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Sechzehntes Kapitel.
Auf Wiedersehen!

Einen Tag nach dem anderen hatte Milford seinem Aufenthalt bei der Fähre zugegeben. Das zu bewirken, bedurfte es nur eines Blickes aus den fröhlichen Augen Mollys, mit dem sie Charons herzliche Einladung und ihre eigene begleitete. So war er auch am Morgen nach dem Besuch bei den Ballschlägern in aller Frühe herübergekommen, um den letzten Tag mit den Freunden zu verleben, und wie gewöhnlich hatte er Molly nach der kleinen, eingefriedigten Wiesenfläche begleitet, auf der die Kühe und Pferde die Nächte zu verbringen pflegten.

Obwohl wegen des noch dauernden Festes auf Fährarbeit nicht zu rechnen war, blieb Charon zu Hause, anstatt mit der Büchse in der weiteren Nachbarschaft umherzustreifen. Nicht einmal nach dem Garten begab er sich, dessen Pflege zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte. Auf der Bank vor der Hütte saß er, düster über den Strom hinspähend. Seitdem die letzte Hoffnung geschwunden, daß Adams dennoch die Gegend verlassen habe, ruhte es wie ein Alp auf seiner Seele. Vergeblich sann und grübelte er auf einen Ausweg aus der peinlichen Lage. Nirgends entdeckte er ein Mittel, sich dem verderblichen Einfluß jemandes zu entziehen, der, von Hause aus eine Verbrechernatur, in der Verfolgung eigennütziger Zwecke kein Mitleid, kein Erbarmen kannte, hohnlachend das Unschuldigste oder Heiligste in den Staub trat, wenn er glaubte, sich davon auch nur den geringsten Vorteil versprechen zu können.

Aus seinen herben Träumereien wurde er in noch bittrerer Weise aufgestört.

»Hol' über!« tönte es von der anderen Seite des Stromes herüber.

Erschrocken richtete er sich auf. Die Stimme hatte er erkannt. Durch Mark und Bein war ihm der Ruf gedrungen. Indem er aber den Schimmelreiter betrachtete, der auf dem jenseitigen Ufer sein Pferd tränkte, versteinerten seine harten Gesichtszüge sich förmlich in Haß. Starr wie eine Bildsäule saß er da, nur seine Augen sprühten in feindseligem Feuer. Erst als der Ruf zum zweitenmal erschallte, durchströmte ihn wieder Leben. Schwerfällig erhob er sich, und wie unter einer Last von erdrückender Schwere schritt er nach dem Hohlweg hinüber und an den Fluß hinab. Mechanisch löste er den Prahm, langsam zog er ihn nach der anderen Seite hinüber. Keinen Blick hob er von der Arbeit. Es widerstrebte ihm, denen des Verfolgers zu begegnen, der ihn mit einem Grinsen innerer Befriedigung fortgesetzt beobachtete.

Der Prahm knirschte ans Ufer. Adams führte sein Pferd hinein, und Charon ergriff alsbald wieder das Fährtau.

»Wir haben einander lange nicht ordentlich gesprochen,« bemerkte Adams, eine dichte Rauchwolke von sich blasend; »das von gestern zählt nicht mit.«

»Das weiß ich nicht,« antwortete Charon kalt.

Höhnisch lachte Adams, worauf er hinzufügte: »Um so besser hab' ich's im Gedächtnis behalten. Hatte große Eile, Sie wiederzusehen; aber Tagereisen wollen abgeritten sein. War nämlich in Fort Smith, um 'n paar Briefe zu schreiben und in die alte Heimat zu schicken. Da wird man sich wundern, nach den vielen Jahren wieder einmal von mir zu hören,« und schärfer überwachte er Charon.

Dieser fühlte den spähenden Blick, und sich schwerer gegen das Tau lehnend, sah er stromaufwärts.

