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27.
Kein Schluß

Der Wagen hielt völlig unerwartet, an einer Stelle, wohin er nur geraten sein konnte, wenn jemand Ziel und Strecke neu überlegt hatte. Stephanie und André bemerkten erstaunt, daß sie von blühenden Büschen dicht umgeben waren. Anstatt der breiten Allee mit den fern darüber geneigten Baumkronen sah sie sich auf dem schmalsten der Wege, kaum daß er ein Auto durchließ, es sei denn den schlanken Sportwagen. Sonst ging man ihn a) um abzukürzen, b) um mit einer anderen Person allein zu sein. Einsam war es; von der Straße hörte man kaum die Signale.

André und Stephanie beabsichtigten weder a noch b. Zärtlichkeiten unter Blumen eigneten sich wenig für eine Stunde, die sie eher peinlich nannten. Was Eile betrifft, sie fühlten kein Bedürfnis, Arthur schnell zu erreichen. Kommen mußten sie, die Umstände waren gebieterisch. Aber sie hätten vorgezogen, unbegleitet einzutreten, und nicht zu bald.

Was hatte dieser Poulailler, daß er das Steuer umfaßt hielt und sich nicht rührte? Seine Vergangenheit, die schon abgelegt schien, machte die beiden Kinder einen Augenblick recht unruhig. Geht ein Ruf denn nie verloren? In ungewissen Fällen übertreibt man ihn, man hält sich von dem übel Beleumdeten auf schlechthin jede Inkorrektheit gefaßt. Dabei hat er nach näherer Bekanntschaft menschlich nur gewonnen. Andererseits kann er plötzlich wahnsinnig geworden sein.

Stephanie scherzte: »Poulailler, wissen Sie eigentlich, wo Sie sind? Den Verliebtensteig nennt man dies. Le sender des amoureux: für Sie ist er nicht gedacht; kaum für uns, wenn wir Geschäfte haben.«

»Die haben auch Sie«, sagte André. »Oder hätten Sie verzichtet?«

»Keineswegs«, erklärte Poulailler und wendete endlich sein Gesicht her. Es zeigte auf seiner offenen Hälfte, daher unvollkommen, eine Regung, die man nicht Demut nennen möchte. Wie aber sagt man? Sie suchten nach keiner Bezeichnung, sie waren einfach gerührt von seiner Wehrlosigkeit. So unschuldig saß er da, hatte schon das halbe Gesicht bepflastert und einbinden müssen in dem Kampf um seine Existenz; jetzt aber, das fühlten sie, bevor er sprach, begab er sich in ihre Hand.

Poulailler sprach. Seine Stimme, bekanntlich eine Gesangsstimme, blieb angenehm, sogar wenn er den reizbaren Kavalier vorstellte. Wer aber war er hier? »Ich entschuldige mich«, sprach er ruhig, mehr als ruhig, »daß ich meinen Sitz nicht verlasse, um der jungen Dame beim Aussteigen zu helfen. Schon für zwei Personen ist wenig Raum auf diesem blumigen Pfad.«

»Wir sollen aussteigen?« fragten sie.

»Ich bitte darum«, sagte er.

»Von hier haben wir mehr als eine halbe Stunde zu gehen« – André stellte es fest. Stephanie ergänzte: »Sie fahren ohne uns voraus. Sie wünschen uns zuvorzukommen.«

»Nicht im geringsten, mein Fräulein«, erwiderte der rätselhafte Mann.

»Der charmante Spaziergang teilt sich hier. Rechts gelangen Sie an Ihr Ziel, Sie kürzen sogar ab. Ich fahre links zurück auf die Landstraße und nach der Stadt. Mir ist etwas eingefallen.«

»Ich denke, Sie wünschten mit Arthur zu sprechen?«

»Vor Ihnen, liebes Fräulein? Bevor er weiß, was Sie ihm augenscheinlich zu sagen haben? Dann hätte ich ihn überrascht; er würde sich getäuscht fühlen und seine Zustimmung bereuen. Nicht nur, daß meiner Sache schlecht gedient wäre. Ich hätte nicht ehrenhaft gehandelt.«

»So viel macht Ihnen das aus? Mehr als andere Redensarten? Poulailler, Ihnen ist noch niemand gerecht geworden.«

»Ich ebensowenig den anderen. Erfahren Sie bitte: wer mitten im Leben steht, hat gerecht zu sein verlernt und vergessen. Gerechtigkeit bliebe immer eine melancholische Mahnung, wenn nicht einige jung wären und noch fähig, nach ihr zu handeln.«

Dies gesagt, traf Poulailler ohne weiteres Anstalt abzufahren; sie konnten gerade noch aussteigen und dem schlanken Wagen nachblicken, bis blühende Büsche sich hinter ihm schlossen.

