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Ahmedabad

Um neun Uhr kamen wir nach Ahmedabad, das von weitem den Eindruck einer europäischen Industriestadt macht; es ist in den Rauch von zwölf hohen Kaminen gehüllt, die zu den hiesigen, großen Webereien gehören. Verläßt man den Zug und tritt hinaus vor den Bahnhof, so erscheint das gewonnene Bild verwischt, und nichts erinnert mehr an Fabriken, Maschinen und europäischen Betrieb.

Ahmedabad wurde 1114 von Sultan Ahmed I. erbaut und hat heute 148 000 Einwohner. Es galt einst für »die schönste Stadt Hindostans, vielleicht der Welt«, und wird viel zu selten von europäischen Reisenden besucht. – Zwischen den landesüblichen Droschken, den »Sighrams oder Dumnis« – viereckigen, kleinen Kasten mit zwei Quersitzen, von denen man die der Türe zunächstvorliegende Bank beim Einsteigen aufheben muß – steht ein alter, gebrechlicher Landauer, den wir uns sofort sichern. Ein Führer bietet uns seine Dienste an. In einem weißen, europäischen Leinenanzug, das Dchainkäppchen auf dem Kopfe, sieht der Mann ganz reputierlich aus. Nachdem wir gefrühstückt und wieder einmal den Hammel in »all seinen Möglichkeiten« kennen gelernt hatten, begannen wir unsere Rundfahrt.

Herrliches, wahres, echtes Indien umgibt uns! Welch ein Zauber liegt auf diesen Moscheen, die in einem Gemisch von Hindu- und mohammedanischem Stil Kraft und Grazie verbinden!

Die nicht große, aber wundervolle Jumma-Moschee mit fünfzehn Kuppeln und einem Hof, den zweihundertsechzig Säulen umgeben, ist eine der schönsten Indiens. Die Rani Sipari-Moschee, welche 1514 erbaut wurde, erweist sich in der Ausführung besonders fein, ja einzig in ihrer Art. Die Sidi Sayad-Moschee verdankt ihren Ruhm den herrlichen durchbrochenen Steinskulpturen. Die beiden Fensterfüllungen an ihrer Rückwand gelten als beste Arbeit dieser Art in ganz Indien. Sie zeigen in höchster Vollendung stilisierte Pflanzenornamente, deren Konturen in so unvergleichlicher Reinheit ausgeschnitten sind, daß man nicht begreift, wie das spröde Steinmaterial so zarte Behandlung erlaubte.

Ungemein stimmungsvoll sind auch die Gräber der Königinnen. Neben einer halbverfallenen Moschee in dunklem Häusergewinkel, steigt man über eine zusammengebrochene Treppe auf eine Plattform und betritt einen stillen Hof, der von allen Seiten von einer düsteren Säulenhalle umschlossen ist. Zwischen Buschwerk und Blumen stehen acht Grabmonumente. In der Mitte derselben ruht die erste Königin von Ahmedabad. Ernst und feierlich erhebt sich zwischen dichtem Grün ein großer Sarkophag aus schwarzem Stein mit weißem Marmor eingelegt. In der Ecke steht ein mächtiges Grabmal, unter dem ein Affe, gleich daneben ein ganz kleines, unscheinbares, unter dem ein Priester begraben liegt. Unser Führer konnte keine Erklärung für dieses umgekehrte Größenverhältnis geben. Der ganze Hof ist ungemein malerisch. Aeußerst dekorativ wirkte eine hohe Gestalt in langem, weißem Gewand, die regungslos an dem schwarzen Sarkophag lehnt. Man wähnt sich auf einem Campo santo, dem nur der Vollmond fehlt, damit sich die Gräber öffnen.

