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Elftes Kapitel.
Charon.

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Während Molly in der Fährhütte fröhlich waltete, verfolgte Charon seinen Weg langsam heimwärts. Neben ihm schritt ein in reiferem Alter stehender Kreek-Indianer. Dieser führte hinter sich am Zügel ein kleines, struppiges Steppenpferd, auf dessen Sattel ein ausgeweideter Hirsch festgeschnürt war. Beide trugen Büchsen auf den Schultern, Kugeltasche nebst Pulverhorn an breiten indianisch gestickten Gehängen auf der rechten Hüfte. Eng befreundet, wie sie augenscheinlich waren, hätte man sich doch keinen größeren Kontrast vorstellen können, als sie zueinander bildeten. Gleich hoch gewachsen und von demselben kräftigen Körperbau, erschien der Kreek infolge seiner aufrechteren Haltung doch etwas größer. Ein blau und rot gewürfelter Schal umschlang sein Haupt turbanartig, und sein braunes, charakteristisches Antlitz zeigte neben dem eigentümlichen, scharfen Rassenschnitt die Falten und Furchen von etwa achtundvierzig Jahren. Ein gelb befranstes Jagdhemde von grün geblümtem Baumwollenstoff hing lose um seinen Oberkörper, wogegen lange Ledergamaschen und Mokassins Beine und Füße schützten. Das schwarze Haar fiel, als Zeichen seiner Hinneigung zur Gesittung, stumpf abgeschnitten nur bis auf die Schultern nieder. Auch fehlte der Skalpzopf, von dem sonst sogar die halbzivilisierten Eingeborenen im allgemeinen sich ungern trennen.

Weiß, wenn auch noch immer voll behaart, war dagegen das Haupt seines Jagdgefährten. Ebenso verhüllte ein weißer, langer, krauser Vollbart den unteren Teil seines Gesichtes. Dieses, sehr hager, wäre fast vollständig farblos gewesen, hätten Witterungseinflüsse und Sonnenbrand der Haut nicht den äußeren Charakter braunen Pergamentleders verliehen gehabt. Trotzdem waren auf ihm noch immer die Spuren einstiger männlicher Schönheit bemerkbar, namentlich in dem Schnitt der scharf gebogenen Nase und den großen, braunen Augen, die mit tiefem, beinah düsterem Ernst blickten. Obwohl er, wie zu finsteren Grübeleien hinneigend, den Nacken gebeugt trug, offenbarte sich in seinen Bewegungen eine durch der Jahre Zahl kaum geschwächte Kraft und Zähigkeit. Seine Bekleidung war die eines westlichen Jägers: indianisch befranste Lederbeinkleider und ein blaues Flanellhemde, dessen Ärmel er gewohnheitsmäßig bis über die Ellenbogen zurückgestreift hatte.

»Es ist zu bedauern,« sprach er mit seinem tiefen, ruhigen Organ zu dem des Englischen vollkommen mächtigen braunen Gefährten, »sehr zu bedauern, daß die Hitze es unmöglich macht, das Fleisch länger als vierundzwanzig Stunden aufzubewahren. Ich werde mich daher mit einer Keule begnügen. Sie finden eher Gelegenheit, den Rest des Tieres in Ihrem größeren Hausstande zu verwerten.«

»Gut, Vater Charon,« versetzte der Kreek mit unverkennbarer Ehrerbietung, »eine Keule für Sie und Frühlingstau, das eine Vorderblatt für Tommy.«

»Na ja,« gab Vater Charon zu, und seine harten Züge ebneten sich zu einem träumerischen Lächeln, »der Gerechte gedenkt seines Viehs, und so will ich auch das nehmen, obwohl es überflüssig ist. Das Tier ist an Pflanzenkost gewöhnt, und Fleisch zu sehr geeignet, seine ursprüngliche Wildheit zu schüren. Doch gleichviel: Molly mag ihm ein Stückchen kochen; dadurch geht der Geruch des frischen Blutes verloren. Der täppische Geselle bereitet mir überhaupt Sorge, wenn ich das Mädchen mit ihm verkehren sehe, wie mit einem mutwilligen Spielkameraden.«

