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Puri Jagannath

25. Januar. Die in der Eisenbahn verbrachte Nacht verlief höchst unangenehm. Es war verhältnismäßig kalt, und wir froren sehr, bis wir schließlich bemerkten, daß unsere Coupétür weit offen stand. Das Summen und Stechen der Moskitos quälte, der Zug hatte einen ruckweisen Gang, die Pfiffe der Lokomotive gellten wie das Alarmsignal eines untergehenden Schiffes, kurz, wir konnten keinen Augenblick schlafen.

Morgens um zehn Uhr treffen wir in »Khurda Road« ein, wo die Bahn nach Puri abzweigt. Hier erwartet uns die »stille Pauline«, wie Graf Lippe den Zug der Nebenlinie nennt, der sich nach langem Zögern in schleichende Bewegung setzt. Er ist aus den ältesten Wagen von ganz Indien zusammengestellt, die alle unbequem und sehr schmutzig sind, wir fahren durch eine üppige Landschaft. Ein smaragdgrüner Schimmer bedeckt die Felder; der Reis dringt samtweich durch die Erde; ungeheure Bananen bilden herrliche Gruppen. Palmenalleen ziehen sich in die Ferne. Am Bahndamm liegen größere und kleinere Tanks. Sie sind wie mit einem bunten Teppich überzogen. Eine tief grüne Blattfülle bedeckt das Wasser, auf der weiße und rote Lotosblumen auf langen Stengeln schwanken. Am User stehen merkwürdige Gebüsche. Wir glauben Magnolienbäume in voller Blüte zu sehen, doch sind es große Sträucher, auf denen Dutzende von weißen Zwergstörchen oder wilden Gänsen sitzen, die wie schlanke Blumen erscheinen. Die großen Tanks bilden die Badeplätze der Pilger. Das Wasser ist gelb und schlammig. Krokodile strecken ihre breiten Köpfe daraus empor und sonnen sich die heiligen Nasen. Alles ist hierzulande heilig, ob es vier, zwei oder gar keine Beine hat: Kühe, Hunde, Affen, Tauben, Schlangen usw.

Wenn zur Zeit der großen Feste im Juni oder Juli ganz Indien seine Pilgerscharen über Puri ergießt, so müssen die Büßer, ehe sie die heilige Stadt betreten, eine »Purifikation« durchmachen. Sie nehmen in einem dieser gelben Teiche das Seele und Körper reinigende Bad und betrachten es als eine ganz besondere Gnade der Vorsehung, von einem der göttlichen Krokodile verschlungen zu werden.

Mit drei Stunden Verspätung erreichten wir, statt um neun Uhr, um zwölf Uhr halb verhungert unser Ziel. Die Bahnstrecke ist erst seit kurzem eröffnet und wird von Europäern wenig benutzt. Sie reisen meist zu Wasser von Kalkutta nach Südindien. Der Bahnhof von Puri, wenn man die eingezäunte große Fläche so bezeichnen darf, deutet auf einen Verkehr hin, wie man sich ihn bei uns nicht vorstellen kann. Die einzelnen Perrons sind so breit wie die Maximiliansstraße in München, hinter einem kleinen Häuschen, in dem die Billette verausgabt werden, vor einem riesigen Holzgitter, stehen ein paar Ochsenkarren und Droschken vierter Güte. Wir kriechen in eine, die Dienerschaft in eine andere dieser Fahrgelegenheiten und ziehen los; aber wie langsam kommen wir vorwärts. Damit wir das linke Rad unserer Droschke nicht verlieren, muß ein Mann nebenher laufen, um es immer wieder einzuschieben.

Die Straßen sind wie mit feinem rotem Sand bestreut, da alles hier Lateritboden ist. Hohe Kaktushecken und schattige Bäume stehen längs derselben. Eingeborene von gelber Hautfarbe bilden Spalier. Sie sind teils bekleidet, teils nackt; manche sehen mit ihren Tropenhelmen und Sonnenschirmen wie Indianer aus.

Wir nähern uns dem Meere und versinken mehr und mehr in den tiefen Sand. Das Bungalow wird in der Ferne als weißer Punkt sichtbar. Doch schon von weitem gibt man uns durch Zeichen zu verstehen, daß es besetzt ist. Halbtot vor Müdigkeit, Hitze, Hunger und Durst – wir hatten nicht gefrühstückt – lassen wir uns nicht abweisen und halten vor dem Bungalow.

Die Benutzung eines Bungalow ist jedem Reisenden nur vierundzwanzig Stunden lang gestattet. Nach dieser Zeit muß es unweigerlich geräumt werden, wenn neue Reisende kommen. Die Herren gehen ins Haus, um sich zu orientieren, doch kommen sie alsbald wieder heraus und erklären mißvergnügt: »Da liegt einer im Bett.« Ein riesiger Hunger gibt mir Mut. Ich klettere aus dem Wagen und trete ins Haus. Ja, da liegt einer im Bett und wendet mir sein zitronengelbes Gesicht mit ein paar großen, tiefschwarzen Fieberaugen zu. Ich denke, der Mann hat die Pest, aber er hatte nur ein Seebad genommen und pflegte der Ruhe.