Welch poetischer Friede herrscht hier, und welch wirres, lebendiges, lautes Treiben da draußen in den engen Gassen! Kaum, daß sich unser Landauer durch die Menge schieben, kaum, daß man sich in Ruhe dem Zauber hingeben kann, der von den zierlichen Häusern am Wege ausgeht. Eng zusammengedrängt, sich wie müde aneinanderlehnend oder neugierig über die Straße beugend, scheinen die niedlichen Bauten keinen Raum für lebensgroße Menschen zu bieten. Sie sind meist einstöckig, d. h. über dem Erdgeschoß, das nur aus einer Vorhalle besteht, welche von eleganten Säulen rechts und links abgeschlossen wird und einer Miniatur-Bühne gleicht, ist noch ein Stockwerk mit einer Front von drei Fenstern aufgesetzt. Meine Schilderung erweckt beinahe eine zu bedeutende Vorstellung von diesen Häuschen, die mit ihren geschmackvoll ornamentierten Fassaden aus Marmor, Stein oder Holz, den graziös verzierten Fensterumrahmungen, den luftigen Galerien einen unbeschreiblich anmutigen Eindruck machen.

In den Vorhallen, welche das Erdgeschoß bilden und etwa einen Meter über dem Straßenboden liegen, spielt sich das ganze Leben des Eingeborenen ab. Dieselben sind entweder Läden oder bilden den Empfangsraum der Familie, die hier mit ihren Freunden sitzt, raucht und schwatzt, und auf der alle interne Verrichtungen vor sich gehen. Da steht zum Beispiel ein Mann und putzt sich die Zähne, gurgelt in allen Tönen Und spuckt ganz ungeniert auf die Straße; ein anderer schabt sich die Zunge mit einem kleinen, geschlitzten Aestchen. Dort in der Ecke kauert ein Weib mit einem Kind an der Brust, während sie aufpaßt, daß ihr die »Chapatis« – die Weizenbrote – in der Asche nicht verkohlen, sind zwei kleine Mädchen mit den Fingerchen auf ihrem Kopfe beschäftigt.

In einer besonders reizenden, mit leichten Pilastern geschmückten Vorhalle wird Schule abgehalten. Ganz in Holz geschnitzt, repräsentiert erstere den national-indischen Stil, der als Holzschnitzmanier von jeher die Steinbauten beeinflußt hat. Etwa vierundzwanzig Knaben hocken auf ihren Fersen im Halbkreise um den Lehrer herum, der wie ein Riese in dem zierlichen Raum wirkt. Er überhört die jugendliche Schar. An einem Pfeiler macht ein dürres, nacktes Bübchen mit einer Anzahl Ziegelsteine, die ihm auf den Rücken getürmt sind, zur Strafe eine Art Kniebeuge. Ein Wunder, daß sich nicht alle Kinder in Pönitenz befinden! Bei uns wäre es wohl unmöglich, auf offener Straße Schule abzuhalten, während die Buben hier, trotz des bunten Lebens und lauten Lärms um sie her, ganz aufmerksam ihren Studien obzuliegen scheinen.

In den Gassen herrscht ungeheures Getriebe. Was für seltsame Gestalten, was für überraschende Trachten sieht man hier! Ist es ein Mann, der in Hosen, wie einst Phrygier sie trugen, ein Kind rittlings auf den breiten Hüften sitzen hat? Ist es eine Frau, die mit dem langen, gefalteten Rock, der ihr wie eine Fustanella bis auf die Knöchel reicht, um einen großen Wollenballen feilscht? Man wird verwirrt, man vermag nicht mehr das ewig Weibliche vom stärkeren Geschlecht zu unterscheiden. Züge weißer Eselchen drängen sich geschickt durch das Gewühl; Ziegen trippeln geschäftig von Haus zu Haus und werden in hell blitzende, fein geformte Gefäße gemolken; Kinder laufen ihren roten Drachen nach; besorgte Väter folgen aufgeregt hinterdrein. Ein ungeheures Kamel schwankt hochbeladen daher, der Reiter überragt schier die Hausdächer, und plötzlich grollts wie ferner Donner. Alles fliegt entsetzt auseinander. Ein Automobil rumpelt über den Marktplatz, in den wir jetzt einbiegen. Die Treppe der hier sich erhebenden Loggia wird als Warenlager benutzt; ringsum auf Tüchern ausgebreitet, in kleinen Buden ausgestellt, sieht man alles, was es in Ahmedabad zu kaufen gibt. Berge von Baumwollwaren liegen auf dem Platz hoch aufgetürmt, hinter denen die Menschen verschwinden, die von weit her kamen, um zu handeln.

