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Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Im Arbeitszimmer des Barons.

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Als Unica mit dem Briefpaket zu dem Baron in den Gartensalon gewiesen wurde, hatte dieser sich in eine Zeitung vertieft. Bei ihm befand sich die Baronin, ebenfalls in einer mit Modekupfern durchschossenen Zeitschrift blätternd. Die Zeiten waren an dem Baron nicht spurlos vorübergegangen, aber er verstand es, die äußere Mahnung daran auf ein geringeres Maß zu beschränken. Weiße Haare, zu viele, um sie noch länger beseitigen zu können, schimmerten zwar zwischen dem glänzend braunen Kopfhaar und in dem starken Vollbart gleicher Farbe, allein so sorgfältig geölt, daß sie aus den ersten Blick kaum zu bemerken waren. Trotzdem bot er noch immer eine stattliche Erscheinung, zumal er zu jeder Tagesstunde mit peinlicher Sorgfalt gekleidet ging.

Weniger gut hatte seine Frau die Jahre überdauert. Die Merkmale früherer Schönheit waren allerdings noch vorhanden, allein mehr verblüht, als sie selbst sie möglich hielt. Wie bei den meisten hysterischen Frauen, ruhte auch aus ihrem Antlitz das Gepräge der Unzufriedenheit und einer beinah theatralischen Ergebung ins Unvermeidliche.

Als Unica eintrat, hatten die beiden Gatten einen flüchtigen Blick über die Zeitungen hinweg auf die jungfräuliche Gestalt geworfen.

»Eingetroffene Briefschaften, Herr Baron,« bemerkte Unica, indem sie sich dem zwischen den beiden Gatten stehenden Tische näherte. »Eben gab der Postbote sie in der Schmiede ab,« und sich leicht verneigend, überreichte sie das Paket.

»Lege es hin,« antwortete der Baron nachlässig.

Die Angeredete richtete sich du wenig höher auf. Ihr Antlitz glühte.

»Brauchst die Postsachen übrigens nur draußen abzugeben,« fuhr der Baron fort.

Eine Erwiderung schwebte auf Unicas Lippen. Sie kämpfte indessen ihre Bestürzung nieder und ging. Die Baronin spähte ihr argwöhnisch nach. Sie entdeckte leicht, daß die Glut der Entrüstung ihr bis unter das üppige Haar hinaufgestiegen war.

»Eine anmaßende Person,« bemerkte sie, und auf ihren welken Zügen prägte sich Verachtung aller derer aus, die sich noch der Jugend und der Schönheit erfreuten. »Ich glaube gar, sie beansprucht auf Grund ihres Schulbesuchs wie eine Dame von Stand behandelt zu werden.«

»Um so notwendiger ist es, daß sie von Zeit zu Zeit in ihre Schranken zurückgewiesen wird,« sagte der Baron gleichmütig. »Aber das sind die natürlichen Folgen, wenn der Handwerker seinen Kindern eine Erziehung angedeihen läßt, die weit über ihre Sphäre hinausreicht. Man trachtet vergeblich, in bessere Kreise einzudringen, und die nächste Folge ist, daß man sich in den angestammten nicht mehr heimisch fühlt.«

»Überhaupt rätselhafte Verhältnisse,« meinte die Baronin mit Duldermiene, »bald heißt's, der Schmied sei der jungen Person Vater, bald wieder der Onkel.«

»Wird wohl keins von beiden sein,« erklärte der Baron gelangweilt, »die reichen Geldmittel, die den Leuten augenscheinlich zu Gebote stehen, lassen andere, und gerade nicht die delikatesten Deutungen zu.«

»Wollte Joachim doch endlich den Verkehr mit ihnen aufgeben. Was man Kindern gern nachsieht, kann für Erwachsene doch keine Geltung mehr haben.«

»Joachim ist ein Kavalier. Er wird wissen, wie weit er gehen darf. Ihm den Umgang mit den beiden alten Spielkameraden ganz zu verbieten, halte ich nicht für klug. Es würde vor allen Dingen seinen Widerspruchsgeist wecken.«

»Bis er sich endlich mit der jungen Person zu tief eingelassen hat,« warf die Baronin schneidend ein.

