, stehen wir verwirrt und wollen eben in einen Wagen einsteigen, da schlüpft auch schon von der andern Seite ein frecher Eurasier herein und fährt davon. Kleinlaut und froh, daß wir das Leben haben, sehen wir uns nach einem andern Gefährt um und fühlen uns wie aus großer Lebensgefahr gerettet, als wir endlich in einem kleinen Einspänner, gleich Heringen zusammengequetscht, Platz genommen haben. Die Boys haben wir natürlich verloren, aber auf den langen Arm der englischen Justiz vertrauend, bekümmern wir uns nicht weiter um unsere sechsundzwanzig Stück Gepäck und überlassen alles der Dienerschaft, die dasselbe auch nach etwa anderthalb Stunden seufzend und stöhnend auf zwei Ochsenwagen ins Hotel bringt. Die Aya hatten die Boys, ich glaube aus Bosheit, unterwegs verloren. Ohne eine »Anna« Geld im Sacktuchzipfel, wurde sie heulend unter einem Baume sitzend von einem Policeman aufgefunden, der sie unter Verzicht auf Belohnung im Hotel ablieferte. Der arme Pavian hockt halb besinnungslos an der Wand und kann sich vom Schrecken nicht erholen.

Wir waren, wie gesagt, zum Hotel vorausgefahren. Der Weg führte durch breite, ruhige, herrliche, von Riesenbäumen beschattete Landstraßen, wovon eine, wie wir später hörten, die Hauptstraße der Stadt Madras – Mount Road – gewesen war. Jedoch von Häusern nirgends eine Spur; ab und zu blitzte hinter dichtem Grün in parkähnlichem Garten mit ein paar Kilometer Straßenfront etwas Weißes hervor – das Bungalow (Landhaus) irgendeines Reichen. Dann kommen wir über einen Platz, wo ein großes Gebäude steht mit der Firma »Spencer & Co.« Es ist dies ein englisches Warenhaus, in dem man sozusagen alles bekommt; hierauf folgt eine große, breite, sonnige Straße mit ein paar kleinen, einstöckigen Häusern, dann wieder eine dunkle, prachtvolle Allee, in der man zwischen ein paar Palmen » Chimistri« (Apotheke) lesen kann oder unter Schlinggewächsen eine Anzeige erblickt, daß hier Räder repariert und gekauft werden können. Aber das ist doch keine Stadt, das ist ein phantastisch großer Riesengarten! Endlich, nach dreiviertelstündiger Fahrt, erreichen wir das »Hotel Connemara«, und vor einer von Säulen getragenen Halle hält unser Wagen. Eine Schar Menschen stürzt auf uns zu. Sie reißen uns vor lauter Hilfsbereitschaft förmlich aus dem Vehikel heraus. Jeder will helfen, jeder verdienen. Doch wir haben nur uns selbst und die Schirme bei uns, welche wir seit dem großen Volksgedränge auf dem Bahnhof krampfhaft, als wären sie ein Rettungsanker, umklammert halten.