»Seit seiner frühesten Kindheit ist er es nicht anders gewöhnt,« erklärte der Kreek, »wäre er halb ausgewachsen eingefangen worden, möcht's Zähmen nicht von Dauer gewesen sein. Wie er jetzt ist, wüßte ich keinen besseren Schutz für Frühlingstau bei ihrem Umherstreifen oder wenn sie allein zu Hause sitzt. Es ist erstaunlich, was sie dem Tier beibrachte.«

Charon lächelte wieder vor sich hin und erwiderte mit deutlich hervorklingender Zärtlichkeit: »Hundert anderen an ihrer Stelle wäre es nicht gelungen. Ich möchte es Begabung nennen, was sie befähigt, mit einer reißenden Bestie ebenso gut fertig zu werden, wie mit den Hühnern und Enten auf dem Hofe. Wer hätte ihr das zugetraut, als sie vor vierzehn Jahren, damals noch ein zartes Kind, aus Ihrem Hause in das meinige übersiedelte.«

»Sie ist ein Zaubermädchen,« warf der Kreek zuversichtlich ein, »eine Tochter des Mondes und des Frühlingstaus. Sie wissen, hinter meiner Farm fand ich sie zur frühen Morgenstunde – mir ist, als war's gestern. Wie Perlen lag der Tau in ihren kurzen, weichen Goldhärchen. Der volle Mond hatte sie die ganze Nacht beleuchtet.«

»Fakit, wie oft soll ich Sie auf das Törichte solchen Glaubens aufmerksam machen. Wie ich später von anderer Seite hörte, sollen bald nach jener Zeit ein junger Mann und eine junge Frau zusammengeschnürt als Leichen aus dem Arkansas ausgefischt worden sein. Nach der Leute Aussage konnten sie nur selbst die Leine um sich geschnürt und vereinigt den Tod gesucht haben. Sie sollen nebenbei sehr elend gekleidet gewesen sein. Da läßt sich vermuten, daß es arme Emigranten waren, die die Not zwang, ihr kleines Kind vor eines guten Mannes Tür zu legen.«

Fakit nahm eine überlegene Miene an und beteuerte abermals mit großer Entschiedenheit: »Eine Tochter des Mondlichts und des Taus ist sie. Jeder sieht es: ihr Haar ist Mondlicht, ihre Augen sind funkelnde Tautropfen. Sie ist ein Zauberkind. Wer sah die Spuren anderer Eltern im Grase? Niemand. Ohne Zauber konnte sie nicht da sein.«

Charon runzelte die buschigen Brauen. Zur Strenge verhärtete sich die Ruhe in seinen verwitterten Zügen.

»Was nennen Sie Zauber?« fragte er in dem Bestreben, seine Pflegetochter in den Augen der braunen Nachbarn des Übernatürlichen zu entkleiden.

»Ich kann es nicht genau erklären,« antwortete Fakit ernst, »aber alle Weißen der Welt reden mir nicht aus, daß es Dinge gibt, die über Menschenkraft gehen. Ich spreche nicht von dem Zauber alter Medizinmänner, die gut Wetter herbeisingen und Weisheit und Mut aus blutigen Hundeherzen zehren: solch' Zauber ist nichts. Aber es leben wirkliche Zaubermenschen. Ich beobachtete es an Frühlingstau. Woher käme ihr sonst die große Weisheit –«

»Was sie weiß, lehrte ich sie,« fiel Charon etwas lebhafter ein. »Besitzt sie eine ungewöhnliche Fassungsgabe, so ist das nichts Übernatürliches; ebensowenig ihr Gedächtnis, das manchem jungen Manne zur Berühmtheit verhelfen würde. Nein, Freund Fakit, Ihren Aberglauben muß ich bekämpfen, einesteils, um meiner eigenen Überzeugung zu genügen, dann aber auch um Ihrer selbst willen.«

