Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel.
An der Grenze der Wildnis.

Wo die der Flutwelle der Kultur vorausschreitenden Pioniere, gleichviel in welchem Erdteil, im Schweiße des Angesichtes der Wildnis den Boden abringen, da werden ihre Fährten nur zu oft mit Blut gezeichnet. In dem sich stets erneuernden Zusammenstoß der Vorläufer der Zivilisation mit den unbändiger Eingeborenen gehören Raub, Brand und Mord nicht zu den Seltenheiten. Unversöhnliche Feindschaft entsprießt, wo man das teuerste Gut fortgesetzt gefährdet weiß, sogar in beunruhigenden Träumen der Rassenhaß geschürt wird, Selbsthilfe grausame Urteilsvollstreckungen gebietet.

So war es einst im Osten des nordamerikanischen Kontinentes, als die strengen puritanischen Pilgrimväter die ersten Kolonien in Neu-England und Massachusetts gründeten; so wiederholte es sich zwei Jahrhunderte später im Süden, als die Einwanderung vom mexikanischen Golf aus in weitem Bogen ihren Weg nördlich nahm; so geschieht es auch heute, wo nur immer der zähe, kampfgerüstete Ackerbauer der nachfolgenden höheren Gesittung mühsam den Boden ebnet. Auf der äußersten Grenze ist die Sicherheit nirgend gewährleistet. Denn wo der braune Eingeborene nicht mehr zu organisierten Überfällen sich emporrafft und diese hinterlistig einleitet, da nutzen weiße Räuber, vielfach im Verein mit indianischen Gesinnungsgenossen, die noch herrschende Ohnmacht der Gesetze aus, um das Eigentum einsam lebender Ansiedler verbrecherisch an sich zu reißen. Und vom Pferdediebstahl bis zum erbitterten Kampfe, zu Schlinge und Baumast ist oft nur ein kurzer Schritt. Der rauhe Grenzbewohner kennt kein Erbarmen, wenn es gilt, die sauer erworbene Habe zu verteidigen. –

Bevor der Red-River in den Staat Louisiana eintritt, durchläuft er auf weite Strecken das nördliche Texas und die Reservationen halbzivilisierter Indianerstämme. Die Besiedelung des Stromgebietes dieses Flusses fand zum Teil auf dem von ihm selbst bezeichneten Wege statt, zum Teil von der Küste aus quer über die Grasebenen. Je weiter hinaus, um so seltener stößt man auf die Spuren menschlicher Betriebsamkeit. Heute mag sich dort Vieles geändert haben; vor vierzig und einigen Jahren dagegen reichte die Grenze der Ansiedelungen noch nicht über die große Biegung des Red-River hinaus. Etwa zwanzig kleine Farmen, auf einer umfangreichen Fläche zerstreut und je nach Begünstigung durch Wasser und Holz in größeren und mäßigeren Zwischenräumen voneinander errichtet, bildeten dort eine Art County oder Grafschaft. Trotz der Entfernungen von Haus zu Haus hielten die Bewohner der Farmen doch gruppenweise treu zusammen, sowohl zum Schutz gegen räuberische Einfälle, wie bei solchen Arbeiten, die durch das Zusammenwirken einer größeren Anzahl von Händen rascher gefördert werden.

So hatte man sich auch an einem heiteren Frühsommertage zusammengetan, um aus einer abgelegenen Wiese gemeinsam sich mit dem Heuernten zu beschäftigen. Wie gewöhnlich bei derartigen Gelegenheiten, waren die Nachbarn schon in alter Frühe zu Wagen und zu Pferde, mit Weib und Kind, Speise, Trank und Geräten nach dem gemeinsamen Ziel hinübergewandert, um gegen abend erst wieder heimzukehren. Wie ausgestorben lagen daher die kleinem Gehöfte weit und breit. Nicht einmal eine Rauchsäule war oberhalb der kunstlos gefügtem Schindeldächer der Blockhäuser zu entdecken. Nur Pferde, Rinder und Borstenvieh brachten einiges Leben in die stille Landschaft. Das Bild des Friedens, das sich nach allen Richtungen weithin ausdehnte, erhielt einen erhöht freundlichen Ausdruck durch Wiesen und Haine und endlich durch den Red-River, dessen in dem schmalen, seichten Bett eilfertig einherrieselnde Fluten im Sonnenschein glitzerten und funkelten.

