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Erstes Kapitel.
Zwei Geschäftsfreunde.

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In einer etwas abgelegenen, altertümlich schmalen Straße der Hauptstadt stand ein Haus mit fünf Fenstern in der Breite, zwei in der Höhe, das zu jenen Bauwerken zählte, die neben der Gediegenheit zugleich die Einfachheit eines verflossenen Jahrhunderts zur Schau tragen.

Schwer gearbeitete, mit Eisenblech beschlagene Läden schützten die unteren Fenster. Diesen entsprach die uralte, eichene Haustüre mit den eisernen Verschnörkelungen um Schloß und Haspen. Auf einem verrosteten Blechschild neben dem Eingang stand der Name des Besitzers: Baruch, der kaum noch zu lesen war.

Zur Zeit der Geschäftsstunden entwickelte sich ein ziemlich reger Verkehr in den wenig anheimelnden Räumen. Leute kamen und gingen, und diese wußten von mehreren überaus höflichen jungen Kontoristen zu erzählen, von schneller und pünktlicher Erledigung ihrer Geldgeschäfte und, wenn das Glück ihnen günstig gewesen war, von Herrn Baruch selber, einem hageren, etwas gebeugt gehenden Manne in der Mitte der fünfzig.

Das Gesicht Baruchs, mit der scharfen Hakennase, den großen, klugen, dunklen Augen und dem unterhalb des Kinns spitz zulaufenden, schwarzen Vollbart war ein echt orientalisches, auf dem der Ausdruck der Verbindlichkeit vorherrschte und der nur dann vor dem einer Strenge zurücktrat, wenn er sich in Verkehr mit den Kontoristen, seinen eigenen Söhnen, setzte.

Die Turmuhren der Stadt hatten eben den Beginn der neunten Stunde gemeldet, als an der Türe des alten Hauses ein vom Kopf bis zu den Füßen in Pelz gehüllter Herr Einlaß begehrte. Nach einigen Sekunden wurden schnelle Schritte vernehmbar; die Türe öffnete sich, und vor dem Fremden lag ein breiter, schmuckloser Flurgang, spärlich beleuchtet von einer aus Sparsamkeitsrücksichten niedrig geschraubten Gasflamme. Ein wenig erhöht wurde die Helligkeit durch eine kleine Handlampe, die eine ältere Jüdin in einfachem, aber sauberem Anzuge vor sich trug.

»Guten Abend, Tante Sarahleben,« redete der Fremde diese gutmütig neckend an, »ist Herr Baruch zu Hause und zu sprechen?«

Beim ersten Ton der etwas altersheiseren Stimme flog ein Freudenschimmer über die verblühten, scharfen Züge der Frau, und sie antwortete lebhaft: »Für Herrn Garbe zu jeder Stunde des Tages und der Nacht.« Dann schloß und verriegelte sie die Haustüre, worauf sie dem späten Gast höflich nach dem Kontor voraufleuchtete.

»Moses, Herr Garbe wünscht den Vater zu sprechen,« rief Sarah nach einem beleuchteten Pult hinüber, und leise trat sie auf den Flurgang zurück.

Auf die Anmeldung war Moses, ein etwa vierundzwanzigjähriger junger Mann, herumgeschnellt, und er drückte ehrerbietig die ihm gereichte Hand des Besuchers.

»Noch bei der Arbeit und obenein in einem Raume, in dem man statt der Luft nichts als Zahlen einatmet?« fragte Garbe wie im Vorwurf, und die Pelzmütze vom Haupte nehmend und den zottigen Kragen des Pelzes zurückschlagend, zeigte er ein von dünnem weißem Haar und Bart eingerahmtes Greisenantlitz, aus dem die blauen Augen zwar gutmütig blickten, jedoch den Ausdruck eines herben Sarkasmus, der um die schmalen Lippen lagerte, nicht zu verwischen vermochten.

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»Sie kennen meinen Vater,« antwortete Moses, »was ich heute tun kann, soll ich nicht auf morgen verschieben. Darf ich Herrn Garbe zu ihm führen?«

Schweigend folgte Garbe dem jungen Manne durch das Privatkontor über eine schmale, aber bequeme Wendeltreppe nach dem oberen Stockwerk hinauf. Sie mündete auf einen hell erleuchteten und mit dickem Teppichstoff belegten Flurgang, dem dunkle Ledertapeten einen ernsten Ausdruck verliehen. Zugleich machte sich eine wohltuende Wärme geltend, der sich ein eigentümlicher Ambraduft beigesellte.