Das Hotel liegt in einem Garten. Es besteht aus zwei langen, schmalen, vierstöckigen Bauten mit Balkons ringsum. Die Häuser sind durch einen Hof getrennt. Der Aspekt des Hotels deckt sich jedoch leider nicht mit dem inneren Komfort, und wenn auch der große luftige Salon mit seiner kolossalen Punkah ganz einladend wirkt, so sind die Zimmer, das Essen, die Bedienung keineswegs auf gleicher Höhe mit dem äußerlich ganz luxuriös aussehenden Haus. Graf Lippe bezieht einen Verschlag, der von dem Speisesaal durch eine leichte Bretterwand abgegrenzt ist, wodurch er den Vorzug hat, allen Rauch, Lärm und Eßgeruch mitzugenießen. Wir bekamen wohl einen größeren Raum, aber von ganz seltsamer Einteilung. Derselbe durchkreuzt den ganzen, schmalen Hausbau und wird in der Mitte durch eine hohe nicht ganz bis zum Plafond reichende Wand in zwei Zimmer geteilt. Das vordere Gemach ist der sogenannte Salon mit einer nicht schließenden Flügeltür und einem Fenster. Der andere Teil dient als Schlafzimmer und wird nur durch die spärliche Oeffnung über der Bretterwand ventiliert und beleuchtet. In diesem dunkeln, dumpfen Raum, in dem es feucht und modrig riecht (es herrscht noch die Regenperiode), stehen zwei schmale, kurze Betten mit einem Holzkreuz als »Sprungfeder« und einer zweifingerdicken Baumwolldecke als »Roßhaarmatratze«; darüber ein defektes Moskitonetz auf einer Stellage, die ich jeden Abend an ein paar Stühle anbinden muß, damit sie nicht umfällt. Hinter diesem Schlafzimmer liegen Toilette und Badekabinett mit Türen auf den Hof, während Fenster und Türen des sogenannten Salons auf eine von Fremden und Eingeborenen begangene Halle münden, so daß man wirklich ganz gleichgültig dagegen werden muß, ob man in mäßig bekleidetem Zustande gesehen wird oder nicht. Ratten, Mäuse und Eichhörnchen schlüpfen durch Türe und Fenster und lassen sich trotz des Nachtlichts nicht von ihrem vergnügten Rendezvous unter meinem Bette abschrecken. Es piepst, raschelt und quiekt die ganze Nacht. Hier und da gleitet etwas seltsam zart über die Strohmatte – ob es wohl eine Schlange ist –, mir fehlt der Mut, nachzusehen, trotzdem ich bisher überhaupt noch keine Schlange in Indien sah, außer jenen der Schlangenbändiger. Selbstverständlich gibt es auch bessere Zimmer, als die beschriebenen, wenngleich die Einteilung immer ähnlich, aber das Hotel ist so überfüllt, daß wir überhaupt froh sein müssen, ein Unterkommen zu finden.

Nach einem erfrischenden Bade begaben wir uns in den Speisesaal. Es ist ein luftiger Gartensalon mit dem Blick ins Grüne. Viele einzelne größere und kleinere Tische stehen gedeckt bereit, unzählige barfüßige Muselmänner in einst weiß gewesenen Gewändern mit schwarzen Kokarden auf dem Turban und mit einem schwarzen Streifen am Arm, versehen Kellnerdienste. Aber sie sind schlecht verteilt. Entweder stürzen sich alle zugleich auf unsere leeren Teller, oder keiner bringt etwas zu essen. Und was war das für ein Essen, wenn wir es endlich bekamen! Wie soll der Mensch davon satt werden! Da erhält man ein mit Tomaten gefärbtes, fettes Wasser, das nennt sich Suppe; als Entrée auf einem sehr großen Teller ein sehr kleines, rundes Croûton, auf dem eine beinahe unsichtbare, mit einem Atom Mayonnaise gefüllte Olive liegt, dann ein talergroßes Stück kalten Fisches voll Sandkörner – alle Fische werden zum Schutz gegen die Fliegen in den Sand eingegraben – mit einer Scheibe Kartoffel, einer Scheibe Gurke, einer Scheibe rote Rübe und einem Blättchen Salat garniert; ein wirklich reizendes Bukett, aber kein »Gang«. Hierauf als pièce de resistance ein Fleischpflanzerl als Kotelett maskiert. Ferner Kohl in Rauchwasser gekocht, und als Braten wieder auf großem Teller eine Achtel-Schnepfe auf kleinen Croûtons serviert. Zum Schluß gab es wieder den ewig sitzenbleibenden Sagopudding – Käse, Obst –.

Das Menu klingt beinahe üppig, und wenn man das Zeug essen könnte, stände es mit der Ernährung nicht so schlimm, aber alles hat einen so seltsam spezifisch indischen Geschmack – halb rauchig, halb modrig. Das mulstrige Brot läßt sich nur als Toast genießen. Der geschmacklose Tee ist eine grünschwarze Brühe und darf nur ohne Milch getrunken werden, denn Butter und Milch sind aus hygienischen Rücksichten verpönt. Roastbeef sieht aus wie bleichsüchtiges Pferdefleisch, Kalbfleisch wie helles Leder und die Hühner sind so zäh und langfaserig, daß sie sich in die Zähne verwickeln und man sie nicht zu kauen vermag. Bananen und Mandarinen erweisen sich eigentlich als der einzig ungetrübte kulinarische Genuß; sie sättigen und erfrischen. Die Herren behaupten zwar, daß Curry und Reis nicht zu verachten sei, nun das ist Geschmacksache, ich konnte das gepfefferte Zeug, das sich wie ein Feuerbrand in den Magen senkt, nicht genießen. Jedenfalls ist es die Speise, von welcher der Engländer in Indien lebt, und die, wie man sagt, nur in Indien mit Raffinement bereitet wird.

