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Abu Road

12. Dezember. Die Nacht war nicht gut gewesen. Morgens um acht Uhr Ankunft in Abu Road, wo uns zwei Tongas erwarteten, die wir telegraphisch bestellt hatten. Die schmalspurigen Bahnen des Nordens (l Meter gegenüber l,60 der Südbahn) haben viel kleinere Coupés, als wir es bisher gewohnt waren, und zu dreien ist es empfindlich eng in denselben. Graf Lippe lag mit gewohnter Liebenswürdigkeit im oberen Bett, das aber diesmal nur an zwei Stricken befestigt war und sich bei jeder Kurve gefahrvoll zu mir herüberneigte, so daß ich immer in Todesangst war, er möge plötzlich herunterrollen.

Während ich morgens Toilette machte und nicht im Coupé anwesend war, suchte Alfred seine Krawatte, ärgerte sich, daß er sie nicht gleich fand, und warf in der Wut seine Matratze mit solcher Vehemenz in die Ecke, daß sie, statt liegen zu bleiben, durch das große Fenster hinausflog und nie wieder gesehen ward. – Tableau. – In Abu Road war Schmalhans Küchenmeister. Wir mußten zu unsern eigenen Vorräten greifen. Nach dem Frühstück bestiegen wir die beiden bereitstehenden Tongas (à zehn Rupien). Es sind dies Wagen mit zwei Rädern und zwei Pferden. Dieselben haben ein gewölbtes, farbiges Dach, breite Spritzleder, und man sitzt dos à dos nach vor- und rückwärts gewandt. Auf der Bergseite wird unser Handgepäck – sechzehn Stück, da wir die Koffer auf der Station ließen – höchst geschickt aufgetürmt, und nun geht's dahin. Rechts auf dem Spritzleder steht ein Moslim barfuß in einem alten, roten Jagdfrack, den Turban auf dem Kopf. Alle Augenblicke muß der Kuli, der wie ein Affe behende ist, nebenherlaufen, damit die entgegenkommenden Wagen, Pferde und Menschen rechtzeitig ausweichen. In der zweiten Tonga folgt die Dienerschaft. Meine Aya sitzt neben dem Kutscher. »Joanna«, wie sie als Christin getauft ist, trägt wieder den »Naturgürtel«; neckisch lugt der Nabel zwischen der Drapierung ihrer bunten Tücher hervor. Je feiner sie sich »anzieht«, desto breiter wird diese »Dekolletage«. – Seit die englische Regierung den Singhalesinnen die Bedeckung des Oberkörpers durch ein »Nachtjäckchen« befohlen hat, scheinen sie sich dadurch zu helfen, daß sie dasselbe so kurz wie möglich tragen und es um den Hals tief ausschneiden, damit ihre Reize doch einigermaßen sichtbar bleiben.

Mount Abu

Den 4000 Fuß (1200 Meter) hohen Mount Abu hinan geht es auf herrlicher Straße in schlankem Trab in 4½ Stunden (sechzehn Meilen). Solange der Weg eben war, wurden alle vier, später alle zwei Meilen Pferde gewechselt. Graf Lippe sitzt neben dem Kutscher, der vor jeder Station ein Trompetensignal ertönen läßt, damit die Pferde bereit gehalten werden. Mir, d. h. Alfred und ich, schaukeln auf der nach rückwärts gerichteten Bank auf und nieder, den Blick in die weiter und weiter sich enthüllende Berglandschaft gerichtet. Der Weg führt durch sehr zerklüftete Felspartien. Die Vegetation macht einen nördlichen, winterlichen Eindruck. Nur an geschützten Stellen wachsen Palmen. In den Bäumen wiegen sich Affen und begleiten uns für ein paar Minuten mit ihren grotesken Sprüngen. Ein prachtvoller Adler läßt sich in Schußweite nieder. – Der Blick überfliegt endlose Lande. Auf den nahen Höhenzügen werden schneeweiße Gebäude sichtbar, Tempel, die man zu Ehren des kürzlich hier gewesenen Vizekönigs weiß aufgetüncht hatte.

