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Fünftes Kapitel.
Das Gelöbnis.

Vier Tage hatte Scherben unter der Obhut Schierlings verbracht und in dieser Zeit seine Lebenskraft einigermaßen zurückgewonnen.

Den ihm angewiesenen Raum hatte er seit seinem Eintreffen nur nächtlicher Weile verlassen, um einige Stunden in der Gesellschaft des Chemikers zu verbringen. Trotz der Befreiung bewahrte er auch jetzt sein finsteres, menschenfeindliches Wesen. Wohl offenbarte er vor Schierling – der Doktor ließ ihn bei seinen gelegentlichen kurzen Besuchen kaum zu Worte kommen – seine Dankbarkeit, doch klang aus seiner Stimme eine so tiefe Verbitterung hervor, als hätte er bedauert, nicht in dem der Erde anvertrauten leeren Sarge geblieben zu sein.

In seinem Äußeren hatte sich in der kurzen Zeit eine Wandlung vollzogen, daß er in der Tat, wie Schierling behauptete, vergeblich um Wiederaufnahme in der Strafanstalt gebeten haben würde. Nicht mehr gebleichtes Haar bedeckte sein Haupt, sondern – Dank der chemischen Experimente seines unermüdlichen Gastfreundes – rotblondes, während gelbliche Brauen sich über den blauen Augen wölbten. Sein Bart war zugestutzt und sein Antlitz mit der bleichen Farbe erinnerte an das eines biederen, kränklichen Handwerksmeisters. Dieser Ausdruck wurde verschärft durch einen ehrbaren dunklen Anzug und weiße Wäsche, die er der Großmut des Doktors und seines wunderlichen Gastfreundes verdankte. Beide hätten ja schon um ihrer selbst willen alles mögliche aufgeboten, ihn vollständig unkenntlich zu machen. –

Die Nacht war wieder hereingebrochen, eine stürmische, finstere Oktobernacht. Schweres Gewölk jagte am Himmel, und nur die heftige Luftströmung verhinderte, daß es mehr als hin und wieder einen kurzen Regenschauer niedersandte. Die Straßen waren bereits still; wer notgedrungen einen Weg zu gehen hatte, der kümmerte sich wenig um die Begegnenden, so eilig hatte er es, unter Dach und Fach zu kommen.

Auch der Doktor gehörte zu diesen späten Wanderern. Der Weg führte ihn zu seinem Verbündeten, der ihn offenbar erwartet hatte.

»Heute muß er fort,« erklärte er dem Freunde, »fort, und zwar auf der Stelle. Ich komme von draußen. Der Todeskampf der Armen ist im Anzuge. Nur mein Versprechen, ihren letzten Wunsch zu erfüllen, hält das Leben noch in dem schattenhaften Körper fest. Ist alles bereit?«

»Alles,« antwortete Schierling mit Entschiedenheit, »ich erwartete dich schon gestern abend.«

Sie waren in das Laboratorium eingetreten.

»Hast du bares Geld zur Hand?« fragte der Doktor lebhaft.

»Hundert Taler kann ich missen,« versetzte Schierling mürrisch, »bleibst du so bei, dann behalte ich nicht genug, um über den Neujahrstermin hinauszukommen –«

»Es darf nichts halb getan werden,« unterbrach ihn der Doktor, »ich selbst kann mit zweihundertfünfzig aushelfen. Also her mit deinen hundert, wofür ich dein Schuldner bin –«

»So war's nicht gemeint.«

»Um so besser. Tritt die Not an jemand heran, soll man nicht lange zählen. Da ist mein Geld; trag's mit dem deinigen hinaus und händige ihm alles ein. Stelle aber die Bedingung, er möchte nicht zu mir darüber sprechen oder gar danken. Sage, was geschähe, geschähe nicht für ihn, sondern für eine andere Person. Und dann führe ihn herunter; wir müssen fort, oder es ist zu spät, und noch eins: Begib dich nicht zur Ruhe; du mußt auf das Frauenzimmer, die Veronika, warten. Ich werde sie sofort schicken, deine Aufgabe ist es dann, sie festzuhalten, bis ich komme.«

Schierling säumte nicht länger, als er Zeit gebrauchte, aus dem Chaos eines offen stehenden Kommodenkastens das Geld hervorzusuchen, und eiligst schlurfte er aus dem Laboratorium die Treppe hinauf. Kaum fünf Minuten waren verstrichen, als er mit Scherben die Treppe wieder betrat. Dieser trug in der linken Hand ein Reisebündel.