Obschon wir uns durch die eben geschilderten Mahlzeiten weniger gesättigt und gekräftigt fühlen, als die Länge des Menus voraussetzen läßt, ziehen wir aus, die verborgene Stadt zu suchen. Wir nehmen einen Wagen, da die Entfernungen für Rickshaws, die hier wie auf Ceylon gebräuchlich, zu groß sind. Die armen Kulis, die den Dienst des Zugtieres versehen, können die Anstrengung höchstens fünf Jahre ertragen, dann kranken und sterben sie, und wenn man das erst einmal weiß, verliert man alle Freude an diesen paradiesischen Wägelchen. Wir fahren endlose Strecken durch lange Alleen von prachtvollen Akazien über Rasenplätze, auf denen Vieh weidet, am Fort vorbei über die mit großartiger Raumverschwendung angelegte, von breiten Straßen durchquerte Esplanade, welche Affenbrotbäume mit efeuartigem Blatt beschatten. Jenseits dieser Anlage, auf der sich das ganze Sportsleben der Madralesen wie der Europäer abspielt, sehen wir ein paar palastartige Bauten. Das ist die Stadt, das muß sie sein. Dorthin fahren wir. Aber es ist nur eine Reihe großer Gebäude, das Gouverneurhaus, das aus roten Ziegeln halb in arabischem, halb im Hindustil errichtete Justizgebäude, das Museum, halb gotisch, halb Renaissance, die elegante Bibliothek und das Observatorium, dessen Zeitbestimmung für ganz Indien maßgebend ist. Dann steht man wieder auf einer Wiese. Wo ist nur die Stadt, wo wohnen die Menschen, die von hier aus regiert werden? Man weist uns zum Hafen.

Eine neun Meilen, sage fünfzehn Kilometer lange Straße mit ein paar Häusern bildet das Geschäftsviertel der Europäer (4000 E.). Die wichtigsten Handelsartikel sind Baumwolle, Getreide, Indigo. Ist das eine Stadt? Madras erscheint sehr merkwürdig, es ist so weitläufig gebaut, daß man selten einen Häuserkomplex beisammen stehen sieht, der eine größere Stadt vermuten läßt. Freilich ändert sich der Eindruck sofort, wenn man durch die »Blacktown«, das Viertel der Eingeborenen, fährt. Man sieht hier Häuser und Menschen die Fülle und glaubt schon eher an eine Einwohnerzahl von 460 000 Köpfen. Die Straßen sind reinlich. Die Häuser bestehen aus freundlichen Erdgeschossen von Stein, mit dem schon öfter beschriebenen Vorbau. An der Wand dieser Halle stehen Bänke oder niedrige, vierbeinige, divanartige Gestelle mit einem Rahmen, den kreuzweise gespannte Gurten oder ein Gitter von Palmblattfasern überziehen. Beide sind Schlafstellen, auf denen die Bewohner des Hauses während der »Periode der Unreinheit« schlafen, d. h. nach Begräbnissen, nach Geburten, und auch die Witwe ist hierher verbannt. – Wenn man morgens an den Häusern der Eingeborenen vorbeikommt, kann man beobachten, mit welcher Sorgfalt das Hinduweib ihr Haus putzt und fegt. Der Eingang und die Straße vor demselben wird mit Arabesken in farbigem Sand kunstvoll verziert. Die Arabesken zeichnet die Frau aus freier Hand, während die einrahmende Bordüre, Fische, Vögel, Blumen, mittels einer Schablone geschickt in verschiedenen Farben ausgeführt wird. Natürlich ist das Resultat dieser alltäglichen mühevollen Arbeit, die zu großem Wetteifer zwischen den Nachbarinnen anregt, sehr vergänglicher Natur, denn kaum vollendet, wird sie auch schon durch die Vorübergehenden wieder zerstört. Hier in der »Blacktown« herrscht ein überaus lebendiges Treiben; es wimmelt von Menschen. Die Männer wirken verblüffend nackt, sehr viel nackter als alle, die wir bisher in Indien gesehen hatten. Sie fallen mehr auf, weil es lauter starke, kräftige, wohlgenährte Gestalten sind, nicht dürr und schwach wie jene in den südlichsten Provinzen des Festlandes. Die Frauen sind hübsche Erscheinungen. Viel trägt zu diesen Eindruck ihr malerisches Kostüm bei. Rote, grüne und blaue Schleier mit andersfarbigen Bordüren, umhüllen togaartig ihre Figur, und reicher Schmuck, wenn auch meist nur aus Messing, glitzert überall an ihnen. Das glattgescheitelte Haar tragen sie am Nacken zu einem chignonartigen Knoten geschlungen. Reizend sind die kleinen nackten Knaben und Mädchen, die auf ihrer samtartigen Haut an einer silbernen Gürtelkette als Feigenblatt ein silbernes Pfeifchen oder Herzchen tragen.

