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Siebentes Kapitel.
Besuch auf dem Hofe.

Frau Gertrud Blister war in ihre Wohnung zurückgekehrt. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß die kleine Waise nicht gestört worden, nahm sie auf ihrem Sorgenstuhl Platz, um zunächst ihre Lage nach allen Richtungen hin zu überdenken und einen Plan zur Unterbringung des Kindes zu entwerfen. Wohl eine Viertelstunde saß sie da, während es auf ihrem Antlitz bald wie ein Hoffnungsschimmer aufleuchtete, bald wieder die Sorgenfalten zu beiden Seiten des Mundes sich vertieften. Endlich entwand es sich den schmalen Lippen mit einem Ausdruck der Befriedigung: »So wird's gehen. Die Veltens sind gewissenhafte Leute. Bei mir behalten kann ich den armen Wurm nicht, oder ich möchte ebensogut den Gerichtsboten beauftragen, die Geschichte auszuschreien.«

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Mit zuversichtlicher Haltung erhob sie sich. Eiligst begab sie sich nach dem Schmiedehäuschen hinüber. Dort klopfte sie an das niedrig gelegene Fenster, hinter dem Kunibertus und seine Frau schliefen. Als Ersterer öffnete und hinausfragte, was es gebe, antwortete sie dringlich: »Kommt beide schnell zu mir herum. Säumt nicht. Es hat sich etwas Wichtiges ereignet. Kommt gleich!«

Bevor Kunibertus eine neue Frage an sie richten konnte, war sie verschwunden. Sie wußte, daß zu dem guten Willen der Nachbarn sich nur ein wenig Neugierde zu gesellen brauchte, um sie alsbald bei sich eintreten zu sehen. Und so dauerte es in der Tat nur wenige Minuten, bis die angelehnte Hintertüre ging und sie das Ehepaar vor sich sah. Die Meisterin, in der Nachthaube, hatte den Flauschrock ihres Mannes übergezogen, Kunibertus dagegen als Hauptschutz gegen die nächtliche Kälte das Schurzfell umgeschnallt.

»Leise, leise,« riet Blisterchen eifrig, und sie wies auf die klappernden zwei Paar Holzpantoffel, »da drinnen schläft jemand, der nicht geweckt werden darf.«

Leuchtend schlich sie ins Zimmer voran.

»Hier, seht euch das an,« flüsterte sie, die Aufmerksamkeit der beiden Gatten auf das Kind lenkend, und gespannt beobachtete sie die Physiognomien beider, um aus deren Ausdruck zu enträtseln, inwieweit sie auf Förderung ihres Planes zählen könne.

Beim Anblick der lieblichen Kleinen mit den tief geröteten Wangen faltete die Meisterin in heiliger Andacht die Hände; Kunibertus klemmte unterdessen, ein Zeichen größten Erstaunens, beide Lippen zwischen die Zähne und reckte mit der rechten Hand seinen buschigen Backenbart lang aus.

»Wie gefällt es euch?« fragte Blisterchen nach einer langen Pause.

»Ein vom Himmel herunter gestiegener, leibhaftiger Engel,« meinte die Meisterin stockend.

»Ganz wie unser Amandus, als er in dem gleichen Alter stand,« beteuerte Kunibertus, »und der war von Anfang an von einer Schönheit, wie man nicht leicht einen zweiten Burschen findet.«

»Ja, ein sehr schönes Kind,« bestätigte Blisterchen darauf den Ausspruch der Nachbarn, »und jetzt sollt ihr hören, wie ich dazu gekommen bin. Vor etwa einer Stunde – oder zwei – klopfte es an die Türe, und als ich öffnete, trat eine Frauensperson ein, auf den Armen das warm eingewickelte Kind, daß ich schier meinte, es sei – eine Tracht Weizen oder Gerste. Sie war – in einer schrecklichen Aufregung, daß sie nicht reden konnte; indem sie aber das Kind dorthinlegte, betrachtete ich sie genauer, und da erkannte ich ein Mädchen aus meiner Verwandtschaft, das – vor einigen Jahren zu Fall gekommen. Da redeten wir denn lange hin und her und gelangten zu dem Schluß – verstoßen konnt' ich sie doch nicht – daß ich den armseligen Wurm zu mir nehmen sollte, um dem Geklatsch der Leute in ihrem Heimatsorte ein Ende zu machen. Als ich nach des Kindes Namen fragte, antwortete sie, es, hätte keinen, und ich möchte es nennen nach Belieben, nur nicht nach ihr. Ich stellte noch die Bedingung, daß sie um ihres und meines Friedens willen sich nie um das Kind kümmern dürfe, und nachdem sie zugestimmt hatte, lief sie hinaus. Ich fürchtete, daß sie sich ein Leid antun würde, und wollte ihr nach. Dann aber weinte das Kind, daß ich nicht fort konnte, und meine Not hatte ich, es zu beschwichtigen. Doch ich tat's gern, denn ich dachte an meine eigene verstorbene Tochter, und da floß mir das Herz über. Käme sie jetzt, um das Kind zurückzufordern, würde ich's nicht herausgeben. Aus ihren Reden hatte ich mir zurechtgelegt, daß sein Vater wohl gar ein vornehmer Herr sein möchte, der das seinige zu 'ner guten Erziehung beitragen würde. Genug, das Kind ist hier, und auf die Straße setzen können wir es nicht mehr. Bei mir kann's ebenfalls nicht gut bleiben; es ist zu lange her, seit ich selber mit solch' zartem Geschöpf hantierte. Das sagte ich mit, und da war's, als ob mir jemand zuraunte: bring's zu dem Kunibertus und seiner Frau. Seitdem die ihren Sohn zu dem Lehrer in der Stadt gaben, sind sie sechs Tage in der Woche allein, und wenn die behaupten, das Kind sei ihnen nahe verwandt, glaubt's jeder und keinem fällt ein, nachzuforschen. Und für ein gutes Kostgeld verbürge ich mich selber; ich habe nämlich in der Hauptstadt meine Leute an der Hand, die, wie für den Amandus, auch etwas für die kleine Waise da tun. Später mögt ihr sie wohl gar für euer eigen Kind ausgeben oder, wenn sie euch Freude bereitet, an Kindesstatt annehmen, und 'ne bekannte Sache ist's, daß elternlose Kinder, denen man Barmherzigkeit erweist, Segen ins Hans bringen.«