Nach einigen Schritten öffnete Moses eine ins Hinterhaus führende Türe. Durch diese gelangten sie in ein kleines Vorzimmer, dessen Wände mit kostbaren orientalischen Teppichen und uralten, wohlerhaltenen asiatischen Waffen dekoriert waren. An Möbeln waren nur einige runde Sessel vorhanden, deren Holzwerk durch schwellende Polsterung verdeckt wurde.

Garbe schritt nach der nächsten Wand hinüber, wo Moses, ihm zuvorkommend, in die dicken Stofffalten griff, einen persischen Teppich zur Seite zog und dadurch eine breite Türöffnung frei legte.

Nachdem er gemeldet hatte, wer dem Vater die Ehre seines Besuches zugedacht habe, ließ er den Vorhang hinter dem Eintretenden niederfallen und entfernte sich geräuschlos.

Bis dahin hatte Baruch auf einem mit türkischem Gewebe überzogenen Diwan gesessen, und neben ihm lag ein liebliches Kind, ein Mädchen von etwa vier Jahren, die kleinen Arme nachlässig unter das schwarzgelockte Haupt geschoben und die runden, halbnackten Beinchen hoch übereinander geschlagen. Vollständig weiß gekleidet, trat die bräunlich angehauchte Hautfarbe der Kleinen um so zarter hervor, zumal Jugendglut die weichen, runden Wangen schmückte. Dabei lachten die großen, dunklen Diamantaugen, lachten die roten Rosenlippen, daß man kaum ohne Rührung auf das liebliche Bildchen hinzusehen vermochte.

Einen seltsamen Kontrast zu dem schönen Kinde bildete Baruch selbst. In dem schwarzseidenen Kaftan mit den roten Schnabelschuhen und dem blaubequasteten Fez veranschaulichte er den echten Orientalen, dem nichts willkommener sein kann, als die Zeit in trägem Nichtstun verstreichen zu lassen. Nur die lebhaften, klugen Augen zeugten von einer nimmer rastenden Regsamkeit des Geistes.

Als Moses den Vorhang zur Seite zog, hatte er eben ein lustiges Spiel mit dem Kinde beendigt. Sobald er aber den Namen Garbe vernahm, sprang er empor, und dem Eintretenden beide Hände entgegenstreckend, begrüßte er ihn mit größter Herzlichkeit.

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Sobald er den Namen Garbe vernahm, sprang er empor und streckte dem Eintretenden beide Hände entgegen.

»Das nenne ich eine freundliche Überraschung,« sagte er, während er den alten Herrn sich seines Pelzrockes entledigen half, »seien Sie mir zwölfmal willkommen in meinem Patriarchenbau,« und er schwang die Hand im Kreise nach den altertümlich geschmückten Wänden hinüber, »zumal ich weiß, daß er Gnade findet vor Ihren Augen. Denn schließlich: hat der Mensch sich gequält und gesorgt den ganzen Tag, so ist er berechtigt, das Leben sich angenehm zu machen nach seinem eigenen Geschmack. Und meinem Geschmack entspricht es nun einmal, mich im Geiste zu versetzen auf die Heimstätten meiner Väter. Hier bin ich Herr meiner selbst; hier gibt es keine Zahlen, keine Berechnungen; hier lebe ich auf, brauche ich meine Worte und Blicke nicht zu beherrschen. Hier empfange ich meinen einzigen, lieben, verschwiegenen Gast; hier rede ich in einer Viertelstunde oft mehr, als unten in den Geschäftsräumen den ganzen Tag – sollten Sie es indessen vorziehen, Herr Garbe,« und er wies nach einer halb verhangenen Türe hinüber, durch die man auf eine mit Ölgemälden bedeckte, rot tapezierte Wand sah.