Alle Europäer sehen hier leidend aus. Das elende Aussehen des Engländers stimmte mich milder. Ich war geneigt, zu unterhandeln, ihn ungestört zu lassen, wenn er uns etwas zu essen geben würde. Doch davon wollte er nichts hören. Wir sollten in das Bungalow für »Zivil und Militär« gehen, er hätte nichts für uns und kaum etwas für sich selbst. Nun war meine Nachsicht erschöpft! »Wie lange wohnen Sie denn eigentlich schon hier?« fragte ich ihn. » Oah, Oah, well – – I think you have the right to turn me out! I have been here for more then twentyfour hours! I 'll look for some food«, womit er sich erhob, sich mit seiner Reisedecke drapierte, die ihn aber nur teilweise bedeckte, da sein kurzes Röckchen knapp bis zu den Hüften reichte. Die Rückansicht völlig entblößt, verschwand der Herr auf zwei gelben Beinen im Nebengelaß, aus dem er nach ein paar Augenblicken europäisch gekleidet wieder erschien. Er forderte uns auf, am Tische Platz zu nehmen, und ließ uns durch seinen Boy servieren, was er selbst hatte, einen Rest Büchsenhummer, Schinken, ein paar kalte Kartoffeln, Käse, ein wenig Kuchen, Tee, Whisky, Sodawasser. Ich merkte sehr bald, daß wir Gastfreundschaft genossen und diesen minimalen Vorräten nur bescheiden zusprechen durften.

Mr. Lee ist seit fünf Jahren Beamter in Madras und verbringt hier seinen Urlaub mit Tigerjagd. Das für solche Zwecke vorgesehene Dack Bungalow für »Zivil und Militär« ist nicht in Betrieb, und da nur ganz selten ein Europäer sich im Laufe des Jahres nach Puri verirrt, machte er sichs in dem Bungalow für »Reisende« bequem. Nach dem freundlichen Entgegenkommen, das uns Mr. Lee bewiesen, entschlossen wir uns, seinen Frieden fürder nicht zu stören, und trennten uns mit dankbarem Händeschütteln von ihm. Froh, etwas gegessen zu haben, und beruhigt durch sein Versprechen, für unsere weitere Ernährung Sorge tragen zu wollen, verfügten wir uns in das verlassene Regierungs-Bungalow. Dieses hat keine Küche, nur zwei Betten und ist sehr verwahrlost. Zum erstenmal auf der Reise mußten wir unser Feldbett aufschlagen. Bis zur Rückkehr unserer Dienerschaft, die wir zum Essen in die Stadt geschickt hatten, wollten wir ein bißchen ausruhen. Aber von Schlummer konnte keine Rede sein, denn das ganze Haus war mit Millionen von Moskitos angefüllt. Um ihnen zu entfliehen, setzten wir uns auf die Stufen vor das Haus. Hier genossen wir den schönen Blick auf den Bengalischen Meerbusen, dessen gewaltige Brandung das »gelobte Land« des Hindu, das heilige Orissa, umspült.

Auf Puri, die Hauptstadt von Orissa, hat sich seit Jahrhunderten die nationale Verehrung für heilige Plätze konzentriert. Das Heiligtum von Puri ist einer Inkarnation Vishnus, dem Gotte Jagannath geweiht. Milde und gütig, ist er der Gott des Volkes. Seine Lehre verkündet die Gleichheit aller Menschen vor Gott, und in dem Sakrament der gemeinsamen Speisung der Pilger im Tempel symbolisiert sich dieser schöne Gedanke.

»Ihm ist keiner der Geringste –
Wer sich mit gelähmten Gliedern,
Sich mit wild verstörtem Geiste,
Düster, ohne Hilf und Rettung,
Sei er Brahme, sei er Paria,
Mit dem Blick nach oben kehrt,
Wird's empfinden, wird's erfahren;
Dort erglühen tausend Augen,
Ruhend lauschen tausend Ohren,
Denen nichts verborgen bleibt.«

Aber nicht nur jede Kluft der Kasten überbrückt die Heiligkeit des Gottes Jagannath, sondern auch die der Rassen und der Religionen. Ob Hindu, ob Mohammedaner oder Christ, gilt Vishnu Jagannath gleich. Alle Formen des indischen Glaubens und jede Auffassung der Gottheit umschließt seine Lehre. Niemand ist zu hoch, niemand zu niedrig, als daß er nicht im Tempel von Jagannath Zutritt hätte. Jede Gesinnung findet hier ihre Heimstätte. Selbst ein Christ soll einstmals zu der heiligen Speisung zugelassen worden sein. – Heute wird nicht mehr nach dieser hohen Lehre gelebt und gehandelt. Sie ist durch die Spekulation der Priesterschaft in kleinlichen, intoleranten Formalismus verfallen.

Auf diesen weltabgeschiedenen Gestaden fand auch einst der aus Hindustan verbannte Glaube an Buddha seine Zufluchtsstätte, und der Zahn des Gründers dieser hohen Lehre lag während vieler Jahrhunderte als Heiligtum im Schutze des Gottes Jagannath, ehe er nach Ceylon verbracht wurde.

Ungeduldig warten wir auf die Rückkehr unserer Leute, die endlich um drei Uhr höchst bequem in einem Wagen angefahren kommen. Wir eilen, unsern Rumpelkasten zu besteigen, gespannt, den heiligen Tempel zu sehen, hoffend, ihn wie die Pagoden Südindiens betreten zu dürfen.

Die Stadt Puri liegt etwa eine halbe Stunde landeinwärts. Sechstausenddreihundertdreiundsechzig Häuser – ich habe sie nicht gezählt – gruppieren sich mit zweiundzwanzigtausend Einwohnern, wovon neuntausendzweihundert Brahminen sind, um den Tempel. Fünftausendfünfhundert dieser kleinen Bauten sind Fremdenhäuser, die zur Zeit der Feste neunzigtausend bis hunderttausend Menschen beherbergen sollen. Es kommen also ungefähr achtzig Personen auf eine dieser Mausefallen, die aus drei fensterlosen, kleinen Zellen bestehen, und in denen gewöhnlich eine Temperatur bis zu dreiunddreißig Grad Reaumur herrschen soll, welche aber nie unter fünfundzwanzig Grad Reaumur sinkt.