Als er unten angelangt war, stand der Doktor mit der Lampe vor ihnen. Indem er einen prüfenden Blick auf den Flüchtling warf, dessen Gestalt ein Überzieher einhüllte, neigte er billigend das Haupt. Einen zweiten forschenden Blick heftete er auf das bleiche, finstere Antlitz, auf dem bange Zweifel spielten.

»Sehr gut,« sprach er aus den an ihn gerichteten kurzen Gruß, »verlieren wir indessen keine Worte, sondern handeln wir. Bitte, reichen Sie mir den Arm – Bertram, öffne das Haus,« und als Scherben sich von seinem Gastfreunde verabschieden wollte, zog er ihn hastig ins Freie hinaus.

»Lassen wir alles Überflüssige,« fuhr er fort, sobald die Türe hinter ihnen zugefallen war, und Scherben mit sich fortziehend, beschleunigte er seine Schritte; »eine schwere Aufgabe liegt noch vor Ihnen. Ihre ganze Kraft müssen Sie zusammenraffen, soll die Wohltat, die man von Ihnen erhofft, nicht ein leerer Traum bleiben.«

»Herr Doktor,« versetzte Scherben mit einer Stimme, in der sich eine Welt der Angst und des Entsagens offenbarte, »Sie führen mich zu meiner – zu einer – weiblichen Person – zu einer Mutter und deren Kind –«

»Wenn Sie es erraten haben, ist es um so besser,« entgegnete der Doktor; »denn unvorbereitet durften Sie Ihre Frau nicht Wiedersehen. Ja, ich führe Sie zu Ihrer Frau, aber zu einer Sterbenden. Nicht doch, packen Sie mich nicht so schmerzhaft. Beherrschen Sie Ihre Haltung, wir erregen sonst Aufsehen, wenn uns jemand begegnet. Zeigen Sie sich als einen Mann, der denen, die ihm das Teuerste sein müssen, den letzten Dienst nicht versagen will. Glauben Sie mir, es gehörte ein hoher Grad von Selbstverleugnung und Überwindung dazu, auf sträflichem Wege Ihre Befreiung zu erwirken. Aber eine Sterbende ohne den letzten denkbaren Trost von dannen gehen zu lassen – nein, das überstieg meine Kräfte. Sie ersehen daraus, wem allein Sie zu Dank verpflichtet sind, und den vermögen Sie nur dadurch auszudrücken, daß Sie dem letzten Wiedersehen so viel wie möglich das Schreckliche rauben. Vor keinem Opfer, welches auch immer gefordert werden mag, dürfen Sie zurückschrecken; und wer möchte die Wohlfahrt des eigenen lieblich erblühenden Kindes nicht gern über alles stellen? Freilich, ihm auf ewig entsagen zu müssen, das ist härter, als der dazwischen tretende Tod.«

»Nie darf es erfahren, daß sein Vater ein Fälscher, ein Strafgefangener gewesen,« entwand es sich kaum verständlich den aufeinander knirschenden Zähnen des Unglücklichen, »ich verstehe es, ahnte es nach den mancherlei rätselhaften Andeutungen Ihres großmütigen Freundes.«

»Ihre Ahnungen täuschten Sie nicht, und mir bleibt es erspart, auf die traurige Sachlage näher eingehen zu müssen. Erfüllen Sie aber gewissenhaft die letzten Wünsche der sterbenden Mutter, so werden Sie in ihr für jeden Fehl, dessen Sie sich selbst anklagen, noch in dieser Nacht eine Fürsprecherin vor dem Throne des Allmächtigen haben.«

»So nahe ist ihr Ende?« fragte Scherben erschüttert.