Wir wollten einige Einkäufe in Musselinen machen, und hätten dieselben gerne vom Wagen aus besorgt, denn die zahlreiche, fettsäuerlich riechende Nacktheit um uns herum hatte etwas Beängstigendes und Anwiderndes. Aber wir mußten aussteigen, da half kein Widerstreben. Einer von den nackten Eingeborenen, mit langen mächtigen Armen, straff vom Kopfe abstehenden schwarzen Haaren, wild funkelnden, tatendurstigen Augen, hatte uns in Entreprise genommen, und wir waren gezwungen, ihm zu folgen. Wollten wir Stoffe ansehen, so mußten wir aussteigen, drückten seine sehr energischen Bewegungen aus. Wir verließen deshalb den Wagen und traten in die kleine Vorhalle, von der aus wir widerwillig, rein aus Artigkeit, weil wir die Leute zu beleidigen fürchteten, in einen inneren, fast licht- und luftleeren kleinen Raum weitergingen, wo der Besitzer des Ladens auf dem Boden kauerte. Würdevoll werden wir von ihm empfangen, feierlich auf eine Kiste gesetzt, und nun drängt die ganze nackte Gesellschaft nach. Es ist zum Ersticken. Von großem Unbehagen erfaßt, denkt man plötzlich an alle die Erkrankungsmöglichkeiten, die solch nahes Zusammensein mit den Eingeborenen schafft.

Aber hier ist ein Entrinnen schwer. Wir sind umzingelt, die Türe ist belagert. Mehr als ein Dutzend diensteifriger Schwarzer beeilt sich, aus Kisten, Kasten und Schränken, aus einem noch finstereren Nebenraum, aus dem Nachbarladen Stoffstücke herbeizuholen. Wir fanden nicht, was wir suchten, und wollten gehen. Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Unser Impresario rollte die Augen fürchterlich, fuchtelte mit seinen Affenarmen durch die Luft, pries die Ware in seinem englischen Gestammel über den Schellenkönig, behauptete, es gebe nicht besseres, rief den Boy als Zeugen für seine Worte auf, benahm sich wie ein Besessener – kurz, es blieb nichts anderes übrig, als das zu kaufen, was er ausgesucht hatte. Kaum war dann der Einkauf bezahlt, als er uns mit Grazie und Gewandtheit, alle andern Unterhändler ferne haltend, zum Laden hinausbugsierte. Jetzt wußte er auf einmal, was wir suchten, ja, dafür gab es einen bestimmten Laden, den er kannte, wieder machten wir dieselben Szenen durch. Unser Native war wirklich ein unvergleichlich geschickter Handelskommis. Mit liebenswürdiger Verschmitztheit verstand er es, dem Käufer, dem Verkäufer, vor allem aber sich selbst gerecht zu werden. Als wir Abschied nahmen und er seine Prozente bekommen hatte, hob er triumphierend seinen Buschmannskopf und lachte, als ob all sein Tun nur ein Scherz, nur ein Vergnügen gewesen.

Die batistartigen Musseline, welche für die kostbaren Schleier der Eingeborenen bestimmt sind, bilden eine Spezialität von Madras; sie werden mittels Handwebestühlen hergestellt, bei denen die geschickten Finger der Hindus einhundertsechsundzwanzig Werkzeuge in Bewegung setzen und Stücke von solcher Feinheit liefern, wie gleichwertiges in Europa nicht angefertigt wird.