Eine merkwürdige Eigentümlichkeit Ahmedabads bilden die Taubenschläge, welche in allen Straßen, auf allen Plätzen angebracht sind. Diese meist frei auf einer Säule stehenden Bauten sind niedliche, reich ornamentierte Kunstwerke, welche durch ihre feine Holzschnitzerei und bunte Bemalung kleinen Palästen, zierlichen Tempelchen und Festungstürmen gleichen, gerade groß genug für ein Völkchen von Liliput. Es sind die Futterplätze für Tauben, Papageien und braungelbe Eichhörnchen, die von den tierschützenden Jains errichtet wurden.

Unter Jains (spr. »Dschains«) versteht man eine Sekte, die zu gleicher Zeit mit dem Buddhismus entstanden ist, sich ihm gegenüber jedoch immer feindlich verhielt. Der Jainismus bildet eine Verschmelzung des Vishnukultus mit dem Buddhismus. Er legt den Schwerpunkt seiner religiösen Anschauung auf die »von allen Banden der Erde befreiende Askese«, und auf ein schuldloses Leben. Die Jains trachten nach Nirvana, das aber seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat, da sie an eine unsterbliche Seele als individuelle Intelligenz glauben, die, durch Bußwerke und Seelenwanderung geläutert, in Nirvana ewig selig sein wird.

Ihre Lehre verbietet ihnen die Tötung selbst des kleinsten Tieres. Sie knicken nicht einmal den unbequemen Floh, sondern fangen ihn und tragen ihn vorsichtig an einen sicheren Ort; sie filtrieren das Wasser, um kein Tier zu verschlucken. Früher fegten sie sogar den Boden vor sich her, um kein Würmchen zu zertreten, und trugen einen Gesichtsschleier, um kein Insekt einzuatmen. Alle diese strengen Vorschriften für ihre Lebensführung befolgen heute nur noch die Mönche, die »Jatis«, wenigstens schienen die Jains, die wir sahen, mehr den irdischen als den himmlischen Gütern nachzustreben. Sie leben meist als Kaufleute, Bankiers und Kapitalisten, und zwar nur in Städten. Die Jains sind sehr praktisch veranlagt und verstanden es von Anfang an, sich den Verhältnissen anzupassen. Dies ist auch der Grund, weshalb sie von den Brahmanen weniger als die Buddhisten verfolgt wurden. Sie haben mit der brahmanischen Religion paktiert, benutzen sogar ihre Priester in Ermangelung eines eigenen. Den hiesigen Tempel der Jains, einen modernen Bau, haben wir nicht besichtigt.

Ahmedabad liegt am Sabarmati, in dessen Flußbett sich zur heißen Jahreszeit, während der Morgen- und Mittagsstunden, ein höchst interessantes Treiben abspielt, das mit Recht als Sehenswürdigkeit gerühmt wird. Eine kürzlich errichtete Brücke führt über den Strom, aus dem gegenwärtig zwischen tiefen Wasserrinnen trockene Landstreifen hervorragen. Welch reizendes Bild bietet sich uns von hier aus! Man schaut hinab auf Hunderte und Aberhunderte von badenden Menschen, auf waschende Frauen, plätschernde Kinder, auf lange Reihen von Kamelen, die stromaufwärts ziehen, auf Herden von Vieh, die zur Schwemme getrieben werden, auf Büffel, die bis an den Hals im Wasser stehen und einem vorsintflutlichen Tiere gleichen, auf Zebuochsen, die sich im Sande wälzen! Tausende von geschäftigen Händen breiten ihre, in feinem lila Ton gefärbten Stoffe zum Trocknen in langen Streifen auf dem hellgelben Sand aus. Die Mulden der trockenen Landstreifen sind in Gärten verwandelt, in denen Blumen blühen und Melonen, Kartoffeln und Gemüse gepflanzt werden. Daneben liegen kolossale Haufen von grünem Kohl, Gurken und frischem Salat, zwischen welchen Frauen sitzen, die mit ihren roten Schleiern und blauen Tüchern wie Blumen in einem grünen Monstrebukett aussehen, um das sich die lila Streifen wie Bänder schlingen. Es ist ein reiches, entzückendes Bild voll fremdartiger wechselnder Situationen.