Die dem Fluß zunächst gelegene Hütte war kaum fünfzig Ellen weit von dessen Ufer entfernt. Ihr gerade gegenüber hatte ein weißer Reiher ein gestrandetes Stück Treibholz als Raststätte gewählt. Den Hals gekrümmt und eingezogen, sah er nachdenklich in die seine Füße beinahe bespülenden Fluten hinab. Man hätte ihn für schlafend halten können, so regungslos stand er als guter Fischer da. Plötzlich aber reckte er den Hals lang aus, und den Kopf stromabwärts kehrend, spähte er nach dem nächsten Ufervorsprung hinüber. Eine halbe Minute verrann. Dann zog er nach Reiherart den Hals ein, und die Schwingen ausbreitend und sich mit den Füßen abstoßend, schwebte er in geringer Höhe oberhalb des Wasserspiegels mit schwerfälligem Flügelschlage stromaufwärts. Fast gleichzeitig trat auf dem schmalen Sandstreifen zwischen dem Fluß und dem hohen Ufer hinter einem Vorsprung ein Mann hervor, der jede andere Bezeichnung verdient hätte, als die des Vertrauen Erweckenden. Zersetzt und unsauber bekleidet, führte er in der linken Faust einen schweren Stab, der zugleich als eine gefährliche Waffe gelten konnte. Außerdem trug er im Gurt zwei kurze Pistolen und ein breites Dolchmesser; auf dem Rücken, dagegen an hänfenem Strick ein zusammengeschnürtes Bündel, das augenscheinlich seine ganze irdische Habe enthielt. Sein schwarzbärtiges Gesicht war das eines Vierzigers. Es war durch Witterungseinflüsse gebräunt und vernarbt, im Ausdruck von tierischer Roheit, und zwei dunkle Schweinsaugen belebten es unheimlich.

.

Beim Anblick des aufgestörten Reihers trat an Stelle der bisherigen, von Argwohn getragenen Scheu eine gewisse Zuversicht. Er mochte sich sagen, daß der Vogel schwerlich dort geweilt haben würde, wäre er von der Sicherheit der Umgebung nicht überzeugt gewesen. Ein Weilchen sann er nach, dann nahm er den formlosen grauen Filzhut von dem schwarz und buschig behaarten Haupte, und nachdem er ihn einige Male rückwärts geschwenkt hatte, nahm er mit etwas beschleunigten Schritten seine Bewegung am Uferabhange hin wieder auf.

Als er die Stelle erreichte, wo von den Bewohnern der Hütte ein Weg zum Wasser hinab ausgestochen worden war, folgte er diesem so weit aufwärts, bis er eine freie Aussicht auf das kleine Heimwesen gewann. Abermals lauschte und spähte er mißtrauisch. Unterdessen war ein zweiter Mann um den Ufervorsprung herumgeglitten, und zwar eine Erscheinung, die an häßlicher Wildheit der ersten nichts nachgab. Einen längst ausgedienten grauen Filzhut trug er ebenfalls; unter diesem hervor aber sah ein verwittertes, breites, aufgedunsenes Gesicht, auf dem ein zu hoher Grad von Verworfenheit sich ausprägte, als daß er durch die Merkmale des herannahenden Alters in dem struppigen, hellblonden Haar und dem wirren roten Vollbart hätte gemildert werden können. Auch er führte in der einen Faust einen keulenartigen Stock, dagegen außer einem langen Bowiemesser keine weiteren Waffen. Den verschlissenen Rock hatte er um die breiten Schultern gehangen und dessen Ärmel aus der Brust zusammengeknotet. Unter ihm bauschte sich ein verblichenes rotes Flanellhemde hervor, um die Hüften zusammengehalten durch abgetragene mexikanische Reithosen.