Er sollte wohl durch diese Geschmacklosigkeit überrascht und erfreut werden. An den verschiedenen Relaisstationen versuchte ich Aufnahmen zu machen, das Umspannen der Pferde geht jedoch so unglaublich fix vor sich, daß ich kaum Zeit fand, aus und in den Wagen zu krabbeln. An allen Stationen stehen einige Pferdepaare bereit, aber es ist wirklich jammervoll zu sehen, wie trotz des Tierkultus, dem der Hindu ergeben ist, seine angeborene fürchterliche Gleichgültigkeit siegt und er die armen Geschöpfe in sengendem Sonnenbrand stehen läßt, statt sie unter das nur zehn Schritt entfernte Palmdach zu führen, oder zu beobachten, wie er seine Rosse einen ganzen Tag ohne Futter läßt, sie immer wieder einspannt, auf sie einhaut, und nicht den geringsten Gewissensbiß fühlt, wenn sie vor Schwäche beinahe umfallen.

Die Landstraße ist sehr belebt und wird von den Eingeborenen, die meist nur mit Pfeil und Bogen bekleidet sind, stark begangen. Alles trägt hier Waffen. Die Leute sollen auch einen außergewöhnlich sicheren Schuß haben. Leoparden und Tiger sind in der Gegend nicht selten. Um elf Uhr hatten wir die Höhe erreicht. Wir sind von einer entzückenden Berglandschaft umgeben. – Mount Abu gilt als Erholungsheim für englische Offiziere und Beamte. Es erfreut sich einer herrlichen Luft, und wir fühlen uns nach all der Hitze auf einmal wie neu belebt. Wunderschöne, staublose, mit gelblichrotem Sand bestreute, breite Pfade verbinden die einzelnen Häuser. Diese Fußwege sind so breit wie Fahrstraßen, und doch darf nirgends geritten, noch gefahren werden. Wir mußten zwanzig Minuten vor dem Orte unsere Wagen verlassen und Rickshaws besteigen. Nun ging's, von drei Kulis gezogen und geschoben, in rasendem Galopp bergauf, bergab. Plötzlich halten wir vor einem reizenden Bungalow, das von grünen Reben umrankt und mit farbigen Blüten bewachsen ist.

Natürlich hat das »Hotel Radjputana« nur ein Parterre mit Dach. Wir finden gutes Unterkommen. Die Zimmer mit Toilette und Bad sind etwa sechs Meter hoch, sie haben, wie gewöhnlich, zerbrochene Fenster und nichtschließende Türen, aber alles ist reinlich und bequem mit Tischen, Schränken, Kommoden und Stühlen ausgestattet. Das Bett ist gut und mit tadellosem Moskitonetz umspannt. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, seine Nächte sozusagen auf freiem Felde zuzubringen und sich nicht scheut, allerhand Getier, das da kreucht und fleucht, Quartier zu geben, so kann man hier sehr zufrieden sein. Es war das erste freundliche und trockene Zimmer ohne modrigen Geruch, das wir in Indien trafen, und wir fühlten uns darob ungemein behaglich. Aber obwohl hier alles sehr nett gehalten ist, gibt es, wie überall in Indien, keine Bedienung, und so, wie die Räume verlassen werden, bezieht sie der nachkommende Gast. Es werden vom Wirte aus keine Betten abgezogen, keine überzogen. Man muß alles bei sich haben, Kissen, Decken, Bettwäsche usw. Wie man hierzulande ohne Boy auskommen sollte, ist mir schwer verständlich; denn es wird im Hause kein Stiefel, kein Rock geputzt. Obwohl man keinerlei Bedienung im Hotel bemerkt, steht, wenn man abreist, doch immer ein Dutzend armselig aussehender Leute da, die sämtlich behaupten, etwas getan zu haben. Da ist der » sweeper«, der Wasserträger, der Zimmerkehrer, der Zimmerabstauber, der Lampenanzünder usw., alle machen flehende Gesichter, aber nur der » sweeper«, der Wasserträger und der Zimmerkehrer bekommen den üblichen Bakhschisch – zwei Annas à Person für die Nacht. Der » sweeper« allein verdient den Lohn. Er entstammt der niedrigsten Kaste und erfüllt die Pflichten des seligen »Nachtkönigs«, wie man vor dreißig Jahren in München die Gesellschaft nannte, die heutzutage durch die Kanalisation ersetzt ist.