»Wahrheit ist kein Aberglaube,« wendete der Kreek ein; »ich bin es nicht allein, der an Frühlingstau erfuhr, daß sie ein übernatürliches Mädchen. Von dem Fährhause sendet die tote Sykomore ihren letzten Ast weit aufs Wasser hinaus. Wie ein Opossum geht Frühlingstau bis zu dessen Ende, ob Tag, ob Nacht. Was hält sie, daß sie nicht schwankt? Nur Zauber kann es sein.«

»Übung und angeborene Gewandtheit,« suchte Charon den störrischen Kreek zu überzeugen; »will man nicht von dem seltsamen Glauben über das arglose Kind ablassen, so sollte man doch wenigstens vermeiden, zu ihm selber darüber zu sprechen. Es könnte ihm Schaden bringen.«

»Niemand wagt den Zauber zu stören,« versetzte der Kreek feierlich, »ein unbedachtes Wort zu Frühlingstau, und die große Kraft mag verloren sein.« Er sann nach, wie jemand, der bei einer aufgeworfenen Frage sich ein unfehlbares Urteil zutraut, dann fuhr er, wie von heimlicher Scheu befangen, fort: »Mein weiser Freund kennt alle Dinge. Er klärt die Menschen auf und belehrt sie; aber er glaubt an keinen Zauber: ich verstehe das nicht. Er bestreitet die große Medizin. Viele Zauberei hat sich als falsch erwiesen; da verwirft er sie alle. Mit mir ist es anders. Ich trenne das Falsche von dem Echten. Was meine Augen sehen, was meine Hände greifen können, ist Wahrheit. Warum will mein Freund nicht ähnlich handeln? Warum trägt er sich mit Zweifeln und will sie anderen zu eigen geben?«

Charon wiegte das Haupt in Mißmut und erklärte eintönig: »Nicht von Zweifeln bin ich befangen; noch weniger trachte ich, solche bei anderen zu erwecken. Im Gegenteil, beseitigen möchte ich sie, wo sie bereits vorhanden sind.«

»Auch ich hege keine Zweifel,« wendete Fakit bedächtig ein. »Mein Freund Charon besitzt eine große Gabe des Redens. Kann er mit Worten einen Stein aushöhlen? Nein. Mein Glaube ist ein Stein.«

»Nun, Fakit, da sind wir, wie schon so oft, auf der Grenze angelangt, wo eine Einigung anscheinend auf unüberwindliche Schwierigkeiten stößt. Sie vergleichen sich mit einem Stein. Wohlan, wie der fallende Wassertropfen im Laufe der Zeit den härtesten Felsen aushöhlt, so gelingt es mir vielleicht, Sie zu überzeugen. Aber hier trennen sich unsere Wege.«

Charon blieb stehen.

»Ich begleite Sie nach Hause. Der Pony mag das Fleisch dahintragen,« erwiderte der Kreek.

»Die Last ist nicht so schwer, daß ich darunter ermüdete,« wendete Charon ein, »in dreiviertel Stunden bin ich daheim. Ebensoviel Zeit gebrauchen Sie von hier aus. Gehen wir also ans Werk.«

Fakit, gewohnt, den Wünschen des weißen Freundes blindlings zu willfahren, zog sein Messer, und neben das Pferd hintretend, löste er geschickt den versprochenen Anteil aus der Haut des Hirsches. Nachdem sie das Gleichgewicht des verstümmelten Tieres wieder hergestellt hatten, belud Charon sich mit dem Fleisch. Mit einem Händedruck schieden die beiden Jagdgefährten voneinander. Gleich darauf schob ein Hain sich zwischen sie.

