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Zweiunddreißigstes Kapitel.
Ein unerwarteter Gast.

Ob stilles Leid die Gemüter beugt, ob freundliche, wenn auch zagende Hoffnungen die Herzen erweitern; ob Bilder kommenden Glücks sich schüchtern in die Träume einflechten, ob Wehmut erzeugende der Vergangenheit im Schlaf beunruhigen: die Zeit wird dadurch in ihrem Enteilen nicht gehemmt, nicht beflügelt. Unabänderlich wandeln die Gestirne ihre alten ewigen Bahnen; unabänderlich wechselt die Sonne zwischen Ost und West, und mit ihr wechseln Tag und Nacht. Dem Sommer folgt der Herbst. Was jener reifte, dieser tötet es unnachsichtlich. Unwirsch schüttelt der Novembersturm die letzten Blätter von den Wipfeln, um in ihnen dem Erdboden neue Zeugungskraft zuzuführen. Starr strecken die in Winterschlaf versenkten Bäume ihre nackten Zweige empor, daß sie von den Gestorbenen ihres Geschlechts kaum zu unterscheiden. Bei ihnen ist es, wie bei den Menschen: der Tod ist des Schlafes Bruder. So im entlaubten Park, in dessen Bereich an traulichen Herden das Leben in friedlicher Stille sich abspinnt, so da, wo tiefe Einsamkeit zwischen Himmel und Erde schwebt, der Kanadian mit erhöhter Gewalt seine herbstlich geschwollenen Fluten dem Arkansas zuträgt.

Der Winter ist vor der Tür. Eintönig grau wölbt sich der Himmel, den Eintritt der Dämmerung beschleunigend. Vereinzelte Schneeflocken, vom heftigen Nordwestwinde gejagt, sendet er nieder. Sie meinen es indessen nicht ernstlich, sondern vergehen, nachdem sie den feuchten Erdboden kaum berührten, um es den sie begleitenden Regentropfen gleichzutun. Alles trieft. Kalt, unfreundlich ist das Wetter, düster die Beleuchtung. Mit hohlem Brausen streicht der Wind durch das sich schwerfällig wiegende Geäst und über den Schornstein der Fährhütte hinweg; niederwärts wirbelt er die diesem entquellende, dichte weiße Rauchsäule. Wie in der Natur hat sich auch in der Hütte seit den sonnigen Sommertagen manches geändert. Einige Schritte von der Haustür und sich an die Blockwand lehnend, ist für Tommy eine seinen bescheidenen Ansprüchen mehr als genügende Wohnung eingerichtet worden. Regelrecht geschichtet, erheben sich auf der Giebelseite Pyramiden grob gespaltenen Brennholzes. Heu und Maisstroh füllen den Schuppen; in dem kleinen Stall rasten Pferde und Kühe beim Kornfutter; das Federvieh hat bereits seine Schlafstellen aufgesucht. Alles atmet winterliche Ruhe und Fürsorglichkeit. Mit um so regerer Teilnahme hätte man einen einsamen Wanderer beobachtet, der auf dem jenseitigen Ufer zum Wasser hinunterschritt und von dort aus die Fährhütte nachdenklich betrachtete. Die den schlanken Körper umhüllende Bekleidung schien nicht sonderlich auf das herrschende rauhe Wetter berechnet zu sein, ein langer Marsch auf morastigen Wegen ihn ermüdet zu haben. Doch ob der wasserschwere Filzhut die breite Krampe ringsum tief senkte, Regen und Schnee in das hübsche, tief gebräunte jugendliche Antlitz schlugen und in dem braunen Vollbart große Tropfen bildeten: seine blauen Augen blickten so zuversichtlich, als hätte sein frischer Mut durch nichts in der Welt gebeugt werden können. Dabei führte er nicht einmal Waffen, wenigstens keine sichtbaren mit sich, sondern nur einen Wanderstab, höchstens geeignet, einen bissigen Hund abzuwehren. Auf dem Rücken trug er dagegen, mittelst eines Riemens an die Schultern befestigt, einen straff gefüllten Sack aus Teppichstoff, und der zeugte gerade nicht von allzugroßem Reichtum.

Eine Minute mochte der junge Reisende mit sich zu Rate gegangen sein, als er den Stock vor sich in den Sand stieß und, beide Hände an den Mund legend, über den Strom rief: »Hol' über!«

»Der Teufel mag gegen den Wind schreien,« haderte er daraus mit seiner Lage, »wenn das jemand drüben hört, ist er begabter, als andere Sterbliche.«

Im Begriff, seinen Ruf zu wiederholen, entdeckte er, daß die Tür der Fährhütte sich öffnete, ein Mann ins Freie trat und den Weg zum Wasser hinunter einschlug. Bald darauf trennte der Prahm sich von dem Ufer, und nach Ablauf der erforderlichen Frist knirschte er vor ihm auf den Sand.