»Der kommt nicht wieder«, meinte André im Weitergehen. »Mir ist, als hätten wir ihn das letztemal gesehen.«

Stephanie: »Es wäre ihm zuzutrauen. Sein Takt wird ihm verbieten, seine Freunde bloßzustellen, solange sein neuer Charakter als Ehrenmann nicht unbestritten feststeht.«

André: »Wenn er Geld hat, wird er darauf nicht lange warten müssen. Die Frage ist: hat er Geld?«

Stephanie: »Nein – oder vielmehr ja. An uns liegt es, Arthur zu veranlassen, daß er mit ihm teilt.«

André, hatte er schon vorher begriffen? »Dafür gibt er uns Zeit. Nach der Stadt und zurück, mitgerechnet seine erfundenen Geschäfte, macht nahezu an zwei Stunden. Mehr als genug, um Arthur für eine gemeinsame Unterschlagung zu stimmen.«

Stephanie: »Das scheint leider das Wort zu sein.«

André: »Ich lege Wert auf das rechte Wort. Arthur dagegen, in seiner Verwirrung, über den toten Balthasar, über das unverhoffte Gold, wird gar nicht bemerken, welches Delikt er begeht.«

Stephanie, berührt herzlich seinen Arm: »Darf ich richtigstellen? Arthur hat immer auf das Gold gerechnet. Es war sagenhaft, aber nicht unverhofft. Was er, wie Nolus und l'autre larron, mit den milden Stiftungen der Steuerflüchtigen vorhatte, ein Arthur hat es keinen Augenblick anders aufgefaßt, als das Gesetz es nennt.«

André: »Du bist hart.«

Stephanie: »Damm würde er zuletzt den Versucher immer fortgeschickt haben, sogar als ruinierter Mann.«

André: »Du bist ein Engel an Güte.«

Stephanie: »Ich bin weder ein Engel noch hart. Da wir jung sind, dürfen wir gerecht sein, du hast es gehört.«

André: »Sonderbar, daß in den Gedanken eines Poulailler die Gerechtigkeit vorkommt.«

Stephanie: »Wo sollte sie anders vorkommen. Er war mit ihr vertraut, stürmisch vertraut, bevor er Ehrenmann wurde.«

André: »Es ist zu verstehen, gesetzt, daß er seinen Beruf als ein Mittel des sozialen Ausgleiches auffaßte. Heute geht er weiter. Wir selbst sollen ein eklatantes Eigentumsverbrechen moralisch verantworten.«

Stephanie: »Das geht nicht. Wir achten das Eigentum.«

André: »Ohne daß wir seine Gegner hassen. Sie müssen nicht gerade einen Nolus niederstrecken und mit den Schecks abziehen, worauf sie gegen den Besitz nichts mehr einwenden.«

Stephanie: »Das können wir wirklich nicht auf uns nehmen.«

André: »Besonders, da die gesetzlichen Folgen unserer Gesinnung nicht uns träfen. Arthur hätte sie zu tragen.«

Stephanie, zärtlich: »Du vergißt schon wieder, daß er ein Gewissen hat und das Geschäft von der Hand weist.«

André, dankbar: »Obwohl er selbst es dem anderen vorgeschlagen hat. Daher erhebt sich die Frage: kann er noch zurück? Denselben Poulailler, den er inspiriert und auf den Weg geschickt hatte, würde er nach vollbrachter Tat dementieren, allein lassen, ihn verwerfen in die schändlichste Armut. Denke dir: Armut mit dem Bewußtsein der Schande!«

Stephanie: »Beruhige dich, Schande kennen auch die unschuldvollsten Armen.«

André: »Aber sie lastet schwerer, wenn man vergebens gestohlen hat. Das darf nicht sein. Arthur, dies verantworten?«

Stephanie: »Dann hält er dem anderen sein Wort, und sie stehlen beide.«

André, umfaßt seine beiden Schläfen: »Schrecklich, schrecklich. Ein unentrinnbares Doppelspiel des Gewissens. Wie man es macht, ist es falsch. Da haben wir den Existenzkampf in ganzer Gestalt.«