Nachdenklich schritt Charon seinem Heim zu, und in Gedanken spann er seine Betrachtungen weiter: »Arme Molly; was die Leute dir alles anhängen und wie sie deine Eigentümlichkeiten einfältig deuten. Ja, eine Zauberin bist du freilich mit deiner Anmut und Schönheit, mit deinem goldenen Herzen. Hätte ein glücklicher Zufall dich mir nicht zugeführt, wie lange läge ich wohl schon in meinem Grabe. Denn ohne dich, ohne die ununterbrochenen Sorgen um dich wäre mir des Lebens Last zu schwer geworden. Und du armes Kind, was solltest du ohne mich beginnen?«

Er neigte das Haupt. Verbitterung prägte sich auf seinen harten Zügen aus, und die Sehnen der zähen Gestalt schienen zu erschlaffen. In finstere Grübeleien versenkt, sah er nichts, hörte er nichts. Er hörte nicht die Lieder der glücklichen befiederten Waldsänger, er sah nicht die Blumen, die die Wiesen in bunte Farben kleideten; nicht das rosige Gewölk, das zerstreut vor dem blauen Himmel lagerte. Aber er sah auch nicht, als er auf die letzte schmale Lichtung am Fluß hinaus trat, ein gesatteltes Pferd, das die Reste eines kleinen Maisfutters eifrig aus dem kurzen Rasen suchte; nicht die unheimliche Räubergestalt, die einige Schritte abwärts lagerte, bei seiner Annäherung in eine sitzende Stellung sich erhob und ihn gespannt betrachtete.

Anfänglich sichtbar von Zweifeln befangen, klärte die wilde Physiognomie des Strolchs sich in demselben Maße auf, in dem er einen volleren Anblick des finsteren, weißbärtigen Antlitzes gewann, bis er endlich unter dem Eindrucke der ihn bestürmenden Empfindungen flüsternd in die Worte ausbrach: »Charon, Charon, so mag sich jeder nennen. Aber der Mann, der Mann! Ist er's, oder ist er's nicht? So kann der Mensch sich kaum verändern – hm, wir werden ja sehen.«

Er erhob sich. Charon, noch eine kurze Strecke entfernt, vernahm die Bewegung und sah auf. Kalt und teilnahmslos glitten seine Blicke über Mann und Roß hin. Es war ja nichts neues, daß ein Fremder nach Kreuzen des Stromes auf dem Vorplatz der Hütte rastete.

»Ich hörte schon unten im Süden von dem Fährmann Charon,« hob Adams nach der ersten kurzen Begrüßung mit einer Vertraulichkeit an, die ersichtlich Charons Mißfallen erregte, »und da Sie ein Deutscher sind, erleichtert's uns beiden die Rede, wenn wir sie von uns geben, wie wir's von Muttern lernten.«

»Wer könnte sich im Süden viel um mich kümmern?« fragte Charon zurück.

»Bei Gott, Herr Charon, Zufall und gutes Glück wirken oft wundersam. Ich bin nämlich ein unsteter Gast, so alt ich auch sein mag. Seit fünfzehn, sechzehn Jahren im Lande, hab' ich bisher auf keiner Stelle länger als 'n vier Wochen ausgehalten. Der rollende Stein setzt zwar kein Moos an, wie die Spitzbuben-Yankees sagen, aber bei dem Umherstreifen lernt man nicht wenig. So redete ich da unten davon, daß ich nördlich wollte, und als ich die Grenzleute um den Weg befragte, nannten sie Ihren Namen und die Fähre hier. Zugleich stellte sich heraus, daß Sie ziemlich ebenso lange in diesem Lande sind, wie ich selber.«

»Viele tausend Menschen sind in dem Jahre über den Ozean gekommen, in dem ich mich zur Auswanderung entschloß,« versetzte Charon und fügte deutlich abweisend hinzu: »ich vermute, Sie wollen vor Einbruch der Nacht ein Obdach erreichen, und bis zum nächsten beträgt es eine Stunde guten Reitens.«

»Das sagte mir schon das niedliche Ding, das mich und den Gaul herüber holte,« erwiderte Adams grinsend; »aber ich verstehe, Sie wollen einem Landsmann den Stuhl vor die Tür setzen, bevor er um Gastfreundschaft bat.«