Während des letzten Teils der Fahrt hatten Charon und der junge Fremde Gelegenheit gefunden, sich einer mit des anderen Erscheinung ein wenig vertraut zu machen. Das alsbald eröffnete Gespräch trug daher bis zu einem gewissen Grade den Charakter der auf beiden Seiten empfangenen Eindrücke.

»Ich fürchtete schon, unter einem Strauch übernachten zu müssen,« rief der junge Mann sorglos aus, und ohne das Stillstehen des Prahms zu erwarten, sprang er hinein. »Sie sind doch der Herr Charon?«

»Charon ist mein Name,« antwortete dieser, den geschmeidigen, zutraulichen Fremden mit Wohlgefallen betrachtend; »im übrigen mögen Sie zufrieden sein, daß Sie nicht eine halbe Stunde später eintrafen, wenn Dunkelheit zwei wachsame Augen hinderte, über den Strom hinweg eine menschliche Gestalt zu erkennen. All Ihr Schreien, und hätten Sie ein Sprachrohr zur Hand gehabt, wäre bei der rauhen Luftströmung vergeblich gewesen.«

»So bin ich den wachsamen Augen um so dankbarer,« versetzte der Fremde, und lachend streifte er den Sack von den Schultern, um den Fährmann in seiner Arbeit zu unterstützen; »wäre es doch ein zweifelhaftes Vergnügen gewesen, hungrig und durstig mit dem unheimlich feuchten Himmel sich zuzudecken. Also der Herr Charon sind Sie; da erlaube ich mir, entgegen der Landessitte, mich ebenfalls in aller Form vorzustellen: Scherben heiße ich; nennen Sie mich Joachim – hallo, Herr Charon, fallen Sie nicht,« fügte er mit freundlicher Teilnahme hinzu, als den Fäusten des vor ihm Arbeitenden das nasse Tau entschlüpfte und er nach Verlust des Haltes auf das eine Knie sank.

»Kommt zuweilen vor,« erwiderte Charon, wie infolge übermäßiger Anstrengung nach Atem ringend, und schnell packte er wieder das Tau. »Sie nennen sich Joachim?« fügte er hinzu, und seine Stimme hatte plötzlich einen fremdartigen Klang erhalten.

»Joachim Scherben,« bestätigte dieser gleichmütig, und er folgte zu einem neuen Zuge Charon nach dem anderen Ende des Prahms hinüber, »Joachim allein genügt indessen; ich höre es sogar lieber als: Herr Leutnant Baron von Scherben,« und aus dem Lachen, das er über den Strom hinsandte, tönte bitterer Spott hervor.

Charon antwortete nicht. Die Arbeit schien alle seine Sinne zu fesseln, der Prahm für ihn sein Gewicht verdoppelt zu haben. Erst nach einer Pause bemerkte er wie beiläufig: »Was kann Sie nur zu solcher Jahreszeit in diesen ungastlichen Teil des Landes geführt haben?«

»Das ist eine lange Geschichte,« entgegnete Joachim ernst, »zu lang, um jetzt den Anfang damit machen zu können. Vorläufig nur so viel: Ich wurde angewiesen, Charon, den Fährmann am Kanadian, aufzusuchen und Nachforschungen nach einem gewissen Adams anzustellen.«

»Wer beauftragte Sie?«

»Mein eigener Vater.«

»Schickte er Sie zu solchem Zweck übers Meer?«

»Das nicht,« antwortete Joachim zögernd. »Ich befand mich eben auf dieser Seite des Ozeans, da benutzte er die Gelegenheit. Nach Fort Smith gelangte ich auf dem Wasserwege leicht genug. Von dort bis hierher gebrauchte ich dagegen volle fünf Tage. Verlor ich mich nicht gänzlich, so verdanke ich das den indianischen Ansiedlern, die mich hier und da gastfreundlich aufnahmen und beherbergten.«

Sie hatten das Ufer erreicht. Schweigend befestigte Charon den Prahm, während Joachim seinen Reisesack auf den Rücken schwang; dann schritten sie nebeneinander nach dem Hohlwege hinüber.

»Kennen Sie diesen Adams?« fragte Joachim nach Zurücklegung einer kurzen Strecke, und mit einer an Scheu grenzenden Ehrerbietung betrachtete er den finster schauenden Fährmann von der Seite.