»Ja, einsam ist's bei uns, seitdem der Kunibertus den Amandus zu 'nem Lateiner brachte,« erklärte die Meisterin lebhaft, und der Ärmel des Flauschrockes fing ein Tränlein der Rührung auf; »ich wollte ja nicht heran und behauptete, das Handwerk habe einen goldenen Boden und daß Zeiten kommen würden, in denen der Amandus auf eine hohe Schule mühte und wir ihn dann in Monaten nicht sähen: aber hat mein Mann sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, schaffen's ihm ein Dutzend gelehrte Herren nicht mehr heraus. Da denke ich denn, in unserer Einsamkeit möchte das Kind uns wohl herzlich an den Amandus gemahnen. Und wahr bleibt's: wenn ein Engel bei uns einzieht – – und ein Engel ist das Dingelchen – bringt's auch Segen.«

»Recht so, Marie,« versetzte Kunibertus, »du bist eine vernünftige Frau, und wir nehmen das Kind. Es wird uns eine Augenweide sein und ein Zeitvertreib, wenn der Amandus nicht zur Hand ist. Meinst du aber, das Handwerk habe 'nen goldenen Boden, so besitzt die Gelehrsamkeit einen eisernen, und der hält länger, und Latein ist die Wurzel aller Gelehrsamkeit.«

»Aber einen Namen müssen wir dem Mädchen geben,« wendete die Meisterin besorgt ein, »und einen christlichen obenein.«

»Sogar noch in dieser Nacht muß das geordnet werden,« versetzte Blisterchen mit großer Entschiedenheit, »damit am Tage alles seinen ruhigen Gang geht und es nichts mehr zu reden und zu fragen gibt. Kunibertus, was meinen Sie?«

Kunibertus sah grübelnd vor sich nieder und schien den Backenbart samt den Wurzeln ausroden zu wollen. Endlich erhob er sich, und die schweren Holzpantoffel unter dem Tisch stehen lassend, ging er unter den erwartungsvollen Blicken der beiden Frauen einige Male auf und ab. Plötzlich blieb er vor Blisterchen stehen, und die Füße spreizend, beide Fäuste hinter den Latz des Schurzfells schiebend und sein ehrliches, vom Schmiedefeuer allmählich braungefärbtes Antlitz in weise Falten legend, erklärte er zuversichtlich: »Ich stamme aus einer berühmten Grobschmiedsfamilie, wohl an die hundert Meilen von hier. Da lebt auch mein Bruder und der betreibt das gleiche Metier. Vor anderthalb Jahren schrieb mir dieser Bruder, ich möchte Gevatterstelle bei seiner Tochter übernehmen. Ich tat's gern, stellte aber die Bedingung, daß sie einen Namen nach meinem Geschmack erhalten müsse, und versprach zugleich ein gutes Patengeschenk. Das ließen mein Bruder und seine Frau gelten, und weil ich einmal fürs Latein bin und ihre Tochter nach vier Jungens das erste und damit einzige Mädchen war, schlug ich vor, sie Unica zu rufen – was auf richtiges Deutsch ›die Einzige‹ heißt – und dabei blieb's. Leider starb das Kind bald darauf, und da geht mir's im Kopfe herum, daß wir das kleine Ding da für meines Bruders Tochter ausgeben, der sie von wegen allzu großen Kindersegens an mich abtrat, und sie Unica Velten heißen.«

»Aber der Taufschein, wenn der einmal verlangt werden sollte?« fragte seine vorsichtigere Hälfte zweifelnd.

»Eben deshalb,« hieß es beschwichtigend zurück, »ich schreibe nämlich an meinen Bruder, er möchte mir zum ewigen Angedenken den Taufschein meines Patchens schicken, und damit ist die Sache abgetan.«

»Du willst das Kind für ein anderthalbjähriges ausgeben, während doch vielleicht zwei Jahre hinter ihm liegen?«

»Es gibt große und kleine Jährlinge, wie in jedem Schafstall zu sehen ist, und eines Grobschmieds Tochter kann kein Maikäfer sein. Vorläufig fragt überhaupt keiner nach dem Geburtsschein; kommt die Zeit dazu heran, will ich denjenigen sehen, der 'nem gut ausgewachsenen Frauenzimmer 'n Jahre zwei oder drei mehr oder weniger ausrechnet. Eine Kleinigkeit Betrug ist wohl drum und dran, aber um den wollen wir uns schon mit unserem Herrgott vertragen. Kommt's trotzdem ans Tageslicht, wird von der Sache nicht viel gemacht von wegen der Barmherzigkeit, dafür verbürge ich mich. Und jetzt, Blisterchen – Sie sind ja die gescheiteste unter uns – jetzt sagen Sie selber Ihre Meinung.«

Blisterchen, die mit unverkennbarem Wohlgefallen den beiden Gatten zugehört hatte und deren Züge mehr und mehr den Ausdruck innerer Befriedigung annahmen, erklärte sieh mit dem Vorschläge einverstanden, nannte Kunibertus den bedachtsamsten Schmiedemeister auf dem Erdenrund und erbot sich abermals, ihren reichen Anteil zu den Kosten einer neuen Einkleidung beizutragen.

Letzteres lehnte die Meisterin ab. Sie war von ihrem Amandus her noch mit allem versehen, so daß nur die Wiege vom Boden heruntergeholt und die Wäschekiste geöffnet zu werden brauchte. Dann traten alle drei vor das Sofa hin, um die Kleine noch einmal aufmerksam zu betrachten. Die erwachte unter den gespannten Blicken und sah verschlafen lächelnd zu den fremden Gesichtern auf. Förmlich entzückt hob die Meisterin sie empor, und als hätte sie eine Änderung des Planes befürchtet, schlug sie die Kleine sorgfältig in die Decke ein und ohne sich noch aufzuhalten, eilte sie mit ihr in ihre eigene Häuslichkeit hinüber. Kunibertus und Blisterchen folgten langsamer nach. Kaum aber waren sie bei der Meisterin eingetroffen, als diese sie schleunigst in Bewegung setzte. Die Wiege, Kissen und Pfühle wurden herbeigeschafft und eine Flasche versüßter Milch gewärmt, und keine halbe Stunde dauerte es, da lag Unica, wie sie fortan heißen sollte, so behaglich gebettet und entschlummerte so zufrieden, als hätte sie nie ein anderes Heim kennen gelernt.

Frau Gertrud Blister hatte sich in ihre Wohnung zurückbegeben und zum Schlaf niedergelegt. Doch ob innige Befriedigung sie beseelte: lange noch sah sie in die sie umringende Finsternis hinein, bevor sie etwas Ruhe fand. Immer wieder weilte sie im Geiste in den öden Räumen des Herrenhauses, suchte sie sich denjenigen in unveränderter Jugendfrische zu vergegenwärtigen, den sie einst an ihrem Herzen trug, den sie fast mehr liebte, als damals ihr eigen Kind, und über dessen Haupt sie so unzählige Male die herzlichsten Segenssprüche hingesprochen hatte.