Höchst amüsant war der Besuch des Affenhaines. Wir versahen uns mit Obst und Kuchen (einer Mischung von Reis und Honig) und fuhren hinaus vor die Stadt. Nachdem wir etwa drei Kilometer zurückgelegt, wurde es in den Bäumen, welche die Landstraße beschatten, plötzlich lebendig. Wir schauen hinauf und sehen Dutzende von Affen, die sich in den Aesten wiegen und sich in gewaltigen Sprüngen von einem Baum zum andern schwingen. Als wir hielten, war unser Wagen sogleich der Mittelpunkt einer großen Versammlung, die gar neugierig blickte und seltsame, kleine Laute der Verständigung hören ließ, ähnlich wie »hu«. Der Führer fordert uns auf, den Wagen zu verlassen. Ich tue es zaudernd, denn die zahllosen Affen, die uns dicht umgeben, sich an den Rädern des Wagens hoch aufrichten, fangen an, mich zu beängstigen. Ein Peitschenknall, die ganze Gesellschaft war verschwunden. Mit unserm Proviant versehen, begaben wir uns nach einer nahen, schattigen Wiese, wo wir uns unter einem alten Baum aufstellten. Der Führer stieß einen merkwürdigen Ton aus, der einem überlauten Räuspern glich. Auf diesen Ruf hin eilten die alten und die jungen, die großen, kleinen und allerkleinsten Aeffchen in wilden Sprüngen herbei. Wir zeigten ihnen unsere Schätze. Zutraulich, ja zudringlich, kamen sie an uns heran und nahmen die dargereichten Süßigkeiten direkt aus der Hand, die einen frech, die andern zaghaft oder ganz zart, wie ein liebenswürdiger Mensch. Die großen Affen zupften mich am Aermel, die kleinen hielten sich an meinem Rock fest, um höher langen zu können. Die größten Tiere reichten mir bis an die Brust, griffen impertinent über alle kleinen hinweg und rissen mir den Kuchen heftig aus der Hand. Am allerkühnsten war ein Weibchen, das ihr Junges zärtlich an der Brust trug, wo es wie angewachsen hing. Es war ein merkwürdiges Bild; mindestens hundert Affen purzelten um uns herum.

Ich versuchte zu photographieren, war aber natürlich so aufgeregt, daß ich alle Distanzen verwechselte, die Sonne am Himmel nicht mehr fand und direkt ins Licht photographierte. Ich wäre am liebsten noch stundenlang hiergeblieben, doch unser Vorrat an Lockspeisen war erschöpft und hiermit das Interesse der Langgeschwänzten für uns erloschen. Sie verschwanden im Dickicht. Wenn diese hellgelben Tiere mit aufwärts geringeltem Schweif auf allen Vieren laufen, sind sie häßlich genug, aber wenn sie am Straßengraben sitzen und die Arme wie die Eingeborenen lang ausgestreckt auf den Knien ruhen lassen oder mit aufgestütztem Ellenbogen das verrunzelte Gesichtchen in der Hand halten und zu philosophieren scheinen, dann sehen sie überraschend menschenähnlich aus. Die Affen dieses Haines sind weder dem Affengotte Hanuman, noch der blutdürstigen Durga geweiht. Sie erfreuen sich in diesem Sinne also keiner besonderen Heiligkeit, wohl sind sie aber der tierschützenden Bevölkerung heilig, die hier in Ahmedabad allen Lebewesen mit besonderem Wohlwollen begegnet.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof besuchten wir noch flüchtig eine Moschee, deren Eigenart zwei Türme bilden, in denen sich Treppen befinden, deren eine nur aufwärts, die andere nur abwärts begangen werden darf. Die Moschee liegt in einem anmutigen Garten mit blühenden Blumen und freundlichen kiesbestreuten Fußpfaden. Liebenswürdig und heiter ist der Eindruck, aber wie ein schauerliches Memento wirkt der skelettdürre, schwarze Wächter, der mit seinem tiefdunkeln Gewand im hellen Flimmerglanz der Sonne sich als unheimlicher Schatten von der weißen Mauer des Gartens abhebt.

