Theodor Hermann Pantenius
Die von Kelles
Theodor Hermann Pantenius

 << zurück weiter >> 

Zweites Kapitel.

Das rege Treiben im vielbesuchten Kruge weckte Eilhard am folgenden Morgen früher als ihm lieb war, denn er mußte darauf gefaßt sein, daß die anderen drei jungen Leute erst spät erwachen würden. Um so angenehmer war seine Überraschung, als er im Stadol, wohin er sich begeben hatte, um nach den Pferden zu sehen, bereits Jürgen begegnete, den die gleiche Absicht dahin geführt hatte. »Wie, Jürgen, du schon auf und bereits in den Kleidern?« rief er.

»Was die Kleider anbetrifft,« versetzte Jürgen, indem er sich mit der Hand an den Rahmen der aus dem Stadol in die Flur führenden Thür lehnte, »so liegt darin nichts Wunderbares, alldieweil der Wirt uns nicht ausgekleidet hat, im übrigen aber müssen wir heute bei Zeiten in Riga sein, wenn wir das Bankett der Kaufgesellen, der Schwarzen Häupter, zu dem wir eingeladen sind, und den Tanz 19 um die Fastnachtstanne mitmachen wollen. Statt des Fastnachtstrunkes gibt es nämlich in diesem Jahre zu Ehren von Erzbischof, Herrmeister und gesamtem Landtage ein großes Bankett.«

Der Schein der großen Stalllaterne über der Thür fiel Jürgen gerade ins Gesicht, das noch so stark gerötet war, daß Eilhard erschrak. »Um Gotteswillen, Jürgen,« sagte er, »wo wird das hinführen mit dem ewigen Trinken!«

»Sei ruhig Elert,« versetzte Jürgen, »das Trinken hat noch keinem Livländer geschadet, aus der Nüchternheit aber sind schon viele schandbare papistische und anderweitige Greuel wie Fasten, sich Kasteien und anderes mehr hervorgegangen. Laß mich nur erst eine Kanne Bier im Leibe haben und ich bin wieder der Alte. Aber nun sage mir« – hier faßte Jürgen den Vetter an beide Schultern, »nun sage mir Elert, alter Junge, wie steht es denn mit deinem Kopf und wie hat er sich auf der Reise aufgeführt?«

Es war ein warmer, liebevoller Blick, mit dem Jürgens kleine Äuglein auf den Zügen des Vetters hafteten, die jetzt im Schatten noch schmaler und zarter aussahen als sonst, einer von den Blicken, die der, auf den sie fallen, nicht leicht wieder vergißt.

»Mein lieber Jürgen,« sagte Eilhard, indem er Jürgen umarmte. »Und was meine Kopfpein anbetrifft, so habe ich sie das letztemal in Memel gehabt. Da kann ich wohl zufrieden sein.«

Die Vettern suchten nun die deutsche Krugseite auf, wo sie die beiden anderen Junker fanden und bald saß die ganze Gesellschaft wieder im Sattel. 20