»Jugend will austoben,« versetzte der Baron oberflächlich; »über deren kleine Sünden wächst Gras, und die größeren –« er runzelte die Brauen – »nun, bittrere Erfahrungen, wie wir sie leider an ihm machten, können sich ja nicht mehr wiederholen.« Er sah nach der Uhr, griff nach den Postsachen und erhob sich.

»Kommt heut noch jemand?« fragte die Baronin seufzend.

»Ich weiß es nicht,« lautete die kalte Antwort, »auf alle Fälle stehe ich dir zu einer Abendspazierfahrt zu Diensten.« –

Das Arbeitszimmer des Barons lag im zweiten Stockwerk, wo er, sobald er allein zu sein wünschte, die wenigste Störung zu befürchten hatte. Ziemlich geräumig und durch zwei große Fenster erhellt, bot es einen behaglichen Zufluchtsort, zumal bei dessen Einrichtung nicht auf einen bestimmten Stil, sondern mehr auf Bequemlichkeit Rücksicht genommen worden war. Sein Tuskulum nannte der Baron das mit Jagd- und Sporttrophäen reich geschmückte Gemach, und zu diesem hatte außer ihm selber nur sein erprobter Kammerdiener Wiedehopf Zutritt, dem allein auch die Säuberung oblag.

Schon bei des Barons Vater hatte Wiedehopf gedient und dessen vollstes Vertrauen sich zu erwerben gewußt. Dies Vertrauen vererbte sich darauf von dem Vater auf den Sohn, und vielleicht in noch höherem Grade, weil Wiedehopf von alters her über alle Familienverhältnisse genau unterrichtet war und durch große Ordnungsliebe hervorragte. So hatte er sich auch heut, während der Baron seiner Frau Gesellschaft leistete, mit Putzkasten und Lederlappen hinaufbegeben, um die glänzenden Messingbeschläge an Türen und Fenstern noch ein wenig blanker zu polieren. Dieser beinah übertriebene Ordnungssinn offenbarte sich auch in seiner äußeren Erscheinung. Die großen, silbernen Wappenknöpfe an dem grünen Leibrock blitzten förmlich, nicht minder die kleineren an den rehfarbigen Gamaschen, die den schwarzen Plüschbeinkleidern bis an die Knie nachbarlich entgegenkamen. In den langen, breiten Schuhen, so weit sie unter den Gamaschen hervorragten, hätte man sich spiegeln können, so blank waren sie gewichst. Doch war das alles noch wenig im Vergleich mit dem weißen Tuch, das den ansehnlichen Hals umschlang und in dessen einzelnen, mit mathematischer Genauigkeit geschlagenen Fältchen eine Welt der Gewissenhaftigkeit und der Treue zu wohnen schien. Die gleichen Eigenschaften ließen sich von den zahlreichen Falten in dem glattrasierten, vor demutvoller Würde beinah ausdruckslosen Gesicht ablesen, ebenso von den breiten, dienstbeflissen zusammengekniffenen Lippen und aus den biederen, etwas zu weit vorquellenden Fischaugen.

Nachdem Wiedehopf seine lange, knochige Gestalt geräuschlos in des Barons Arbeitszimmer hineingeschoben hatte, stellte er den Putzkasten auf das nächste Fensterbrett, den kreidigen Lederlappen legte er daneben, worauf er der geöffneten Tür bedacht eine Stellung gab, daß sie für jedes von unten heraufdringende Geräusch gewissermaßen einen Schallleiter bildete. Einige Sekunden betrachtete er die Fensterbeschläge, die so blank waren, wie sie nur werden konnten. Ihm selbst mochte erneutes Polieren überflüssig erscheinen; denn nachdem er flüchtig auf den Korridor hinausgelauscht hatte, trat er vor den Schreibtisch hin. Ein Blick aus den meergrün schillernden Augen glitt langsam über die mancherlei Briefschaften, die wohlgeordnet unter verschiedenen Briefbeschwerern lagen; dann zog er ein Bund kleiner Schlüssel aus der Tasche, und einen davon auswählend, öffnete er mit sicherem Griff eine der beiden Seitentüren des Schreibtisches. Sechs Fächer, mehr oder minder gefüllt, reihten sich vor ihm übereinander. In einem befanden sich Wertpapiere, in dem anderen ein paar Drahtkörbchen mit hartem Gelde und Scheinen, im dritten: sorgfältig verschnürte Akten, wieder in anderen Rechnungsbücher und auseinandergeschlagene, übereinander geschichtete Briefe und Dokumente.