»Sie hätten nur gleich dort bleiben sollen,« sprach er nach kurzem Sinnen eintönig, »denn in unserer Landschaft dürfte sich schwerlich Gelegenheit zu lohnender Beschäftigung bieten.«

»An Beschäftigung ist mir überhaupt nicht gelegen,« versetzte Adams; »wenn mir 'ne Gegend gefällt, so bleibe ich; das Weitere findet sich von selbst. So hab' ich's gemacht, seitdem ich zum erstenmal meinen Fuß in dies freie Land stellte.«

Da Charon scheinbar seiner nicht achtete, fuhr er mit erheuchelter Leichtfertigkeit fort: »Ja, ich gedenke vorläufig hier herum zu verbleiben, wenigstens so lange, bis ich Antwort auf meine Briefe erhalten habe. Ich vermute, die wird 'nen rechten Umschlag in meiner Lage bewirken. Verweigert man mir den Bescheid, so spiele ich 'nen Trumpf aus, daß manchem die Augen übergehen sollen. Es hängt alles davon ab, wie's mir in nächster Zeit hier herum ergeht. Hab' ich mein Auskommen, mag die in der alten Welt der Teufel holen. Mein Trumpf läuft nicht weg.«

Obwohl die tückisch gewählten Worte Charon wie vergiftete Geschosse trafen, bewahrte er doch seine Selbstbeherrschung.

»Ich verstehe Sie nicht, lege auch keinen Wert darauf,« bemerkte er achselzuckend. Der Prahm landete und schnitt ab, was er vielleicht noch hinzugefügt hätte. Schnell trat er aufs Ufer, und nachdem er die Kette befestigt hatte, entfernte er sich schweigend und ohne Adams das Fährgeld abgefordert zu haben.

Dieser sah ihm überrascht nach. Dann beherrschte teuflische Bosheit mehr und mehr sein verwittertes Gesicht. Den Fluch, der ihm auf den Lippen schwebte, drängte er zurück; dagegen entwand sich zischend seinen zusammengebissenen Zähnen: »Dir sollen die Junkerlaunen trotz deines weißen Bartes bald genug vertrieben werden. Ich sehe dich noch geschmeidig wie 'ne Peitschenschnur.«

Vorsichtig führte er sein Pferd aus dem Prahm, und es besteigend folgte er Charon nach. Auf dem Vorplatz holte er ihn ein.

»Hab' nämlich noch 'n paar Worte mit Ihnen zu reden,« begann er spöttisch höflich, indem er sich aus dem Sattel schwang und Miene machte, auf der Bank Platz zu nehmen, woran er indessen dadurch gehindert wurde, daß Charon stehen blieb. »Zunächst möchte ich mein Fährgeld entrichten,« und er zog einen Silberdollar aus der Tasche, »hier, fünfundsiebenzig Cent für Sie, bleiben fünfundzwanzig für mich.«

Charon zog die Hand zurück. Ihm war, als hätte er Blutgeld berühren sollen.

»Von einem Deutschen, der nicht übermäßig mit Glücksgütern gesegnet ist, nehme ich nichts,« versetzte er ablehnend.

»Dann schönen Dank,« erwiderte der Strolch lachend, und der Dollar verschwand wieder in seiner Tasche. »Es war übrigens fein da draußen beim Ballspiel. Nur der Whisky fehlte, oder es wäre ein ordentliches Fest geworden. Trotzdem fuhr mir's durch den Kopf, daß es sich mit dem farbigen Gesindel möchte leben lassen, namentlich wenn Sie sich entschließen sollten, 'nem heruntergekommenen Landsmann mit 'nem mäßigen Monatsgeld unter die Arme zu greifen.«

Charon runzelte die Brauen. Er hatte vorhergesehen, daß alles auf die heillosesten Erpressungen hinauslaufen würde. Er wäre auch zu schweren Opfern sofort bereit gewesen, hätte er damit seine Ruhe erkaufen können. Allein bei einem Manne wie Adams genügte das kleinste Entgegenkommen, neuen unvernünftigen Anforderungen den Weg zu bahnen. Andererseits fürchtete er, den elenden Schurken mit klaren Worten das offenbaren zu hören, was er bisher nur in unbestimmten Hinweisungen berührte. Er erwiderte daher mit einer gewissen Schonung: »Wäre ich wirklich bereit, diesen oder jenen zu unterstützen, so verfüge ich nicht über Mittel, die ausreichend wären, Ihnen ein Leben zu verschaffen, wie Sie ein solches wünschen. Außerdem habe ich eine Tochter, die nach meinem Tode vereinsamt dasteht. Sie werden begreifen, was das heißt.«