Die frische Luft draußen that den Reitern gut und Jürgen war in der That bald wieder ganz der alte. Er und Heinrich Taube ritten voraus und schossen mit einer Armbrust, welche einer der beiden undeutschen Jungen der jungen Herren mit sich führte, nach den Hähern, die von Zeit zu Zeit kreischend über den Weg flogen oder schwatzten von ihren kurländischen Erlebnissen, während Reinhold Stahlbiter und Eilhard bald in ein ernstes Gespräch gerieten. »Wie du weißt,« sagte der erstere, »haben die Landstände anno 1546 auf dem Landtage zu Wolmar den Schluß gefaßt, daß weder der Erzbischof, noch der Herrmeister, noch einer der Bischöfe, sei es nun der von Dorpat, von Kurland, von Ösel oder von Reval unter keinen Umständen einen Koadjutor von fürstlichem Stande wählen dürfe. Nun sieht jedes Kind ein, daß dieser Landtagsschluß gemeiner deutscher Nation und damit auch unserem lieben livländischen Vaterlande zum größten Unheil gereichen muß, denn wenn kein deutscher Fürst, noch eines deutschen Fürsten Sohn bei uns soll zu Land und Leuten kommen können, so läßt sich wohl denken, daß die deutschen Fürsten auch die Leitern unterm Dache lassen werden, wenn es in Livland brennt, und wessen wir uns an Hilfe vom gemeinen deutschen Adel zu versehen haben, seit allein die Westfälinger in Livland in den Orden treten dürfen, weiß auch Meister Matz. Nun hat Seine fürstliche Gnaden der Herr Erzbischof Wilhelm auf vieles und dringendes Ansuchen Seiner Königl. Majestät von Polen Sigismundi Augusti beschlossen, von besagtem Landtagsschluß ganz und gar abzusehen und den jungen Herrn, Herrn Herzog Christoph von Mecklenburg, des Herzog Johann Albrecht Sohn und 21 des Königs von Polen Neffen zu einem Koadjutor erwählt und anerkannt. Das hat der Orden nicht leiden wollen und ganz und gar nicht darin gewilligt. Ende November ist aber der junge Herr zu Riga ins Land gekommen und bald darauf zu Kokenhusen von dem Erzbischof, den Domherren und dem gemeinen Adel aus dem Erzstift für einen Koadjutor anerkannt. Darüber sind nun in Wenden alle Hunde los und wenn es den Ständen auf dem Landtage nicht gelingt, die Herren mit einander auszusöhnen, werden wir noch vor Pfingsten im Krebs über die Saat reiten.«

»Die verwünschten Kreuziger!« meinte Eilhard. »So Gott will, halten dann alle Stände zusammen und kehren die Westfälinger zum Lande hinaus.«

»So wird's schwerlich kommen,« meinte Stahlbiter, »obgleich manche von ihnen sacken und packen, als ob sie morgen fortmüßten und sie ihre Finken mehr denn je nach Haufe fliegen lassen, denen in Westfalen ein goldenes Lied vorzusingen. Viele vom Adel wollen doch auch vom jungen Herrn nichts wissen und siehst du – Elert – ich meine, so ganz unrecht haben sie nicht. Jetzt haben sie an den Ordensrittern einen Herrn, der ist doch wie ihresgleichen und schlägt einer von ihnen am Abend seinen Herren im trunkenen Mute mit der Kanne auf den Kopf, so wird es am anderen Morgen vertragen und gänzlich ausgeglichen. Wenn sie aber einen deutschen Fürsten über sich hätten, sollten sie das wohl bleiben lassen.«

»Das mag schon sein,« rief Eilhard eifrig, »aber soll es denn deshalb allewege so bleiben, daß wir freien livländischen Edelleute uns von den landfremden Westfälingern, 22 die zu Hause keine Hemden haben über die hungrigen Leiber zu ziehen, und die selbst nicht mehr an ihre Maria, und wie der katholische Greuel sonst heißt, glauben, sollen regieren lassen wie undeutsche Bauern? Werden wir denn ruhig abwarten, bis einmal ein Herrmeister es wagt und nimmt ein Weib und verändert sich und teilt dieses arme Land unter seine Gebietiger aus zu Erb und Eigen? Glaubst du denn, daß in Deutschland die Kurfürsten, Herzöge, Fürsten und Herren mit ihren Pflichtverwandten umgehen können wie der Moskowitische Bluthund mit seinen Knäsen? Das soll einer versuchen! Wenn aber bei uns ein deutscher Fürst ein christliches, ehrbares Regiment aufrichtete, das reine Evangelium aller Orten verkünden ließe, an seinem Hof in Züchten lebte, Schulen errichtete, die Bürger niederhielte, den Polaken wehrte, die Moskowiter zerstörte – wäre das nicht schön, Reinhold?«

Der Angeredete zuckte die Achseln. »Mag sein,« meinte er, »aber ob darüber nicht unsere alte livländische Libertät zum Teufel ginge, stelle ich dahin.«

Jürgen und Taube unterbrachen hier das Gespräch und es kam nicht wieder in Gang.

Als die Junker durch das Sünderthor von Riga geritten waren, trennten sie sich, denn das Haus des Syndikus von Riga, Stephan Schönbach, bei dem Herr Eilhard Kruse auf Kelles sein Absteigequartier nahm, sobald sein Weg ihn nach Riga führte, lag links vom Thor am Markt, der Vater von Taube aber, zu dem auch Stahlbiter wollte, lag in einem Quartier in der Weberstraße.