»Ich erweise gern Gastfreundschaft,« sprach Charon, und er runzelte die Brauen tief, »Sie werden aber begreifen, daß es eine ungebührliche Zumutung wäre, alle, die über den Kanadian kommen, bei mir aufzunehmen. Wo bliebe ich selber zuletzt? Betrachten Sie den Bau, ob außer mir und meiner Tochter noch jemand viel Platz darin findet.«

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»Geduldige Schafe gehen viele in einen Stall,« warf Adams lachend ein; »doch sorgen Sie nicht. Ohne von Ihnen herzlich eingeladen zu werden, tue ich keinen Schritt über Ihre Schwelle. Aber wie ist mir denn? Indem ich Sie betrachte, will's mir scheinen, als wären wir einander schon früher begegnet.«

Schärfer sah Charon in das schadenfroh grinsende Gesicht, auf dem die bösesten Leidenschaften und Laster ihre unvertilgbaren Spuren ausgeprägt hatten, dann bemerkte er zögernd: »Ich wüßte nicht, wo das gewesen sein sollte. Ich entdecke wenigstens nichts an Ihnen, was mir nicht vollkommen fremd wäre.«

»Mag sein,« hieß es lauernd zurück, »ich rede ja auch nur von Ähnlichkeiten, und die täuschen meistenteils.«

Er säumte, um Charon Zeit zu einer Erwiderung zu gönnen, und dieser fragte in der Tat, wie er erwartet hatte: »Ähnlichkeit? Mit wem denn?«

»Sogar eine sehr große, mag das Alter Sie immerhin verändert haben, selbst in der Stimme. Sie erinnern mich nämlich so lebhaft an einen alten Bekannten, daß ich Sie drauf angeredet hätte, wüßte ich nicht, daß der schon an die sechzehn Jahre unterm Rasen liegt.«

Bei den letzten Worten des Räubers schien das harte Antlitz Charons sich zu versteinern. Bevor jener aber noch den Eindruck genauer erfaßte, den die schlau berechnete Mitteilung erzeugte, scheute sein Pferd. Schnaubend schickte es sich an, zu entfliehen, woran es indessen durch die in Adams Händen befindliche Leine gehindert wurde. Dieser stieß einen lästerlichen Fluch aus, verstummte aber in den weiteren Ausbrüchen seiner Wut, als er plötzlich neben sich den Bären sah, der winselnd auf den Hintertatzen vor Charon hinschwankte. Durch einen Luftzug war ihm offenbar die Witterung des frischen Fleisches zugetragen worden, und so beeilte er sich, ein Stückchen zu erbetteln. Doch wie Charon das folgsame Tier abwehrte, war auch Adams des Schimmels wieder Herr geworden, und sich jenem alsbald zukehrend, fuhr er fort: »Wer kann für Ähnlichkeiten? Begegnet man aber einer, ist's erklärlich, wenn man drüber erstaunt. Und lächerlich ist's obenein, denn in diesem Fall ist mein Mann in einer Strafanstalt gestorben. War sonst ein feiner Herr, aber leichtsinnig und dem Spiel zugetan, und das brachte ihn um Ehre und Reputation.«

»Das alles kümmert mich nicht,« nahm Charon nunmehr mit finsterer Strenge das Wort, doch auch ein weniger Scharfsichtiger als Adams hätte entdeckt, daß es ihm unsäglich schwer wurde, eine gewisse vornehme Ruhe zu bewahren; und lauter nach der Hütte hinüber, wo Molly in der Tür stand und die beiden Männer in ihrem Gespräch ernst beobachtete, sagte er: »Ich komme gleich. Locke Tommy. Du siehst, wie er das Pferd beunruhigt. Der Mann wird Mühe haben, in den Sattel zu gelangen.«

Auf einen Zuruf Mollys trabte der Bär davon, und Adams, dadurch von einer Verlegenheit befreit, hob wieder an: »Bei Gott, Herr Charon, mit meinem in den Sattel Kommen eilt's nicht. Will aber um Verzeihung bitten, Sie mit meinem Gerede aufgehalten zu haben. Schon einmal spielte solche Ähnlichkeit mir 'nen argen Streich, und das geschah in 'nem alten, unbewohnten Landhause vor sechzehn Jahren –«

Bis dahin hatte Charon nach der Hütte hinüber gesehen, sich anscheinend weidend an dem fesselnden Bilde, das Molly im Verein mit dem Bären bot, der sich mutwillig vor ihr wälzte und die ihn neckende Fußspitze behutsam zwischen die Zähne genommen hatte.