»Ich kannte ihn,« gab Charon eintönig zu, »ein verkommener Mensch, der es zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte, von dem Mark anderer zu zehren. Doch was soll es mit dem? Ernste Gründe müssen vorliegen, um jemand bloßer Nachforschungen halber bis in die Wildnis hinauszusenden.«

»Das Nähere ist mir fremd,« hieß es zurück, »ich vermute aber, daß er sich brieflich um Unterstützung an meinen Vater wendete. Irre ich nicht, so stand er einst in Beziehung zu unserem Hause oder irgend einem Mitgliede unserer Familie. Ich wüßte sonst nicht, wie er dazu kommen sollte, sich gerade an meinen Vater zu wenden, ebensowenig, was meinen Vater veranlassen könnte, so viel Aufhebens von ihm zu machen. Er soll übrigens Galle heißen und Adams nur ein angenommener Name sein.«

»Und diesen verworfenen Menschen brachte man in Beziehung zu meinem Namen?« bemerkte Charon.

»Ein Rätsel, das ich selbst am wenigsten zu lösen vermag. Er wird in seinem Briefe Ihren Namen genannt haben. Woher sonst hätte mein Vater ihn erfahren?«

»Gleichviel,« erwiderte Charon rauh, »was auch immer diesen Galle oder Adams in seinen Handlungen bestimmt haben mag, seitdem er an einem Baumast endigte, und das geschah vor drei Monaten, ist die ganze Angelegenheit der Rede nicht mehr wert.«

Joachim blieb stehen.

»Sie meinen, er sei gehangen worden?« fragte er betroffen.

»Gehangen,« bestätigte Charon finster, »das teilen Sie jedem mit, dem wünschenswert ist, es zu erfahren. Gehangen wegen Raub und Mord, und zwar auf außergerichtlichem Wege; das heißt, ich selbst hatte dabei keine Hand im Spiel. Ich denke, das veranschaulicht am besten seine Zuverlässigkeit in den von ihm etwa gemachten Eröffnungen. Doch was stehen wir hier länger? Der Abend bricht herein; da rate ich Ihnen, bei mir zu übernachten.«

»Sie kommen meiner Bitte zuvor, und mit herzlichem Dank nehme ich Ihre Einladung an. Anderenfalls wäre ich auf dieser Seite des Stromes nicht besser aufgehoben, als auf der anderen.«

Charon antwortete nicht. Es lag etwas eigentümlich Düsteres in seiner Haltung wie in der Schweigsamkeit, mit der er seinen Gast nach der Hütte hinüberführte, so daß dieser sich der Empfindung nicht verschließen konnte, ungelegen gekommen zu sein. Andere Eindrücke gewannen indessen die Oberhand, als sie vor der Haustür eintrafen und der Bär seine Hütte verließ, um den Fremden gewohnheitsmäßig zu beschnuppern.

»Eine wunderliche Art von Hofhund,« bemerkte Joachim etwas erzwungen sorglos.

»Wir helfen uns hier draußen in der Einsamkeit der Wildnis, so gut wir können,« antwortete Charon, indem er die Türe öffnete, »der Bursche ist übrigens harmlos. Sie mögen ihm begegnen wie einem alten Freunde.«

Sie traten von dem schmalen Flurgange in Charons Wohnung. Wohltuende Wärme strömte Joachim entgegen; seine Blicke begegneten den Merkmalen eines einladenden, behaglichen Stillebens. In Erwartung des Gastes hatte Molly eben die Lampe angezündet. Jetzt stand sie da, ein Bild lieblicher Jungfräulichkeit, mit ihren großen blauen Augen den Fremden unbefangen prüfend. Die peinlichen Eindrücke, denen sie vor Monaten unterworfen gewesen, schienen verrauscht zu sein. Wie in früheren Tage blühte auch heute ihr Antlitz in holder Jugendfrische, jedoch charakteristisch geschmückt mit einem Hauch träumerischen Ernstes.

»Meine Tochter Molly,« stellte Charon sie vor, und er runzelte die Brauen, als er gewahrte, daß Joachims Blicke mit offener Bewunderung an den lieblichen Zügen hingen, »Herr Scherben,« fuhr er zu Molly gewendet fort, »ein junger Landsmann, der bei uns übernachten wird. Nässe und Kälte haben ihn mitgenommen, und an dir ist es, seine Kräfte durch ein gutes Mahl etwas aufzufrischen.«

Wie stets, wenn Charon zu einem Fremden sprach, war auch diesmal der Ton seiner Stimme maßgebend für sie. Zutraulich reichte sie Joachim die Hand, und herzlich hieß sie ihn willkommen.