Nachdem wir uns von dem Staub der Fahrt einigermaßen gereinigt hatten, gingen wir hinüber in das etwas höher gelegene Haupthaus, genossen dort einen kleinen, sehr sparsamen Lunch, hörten, daß zwei deutsche Prinzen sich zur Leopardenjagd hier aufhielten, und begaben uns dann zum größten Anziehungspunkt des Ortes, zu den berühmten, dem Jainkultus geweihten »Dilwarra-Tempeln«. Beide stammen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Der modernere ist bei weitem reicher ausgestattet und soll, was Ausführung des Details betrifft, ohnegleichen sein. Er hat zwanzig Millionen Mark gekostet, und sein Bau dauerte vierzehn Jahre. Der ältere erscheint, weil »einfacher und kühner«, einer der best erhaltenen Jaintempel frühester Zeit. Durch die hiesigen Tempel lernt man überhaupt die genaue Einteilung dieser Bauten kennen und sieht, zu welcher Vollkommenheit der indisch-maurische Stil gelangt ist, wozu man jedoch bemerken muß, daß nach europäischer Anschauung die Raumverhältnisse ungemein beschränkt und etwas drückend sind. Der von Europäern nicht recht verständnisvoll restaurierte Tempel macht im ganzen den Eindruck eines Prachtbaues. Er zeigt außerordentlich reiche, üppige Architektur. Hervorragend schön sind die Details, welche sich durch unendliche Feinheit auszeichnen, in deren vollendeter Ausführung das Charakteristische dieser Stilperiode liegt.

Die Phantasie ist wenig erfinderisch. Die Motive wiederholen sich immer wieder, aber die Durchbildung der zahllosen geschmückten Tore und Hallen, Türen und prachtvollen Decken, zeugt von erstaunlicher technischer Geschicklichkeit. – Den sehr engen Eingang zum Tempel hüten bärbeißige unfreundliche Wächter, wir mußten, um uns dem Heiligtum nahen zu dürfen, die Stiefel ausziehen und den Rundgang in Galoschen machen. Mit Lederschuhen angetan, findet man keinen Einlaß, weil alles, was von einem getöteten oder geschlachteten Tiere, besonders was von einem Rinde herrührt, »unrein« ist. In vielen Tempeln wird man von dem lästigen Schuhwechseln dispensiert, und nur der Führer markiert das Schuhausziehen dadurch, daß er seine Pantoffeln vor dem Tore stehen läßt.

Den Mittelpunkt dieses, wie aller brahmanischen Tempel bildet das Heiligtum, welches, von oben schwach beleuchtet, den Gott, der mit kreuzweise untereinander geschlagenen Beinen darinnen hockt, in mystischer Dämmerung birgt. Nur Jains dürfen diesen innersten Raum betreten, in den ein Portikus von achtundvierzig schlanken, leichten Säulen führt. Die hier verehrte Gottheit heißt Parsvanatha und gehört zu den Tirthangaras, den vierundzwanzig heiligen Männern, welche inkorporierten Buddhas entsprechen. Im Gegensatz zu den buddhistischen und brahmanischen, stets bekleideten Göttern werden die Jainidole immer ganz nackt dargestellt, tragen eingesetzte Glasaugen und Glasschmuck auf der Brust. Wohl bezugnehmend auf ihre nackten Götter haben die Jains eine nur »mit den vier Himmelsgegenden bekleidete« Sekte, die Nigranthas, ein drolliger Ausdruck, um völlige Nacktheit zu bezeichnen. Die »vier Himmelsgegenden« werden allerdings bloß während der Mahlzeiten angelegt. Ihr Tagewerk vollziehen die Mitglieder der Sekte nicht »luftbekleidet«, sondern in bunten Gewändern.

Nach dieser Abschweifung zurück zum Dilwarratempel. Das Heiligtum desselben liegt in einem länglichen Hof. Eine doppelte Reihe Säulen läuft um denselben herum; sie bilden fünfundfünfzig kleine Zellen. Diese sind jedoch nicht von Mönchen bewohnt, sondern in jeder sitzt eine jener Figuren mit kreuzweise untereinandergeschlagenen Beinen, die wie Buddhas aussehen, aber eine 55 fache Wiederholung des hier angebeteten Parsvanatha darstellen. Priester besorgen die Vermittlung zwischen den Gläubigen und ihrem Gotte, treten zu ihm in die Nische, und tragen ihm gegen eine entsprechende Opferspende die Wünsche der Laien in geeigneter Form vor. Die sich ringsum ziehende Säulenhalle wirkt sehr reizvoll. Bei eingehender Betrachtung bemerkt man, daß jede Säule, jedes Kapital, jede kleine Kuppel, welche die einzelne Zelle überdacht, verschieden ausgeführt ist. Allerdings treten die verschiedenen figürlichen Darstellungen und Ornamente in bestimmter Reihenfolge immer wieder auf. Dem Heiligtum zugewandt, stehen an der Schmalseite des Hofes hinter einem durchbrochenen Marmorgitter, das feiner Filigranarbeit gleicht, zehn weiße Elefanten aus Marmor, als Inkarnation Vishnus. Dieser Raum darf so wenig, wie das Heiligtum selbst von Andersgläubigen betreten werden.