Als Eilhard und Jürgen vor dem Hause des Syndikus 23 hielten, berichtete der Hauskerl, der herauseilte und ihnen die Rosse hielt, daß Herr Kruse Abhaltung gehabt und erst morgen eintreffen würde, für die Junker aber sei schon alles bereit. Auch sei der Herr Syndikus bereits vom Rathause zurück und säße mit der Jungfer Tochter eben über dem Essen. Die Junker hatten denn auch kaum die Hausflur erreicht, als ihnen der Herr Syndikus entgegentrat und sie herzlich willkommen hieß. Er geleitete sie selbst auf die für sie bestimmte Kammer und bat sie, sich in keiner Weise mit dem Umkleiden zu beeilen. Es versteht sich von selbst, daß die beiden jungen Leute trotzdem, so bald er gegangen war, sich möglichst eilig ihrer Reisekleider entledigten und sich stattlich herausputzten, wie denn auch der Herr Syndikus seine Schaube mit einem angemessenen Gewande vertauschte. Daß die Jungfer Tochter die vornehmen jungen Gäste nicht in ihrem Hauskleidchen empfing, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden.

Nach einer Stunde saß die ganze Gesellschaft um den Speisetisch und that dem trefflichen Reinfal und dem schweren Romani alle Ehre an. Die Jungfer Schönbach, die ein frisches junges Ding war, nahm Jürgens Herz mit Sturm, und er entfaltete ihr gegenüber alle Liebenswürdigkeit, über die er verfügte, er hatte aber weniger Glück, als sein schweigsamer, zurückhaltender Vetter.

»Junker,« sagte die Jungfrau zu Eilhard gewandt, »wißt Ihr auch, daß ich Euch von ganzem Herzen beneide?«

»Ihr mich?« fragte Eilhard, »und warum?«

»Weil Ihr Eurer Base, des Fräuleins Brigitta von Tödwen wunderbares Gewand werdet zu sehen bekommen.« 24

»Was ist das für ein Gewand, von dem Ihr redet?«

»Die Frau von Tödwen,« erklärte Jürgen, »hat Brigitten ein Gewand machen lassen, davon spricht das ganze Land. Da ich nun eben der Jungfrau erzählte, daß wir über Ringen heimreiten würden, so entstand solcher Neid.«

»Gewiß, Junker,« rief Ursula, »was muß das aber auch für eine Freude sein, ein solches Gewand mit eigenen Augen sehen zu können! Der Meister, der es angefertigt hat, ist eigens von Wien, von des Kaisers Hof nach Ringen gekommen. Das Gewand ist von weißseidenem Atlas, darin eitel goldene Blümlein eingewirkt und mit Goldzindel unterlegt sind. Die Säume sind alle mit edlen Perlen besetzt. Dazu gehört ein Mantel von rotem Samt mit roten Doppelkarteken durchzogen und mit grünseidenem Atlas gefüttert. Seinesgleichen soll nicht wieder auf Erden sein.«

»Es thut mir leid, Jungfrau,« erwiderte Eilhard, »daß ich Euch nicht statt meiner nach Ringen reiten lassen kann. Ich fürchte, daß meine blöden Augen alle diese Herrlichkeiten nicht nach Gebühr werden bewundern können.«

»Was du mit des Fräuleins Kleide hast,« scherzte der Syndikus, »du wirst noch bewirken, daß die Junker alles, was ihr Rigischen Kinder heute abend auf dem Bankett am Leibe habt, für ganz unschön erachten werden. Dabei fällt mir ein, die Junker wissen doch um das Bankett, welches das ehrsame Korps der Schwarzen Häupter heute in seinem Hause Sr. Fürstlichen Gnaden, dem Herrn Herrmeister, den Gebietigern und allen Ständen gibt? Mein Freund, der alte Hans Billerbeck, hat mir auf die Seele gebunden, daß ich die Junker ja mitbringen soll.« 25

»Gestrenger Herr«, versetzte Eilhard, »Jürgen wird gern dabei sein, mir aber gestattet zu Hause zu bleiben, denn ich fühle, daß meine Kopfpein, die mich oft heimsucht und dann ganz darniederwirft, im Anzuge ist. Ihr müßt mir aber versprechen, daß Ihr Euch keineswegs durch mich werdet abhalten lassen, das Bankett zu besuchen.«

Der Syndikus weigerte sich anfangs dieses Versprechen zu geben, Eilhard aber bat so dringend, daß er schließlich einwilligte, seinen Gast allein zu Hause zu lassen.