»Sie hat das Tageslicht zum letzten Male gesehen,« antwortete der Doktor feierlich, »bricht das Wiedersehen ihr Herz, so wird dem Tode dadurch nur um eine kurze Spanne Zeit vorgegriffen.«

»Mein Gott, mein Gott,« ächzte Scherben leise, und schwerfälliger wurden seine Bewegungen, »was ich verbrach, ich habe es tausendfach gesühnt in einem Meer gräßlicher Gewissensbisse; warum mußte ich auch noch eine Unschuldige mit ins Verderben hinabreißen? Derjenige aber, in dessen Gewalt es lag, dem Strauchelnden die rettende Hand entgegenzustrecken, mein eigener Bruder –«

»Fahren Sie nicht fort,« unterbrach ihn der Doktor ernst, fast streng, »vergessen Sie nicht, Sie stehen im Begriff, vor eine Sterbende hinzutreten. Der Himmel weiß die Schuldigen auch ohne unser Dazutun zu finden. Sie dagegen, denken Sie zuerst an Ihre eigene Schuld und fordern Sie die Rache des Himmels nicht gegen sich heraus. Er mag zwei Augen schließen, bevor sie auf Ihnen ruhten, zwei Lippen, bevor sie eine letzte Beschwörung an Sie richteten, mit einem Segensspruch Ihnen volle Verzeihung für erduldetes Leid als heiliges Vermächtnis mit auf den Weg in unbestimmte Fernen gaben. Und ich setze zuversichtlich voraus, daß, nachdem Sie Ihre Aufgabe hier erfüllten, Sie von hier verschwinden, um Ihr Heimatsland nie wieder zu betreten. Sie sind sogar dazu verpflichtet, selbst wenn die Verfügung über Ihr Kind nicht durch die Vorstellungen der Sterbenden beeinflußt würde, um mich und denjenigen zu schonen, unter dessen Dach Sie trotz der drohenden, gräßlichen Gefahr gastliche Aufnahme fanden.«

Scherben, dessen Gestalt während des Doktors Mitteilungen kleiner geworden zu sein schien, richtete sich mit einer heftigen Bewegung empor. Rauh klang seine Stimme, indem er mit einer Anwandlung seiner früheren Leidenschaftlichkeit hervorstieß: »Zählt sie, die zu lieben ich nie aufhörte, zu den Toten, so gehört meine Tochter mir allein. Ich will sie einer Atmosphäre entreißen, in der jeder Lufthauch, das Lispeln eines Blattes ihr zutragen kann: Dein Vater ist ein geflüchteter Strafgefangener, ein Fälscher, ein Verbrecher. O, ich weiß, wohin ich sie bringe – ich weiß!«

Schweigend verfolgten die beiden Männer nun ihren Weg durch die verödeten Straßen. Der Wind stand ihnen entgegen. Heftig traf er sie, wie um bei Eröffnung eines neuen Gespräches die Worte von ihren Lippen fortzuwehen. So gelangten sie allmählich in die Vorstadt hinaus und auf finsteren Wegen in die Nähe des Heims, in dem die Todkranke die Minuten bis zum Eintreffen des Doktors verzweiflungsvoll zählte.

Nachdem dieser seinen Begleiter in den Schatten des Giebels geführt hatte, begab er sich hinein. Sein erster Blick begegnete dem der armen Dulderin. Einen Ausdruck fragender Angst darin entdeckend, neigte er sein Haupt zustimmend, dann kehrte er sich dem neben dem Bette sitzenden Mädchen zu.

»Veronika,« befahl er streng, »geh' sofort zu Herrn Schierlein. Er erwartet dich. Sage ihm, er möchte sich beeilen, die Medizin herzustellen. Es mag das lange dauern, aber – verstehe mich recht – du gehst nicht, ohne sie fort. Bitte ihn, er möchte dir ein Glas Wein geben, das erhält dich munter; und nun fort.«

Veronika knixte. Widerspruch zu erheben, verstand sie nicht. Sie kannte nur gehorchen.