Wer nach Tagesanbruch die Wohnung des Schmieds betrat, der wunderte sich kaum, neben dem großen Himmelbett eine Wiege zu finden und in ihr ein holdes Kind; so ungezwungen und natürlich nahm sich alles aus. Das letzte Befremden Neugieriger schwand, sobald Kunibertus die Kleine als sein Patchen, die Tochter seines Bruders ausgab, dessen Frau er eine Erleichterung habe verschaffen wollen. Und so war Unicas Los entschieden. Vom Herzen der toten Mutter genommen, hatte sie ein Heim gefunden, das die guten Engel, diese lieblichen Freunde hilfloser Kinder, ihr selbst bereitet zu haben schienen. Liebe glättete ihr die Kissen und reichte ihr die Nahrung; Liebe umschmeichelte sie zart bald mit schlanken, jedoch arbeitsgewohnten Händen, bald mit rußigen Fäusten. Aus jedem Augenpaar, das sich auf sie richtete, sprach Liebe und immer wieder Liebe und zärtliche Sorgfalt.

Blisterchens erster Morgenbesuch galt selbstverständlich der kleinen, lachenden Waise. Innig ergötzte sie sich an ihr, wie an den Freudenbezeugungen ihrer Pflegeeltern.

Dann begab sie sich in die Werkstatt hinaus, wo das Eisen unter den gewaltigen Hammerschlägen sprühte und der Blasebalg seine eintönige Melodie dazu fauchte. Still nahm sie ihren gewohnten Platz ein, still und von niemand beachtet, wie sie es wünschte. Die Blicke richtete sie fest auf das gegeißelte Feuer. Keine Muskel ihres farblosen Antlitzes regte sich.

Eine Stunde war verronnen, als sie von ihrem erhöhten Sitz herunterglitt, die Werkstatt verließ und sich nach ihrem Häuschen hinüber begab. Im Begriff einzutreten, wurde ihre Aufmerksamkeit durch das Geschmetter eines Posthorns gefesselt. Befremdet und wie in Vorahnung drohenden Unheils betrachtete sie den Wagen, der, gezogen von kräftigen, dampfenden Gäulen, von der Stadt her sich schnell näherte.

Postkutschen, namentlich Extraposten, gehörten auf dieser Straße zu den großen Seltenheiten. Kein Wunder, daß Blisterchen auf der Türschwelle stehen blieb, die Meisterin ans offene Fenster trat und Kunibertus und seine Gehilfen Hammer und Ambos treulos verließen, um sich des ungewohnten Anblickes zu erfreuen.

Noch einmal stieß der Postillon in sein Horn, und schärfer in die Zügel greifend, hielt er vor dem Torwege an. Behende sprang er vom Bock, und den Kutschenschlag öffnend, unterstützte er einen Herrn höflich beim Aussteigen. Eine Dame und ein hübscher, etwa siebenjähriger Knabe blieben dagegen in dem Wagen sitzen.

Nachdem der Herr festen Fuß gefaßt hatte, schüttelte er zunächst den um seine Schultern hängenden Pelz, und sich etwas höher aufrichtend, warf er einen nachlässig spähenden Blick um sich.

Als er die Alte in der Türe gewahrte, die, wie von einer plötzlichen Lähmung befallen, sich an den Pfosten lehnte, schritt er zu ihr hinüber.

»Nun, Gertrud,« redete er mit einem metallenen Organ die Regungslose unzufrieden an, »du hättest wohl eher den Einsturz des Himmels erwartet, als mich nebst Frau und Kind? Doch ich verarge es dir nicht, wenn du vor lauter Überraschung keinen Gruß für mich hast,« und als Blisterchen einige unverständliche Worte murmelte, fuhr er fort: »Ja, ich verzeihe es dir gern, und eine Freude ist es ja nicht, aus seinem langjährigen Schlendrian wachgerüttelt zu werden. Doch gedulde dich; bevor du viel älter bist, wirst du noch andere Überraschungen erfahren, von denen ich glaube, daß sie dir nicht ganz willkommen sein dürften.«

Er wurde des Schmieds und seiner Gehilfen ansichtig, die neugierig zu ihm herübersahen.

»Wie heißt der Mann?« fragte er mißmutig.

»Kunibertus Velten,« antwortete Blisterchen, noch immer nach Fassung ringend, »er wohnt an die zehn Jahre hier und betreibt sein Handwerk mit Fleiß.«

»Wunderbar, daß ich nie Näheres darüber erfuhr.«

»Ich besaß die Vollmacht, das Häuschen zu vermieten, sogar eine Werkstatt anzubauen; da hätte kein Nachbar mir willkommener sein können. Er und seine Frau sind rechtschaffene Leute, und mancher Dienst von ihnen kommt dem Hof zugute, ohne daß sie Bezahlung dafür verlangten.«

»So? Vollmacht? Darüber wollen wir später reden,« versetzte der Baron Joachim von Scherben spöttisch; »ist das Recht des Vollmacht-Erteilens zurzeit doch in andere Hände übergegangen. Pfui, die häßlichen Schmiedeeinrichtungen verunzieren die ganze Besitzung. Sie müssen baldigst wieder entfernt werden. Vermietetest du das Haus, so hindert dich auch nichts, dem Manne zum Frühjahr zu kündigen. Wer verwahrt den Schlüssel zum Tor?«

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Du hättest wohl eher den Einsturz des Himmels erwartet, als mich nebst Frau und Kind?

»Kunibertus, der Schmied, Herr Baron,« antwortete Blisterchen, und ihre sonst so ehrlichen Augen erhielten mehr und mehr den Blick einer gereizten Wölfin; »das Schloß mag etwas verrostet sein, denn oft geschieht's nicht, daß es geöffnet wird.«

»Wozu hätte der Schmied seinen Hammer? Oder wähnst du, ich würde meine Gattin auf dem feuchten Wege nach dem Hofe hinübergehen lassen?«

Der Baron wandte sich Kunibertus zu.

»Heda! Guter Freund!« rief er hinüber, »öffnen Sie den Torweg!« und in den Wagen hinein: »Bleibt nur sitzen. Ich selbst werde in Gertruds Begleitung die kurze Strecke zu Fuß zurücklegen.«

Einige Sekunden beobachtete er den Schmied und seine Gehilfen, die dienstfertig herbeigeeilt waren und nicht ohne Mühe das verrostete Schloß öffneten.