Durch eine enge Straße gelangen wir zum Tempel. Auf dem großen Platz, der sich vor dem Löwentor erstreckt, erhebt sich eine hohe Säule, ein Monolith. Aruna, die Dämmerung, lehnt sich daran. Es ist das einzige Kunstwerk in Puri, aber es verdient kaum Beachtung. Ich nahe mich dem Hauptportal des Tempels. Zuversichtlich schreite ich auf das Tor zu. Achtlos trete ich auf eine große, schwarze Steinplatte, die den Stufen zum Portale vorgelegt ist. Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Menge, die hier auf »Gnaden« wartet. Hundert dürre Arme strecken sich wildflehend gegen mich aus, gräßliche Krüppel hüpfen, rutschen und kriechen mit ihren verstümmelten Leibern von allen Seiten auf mich zu und verlegen mir den Weg. Nackte Riesen heben drohend die Faust, und ein gewaltiger schwarzer Stier wird mir entgegengetrieben, um mich von dem heiligen Stein zu verjagen. Um nicht zerrissen zu werden, fliehe und flüchte ich zu meinen beiden Herren, die in vorsichtiger Weisheit sich mit der Besichtigung der Mauer begnügten, welche den Tempel umschließt.

Was soll ich nun vom Tempel erzählen, was habe ich selbst gesehen, was habe ich in dem glänzenden Werk über »Orissa« von W. W. Hunter gelesen?

Ich sah eine sechs Meter hohe, sehr graue Mauer, die ein Viereck von sechshundertachtzig zu sechshundertzweiundfünfzig Fuß umgibt, in das ich aber nicht hineinsehen konnte. Ich sah die Mauer, über die hinweg der konische Turm ragt, welcher das Heiligtum bezeichnet. Er ist einhundertzweiundsiebzig Fuß hoch, gleicht einem schön geschnitzten Zuckerhut, den die Zeit geschwärzt hat, und ist mit dem mystischen Rad und der Flagge Vishnus gekrönt. In das durch die Mauer gebildete Viereck sollen einhundertzwanzig Schreine eingebaut sein, die den verschiedenen Verkörperungen gewidmet sind, in denen die Phantasie des Hindu sich ihren Gott vorstellt. Der Tempel des Jagannath besteht, wie in »Orissa« zu lesen ist, aus vier Räumen. Erstens aus der Halle der Opfer, in denen die großen Speisungen der Pilger stattfinden; zweitens aus der Säulenhalle für Musikanten und Tänzerinnen; drittens aus der Audienzhalle, durch welche die Pilger defilieren, um den Gott zu erschauen, und viertens aus dem Heiligtum, das von dem konischen Turm überragt wird, und in dem, reich geschmückt, Jagannath mit seinem Bruder Balabhadra und seiner Schwester Subhadra thront. Die Götterbildnisse sind rohe Holzklötze und geben die menschliche Gestalt von der Taille aufwärts ohne Arme notdürftig wieder. Zu gewissen Feierlichkeiten befestigen die Priester goldene Hände an die Armstümpfe, welche aus den Schultern des Jagannath vorstehen. Sie erklären den Mangel der Hände damit, daß der »Herr der Welt« weder Arme noch Füße brauche, um zu regieren. Anders freilich und mit phantastischer Ausschmückung berichtet die Legende:

Im goldenen Zeitalter suchten die Menschen nach dem Gotte Vishnu. Deshalb sandte auch ein guter König Indrayumna seine Brahminen nach allen Himmelsrichtungen aus, um ihn zu suchen. Alle Brahminen kehrten zurück, nur jener, der nach Osten gezogen war, kehrte nicht heim. Er war nach Orissa gekommen und bei einem Vogelsteller eingekehrt. Nun hatte aber Bassu, wie der Vogelsteller hieß, eine Tochter, und als er sah, daß der Fremdling ein Brahmine war, zwang er ihn, seine Tochter zu heiraten. Bassu war ein Diener des Jagannath, des »Herrn der Welt«. Täglich ging er hinaus in den Dschungel, um im geheimen seinem Gotte zu opfern. Eines Morgens aber ließ er sich durch die Bitten seiner Tochter erweichen und nahm den Brahminen mit, doch nicht, ohne ihm vorher die Augen verbunden zu haben, damit er sich wohl dem Gotte nahen könne, aber die Stätte nie wieder fände, an der er ihn erschaut. Klug und vorsichtig versah die Tochter ihren Gatten heimlich mit einem Sack Senfsamen, damit er die Körner fallen lasse und so den Weg zum Gotte zurückfände. Tief im Walde angelangt, nahm der Vater dem Brahminen die Binde von den Augen, und er erblickte in der Gestalt eines »blauen Steinbildes« den Gott Jagannath. Während sich der Alte entfernte, um Blumen für das Opfer zu suchen, betete der Brahmine inbrünstig zum »Herrn der Welt«. Da fiel plötzlich eine Krähe, die sich auf einem Ast gewiegt hatte, vor dem Bild nieder, verwandelte sich in einen herrlich leuchtenden Vogel und schwang sich aufwärts in den Himmel Vishnus. Der Brahmine, erkennend, wie leicht es war, von dieser heiligen Stätte aus die ewige Seligkeit zu erreichen, wollte dem Beispiel des Vogels folgen. Doch da erklang eine Stimme: »Halt, Brahmine, trage noch vorher die hohe Kunde davon, daß du den »Herrn der Welt« gefunden hast, zu deinem König.« Nun kam der Vogelsteller mit seinen Opferspenden zurück. Doch wehe, der Gott erschien ihm nicht mehr. Nur eine Stimme sprach: »Ach, mein treuer Knecht, deine Blumen und Früchte des Dschungels habe ich satt. Mich gelüstet nach gekochtem Reis und Süßigkeit, nicht länger wirst du mich in der Gestalt des ›blauen Steines‹ erblicken.« Betrübt ging der Vogelsteller nach Hause, und von dem Tage an erschien der »blaue Gott« dem armen Volk der alten Welt nicht mehr. Der Brahmine zog zu seinem König zurück und überbrachte ihm die Botschaft des Gottes. Der König rüstete ein großes Heer und zog nach den blauen Bergen in Orissa. Stolz rief der Fürst: »Wer ist mir gleich, mir, den der Herr der Welt auserkoren hat, ihm einen Tempel zu bauen und der Menschheit seinen Namen zu verkünden!« Diese Worte hörte der Gott Jagannath, und er ergrimmte über den Hochmut des Mannes. Zornig sprach er: »O König, ja, du wirst den Tempel bauen, doch mein Antlitz wirst du niemals schauen.« – Zur selbigen Stunde verschwand das blaue Götterbild von der Erde.