Charon hatte sich nach seinem Kleidervorrat hinüberbegeben, den einen Arm mit mehreren Stücken beladen und das zur Hand stehende Licht angezündet. Dann kehrte er sich Joachim wieder zu.

»Zunächst möchte ich Ihnen Ihre Schlafstelle anweisen,« redete er ihn an. »Auch umkleiden werden Sie sich müssen; da Ihr Reisesack nicht allzuviel verheißt, wenigstens keine Dinge, die den hiesigen Verhältnissen entsprechen, so rate ich Ihnen, von meinen Sachen sich zu bedienen.« Er überhörte Joachims Ausdrücke des Dankes, und der Tür zuschreitend, forderte er ihn auf, ihm zu folgen.

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Auf dem Flur erstiegen sie eine Leiter, die nach dem niedrigen Bodenraum hinaufführte. Dort wies Charon auf einen kistenartigen Verschlag, in dem auf einer Heuschütte mehrere säuberlich zusammengefaltete Decken lagen.

»Hier Ihr Bett,« sprach er, »Sie sind es besser gewohnt, allein ein saurer Marsch verwandelt Heu und wollene Decken in seidene Pfühle. Machen Sie es sich bequem. Ich erwarte Sie unten. Nur eine Bitte, um nicht zu sagen: Bedingung. Wir hier im Westen sind gewohnt, Gastfreundschaft als Pflichterfüllung zu üben und hinzunehmen; so werden auch Sie jedes Wort der Anerkennung als übel angebracht vermeiden. Und nun auf Wiedersehen, wann es Ihnen beliebt.«

Er stellte das Licht aus ein bankartiges Gestell, und abermals Joachims treuherzige Erwiderung nicht beachtend, verließ er den Bodenraum.

In sein Zimmer tretend, warf er einen zärtlichen Blick aus Molly, die an dem Kaminfeuer eifrig beschäftigt war.

»Der junge Mensch gehört zu den armen Schluckern, die herüberkommen, um ihre überschwenglichen Hoffnungen binnen kürzester Frist auf das kleinste Maß zusammenschrumpfen zu sehen,« redete er sie freundlich an, »da wollen wir das Unserige tun, ihm wenigstens hier einige gute Tage zu verschaffen.«

Molly sah empor.

»Ich bedauerte ihn in seinem nassen Aufzuge,« antwortete sie teilnehmend, »im übrigen macht er nicht den Eindruck jemandes, der leicht verzagt.«

»Mannesmut steckt in ihm,« erklärte Charon mit einem ausgeprägten Ausdruck innerer Befriedigung, sogar des Stolzes, »der kommt ihm zu statten, wann immer neue Täuschungen auf ihn hereinbrechen. Ich möchte wohl Näheres über ihn erfahren; merkst du, daß ich das Gespräch auf ihn selbst überlenke, so halte dich abseits; deine Anwesenheit würde seiner Zunge Fesseln anlegen.«

Bereitwillig stimmte Molly zu. Während sie fortfuhr, ihre Aufmerksamkeit den Blechtiegeln und Pfannen zuzuwenden, begann Charon auf und ab zu schreiten. Molly begriff, daß durch das Erscheinen des jungen Deutschen eine jener Stunden herbeigeführt worden war, in denen er mit seinen Betrachtungen gewissermaßen allein zu sein wünschte; sie vermied daher sorgfältig, ihn zu stören. Erst als das Geräusch vernehmbar wurde, mit dem Joachim den Bodenraum verließ, richtete Charon das grübelnd geneigte Haupt empor, und stehen bleibend, begrüßte er den Eintretenden mit einer scherzhaften Bemerkung über die Kleider, in deren Falten die schlanke Gestalt beinah verschwand.

»Der Rock zu weit, Ihr Schlafgemach zu niedrig,« schloß er, und Ernst beherrschte wieder seine verwitterten, harten Züge, »aber es hat sein Gutes, wenn man sich bücken lernt,« und eine leichte Unterhaltung weiter spinnend, ließen sich beide vor dem Tisch nieder.

Nachdem Molly die dampfenden Speisen und den heißen Tee aufgetragen hatte, beteiligte auch sie sich in ihrer zutraulichen Weise an dem Gespräch. Heiter verlief das Mahl, und immer wieder pries Joachim sein gutes Glück, das ihn gerade in der peinlichsten Lage unter das gastliche Dach geführt habe.