»Sind die Schlüssel zum Hofe zur Hand?« fragte er Frau Gertrud.

Diese erbebte bis in ihr Herz hinein. Sie war so bestürzt, daß sie nicht zu antworten vermochte. Schweigend trat sie ins Haus. Nach kurzer Frist kehrte sie, das gewürfelte Tuch um die Schultern geschlagen, mit den Schlüsseln zurück und erklärte, dem Herrn Baron zu Diensten zu stehen.

Kunibertus und seinen Helfern war es unterdessen gelungen, die Einfahrt freizulegen. Der Postillon hatte den Kutscherbock bestiegen und nahm den Befehl entgegen, langsam zu folgen, und Blisterchen zur Seite schritt der Baron in den Park hinein.

»Es ist lange her, seit ich zum letzten Male diesen Weg ging,« sprach er wie beiläufig, indem seine Blicke über die nächsten verwahrlosten, mit gelben Blättern bestreuten Rasenflächen hinschweiften; »ich war damals noch ein Kind. Man sieht, daß hier eine ordnende Hand fehlte; man glaubt in eine Wildnis einzudringen.«

»Es hätten wohl mehr Kräfte und Mittel, als die meinigen, dazu gehört, Hof und Park so zu erhalten, wie sie vor dreißig Jahren gewesen,« versetzte Blisterchen fast tonlos, während ihr scharfer Geist unablässig arbeitete, um einen Ausweg aus der gefahrdrohenden Lage zu entdecken.

»Wie die Verhältnisse bisher lagen, ist allerdings kaum etwas anderes zu erwarten gewesen,« bemerkte der Baron, »und so wird es im Hause nicht viel besser sein, als hier draußen.«

»Wollen der Herr Baron das Haus besichtigen?« fragte Blisterchen ängstlich.

»Weshalb nicht?«

»Alles Staub und Moder drinnen. Ich denke, eine feine Dame und ihr Kind gehören da nicht hinein.«

»Du möchtest mir wohl gar die Besichtigung verleiden? Beruhige dich; ist nicht alles so, wie es sein sollte, messe ich dir die Schuld nicht bei. Es wird bald anders werden. Ich beabsichtige nämlich, im nächsten Sommer mit meiner Familie einige Monate hier zu residieren. Es wird Zeit, daß das Brachliegen des schönen Landsitzes sein Ende erreicht. Schon allein dieser prachtvollen Allee wegen möchte ich zeitweise hier wohnen. Richte dich also darauf ein, daß noch im Laufe des Winters Arbeiter eintreffen, um wenigstens einigermaßen die alte Ordnung wieder herzustellen. Bis zum nächsten Hochsommer muß alles zu unserer Aufnahme bereit sein. Bis dahin ist auch die häßliche Schmiedeeinrichtung verschwunden.«

»Des Schmieds Kontrakt lautet auf so lange, wie der meinige, und der meinige bis an mein Lebensende,« versetzte Blisterchen nachdenklich; »auch sollen Bestimmungen über den Besitz des Hofes vorhanden sein.«

»Du meinst solche, wie sie von der ersten Frau meines Vaters getroffen wurden? O, die sind, Gott sei Dank, hinfällig geworden. Aber ich vergaß, dir mitzuteilen, daß dein Freund Hans vor einigen Wochen starb. Es war das beste für ihn, wie für uns alle; denn eine Freude ist es nicht, einen Verwandten in der Sträflingsjacke zu wissen. Die Kunde von seinem Tode war zugleich Ursache, daß ich die Paar letzten guten Herbsttage zu einem kurzen Ausfluge hierher benutzte.«

»Also tot,« sprach die Alte wie geistesabwesend.

»Tot und begraben, damit ist sein Name verschollen,« bestätigte der Baron. »Oder zweifelst du?« Er zog ein Zeitungsblatt hervor, und auf eine blau angestrichene Stelle weisend, reichte er es Blisterchen: »da, lese das. Kannst es behalten, um es denen zu zeigen, die gleich dir nicht recht daran glauben wollen.«

Blisterchen las während des langsamen Gehens den Artikel, und schmerzlich aufseufzend, schob sie das zusammengefaltete Blatt in die Tasche ihres Kleides.

»Also tot,« wiederholte sie klanglos, und vorsichtig fügte sie hinzu: »Er ist verheiratet gewesen. Ich hörte davon, daß ein Kind da sei.«

»Man sagte so. Seitdem er zu einem Verbrecher herabsank, hatten wir keine Veranlassung mehr, uns um ihn oder die Seinigen zu kümmern. Wer weiß, in welchem Spital die zugrunde gegangen sind. Lebten sie noch, so würde ich nicht von Bettelbriefen verschont geblieben sein. Sein Name darf übrigens in unserem Hause nicht mehr genannt werden. Auch von dir erwarte ich, daß du mich nicht an ihn erinnerst.«

»So betrachten der Herr Baron sich als seinen Erben?« fragte die Alte, und wie um einen Blick des unversöhnlichsten Hasses zu verheimlichen, sah sie vor sich nieder.

»Nicht für seinen Erben,« erwiderte der Baron ungeduldig; »bin ich aber jetzt der Besitzer des Hofes, so ist das auf meinen Vater zurückzuführen. Lebt der nicht mehr, so hindert das nicht, daß nach dem Tode seines ältesten Sohnes das Erbe seiner ersten Frau ihm zufiel, folgerichtig also auf mich überging. Doch das verstehst du nicht.«

»Nein, dafür besitze ich kein Verständnis,« gab die Alte zu; »ich meinte, daß über die Bestimmungen der ersten Frau nicht hinweggegangen werden dürfe.«