Als er, um den Vorsprung herumbiegend, den Gefährten nicht mehr sah, verschärfte sich der Blick aus den von gelblichen Brauen überdachten, tückischen Augen zu einem bösen Funkeln des Mißtrauens. Seine Bewegungen stellte er indessen nicht ein, bis er ebenfalls vor dem Tränkwege eingetroffen war.

»Brody,« redete er den vor ihm Stehenden in einem Englisch an, das den Deutschen verriet, »was für Aussichten da vorne? Ich muß essen, oder mir ist's einerlei, wie bald mich der Teufel holt.«

»Ich denke, reine Luft,« antwortete Brody über die Schulter; »mir ergeht's übrigens nicht anders. Dies ist die letzte Farm; liegt die hinter uns, gibt's nur noch Frösche und Heuschrecken, und die mag der Henker zu 'ner Mahlzeit rösten.«

»Dann vorwärts,« riet der andere grimmig, »ich kenne die Manieren der Grenzer; sind die zum Heuen ausgezogen, schaffen sie bis in die Nacht hinein. Glückt's uns hier nicht, so mögen wir ebensogut uns gegenseitig eine von deinen Knallbüchsen vor den Kopf brennen.«

Brody schlich nach oben, schrak aber zurück, als ein Haushahn in geringer Entfernung von ihm seine Familie mit lautem Kollern warnte.

»Vorwärts in des Satans Namen,« riet der Gelbhaarige wiederum, und er trat neben den Gefährten hin, worauf beide, fortgesetzt um sich spähend, auf die Hütte zuschritten.

Hatte das Kollern des Hahns die beiden Strolche erschreckt, so war es auch im Inneren der Hütte nicht unbeachtet geblieben. Denn es verstummte kaum, als eine junge Frau, die infolge einer Fußverletzung von der Heufahrt zurückgeblieben war, von ihrem Stuhl aus durch das aus nur vier kleinen Scheiben bestehende Fenster ins Freie hinauslugte. Beim Anblick der beiden Räuber schien sie zu erstarren. Sie wäre indessen keine gute westliche Farmerfrau gewesen, hätte sie den Kopf so leicht verloren. Hastig ergriff sie eine an der Wand hängende Büchse, und ängstlich hinter sich lauschend, hinkte sie nach der, zu einem taubenschlagartigen, niedrigen Bodenraum hinaufführenden Leiter hinüber, die sie ohne Säumen zu ersteigen begann. Sie hatte eben die Leiter zu sich heraufgezogen und sich so niedergelegt, daß sie zwischen den Decksparren hindurch die sich unten in dem Gemach abspinnenden Ereignisse zu überwachen vermochte, als auch schon die Stimmen der beiden Räuber in der Nähe der Türe laut wurden und ihr alles Blut zum Herzen trieben.

»Du, Thomas, da liegt ein guter Sattel,« erklärte Brody, »Zäume hängen daneben; die warten nur darauf, ein paar fixen Mähren übergestreift zu werden. Verdammt, wenn das kein gutes Glück ist, gibt's überhaupt keins in der Welt.«

»Zum Henker mit Mähren und Zäumen,« erwiderte Thomas polternd, »zuvor will ich den Hunger los werden, und müßt' ich mit dem Teufel mich um 'ne Brotrinde balgen. Hernach ist's früh genug, daran zu denken, wie wir von dannen kommen.«

Unter seinem Druck wich die Türe knarrend nach innen. Sie nicht verschlossen zu finden, befremdete weder ihn noch Brody; entsprach es doch der Landessitte, indem man Hausdiebe nicht zu fürchten hatte, für wirkliche Einbrecher dagegen Schlösser kein Hindernis gewesen wären.