Das Tiffin brachte uns wieder eine reiche Auswahl an Hammelgerichten, von denen mir Reis mit Curry und Hammelknochen in der Sauce neu waren.

Gleich nach der Mahlzeit machten wir einen Ausflug nach dem überaus malerisch gelegenen »Sarkej« (spr. Sarkedsch). Ueber die neue eiserne Brücke, für die unser Wagen vier Annas (achtundzwanzig Pfennig) Zoll zahlt, passieren wir den Sabarmati und fahren auf einer von Tamärinden beschatteten, guten, aber sehr staubigen Landstraße sechs Meilen (die englische Meile à 1609 Meter) weit hinaus vor die Stadt, vorbei an dem etwas klotzigen Mausoleum der Architekten von Sarkej – der Gebrüder Azam und Mozan –, woran ein wundervoll gearbeitetes Steinfenster gezeigt wird. In den Bäumen der Landstraße herrscht bewegtes Leben. Affen turnen in den Zweigen, hunderte der kleinen flinken Eichhörnchen huschen an den Bäumen auf und nieder. In den Aesten hängt eine Unzahl der eigentümlich geformten Webervögelnester. Ein Baum ist ganz mit fliegenden Hunden verziert, die wie kleine Schinken aussehen. In den Büschen girren Turteltauben, auf den Feldern spazieren schillernde Pfauen; Rebhühner, Wachteln und Schnepfen steigen auf, Fasanen verschwinden im Dickicht, und mächtige Adler kreisen mit weitausgebreiteten Flügeln hoch in den Lüften. Nach etwa einstündiger Fahrt blitzt ein silberner Streifen durch die Bäume, wenige Minuten später fahren wir an dem ein paar Kilometer großen, künstlichen See von Sarkej entlang. Verfallene Mauern, die der Ruine einer römischen Villa gleichen, stehen am jenseitigen Ufer.

Vor uns, der Landstraße zunächst, erhebt sich eine Gruppe von Palästen und Moscheen, sowie das mächtige Grabmal des heiligen Sheik Ganj Bakhsh, den seine Frömmigkeit hundertundelf Jahre alt werden ließ. All diese prachtvollen Bauten stammen aus dem 15. Jahrhundert, also aus der besten indischen Kunstperiode, und sind sämtlich im reinen echten Hindustil gehalten. Die Moschee mit ihren fünfzehn Kuppeln und achtzehn Säulen, ihren vielfachen und vorzüglichen Steinskulpturen, den durchbrochenen, eleganten Messingarbeiten, ist hochinteressant; aber bei weitem anziehender für uns, die wir heute schon mehr derartiger Bauten gesehen haben als ich aufzählen konnte, war der Rundblick, den man von der Terrasse genoß, die sich zwischen den fünfzehn Kuppeln befindet. Ueber Wälder, Felder und Wiesen, über Tanks, in denen kleine smaragdgrüne Inseln schwimmen, Marabus träumerisch auf einem Beine stehen und Pelikane sich ernsten Betrachtungen über Mutterpflichten hingeben, blickt man in eine unendliche Ebene, deren violetter Ton sich am fernen Horizont in die purpurne Glut des Abendhimmels auflöst. Ein großes Badehaus mit Säulen und Erkern steigt unmittelbar aus dem See empor, in dem noch vor kurzem heilige Krokodile gehalten wurden, was die Eingeborenen jedoch nicht hinderte, den gleichen Kopfsprung zu machen, den wir heute sehen sollten.