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Der Baron antwortete nicht gleich. Wie zweifelnd kaute er an seinem Schnurrbart. Zugleich betrachtete er Blisterchen, die gesenkten Hauptes einherging, von der Seite, als hätte er in ihrem Inneren lesen mögen. Dann sprach er herablassend: »Diese Frage hat keinen sonderlichen Wert. Aber da ersteht eine andere, die keine zweite neben sich duldet, und das ist die Geldfrage. Es wird dir nicht fremd sein, daß Hans in seinem sträflichen Leichtsinn Summen auf den Hof erhob, die dessen Wert wohl noch übersteigen. Es liegt also in meiner Hand, abgesehen von allen übrigen Anrechten, Hof und Park durch Ankauf der Schuldverschreibungen in meinen unbestreitbaren Besitz zu bringen. Ich warte nur darauf, daß die Gläubiger wegen der Zinsen bei mir anfragen, um mich mit ihnen zu einigen; oder sie legen die Hand selber auf das Grundstück und führen einen gerichtlichen Kauf herbei. Bis jetzt hörte ich nichts von ihnen. Ist ihnen indessen die Kunde von dem Tode des letzten Besitzers erst zugegangen, so werden sie sich beeilen, zu retten, was noch zu retten ist. Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, möchte ich sie aufsuchen, allein mir fehlt jede Spur, die zu ihnen führen könnte. Ich fürchte fast, daß sie irgend einen entscheidenden Schlag bezwecken und sich bedachtsam bis zu dem ihnen günstig erscheinenden Zeitpunkt in Geheimnis hüllen. Meinen Argwohn erhöht, daß die Forderung des einen Gläubigers, den ich wirklich auskundschaftete, von einem Fremden unter Bewilligung der vorteilhaftesten Bedingungen schon vor Jahren aufgekauft worden. Nun sage mir, Gertrud – du hast ja deine gesunden Sinne –, weißt du vielleicht etwas über die Leute oder kennst du sie gar, die dem Hans die übermäßigen Vorschüsse leisteten? Hier gewesen müssen sie sein, denn es möchte schwerlich ein Geschäftsmann sich bereit finden lassen, auf eine Sache, die er nicht kennt, Geld herzugeben,« und argwöhnisch überwachte er seine Begleiterin.

In ihr Antlitz zu schauen, vermochte er allerdings nicht. Es würde ihm sonst schwerlich entgangen sein, daß auf diesem heimlicher Triumph webte und Schadenfreude aus ihren Augen sprühte. Teilnahmslos aber klang ihre Stimme, indem sie antwortete: »Herren sind wohl vor Jahren in Begleitung des Barons Hans hier gewesen, allein um mich kümmerte sich niemand. Nur aus der Ferne sah ich sie; ihre Namen erfuhr ich nicht.«

»Im Grunde ist nicht viel daran gelegen,« bemerkte der Baron. »Erleidet schließlich jemand durch die Gewissenlosigkeit eines Verworfenen Schaden, so bin ich nicht verantwortlich dafür.«

Blisterchen schwieg. Vorsichtig vermied sie, allzu große Teilnahme für den Geschmähten zu offenbaren. Ratlos spähte sie dagegen nach dem Hause hinüber, das ein Geheimnis barg, durch dessen Enthüllung ein schweres Verhängnis auf edel gesinnte, menschenfreundliche Leute hereinbrechen mußte, den Flüchtling selber aber völlige Vernichtung traf. Was sollte daraus entstehen, wenn dieser, durch die Anstrengungen der letzten Tage übermüdet, in todähnlichem Schlafe lag und das Öffnen des Hauses nicht hörte? Was, wenn es ihm nicht gelang, sich unter Beseitigung aller von ihm hinterlassenen Spuren zu verbergen? Von Verzweiflung gemartert, sah sie rückwärts. Der Wagen folgte in geringer Entfernung. Ihr Blick fiel auf das Horn, das unter dem Arme des Postillons hing, und wie unter der Einwirkung eines ihr vom Himmel zugesendeten Gedankens rötete sich ihr Antlitz.

»Es waren doch andere Zeiten, als der alte Baron noch hier wohnte,« bemerkte sie tief aufseufzend, »ich entsinne mich genau: So oft der Herr Vater oder die Frau Baronin mit Extrapost durch diese Allee fuhren, mußte der Postillon sein schönstes Stückchen blasen, damit alle weit und breit hörten, die Herrschaften seien wieder da.«

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»So? Das geschah?« fragte der Baron spöttisch, »nun ja, das war eine gute Sitte. Auch heute soll es meiner Gemahlin zu Ehren nicht anders sein, obwohl schwerlich andere darauf hören, als Fledermäuse, und die lassen sich am Tage nicht leicht im Schlafe stören.«

Er kehrte sich um und rief dem Postillon einige Worte zu, der alsbald sein Horn ansetzte und das übliche Signal nach dem verödeten Hause hinübersandte.

Und wiederum seufzte Blisterchen, nun aber erleichtert, und freier fügte sie hinzu: »Wie das lustig klingt. Man möchte glauben, die guten alten Zeiten seien zurückgekehrt.«

»Bessere noch werden kommen,« versetzte der Baron, und im Geiste bereits den alten Glanz erneuernd und die erforderlichen Mittel berechnend, betrachtete er prüfend die verwilderte Vegetation, die nur wenig Nachhilfe gebrauchte, um wieder einladend zu wirken und das Auge zu ergötzen.

Sie hatten das Ende der Allee erreicht. Vor ihnen dehnte ein umfangreicher runder Rasenplatz sich aus, um den der Weg herumführte. Was auf ihm einst malerische Gruppen von Ziersträuchern gewesen, erschien jetzt als wildes Gestrüpp, reichlich durchzogen mit rotblättrigen Brombeerranken. Dazwischen standen auf gemauerten, des Kalkputzes entkleideten Postamenten bemooste Sandsteinstatuen aus der Rokokozeit, mit steinernen Girlanden bekränzte Urnen, überwacht von dickköpfigen Engeln, und endlich auf jeder Seite der nach dem Hause hinaufführenden Rampe ein riesenhafter, dumm dareinschauender Löwe mit fürchterlicher Mähne. Das Haus selbst, ursprünglich mit einer vornehmen Einfachheit errichtet, trug einen ruinenhaften Charakter, dadurch erzeugt, daß der verwitterte Kalkputz zum größten Teil von den Mauern abgebröckelt war, Reste der vom Roste zerfressenen Dachrinnen hier und da niederhingen, Grasbüschel auf den Gesimsen wucherten und der Staub viele Jahre, durch Regen verhärtet, die Glasscheiben bedeckte.

Wenig von dem ersten Anblick der altehrwürdigen Heimstätte erbaut, wiederholte der Baron, wie sich selbst ermutigend: »Ja, bessere Zeiten sollen kommen. Auch für dich, Gertrud. Nicht länger sollst du als überflüssige Schließerin in dem kleinen Bau wohnen. Eine Pension will ich dir aussetzen, und da magst du in der Stadt dich nach einem bequemeren Unterkommen umsehen.«

»Von da soll ich fort, wo ich so manches Jahr in Frieden lebte?« fragte Blisterchen heftig und im Bewußtsein ihres Rechtes beinahe jede Vorsicht vergessend; »wer kann mich überhaupt vertreiben oder mir eine Pension aussetzen, die ich schon seit vielen Jahren bezog?«

»Du bist einfältig,« erwiderte der Baron spöttisch, »du vergißt, daß du zu dem Besitzer des Hofes sprichst, der eine neue, ihm geeigneter erscheinende Ordnung hier einzuführen beabsichtigt. Unter den bisherigen Verhältnissen magst du deinen Obliegenheiten wohl gewachsen gewesen sein, jetzt aber erfordert es einen Mann, dessen Armkräfte zugleich im Park ausgenutzt werden können.«

»Ich gehe nur dann, wenn die mich fortweisen, die ein Recht dazu haben,« versetzte Blisterchen störrisch.