Nach dem ersten Schritt über die Schwelle befanden die beiden Räuber sich in dem einzigen, von den vier Blockwänden umschlossenen Gemach. Vertraut mit allen Einrichtungen derartiger Häuslichkeiten, brauchten sie nur flüchtig Umschau zu halten, um das zu entdecken, wonach zunächst ihr Sinn stand. Es dauerte daher nur kurze Zeit, bis sie vor dem mit Speisevorräten bedecktem Tisch saßen und dem geräucherten Speck, Syrup, Mais und Weizenbrot nach Herzenslust zusprachen, wozu sie aus einer mit Whisky gefüllten Korbflasche in langen Zügen tranken. Und so vertieft waren sie in diese Beschäftigung, daß sie kaum ein Wort miteinander wechselten, ahnungslos, daß von oben herab entsetzensvolle Augen ihnen gewissermaßen die Bissen in den Mund zählten, ebenso ahnungslos, daß auch von außen ihre Bewegungen aufmerksam überwacht wurden. Denn sie hatten kaum den Tränkweg verlassen, als eine kurze Strecke stromaufwärts zwei schwarz behaarte Scheitel oberhalb des Uferrandes emportauchen, und zwar gerade hoch genug, daß die zu ihnen gehörenden dunklen Augen die bei der Hütte stattfindenden Vorgänge zu beobachten vermochten.

Eine Viertelstunde hatten die beiden Strolche bei ihrem von Heißhunger gewürzten Mahl verbracht, dann erklärte Thomas sich befriedigt.

»Solch' feine Gelegenheit finden wir nicht zum zweitenmal,« erklärte er, »und die muß ausgenutzt werden bis auf den letzten Strohhalm.«

Er erhob sich und trat auf das einfache Plankengerüst zu, das die Stelle eines Schrankes vertrat. Dessen Verschluß bildete eine vorhangartig niederfallende Decke. Diese riß er von den sie haltenden Nägeln, dann trug er alles, was ihm an Speisevorräten als begehrenswert erschien, nach dem Tisch hinüber, wo es von dem Genossen ebenso schnell in zwei Bündel zusammengeschnürt wurde.

Und wiederum stand er vor dem Gerüst, als seine gierig spähenden Augen einen geborstenen irdenen Topf streiften, dem ein festgeschnürtes Stück Linnen als Verschluß diente. Mehr aus Neugierde, vielleicht auch Kaffeebohnen darin vermutend, ergriff er das Gefäß. Prüfend schüttelte er es. Zugleich leuchtete wilde Raubgier in seinen Augen aus. Einen Unheil bergenden Blick sandte er zu dem Genossen hinüber. Dieser hatte aber ebenso genau, wie er selber, das Klirren harten Geldes erkannt. Einen lästerlichen Fluch ausstoßend, warf er die gerade in seinen Händen befindlichen Gegenstände auf den Tisch, und beinahe ebenso schnell befand er sich an des Gefährten Seite.

»Halbpart!« rief er ihm mit einer Stimme zu, deren eigentümliches Röcheln Zeugnis von der in ihm erwachten, unbezähmbaren Habgier ablegte, »halbpart!« wiederholte er drohend, als Thomas das Gefäß auf den Rücken hielt und nichts weniger als Neigung verriet, auf eine Teilung einzugehen.

»Wenn du eines fremden Mannes Gaul zwischen die Knie klemmst, so gehört das Vieh dir allein,« hieß es mit ebenfalls veränderter Stimme zurück, und scharf überwachten die tückischen Augen des Gefährten Bewegungen.

»Bei der blutigen Versöhnung!« schnaubte Brody, »mit Geld ist's ein anderes. Das mag man teilen bis auf den letzten Cent. Halbpart, sag' ich nochmals, wenn ich dich nicht für den elendesten Schurken erklären soll, der je einen aufrichtigen Kameraden betrog.«

Thomas grinste höhnisch.

»Auf 'ne Kleinigkeit soll's mir nicht ankommen,« erklärte er zögernd, »aber nicht hier – wir müssen fort. Viel ist's überhaupt nicht.«

»Hast du's gezählt?« fragte Brody zähneknirschend, und wie zufällig legte er die Hand auf den einen Pistolenkolben.