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»Ich komme gleich,« wiederholte er, dadurch des hinterlistigen Räubers Mitteilungen abschneidend, »richte nur an.« Dann wieder zu Adams mit einer Würde, die diesen sichtbar beeinflußte: »Ich sagte bereits, daß Ihre Erfahrungen mich wenig kümmern, und wiederhole: die Nacht ist vor der Tür. Eine Stunde haben Sie der Hauptstraße zu folgen, bevor Sie Ihr Obdach erreichen. Also glückliche Reise,« und in fester Haltung schritt er davon.

Wie seinen Sinnen nicht trauend, blickte Adams ihm nach. Wut und Enttäuschung sprühten aus seinen tückischen Augen; zugleich breitete ein böses Grinsen sich über sein wüstes Gesicht aus. Seine Zähne knirschten aufeinander, und zischend entwand es sich ihnen: »Immer noch der hoffärtige Junker. Daran allein hätte ich dich erkannt. Aber du sollst dich wundern. Vorläufig weiß ich genug, und ein Esel wär' ich, verständ' ich's nicht, meine Entdeckung zu Geld zu machen, einerlei, von wem es kommt,« dann rief er nach der Hütte hinüber, wo der Fährmann eben über die Schwelle schritt: »Auf baldiges Wiedersehen, Herr Charon! Auf gute Freundschaft, Herr Charon!«

Dieser war, ohne ihn weiter zu beachten, eingetreten. Aber des Räubers breite Lippen rollten wilde Flüche. Fortgesetzt vor sich hinschmähend, zäumte er den Schimmel auf, und davon sprengte er, als hätte er das Tier für die geringschätzig abweisende Haltung des Fährmanns verantwortlich machen wollen. –

Die Räumlichkeiten der Hütte bestanden aus einem größeren Gemach, in dem zugleich Charons einfaches Bett aufgeschlagen war, und einem daranstoßenden, etwas kleineren. In diesem hatte Molly sich eingerichtet. Beide Räume zeichneten sich vor den Baulichkeiten anderer Pioniere und halbzivilisierter Indianer durch größere Fenster aus, die den Räumlichkeiten eine freundliche Helligkeit spendeten. Wie die Außenseiten der Wände, zeigten auch die inneren nur mit der Axt bearbeitete Baumstämme, jedoch mit dem Unterschied, daß hier die Fugen mit grünem Moos verstopft waren, wodurch ebenere Flächen hergestellt wurden. Dem rohen Bau entsprachen die einfach gezimmerten Möbel in dem vorderen Zimmer, wo ein breiter Kamin zugleich die Stelle der Küche vertrat. Zu dem schweren Tisch mit verschließbarer Schieblade gehörten mehrere Schemel und eine Bank. Vervollständigt wurde die Einrichtung durch einen Bücherständer mit einem halb Dutzend Brettern, dicht besetzt mit kleineren und umfangreicheren Werken; ferner durch eine Wanduhr, Jagd- und Angelgeräte und endlich eine Schnitzbank, neben der die dazu gehörigen Werkzeuge geordnet an der Wand hingen. Was sonst noch zu den notwendigsten Habseligkeiten eines Ansiedlers gehört, wie auch die Küchengeräte, hatte seinen Platz in einem Verschlage auf dem engen Flur und dem niedrigen Bodenraum angewiesen erhalten.