Nach dem Essen zog sich die Jungfrau zurück und Jürgen ging davon, um seine Freunde aufzusuchen, der Syndikus aber erzählte von dem Verlauf der Landtagsverhandlungen. Obgleich die Gesandten des in Kokenhusen weilenden Erzbischofs alles aufboten, um den Frieden zu erhalten, so blieb doch Herzog Christoph nach wie vor als Stein des Anstoßes, über den der Orden nicht hinwegkam und der innere Krieg schien in ziemlich sicherer Aussicht zu stehen. »Seine Fürstliche Gnaden der Herr Erzbischof«, meinte der Syndikus, »sollte wohl zusehen, was er thut, denn das ganze Land ist wider ihn und ob S. F. G. der Herr Herzog Albrecht von Preußen seinem Herrn Bruder schließlich wird das Faß aus dem Schiffsraum heben können, steht dahin. S. F. G. dürfte, wenn es zum Schlagen kommt, bald merken, daß er das schmutzige Ende in der Hand hat. Was aber den Herrn Landmarschall Kaspar von Münster anbetrifft, so sollte S. F. G. sich auf diesen Stab nicht stützen. Wer wider den Orden war, der hat bisher noch immer im Elend sterben oder Gottes Sonne durch ein Eisengitter scheinen sehen müssen, und was Seine Majestät den König von Polen 26 anlangt, so würde Seine Majestät den Ofen wohl gern heizen, ob aber die litauischen großen Herren auch die Holzscheite zutragen werden, weiß man weder auf dem Rathause noch auf der Gildstube.«

Während der Syndikus noch so redete, ging die Thüre auf und ein alter Herr trat herein, den Schönbach seinem jungen Gast als seinen lieben, werten Freund, Herrn Hans Billerbeck, Kaufmann über See vorstellte. Der alte Herr, der Ältester der Schwarzen Häupter war, wiederholte zuerst seine Einladung und fand sich nur schwer darin eine Absage zu erhalten, dann aber nahm er Platz, legte sich eine Handvoll Nüsse auf den Teller und wandte sich zu Eilhard. »Ihr kommt eben aus Deutschland zurück, Junker«, sagte er. »Nun, was meint Ihr denn zu diesen kläglichen betrübten Händeln, die unser armes Vaterland so jämmerlich erfüllen? Daß Gott erbarm, der Schiffer und der Steuermann liegen sich in den Haaren, während der Feind schon die Enterhaken hebt!

Die Tugend, so zusammenhält,
Mit Stärk und Kraft ist wohlbestellt,
Wenn aber die zertrennet ist,
Wird bald geschwächt mit arger List.

»Na, der Orden kann ja freilich nicht dafür und daß er nicht ruhig zusieht, wie der Erzbischof die Pfähle, die doch mit seiner Einwilligung neben das Fahrwasser gesetzt sind, ausziehen läßt, kann ihm niemand verdenken. Vom Erzbischof aber gilt das alte:

Was einer gerne haben will,
Darin geschieht ihm nicht zu viel. 27
Der Ausgang seinen Meister rühmt,
Wenn es zum guten Ende kümmt.«

»Ihr seid ein Freund des Ordens?« fragte Eilhard.

»Ja, Junker«, erwiderte Billerbeck. »Ich bin ein Kaufmann und ich führe, was in dem einen Lande wuchs und ward, in das andre, das davon leer steht. Im Handel aber stehet alles darauf, daß die Güter ohne jede Exaktion frei und ungehindert gehen und kommen können. Nun weiß jedermann und auch Ihr werdet wissen, wie in deutschen Landen der Kaufmann mit den Stegreifrittern beschwert ist.