»Hier sitze ich nicht zum ersten Male,« erklärte rasch der alte Herr, »und hier bleibe ich. Hier sind wir unter uns, mir doppelt willkommen, weil ich mein von schweren Sorgen belastetes Gemüt vor Ihnen erleichtern möchte.«

»Esther, meine Tochter,« rief Baruch zu dem Kind hinüber, »geh' hin zur Tante Sarah und bestelle, sie möchte uns Tokaier bringen, dazu einen guten Imbiß. Auf mich braucht ihr mit dem Abendbrot nicht zu warten.«

Die Kleine glitt von dem Diwan, kam zu ihrem Vater, küßte ihn, und nachdem Garbe ihr schmeichelnd die Wange geklopft hatte, eilte sie munter davon.

Baruch sah ihr zärtlich nach und bemerkte dann zu dem eigentümlich düster dreinschauenden Gefährten: »Meine Jüngste, mein Spielzeug, mein Herzblatt, meine einzige Tochter. Sie kostete ihrer Mutter das Leben, und doch ist mir, als ob sie mir dadurch noch inniger ans Herz gewachsen wäre.«

»Sie erinnert mich an jemand,« versetzte Garbe ernst, »und gerade heute mehr, denn je zuvor. Pah, wozu habe ich so lange gespart und mich an dem Wachsen meines Reichtums erfreut? Alles vorbei, vorbei.«

Baruch betrachtete den alten Geschäftsfreund einige Sekunden befremdet; dann begann er, offenbar, um ihn auf freundlichere Gedanken zu bringen, in sorglosem Tone: »Reichtum ist eine schöne Zugabe. Dessen Gewinnung war meine ganze Lebenstätigkeit geweiht. Würde ich auch mit weniger, als ich jetzt besitze, zufrieden gewesen sein, so muß ich doch einräumen, daß der Anblick der greifbaren Erfolge meines unermüdlichen Schaffens – und meine Liebhabereien sind sehr kostspielig – mir hohe Genüsse bereitet. Da« – und er zeigte wieder nach den Wänden hinüber, wo auf Tragebrettern, Konsolen und Kamingesims kostbare porzellanene und metallene Vasen, Figuren und sonstige Kunstwerke älteren Geschmackes wohlgeordnet standen – »in ihrer Gesamtheit bilden diese Gegenstände ein kleines Vermögen.«

In diesem Augenblick erschien Sarah mit einem reich beladenen Tablett. Schweigend ordnete sie Speisen, Wein und Gläser vor den beiden Herren, und nachdem sie einige Weisungen von Baruch in Empfang genommen hatte, verschwand sie ebenso geräuschlos, wie sie eingetreten war.

Das Mahl wurde nur so nebenher eingenommen, es störte wenigstens nicht die Unterhaltung, die sich in dem gleichen Maße lebhafter gestaltete, in dem der feurige Wein das Blut erwärmte. Auf Garbe schien er noch einen besonderen Einfluß auszuüben, indem herbe Bemerkungen, eine tiefe Verbitterung verratend, häufiger aufeinander folgten, bis er endlich mit einer heftigen Bewegung sich erhob, ein Paketchen Papiere aus der Tasche zog und Baruch zur Prüfung darreichte.

»Die Quittungen über Ihr Vermögen,« versetzte dieser etwas befremdet, nachdem er die Schriftstücke flüchtig durchblättert hatte, »ich hoffe. Sie entdeckten keine Unregelmäßigkeiten. Nebenbei sind achtzig und einige tausend Taler ein recht achtbares Stück Geld.«

»Und von Ihnen genau gebucht?« fragte Garbe spöttisch.

»So gewissenhaft gebucht, daß Ihnen das Ganze bis auf den letzten Pfennig in jeder Minute ausgezahlt werden kann.«

Garbe nahm die Papiere, schritt nach dem Kamin hinüber und warf sie auf die Kohlenglut. Baruch, bestürzt, machte einen Versuch, ihn von dem rätselhaften Beginnen zurückzuhalten, stand aber davon ab, weil er bereits zu spät gekommen wäre. Außerdem wußte er ja, daß keine wirklichen Wertsachen vernichtet worden.

Als die Flammen polternd in den Schlot hineinschlugen, kehrte Garbe sich dem ihn ängstlich beobachtenden Geschäftsfreunde wieder zu. Sein farbloses Antlitz hatte sich unter dem doppelten Einfluß des Kaminfeuers und einer krankhaften inneren Erregung leicht gerötet.