Mollys Zimmer war von dem Charons durch eine vor der schmalen Tür als Vorhang niederfallende Decke geschieden. In dem Raum erblickte man vier schwarz lackierte Stühle, eine ähnlich gearbeitete Bettstelle und eine Kommode, wie solche aus einer Möbelhandlung hervorgegangen und von Fort Smith herbeigeschafft worden waren. Als Schmuck dienten eine auf dem Fußboden ausgebreitete weichhaarige Büffelhaut, mehrere eingerahmte Lithographien, ein mäßig großer Spiegel und eine Anzahl in Kistchen und schadhafte Küchengefäße eingepflanzte blühende Gewächse.

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Als Charon in seine Wohnung eintrat, erhob sich Molly, die vor dem Kaminfeuer kniete, und kein sonniger Frühlingsmorgen hätte fröhlicher lächeln können, als sie, indem sie ihrem Beschützer entgegenging und ihm kindlich zutraulich die Hand reichte. Während sie aber zu ihm sprach, bediente sie ihn in der ihr eigentümlichen flinken Weise. Das Wildfleisch nahm sie entgegen, Büchse und Tasche, und jetzt erst suchte sie Gelegenheit, zu fragen, was seinem Antlitz einen so beängstigend krankhaften Ausdruck verliehen habe.

Charon schützte Übermüdung vor und daß er der Sonnenglut so lange ausgesetzt gewesen. Doch Molly war zu vertraut mit seinem Wesen, kannte zu genau die Zähigkeit seines Körpers, um so leicht beschwichtigt zu werden. Scharfsinnig erriet sie, daß, wie sie selbst, auch er einen verstimmenden Eindruck von dem unheimlichen Fremden empfangen habe, hielt es indessen für geraten, ihn nicht darum zu befragen. Nur beiläufig bemerkte sie, daß ohne den Schutz Tommys sie die räuberartige Erscheinung wohl gefürchtet haben möchte.

Neben dem offenen Fenster hatte Charon Platz genommen. Tiefer waren seine Schultern nach vorn gesunken; wie infolge von Erschöpfung neigte er das Haupt. Molly, obwohl beunruhigt, tat, als bemerkte sie es nicht. Sie kannte seine Stunden des Schaffens in Garten und Feld, die Stunden des sorgfältigen Belehrens und Unterrichtens wie des stillen Versenkens in die Genüsse, die die Natur in ihrem unverfälschten Zustande ihm bot. Aber auch die Stunden kannte sie – und sie wiederholten sich ja so oft – in denen er schwermütigen Betrachtungen nachhing, seine Augen auf ihr ruhten, als wären gerade durch sie trübe Gedanken und Bilder wachgerufen worden. Vertraut mit allem, übersah sie den Wechsel seiner Stimmung; doch während sie ihre Obliegenheiten erfüllte, wußte sie des Erzählens kein Ende. Und der Tag war ja so ereignisreich gewesen! So goldig und doch sengend hatte die Sonne vom klaren Himmel niedergebrannt; so verführerisch der Schatten unter den Bäumen sie angelockt. Und von Tommy und seiner Gelehrigkeit gab es Wunderdinge zu berichten, von großen Holzhähern und winzigen Kolibris, wie von den Blumen im Garten, die unter ihren pflegenden Händen gediehen waren und wie lauter prächtige Augen dankbar zu ihr aufschauten. Sorgfältig vermied sie dagegen, des räuberhaften Fremden fernerhin zu gedenken.

Und so bemerkte sie mit Befriedigung, daß Charon sich allmählich wieder aufrichtete, auf ihre heiteren Bemerkungen einging und endlich ihrer Einladung zum Essen Folge leistete. Als dann nach Beendigung des Mahls auch der Bär seinen Anteil erhalten hatte, da war die Sonne eben untergegangen. Den Himmel schmückte das prachtvollste, nach oben sich traumhaft abstufende Rot, während im Osten der volle Mond bereits oberhalb der Bäume stand und, zwar noch bleich und krankhaft dareinschauend, doch schon Miene machte, sein rundes Angesicht mit Gold und Silber zu schminken.


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