Der Baron errötete vor Zorn, erwog indessen, daß es ratsamer sein möchte, jemand, der so vertraut mit allen Familienverhältnissen war, nicht zu seinem Feinde zu machen, und antwortete beschwichtigend: »Sei nicht unvernünftig, sondern begreife, daß nach den Beziehungen, in denen du zu dem jüngst Verstorbenen standest, dein Anblick auf uns alle peinlich einwirken würde. Es könnte sich auch der Argwohn regen, daß der entartete Mensch die Grundsätze, die ihn schließlich ins Verderben hinabrissen, mit der Muttermilch einsog.«

Wie von einer giftigen Waffe getroffen, blieb die Alte stehen und betrachtete den Baron mit einem Ausdruck, daß dieser wie beschämt ihrem Blick auswich. Zugleich befestigte sich aber sein Verdacht, daß die treue Wärterin der Mutter seines Bruders dennoch Mittel besitze, seine Pläne auf die eine oder die andere Weise störend zu durchkreuzen.

Einige Sekunden verrannen in Schweigen. Dann hob Blisterchen mit drohender Würde an: »Die Milch, mit der Baron Hans von Scherben genährt wurde, war nicht schlechter als die seiner Stiefmutter. Nein, Herr Baron, die hat's nicht getan, wenn der arme Hans Schaden an seiner Seele erlitt; da liegen andere Dinge zugrunde. Aber noch lebt ein guter Gott, und der wird die zu finden wissen, die einen Mann, der zum Stolz seines Vaters geboren wurde, elendiglich unter die Füße traten.« Und noch heftiger fügte sie hinzu, ihrem Gegner das Wort vor dem Munde abschneidend: »Aber ich weiß, was Sie bezwecken. Da Sie die Gewalt nicht besitzen, mich auf gerichtlichem Wege aus dem Hause zu vertreiben, möchten Sie es mit bösen Worten tun. Ich aber, ich weiche nicht. Und ist der Baron Hans tot und begraben, so mag sein Kind noch leben, und auch das müßte erst großjährig sein, um seine Hand an die Bestimmungen seiner Großmutter legen zu können. Jetzt ist's heraus, Herr Baron, und wenn ich mehr sagte, als ich wollte, und mehr, als zu hören Ihnen angenehm war, so tragen Sie selber die Schuld.«

»Du bist verrückt,« war das einzige, was der Baron hervorzubringen vermochte; denn Blisterchen war von ihm fortgetreten und begab sich eiligst nach der Rampe hinauf. Gleich darauf stand sie vor der Mitteltüre. Mit fieberhafter Hast öffnete sie das Schloß, den gelösten Flügel so heftig nach innen stoßend, daß es durch das ganze Haus dröhnte. Nachdem sie über die Schwelle geschritten war, kehrte sie sich um, und laut rief sie nach dem eben anhaltenden Wagen hinüber: »Wünschen der Herr Baron zuerst die unteren Räume zu besichtigen, oder die oberen?«

»Ich wünsche, daß du in deinen lächerlichen Zornesausbrüchen dich mäßigst,« antwortete dieser, das Durchdringende der Stimme, das dem im Hause weilenden Flüchtling galt, als Trotz deutend; »wir fangen unten an und hören oben auf, wie es der gesunde Menschenverstand eingibt.«

Beim letzten Wort öffnete er den Wagenschlag, und seiner Frau die Hand bietend, half er ihr mit einer umständlichen Förmlichkeit beim Aussteigen.

»Ein gräßliches Weib,« sprach die Baronin laut genug, um von der Alten in der Haustüre verstanden zu werden, »und ein kostbarer Empfang in diesem Eulennest.«

»Sie ist nicht bei Sinnen,« erklärte der Baron gedämpft und sichtbar beherrscht von den Launen der schönen Tochter eines Fabrikanten, dessen Mittel es ihr erlaubt hatten, sich mit einem stolzen Titel und den empfindlichsten Nerven zu versehen. »Beruhige dich nur; ich werde dafür sorgen, daß sie uns nicht viel mehr hindert. Das Eulennest wird sich übrigens in ein Paradies verwandeln, bevor sechs Monate darüber hingegangen sind.«

»Aber so weit von der Hauptstadt,« klagte die Baronin.

»Gerade weit genug, um ungestört und in aller Behaglichkeit die stillen Freuden des Sommers genießen zu können,« tröstete der Baron, »und ich müßte mich sehr täuschen, würde unsere Einsamkeit nicht häufiger unterbrochen, als uns schließlich lieb sein wird. In der Landnachbarschaft finden wir nämlich die besten Kreise vertreten.«

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Er hob den braunlockigen Knaben aus dem Wagen. Dessen beinahe zu zartes, bildschönes Antlitz strahlte in Glückseligkeit, als er des altertümlichen Hauses und der beiden Sandsteinlöwen ansichtig wurde, die er im Geiste schon als Reitpferde benutzte. Ob der Vater üble Laune verriet, die Mutter gelangweilt dareinschaute oder die alte Frau in der Haustüre ihm einen bösen Blick zuwarf, kümmerte den in dickem violetten Sammet prangenden kleinen Burschen wenig. Nach Kinderart hatte er nur Sinn für alles Neue, das in seinen Gesichtskreis trat. So nahm er auch mechanisch die ihm gereichte Hand der Mutter, um von ihr an der Seite des Vaters in das Haus geführt zu werden.

Blisterchen war schweigsam geworden. Was geschehen konnte, den Flüchtling zu warnen, hatte sie getan. Was das Posthorn vielleicht nicht bewirkte, glaubte sie durch ihre Stimme sicher erreicht zu haben. Es erfüllte sie nur noch die einzige Besorgnis, daß es Scherben nicht gelingen würde, ein sicheres Versteck zu gewinnen, oder der Baron die Besichtigung bis in die abgelegensten Winkel ausdehne. So beschränkte sie sich denn darauf, bald dieses, bald jenes Zimmer zu öffnen und zu schließen; die an sie gerichteten Fragen aber beantwortete sie kurz und eintönig, bis der Baron es endlich aufgab, weitere Erkundigungen einzuziehen. Aufmerksam lauschte sie dagegen den zwischen den beiden Gatten geführten Gesprächen, die nicht ausdrucksvoller klangen, als der Ton zweier unmelodisch abgestimmten Schellen, während die fröhlichen Bemerkungen des hübschen Knaben wie liebliche Tonperlen dazwischen rieselten.