»Das ist die Hochzeitsfackel, die ich meiner Nichte angezündet habe,« sprach er mit herber Entschlossenheit und wies auf die niedersinkenden Flammen. »Sie staunen, und doch liegt alles so einfach wie möglich.«

Er ließ sich an Baruchs Seite nieder, leerte sein Glas in einem Zuge und fuhr mit überlegender Ruhe fort: »Jetzt ist das Letzte vernichtet, was über meine Vermögensverhältnisse Aufschluß bieten könnte, wenn ich eines Morgens das Erwachen vergessen sollte; und mit vierundsiebzig Jahren darf man auf eine lange Zeit nicht mehr rechnen. So peinlich man nachforschen mag: ein paar tausend Taler wird man wohl finden, dann aber mich für den jämmerlichsten Sonderling, für einen Narren erklären, der den Wert des Geldes nicht kannte und es daher auf die eine oder die andere sinnlose Art durch seine Finger gleiten ließ.«

»Und zu der gleichen Zeit trüge das in meinem Depot befindliche Vermögen Zins auf Zins, ohne daß es jemand zugute käme,« bemerkte Baruch ungläubig; »doch ich hoffe, Sie haben im Scherz gehandelt und erlauben mir, Ihnen eine neue Rechnung aufzustellen.«

»Es bleibt, wie es ist,« entgegnete Garbe fest. »Ich für meine Person brauche keine Aufrechnung, und andere noch weniger. Habe ich Geld nötig, so hole ich es mir hier; das weitere ist Ihre Sache.«

»Und ich weigere mich, unter solchen Umständen die Verantwortlichkeit zu übernehmen,« erklärte Baruch ebenso entschieden; »denn erwägen Sie, zu welchen Verwickelungen und Verdächtigungen ein solches Verfahren führen kann!«

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»Zu gar keinen. Sind Ihre Bücher in Ordnung, so brauchen Sie keines Sterblichen Urteil zu scheuen. Für den Fall, daß nach meinem Tode etwaige Nachforschungen auf die Spuren meines Vermögens führen sollten, habe ich ein Schriftstück aufgesetzt und gerichtlich versiegeln lassen, das Sie und unsere Vereinbarung vollkommen sicher stellt. Blicken Sie mich immerhin an, als trauten Sie meinen Sinnen nicht; ich bin so geistesklar, wie nur je in meinem Leben, und liefere ich Ihnen durch mein Verfahren einen Beweis des rückhaltlosesten Vertrauens, so haben Sie keine Ursache zur Unzufriedenheit. Freilich, nach meinem Tode fällt Ihnen etwas mehr Arbeit zu; allein Sie sind Geschäftsmann und werden nicht verabsäumen, sich für Ihre Mühe bezahlt zu machen.«

»Haben Sie sich bezahlt gemacht, Herr Garbe, als Sie vor dreißig und einigen Jahren zur Zeit der großen Handelskrisis meinem Vater Ihre ganze Habe anvertrauten, um drohenden, sogar gefährlichen Verlegenheiten begegnen zu können? Ich sage nein. Sie verlangten nicht mehr, als die üblichen Zinsen, obwohl Sie wußten, daß das Ihrige mit dem meines Vaters verloren gehen konnte.«

»Ich wußte, daß das nicht geschehen würde.«

»So wußten Sie mehr, als alle anderen Menschen zusammengenommen.«

»Und nochmals, ich wußte, wem ich damals mein Vertrauen schenkte, wie ich weiß, wen ich heute zwinge, mein ungebundenes Vertrauen über sich ergehen zu lassen.«

Baruch betrachtete den alten Herrn, als hätte er in dessen Seele lesen und prüfen wollen, ob seine geheimnisvollen Pläne nicht die Frucht einer krankhaften Übereilung seien.