Auf dem Rückweg nach dem Hotel kamen wir an einem Hindutempel vorbei, in dessen Umgebung alt und jung damit beschäftigt war, die Straßen mit Palmblättern zu überdachen, und lange Bambusstangen mit Querhölzern zu versehen, welche, mit vielen Lämpchen behängt, bei dem bevorstehenden Fest in dem großen abendlichen Zug als Leuchte zu dienen haben. In einer Umzäunung stand unter einem Mattendach, mehrere Etagen hoch, ein schön aus Holz geschnitzter und farbig bemalter Prozessionswagen, der bei den religiösen Akten eine Hauptrolle spielt. Die auch hier im Drawidastil gehaltenen Hindutempel bleiben in Madras allen Europäern verschlossen. Als hervorragendste »Pagode« gilt der Krishatempel am heiligen Teich, im Stadtteil Triplecani, der südlich von unserm Hotel gelegen ist, wo sich noch ein Kranz weitläufiger Vorstädte ausbreitet. – Die fünfzigtausend Moslims in Madras haben nur kleine Moscheen. – Wir begegneten dem Gouverneur, dessen Equipage mit der Zirkuskarosse eines Jahrmarktes viel Aehnlichkeit zeigte. Die Fahrt zum Hotel zurück war sehr heiß. Der rote Sand des eisenhaltigen Erdbodens wehte uns glühend entgegen.

Nachmittags produzierte sich eine Gauklerbande vor unserm »Salon«. Die Leute ließen den bekannten Mangobaum wachsen, und führten uns als überraschendstes Kunststück das gefesselte Mädchen vor. In einem runden Korb liegt, fest an die Wandungen angeschmiegt, das junge Hinduweib, und ohne es zu verletzen, wird das Bastgeflecht nach allen Seiten hin mit einem langen Schwert durchstochen. Der Korb ist verhältnismäßig klein, das Mädchen dabei groß und kräftig, so daß es mir völlig unverständlich blieb, wie es möglich war, daß es sich während des Durchstechens wirklich im Korbe befand. Es schien in der Tat Hexerei im Spiel zu sein.

Abends lasse ich mein Wackelbett in den »Salon« stellen. Eine Punkah hängt am Plafond, die während drei Stunden von einem alten Weibe für zwei Annas – fünfzehn Pfennige – gezogen wird. Das elende Geschöpf hält sich für gut bezahlt. Leider weint und kracht die luftspendende Vorrichtung so sehr, daß ich auf Erfrischung verzichten muß und erst in der Morgenkühle einschlafe.

Frau von R. und Herr Federer, die mit uns in Madras eintrafen, sind gestern gleich nach Bombay weitergefahren. Heute folgen Baron Gemmingen und Frau, mit denen wir hier für einen Tag zusammen waren. Wir teilen uns in drei Parteien und treffen uns in größeren Städten immer wieder. Die letzte Erfahrung auf der Eisenbahn hat bewiesen, daß gemeinsames Reisen fast unmöglich ist.

 

6. Dezember. Es regnet. Heißes Wasser scheint vom Himmel herabzufallen, und man fühlt sich wie in einem Dampfbad.

Heute morgen besuchten wir gleich nach dem Frühstück den prachtvoll gehaltenen botanischen Garten. Er ist voll der schönsten und seltensten Pflanzen, und insbesondere wegen seiner wundervollen Taliputpalmen berühmt. Diese Palmenart blüht erst mit fünfzig oder achtzig Jahren. Die ganze Baumkrone soll dann in einem dreißig Fuß hohen gelben Blütenbüschel aufgehen, welcher nach dem Abblühen abknickt. Hiermit ist die Lebenskraft der Palme erschöpft, sie stirbt.

Das Museum, in das wir uns jetzt begaben, gilt besonders wegen der naturhistorischen Abteilung als sehenswert. Man bekommt durch dessen Besuch eine Vorstellung von der indischen Tierwelt, der Schlangen und Vögel, sowie der Pflanzen und der Steine, unter denen der Glimmer eine wichtige Rolle spielt.