Der Manager unseres Hotels, ein Parse, dessen Schwester sich nach England verheiratet hat, war ein strebsamer, gefälliger junger Mann, der einzige bisher in Indien, der ein angebotenes Trinkgeld ablehnte. In liebenswürdiger Weise hatte er uns zum Tempel begleitet und die Führung nach dem Hotel zurück übernommen. An einer Biegung des Weges forderte er uns auf, zurückzuschauen. In seltsam strahlender Beleuchtung, wie ein Feenschloß, ragte das phantastische Gebäude aus tiefem Grün hervor. Alles flimmerte und glänzte in dem grellen Sonnenlicht. Ein paar schwere Wolken am Himmel steigerten den Reiz des poesievollen Bildes, das so klar und doch verschwimmend in der zitternden Luft schwebte. Auch dieser Tempel ist zu Ehren des »Vizekönigs« weiß getüncht, was in der Nähe sehr stört, aber in der Entfernung den Zauber des Anblicks wesentlich erhöht.

Der Heimweg gestaltete sich ungemein anmutig. Die durch einzelne hohe Palmen eigentümlich charakterisierte Gebirgslandschaft gemahnt an jene des heiligen Landes, wie wir sie auf alten Bildern sehen. Die Reisfelder zeigen saftiges Grün. Einzelne Eingeborene waren auf dem Felde beschäftigt, ihre Frucht zu bestellen. Vermummte Gestalten, die ihre dunkeln Mäntel weit über das Gesicht gezogen hatten, um sich vor der Sonne zu schützen, rissen Unkraut aus einem kleinen Acker. Weiße Ochsen mit ungeheuren, rot, grün oder golden bemalten Körnern wandelten gemächlich ihre Runde und förderten zur Berieselung der Wiesen und Felder Wasser aus der Zisterne. Ein Mann schritt gelassen nebenher. – Alles dies belebt die Gegend, ohne den Eindruck der großen Ruhe, des tiefen Friedens, den sie ausströmt, zu stören.

Unser Parse ist ein wissensdurstiger Mensch, der verschiedene Sprachen des Ostens gelernt hat und hofft, einmal als Lehrer derselben nach England zu kommen. »Von der Welt« hat er aber keine Vorstellung, und meint » an unlettered man« (er hielt sich für sehr gebildet), würde das, was ich ihm erzählte, nicht glauben, nämlich: daß bei uns jedermann ein Zimmer, ein Bett hat; daß es Länder gibt, in denen die Sonne wochenlang nicht auf- und untergeht; daß man bei uns monatelang die Fenster nur zum Lüften aufmacht usw. Er meinte dann ganz kleinlaut »ja, dann gibt es vielleicht keine Tiger, die wild im Land herumlaufen; vielleicht keine Elefanten, die zahm durch die Straßen spazieren«, und schien sehr überrascht, als ich dies verneinte. Dabei gehörte er gleichwohl zu den »Aufgeklärten«, die in ihrem Testament verfügt haben, begraben, und nicht von den Geiern gefressen zu werden.

In das Bungalow zurückgekehrt, ruhten wir uns eine Stunde aus. Ich schlief seit langer Zeit zum erstenmal ruhig und angenehm, ohne alles Unbehagen, leider nur zu kurz, denn schon um halb fünf Uhr mußten wir wieder mobil sein, um den Sonnenuntergang auf dem » Sunset Point« nicht zu versäumen. Auf paradiesischem, rechts und links mit schönen Blumen bepflanztem Pfade gelangten wir zu den steilen Abhängen des Berges.