»Ich wage kaum zu fragen,« hob er nach kurzem Sinnen an, als Garbe grübelnd vor sich niedersah, »inwieweit ich Ihnen zu Diensten sein kann. Das Verbrennen der Papiere, obwohl sie nicht unersetzlich sind, beängstigt mich. Ich fürchte, Sie befinden sich zu sehr unter dem Eindruck eines unvorhergesehenen Ereignisses, um schon jetzt einen bestimmten Entschluß fassen zu dürfen.«

Da richtete Garbe sich entschlossen auf. Mit einem kräftigen Zug leerte er das vor ihm stehende Glas, und sich dem alten Geschäftsfreunde zukehrend, führte er aus: »Der Plan, den ich vor Ihnen zu offenbaren beabsichtige und zu dessen Ausführung ich Ihres Beistandes bedarf, ist am wenigsten ein Kind des Augenblicks. Sie wissen, ich bin ein alter Junggeselle und als solcher mit mancherlei Schrullen und Seltsamkeiten behaftet. Nie empfand ich das bitterer, als vorhin, da ich Sie im zärtlichen Verkehr mit Ihrem lieblichen Töchterchen sah. Wohl besaß ich bisher jemand, an dem mein ganzes Herz hing, nämlich die Tochter meines jüngsten Bruders, allein alle Hoffnungen, die ich an das sich lieblich entwickelnde Kind knüpfte, die mich bedachtsam mein Vermögen überwachen und vermehren ließen, sind unrettbar dahin gesunken. Heute feierte es seine Hochzeit, erloschen ist die Fackel, die ich selber anzündete, erloschen wie das letzte freundliche Abendrot, von dem ich träumte.

»Als alter, pensionierter Offizier bezog mein Bruder zwar ein Einkommen, das ihm ermöglichte, seinem einzigen Kinde eine sorgfältige Erziehung angedeihen zu lassen, dagegen überstieg es seine Kräfte, auch dessen Zukunft sicherzustellen. Da erwachte denn allmählich in mir der Plan, die Lage meines Lieblings, der meinen Namen trug, in meinem Sinne zu gestalten, mit anderen Worten: ihn zu meinem Universalerben einzusetzen. Über meine Verhältnisse sprach ich in der Familie meines Bruders nie; es ahnt daher niemand, daß meine Mittel das gewöhnliche Maß ein geringes überschreiten. Noch weniger ließ ich jemals eine Silbe über meine heimliche Absicht verlauten. Ich wollte um meiner selbst willen ein wenig geliebt sein, und nicht auf Grund einer zu erwartenden Erbschaft. Lag Habsucht auch nie in dem Charakter meiner Nichte, so hätte ich mich doch von einem bösen Verdacht nicht lossagen können, wären sie oder ihre Eltern mit meinen Plänen vertraut gewesen. Heute erscheint mein Verfahren mir doppelt weise, weil dadurch irgend welche Erörterungen zwischen mir und meinen Verwandten überflüssig geworden sind. Und welche Freude wäre es für mich gewesen, meine Nichte, nachdem sie einem rechtschaffenen Manne ihre Hand gereicht hätte, mit einigen, ihre Zukunft betreffenden Andeutungen zu überraschen. Und einen Mann, in dessen Hände sie ihr Geschick unbesorgt hätte niederlegen können, einen wohlberufenen Arzt, mochte er immerhin nicht mehr ganz jung sein, hatte ich ja bereits kennen gelernt, als er mich vertrauensvoll bat, eine Annäherung an sie zu ermöglichen. Doch das sollte nicht sein. Es hatte sich nämlich jemand in ihr argloses Herz eingeschlichen, der freilich mit einem bestechenden Äußeren und einem vornehm klingenden Namen prunkt; allein lieber hätte ich heute vor ihrem offenen Grabe gestanden, als daß ich sie jetzt unauflöslich an jenen Menschen gekettet weiß.

»Meine ernsten Bedenken sprach ich offen vor ihr und ihren Eltern aus; doch alles war vergeblich. Sie selbst kannte weiter nichts, als die hingehendste Liebe zu ihrem Auserkorenen, wogegen die Eltern in dem Gedanken schwelgten, einen Baron, den stolzen Sprossen aus einem altadeligen Geschlecht, als Schwiegersohn zu begrüßen.«

»Aber wenn die Herzen entschieden hatten, weshalb wollten Sie da hindernd einschreiten?« fragte Baruch, als Garbe eine Pause eintreten ließ, und seine Blicke spitzten sich zu, indem sie auf dem geneigten Haupte des Freundes ruhten.

Hastig, wie erschreckend, sah Garbe empor. Seine Augen sprühten in feindseliger Erregung.