Auf der sogenannten »Insel«, einem Stadtteil von Madras, liegt der » peoples park«, ein unendliches Stück Land mit großen Gartenanlagen, Laub- und Palmwäldern, Flüßchen, Weihern, alles viel zu weitläufig, als daß wir Zeit gehabt hätten, diesen riesigen Volksgarten zu umfahren. Eine Menagerie bildet den Mittelpunkt des Gartens und übt die größte Anziehungskraft auf alle Eingeborenen. Es sind wenig Tiere in dem Zwinger untergebracht, aber lauter ausgesuchte Exemplare, die zu Ehren der Besucher von den Wärtern extra gereizt werden, um recht lebenswahr interessant und fürchterlich zu wirken.

In Madras ließen wir zum erstenmal auf indischem Boden unsere Wäsche waschen. Nach ein paar Stunden hat man seine Sachen wieder, aber mit welchem Geruch, und wie sieht die Wäsche aus? Die »Dhobis« (Wäscher) schlagen die Stücke mit aller Kraft auf Steine, sie werden selten oder nie ausgekocht und statt der Seife mit einer grauen Schmiere behandelt. Alles kommt zerrissen und verschlissen wieder. Die Herrenhemden sind so zerfetzt, daß man nur mit der Schere helfen kann. Die Berechnungsweise für gewaschene Wäsche ist in ganz Indien dieselbe und ganz verschieden von der bei uns in Europa üblichen. Man zahlt nach der Stückzahl, etwa hundert Stück vier bis fünf Rupien. Eine Rupie ist infolge des gesunkenen Silberwerts statt zwei Mark nur eine Mark dreißig Pfennig wert. Sie repräsentiert die indische »Landesmünze« und wird in sechzehn Annas à zwölf Pais eingeteilt. Hunderttausend Rupien sind ein Lakh. Doch die Dhobis lassen mit sich handeln.

In den Hotels werden keine detaillierten Rechnungen aufgestellt. Man zahlt einen bei der Ankunft ausgemachten Pensionspreis, gleichgültig, ob man einen Tag oder eine Woche bleibt. Ein angebrochener Tag muß selbstverständlich voll bezahlt werden. Alles, was extra bestellt wird, erhält man nur gegen Bons mit Unterschrift. Letztere werden der Rechnung zur Kontrolle angeheftet und es kann bei solcher Einrichtung niemals ein Irrtum unterlaufen. Die gleich praktische und nachahmenswerte Einrichtung findet man auch auf den Lloyddampfern. Jetzt, zur Zeit des Durbars, sind die Preise erhöht, und statt fünf bis acht zahlt man sieben bis zehn Rupien per Tag. In diesem Preis ist Zimmer und Verköstigung einbegriffen. Letztere besteht aus einem Frühstück, das durch den eigenen Boy ins Zimmer gebracht und meist noch im Bett genommen wird. Das Frühstück, »Tschota hazerie« – oder Frühtee – besteht aus Tee, Toast, Jam und Früchten. Um neun Uhr folgt das Gabelfrühstück, um zwei Uhr das Tiffin, um fünf Uhr oder nach Belieben Tee, und abends acht Uhr das Dinner, zu dem man stets Toilette macht, die Damen im Abendkleid, die Herren im Smoking erscheinen. Ueber die Reichhaltigkeit und zugleich Armseligkeit des Essens habe ich mich bereits ausgesprochen, aber nicht gesagt, wie monoton es ist. Man bekommt beinahe zu allen Mahlzeiten immer dieselben Speisen, nur daß der Braten zwischen Hühner-, Hammel- und Bullokfleisch abwechselt, was aber alles gleich schlecht ist. Vom Tafelgetränk gilt Whisky und Sodawasser als das Gesündeste, aber es gibt auch einige andere Erfrischungen, Limonaden aller Art nebst Pilsener Bier. Wein wird wenig getrunken, obwohl in den besseren » refreshmentrooms« wie die Restaurationen auf den Bahnhöfen heißen, Batterien von Weinflaschen mit heimatlichen Etiketten, Deidesheimer und Liebfrauenmilch, auf den Tischen eingestellt sind. Auch St. Julien und Burgunder stehen wohl seit Jahren hier, denn ich sah nie jemanden, der sich an den Schaustücken vergriffen hätte.