Zuversichtlich, als hätte die Einsicht mit zu seinen Obliegenheiten gehört, betrachtete Wiedehopf die Fächer eins nach dem andern. Vertraut mit der Lage jedes kleinsten Papierstreifens, überzeugte er sich leicht, daß seit seiner letzten Prüfung nichts Neues hinzugekommen war. Wie um dennoch die Gelegenheit auszunutzen, griff er nach dem Hauptrechnungsbuch, und es geschäftsmäßig öffnend, unterrichtete er sich über die Eintragungen der letzten Tage. Dabei verharrte sein Gesicht fortgesetzt in einer eigentümlichen, an stumpfe Teilnahmlosigkeit grenzenden Ruhe. Nur die dicken Augäpfel drehten sich in ihren Höhlen. Der Baron selber hätte mit keinem ausgeprägteren Ausdruck der Berechtigung in dem Buch blättern können. Nur einmal wuchsen seine zusammengekniffenen Lippen erheblich in die Breite, und das geschah, als er mit geübtem Blick die Summen überschlug, die einfach als Vermögensverluste eingetragen worden waren, für ihn aber die Marke »Junker Joachim« führten. Und erhebliche Summen standen da verzeichnet, Summen, die in ihrer Gesamtheit ein stattliches Vermögen darstellten.

Endlich legte er das Buch auf seine alte Stelle zurück. Behutsam schloß er die Tür, unhörbar versenkte er die Schlüssel in die Tiefe seiner Tasche; dann sah er vor sich auf den Tisch nieder. Wo nur immer die von den Beschwerern zusammengepressten Papiere in jüngster Zeit Zuwachs erhalten hatten, entdeckte er es sofort, und ohne Säumen ging er ans Werk, die neuen Schriftstücke hervorzuziehen, zu lesen und wieder zurückzulegen.

So war eine halbe Stunde verronnen, als der Kammerdiener plötzlich, noch einen Brief in der Hand, nach der Tür hinüberhorchte. Ein anderer hätte vielleicht nichts gehört. Wiedehopf konnte sich dagegen auf seine Ohren verlassen, und danach maß er seine Bewegungen ab. Ohne sich zu übereilen, legte er den Brief dahin, woher er ihn genommen hatte, und nach dem Fenster hinüberschreitend, ergriff er den Lederlappen, worauf er den nächsten Messinggriff in einer Weise zu polieren begann, daß sein Gesicht in wenigen Sekunden die Röte von mindestens einer Stunde ernster Arbeit zur Schau trug.

Feste Schritte wurden auf dem Korridor vernehmbar und näherten sich der offenen Tür. Wiedehopf hörte es nicht. Erst als der Baron ihn anredete, fuhr er erschrocken herum, und der schwierigste Zeremonienmeister hätte nichts an der ehrerbietigen Haltung auszusetzen gefunden, mit der er etwaigen Befehlen entgegensah.

»Von den Beschlägen bleibt schließlich gar nichts mehr übrig bei deinem ewigen Reiben,« bemerkte der Baron, indem er das Paket auf den Schreibtisch warf.

Der Diener stand wie eine Bildsäule. Nur die Lider senkte er anspruchslos über die meergrünen Pupillen.

»Ich werde alt,« sprach er mit einem Organ, das an die Stimme eines kränklichen Weibes erinnerte und dessen Diskant wunderlich zu dem schweren Knochengerüst des Sprechenden kontrastierte, »möchte aber meinem gnädigen Herrn bis zum letzten Atemzuge dienen. Da erhalte ich meine Glieder gern in Bewegung.«

»Auch ich verlöre dich ungern,« versetzte der Baron gleichmütig, als wären die gleichen Worte schon öfter zwischen ihnen gewechselt worden, »ich wüßte wenigstens nicht, wer dich ersetzen sollte.« Er achtete nicht der leichten Verbeugung, durch die Wiedehopf seine Dankbarkeit bekundete, und fuhr fort: »Die junge Velten ist wieder dagewesen. Du weißt, die Person ist meiner Frau nicht ganz angenehm. Auch mir sind Menschen, die zu hoch hinaus wollen, zuwider. Sorge dafür, daß sie in Zukunft draußen abgefertigt wird.«