»Kleine Ursachen, große Wirkungen,« meinte Charon, während Molly, fortgesetzt von den bewundernden Blicken Joachims gesucht, ihren häuslichen Beschäftigungen wieder nachging, »um nichtiger Ursachen willen sind Sie hierher verschlagen worden, und die Wirkung davon ist, daß mir endlich einmal wieder Gelegenheit geboten wird, über die heimatlichen Verhältnisse aus einer zuverlässigen Quelle zu schöpfen. Was mag sich dort während meiner vieljährigen Abwesenheit geändert haben! Auch ich traf mit den goldigsten Hoffnungen auf dieser Seite des Ozeans ein, um schließlich mit der Stellung eines Fährmanns mich zu begnügen. Möge das Glück Sie mehr begünstigen; ich setze freilich voraus, Sie kehren binnen absehbarer Frist zu den Ihrigen heim.«

Von Charon scharf überwacht, sah Joachim vor sich nieder. Ohne es selbst zu wissen, offenbarte er, daß er durch die mittelbare Frage peinlich berührt worden war, und es ihm ebenso schwer wurde, die Wahrheit einzugestehen, wie zu falschen Darstellungen seine Zuflucht zu nehmen; und so antwortete er erst nach einer Pause zögernd: »Ich fürchte, daß mir das elterliche Haus recht lange verschlossen bleibt, doppelter Grund für mich, unter Aufbietung der äußersten Kräfte ans Werk zu gehen, mir hier eine neue Heimat zu begründen. Es heißt ja: Was ein Mann ernstlich will, das kann er.«

»Ein guter Grundsatz,« gab Charon bedächtig zu, »leider scheitert der ernsteste Wille nur zu oft an den Verhältnissen; und ich gestehe offen, ein junger Offizier könnte sich kein ungünstigeres Feld für seine Tätigkeit suchen, als den amerikanischen Boden.«

»Davon überzeugte ich mich bereits,« versetzte Joachim kleinlaut, fuhr aber mit einem gewissen heiteren Spott fort: »Kaum in New York eingetroffen, suchte ich Beschäftigung; allein wohin ich mich wenden mochte, überall wurde ich kaltblütig abgewiesen. Dem einen war ich zu unerfahren, bei dem anderen reichten meine Sprachkenntnisse nicht aus, zum Kellner fühlte ich mich zu schade, da war es die höchste Zeit, daß Briefe eintrafen, die mir den Weg hierher zeigten.«

»Wo Ihnen ähnliche Erfahrungen bevorstehen.«

»Das soll erst versucht werden. Ich bin nämlich entschlossen, zu Handarbeiten meine Zuflucht zu nehmen – die allerdings ebenfalls erlernt sein wollen – und wäre ich gezwungen, für den Anfang nur ums tägliche Brot mich zu quälen. Sind meine Hände erst schwielig und vertraut mit Axt und Pflug, so ist mein nächstes Ziel eine kleine Farm, und mit dem Teufel müßte es zugehen, gelänge es mir nicht, festen Fuß zu fassen.«

Ein mattes Lächeln des Mitleids spielte auf Charons Zügen.

»Ich gönne es Ihnen, ich wünsche es Ihnen,« sprach er mit einem Anfluge von Schwermut, »allein ich fürchte, Sie überschätzen Ihre Kräfte, wie Sie die Ihnen sich entgegenstellenden Schwierigkeiten unterschätzen. Wollen Sie meinem aufrichtig gemeinten Rat folgen, so kehren Sie so bald wie nur irgend möglich nach Europa zurück.«

»Ich kann nicht, ich will nicht,« stieß Joachim förmlich hervor, und sein hübsches Antlitz entstellte sich, wie unter dem Einfluß eines körperlichen Schmerzes.

»Das ist ein anderes,« meinte Charon, dem jungen Manne einen forschenden Seitenblick zusendend, »und Ihr Vater wird nicht verfehlen. Sie ausreichend mit Geld zu unterstützen, bis Sie hier eine Schule durchgemacht haben.«

»Er würde es tun, er bot es mir sogar in seinem Briefe an; allein eher unterziehe ich mich den niedrigsten Arbeiten, bevor ich auch nur einen Pfennig von ihm annehme,« erklärte Joachim mit überzeugendem Ernste; »nein, lieber stürbe ich Hungers.«

»Sie sprechen von Ihrem Vater wie von einem Feinde,« erwiderte Charon tadelnd, doch offenbarte sich in seiner Stimme Milde, »was auch immer zwischen Sie getreten sein mag: eine Aussöhnung liegt nicht außerhalb der Möglichkeit.«

Auf Joachims Antlitz webten Zweifel und Unentschlossenheit. Aber als sei in Charons Blick ein unwiderstehlicher Zauber verborgen gewesen, reichte er ihm die Hand.