In Adams Zügen glühte es auf. Er fühlte, daß ein schwer wiegender Einfluß dazu gehörte, um Charon zu derartigen, gleichsam entschuldigenden Kundgebungen zu bewegen, und antwortete mit widerwärtiger Vertraulichkeit: »Manche Waise muß sich durchs Leben schlagen, und den jungen wird's leichter obenein, als alten Leuten.«

Um Charons Lippen zuckte es krampfhaft, indem er, seine Entrüstung niederkämpfend, sprach: »Geschieht das, so kann das kein Grund für mich sein, meine eigene Tochter vor mir fernstehenden Fremden zurückzusetzen. Eine Unterstützung will ich Ihnen indessen zuwenden, und zwar in der Weise, daß Sie in dem Kosthause vorläufig auf meine Rechnung Wohnung und Verpflegung erhalten.«

Adams sah vor sich nieder, um den in seinen Augen flackernden Triumph zu verheimlichen. Denn wiederum fühlte er instinktartig, daß im Laufe der vielen Jahre tiefer Einsamkeit, nie schlummernden Grames und nagender Reue, die männlich trotzige Willenskraft in Charon schwer erschüttert worden, er nur noch stummes Unterwerfen unter ein böses Verhängnis kannte. Und so entschied er nach kurzem Schwanken mit herablassender Sorglosigkeit:

»Ein dankenswertes Anerbieten, bei Gott. Aber wie wär's mit 'nem kleinen Taschengeld? Bedürfnisse hat jeder; da werden Sie für 'nen Landsmann doch wohl ein übriges tun.«

»Sie fordern viel,« versetzte Charon aufwallend, und abermals bezwang er sich, »was die Fähre einträgt, ist nur wenig. Unmöglich können Sie erwarten, daß ich auf Kosten meines natürlichen Schützlings alles hingebe.«

»Nun, alter Gentleman, ich bin ja auch Ihr Schützling,« erwiderte Adams häßlich lachend, daß es Charon eisig durchrieselte, »und sollten Sie vor mir sterben, so bin ich der Mann, für Ihre Tochter weiter zu sorgen. Ohne Taschengeld tu ich's nun einmal nicht. Ich will mich anständig kleiden, meine Pfeife Tabak rauchen, gelegentlich auch etwas Stärkeres trinken, als das Wasser da aus dem Kanadian. Sie werden dafür fortan einen manierlichen und gefälligen Nachbarn in mir finden, Sie und die kleine Kratzbürste, die große Lust verriet, ihr schwarzes Untier auf mich zu hetzen.«

Da richtete Charon sich hoch auf. Seine Augen sprühten. Fest, sogar drohend sah er den Räuber an, für diesen ein Zeichen, daß er in seinem Trachten, durch rohes Auftreten den Fährmann gänzlich in seinen Sklaven zu verwandeln, zu weit gegangen war.

»Was Sie dazu bewegt, sich eine heillose Herrschaft über mich anzumaßen, weiß ich nicht,« sagte Charon mit Nachdruck, und seine würdevolle Haltung blieb offenbar nicht ohne Einfluß auf Adams, »ebensowenig, was mich veranlaßt, meine Menschenfreundlichkeit – oder mein Mitleid so weit zu treiben –«

»Nicht?« fragte Adams, und den grinsenden Blick, den er Charon zuwarf, schien er vorher in Gift getaucht zu haben.

»Nein,« bekräftigte dieser rauh, »und wüßte ich es, so läge für mich kein Grund vor, es einzuräumen. Was auch immer als krankhaftes Hirngespinnst Ihnen vorschweben mag: spannen Sie, auf meine Langmut bauend, den Bogen nicht zu straff an, oder er möchte brechen. Wagen Sie nie, meiner Tochter mit einem Wort oder einer Miene zu nahe zu treten, oder es dürfte sich ereignen, daß die braunen Nachbarn Sie eines Tages aus den Reservationen fortweisen.«