Der Doktor lauschte ihr nach. Als ihre Schritte verhallten, kehrte er sich der Kranken zu, die bereits wie ein Bild des Todes dalag.

»Er kommt?« flüsterte sie unter sichtbarer Anstrengung.

Der Doktor gab ein zustimmendes Zeichen.

Da seufzte die Kranke tief auf, und das Haupt der Kleinen, die angekleidet auf der Decke lag, mit mattem Griff ihrer Wange nähernd, schluchzte sie krampfhaft.

»Ja, er kommt,« wiederholte der Doktor, »binnen kurzer Frist steht er vor Ihnen, um nicht von Ihnen zu weichen, bis Ihre Lage sich auf die eine oder die andere Art entschieden hat.«

Wie gegen überschwängliche, unfaßbare Träume ankämpfend, sah die Kranke zu dem Doktor empor. Ein vergeistigtes Lächeln spielte um ihre farblosen Lippen, indem sie hauchte: »Er wird nicht lange zu warten brauchen.«

»Das steht in Gottes Hand,« hieß es sanft zurück, »trachten Sie nur, sich ein wenig zu beherrschen. Erschrecken Sie auch nicht. Sie werden Ihren Gatten verändert finden. Als Flüchtling war er gezwungen, sich unkenntlich zu machen.«

»Ich bin auf das Ärgste vorbereitet – verlieren Sie keine Zeit – oder es wird zu spät. Zuvor richten Sie mich ein wenig auf – es erleichtert mir das Atmen.«

Nachdem der Doktor ihren Wunsch erfüllt hatte, entfernte er sich schweigend. Als er ins Freie hinaustrat, stand Scherben vor ihm.

»Gehen Sie hinein,« redete der Doktor ihn leise an, bevor er ein Wort hervorzubringen vermochte, »gehen Sie, und zeigen Sie sich stark. Vermeiden Sie alles, was zu erschütternd auf die Ärmste einwirken kann. Nur noch an einem schwachen Faden hängt ihr Leben.«

Schwankenden Schrittes begab Scherben sich auf den engen Flurgang, der durch den aus dem Zimmer fallenden Lichtschein matt erhellt wurde. Auf der Schwelle blieb er unwillkürlich stehen. Sein Blick war auf ein Antlitz gefallen, das jeden vertrauten Zug für ihn verloren hatte. Sogar die großen Augen mit der in ihnen webenden Todesangst erschienen ihm fremd. Wie um sich vor dem Umsinken zu bewahren, lehnte er sich an den Türpfosten. Eisig rieselte es durch seine Adern. Sein Atem stockte; er meinte sterben zu müssen, zu ersticken unter der furchtbaren Last, die sich auf seine Seele wälzte. Aus diesem, einer Betäubung ähnlichen Zustande erweckte ihn das muntere Leben der Kleinen, dem sich die mit Gewalt hervorgepreßten Worte der Mutter beigesellten: »Hans – ich bin es wirklich – armer Hans – wie müssen wir uns wiedersehen –«

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Da lösten sich die ehernen Bande, die sich um seine Brust gelegt hatten. Zu einer Erwiderung fehlten ihm die Worte; aber nach dem Bett schwankte er hinüber, und vor ihm in die Knie brechend, legte er die Arme um Weib und Kind, und sein Antlitz in die Falten der Decke vergrabend, seufzte und stöhnte er krampfhaft. Minuten verrannen. Therese hatte die Hand auf sein Haupt gelegt. Zwischen hervorquellenden Tränen hindurch betrachtete sie ungläubig das rötliche Haar, dessen braune Fülle. mit ihren Händen zu glätten einst ihre Freude gewesen.

Dann sprach sie leise zu dem Gatten, wobei ihre Hand schmeichelnd über sein Antlitz glitt.