Der König baute den Tempel, doch den Gott sah er niemals. Tief bekümmert ging er hinauf in den Himmel, um Brahma zu bitten, daß dieser den Tempel weihe. Aber Brahma verrichtete gerade seine Gebete und durfte nicht gestört werden. Nun aber dauert seine Andacht neunhundert Jahre nach menschlicher Zeitrechnung, und während Indrayumna im Himmel wartete, regierten auf Erden viele andere Könige. Die Stadt, die er um den Tempel erbaut hatte, war verfallen und der Tempel im Treibsand begraben.

Eines Tages aber, als der König, der jetzt auf Erden regierte, am Strande spazieren ritt, strauchelte sein Pferd über die Zinnen des versunkenen und vergessenen Heiligtums. Er ließ es ausgraben, herrlich und unberührt wie am Tage der Erbauung stand der Tempel des Jagannath vor ihm.

Als nun Brahma mit seinem Gebete fertig war und vom Himmel mit Indrayumna herabkam, um den Tempel zu weihen, erklärte der jetzige König der Stadt den Tempel für sein eigenes Werk. Allein Brahma verlangte Beweise für diese Behauptung und befahl vor allem die Krähe zum Zeugen. Aber die Krähe war eben mit ihren Andachten beschäftigt und erwiderte: »Wer bist du, der mich ruft?« »Ich bin es, Brahma, der Herr der Veden, und du armseliger Aasvogel wagst es, meinen Ruf zu verachten?« Da sagte die alte Krähe: »Welcher Brahma bist du? Ich habe Tausende von Brahmas entstehen und vergehen sehen, deren Lebensdauer nicht mehr bedeutet als fünf Tage meines Daseins. Du bist von gestern, geboren aus Vishnu, und du willst mir befehlen?« Da verlegte sich Brahma aufs Bitten, und die Krähe sagte ihm, daß Indrayumna der Erbauer des Tempels sei. Trotz alledem aber fand Indrayumna den Gott Jagannath nicht, und er betete und kasteite sich und flehte so lange, bis der »Herr der Welt« ihm im Gesicht erschien und ihm sein Bild zeigte, das in Gestalt eines Holzklotzes vom Meer ans Land gespült worden war, aus dem er hervorragte. Darauf versammelte der König alle Zimmerleute des Landes, um durch sie aus dem Holzklotz das Bild des Gottes herstellen zu lassen. Doch der Meißel zersprang, und der Hammer verfehlte den Schlag. Schließlich erschien Gott Vishnu selbst in der Gestalt eines alten Zimmermanns und bewies seine Göttlichkeit durch Zeichen und Wunder. Da schloß ihn der König in den Tempel ein und schwur, daß kein Mensch den Tempel während einundzwanzig Tagen betreten dürfe, so lange, bis er aus dem Holzklotze den Gott Jagannath gemeißelt habe. Aber die Königin verlangte das Antlitz Vishnus zu sehen, damit er sie fruchtbar mache, und sie überredete ihren Gemahl, sie einzulassen. Der König öffnete die Tür vor der abgelaufenen Zeit, da verschwand Vishnu, und sie fanden nur drei Brustbilder, die den Gott Jagannath selbst, seinen Bruder und seine Schwester darstellten. Jagannath und sein Bruder aber hatten nur kurze Stümpfe als Arme, während diese seiner Schwester ganz fehlten.

In solcher Darstellung werden die Gottheiten heutigen Tages noch angebetet und verkauft. In eine kohlenartige schwarze Masse eingepreßt, ähneln die drei Fratzen kindisch geschnitzten Nußknackern. Wenn auch behauptet wird, daß diese Götterbilder noch die alten, aus dem goldenen Zeitalter stammenden Kunstwerke seien, so ist der Tempel, den wir heute sehen, jedenfalls nicht mehr das Werk des sagenhaften Königs, sondern wurde, nach geschichtlicher Feststellung 1198 von Anjanka-Bhima (Anang-Bhim-Deo) dem Herrn der Elefanten und König von Orissa, erbaut. Vierzehn Jahre wurde an dem Tempel gearbeitet. Die Kosten beliefen sich auf eine halbe Million Pfund Sterling.