»Wir sind einander fremd,« begann er gedämpft, um seine Stimme nicht über Charons Ohr hinausdringen zu lassen, »und doch nahmen Sie mich wie einen Freund gastlich bei sich auf. Das Geringste, was ich dafür bieten kann, ist offenes Vertrauen, unbekümmert darum, wie tief ich in Ihren Augen mich herabsetze. Herr Charon,« und gepreßt entwanden die Worte sich seinen Lippen, »ahnen Sie, was es heißt, durch das Spiel sich und andere unglücklich gemacht zu haben?«

Wie über sich selbst erschrocken, zog er die Hand zurück. Die Augen hatte er niedergeschlagen. Er entdeckte daher nicht, daß Charon, als hätte ein vergiftetes Geschoß ihn getroffen, in sich zusammensank und sichtbar nach Atem rang. Schweigen war eingetreten.

Nach einer längeren Pause richtete Charon sich endlich wieder empor. Seine Fassung war zurückgekehrt und damit die Überlegung. Einer verräterischen Wandlung in seinen Zügen sich bewußt, hing er einen aus dickem Papier hergestellten Schirm über die Lampe, sein Antlitz dadurch in Schatten hüllend.

»Verhängnisvoll klingt Ihre Andeutung,« sprach er düster, »indem Sie aber Vertrauen walten lassen, zwingen Sie mich, meine Ansichten ebenfalls unumwunden zu offenbaren: Wehe demjenigen, dessen die Dämonen der Spielwut sich einmal bemächtigten. Er wird erst dann, wenn überhaupt jemals, zur Besinnung kommen, nachdem es zu spät geworden ist. Der Fluch, den er vermessen auf sein Haupt herabbeschwor, verfolgt ihn bis ins Grab hinein.«

Joachim neigte das Haupt schwer auf die Brust.

»Es ist wahr, es ist wahr,« flüsterte er wie geistesabwesend. Zum erstenmal in seinem Leben hörte er von einem Fremden eine ungeschminkte Verurteilung. Die Wirkung davon war vernichtend. Unter den ihn finster überwachenden Blicken Charons verhielt er sich regungslos. In fieberischer Röte glühte sein Antlitz. Mit leisem Knirschen rieben sich seine Zähne aufeinander. Plötzlich sprang er empor. Todesverachtung sprühte aus seinen Augen, lagerte um den höhnisch lächelnden Mund.

»Sie haben wahr gesprochen,« begann er gereizt und verbittert, »ob in der Heimat, ob hier im fernen wilden Westen, ob in dem eigenen Gewissen, ob von den Lippen Fremder: überall gellt es mir erbarmungslos in die Ohren, daß ich den Fluch des Himmels gegen mich und diejenigen herausforderte, die zu mir gehören. Wohlwollend luden Sie mich in Ihr Haus ein; ich dagegen bin nicht würdig, die Gastfreundschaft eines rechtschaffenen Mannes zu genießen. Geächtet, ausgestoßen bin ich. Wohin ich komme, verkünde ich selbst meine Schmach. Was soll ich da länger auf der Welt?« Er lachte mißtönend, unbekümmert darum, daß seine Stimme Mollys Ohren erreichte, und fügte hinzu: »Die Nacht ist keines Menschen Freund, mir wird sie vielleicht zur Wohltäterin« – und sich umkehrend, schritt er in aufrechter Haltung der Türe zu.

Erschüttert blickte Charon dem jungen Manne nach. Er verstand dessen Empfindungen, die gewissermaßen eine Wiederholung der eigenen waren. Er begriff aber auch, daß, wenn ein verzweifelter Entschluß einmal zur Reife in ihm gelangte, es mehr als gewöhnlicher Mittel bedurfte, ihn an der Ausführung zu hindern. Bis an die Tür ließ er ihn gehen; erst als er die Hand nach dem Fallriegel hob, rief er ihm mit einer Stimme nach, die keinen Widerspruch zu dulden schien: »Herr Baron von Scherben!«

Joachim blieb stehen und wandte sich nach ihm um. Sein Antlitz war totenbleich. Unheimliches Feuer glühte in seinen Augen.

»Wollen Sie die Ihnen erwiesene Gastfreundschaft schänden, indem Sie es der Nacht anheimgeben, ein Ende mit Ihnen zu machen?« fragte Charon streng.

»Nicht schänden, sondern ehren will ich sie, ihr meine Achtung beweisen,« antwortete Joachim fest.