»Gezählt nicht,« antwortete Thomas, während es in der tiefsten Tiefe seiner Augen unheimlich zu glühen begann, »aber am Gewicht fühl' ich's. Es kann nicht so viel sein, daß zwei gute Freunde sich drum verfeinden dürfen.«

»Ja, zwei gute Freunde,« wiederholte Brody, und in immer längeren Zügen entwand der pfeifende Atem sich seinen Lungen. »Ja, gute Freunde, die beide da unten mit genauer Noth 'ner hänfenen Halsbinde entrannen und seitdem einer für den anderen standen auf Tod und Leben. Da wär's die verdammteste Niedertracht, wollte einer die Teilung des gemeinsamen Gewinns verweigern.«

Thomas sann einige Sekunden nach. Er mochte fühlen, daß er in Todesgefahr schwebte, denn seine wilden Züge glätteten sich, und in gleißnerisch versöhnlichem Tone hob er an: »Was streiten wir da und wissen nicht, ob's überhaupt Geld ist, was da drin,« und zur Probe schüttelte er das Gefäß abermals; »'s mögen Knöpfe, Schere und Fingerhut sein, da wär's 'ne Dummheit, auch nur ein böses Wort drüber zu verlieren. Verdammt, komm da an den Tisch, da wollen wir's gemeinschaftlich untersuchen; und der Satan über den Schurken, der 'nen guten Kameraden übervorteilt.«

Durchdringend sah Brody in des Gefährten Augen. Dessen plötzlich veränderte Stimmung schien ihm nicht minder bedrohlich, als diesem die Pistole. Im Bewußtsein, scharf überwacht zu werden, und zwar von jemand, der ihm an Kräften weit überlegen, zog er die Hand von dem Kolben zurück, und nebeneinander schritten sie nach dem Tisch hinüber. Keiner sprach ein Wort. Ob sie auch vor sich sahen, die Bewegungen des einen konnten der gespannten Aufmerksamkeit des anderen nicht entgehen. Im Gefühl hatten sie es, daß der Tod über ihnen schwebte und es nur darauf ankam, wessen Auge das sicherere, wessen Hand die schnellere. Wie in Besorgnis, die eigenen Empfindungen zu verraten, scheute jeder, seine Züge den Blicken des anderen preiszugeben.

»So mach',« keuchte Brody, »schütt's auf den Tisch, dann hat die liebe Seele Ruh'. Vorwärts, Mann, in der Hölle Namen, oder der Teufel schickt uns noch 'n halb Dutzend Farmer auf den Hals.«

»Ausschütten?« fragte Thomas gedehnt, und gewahrend, daß des Genossen Faust wieder den Pistolenkolben suchte, legte er selbst die Hand an den Griff seines Messers. »Ausschütten? Da –« und er ließ den Topf fallen, daß er in Scherben sprang und eine Anzahl Silber- und Goldstücke sichtbar wurden. Höchstens auf zweihundert Dollars mochten die Ersparnisse des Grenzers sich belaufen, für ihn ein Vermögen, weil es den Wert mühsam aufgezogener, jüngst an einen Viehtreiber verkaufter Rinder darstellte; für die beiden Räuber ein Einsatz, über dessen Besitz blutige Würfel entscheiden sollten. Noch rollten einige Münzen zwischen den Speisevorräten, andere auf dem Fußboden umher, da bohrten bei gleichzeitiger Kopfbewegung die Blicke der beiden Genossen sich blitzschnell ineinander.

»Zähle selber,« sprach Thomas röchelnd, »oder du glaubst trotzdem, daß ich 'nem guten Kameraden seinen Anteil nicht gönne.«

»Wie du plötzlich willig geworden bist,« höhnte Brody, »hängen will ich, wenn's dir ernst damit ist,« und leise schoben die Finger sich wieder um den Pistolenkolben.

»Willig, weil ich 'nen herzigen Freund mir erhalten möchte,« hieß es zurück; »ich bedenke nämlich, daß ich lieber das Ganze drangebe, als meine Flucht mutterseelenallein durch die Wildnis fortsetze – ich meine, wenn mir uns verfeinden und voneinander gehen sollten.«

»Die verdammteste Lüge, die je ihren Weg zwischen deinen Zähnen hindurch fand,« erklärte Brody mit verkürztem Atem, »denn gäbst du mir das Geld bis auf den letzten Kupfercent, so bliebe es nicht länger in meiner Tasche, als bis du mir im Schlaf die Kehle durchgeschnitten hättest.«

Feindselig grinste Thomas.