Die breite Straße, welche der hohen schwarzen Mauer entlang um den Tempel herumläuft, mündet in die Avenue, die, doppelt so breit wie die Ludwigstraße in München, kerzengerade nach dem »Gartenhaus« des Gottes Jagannath führt.

Der Herr von Jagannath ist luxuriös ausgestattet. Denn nicht nur, daß der König von Orissa, jetzt Radja von Khurda, als Repräsentant des alten königlichen Hauses seine religiöse Demut in den Titel: »erblicher sweeper sweeper, d. h. Kehrer, ist in Indien derjenige, welcher die niedrigsten und schmutzigsten Dienstleistungen verrichtet. von Jagannath« zum Ausdruck bringt, so verfügt der Gott auch über einen großartigen Hofstaat. Seine persönliche Bedienung bilden sechsunddreißig Orden, die in siebenundneunzig Klassen geteilt sind. Da gibt es Kammerherren des Idols, die ihn schmücken, Diener, die den Gott zu Bette legen, anziehen, ihn baden und, was eine ganz besondere Ehre ist, ihn täglich viermal füttern, während der Gott seine Mahlzeiten hält, wird das Löwentor geschlossen. Die Büßer und Pilger stehen davor, schwingen mächtige Fächer und singen Loblieder, während in der Säulenhalle Tänzerinnen in »schwebenden Reigen« den Gott unterhalten dürfen.

Ehe wir die Avenue, die zum Gartenhaus führt, betreten, wird uns ein großes, erhöht liegendes Wasserreservoir gezeigt. Dies ist die Badewanne der Götterbilder. In dieser werden sie alljährlich mit großem Pomp gebadet. Zu dieser Feierlichkeit sind den drei »Nußknackern« Elefantenrüssel an den Nasen befestigt. Es soll ihnen hierdurch das Aussehen von Ganesha, dem Gott der Urbevölkerung, gegeben werden. Nicht weit von dieser Stelle liegt auch der Platz, auf dem das Fest der »Geburt des Gottes Jagannath« gefeiert wird. Ein seltsames Schauspiel, das je nach der Gesinnung der Beteiligten sehr obszön oder auch sehr mystisch wirken kann, denn die Zeremonie der göttlichen Geburt wird ganz realistisch dargestellt. Ein Priester fungiert als Vater, und eine Bajadere stellt die Mutter des Gottes dar, die ihn zur Welt bringt.

Die breite, rote Prozessionsstraße nach dem göttlichen Gartenhaus ist in ihrer ganzen Länge von kleinen Fremdenhäusern und Buden begrenzt, in denen heilige Bilder, Reliquien, Rosenkränze, Abdrücke des Fußes von Buddha und dergleichen mehr verkauft werden. Am Anfang der Straße liegt die Remise des Festwagens. Sie ist allerdings nur ein kleiner Hof, und auch vom Festwagen sind bloß die sechzehn Riesenräder zu sehen. Der Wagen, der eine Höhe von fünfundvierzig und eine Breite von fünfunddreißig Fuß hat, wird nämlich erst bei seinem Bedarf im Juni oder Juli, je nachdem das Fest fällt, zusammengezimmert.

Der Festzug des Jagannath ist das große Ereignis des Jahres. Der Gebrauch scheint älter als die Erbauung des Tempels (1175). Es war wohl ursprünglich ein buddhistisches Fest, bei dem der Zahn des Buddha herumgetragen wurde, wenigstens beschreibt ein chinesischer Reisender im fünften Jahrhundert nach Christi Geburt, Fa Hiam, den Festzug so genau, daß der heutige tatsächlich eine Kopie des alten zu sein scheint.

Wenn der Gott Jagannath, »der Lotosäugige«, auf dem Wagen Platz genommen hat, wirft sich die tausendköpfige Menge zu Boden und neigt das Haupt in den Staub. Wie aus einer Kehle erschallt des Volkes Jubelruf, und unter auf- und abschwellendem Gesang ziehen die Büßer das auf Räder gestellte Gebäude die breite Straße hinab zum Landhaus des Gottes. Musik ertönt, Trommeln und Pauken dröhnen, Zymbeln klingen, Priester predigen oder brüllen mit rohen Gebärden zweideutige Anspielungen vom Wagen herab, die von der Menge mit wieherndem Gelächter aufgenommen werden. Und so kämpft sich die dichte Masse mit ihrer schweren Last ruckweise vorwärts, zerrend, schleppend und schwitzend, schreiend und springend, singend, betend und fluchend. Die Entfernung bis zu der Sommervilla beträgt kaum eine Meile, aber die Räder sinken tief in den Staub, und die »Reise« dauert mehrere Tage. Nach wenigen Stunden angestrengter Arbeit und wilder Aufregung in der tropischen Junisonne folgt die Reaktion. Der Eifer der Pilger erlahmt, und ehe noch das Landhaus erreicht ist, steht der Monstrekarren verlassen da, der jetzt unter Aechzen und Stöhnen von den professionellen Wagenziehern zum Landhaus gebracht wird. Es sind Bauern aus der Umgegend, die gegen freie Station während der Festzeit diese schwere Arbeit leisten. Ist der Gott in seinem Gartenhaus einquartiert, so ist auch der Enthusiasmus der Pilger verflogen, und brächten ihn die viertausendsechshundert professionellen Karrenzieher nicht wieder zurück, er bliebe zweifellos dauernd in der Sommerfrische.