»Und dann?« fragte Adams tückisch neugierig, »und dann?« wiederholte er noch boshafter, als er scharfsichtig entdeckte, daß Charon seine Drohung bereute. »Sie wissen's selber nicht? Gut, da will ich's Ihnen verraten: wir leben hier in einem freien Lande, wo der Baron nicht mehr gilt, als ein zerlumpter Steinklopfer, und wo jeder seine gute Gelegenheit nach besten Kräften ausnutzen darf. Verdammt! Meine letzten paar Jahre will ich ordentlich genießen, und müßt' ich deshalb Gift und Galle unter Menschen ausstreuen, die bis auf den heutigen Tag wie im Paradies lebten. Ich kann die Herzensgüte selber sein, aber auch die leibhaftige Niederträchtigkeit. Wird Ihnen zwischen beiden die Wahl schwer, so wollen wir Ihre Tochter fragen. Die soll entscheiden, und von der heißt's ja, daß sie eine Zauberin sei. Und wer sich nachts in zwei Teile auflöst und an verschiedenen Orten zugleich umher wankt, versteht auch mehr.«

Charon erbleichte. Indem aber eine Art Selbsterhaltungstrieb in ihm erwachte, rötete sein Antlitz sich wieder tief. An Stelle der ersten Bestürzung trat Unheil verkündende Entschlossenheit.

»Sie vergessen, daß es mich nur ein Wort kostet, Sie heute noch über die Grenzen der Reservationen gejagt zu sehen,« rief er drohend aus.

»Womit Ihnen selbst am wenigsten gedient wäre,« warf der Räuber kaltblütig ein.

»Das zu beurteilen ist meine Sache,« versetzte Charon erbittert, ahnungslos, daß sein Gegner, dessen Roheit einmal in Fluß geraten, mit schlauem Bedacht ihn zu weiteren Kundgebungen reizte. »Ich habe in der Übereilung Ihnen eine Unterstützung zugesagt und bin gewohnt, mein Wort zu halten. Was ich Ihnen biete, nehmen Sie hin ohne Dank, aber auch ohne Ihre ungerechtfertigten Ansprüche zu erhöhen. Und nochmals wiederhole ich: wagen Sie nicht, die Wege meiner Tochter zu kreuzen, oder es möchte mir einfallen, einige Nachbarn auf Ihre Spuren zu setzen, um auszukundschaften, wer den Schimmel da vor Ihnen ritt. Es endigte schon früher jemand mit einer Schlinge um den Hals, der sich über den Besitz eines Pferdes nicht genau auszuweisen vermochte.«

In seiner leidenschaftlichen Erregung hatte Charon sich gleichsam blindlings zu der mittelbaren Anklage hinreißen lassen. Fast in demselben Atemzuge bereute er seine Worte. Sobald er aber entdeckte, daß Adams trotz seiner verstockten Räubernatur die Farbe wechselte, sprach er weiter: »Sie wissen jetzt, woran Sie mit mir sind. Wären Sie so vertraut mit den Sitten der hiesigen rechtlich denkenden Eingeborenen, so würden Sie sich scheuen, deren Argwohn gegen sich wachzurufen.«

Adams, anfänglich verstört, hatte seine Fassung zurückgewonnen. Jedoch anstatt einzulenken, bemerkte er gleichmütig: »So könnte also ein ehrlicher Mann hier zu der Ehre gelangen, mittelst eines Strickes ins Jenseits befördert zu werden, ohne daß man ihn viel um seine Unschuld befragte. Gut, daß ich 'ne Art Testament machte und nach Europa schickte. Doch was reden wir solche bösartigen Dinge? Sind wir doch – keine Sträflinge und Fälscher, sondern Männer, die ein geruhiges Leben zu führen wünschen, und was ich dazu beitragen kann, soll geschehen. Bauen Sie darauf, daß ich mich ebensowenig um Ihre Tochter kümmere, wie um das schwarze Untier an ihrem Schürzenband.«

»Ob Sie ein ruhiges Leben führen, ist allein Ihre eigene Sache,« erwiderte Charon finster, »die Gelegenheit dazu soll Ihnen aber wenigstens gegeben werden.«

»Das ist doch ein gutes Wort,« versetzte Adams plötzlich verändert, »und da will ich machen, daß ich in mein neues Heim einziehe. Also auf Wiedersehen, Herr Charon,« und er streckte ihm die Hand hin.

Charon schauderte beim Anblick der knochigen Verbrecherfaust. Als sei es zufällig geschehen, kehrte er sich ab. Adams lachte in sich hinein. Was er dachte, offenbarte sich in seinem Grinsen. Dann bestieg er sein Pferd, und in sorgloser Haltung ritt er von dem Vorplatz hinunter.