»So?« versetzte Charon gedehnt; dann lebhafter: »So gibt es nichts mehr auf Erden, woran Ihr Herz hängt? Keinen, von dem Sie noch eine Probe von Teilnahme erwarten dürfen? Keinen, der bei der Kunde von Ihrem Dahinsinken traurig das Haupt neigt?«

Joachim verlor die trotzige Haltung. Seine Züge ermatteten.

»Doch, doch,« gab er mit seltsam verkürztem Atem zu.

»Wohlan denn, mein junger Freund,« fuhr Charon fort, und seine Worte klangen wie durch eine Stahlsaite erzeugt, »gibt es auch nur noch einen einzigen, der Ihrer in Sorge gedenkt, nur einen einzigen, dem nicht gleichgültig ist, was aus Ihnen wird, so sind Sie verpflichtet, anstatt zaghaft aus dem Leben zu schleichen, dem Geschick als Mann die Stirne zu bieten. Ich wäre der Letzte, mich zu Ihrem Richter aufzuwerfen; aber als Ratgeber mögen Sie mich betrachten, als jemand, den die Erfahrungen vieler Jahre berechtigen, da, wo jemand den Halt verliert, ihm die Hand entgegenzustrecken. Setzen Sie sich zu mir; zerstören Sie nicht das Bild, das ich von Ihrem Manneswert gewann, als ich Sie auf der anderen Seite des Stromes begrüßte.«

Schweigend, wie einem höheren Befehl gehorchend, leistete Joachim Folge. Es geschah mit dem Ausdruck eines Schlaftrunkenen. Dann nahm Charon seine Erklärungen wieder auf: »Zu den ersten Eigenschaften eines Mannes gehört, daß er nicht ohnmächtig zusammenbricht, wenn er, durch andere zufällig darauf hingelenkt, die eigene ungünstige Lage und die Ursachen, durch die sie bedingt wurde, ins Auge faßt. Er muß die Kraft besitzen, von sich selbst wie von einem dritten zu reden. Er eröffnet dadurch zugleich die Möglichkeit, daß unscheinbare Ereignisse in den Vordergrund treten, die sich zu Entschuldigungsgründen gestalten und dem gänzlichen Verzweifeln an sich selbst vorbeugen.«

Joachim saß gebeugt, die Blicke starr auf den Fußboden geheftet. Charon überwachte ihn mit tiefer, beinah ängstlicher Spannung. Erst nach einer längeren Pause erwiderte Joachim mit Bitterkeit: »Nichts gibt es, was meine Schuld ermäßigen könnte, ich müßte denn zu der hinfälligen Behauptung greifen, daß die unselige Leidenschaft des Spiels in meinem Blut gelegen habe.«

Charon preßte die Lippen fest aufeinander. Seine Gesichtsfarbe hatte sich merklich verändert. Doch sein Wille war stärker, als die sich abermals in ihm aufbäumenden Empfindungen, und so antwortete er mit Ruhe: »Nach Ihrer Erklärung setze ich voraus, daß Sie nicht der erste Ihrer Familie sind, der der Spielwut erlag.«

»Nicht der erste,« bestätigte Joachim eintönig, während es in Charons Augen seltsam webte, wie bei jemand, der im Begriff steht, sein Todesurteil in Empfang zu nehmen; »nein, nicht der erste,« wiederholte er, »ein Bruder meines Vaters soll durch das Laster des Spiels unglücklich geworden sein.«

»Wie endigte er?«

»Soviel ich durch meinen Vater selbst erfuhr, starb er in tiefer Zurückgezogenheit. Er meinte, es wäre viel an ihm gesündigt worden; darauf sei zurückzuführen, daß er sich gänzlich von allen absonderte, die je in Beziehung zu ihm standen. Mehr beklagenswert, als verdammungswürdig nannte er ihn.«

Charon seufzte aus tiefster Brust. Es klang, wie wenn die scheidende Seele sich qualvoll in einem zerschlagenen Körper windet. Joachim kehrte sich ihm zu, sah aber in ein Antlitz, auf dem die Verschlossenheit einer Sphinx ruhte.

»Hinterließ er Familie, jemand, auf den seine fluchwürdige Leidenschaft sich hätte vererben können?« fragte Charon nach kurzem Säumen gedämpft weiter.

»Frau und Kind. Sie sind verschollen, vielleicht gar tot. Vergeblich forschte mein Vater nach ihnen.«

»Er forschte nach den Angehörigen des Spielers?«

»In den letzten Jahren, gewiß. Was hätte ihn hindern können? Sie waren doch unschuldig an dem Unglück meines Onkels.«

»So wird man auch über Ihre Vergehen allmählich milder urteilen und damit den Weg zur Aussöhnung anbahnen,« versetzte Charon.