»Wie der gnädige Herr befehlen,« antwortete Wiedehopf, ohne die breiten Lippen viel zu regen, »ich hoffe, der Herr Leutnant werden mich deshalb nicht zur Rede stellen.«

»Du hast nur meine Aufträge auszuführen,« versetzte der Baron streng, »und gerade Joachims wegen wünsche ich den vertraulichen Verkehr mit den Veltens abgebrochen zu sehen. Wer weiß, was hinter dem Mädchen steckt.«

»Wollen der gnädige Herr mir ein untertäniges Wort erlauben?«

»Gewiß, Wiedehopf, du weißt, ich lege Wert auf dein Urteil.«

»Das Urteil eines geringen Dieners, der nur seine Herrschaft kennt,« erwiderte Wiedehopf verschämt. »Ich würde nie wagen, eine Sache zu berühren, wenn es sich nicht um die Ehre des Hauses meiner gnädigen Herrschaft handelte. Da möchte ich mir die Frage erlauben, ob der Herr Baron jemals über das Herkommen der Mamsell Velten nachgedacht haben.«

»Nicht viel,« antwortete der Baron, und schärfer sah er in die stieren Fischaugen, »ich bin indessen überzeugt, daß ihre Verwandtschaft mit dem Schmied oder mit der Gertrud keinen festen Boden hat. Schon allein die Geldsummen, die auf ihre und des Schmiedsjungen Erziehung verwendet wurden, lassen einen rätselhaften Vater vermuten.«

»Halten der Herr Baron zu Gnaden; aber wie, wenn Fräulein Unica die Tochter des Junker Hans wäre?«

Wie vor dem Biß einer giftigen Schlange fuhr der Baron zurück.

»Mensch, du bist verrückt!« brach sein Entsetzen sich endlich Bahn, »wäre sie meines Bruders Tochter, so würde das Geheimnis nimmermehr bis auf den heutigen Tag bewahrt geblieben sein. Und dann das Geld – als er verhaftet wurde, ließ er Frau und Tochter im tiefsten Elend zurück. Wer sagt, wo die ihr Ende genommen haben! Aber was bringt dich auf die verrückte Idee? Ohne irgend eine Anregung kannst du doch nicht darauf verfallen sein.«

»Verzeihen der gnädige Herr,« nahm Wiedehopf wieder im klagenden Diskant das Wort, »ich behaupte das Schreckliche nicht, sondern wagte nur, der Möglichkeit zu gedenken. Mir ging nämlich in meinem einfältigen Kopfe herum, daß Fräulein Unica gleich nach dem Tode des Junker Hans in der Familie des Schmieds aufgenommen wurde. Ferner war Gertrud die Amme des Junker Hans, und der ist das Ärgste zuzutrauen. Auch trägt Fräulein Unica sich nicht wie gewöhnlicher Leute Kind. Früher fiel's mir nicht auf, und ich sah sie ja nicht oft. Aber seitdem sie von der Schule zurück ist, kann ich meinen Verdacht nicht bemeistern, daß ich immer den Hut vor ihr ziehen möchte. Um meinem gnädigen Herrn zu dienen, forschte ich ein wenig weiter nach, und wie von ungefähr begegnete ich der Gertrud. ›Frau Blister‹ sagte ich zu ihr so nebenher, ›die Unica ist ein schönes Mädchen geworden?‹ Das gefiel ihr, denn anstatt, wie gewöhnlich, mit grober Rede mich abzufertigen, meinte sie: ›Ja, Herr Wiedehopf, schön ist sie, aber ihr junges Herz ist noch viel schöner.‹ Darauf erklärte ich, und ich sah nur so von der Seite auf sie hin: ›Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich Fräulein Unica betrachte, muß ich jedesmal an den armen, toten Junker Hans denken, von wegen einer großen Ähnlichkeit –‹«

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»Es ist nicht wahr, Wiedehopf,« fuhr der Baron heftig aus, »die hätte ich auf den ersten Blick entdeckt.«

»Nicht die leiseste Spur einer Ähnlichkeit, gnädiger Herr,« bestätigte Wiedehopf im Fistelton, »ich sagte nur so, um die Gertrud reden zu machen.«