»Ja, die Herzen hatten entschieden,« wiederholte er mit bitterem Hohn, »wenn aber je die Neigung eines arglosen, treuherzigen Mädchens auf einen unwürdigen Gegenstand fiel, so geschah es hier. Und mein Urteil bildete sich nicht etwa nach den ersten flüchtigen Eindrücken, sondern nach peinlichen Nachforschungen und Beobachtungen, die ich anstellte, sobald ich die Ursache der häufigen Besuche des Barons im Hause meines Bruders erriet. Und so erfuhr ich denn, daß der junge Mann allerdings in den Besitz eines ansehnlichen mütterlichen Erbteils und eines Landsitzes gekommen, daß er aber auf dem besten Wege ist, das Seinige, soweit es noch vorhanden, durch Spiel, ja durch eine unheilbare Leidenschaft des Spiels und sonstige noble Passionen in alle Winde zu zerstreuen. Da sich aber schwerlich andere Quellen für ihn öffnen können – mit seinem Vater und dem jüngeren, bevorzugten Stiefbruder soll er bitter verfeindet sein – so ist vorauszusehen, daß gänzlicher Ruin in absehbarer Frist folgt und die arme junge Frau, die von ihren Eltern nichts zu erwarten hat, schließlich in Jammer und Elend versinkt. Denn ihr Mann zählt zu jenen herzlosen Naturen, die immer nur an sich selbst denken und, einmal auf abschüssiger Bahn, die Kraft nicht besitzen, einen neuen Lebenswandel wohl gar unter Arbeit und Entbehrungen zu beginnen. Ob er auf meine Tasche rechnet, weiß ich nicht, glaube es indes kaum; denn woher sollte er über meine Verhältnisse unterrichtet sein? Leute von seiner Sorte denken überhaupt nicht über den folgenden Tag hinaus, so lange der gegenwärtige ihnen noch die gewohnten zweifelhaften Genüsse verspricht. Ist das Seinige aber erst vergeudet, so zaudert er nicht, den ihm auf den Namen seines Vaters vielleicht gewährten Kredit so lange auszunutzen, bis ihm kein anderer Ausweg mehr bleibt, als entweder zu flüchten, oder – was nicht das Ungünstigste wäre – sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Wollte ich indessen trotz alledem meine Nichte zu meiner Erbin einsetzen, so wäre das für den Baron immer nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Anstatt dadurch zur Besinnung, zur Erkenntnis seiner Wertlosigkeit zu gelangen, würde er in dem heillosen Wahn bestärkt werden, daß immer wieder neue Hilfsquellen sich für ihn öffnen müßten, und sein wüstes Treiben nähme einen neuen Aufschwung. O, ich kenne solche Naturen! Das Erbteil seiner Frau würde zerrinnen wie der Frühlingsschnee an der Sonne, vielleicht kaum ausreichen, die auf ihm ruhende Schuldenlast zu tilgen, und was dann?«

»Wenn Sie die freie Verfügung über das Vermögen ausschlössen und Ihrer Nichte nur den Nießbrauch der Zinsen zusicherten?« meinte Baruch nachdenklich. »Zugunsten von deren Kindern könnten ja andere Bestimmungen getroffen werden.«

Gehässig lachte der alte Herr auf.

»Wem allein würde das zustatten kommen?« fragte er heftig, »doch nur dem Baron. Denn meine Nichte mit ihrem sanften Gemüt ist ja nicht geschaffen, einem gewissenlosen Gatten, den sie aus reiner, heiliger Liebe heiratete, zu wehren oder das Geringste, und wär's der letzte Bissen Brot vor ihrem Munde, vorzuenthalten. O, die Gewalt eines selbstsüchtigen Mannes reicht zu weit, als daß ich meine Nichte einer solchen Gefahr aussetzen dürfte. Nein, lieber mag das arme Kind dem schrecklichsten Lose verfallen, bevor ich ihrem unverbesserlichen Gatten auch nur einen Taler zum Fröhnen seiner sträflichen Leidenschaften bewillige. Ich habe, bei Gott, während eines langen Lebens nicht gespart und zusammengescharrt, um nach meinem Tode das Meinige von einem vornehmen Prasser vergeuden zu lassen! Nein, wie gut auch Ihr Vorschlag gemeint ist, ich verwerfe ihn. Ich handle, wie es mit meinen Empfindungen im Einklange steht und es dem armen Kinde vielleicht dennoch einmal zum Segen gereicht. Denn es wird, es muß der Tag kommen, an dem die beiden Gatten, wenn meine Nichte nicht vorher erliegen sollte, voneinander geschieden werden, und dann, ja dann ist es an der Zeit, die gewiß schwer geprüfte Frau und ihre Kinder vom Abgrunde des Verderbens zurückzureißen. Das zu vollführen sind Sie der Mann,« damit warf er einen dicken versiegelten Brief vor Baruch auf den Tisch. »Wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile, werden Sie als mein Bevollmächtigter die Vorsehung der Ärmsten und ihrer Nachkommenschaft sein, und dies Bewußtsein allein ist es, was mein Herz jetzt ruhiger schlagen macht.«