»So? Meinst du?« sagte er unter dem vollen Einfluß unbezähmbarer Raubgier zischend. »Nun ja, wir kennen einander. Mir traust du zu, was du selber tun möchtest. Ein feiger Lump bist du. Wie du im Angesicht dich veränderst – verdammt! Einmal muß es ein Ende hier nehmen – damit du siehst, daß ich besser von dir denke –« und den Blick auf den Tisch senkend, begann die Münzen zusammenzuschieben.

.

Brody, durch den Genossen getäuscht, hielt nunmehr den Zeitpunkt zur Ausführung seines hinterlistigen Planes für gekommen und riß die Pistole aus dem Gurt. Doch Thomas war auf seiner Hut; denn bevor deren Hahn knackte, oder Brody einen Schritt von dem sich ihm dicht zur Seite haltenden Gefährten zurückzuweichen vermochte, hatte dieser sein Messer gezogen und es ihm bis aus Heft in die Brust gestoßen. Das einzige Lebenszeichen, das Brody noch von sich gab, bestand darin, daß er die Augen wie im Erstaunen weit aufriß; dann sank er lautlos zu Boden.

Bleich starrte der Mörder auf den entseelten Raubgenossen nieder.

»Besser du, als ich,« sprach er gedämpft über ihn hin, »einen mußte es treffen;« damit kehrte seine Besonnenheit zurück. Bedachtsam säuberte er das blutige Messer, bevor er es in die Scheide steckte, und sich zu dem Toten nieder, beugend, nahm er zunächst dessen Pistolen nebst Schießbedarf an sich.

»Du kannst es nicht mehr gebrauchen, und mir ist's vielleicht von Diensten,« knurrte er halblaut; »war ich nicht flinker und pfiffiger, als du, so läge ich selber an deiner Stelle mit 'nem offenen Schädel da.«

Sein Gesicht erhielt allmählich die frühere Farbe und den bedrohlichen Ausdruck kaltblütig überlegender Verworfenheit zurück. Sich vollständig sicher wähnend, schob er das Geld, nachdem er es zuvor in einen Zeugstreifen eingeknotet hatte, in die Tasche seiner Reithosen, und eiligst begab er sich ans Werk, die Verpackung der Lebensmittel zu vervollständigen. Er war noch mit dem Verschnüren des zweiten Bündels beschäftigt, als in der Öffnung der Zimmerdecke, die den niedrigen Bodenverschlag über die ganze Breite der Hütte hinweg in zwei Hälften teilte, sich eine leise Bewegung vollzog. Die Mündung einer Büchse hatte sich um Handbreite in die Öffnung hinaus geschoben und drehte sich langsam in der Richtung nach dem Tisch hinüber. Bevor sie aber auf den Kopf des Räubers gerichtet war, verdunkelten sich zwei der kleinen Scheiben, infolgedessen die Waffe zunächst zum Stillstand gelangte, dann aber mit unverkennbar hastigem Griff ganz zurückgezogen wurde.

Der Räuber dagegen, nichts weniger erwartend, als in seinem Unternehmen gestört zu werden, fühlte kaum den Schatten über seine gesenkten Augen hingleiten, als er, wie bereits von einer Kugel getroffen, von dem Tisch zurücksprang. Seine letzte Stunde gekommen wähnend, blickte er scharf nach dem Fenster hinüber, zugleich riß er beide Pistolen aus dem Gurt, und deren Hähne spannend, schickte er sich an, sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Doch anstatt in das Antlitz eines weißen Ansiedlers, sah er in die braunen Gesichter zweier Indianer, die, soweit es angänglich, durch die Scheiben hindurch Umschau in dem Gemach hielten, bis sie endlich auch den Leichnam Brodys entdeckten. Bis dahin hatte der Rotbärtige seine Fassung zurückgewonnen. Er erriet, daß die beiden Eingeborenen ähnliche Zwecke wie er selbst verfolgten, von ihnen also wenig zu fürchten sei. Schnell entschlossen, die Pistolen noch in den Händen, trat er ins Freie hinaus, und vor ihm standen zwei schlanke Burschen, deren Haltung seine letzten Besorgnisse alsbald verscheuchte. Nur mit Ledergamaschen und Schurz bekleidet, hatten sie lange Fangleinen um die Hüften geschlungen, ein sicheres Zeichen, daß sie sich auf der Jagd nach Pferden befanden. Staub bedeckte den nackten Oberkörper und das schwarze Haar, ebenso die wohlgefüllten Köcher, während sie die Bogen in den Händen hielten und vor sich auf den Boden stützten. Ein Kundiger würde aus ihrem Äußeren sofort herausgelesen haben, daß sie von sehr weit hergekommen waren, vielleicht schon seit Wochen in der Nachbarschaft sich verborgen hielten, um einen Zeitpunkt zu erspähen, der geeignet war, mit einigen Pferden der Ansiedler davonzugehen. Wie die beiden weißen Räuber, hatten auch sie das Flußbett, das ihnen Schutz gewährte, zum Wege erkoren, und wie jene, begrüßten sie den Tag des Heuerntens als eine ihrem Vorhaben günstige Gelegenheit.