Daß bei dieser Prozession fanatische Pilger aus religiösem Wahn sich unter die Räder des Wagens warfen, um den Tod zu suchen, mag ein oder das andere Mal ausnahmsweise vorgekommen sein; meist sind es aber Unglücksfälle, die sich infolge des ungeheuren Gewühls ereignen. Denn nach Chaitanya, dem Propheten von Orissa, ist der Selbstmord die größte Sünde gegen den Schöpfer. Nichts ist dem Geiste des Vishnukultus mehr entgegen als Selbstvernichtung. Die milde, gnadenvolle Lehre des Chaitanya suchte sogar der Witwenverbrennung entgegenzuwirken. Chaitanya wurde durch Jahrhunderte als eine Inkarnation Vishnus verehrt. Vierzehn Monate ruhte er im Mutterschoß und kam gerade am Ende einer Eklypse zur Welt. Am Strande von Puri sah er Zeichen und Wunder, er sah den Gott Jagannath über die blauen Wellen schreiten, stürzte sich von schwärmerischer Ekstase ergriffen in den Ozean und wurde auf wunderbare Weise in einem Fischnetz gerettet. Nach zweiundvierzig Jahren, die er, seine Lehre predigend, verbrachte, verschwand er von der Erde 1527. Von ihm ging in Indien die Lehre von der Gleichheit aller Menschen aus.

Uns erschien die ungeheure Straße heute wie ausgestorben. Und doch zählten die Pilgergruppen, die sich hier herumtrieben, nach vielen Hunderten. Aber was bedeutet diese kleine Schar gegenüber den dreimalhunderttausend Menschen, die sich zum Festzug einfinden, und für welche die Straße, die »Baradand«, angelegt ist!

Wir fuhren die Prozessionsstraße hinunter. Die Sommervilla des Gottes liegt am Ende der sandigen Avenue. Sie wird von einer dreißig Fuß hohen Mauer umschlossen, die mit ähnlichen kleinen Türmchen verziert ist, wie sie die Festungsmauern Nordindiens tragen, wundervolle tropische Pflanzen, schlanke Palmen, massige Mangobäume und prächtige Tamarinden ragen über die hohe Einfassung. Durch ein schönes Tor, an dem zwei Löwen in konventionellem Hindustil den Eingang bewachen, tritt man in den Garten. Unter immergrünen Bäumen liegt der alte Schrein, der als Landhaus des Gottes bezeichnet wird, und der wiederum so überaus heilig ist, daß man sich auf keine seiner Stufen setzen darf, wir sind todmüde, denn unser Wagen war natürlich unterwegs stecken geblieben, und wir mußten durch den tiefen Sand zu Fuß waten.

Am göttlichen Landhaus war nichts Besonderes zu sehen, und wir machten uns daher auf, nach dem Tank zu stampfen, in dem »die Urschildkröte im Weltensumpf« mit Familie lebt, wie in Jaipur heilige Alligatoren, so schwimmen hier heilige Riesenschildkröten im grün überzogenen Weiher herum. Auf einen bestimmten Lockruf eilen sie herbei. Die urälteste und größte der Schildkröten ist 1½ m lang. Sie kommt bis an die Stufen des Bassins herangeschwommen und streckt ihren langen Hals gierig nach Futter aus. Uns zu Ehren wird es ihr in einer Menge verabreicht, daß auch ein Elefant daran genug haben könnte. Diese Schildkröte ist ein ekelhaftes Monstrum, dessen Rücken die Leute mit Ehrfurcht berühren, um sich mit den so gefaßten Wassertropfen wie mit Weihwasser zu besprengen. Ich mag die Schildkröte nicht anfassen, will mich nicht mit dem Wasser bespritzen, und zum zweiten Male ziehe ich mir das Mißfallen der Eingeborenen zu.

Nahe diesem Tank liegt ein Weiberdorf, das ganz von »verlorenen, schönen Kindern« mit »bemalten Wangen« bewohnt ist und wohl das von Mahadöh mit Vorliebe besuchte Stadtviertel sein dürfte. Hier wird Krishna, der göttliche Hirtenknabe, auch eine Inkarnation Vishnus, verehrt. Die Legende umgibt ihn mit allem, was das Leben verschönt. Sie schildert seine arkadischen Freuden in den Wäldern und die Liebe, die ihn mit seiner Radha verbindet.

Der Prophet Wallabha Swami gründete 1120 eine Sekte, die Krischna zum Gegenstand ihrer besonderen Verehrung machte. Er lehrte, daß Gott nicht in Armut, Hunger und Einsamkeit, sondern inmitten der Freuden der Welt gefunden werde, und schuf hierdurch einen Kultus der Liebe und Wollust, der viele Anhänger fand. Nicht unter den Armen suchte er seine Anhänger, sondern unter den Reichen, welche das Leben als einen Genuß und die Wallfahrten als eine Gelegenheit betrachteten, ihre Interessen zu fördern.

Das »Weiberdorf« wird wohl auf die genannte Sekte eine ganz besondere Anziehung ausüben. Umgeben von Freudenmädchen, ziehen die Priester von dort zur Stadt. Blumenbekränzt thronen sie in festlich geschmückten Sänften auf den Schultern der sie tragenden Diener, oder sie ziehen mit Guirlanden umschlungen, zu Fuße daher, gestützt von glühend blickenden Bajaderen. Bacchantisch lachen und locken sie, und wie ein Dionysos schreitet der schön drapierte Brahmine mit seinem Sonnenschirm als Ehrenzeichen zwischen den ihn umgaukelnden Mädchen hin. Doch welch einen Gegensatz zu diesem ausschweifenden Freudentaumel bilden die am Wegrand hockenden Krüppel, Kranken, Verstümmelten und Aussätzigen! Büßer mit gelben oder braunen weichselzopfartigen Haaren sitzen in sich gekehrt neben einem kleinen Kuhdungfeuer, das entsetzlich riecht, und leiern einen monotonen Singsang ab. Beklagenswerte Difformitäten wühlen sich im Sande vorwärts, und gräuliche, mit Elefantiasis behaftete Gestalten betteln uns stöhnend an. Ein Sannyasis liegt im Staub. Sein Gesicht ist mit einem weißen Fetzen bedeckt, auf seiner Brust ruhen zwei schwere Pflastersteine, die sich bei jedem Atemzuge heben und senken, und wimmernde Klagetöne dringen unter dem Tuch hervor.