»Eine mildere Auffassung erfolgte bereits,« erklärte Joachim herbe; »mein Vater schrieb nämlich, daß ihm Beweise zu Händen gekommen seien, laut deren ich das Opfer gewissenloser Schurken geworden; doch welche Beruhigung könnte ich selber daraus schöpfen? Ebensowenig, wie aus dem Umstande, daß jene Schurken im Wasser, mutmaßlich miteinander ringend, ein gräßliches Ende fanden.«

»Welcher Art waren die Männer, daß es ihnen möglich war, in Ihre Kreise einzudringen?«

»Der alte Kammerdiener meines Vaters, auf dessen Redlichkeit und Treue wir glaubten Häuser bauen zu dürfen, war der eine; der andere ein betagter professionierter Spieler, der hinter den Formen eines Kavaliers im Dienst anderer, wie für sich selbst, eine wahre Haifischnatur entwickelte – heute ist mir ja alles klar. Der Vater teilte mir mit, daß schon sein Bruder unter den verderblichen Einflüssen dieses hinterlistigen Jockeiklamm zu leiden gehabt habe.«

»Jockeiklamm!« stieß Charon in Erstaunen hervor, fügte aber vorsichtig hinzu: »Wer hörte je solchen Namen,« und mit einem Ausdruck der Gehässigkeit: »So weiß das Geschick jeden zu finden, mit dem es eine alte Rechnung zu begleichen hat; jeden, jeden – jeden.« Er entdeckte in Joachims Zügen Befremden, und lenkte bedachtsam das Gespräch wieder auf ihn selber, zunächst den Rat wiederholend, dennoch zu seinen Eltern zurückzukehren.

»Nein, das geschieht nicht,« rief Joachim leidenschaftlich aus, und jetzt erst war er wieder imstande, Charon offen in die Augen zu blicken, »wenigstens so lange nicht, wie noch die leisesten Zweifel an einer Wandlung möglich sind, die sich in mir vollzogen hat.« Und weiter sprachen die beiden ernst und vertraulich, bis Molly sich ihnen zugesellte und die Unterhaltung in ihrer sinnigen Weise beeinflußte.

Bis tief in die Nacht hinein saßen sie beisammen, Charon die Gedanken der jungen Leute gleichsam lenkend und Joachim immer wieder zu neuen Kundgebungen veranlassend, dieser ahnungslos, daß der alte Fährmann mehr und mehr in seinem Inneren zu lesen trachtete, und Molly endlich wie ein treuer Hausgeist ihre Aufmerksamkeit zwischen den Männern gleich verteilend.

»Ich werde mir alles noch einmal reiflich überlegen,« bemerkte Charon ermutigend, als er Joachim nach dem Bodenraum hinauf begleitete, »sind Sie in der Tat von einem so ernsten Willen durchdrungen, wie zu, glauben ich jetzt Ursache habe, so werden sich auch Mittel und Wege finden, Ihr Verlangen nach einer bestimmten, lohnenden Beschäftigung zu befriedigen. Vergessen Sie aber nicht: Aller Anfang ist schwer. Und nun gute Nacht. Verschlafen Sie Ihre Sorgen; begegnen wir morgen früh einander, so wollen wir an nichts anderes denken, als an Ihre Zukunft.«

Mit einer Handbewegung lehnte er Joachims Ausbrüche der Dankbarkeit ab; bald daraus herrschte Stille in der sturmumtobten Fährhütte. Wie Molly nach des Tages anstrengender Arbeit, versank auch Joachim fast unmittelbar nach dem Niederlegen in einen festen Schlaf. Charon starrte indessen noch lange in die ihn umringende Finsternis hinein. Was er heute erlebte, hatte zu weit außerhalb jeder Berechnung, sogar Möglichkeit für ihn gelegen, um dadurch nicht tief erschüttert zu werden. All sein Leiden und Dulden war mit rauher Hand wachgerüttelt worden, reichlicher bluteten die alten, nie verharschenden Wunden, und doch hätte er die Erfahrungen des Abends um keinen Preis hingeben mögen. Wo bisher Verbitterung und Gehässigkeit ihre Stelle hartnäckig behaupteten, da waltete jetzt Nachsicht, getragen von tiefer Wehmut. Aber auch Bangigkeit erfüllte ihn. Zagend gedachte er der unausbleiblichen Stunde, in der Joachim seine Schilderungen arglos auch auf die Zwillingshäuschen ausdehnte.

Wer konnte ahnen, was ihm dann bevorstand: ob tröstliche Kunde, ob ein weißes Blatt, das mit Bildern der Trauer auszufüllen der geängstigten, klagenden Phantasie beschieden war.


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