Bevor Thomas sich für irgend eine Art der Verständigung mit den beiden Steppenräubern entschied, redete der ältere ihn in gebrochenem Englisch an.

»Zwei Männer gingen in das Haus hier,« begann er mit der unschuldigen Miene eines Kindes, »ein Mann kommt heraus. Will mein Freund den anderen rufen?«

Thomas schob die Pistolen in den Gurt zurück und antwortete gelassen: »Der liegt drinnen und schläft.«

»Wird er aufwachen? Ich sah viel Blut,« versetzte jener, und in die offene Türe tretend, betrachtete er den Leichnam gleichmütig.

»Schwerlich,« erklärte der Räuber grinsend, »doch das ist Nebensache. Jetzt heißt's, das Weite suchen, oder wir hören Büchsenkugeln fliegen, bevor wir ein gut Stück Weges hinter uns legten.«

»Die Männer hier herum haben Pferde. Die laufen schneller, als mein Freund,« erwiderte der Indianer lauernd.

»So hindert uns nichts, ihnen zuvorzukommen, erklärte Thomas zuversichtlich, denn er hegte keinen Zweifel mehr über die Absicht der beiden braunen Räuber; »nicht weit von hier werden ein halb Dutzend Gäule, die tragen uns schnell genug von dannen. Hernach mögen die Leute hier herum uns nachpfeifen.«

.

Der Indianer nickte zustimmend. Der Anblick des toten Strolches hatte ihn überzeugt, daß dem Mörder der Boden unter den Füßen brannte und von ihm kein Verrat zu befürchten sei.

»Welchen Weg nimmt mein Freund?« fragte er.

Thomas wies gegen Norden und fügte hinzu: »Nach dem Kanadian hinauf will ich. Bis dahin wird mir so leicht keiner folgen.«

»Gut,« hieß es zurück, »das ist unser Weg. Wir können zusammen reisen.«

»Dann vorwärts, Mann,« versetzte Thomas, »jede verlorene Minute mag mehr wert sein, als ein Dutzend Gäule.«

Sie waren in die Hütte eingetreten, wo er alsbald das noch offene Bündel verschnürte. »Lebensmittel,« fuhr er lebhaft fort, »denn der Teufel mag mit 'nem leeren Magen reiten. So – die Korbflasche nehmen wir ebenfalls mit – aber trinkt zuvor, das gibt Kräfte.«

Der braune Wortführer lehnte die Einladung ab.

»Giftwasser,« sprach er geringschätzig; »brennt's auf der Zunge, werden Männer zu Kindern. Wir müssen die Augen offen halten.«

»Um so besser, Mann. Trinke den Stoff ebenso gern selber aus. Da, nehmt jeder ein Bündel. Ich trage die Flasche und draußen den Sattel, den ich mir aussuchte. Zäume für uns alle liegen daneben. Möchte aber zuvor Feuer an den Bau legen und den Mann hier – nebenbei ein niederträchtiger Schurke – in Asche verwandeln. Was kümmert's die Leute, ob hier jemand zugrunde ging.«

»Die Luft ist still, der Rauch steigt hoch,« erwiderte der Indianer, »will mein Freund die Männer hier herum auf seine Fährten lenken?«

»Verdammt, Mann, du redest ein vernünftiges Wort,« versetzte der Strolch, »mögen sie zusehen, wo sie mit dem Halunken bleiben. Aber vorwärts jetzt,« polterte er, als die beiden Indianer noch hierhin und dorthin huschten und sich mit Decken und sonstigen Gegenständen beluden, die ihnen des Mitnehmens wert erschienen, und ihnen voraus verließ er die Hütte.