Reiten und rauben ist keine Schande,
Es thun's die allerbesten im Lande,

heißt es da. Nahen die Fuhrleute – flugs das Gesicht geschwärzt und den Kaufmann niedergeworfen. Kommt es aus, so werfen die vom Adel den Junker deshalb noch nicht über Bord und die Obrigkeit kann in der Eile den Freimann nicht finden. Das ist bei uns doch anders. Wer da bei Nacht und Nebel in den Busch reitet, der reitet um seinen Kopf.«

»Gestrenger Herr«, sagte der Junker, indem eine leichte Röte seine bleichen Wangen überflog, »der Mond hat in Livland noch keinen vom Adel am Wege lagern sehen.«

»Gewiß nicht, Junker«, lenkte der alte Herr ein, »und ich glaube gern, daß einem solchen Landschäumer bei uns auch die vom Adel übel mitspielen würden, aber schließlich gibt es auf allen Tennen auch Halbkorn, und der Litauer näßt den Flachs nicht, wenn der Wraker dabei steht. Seht Junker, vor langen Jahren waren mir etliche Güter zur 28 Windau geborgen worden und stachen dem Komtur daselbst in die Augen, daß er eine Erkenntnis von mir verlangte. Da ritt ich hinüber zum seligen Herrn Herrmeister, Walter von Plettenberg – Seine Fürstliche Gnaden weilten zu der Zeit gerade in Tuckum – und beschwerte mich, weil obgedachtes Verlangen wider der Stadt Freiheiten ging. Da befahl Seine Fürstliche Gnaden an den Komtur zu schreiben, daß er mir die Güter zur selbigen Stunde quitt und losgeben sollte. Wie ich nun dem Komtur sothanes Schreiben überreichte, stand der in größter Furcht, daß er bei Sr. F. G. dem Herrn Herrmeister in Ungnade gekommen sein könnte und befahl alsogleich dem Schreiber mir die Güter frei zu geben. Die Ratte findet eben den Met bitter, wenn der Kellerschlüssel rasselt. Doch genug davon und nun, Junker, müßt Ihr mir versprechen, daß Ihr wenigstens morgen mit dem Herrn Vetter, meinem werten Freunde hier und meiner Pate Jungfrau Ursula einen Frühtrunk in meinem bescheidenen Hause einnehmt.«

Eilhard, den manches in der Rede des alten Herrn verdrossen hatte, wollte die Einladung ablehnen, Billerbeck und der Syndikus aber drangen so sehr in ihn, daß er schließlich zu kommen versprach.

»Ihr werdet ein seltsames Hauswesen kennen lernen«, sagte der Syndikus, als Billerbeck gegangen war. »Wie alles an dem lieben alten Gesellen wunderlich ist, so ist es auch seine Art Gäste zu empfangen.«

Eilhard zog sich nun auf sein Zimmer zurück und da sein sich steigerndes Kopfweh ihm jede Beschäftigung verbot, so stellte er sich an das Fenster und blickte hinab auf den 29 Marktplatz unter ihm, auf dem sich ein von Minute zu Minute lebhafter werdendes Treiben entwickelte. Links von ihm, vor dem Hause der Schwarzen Häupter, hatte man eine hohe Tanne aufgerichtet, die mit zahlreichen Rosen aus Papier geschmückt war. Der Platz zwischen dem Schwarzhäupter- und dem Rathause war mit gelbem Sand bestreut, über den man zerhackte Tannenzweige, den sogenannten Gränenbusch, gestreut hatte. Rings um den Platz aber drängte sich das Volk.