»Armer Hans – du bist nicht so schlecht, wie die grausamen Menschen dich verschrieen haben. Tröste dich, armer Hans; ich liebe dich heut' nicht weniger, als an dem Tage, an dem ich die Deine wurde – ja, Hans, das wird dir ein Trost sein – immer. Ich habe dich gesehen – jetzt kann ich ruhig sterben – du aber wirst mir versprechen, für unser Kind in meinem Sinne zu sorgen –«

»Alles, alles soll geschehen, wie du es bestimmst,« entwand es sich wehevoll der Brust des tiefgebeugten Mannes, »Therese – klammere dich an das Leben an – wir mögen dennoch wieder vereinigt werden –«

»In dieser Welt nicht,« versetzte die Kranke mit unendlich ergebungsvoller Milde, dann zog sie Scherbens Haupt dicht neben ihr Antlitz.

»Meine Stunde ist gekommen,« flüsterte sie, »ich klage nicht mehr, denn du bist bei mir. – Halte dein Ohr dicht an meine Lippen – ich darf mich nicht anstrengen – der leichteste Hustenanfall erstickt mich – und ich habe dir noch so viel zu sagen. Ich wäre längst tot – hätte die Erwartung mich nicht aufrecht gehalten – und jetzt – das Wiedersehen – ich werde es nicht überleben – ich sterbe in deinen Armen – guter Hans – weine nicht so sehr. Wir wurden zum Dulden geboren und müssen uns beugen. Ich möchte unser Thereschen noch ein wenig im Auge behalten – sehe also nicht zu dir auf – betrachte auch du unser Kind – das gibt dir Mut – so – und jetzt höre.«

Leiser wurde ihre Stimme, und unzusammenhängender folgten die mühsam hervorgebrachten Worte aufeinander. Doch was die Ärmste so lange mit sich herumgetragen hatte, ihren letzten Willen, ihr banges Sehnen und Hoffen, das flüsterte sie dem Gatten zu, ohne das geringste zu übersehen oder zu vergessen. Nur zuweilen fragte sie, ob er verstanden habe, ob er tun wolle, was sie ihm anempfohlen, ob er ihr nicht zürne, wenn sie ihn bitte, das Kind in liebevolle Obhut zu bringen, in die Obhut derer, die einst ihn selbst wie ihr eigenes Kind gehegt und gepflegt hatte, dann aber von ihm zu gehen, sich zu trennen für ewig von ihm. Und auf alles antwortete Scherben, wie sie es von ihm erwartete, mochte sein Herz sich auch vor Jammer zusammenschnüren. Er antwortete, daß nicht der leiseste Zweifel in dem Gemüt der Sterbenden aufsteigen konnte. Er antwortete, daß diese sich mehr und mehr beruhigte, ihre bleichen Züge sich in Zufriedenheit verklärten, die in längeren Zwischenpausen aufeinander folgenden Bemerkungen träumerischer klangen, wie gegen tröstlichen Schlummer ankämpfend, und ihre Augen zeitweise sich schlossen.

So verrann eine halbe Stunde. Ein mäßiger Hustenanfall, begleitet von tiefem Röcheln, erschütterte die hinfällige Gestalt, dann schwieg sie ganz. Bestürzt starrte Scherben auf das fahle Antlitz. Ein Ausdruck stillen Friedens hatte sich um die geöffneten Lippen ausgeprägt. Ein langer, leise röchelnder Atemzug entwand sich ihnen, und in seinen Armen hielt er eine Tote.

Einen unsäglich trostlosen Blick warf er um sich. Dann sprang er empor, und hinauseilend bat er den Doktor, schleunigst einzutreten.

»Wie ich voraussah,« sprach der Doktor wehmütig, und sanft legte er die Hand auf die Stirn der Entschlafenen, »stärker als alle Mittel, sogar als der Tod, erwiesen sich Mutterliebe und Sehnsucht nach Ihnen, oder sie hätte längst erliegen müssen. Die entsetzliche Spannung der letzten Wochen konnte eine bestimmte Zeit nicht überdauern. Das plötzlich erwachte Gefühl der Beruhigung bedingte ihren Heimgang.«

Die Hände vor sich gefaltet, die Brauen tief gerunzelt, die Zähne in wildem Schmerz aufeinander gepreßt, sah Scherben auf die stille Schläferin nieder. Es mochte ihm das entzückende Bild vorschweben, das sie damals bot, als sie jauchzenden Herzens mit ihm an den Traualtar trat; dann plötzlich, die Hände hebend und ballend, schlug er die Fäuste gegen seine Schläfen.