Unsere Droschke ist uns nachgekommen, und von Kühen umringt, suchen wir sie zu besteigen. Eines dieser heiligen Tiere genießt ganz besondere Verehrung. Wie eine große Verzierung hängt der Mißgeburt eine mit Hufen, Kopf und Schwanz versehene, kleine Zwillingskuh an der Seite und macht sie frecher als die andern.

Auf dem Heimweg betrachten wir uns noch die Auslagen der Speiseläden, in denen die Süßigkeiten verkauft werden. Sie bestehen aus einem »Haufen toter Fliegen, ranziger Butter und schmutzigem Zucker«. Die Verpflegung der Wallfahrer ist die denkbar schlechteste, und die Cholera erlischt hier niemals, während die Pest nur ganz ausnahmsweise ausbricht, während des Aufenthaltes in Puri werden die Pilger aus der Tempelküche versorgt. Ehe der Reis als Speise verabreicht wird, ist er in der äußeren Halle geweiht worden, wenn der Reis frisch gekocht ist, mag er eine ganz zuträgliche Nahrung sein, obwohl die Pilger über die »schlechte Küche« des Tempels sehr klagen. Meist wird jedoch nur ein Teil des Reisbreis frisch gegessen, denn da er zu heilig ist, als daß der Rest fortgeworfen werden dürfte, und er selbst im Januar binnen vierundzwanzig Stunden verfault, so wird er nur zu oft in einem Zustand verkauft, der sich für die armen Menschen höchst unheilvoll erweist. Trotzdem wird die ungesunde Tempelspeise mit Gier verzehrt; werden ihr doch wunderbare Heilkräfte für Seele und Leib zugeschrieben. Außerhalb der Festperiode, wie z. B. jetzt, sollen zwanzigtausend Pilger täglich die heilige Speisung empfangen. Während der Zeit des Wagenfestes steigert sich der Zuzug der Pilger aber bis auf hunderttausend. Alle Zahlen, die von Eingeborenen herrühren, sind mit Vorsicht aufzunehmen, und die kühne Behauptung unseres Boys, achtzehn Millionen Pilger besuchten jährlich Puri, ist wohl auch auf die ins Ungemessene gehende Phantasie des Hindu zu setzen.

Langsam brachte uns das Pferd zum Bungalow zurück. Die »feine Welt« von Puri, nämlich ein einziger selbstkutschierender, europäisch gekleideter Eingeborener, lustfährt in einem Einspänner auf der korsoähnlichen Straße. Sie verbindet Stadt und Meeresstrand und schließt nach dem Strande zu mit dem »Tor des Fimmels« ab. Unserm irdischen Auge unsichtbar, bezeichnet es die Grenze zwischen dieser und jener Welt und ist ungefähr so breit, daß »tausend Kühe stehen können«. Vor dem »himmlischen Eingang« liegt eine Anzahl durch Tempel und Gräber begrenzter Sandhügel, hinter ihm rauscht das Meer, in dem die Pilger baden. Zur Zeit des Festes sollen sich an vierzigtausend Büßer auf einmal in die Fluten stürzen. Seit vielen Generationen ist dieser Teil des Strandes geheiligt. Die niedrigen Kasten begraben hier ihre Toten, während der höhergestellte Hindu mit seinem Abscheu vor Verwesung, die Leichen hier verbrennt. Scheiterhaufen rauchen auch heute abend. Grell leuchten sie herüber, und der monotone Schlag der tief tönenden Mirdanga dringt melancholisch und feierlich durch die Nacht.

Todmüde erreiche ich das Bungalow. Wir trinken Tee, und während die Herren dann noch am Strande spazieren gehen, lege ich mich aufs Bett. Um sieben Uhr nehmen wir im Schlafzimmer des Grafen Lippe beim Scheine einer Stalllaterne das von unserm Engländer pflichtschuldigst gelieferte Dinner ein. Das Essen war für die unwirtlichen Gestade, an denen wir uns befanden, genießbar; aber ich war zu abgespannt zum Speisen, verschmähte den letzten Gang des Dinners und begab mich zur Ruhe. Alfred folgte bald nach, und um halbneun Uhr lagen wir alle auf der »Pritsche«, denn anders lassen sich die hiesigen Betten nicht bezeichnen. Doch welch entsetzliche Stunden folgten nun. Wir fanden nicht eine Sekunde des Schlafes. Die Bettstellen hatten keine Netze; schutzlos waren wir den ausgehungerten Moskitos preisgegeben. Millionen stürzten sich auf uns, umsurrten, zerstachen und quälten uns aufs Blut. Die Luft war schwül und heiß, man glaubte zu ersticken. Mit einem Tuch bewaffnet, schlugen wir unaufhörlich um uns. Ruhelos verbrachten wir die Nacht, »die nie ein Ende nahm«. Aus dem Nachbarzimmer drang Zigarettenduft. Der arme Graf Lippe brachte die ganze Zeit mit Rauchen zu, erschien aber trotzdem am nächsten Morgen bis zur Unkenntlichkeit zerstochen und verschwollen, ja, selbst er, der nie Murrende, stöhnte heute leise. Alfred sah aus wie ein Tätowierter. Mich selbst konnte ich glücklicherweise nicht betrachten, weil ein Spiegel fehlte, wir waren alle von der unerträglichen Nacht ganz erschöpft, und die frische Seebrise, die der aufgehenden Sonne vorauswehte, tat uns unendlich wohl.