»Was antwortete sie?«

»Halten der Herr Baron zu Gnaden: Zuvörderst nichts. Aber ihr Gesicht wendete sie ab, und das war, wie bei einer Todkranken. Als sie sich mir wieder zuwandte, tat sie, als sei nichts vorgefallen. Nur in ihren Augen funkelte es. ›Herr Wiedehopf‹ sagte sie – und ich halte für meine Pflicht, Wort für Wort zu wiederholen – ›wenn Sie nichts Besseres erfinden können, als Dummheiten, dann sollten Sie Ihre müßige Zeit damit ausfüllen, daß Sie Ihr Angesicht in den blanken Stiefeln Ihres Herrn spiegeln, da würden Sie weit eher 'ne Ähnlichkeit mit 'ner schwarzen Saatkrähe finden‹ – ja, so redete das Weib. ›Wenn jemand den Junker Hans kannte, so bin ich es, und wenn sich jemand auf Ähnlichkeiten versteht, so bin ich das ebenfalls. Im übrigen rate ich Ihnen, das Kind ungeschoren zu lassen, oder Sie möchten eines Tages anderer Leute Hände in Ihren Haaren fühlen‹«

»Und dann?«

»Weiter nichts, gnädiger Herr. Die Gertrud ist nämlich eine boshafte Person – der Herr Baron haben es ja selber oft genug erfahren – und anstatt meine Erwiderung abzuwarten, ging sie eiligst davon.«

Der Baron hatte seine Selbstbeherrschung langsam zurückgewonnen und begann auf und ab zu wandeln. Je lebhafter er sich Unicas Bild und ihre Lage vergegenwärtigte, um so ungereimter erschien ihm der durch Wiedehopf angeregte Verdacht. Bald beruhigte er sich auch wieder, mochte immerhin ein Stachel in seiner Seele zurückgeblieben sein, und seiner Stimme bedacht einen sorglosen Klang gebend, meinte er: »Der Gertrud kann ich in mancher Beziehung nicht ganz unrecht geben. Du kümmertest dich um Dinge, die dich nichts angingen. Hat sie Ursache, die Herkunft des Mädchens zu verheimlichen, so mußte der bloße Gedanke an die Möglichkeit irgendwelcher Nachforschungen sie unfehlbar erschrecken. Du legtest ihren Schreck auf deine Art aus; aber wirklich, Wiedehopf, ich hätte dir mehr Scharfsinn zugetraut.«

»So verzeihen der gnädige Herr. Ich konnte nicht anders. Wenn mich etwas beunruhigt, so muß es herunter von meiner Seele, und wen hätte ich da anders, als den Herrn Baron.«

»Schon gut, Wiedehopf. Hast mich in der Tat böse erschreckt. Bedenke doch: eine Scherben, aufgewachsen in der Familie eines Grobschmieds – es wäre entsetzlich gewesen. Anderen gegenüber achte nur besser auf deine Worte. Es wäre ein Unglück, fänden derartige tolle Gerüchte Verbreitung. Die Menschen glauben ohnehin am liebsten, was anderen zum Schaden und Ärger gereicht.«

»Meines gnädigen Herrn Geheimnisse sind die meinigen,« beteuerte Wiedehopf, und er legte die große Hand auf die Stelle, auf der er sein Herz vermutete.

»Auch zu mir sprich nicht mehr von Dingen, von denen du weißt, daß sie mich unangenehm berühren.«

»Haben der gnädige Herr sonst noch Befehle?«

»Vorläufig nicht.«

Wiedehopf nahm sein Putzzeug und entfernte sich.

Der Baron wandelte noch immer auf und ab. Wie er sich auch dagegen sträuben mochte, es gelang ihm nicht, den einmal angeregten Verdacht ganz von sich zu weisen. Gründe auf Gründe zog er herbei, um Wiedehopfs Mitteilungen auf ihren wahren Wert zurückzuführen. Seine letzten Zweifel zu beseitigen, gelang ihm nur teilweise. Als böses Gespenst schwebten ihm die Folgen vor, wäre Unica wirklich die Tochter seines Bruders. Sein Blick streifte die Postsendung. Wie auf der Flucht vor seinen eigenen Gedanken, ließ er sich vor dem Schreibtisch nieder, erbrach hastig das Paket. Sechs, sieben Briefe fielen ihm entgegen. Keine sonderlich wichtigen Nachrichten erwartend, betrachtete er deren Aufschriften, um sich für diesen oder jenen zu entscheiden. Da fesselte eine in groben, unbeholfenen Zügen hingeworfene Adresse seine Aufmerksamkeit. Befremdet prüfte er die fremde Marke und den Poststempel, der den Namen einer ihm unbekannten Stadt trug. Gleich darauf schlug er den Brief auseinander, dann las er:

»Herr Baron Joachim von Scherben! Wir sind nämlich Landsleute und einander schon früher begegnet, und habe ich eine Nachricht für Sie. Da bin ich hier in Amerika mit jemand zusammengetroffen, der vor sechzehn Jahren in Europa in einer Strafanstalt verstorben und begraben ist, und das ist für mich eine große Entdeckung. Zweifeln und fackeln ist da nicht. Sehe ich jemand leibhaftig vor mir, redet mir keiner die Wahrheit aus. Hans ist nämlich sein Vorname, Fährmann am Kanadian sein Metier, und ich bin sehr befreundet mit ihm. Auch seine Tochter wohnt bei ihm, ein hübsches Mädchen. Seine Frau ist längst tot. Ich hörte wenigstens nichts von ihr. Sie glauben's vielleicht nicht. Da will ich Ihnen in einiger Zeit Schriftstücke von ihm selber schicken, dann gibt's kein Abstreiten mehr. Hätte es schon heute getan, aber er wollte nicht heran von wegen der Heimlichtuerei. Und ein großes Geheimnis ist es, und das verkaufe ich nicht billig. Ich bin nämlich alt und nicht mehr recht arbeitsfähig, da muß ich zusehen, wie ich mir anders helfe. Entweder, ich rede ihm zu, daß er mit seiner Tochter bei Ihnen zureist, und dann dankt er mir's; oder ich sorge dafür, daß er hier bleibt, und dafür werden Sie mich gut bezahlen. Leben Sie nicht mehr, so besorgt's der kleine Junker Joachim, der muß schon ein Mann sein. Denn mit einem entsprungenen Strafgefangenen ist's keine Freude. Am besten, Sie schicken mir das Geld gleich, nämlich fünfhundert Taler; hernach läßt sich über ein bestimmtes Jahrgeld weiter reden. Erhalte ich auf diesen Brief keine Antwort, auch nicht auf den nächsten mit den Papieren, so schreibe ich an den Strafanstaltsdirektor; der soll ausfindig machen, wer damals dem Herrn über die Berge half. Ich lasse nämlich nicht mit mir spaßen. Schreiben Sie gleich. Meine Adresse ist: Adams, Fort Smith, Arkansas, U. S. dahinter und Postrestante. Sie werden zu Gute halten, wenn ich ein ordentliches deutsches Wort mit Ihnen rede. Bin nämlich freier amerikanischer Bürger, und in diesem Lande ist ein Schweinetreiber nicht weniger wert, als ein Graf. Wie Sie das Geld schicken, wissen Sie besser, als ich's sagen kann. Der Obige.«

So lange der Baron die oft schwer leserlichen Schriftzüge entzifferte, war sein Antlitz starrer und starrer geworden; sobald er aber geendigt hatte, lehnte er sich erschöpft auf seinem Stuhl zurück. Einem Geistesabwesenden ähnlich, stierte er auf den zwischen seinen niedergesunkenen Händen befindlichen Brief nieder. Sein Gesicht schien sich in gelben Marmor verwandelt zu haben, der Atem mit Widerstreben sich den geöffneten Lippen zu entwinden. Weit zurückliegende Erinnerungen, die bösen, wie die milderen, waren, nachdem Wiedehopf den Weg dazu anbahnte, mit einem Schlage überwältigend wachgerufen worden. Und so dauerte es lange, bevor er es über sich gewann, die erschütternde Nachricht selbst in Betracht zu ziehen, zu erwägen, inwieweit ihr Wert beizumessen sei.