Sie waren in ein großes Zimmer getreten, dessen drei Fenster nach einem von Stallungen, Remisen und Dienstbotenwohnungen begrenzten Hofe hinaus sich öffneten. Die schadhaften Laden mit ihren herzförmigen Ausschnitten ließen hinlänglich Licht hereinfallen, um sich mit der Einrichtung ausgiebig vertraut machen zu können. Möbel, durchgängig im Rokokostil, waren auch hier nur wenige vorhanden. Der auf ihnen lagernde Staub und die Spinngewebe verliehen ihnen ein vorweltliches Aussehen.

»Dieses Gemach wird zum Schlafzimmer eingerichtet,« erklärte der Baron.

»Ein entsetzlicher Aufenthaltsort,« versetzte die Baronin klagend, »der Dunst ist zum Sterben,« und matt hob sie das duftende Spitzentaschentuch an ihre Lippen.

»So viel ich mich entsinne, ist es der lustigste Raum im ganzen Hause,« hieß es mit einer schüchternen Anwandlung von Ungeduld zurück. »Ich beging übrigens einen Fehler, dich schon jetzt hierher zu führen. Einen anderen Eindruck wirst du gewinnen, wenn wir erst unseren Einzug hier halten und Haus und Park, Garten und Gewächshaus dir verjüngt entgegenlachen.«

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»Ein entsetzlicher Aufenthaltsort,« versetzte die Baronin klagend.

Mit den letzten Worten kehrte er sich dem nächsten Fenster zu, dessen Flügel wohl herangedrückt, jedoch nicht verriegelt waren.

»Wunderbar,« sprach er weiter, »wie ist das zu erklären? Da – die Fensterlade ist mit einem Bindfaden befestigt. Der wurde neuerdings angebracht, oder er wäre verwittert. Hier muß jemand mit Gewalt eingedrungen sein; die Lade ist eingesplittert und der Haken abgebrochen.«

Aufmerksamer prüfte er das Fensterbrett. Auf diesem waren die Spuren schwer benagelter Schuhe sichtbar, und noch lagen die abgetrennten Ölfarbenkrümel neben den Schrammen.

»Hier ist unstreitig jemand eingestiegen,« sagte der Baron grollend zu Frau Gertrud; »freilich, wo Ungeziefer aller Art haust, mag auch einmal ein Strolch sein Obdach suchen.«

Blisterchen faßte sich rasch. Auch sie schrieb die Spuren einem dort eingedrungenen obdachlosen Landstreicher zu. Denn hätte ihr Schützling auf diesem Wege das Weite gesucht, so wäre kein Grund für ihn vorhanden gewesen, die Fensterlade samt dem sie haltenden Haken zu zertrümmern.

»Mag wohl einmal ein Lump hier eingebrochen sein und das Haus auf bequemerem Wege verlassen haben,« bemerkte sie eintönig, »aber wer es auch war: an den Möbeln vergreift sich schwerlich jemand; und sonst gibts hier nichts zu holen.«

»Immerhin ungehörig,« versetzte der Baron tadelnd, »denn wer hier eindringt, befindet sich auf sträflichem Wege. Aber wir werden solchem Gesindel das Handwerk legen. Es muß eine andere Aufsicht geführt werden.«

Aus Blisterchens Augen schoß ein feindseliger Blick; ihre Worte klangen indessen ruhig, indem sie erwiderte: »Soweit mir eine Aufsicht oblag, ist sie pünktlich und gewissenhaft erfüllt worden. Über meine Vorschriften und Kräfte kann ich nicht hinaus.«

»Wir wollen jetzt die oberen Räume in Augenschein nehmen,« sagte der Baron kühl.

Gleich darauf erstiegen sie die Treppe, und vor ihnen öffnete sich die Türe des Speisesaales. Blisterchen war zuerst eingetreten. Durch einen Blick überzeugte sie sich, daß nichts an die Anwesenheit eines Gastes im Hause erinnerte.

»Grauenhafte Bilder,« brach die Baronin das seit dem Verlassen des unteren Stockwerks herrschende Schweigen, während der Knabe, die großen blauen Augen auf die Porträts gerichtet, sich furchtsam an sie anschmiegte. »Wie kann man seine Umgebung durch solche Karikaturen verunzieren. Weder Kunst noch Geschmack verrät sich in den Stümpereien.«

»Sie sind bisher hochgeachtet und geehrt worden,« konnte Blisterchen sich nicht enthalten, zu bemerken, und ihre Stimme zitterte vor Wehmut und Zorn.

»Von denjenigen, die sie angingen,« suchte der Baron kleinlaut zu vermitteln, »sind sie dir unangenehm, so sollen sie entfernt werden. Stehen sie doch in keiner Beziehung zu uns.«

»Herr Baron, die Bilder bleiben da, wo sie seit hundert Jahren gehangen haben,« erklärte Blisterchen mit Entschiedenheit. »So ist mir anbefohlen worden in den Tagen, als eine junge Mutter da drinnen« – und sie wies nach dem offenen Schlafgemach hinüber – »fürchtete, ihre schwere Stunde nicht zu überstehen. Ich aber gelobte ihr, darüber zu wachen, so lange meine Augen offen ständen.«

Boshafte Schadenfreude spielte auf den Zügen der Baronin. Erfüllte sie bisher die Hoffnung, die in Aussicht stehenden zweifelhaften Annehmlichkeiten des Landlebens an dem Widerstand der Alten scheitern zu sehen, so überwog jetzt Zorn über deren Auflehnen gegen die ihr erteilten Befehle alle anderen Empfindungen.

»Ich begreife nicht die Rücksichten, die du der Person gegenüber walten läßt,« wandte sie sich geringschätzig an den Baron. »Bist du Herr hier, so mache dein Recht geltend und lasse sie dahin schaffen, wo man es versteht, solche Menschen unschädlich zu machen.«

Der Baron holte tief Atem. Doch anstatt, wie seine Frau erwartete, die Alte in ihre Schranken zurückzuweisen, kämpfte er seine Wut nieder.