Vor unserer Abfahrt geben wir unsere Karten bei Mr. Lee mit aufrichtigem Dank auf Nimmerwiedersehen ab und erwarten unruhig die verspäteten Wagen. Boys und Kulis laufen planlos nach allen Richtungen herum. Mit viel Geschrei und wenig Eifer kommen schließlich die Droschken, und wir erreichen den Bahnhof eben noch zur rechten Zeit.

 

26. Januar. Um neun Uhr sind wir in Khurda Road, wo wir den sogenannten Schnellzug finden sollen, der sich jedoch wie gewöhnlich durch Unpünktlichkeit auszeichnet. Mir benutzen die Wartezeit zum Frühstücken, gehen dann spazieren und erblicken eine schöne Gestalt, die viel Aehnlichkeit mit Paul Heyse zeigt, frühstücken nochmals und setzen hierauf den Spaziergang fort. Im Städtchen ist heute Markt, viel buntes Volk wandert vom Lande herein. Unter einem schattigen Baume läßt ein Mohammedaner zwei kleine Bären nach seiner Pfeife tanzen. Eine Schar lebhaft gestikulierender Weiber läuft vorüber. Ihnen voran eilen zwei Männer. Sie tragen auf den Schultern eine Stange, an der scheinbar ein Sack Wäsche baumelt; allein, in dem Bündel hockt ein Schwerkranker, der von auswärts ins hiesige Lazarett verbracht wird. Ein Elefant, der einzige, den wir an diesem Küstenstrich sahen, kommt mit Bauholz hoch beladen daher. Die Zeit vergeht langsam. Wir trinken zum drittenmal Tee, und schließlich setze ich mich geduldig zu dem Stationsvorstand, der sehr ungeduldig auf den Zug wartet. Der » stationmaster« ist ein in Indien geborener Engländer. Er erzählt mir von den natives, von ihrem ausgeprägten Familiensinn und ihrer mildtätigen Barmherzigkeit gegen ihresgleichen. Er berichtet, daß der Eingeborene meist nur eine Mahlzeit am Tage genießt, sich zu dieser Gelegenheit aber den Magen fest zusammenschnürt und dann, wenn es seine pekuniären Verhältnisse erlauben, sich so maßlos vollißt, bis der Strick platzt, der seine Taille umschließt. Es soll eine Art Sport mit diesem gürtelsprengenden Schmausen getrieben werden. Der widerliche Geruch, welcher der Haut der Eingeborenen anhaftet, rührt von einem Digestionsmittel her, das man den Mahlzeiten beifügt, um die Ueberladung des Magens auszugleichen.

Hier in der Gegend lebt eine sehr verbreitete Sekte, die sich in europäischer Weise ernährt. Es sind schöne Menschen, und man kennt sie an der Art, wie sie ihre Haare tragen. Lange Christuslocken rahmen die edelgeschnittenen Gesichter ein. Ihr Benehmen ist gemessen, aber freundlich und entgegenkommend.

Alles nimmt einmal ein Ende, und als wir 2½ Stunden gewartet hatten, dampfte der mailtrain endlich langsam daher, wir erhielten ein sehr gutes Coupé, jedoch im Augenblick des Abfahrens schob man uns noch den » trainer« eines reichen Armeniers aus Kalkutta herein. Er fuhr mit zwölf Rennpferden in die Berge nach Bangalore, damit die Tiere in der Sommerfrische zu neuen Kräften kämen. Ich mußte in das zunächstliegende Coupé, das den Damen reserviert ist, übersiedeln und war höchst behaglich untergebracht. Alfred beobachtete Wasserschlangen, ein paar Wölfe und dergleichen: ich aber sah nichts und freute mich, nach der schlechten Nacht einen langen, erquickenden Schlaf tun zu können.

Heute bekommen wir erst um halb vier Uhr nachmittags etwas zu essen. Das eigentliche Breakfast war ausgefallen und die drei Portionen Tee in Khurda Road das einzige, was wir zu uns genommen hatten. Unsere Fahrgeschwindigkeit ist die eines Güterzuges. Die Maschine kann die endlose Wagenreihe nicht schleppen, erlahmt, und wir bleiben auf freiem Felde stehen, bis ein anderes Dampfroß entgegengeschickt wird, das uns weiterzieht. Statt um sieben Uhr abends, kommen wir erst um zwölf nach Waltair, wo natürlich der anschließende Zug längst abgefahren ist. wie wir hören, verfehlen sich die beiden Züge beinahe täglich. Die Bahn längs der Koromandelküste gehört zwei Gesellschaften, die keine Rücksicht aufeinander nehmen. Die Reisenden müssen es büßen, während das » refreshmentroom« den Vorteil davon hat. Trotzdem ist es aber ganz ungenügend vorbereitet, und das seit sieben Uhr warmgestellte Dinner um Mitternacht ungenießbar. Die besetzten Waggons werden auf ein Nebengeleise geschoben. Alle Passagiere verbringen die Nacht in dem Coupé, in denen sich leider sehr viele Moskitos angesammelt haben, die selbst den aus München mitgebrachten »pfälzischen Räucherkerzchen« nicht weichen und bis gegen Morgen surren und stechen.

 


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