Mount Abu gehört zu der nördlich gelegenen Aravellikette. Er ist jedoch meilenweit von ihr getrennt und steigt wie eine Insel aus dem Ozean, einsam aus der indischen Ebene empor. Nach Westen fällt der Berg schroff ab. Auf dem äußersten Vorsprung, dem obengenannten » Sunset Point« steht eine mächtige Felsenbank. Von hier schweift der Blick über die weiten Lande bis dorthin, wo die scheidende Sonne kupferglühend zum Erdenrande sinkt. Man blickt hinaus in die grenzenlose Ebene, die sich in weichen Wellen zum fernen purpurnen Horizont hinzieht. Klar und riesengroß wölbt sich der Himmel über der unendlichen, schweigenden Fläche, ein Anblick von überwältigender Schönheit. Der Sonnenuntergang, die Beleuchtung, der ganze Eindruck war von erhabener Größe. Feierlich gestimmt, traten wir den Heimweg an. Still träumerisch wandelten wir durch die in Mondlicht getauchte Landschaft. Es fiel uns schwer, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren.

Um halb acht Uhr wurde gespeist. Das »Dreß« hatten wir nicht mit auf die Höhe genommen, versuchten aber, so gut es eben gehen wollte, uns für die deutschen Prinzen »fein« zu machen. Die beiden jungen Leute, elegant »gedreßt«, saßen schon an der Tafel, als wir eintraten. Es war ein Blonder und ein Schwarzer. Der »Blonde« mußte wohl der Prinz sein, weil der »Schwarze« sich so ergeben benahm – aber der Blonde war Herr Rittergutsbesitzer G… aus B… und der Schwarze Herr Assessor J… aus F… im Elsaß.

 

13. Dezember. Morgenspaziergang zu dem reizenden Aussichtsturm an der Sommerresidenz des Maharadja von Jaipur. Von dem Pavillon einer hohen Terrasse des Palastes genießt man einen herrlichen Blick über »unsern« Berg, über seine Seen, Hügel und Gärten und weit hinaus in die grenzenlosen Lande. Unter uns liegt ein künstlicher See, der » Gern Lake«, in welchem große, ein bis zwei Meter lange Wasserschlangen hausen, die nicht giftig sind, aber unheimlich aussehen. Ueber den ganzen Berg dehnt sich der Dschungel; Panther, Tiger, Wildschweine finden sich häufig in ihm. Unser Parse erzählte, wie er kürzlich auf der Pantherjagd einem solchen so nahe kam, daß er das Funkeln seiner Augen im Gebüsche sah, aber den Schuß nicht wagte, weil es bereits zu dunkel war, und ein angeschossener Panther den Menschen unfehlbar annimmt.

Den kleinen » Gem Lake« umgibt ringsum dichter Wald. Ein seltsam geformter Steinfelsen, der einer trauernden, verschleierten Frau gleicht, neigt sich wie in kniender Stellung über ihn.

Wie tags vorher, gingen wir durch den Ort nach dem Hotel zurück. Abends hatte der Basar mit seinen kleinen Läden, in denen helle Feuer brannten, bunt drapierte Gestalten rauchten und Betel kauten, malerisch ausgesehen, jetzt im grausamen Tageslicht erblickte man nur die elende Armut, die verzweifelte Dürftigkeit, in denen diese Menschen halb verhungert existieren – nein, vegetieren. Im Basar werden Pfeile, Bogen und Lanzen von erheblicher Größe, Messinggefäße, Tonkrüge und dergleichen feilgeboten. Wir kauften einen Becher mit dem in Hindostani eingravierten Spruch: »Dir soll der Trunk bekommen.« Ein freundlicher Wunsch für diese, zu so trostlosem Dasein verdammte Bevölkerung, die von einer Natur umgeben ist, welche sie trotz harter Arbeit nicht ernährt, von Verhältnissen, die keinen Erwerbszweig bieten, durch den sich die Bergbewohner soviel verdienen könnten, um den Reis, ihre Hauptnahrung, in genügender Menge anzuschaffen. Ein Schatten war auf unsere gehobene Stimmung gefallen, und wir eilten, unsere Tongas zu besteigen, die uns wieder von Mount Abu abwärts bringen sollten.