Nachdem wir heute früher als gewöhnlich diniert hatten, begaben wir uns auf den Bahnhof, wo die bestellten Coupés, mit unserm Namen versehen, bereitstanden. Um acht Uhr begann unsere sechsunddreißigstündige Fahrt nach Bombay. Der von uns benutzte sogenannte » mailtrain« hatte übrigens keineswegs den Charakter eines Schnellzuges. Auf jeder Station wurde gehalten, gepfiffen, getobt, und von ruhigem Schlafen war in dieser Nacht nicht viel die Rede.

Es ist Vollmond. Als ich einmal während der Fahrt in die hellglänzende Mondlandschaft hinaussehe, erblicke ich ein seltsam phantastisches Bild. Weich gezeichnete Höhen ziehen sich an ausgedehnten Wasserflächen hin. Ein eigenartig geformtes Boot mit kühn geblähten, hellen Segeln gleitet über sie weg. Ein Mann mit flatterndem Schleier steht am Steuer. Man glaubt, an Buchten des Meeres entlang zu fahren, und doch sind wir tief im Binnenlande. Es sind durch die Regenzeit hoch angeschwollene Nebenflüsse, die sich hier mit dem Hauptstrom, dem Pennar, vereinigen, und die mit ihren sich stauenden Wassern ein großes Gebiet überschwemmen. Vom Meere her ziehen die pittoresken Fischerkähne herauf und befahren weite Strecken, die in wenigen Wochen smaragdgrüne Reisfelder decken, um nach ein paar weiteren Wochen wieder trockenes dürres Land zu sein, auf dem kaum ein paar Halme wachsen.

 

7. Dezember. Gegen Morgen halten wir in Raishoor und haben das Gebiet des Nizam von Haidarabad betreten. Haidarabad ist das größte der unter englischer Oberhoheit stehenden sogenannten unabhängigen Fürstentümer Indiens. – Ein Arzt geht den Zug entlang und inspiziert alle männlichen Reisenden; eine Halfcast-Doktorin klopft an mein Fenster und verlangt meine Hand. Ich reiche sie schlaftrunken hinaus, sie fühlt meinen Puls, sagt: » thank you«, und ich bin nicht mehr pestverdächtig. Die Wagen der dritten Klasse sind alle unter strengem Verschluß, und auch die Boys befinden sich hinter Schloß und Riegel, so daß unser »Tschota hazerie« lange auf sich warten läßt und wir dasselbe, als es erscheint, nicht mehr nehmen können, weil der Tee zu heiß ist und der Zug nicht länger wartet.

Zum Breakfast, das beste, welches wir auf der ganzen Reise trafen, sind wir in Wadi, wo die Bahn nach der Hauptstadt Haidarabad abzweigt, deren Besuch wir leider aufgeben müssen, um nicht in Delhi gerade mit dem Festtrubel zusammenzutreffen. – Waffenstarrende, kriegerische Männer, herrliche große Gestalten, stehen auf dem Bahnhof. Soldaten in der kleidsamen Uniform des Nizamschen Reiterregiments stiegen in unsern Zug. Die Leute sehen malerisch und zugleich theatralisch aus, in ihren rotpassepoilierten, auf beiden Seiten bis zur Taille geschlitzten, langen grünen Waffenröcken, mit ihren glitzernden Kettenepauletten und der roten spitzen Mütze, die mit einem blaugelbkarierten Turbantuch umwunden ist, dessen Enden über den Rücken herabfallen. An einem braunen Ledergürtel, der über einer hochroten Schärpe schließt, hängt der lange Säbel. Unter dem Waffenrock gelbbraune Hosen, an den Füßen braune Schuhe mit nach oben gebogenen Spitzen, weiße Strümpfe an den Beinen, die mit schwarzen langen Tuchstreifen bis unter die Knie umwickelt sind und unsere Gamaschen ersetzen. Diese Art Gamaschen werden auch von allen Europäern hierzulande in gleicher Weise getragen. Die Eingeborenen zeigen im Durchschnitt eine hellere Gesichtsfarbe als die, welche wir bisher sahen, und beinahe alle gehen bekleidet. – Die Stationsgebäude sind hübsche Steinbauten mit Kuppeln. Das Land ist sehr kultiviert, und die Provinz macht den Eindruck der Wohlhabenheit. – In Scholapoor werden wir nochmals auf Pest und Cholera untersucht, und dann verlassen wir das Reich des Nizam, um eine Gegend zu durchfahren, die in ihren Reizen auffallend jener von Feldmoching gleicht.

 


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