Da stand mancher junge Geselle und auch wohl mancher Meister vom Handwerk, der heute früher Feierabend gemacht hatte, um die Fräulein vom Adel oder die Jungfer Töchter der Ratsverwandten und vornehmen Kaufleute zum Bankett eilen zu sehen, oder um sich an der Pracht zu erfreuen, welche die Ordensherren und die Herren vom Landtage nebst ihren Frauen heute entfalten sollten. Die Fuchsfellmütze schräg auf den Kopf gesetzt, standen sie fest in ihren derben Schuhen und schauten behaglich in das Getümmel. Neben ihnen hatten herrschaftliche Reiter in hohen Stiefeln, Schwert und Dolch an der Seite, mit breiten mit wallenden Federn geschmückten Hüten Platz genommen und scherzten mit den riesigen Hausknechten, deren Hebebäume bei Raufhändeln so gefürchtet waren, oder auch wohl mit einer Gruppe derber Gesellen, deren von Narben durchzogene Gesichter und schäbig prächtige Gewänder von grellen Farben und auffallendem Schnitt sie als Kriegsleute kennzeichneten, die ins Land gekommen waren, in ihm ihr Glück zu versuchen, bisher aber noch keinen Herren gefunden hatten. Zahlreich waren die undeutschen Bauern, deren hellgraue 30 Mäntel oder Schafpelze ein Gürtel aus blanken Messingringen zusammenhielt. Gehörten sie einem Junker, so trugen sie wohl auch ein Schwert, dessen Wehrgehäng das Wappen ihres Herren zeigte, sonst hing nur ein kurzes Messer vom Gürtel hinab. Aber auch mancher russische Kaufmann im langen Kaftan stand da im Haufen, strich sich mit der Rechten den langen Bart und wartete mit einem aus Neugier und abergläubischem Grauen gemischten Gefühl auf das Schauspiel, das die »heidnischen Deutschen« hier aufführen wollten. Die jungen Herren aus Litauen neben ihm, deren farbenprächtige Kleidung unter den lose übergeworfenen weißen Pelzen hervorleuchtete, nahmen die Sache leichter und warteten unter nimmer abreißendem Geplauder mit Spannung auf das Erscheinen der Frauen und Mädchen zum deutschen »Bacchusfest«, während ihre Diener ihnen immer wieder kleine Körbe voll süßer Kuchen zutrugen.

Jürgens Rückkehr unterbrach Eilhards Beobachtungen. Er wandte sich dem Vetter zu und unterstützte Hans, der dem Jungen den Junker ankleiden half, mit sachkundigem Rat. Endlich war Jürgen fertig. Sein ungeheurer Rumpf steckte in einem eng anliegenden bis zur Taille reichenden Wams von grünem Samt, in das an Brust, Rücken und Arme gleichsam eine Menge Schnitte gethan waren, aus denen nun weiße Seide hervorquoll. Die Beinkleider, die bereits zwei Handbreit über dem Knie aufhörten, waren hart unter dem Wams gerafft und breite grüne Atlasspangen hielten den gepufften Stoff von weißer Seide. Das Trikot, welches die Beine bedeckte, war rein weiß, die Schuhe waren dagegen wieder grün. Um den Hals lag eine 31 gepuffte weiße Krause und über die Brust fiel eine schwere goldene Kette herab. Darüber ward zuletzt noch ein runder nur bis zum Sitz reichender Kragenmantel gethan, dessen kleiner Kragen und handbreiter Saum wiederum grün war, wie das mützenartige Barett aus dem aschblonden, zu unzähligen natürlichen Löckchen geringelten Haar.

Jürgen ließ, ehe er ging, noch einen wohlgefälligen Blick an sich herabgleiten. »Elert,« sagte er, »ich weiß ja, daß ich nicht hübsch bin, aber schönere Beine als ich hat kein Mensch in ganz Livland.«

»Gewiß«, erwiderte Eilhard, »wenigstens nicht kräftigere, aber eile dich, denn sie nahen bereits von allen Seiten.«

Jürgen eilte hinab, während Eilhard wieder seinen Platz am Fenster einnahm. Auf dem Rathausplatz verbreiteten nun zahlreiche Fackeln ihr rotes Licht, von überall her hörte man den Schall der Trompeten und Kesselpauken, aus all den engen, auf den Platz führenden Gassen und Gäßchen strömten jetzt reich geputzte Menschen zu Roß, in Schlitten und zu Fuß herbei. Da kamen die vom Adel aus dem Erzstift, den anderen Stiften und dem Ordenslande mit ihren Frauen, Töchtern und Söhnen, die Domherren kamen, die Ratsverwandten Rigas und was aus den anderen landtagsfähigen Städten in Riga sich aufhielt, die evangelischen Geistlichen der Stadt kamen, und die Kanzler der Landesherren. Eilhard erkannte unter den Thedingsheim und Tiesenhausen, den Rosen und Üxküll, den Ungern und Taube, den Farensbach, Wrangel, Stackelberg, Schwarzhof, Dücker, Plettenberg, so manchen ihm nahe verwandten oder seinem Vater eng befreundeten Mann. Jener stattliche Herr 32 vor dem sich die an der Thür die Gäste willkommen heißenden Schwarzen Häupter-Ältesten so tief verneigen, ist Heinrich von Thedingsheim auf Bersohn, Bannerherr des Erzstiftes, jener andere dort Johann Üxküll von Mentzen aus der Wiek. Überall nicken Federbüsche. blitzen Edelsteine auf den Hutbändern der Herren, gleißen Goldketten durch die mit Absicht verschobenen Mäntel von allen Farben, deren Kragen köstliches Rauchwerk aller Art, Zobel und Marder, Luchs- und Leopardenfell zeigen. Auf dem im Goldnetz hoch aufgezogenen Haar der Frauen schwebt ein kaum mehr als handgroßes, rundes, steifes Mützchen ohne Rand, an dem eine kurze Feder schwankt und die überhohen Puffen am Oberarm bauschen auch die Pelzjacke auf.