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Wir wurden sehr bestürzt, als wir erfuhren, daß keinerlei Fahrgelegenheit zu haben war, weil wir versäumt hatten, dieselbe gestern bei dem » stationmaster« in Abu Road zu bestellen. Doch unsere Enttäuschung wandelte sich schnell in Befriedigung um. Wir waren froh ob dieser unerwarteten Ruhepause, sehr erfreut, in diesem ländlich stillen Ort auf frischer Bergeshöhe einen Tag länger verweilen zu können, wo die Raben nicht Tag und Nacht mit ihrem entsetzlich wilden Gekreisch die Luft erfüllen oder die Menschen toben und zetern, als steckten sie am Spieß. – Doch nur kurz sollte diese Freude sein. Unsere Behaglichkeit wurde bald gestört. Obwohl nicht erschöpft, hätte uns immerhin ein Tag der Ruhe nach all den Nachtfahrten wohl getan. Aber es stand anders in den Sternen geschrieben, und zum zweitenmal wurden unsere Pläne heute unerwartet durchkreuzt. Wir mußten fort, als wir uns eben ins Dableiben gefunden hatten. Eine größere Gesellschaft Engländer kam an, und wir sahen uns wohl oder übel gezwungen, ihre Rickshaws und Tongas zu benutzen, sollten die Neuangekommenen Quartier finden. Sie bezogen unsere Zimmer, wir bestiegen ihre Tongas, und fort gings in toller Fahrt, der lachenden Ebene zu. Es war spät geworden, und es schien uns beinahe unmöglich, Abu Road vor Abgang des Zuges zu erreichen, doch setzten unsere Leute ihren Stolz darein, rechtzeitig einzutreffen. In Karriere ging's dahin. Auf jeder Station standen angeschirrte Relaispferde bereit. Im Handumdrehen wurde aus- und eingespannt. Alles eilte im Fluge vorbei: Landschaft, Berge, interessante, bewaffnete Gestalten, kreideweiß angestrichene Bettler am rauchenden Feuer, Affen, Wildsauen, Pfauen und tausend fremdartige Dinge, die uns bald alltäglich vorkamen und die wir kaum mehr bemerkten. Sonderbar geformte Felsen lagen zwischen dem Grün des Berges; sie glichen Tieren. Ein Hase spitzte die Löffel, ein lag auf dem Bauch und streckte die Hinterbeine von sich.

Wir kamen in Abu Road gerade recht zum Abgang des Mailtrains und trafen wieder den in Indien über alle Begriffe entgegenkommenden Eisenbahnvorstand, der, trotzdem ihm die strikte Order geworden war, vor dem zehnten Januar, bis nach dem Durbar, keine Coupés mehr zu reservieren, es möglich machte, uns eines für drei Personen zu verschaffen. Mit unsern sechzehn Stück Handgepäck im Wagen untergebracht, waren wir heute zum erstenmal wirklich gezwungen, den Frühstückskorb zu benützen, um das ausgefallene Tiffin nachzuholen, wobei der englische Kuchen, den uns der aufmerksame Parse von Mount Abu hatte backen lassen, die pièce de résistance bildete, während Tee und Pflaumen die Beilage abgaben.

Den Speisekorb zu öffnen, bedeutete für mich einen ungeheuren Entschluß. Mit der Annehmlichkeit, nicht hungern zu müssen, verband sich eben die Unannehmlichkeit, den Korb wieder in Ordnung zu bringen, die Tassen, Teller und Bestecke zu spülen, da eine so »feine« Arbeit weder dem Boy noch der Aya überlassen werden konnte. Bei der bisher unerträglichen Hitze wurde jede Bewegung zur Anstrengung, und was nicht unbedingt notwendig, unterließ man lieber, um sich nicht noch mehr zu echauffieren. Eine eigentümliche Erscheinung bringt die Hitze mit sich. Man liegt abends todmüde im Bett, sehnt sich nach Schlaf, aber es ist unmöglich, ihn zu finden, ehe nicht ein Zustand plötzlichen, furchtbaren Transpirierens eingetreten ist. Er beruhigt in hohem Grad, man fühlt nach demselben wohltuende Erschöpfung und schläft auf solch römisch-irisches Dampfbad unmittelbar ein. Bleibt diese abendliche Erschlaffung einmal aus, dann ist man sicher nicht wohl, man wirft sich die ganze Nacht verzweifelt hin und her, und nur ein Whisky mit Soda kann helfen.

Die Gegend, welche der Zug durchfährt, erscheint flach und monoton. Kaum etwas anderes ist zu sehen, als die stets überfüllten Bahnhöfe mit ihren abenteuerlich bekleideten Eingeborenen, die, eingewickelt in ihre bunten Steppdecken, wie wandelnde Betten aussehen.

Um halb acht Uhr war Dinner im Speisewagen, aber was für eines? Der Himmel sei meinem armen Magen gnädig und schütze mich vor dergleichen »Extravaganzen«.

 


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