Baruch, der allmählich eingesehen hatte, daß jeder fernere Versuch, seinen Gast umzustimmen, vergeblich sein würde, seufzte tief auf, wie jemand, der im Begriff ist, eine schwere Bürde auf seine Schultern zu nehmen. Dann reichte er Garbe die Hand.

»Sie verlangen viel von mir,« sagte er ernst, »eine Verantwortlichkeit wälzen Sie mir zu, die mich einschüchtert. Trotzdem fühle ich mich gedrungen, das Versprechen treuer Pflichterfüllung nicht nur für mich, sondern auch für meine Söhne abzulegen, für den Fall, daß ich selbst vor der Zeit abberufen werden sollte. Aber noch leben wir beide, noch mögen Umstände eintreten, durch die Ihre Besorgnisse endgültig zerstreut werden.«

»Ja, noch leben wir,« wiederholte Garbe zufrieden, »und da wollen wir die vor mir liegende kurze Frist redlich ausnutzen, über alle Verhältnisse uns ausgiebig zu unterrichten. Von seinem Vater hat der junge Baron schwerlich viel zu erwarten. Zwischen ihm und jenem steht sein bereits mit einer hochmütigen, aber sehr reichen Bürgerstochter verheirateter Stiefbruder, ein kluger, berechnender und sehr sparsamer Herr, der in allen Lebenslagen an sich selbst und an seinen Vorteil denkt. Die beabsichtigte Verheiratung des jungen Barons mit der mittellosen Tochter eines pensionierten Offiziers, der nicht einmal den Vorzug eines vornehm klingenden Namens für sich hat, scheint einen vollständigen Bruch zwischen ihm und seinen Verwandten herbeigeführt zu haben; denn bis zum heutigen Tage erfolgte noch kein Lebenszeichen von seiten derjenigen, deren Pflicht es gewesen wäre, einer neu hinzutretenden, schüchternen jungen Verwandten Hand und Herz entgegenzubringen. Es ist dies ebenfalls ein ungünstiges Zeichen für die Zukunft des jungen Paares. Ja, wohin ich meine Blicke richte, überall begegnen sie trüben Bildern, und mit diesen gehen Hand in Hand die schwärzesten Ahnungen. In meiner Besorgnis ließ ich es mich nicht verdrießen, den Landsitz des jungen Barons unauffällig in Augenschein zu nehmen, und was ich da fand, war nicht sehr ermutigend. Bei einer kleinen Provinzialstadt gelegen, besteht er aus einem Park von mäßigem Umfange und einem alten Hause. Zum Sommeraufenthalt für eine reiche Familie mag er geeignet sein, im übrigen ist er ziemlich wertlos. Seit seiner Großjährigkeit ist der jetzige Besitzer nur zwei- oder dreimal dort gewesen, und zwar jedesmal in Begleitung eines älteren Herrn, mit dem er alles gründlich besichtigte. Am Verkauf hinderten ihn wohl testamentarische Bestimmungen; dagegen liegt die Vermutung nahe, daß er auf Grund des Holzwertes der Parkbäume Anleihen aufnahm. Für unsere nächste Aufgabe halte ich nun, den Gläubiger auszukundschaften und ihm in irgend einer Form, selbst unter Opfern, die Forderungen abzukaufen. Der Baron selber hindert uns dabei voraussichtlich nicht. Er wird froh sein, von Mahnungen zur Zinszahlung verschont zu bleiben; wir aber geraten dadurch in die Lage, wenn wirklich einmal ein Verkauf bezweckt werden sollte, die Hand auf das Grundstück zu legen und es wenigstens den Kindern meiner Nichte zu erhalten. Doch damit dürfen wir die Nachforschungen nicht als abgeschlossen gelten lassen. Ich lernte bei Gelegenheit meines Besuches eine wunderliche alte Person, die ehemalige Amme unseres Barons, kennen, die jetzt des Amtes einer Schließerin waltet, und die scheint das volle Vertrauen ihrer verstorbenen Herrin besessen zu haben. Sie macht den Eindruck einer zwar argwöhnischen, mürrischen und verschlossenen, aber zugleich auch zuverlässigen Person. Sie bezieht eine kleine Rente, wahrscheinlich von seiten ihrer verstorbenen Herrin her, und darf, wie ich aus einzelnen ihrer Bemerkungen entnahm, bis zu ihrem Lebensende nicht aus ihrem heutigen Heim vertrieben werden. Gelingt es uns, das Vertrauen dieser Person zu gewinnen, was vielleicht weniger schwer ist, wenn wir sie überzeugen, daß wir das Beste bezwecken, so ist schon viel erreicht. Sie werden selbst einräumen, daß es keine anderen Wege, als die vorgeschlagenen, gibt, für die etwaige Nachkommenschaft meiner Nichte zu sorgen. Sie selbst sehe ich schwerlich jemals wieder,« und tief traurig klang des alten Herrn Stimme; »denn das Haus ihres Gatten zu betreten – nein, das würde ich nicht über mich bringen.«