Horch, Trompeten, Kesselpaukenklang und roter Fackelschein von rechts her. Zwölf Trompeter und ein Kesselpauker eröffnen den Zug des Herrmeisters, der Gebietiger und der Ordensherren. An den Trompeten hängen breite, fahnenartige Tücher mit dem Ordenskreuz, die Fackeln der zu Fuß einherschreitenden Knechte erhellen grell die weißen Ordensmäntel. Von den beiden, die voranreiten ist der unscheinbare, vom Alter gebeugte Herr Seine Fürstliche Gnaden Herr Heinrich von Galen, der Herrmeister, der andere, mit dem schneeweißen Haar und dem feurigen Blick des Jünglings sein eben erst gewählter Koadjutor Herr Wilhelm von Fürstenberg. Sie halten vor dem Hause, sie steigen ab und verschwinden in der Thüre. Das Bankett nimmt seinen Anfang, Eilhard aber, dessen Blick nun nicht mehr von dem bunten Schauspiel unter ihm gefangen genommen wird, wendet ihn nach oben, wo über dem Schwarzhäupterhause 33 mit aller seiner rauschenden Festeslust, im Osten der Komet steht und mit wunderbarem Glanz alle andern Sterne überstrahlt. Wo kam er her dieser seltsame Stern? Was sollte er?

Hans hatte unterdessen schmale Leinwandbänder auf das Eis gethan, das er im Kübel bereit hielt. Als Eilhard vom Fenster zurücktrat, band er ihm eins derselben fest um die Stirn. Das linderte einigermaßen den Schmerz, der in ihr mehr und mehr wühlte. Den Ellbogen gegen die Wand und den Kopf auf die Hand gestützt, mit in den Nacken zurückgebeugtem Kopf stand Eilhard da und bemerkte es kaum, wenn der Diener das Band wechselte. Nur wie ein dumpfes Brausen empfanden seine halb betäubten Sinne das Lärmen, das vom Platze her, untermischt mit den dumpfen Tönen aus dem Festhause empordrang. Es war ihm als wenn in kurzen Zwischenräumen eine rauhe Hand sein Hirn zusammenpreßte und wieder losließ, und jedesmal erschütterte ihn dann ein furchtbarer Schmerz bis ins Innerste.

So verging manche Stunde.

Plötzlich zuckte mit grellem Feuerschein eine hohe Lohe am Fenster vorüber, die Trompeten schmetterten wieder auf dem Platz und tausendstimmiges Geschrei erklang. Eilhard kam wieder zu sich und trat ans Fenster. Die Festversammlung hatte sich größtenteils auf den Platz begeben, man hatte die Tanne in Brand gesteckt und sprang nun jauchzend und singend um das Feuer. Der Schein der mächtigen Flamme fiel glutrot auf die von Kraft und Gesundheit strotzenden Gestalten und die bunten Gewänder der 34 tanzenden Paare, auf die weinroten Antlitze der Zuschauer oben an den Fenstern des Bankettsaales und unten vor dem Schwarzhäupterhause und auf die johlende und Beifall brüllende ungeheure Menge ringsum, die, immer dunkler erscheinend, sich bis weit in die Gassen hinein Kopf an Kopf drängte.

Oben am Himmel aber stand ernst und still die Zuchtrute Gottes, der Komet.