Charon hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen und lauschte ihm ängstlich nach. Erst als der Hufschlag in der Ferne verhallte, atmete er wieder aus. Sein Antlitz hatte einen eigentümlichen Ausdruck der Hinfälligkeit angenommen. Indem er über den Fluß hinspähte, wehte es in seinen Augen, wie bei jemand, der sich in ein Labyrinth verirrte und vergeblich einen Ausweg zu entdecken trachtet, sich mit dem Gedanken vertraut macht, dem Verderben geweiht zu sein. Als ein unentwirrbares Chaos lag die Zukunft vor ihm. Hätte er nur allein zu leiden brauchen, wie zufrieden wäre er gewesen! Weit fort über Länder und Meere, weit in die Vergangenheit hinein schweiften seine Betrachtungen. Eine junge Mutter, deren Heimgang durch ein vor ihr abgelegtes heiliges Gelöbnis erleichtert wurde, trat vor seine Seele; eine traumhafte, zarte Mädchengestalt, deren Frieden ein gräßliches Verhängnis bedrohte; das Bild opferwilliger Männer, über deren Haupt ein Damoklesschwert schwebte, und endlich Molly, in der er zu gleicher Zeit eine andere über alle Maßen liebte, ohne seinen Empfindungen Ausdruck geben zu dürfen. Auch Milford tauchte vor ihm auf. Dessen geistige und körperliche Frische erquickte ihn. Es ergötzte ihn die offene, freie Art seines Verkehrs mit Molly, die in der gleichen unbefangenen Weise ihre Freude über die heitere Unterbrechung ihres anspruchslosen, einförmigen Lebens an den Tag legte. Er beobachtete sie zärtlich, wie sie seinen Erzählungen und fremdartigen Schilderungen lauschte, wie sie ihn zutraulich um dieses und jenes befragte, ihn in Erstaunen versetzte durch den Schatz des Wissens, den sie ihrem Wohltäter allein verdankte, oder ihn in das Geheimnis einweihte, wie er es zu beginnen habe, sich Tommys Freundschaft zu erwerben und zu erhalten. Mit stiller Freude sah er beide in dem schwerfälligen Fahrzeug den Strom kreuzen, des Morgens, wenn es galt, den Gast herüberzuholen, des Abends, um ihn wieder in seine fliegende Häuslichkeit zu schaffen. Er folgte ihnen mit den Blicken, wenn sie zur gemeinschaftlichen Arbeit sich nach dem Garten begaben oder, wie auch heute, hinaus auf die Weide zu den Pferden und Kühen. Freundliche Bilder schwebten ihm wohl vor, wenn er beobachtete, wie Milford immer wieder durch Mollys herzliches Zureden sich bewegen ließ, seinen Aufenthalt bei der Fähre noch etwas zu verlängern; allein kaum entstanden, versanken sie hinter einem Vorhang der Schwermut und der Entsagung. An deren Stelle drängte sich die wilde Räubergestalt, die, ähnlich einer Unheil bergenden Wolke, alles unheimlich beschattete und umdüsterte, was in seinen Gesichtskreis trat. –

Molly und Milford verfolgten unterdessen in heiterem Verkehr ihren Weg heimwärts nach der Blockhütte. Eine Pause war in ihrem Gespräch eingetreten. Wie plötzlich erwachten ernsten Betrachtungen hingegeben, hatte Molly die Blicke vor sich auf den Pfad gesenkt. Milford überwachte die holde Gestalt mit innigster Bewunderung und wehmutsvoller Teilnahme. Entzückte ihn auf der einen Seite ihre unvergleichliche Anmut, ihr kindlich offenes Vertrauen, so tauchte auf der anderen immer wieder das geisterhafte Bild auf, das sie bei der ersten Begegnung geboten hatte. Ahnungslos lebte sie in den Tag hinein, ahnungslos und glücklich; und doch mußte die Stunde schlagen, in der sie über sich selbst aufgeklärt wurde, in der Entsetzen seine Hand auf sie legte, sie vor sich selbst zurückbebte, wie vor einer Gebrandmarkten. Und was dann die Folgen waren – seine Gedanken stockten, er vermochte nicht, sie weiter zu spinnen. Doch in demselben Grade, in dem er die Gefahr würdigte, die fortgesetzt über ihrem Haupte schwebte, wuchs seine innige Teilnahme, wuchs seine von Bangigkeit getragene tiefe Zuneigung. Und so erschrak er fast, als Molly endlich wieder zu ihm aussah.