»Therese, Therese, warum kann ich nicht an deiner Stelle hier liegen!« keuchte er in seiner Verzweiflung. »Du fandest Ruhe und ungestörten Frieden; ich – ich aber – dein schreckliches Ende ist meine Schuld! Ich habe dich gemordet! Mit dem Kainszeichen auf der Stirn muß ich hinfort die Welt durchirren –«

»Ruhig, Mann; fassen Sie sich,« fiel der Doktor beschwichtigend ein und wies auf das bereits wieder entschlummerte Kind, »was später aus Ihnen wird, sollen Sie heute nicht erwägen. Bedenken Sie Ihre Lage. Jetzt gilt es, mit dem Kinde von hier zu verschwinden. Eine heilige Aufgabe ist Ihnen zugefallen –«

»Ja, ja,« versetzte Scherben hastig, und er schien sich plötzlich alle Umstände zu vergegenwärtigen, unter denen er die Freiheit erlangte, »ich muß fort,« er beugte sich nieder und nahm das traurig entstellte Totenantlitz zwischen beide Hände. Starr sah er in die halb offenen, gebrochenen Augen. »Therese,« lispelte er mit ergreifender Innigkeit, »dein Bild soll mir vorschweben bis zum letzten Atemzuge. Es soll mich führen und leiten auf allen meinen Wegen. Es soll mir Kraft verleihen zu dem Opfer, das ich dir angelobte. Schlafe wohl, du armes, zertretenes Wesen, du getreue Dulderin. Du hast mir verziehen – mehr konntest du nicht.«

Mit seinen Lippen drückte er der Entschlafenen die Augen zu. Heiße Tränen entquollen den seinigen und netzten die erkaltende, marmorweiße Stirn.

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Schwerfällig richtete er sich auf. Behutsam, wie um die Schlummernde nicht zu wecken, zog er ein Paketchen Briefschaften, auf das sie ihn aufmerksam gemacht hatte, unter ihrem Kopfkissen hervor, es in seiner Brusttasche bergend.

»Jetzt bin ich gerüstet,« wandte er sich an den Doktor, der ihn ernst beobachtete; »sie schrieb mir meine Wege vor, ich werde ihnen getreulich folgen.«

Er hob das Kind auf seinen Arm. Der Doktor, dem bereits der Boden unter den Füßen brannte, nahm ein zur Hand liegendes Tuch und hüllte die verschlafene Kleine sorgfältig ein. Ein Päckchen mit den notdürftigsten Bekleidungsstücken knüpfte er an Scherbens Reisebündel, und es diesem einhändigend, drängte er ihn der Türe zu.

Als sie ins Freie hinaustraten, erklärte der Doktor besorgt: »Gerne hätte ich Sie bis zur nächsten Poststation fahren lassen, allein Verrat schläft nie.«

»Nein, nein,« versetzte Scherben rauh, »über die Nachbarschaft unterrichtete Ihr Freund mich ausgiebig. Zunächst werde ich in Dörfern rasten. Fernere Hilfe würde mich in meinen Bewegungen nur stören. Sobald ich ganz in Sicherheit bin, also auch Ihnen keine Gefahr mehr droht, werde ich Mittel finden, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Einen letzten Gruß von mir senden Sie zu der armen Dulderin in die Erde hinab; dann vergessen Sie mich. Leben Sie wohl. Gott segne Sie und Ihren Freund um der teuren Entschlafenen und der kleinen Waise willen.«

Schmerzliche Bewegung drohte ihn zu übermannen. Hastig trat er von dem Doktor fort. Gleich darauf verschwand seine Gestalt schattenähnlich auf dem Pfade, der nach der Landstraße hinüber führte. – –


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