Plötzlich änderte sich das Bild. An einer Stelle entstand erst ein Gedränge, dann bildete sich eine Lücke im Gewühl, eine Gestalt flog über dieselbe und es blitzte dort auf wie ein Funken. Nun begann ein Gewoge, das immer weitere Kreise zog, man sah Schwerter blitzen und lautes Kreischen übertönte den Jubel, daß er jäh verstummte. Die Tanzenden hielten still, aus dem glänzenden Kreise der Zuschauer lösten sich die Männer und stürzten sich ins Gewühl. »Nieder mit den Junkern,« erscholl es, und »nieder mit den Bürgern« klang es wieder. »Nieder mit dem Mordgesellen, in den Kalkturm mit ihm!« riefen die einen, »haut, schlagt, stecht!« schrien die andern.

Als die Festfreude auf dem Gipfel stand, hatte ein junger Mensch, ein Farensbach von Heimar, noch mehr Knabe als Jüngling, sich durch die wie festgekeilt dastehenden Menschenmassen drängen wollen. Ein riesiger Bierbrauer versperrte ihm den Weg. »Fort du, Dickbauch,« rief der Knabe und stieß den Mann mit der Faust in den Rücken. Der Riese wandte sich um und schleuderte seinen Angreifer zurück, im nächsten Augenblick fuhr dessen Dolch nach seiner Brust und hätte er nicht den Stoß mit dem Arm pariert, so wäre 35 es um den Bierbrauer geschehen gewesen. Üxküllsche Diener, die zufällig in der Nähe standen, eilten dem Junker zu Hilfe; in ein paar Minuten bildete der Platz ein Schlachtfeld.

Oben am Himmel aber stand ernst und still die Zuchtrute Gottes, der Komet.

Der alte Herrmeister war außer sich. Er gebot vom Fenster aus Ruhe mit Mund und Hand, warf seine Handschuhe und seinen Hut unter das rumorsche Volk, aber richtete nichts aus. Der Koadjutor drang in ihn, die Besatzung des Schlosses herbeiholen zu lassen, aber der alte Herr wollte nicht darein willigen. Nun wandte sich Fürstenberg an den wortführenden Bürgermeister und verlangte, der solle die Quartiere aufbieten, der Bürgermeister mochte sich aber zu dieser äußersten Maßregel nicht entschließen. Er begnügte sich damit, anzuordnen, daß die Wirtshäuser und Schenken überall geschlossen würden, damit die in ihnen saßen, nicht mitmachen konnten und eilte dann mit dem Ratmann Christian Dürrkop, dem Altermann großer Gilde, Kaspar Ramberg, Heinrich von Thedingsheim und dem Domherrn Friedrich Völkersahm, lauter hochangesehenen Männern, hinab in das Gewühl. Es gelang ihnen auch nach einiger Zeit, den Tumult zu stillen.

Die Verluste waren von beiden Seiten nicht allzugroß. Peter Thedingsheim von Weißensee war mit einem Hebebaum der linke Arm zerbrochen worden, Klaus Ungern hatte einen Stich durch die Brust, Jürgen Schwarzhof einen durch das rechte Bein bekommen. Johann Üxküll von Mentzen waren zwei Diener, Reinhold Saß drei erschlagen, drei Bürger lagen tot auf dem Platz. Außerdem waren von beiden 36 Seiten ein halbes Dutzend Undeutsche zu Fall gebracht. Überaus groß aber war noch auf beiden Seiten die Erbitterung. Die Bürger schimpften laut auf die verdammten Junker, die jungen vom Adel trugen den von Farensbach, der übel zugerichtet war, aber munter in die Welt schaute, auf ihren Schultern nach Johann von Üxkülls Hause in der Marstallstraße und sangen dabei:

»Wir wollen den Bürgern auf die Köpfe schlah'n,
Das Blut soll in den Straßen stahn!«

Bald war all der Glanz in alle Winde zerstoben und als die Verwundeten und die angesehenen Toten fortgeschafft waren, blieb auf dem Platze nichts zurück als zwei unvernünftige undeutsche Weiber, die über den Leichnamen ihrer Männer so jämmerlich heulten und klagten, als wenn dieselben Deutsche gewesen wären.

Oben am Himmel aber stand ernst und still die Zuchtrute Gottes, der Komet. 37



 << zurück weiter >>