Wehmut sprach aus ihren schönen, großen Augen, indem sie fragte: »Sie wollen wirklich morgen ausbrechen?«

»Ich muß,« hieß es mit sichtbarem Widerstreben zurück »Den übernommenen Verpflichtungen gegenüber verstummen die eigenen Wünsche und Neigungen.«

»Nicht einen einzigen Tag geben Sie noch zu?«

Milford sah bewegt in die treuherzig blickenden Augen. »Wie gern dehnte ich meinen Aufenthalt hier über den ganzen Sommer hin aus,« sprach er, »allein, ich wiederhole es mit tiefen: Bedauern, ich bin ja nicht unumschränkter Herr meiner Zeit. Und ob einen Tag früher oder später, es ändert nichts an der Trauer, mit der ich von hier scheide.«

»Wir haben uns so sehr an Ihre Gesellschaft gewöhnt,« versetzte Molly klagend und die Brauen leicht zusammenziehend, wie ein Kind, dem eine große Herzensfreude verdorben worden; »sind Sie erst fort, darf wohl kaum an ein Wiedersehen gedacht werden?«

»Zuversichtlich rechne ich auf ein solches,« beteuerte Milford leidenschaftlich, »gewiß, wir werden uns wiedersehen Und wie könnte ich eine Stätte aus meiner Erinnerung streichen, auf der ich so viele glückliche Stunden verlebte,« und einen Freudenschimmer auf dem lieblichen Antlitz entdeckend, fügte er weiter hinzu: »Je eher von hier fort, um so eher wieder hier,« dann aber, um einer auf Mollys Lippen schwebenden Frage auszuweichen, anscheinend sorglos: »Betrachten Sie Tommy, wie er täppisch nach der Hummel schlägt; und dort die Fährhütte, wie sie hinter dem Buschwerk sich hervorschiebt. Förmlich eingenestelt liegt sie im Grünen da. Ein stattliches Landhaus an deren Stelle stände nicht im Einklang mit der immerhin noch etwas wilden Umgebung. Es würde sicher den Eindruck der ganzen Szenerie beeinträchtigen.«

Sie waren auf die in Sonnenglut schwimmende Lichtung hinausgetreten.

»Da ist auch Vater Charon,« versetzte Molly lebhaft, und was eben noch ihr Gemüt beschwerte, versank angesichts der trauten Heimstätte. »Vater Charon! Da sind wir!« rief sie ihm zu, dadurch die ihm vorschwebenden düsteren Bilder verscheuchend, und ihre Schritte beschleunigend, zwang sie Milford und Tommy ebenfalls zu frischerem Tempo.

.

Im Fluge entschwand der Tag, daß Milford beinah bereute, den Zeitpunkt seines Aufbruchs endgültig bestimmt zu haben. Denn wie mit Zaubergewalt fesselte es ihn an die Fähre; wie mit Zaubergewalt hatte es ihn immer wieder über den Strom getrieben, zu der lieblichen Tochter des Frühlingstaus, zu dem alten Fährmann, um mit ihnen Stunden zu verleben, denen er eine ewige Dauer hätte wünschen mögen. Aber die Zeit war unerbittlich; nach der Nacht dämmerte der Morgen, und mit der Stunde des Sonnenlichtes war die des Abschieds gekommen.

Nur wenige Worte wurden noch in dem traulichen Heim gewechselt, und als man die Hände ineinander legte, da walteten Empfindungen wie bei Leuten, die seit Jahren an demselben Herd vereinigt gewesen. Schwermütig schaute Charon darein, als sie von einem möglichen Wiedersehen sprachen. In Mollys Augen schimmerte es feucht, während Milford ihre Hand hielt.