»Komm,« sprach er ruhig, indem er der Baronin den Arm bot, »wir dürfen nicht so hart urteilen. Wer so lange wie sie, in denselben Verhältnissen lebte, trennt sich nur schwer von ihnen. Wir sind nicht hier, um uns die Laune verderben zu lassen. Begreift Gertrud erst, daß sie im Unrecht ist, wird sie mit den beabsichtigten Änderungen am wenigsten unzufrieden sein.«

Blisterchen schwieg. Indem sie den beiden Gatten in das kleine Schlafgemach folgte, kehrte ihre Überlegung zurück und damit die Angst vor allen nur denkbaren Möglichkeiten. An dem Paare vorbei warf sie einen Blick auf die alte Lagerstätte. Sie selbst entdeckte nichts Verdächtiges, aber wie ein Wetterschlag wirkte es auf sie ein, als der Baron, auf die breite Matratze zeigend, sie von neuem ansprach.

»Der Landstreicher scheint es sich bequem gemacht zu haben,« sagte er höhnisch, »denn der Eindruck da rührt nicht von alten Zeiten her. Na, auch Landstreicher wollen einmal weich liegen; gespeist hat er ebenfalls, wie die Brotkrumen und das Fleischrestchen hier auf dem Fußboden beweisen,« und da Blisterchen, anscheinend störrisch, in der Tat aber einer Ohnmacht nahe, schwieg, schritt er achselzuckend nach der Tapetentüre hinüber.

»Hier durch gelangt man auf eine Treppe, die nach dem Boden und den Giebelzimmern hinaufführt,« bemerkte er wie beiläufig zu seiner Frau.

»Wo ist der Schlüssel?« wendete er sich an Blisterchen, als die Tür vor seinem Druck nicht weichen wollte.

»Da fragen der Herr Baron mich zuviel,« antwortete diese in ihrer Not mürrisch, fügte aber boshaft hinzu: »Hier gehen Geister um, daß ich mich nachts um keinen Preis hierher getraute; die mögen ihn abgezogen haben. Ja, Gespenster,« wiederholte sie, »die Geister der Herren und Damen an den Wänden des Speisesaales. Jetzt ist noch einer hinzugekommen, ein Geist mit Malen von eisernen Ringen an den Händen –«

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»Still, Weib,« fuhr der Baron heftig auf, »redest du von Geistern, so sind es solche, die des Nachts einsteigen und wohl gar mit deinem Wissen Unfug treiben.«

»Ich finde es entsetzlich hier,« stieß die Baronin hervor, »und kleidetest du Wände und Möbel mit Goldbrokat, so würde ich die jetzige Stunde nie vergessen.«

»Sie ist verrückt,« raunte der Baron seiner Frau zu, und er scheute offenbar, sich beschwichtigend an Blisterchen zu wenden. »Meine erste Aufgabe soll es sein, sie aus unseren Augen zu schaffen. Jetzt aber wollen wir alles vermeiden, was dazu dienen kann, sie noch mehr aufzuregen.«

Schweigend, nur hin und wieder eine kurze Bemerkung austauschend, beendigten sie ihren Rundgang. Erst auf dem von vergilbten Linden und Kastanienbäumen beschatteten geräumigen Hofe, wo die kalten Mauern sie nicht mehr einengten und statt der dumpfigen Atmosphäre in den staubigen Räumen sie die reine, klare Herbstluft einatmeten, machte sich bei allen eine gewisse Erleichterung bemerkbar. –

Anderthalb Stunden waren hingegangen, als sie endlich wieder auf der Rampe erschienen. Während Blisterchen die Haustür abschloß, geleitete der Baron seine Frau mit dem Knaben nach der ihrer harrenden Postkutsche.

»Ich hoffe, daß beim nächsten Wiedersehen wir uns besser verständigen!« rief er der Alten zu, und nachdem er den Seinigen in den Wagen geholfen und den Postillon über die durch den Park führenden Hauptwege unterrichtet hatte, stieg er ebenfalls ein. Auf ein Zeichen von ihm trieb der Postillon die Pferde an und gleich daraus bogen sie in einen schattigen Waldweg ein. So lange der Wagen ihr sichtbar, hatte Blisterchen ihm von der Rampe aus nachgesehen.

»Mit der Besichtigung des Parkes ist es nicht viel geworden,« lispelte sie in ihrer feindseligen Erregung, »umso besser! Ein fröhlicher Empfang hätte euch alles fröhlich erscheinen lassen, während jetzt« – sie lachte höhnisch – »während jetzt in jedem Winkel ein Gewissensbiß lauert, wie grausames Raubgetier. – Schade um den hübschen Buben, ich hätte ihn lieb gewinnen können.«

Gesenkten Hauptes legte sie den Rest des Weges zurück. Als sie bei den Zwillingshäuschen eintraf, war Kunibertus eben im Begriff, das Tor zu schließen. Der Wagen des Barons war bereits in der Richtung nach der Stadt verschwunden. Doch wußte sie, daß Kunibertus mit dem Baron gesprochen hatte.

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»Von hier fort möchte er mich haben,« rief der Schmied ihr grimmig lachend zu; »da kann er lange warten, Blisterchen, denn Sie werden Ihre hundert Jahre alt.«

»Fragte er nach Frau und Kind?« forschte Blisterchen gespannt.

Nicht mit 'ner Silbe. Aber Die Unordnung auf dem Hofe tadelte er, als ob's meine Angelegenheit wäre. Nicht 'nen Hammerschlag aufs kalte, geschweige denn aufs rote Eisen tu' ich für ihn, so lange er mit mir redet, wie mit 'nem Hörigen.«

Blisterchen neigte ihr Haupt billigend und schritt der Schmiede zu.

»Nicht für fünfhundert echte Goldstücke gebe ich die Unica aus den Händen!« rief die Meisterin der bei ihr eintretenden Nachbarin entgegen, und mit der Herrichtung des Mittagsmahls beschäftigt, wies sie auf die Kleine, die fröhlich spielend in einem sie von allen Seiten schützenden Kinderstuhl saß.

Blisterchen war neben das Kind hingetreten und betrachtete es sinnend. Sie mochte sich die Erlebnisse der letzten Stunden vergegenwärtigen, daß sie so ernst, so schwermütig auf das kleine Lockenhaupt niedersah.

»Ein Prachtmädchen, nicht wahr?« störte die regsame Meisterin sie in ihrem Brüten.

»Ja, ein Prachtmädchen,« bestätigte die Alte, und nicht ohne heimliche Befriedigung suchte sie in dem kleinen holden Antlitz vergeblich nach einer Ähnlichkeit mit dem Vater. Sanft strich sie die blühenden Wangen der lächelnd zu ihr Aufschauenden, dann begab sie sich in die Werkstatt hinaus, um angesichts des zischenden und knisternden Feuers ihre Gedanken weiterzuspinnen.

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