»Ich verstehe Sie,« antwortete Baruch, und das ruhige Greisenantlitz mit einer gewissen Ehrerbietung betrachtend, drückte er seines Gastes Hand, »und ein hoher Grad von treuer Anhänglichkeit und Selbstverleugnung gehört dazu, einen solchen Entschluß mit so weiter Voraussicht zu fassen. Was Sie aber mit so viel Umsicht eingeleitet haben, das soll gewissenhaft zu Ende geführt werden, gleichviel, ob von mir oder von meinen Nachfolgern.«

Garbe lächelte schwermütig.

»Jetzt bin ich beruhigt,« sprach er, »mag alles kommen, wie es will: meiner Nichte wird der Kummer erspart bleiben, die Ersparnisse ihres alten Onkels und einzigen wahren Freundes von dem eigenen Gatten schamlos verschwendet zu sehen.«

Freier bewegte sich von jetzt ab die Unterhaltung zwischen den beiden Geschäftsfreunden, indem sie noch dieses und jenes erwogen und vereinbarten, und weit vorgeschritten war die Nacht, als Garbe sich endlich zur Heimkehr rüstete.

Und wie an dem einen Abend, so saßen sie noch oft in ernstem Gespräch beisammen. Zwei Jahre gingen dahin, und diese Zeit genügte, sie zu überzeugen, daß Garbes Befürchtungen leider nicht übertrieben gewesen waren. Dann legte der alte Herr sich hin, um eines sanften Todes zu sterben. Als man sein Testament öffnete, erwies sich, daß diejenigen, die ihn so lange für einen reichen Sonderling gehalten hatten, von einer argen Täuschung befangen gewesen waren. Nur über wenige tausend Taler hatte er zum allgemeinen Erstaunen verfügt, und die waren, um sie dessen Schwiegersohn nicht unmittelbar zufallen zu lassen, auf seinen Bruder vererbt worden.

Dem alten Garbe folgte sein Bruder bald nach, und diesen überlebte dessen Frau nur kurze Zeit. Die Leute raunten sich zu, daß heimlicher Gram das Leben beider verkürzt, das traurige Los ihrer Tochter, die an einen vornehmen Wüstling gefesselt sei, ihnen den Todesstoß gegeben habe. Sie wurden ebenso schnell vergessen, wie der voraufgegangene alte Garbe. Nur eine weinte ihnen lange, lange nach, wenn auch nur heimlich und ungesehen, und das war ihre Tochter, deren Zukunft sich mehr und mehr umdüsterte.


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