Erzwungen lächelnd, wie über irgend etwas in Zweifel, sah sie in seine Augen, dann sprach sie freundlich: »Wir werden Ihrer viel gedenken. Vergessen auch Sie uns nicht ganz,« und bevor Milford ihre wirkliche Absicht erriet, küßte sie ihn mit holder Unbefangenheit. Sie küßte ihn, wie sie es seit ihrer frühesten Kindheit allen gegenüber gewohnt war, die sie in ihr Herz eingeschlossen hatte. Sie küßte ihn, wie ihren gütigen Beschützer, ihre braunen Pflegerinnen und Freundinnen, wenn sie ihren Gruß oder ihren Dank auch äußerlich zu betätigen wünschte. Sie hatte es nicht anders gelernt; niemand hatte ihr gewehrt, diese freundliche Sitte aus den Kinderjahren mit ins reifere Alter hinüberzunehmen. Arglos gab sie zurück, was einst der schönen kleinen Waise im reichsten Maße gespendet wurde. Erst als sie gewahrte, daß Milford verwirrt, wie seinen Sinnen nicht trauend, dastand, seine Augen sich in Entzücken vergrößerten, die in ihm wogenden, von einer gewissen Verlegenheit getragenen Empfindungen sich in dem festeren Druck seiner Hand offenbarten, lächelte sie befangen, während tiefe Glut flüchtig über ihr Antlitz hineilte.

»Die Worte: ›Nicht vergessen‹, sind leicht ausgesprochen,« erwiderte er zögernd und noch unter dem vollen Eindruck des eben Erlebten, »und wie oft, wie oft bleibt es bei den leeren Worten. Ich enthalte mich daher jeder Beteuerung, hoffe aber zuversichtlich, daß der Tag nicht in allzu weiter Ferne liegt, an dem es mir vergönnt ist, das Wiedersehen herbeizuführen.«

»Mein Haus ist das Ihrige,« versetzte Charon mit einem wohlwollenden, träumerischen Lächeln; »so oft Sie kommen, steht meine Türe Ihnen offen.«

Sie hatten sich dem Hohlwege zu in Bewegung gesetzt. Bis auf den Uferrand hielt Molly sich an Milfords Seite. Plötzlich ergriff sie seine Hand, ihn dadurch veranlassend, stehen zu bleiben.

»Meiner Hilfe bedarf es da unten nicht,« sprach sie herzlich, »Sie beide bezwingen den Prahm leicht genug; da gewährt es mir größere Genugtuung, von meiner Warte aus zu beobachten, wie das plumpe Fahrzeug Sie hinüberträgt – glückliche Reise und auf Wiedersehen,« und bevor Milford etwas zu erwidern vermochte, eilte sie, von Tommy begleitet, nach der toten Sykomore hinüber.

Milford sah ihr nach, während Charons Blicke forschend auf ihm ruhten. Erst als Molly nach dem Stamm hinaufschwebte, stieg er an Charons Seite in den Hohlweg hinab.

Gleich darauf befanden sie sich in dem schwerfälligen Fahrzeug, dessen Flottmachen ihre Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch nahm.

Heiter hatte Mollys Stimme geklungen, als sie Milford das letzte Lebewohl nachsandte, heiter und sorglos, und dennoch schwammen ihre lieben Augen in Tränen. Und als der Prahm endlich die Mitte des Stromes erreichte, die Entfernung also zu groß war, um von dorther ihre Züge noch zu unterscheiden, da warf sie den letzten Zwang ab, und so bitterlich weinte sie, als ob ihr junges Herz sich nie wieder würde trösten können. Immer und immer wieder schwang sie aber ihr Tuch, zum letztenmal, als Milford auf dem jenseitigen Ufer, wo Sparewood mit dem Pferde seiner harrte, sich in den Sattel schwang und mit einem weithin schallenden: »Auf Wiedersehen!« hinter dichtem Buschwerk verschwand.

Regungslos beobachtete sie ein Weilchen die Stelle, auf der er ihrem Gesichtskreise entrückt worden, und wie im Traume sich umkehrend, ging sie ein paar Schritte zurück. Sie beständig im Auge, hatte der Bär sich oben auf dem Stamm lang ausgestreckt. Sie setzte sich neben ihn, und seinen Kopf auf ihren Schoß ziehend, Arme und Haupt auf ihm rastend, gab sie rücksichtslos den in ihr wogenden Empfindungen nach. Ihre Tränen versiegten; um so lebhafter arbeitete dafür ihr frischer junger Geist. Erschien sie sich doch so vereinsamt und verlassen, daß sogar die ihrer harrenden Tagesbeschäftigungen alle Reize für sie verloren. Nach den Zeiten des frohen Verkehrs mit Milford glaubte sie, daß die Zukunft plötzlich eine düstere Färbung angenommen habe, die Tage sich öde und endlos vor ihr ausdehnten.