Draußen nahm er Sattel und Reitzeug auf die Schultern, den Indianern anheimgebend, sich mit Zäumen zu versehen, und hastigen Schrittes begaben sie sich nach der Wiese hinüber, wo die Pferde und Rinder mehrerer Nachbarn sich zu einer Herde vereinigt hatten. Leicht gelang es ihnen, fünf Pferde einzufangen. Zwei davon kamen aus jeden Indianer, wogegen Thomas sich mit einem begnügte. Ein Apfelschimmel war es, ein schönes, kräftiges Tier, das er auf den ersten Blick als das beste der Herde erkannte. Wohl rieten die beiden Raubgenossen ihm, der weithin leuchtenden weißen Farbe wegen ein anderes auszuwählen, allein er berief sich daraus, daß Schnelligkeit und Ausdauer jede Farbe auswögen, und ging eiligst ans Werk, es zu satteln und zu bepacken. Ebenso verschmähte er, um weniger behindert zu sein, sich ein zweites Pferd anzueignen. Hielten doch selbst die beiden Indianer für ratsam, um die Schnelligkeit der Flucht nicht zu beeinträchtigen, jeder nur ein Pferd am Lasso mitzuführen, mochte es ihnen immerhin schwer genug werden, von einer größeren Ausnutzung der selten günstigen Gelegenheit abzustehen.

Eine halbe Stunde höchstens hatte es gedauert, nachdem sie den Weideplatz betreten, als die drei Raubgenossen sich auf die Reittiere schwangen und in scharfem Trab die nördliche Richtung verfolgten. Und noch eine halbe Stunde, da waren sie in weiter Ferne hinter Baum und Strauch verschwunden. Munter und guter Dinge waren sie nach dem Gelingen des gefährlichen Unternehmens, am meisten Thomas. Hatte er doch in den braunen Reisegefährten sichere Führer gewonnen, außerdem bürgte die weiße Farbe seines Pferdes dafür, daß sie um dessen Besitz keinen Verrat an ihm begingen. –

Erst um die Mittagszeit wagte die Farmerfrau sich aus ihrem Versteck hervor. Der Anblick alles dessen, was sich in fast unmittelbarer Nähe vor ihr abgesponnen, hatte sie bis zum Tode erschöpft. Unablässig wirkte in ihr das Entsetzen, das die Beobachtung der grausigen Mordszene ihr einflößte. Ein Schrecken hatte den anderen gleichsam gejagt. Alle aber wurden überwogen durch die Todesangst, die sich ihrer bemächtigte, als sie, eben im Begriff, den frechen Mörder niederzuschießen, der über alles gefürchteten Indianer ansichtig wurde. Was auch immer sie an schwer zu ersetzendem Eigentum verloren haben mochte: glücklich pries sie sich, von ihrer Waffe nicht früher Gebrauch gemacht zu haben, was gleichbedeutend mit ihrem eigenen Ende gewesen wäre.

Obwohl eine Rückkehr der Räuber nicht mehr zu befürchten war, verlebte sie den Rest des Tages in wahrer Verzweiflung. Die Hütte, wo der tote Strolch in seinem Blute schwamm, hatte sie verlassen. Um ein wenig früher mit den ihrigen zusammen zu treffen, schleppte sie sich mühsam ihnen entgegen. Es dunkelte bereits, als sie die heiteren Stimmen der zu Pferde und zu Wagen Zurückkehrenden in der Ferne unterschied. Lieder ertönten und lustige Jauchzer nach dem heißen Tagewerk. Ihr armes Herz zitterte bei dem Gedanken, wie bald Schrecken und schwere Sorgen an Stelle des übersprudelnden Frohsinns treten sollten. – – –


 << zurück weiter >>