Sobald die Eingeborenen einen Fremden erspähen, stürzen sie auf ihn zu, schreien: » bakshish – have a dive!« und fort rennen zwanzig schlanke schwarze Kerls, klettern wie die Wiesel über die Mauern an den Wänden des Palastes hinauf und stehen wie Bildsäulen am Rande des Daches. Ihre Lendentücher haben sie weggeschleudert, und nun gehts mit kühnem Sprung hinab in den See. Jeder hat einen besonderen Trick, der eine hüpft wie ein Frosch, der andere springt kopfüber und fällt schwer und kerzengerade wie eine Statue ins Wasser. Pustend und schnaubend erscheinen sie wieder an der Oberfläche und schwimmen schnell ans Land. Blau vor Kälte, soweit es ihre schwarze Hautfarbe erlaubt, stehen sie zitternd und zähneklappernd bei achtzehn Grad Wärme, und stammeln » bakshish«. Wir warfen ihnen zwei Rupien zu, und sie zeigten sich zufrieden. Es waren die ersten Eingeborenen, die nicht mehr wollten, als man ihnen gab, ja, die glücklich und vergnügt über das Empfangene schienen. Noch lange begleitete uns die schwarze Schar, Halblahme, Halbblinde, ganz kleine Kinder und ganz alte Leute wurden von dem Jubel erfaßt. Sie rannten lachend, schreiend und gestikulierend unserm Wagen nach, ohne zu betteln. Diese Zufriedenheit überraschte uns so sehr, sie zum Ereignis wurde.

Ein letzter Blick zurück auf das »Schloß am See« zeigte es uns in magischer Beleuchtung, umstrahlt und vergoldet von dem flammenden Glanz der scheidenden Sonne, die es für einen kurzen Augenblick wie in entschwundener, herrlicher Pracht märchenhaft erschimmern ließ. – Viel Volk zu Fuß und zu Wagen zieht die Straße entlang, die Männer gehen Hand in Hand. Von den Affen und allem andern Getier ist nichts mehr zu sehen. Es war dunkel, als wir uns der Stadt näherten. In den Basars, wo die Verkaufsstände mit Petroleumlampen erhellt sind, wimmelt es von Menschen. Aus der weiten großen Ebene steigen Nebel und Fieberdünste auf. Man sieht alles wie durch einen Schleier, und wir treiben den Kutscher zu schnellerer Fahrt an.

Die Gegend von Ahmedabad gilt für äußerst ungesund. Bereits in Europa warnte man uns davor, hier zu übernachten, wo so mancher Reisende sich tödliches Fieber geholt haben soll. Ich kann es aber kaum glauben, daß der Aufenthalt noch immer so gefährlich ist, denn die Verhältnisse haben sich sehr gebessert. Das neue Stationsgebäude ist ein gutgebautes Steinhaus, die Zimmer liegen vorsichtigerweise einige Stufen über der Straße erhöht und haben fest verschließbare Fenster und Türen, man ist somit völlig gegen die heimtückische Nachtluft geschützt. Wir hätten übrigens hier gar nicht übernachten können, selbst wenn wir es gewollt hätten, denn alle, d. h. vier Betten, fanden wir durch Engländer, welche dem Durbar zuströmten, besetzt. – Das Dinner, obwohl es wieder unter dem Zeichen des Hammels stand, war nicht das schlechteste, was wir bisher durchgekostet hatten. Nach demselben vertrieben wir uns die Zeit mit Handeln und Kaufen. Händler mit den Erzeugnissen der Ahmedabader Manufaktur hatten sich auf dem Perron des Stationsgebäudes eingefunden. Ahmedabad ist nämlich eine der größten Handelsstädte Indiens und seiner Schmucksachen, Kupfer-, Silber- und Messingarbeiten wegen berühmt. Prachtvoll eingelegte Holzarbeiten werden mit ganz besonderer Geschicklichkeit ausgeführt, aus Sandel- und Ebenholz wundervolle Kasten und Tische hergestellt; auch fertigt man Elfenbeinschnitzereien, Brokate, gemusterte Seidenstoffe, Gold- und Silberspitzen. Leider hatten wir keine Zeit, uns alle diese Erzeugnisse in den Werkstätten anzusehen, und mußten uns damit begnügen, eine kurze Fahrt durch die Basare und über den großen Marktplatz zu machen, wo ein bedeutender Handel in Kaliko getrieben wurde, wenn man nach der großen Ansammlung von Menschen um ungeheure Mengen von Baumwollballen darauf schließen darf. – Abends neun Uhr Abfahrt von Ahmedabad.

 


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