Da regte sich der Bär. Das Antlitz von den Armen erhebend, richtete sie sich empor. Charon war eben in dem Hohlwege aufgetaucht. Sie ging ihm entgegen. Anscheinend der zunehmenden Hitze sich erwehrend, fächelte sie mit dem Tuch über ihre Augen hin. Der Ausdruck der Trauer war von ihren Zügen gewichen. Ein süßes Lächeln ruhte auf ihnen, und doch mied sie Charons Blicke. Sie gewahrte daher nicht, daß dieser sie schmerzlich betrachtete.

»Ob er wohl jemals zurückkehrt?« fragte sie nachdenklich.

»Schwerlich,« antwortete Charon ernst, »er gehört zu jenen Menschen, deren Heimat überall und nirgends, je nachdem ihr Beruf eine unstete Lebensweise bedingt.«

»Er versprach es aber doch,« wendete Molly ein, indem sie einen träumerischen Blick über den Strom sandte.

»Was wird beim Scheiden nicht alles versprochen.«

»Aber es klang so aufrichtig.«

»War auch sicher aufrichtig gemeint. Die Verhältnisse sind indessen oft stärker, als der redlichste Wille. Je weiter ein Versprechen in die Vergangenheit zurücktritt, um so mehr verschleiert es sich, bis man es endlich samt denjenigen, denen es galt, vergißt. Ich kenne das, es ist der natürliche Lauf der Dinge. Soviel ich mich entsinne, gab er auch keine bindende Zusage.«

»Doch. Wenn auch nicht in klaren Worten, so lag sie in seiner Stimme, in seinem Blick.«

Um seine Bestürzung zu verheimlichen, sah Charon in eine andere Richtung. Erst nach einer längeren Pause antwortete er wie beiläufig: Im Kampf ums Dasein kann nicht jeder das tun, was er am liebsten möchte. Die Notwendigkeit ist ein gestrenger Herr, der nicht viel nach Neigungen fragt. Unter solchen Umständen sind Versprechen nicht mehr wert, als die Offenbarung mit Vorliebe gehegter Wünsche.«

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Molly schwieg. Sie waren nach der Hütte hinübergegangen. Anstatt, wie es sonst ihre Gewohnheit, irgend einer Beschäftigung regsam nachzugehen, ließ sie sich auf die Bank nieder und sah lange still nach dem jenseitigen Ufer hinüber. Charon hatte neben ihr Platz genommen und überwachte sie ernst. Was dachte sie? Was blühte in ihrem Herzen? Was war der eben Geschiedene in ihrem reinen Empfinden geworden? Wußte sie es auch nur selbst? Und was empfand er? Was würde er empfinden, wenn er erfuhr, daß sie krank, daß sie mehr eine Tochter des Mondlichts war, als selbst die Rothäute es in ihrem Wahn von ihr glaubten? Plötzlich kehrte sie sich ihm mit der ablenkenden Bemerkung zu: »Gestern begegneten wir wieder dem schrecklichen Menschen, dem Schimmelreiter. Auch Milford offenbarte seinen Abscheu vor ihm. Warum muß der sich gerade in unserer Nachbarschaft niederlassen?«

»Er wird uns nicht viel hindern,« versetzte Charon, und eine Wolke der Erbitterung glitt über sein Antlitz; »ich glaube dafür bürgen zu können, daß er bei zufälligen Begegnungen sich in seinen Schranken hält.«

»Das mag sein,« erwiderte Molly, »allein ohne eine unbestimmte Angst werde ich mich kaum noch von hier entfernen. Ja, wenn Milford geblieben wäre … Aber der andere, der erscheint mir wie ein böser Geist. Ohne Tommy verließe ich unser Haus nicht mehr,« und sich erhebend trat sie in die Hütte, wo häusliche Obliegenheiten sie riefen.

Charon sah finster vor sich nieder. Mollys Entfernung schien er nicht bemerkt zu haben. Das Grauen, das die Erwähnung seines unermüdlichen Verfolgers in ihm erzeugte, ließ seine Züge erstarren.


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