Wie Blisterchen beinah zur gleichen Zeit, murmelte auch er endlich vor sich hin: »Das wäre furchtbar,« und Minute auf Minute folgte abermals in lautloser Stille. Dann regten seine Lippen sich wieder, und mit einem tieferen Atemzuge der Erleichterung einten sich die Worte: »Seine Tochter bei ihm; wer möchte da des Schmieds Tochter in Beziehung zu meinem Hause bringen!«

Und weiter grübelte er und weiter kämpfte er gegen die von allen Seiten auf ihn eindringenden Phantome. Wohl begriff er, daß es nur eine Verbrechernatur sein konnte, die es darauf angelegt hatte, ihn zum Opfer heilloser Erpressungen zu machen, also jemand, dessen Mitteilungen kein unbedingter Glaube beizumessen war. Doch ob Lug und Trug, ob Wahrheit: der rätselhafte Briefschreiber war vertraut mit allen Verhältnissen seiner Familie, war daher wohl fähig, die unheimliche Drohung auszuführen. Und erwies seine Behauptung sich wirklich als unbegründet: Für ihn selbst waren die Folgen die nämlichen, wenn die der Vergessenheit anheimgefallenen, beschämenden Ereignisse noch einmal an die Öffentlichkeit gezogen wurden. Was sollte er machen? Sollte er die Gier des hinterlistigen Verräters befriedigen und ihm dadurch einen Weg zu neuen Erpressungen anbahnen, oder das Schreiben unbeantwortet lassen und damit ein Verhängnis, dessen Umfang er nicht ahnte, gegen sich herausfordern? So wogte es in ihm auf und ab, während seine Blicke starr an dem vernichtend wirkenden Schriftstück hingen. Dazwischen wälzte sich immer wieder der Gedanke auf seine Seele, daß sein Bruder vielleicht dennoch durch eine wunderbare Fügung des Zufalls aus dem Gefängnis entkommen sein könnte, um schließlich samt seiner Tochter das Opfer eines offenbar gewissenlosen Schurken zu werden.

Endlich ertrug er es nicht länger. Er erhob sich. Sein fieberisch kreisendes Blut zu beruhigen begann er wieder auf und ab zu schreiten.

»Unmöglich, unmöglich. Es kann nicht sein,« reihten seine Gedanken sich aneinander. Dann wieder: »Und wenn er dennoch lebte, was hätte ihn bestimmen können, sich während der vielen Jahre verborgen zu halten, da er aus weiter Ferne doch furchtlos mit mir in Verkehr treten durfte? Was aber müßte aus ihm geworden, wie tief müßte er gesunken sein, wenn ein Mann von der unzweifelhaften Verworfenheit des Briefstellers ihn Freund und Gefährten nennen durfte? Und wer bürgt dafür, daß dieser Schurke nicht im Auftrage meines Bruders handelte, und was könnte dann nur aus seiner Tochter geworden sein?«

Ihn schauderte.

»Es ist nicht wahr!« stieß er unbewußt hervor, »ein schamloser Verbrecher hat diese Lügen zu selbstsüchtigen Zwecken ersonnen! Es ist nicht wahr! Unmöglich ist es – sinnlos – und dennoch muß ich Gewißheit haben um jeden Preis. Die gräßlichste Gewißheit ist nichts im Vergleich mit den Folterqualen ununterbrochenen Bangens und Zweifelns.«

Sorgfältig verschloß er den Brief, und eine Ablenkung der Gedanken erwartend, begab er sich wieder in den Salon hinab.

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Als er bei seiner Frau eintraf, war diese in ein ernstes Gespräch mit Joachim vertieft. Bei seinem Anblick erschraken beide, denn auf seinem Gesicht wirkten noch immer die durch den verhängnisvollen Brief ins Leben gerufenen Regungen. Auf die Frage seiner Frau antwortete er, daß ihm sehr unangenehme Nachrichten zugegangen seien und er schon folgenden Tages eine längere Reise anzutreten habe.

Joachim war ans Fenster getreten und sah in den Garten hinaus. Die Ankündigung des Vaters hatte den letzten Blutstropfen aus seinem Antlitz jäh in das stockende Herz zurückgetrieben. Erst als der Baron erklärte, daß sie dadurch nicht gehindert würden, eine Spazierfahrt zu unternehmen und bei einem Nachbarn auf ein Stündchen vorzusprechen, wich der verheimlichte Ausdruck des Entsetzens wieder von seinen Zügen. Bereitwillig ging er hinaus, um das Anspannen selbst zu überwachen.


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