Stephanie, leise: »Aber er findet nicht statt.«

André, bleibt stehen: »Wie?«

Er wünschte ihre Augen zu sehen: sie hielt sie gesenkt auf die Blumenpracht um ihre Füße. Die farbenselige Vegetation, die, höher als sie beide, ihre besonnten Wellen rollte, wer hinsah, dem leuchtete sie auf, das eigentliche Erdenglück. Wer hinsähe, hätte es. Das ist die Existenz, und mitnichten all unsere angemaßten Nöte. Er sagte: »Wie schön, und wir, wie traurig!«

»Jetzt vergißt du wirklich«, sprach Stephanie, Entschlossenheit in der Stimme, die wieder ihr voller Mezzosopran war. »Du hast vergessen, wem Balthasar sein, wir wissen nicht wie, erworbenes Gold hinterläßt. Anstatt des Sohnes erbe nur ich.«

»Was hast du vor? Ihm Bedingungen stellen?« Er hielt den Atem an.

Aber sie antwortete ruhig: »Wozu Bedingungen. Nein, ich erspare ihm jeden Konflikt, auch diesen. Er soll nicht entscheiden müssen, ob er den vollen Betrag, seinen Anteil und den anderen, an den Fundus des Kunstinstitutes abführt. Ich bestimme es selbst.«

Hier warf André die Arme zuerst in die Höhe, dann um ihre Schultern, und den weihevollen Kuß der Dankbarkeit, diesmal empfing Stephanie ihn auf ihre Stirn.

»C'est pourtant si simple, mais on n'y pense pas«, sagte sie mit bescheidenem Spott, für alles und für sich. Er erwiderte in seinem zweiten Kuß:

»Doch nicht so einfach. Es ist niemals so einfach, auf ein großes Vermögen zu verzichten, selbst wenn man es nicht behalten wollte. Was mag übrigbleiben von dem Gold, nachdem du den Fundus entschädigt hast?«

Sie meinte: »Soviel wird noch da sein, daß wir in unserem unheimlichen alten Haus eine Weile versorgt sind, bis das Finanzamt uns wegen geschuldeter Abgaben an die Luft setzt.«

»Und für unsere lieben Vorfahren?« wollte er wissen.

Sie beschied ihn: »Ob Gold oder keines, Melusine wird immer einmal Gelegenheit finden, vom Stuhl zu fallen: Arthur auf seine Art desgleichen.«

»Der Besitz verlängert ihr Leben nicht.« Er seufzte.

»Er kürzt es auch nicht ab.« Sie lächelte.

»Du bist sicher?« fragte er. »Dann will ich dir meinen Verdacht mitteilen. Die Fässer enthalten mehr als ein Opernhaus kostet. Mehr als zwei, was sage ich, als zehn. Sie enthalten genug, um manchen kriegführenden Mächten einen Tag ihrer dreißigjährigen Kriege zu bezahlen.«

»Jetzt übertreibst du«, sagte sie vernünftig. »Aber ich glaube selbst, daß Arthur und Melusine noch immer reich sein werden: vorübergehend, versteht sich.«

»Wie lange schätzest du?« Er beeilte sich, selbst zu antworten. »Lange genug, daß sie viel Liebe ungenützt verstreichen lassen.«

»Du willst mich erschrecken. Die nicht getane Liebe wäre nie mehr einzuholen, sie bliebe verstrichen?«

»Du sagst es«, versicherte er ihr mit aller Entschiedenheit und legte sie ohne viel Langmut auf den Rücken, zwischen zwei Büsche. Der eine funkelte von blauen Kelchen, so erscheint die Sehnsucht. In mindestens drei abgestuften Rot strahlte der andere die drängende, währende und erfüllte Lust. Sie war sogleich einverstanden.

Als sie schon wieder die Füße setzten, vermutete Stephanie, ohne Bedauern: »Der andere wird, infolge unserer Aufenthalte, zu früh ankommen.«

»Keine Sorge seinetwegen!« bat André überaus zärtlich. »Er wird nicht nur zu früh, er wird auf jeden Fall umsonst kommen. Kaum, daß wir das erste Wort gesprochen haben – Balthasar tot –, wird Arthur mit uns seinen Wagen besteigen.«

»Oder ohne uns?« schlug sie vor. »Wozu beim ersten Wort das Gold erwähnen. Er findet den begrabenen Schatz schon selbst. Auch das Testament lernt er bald genug kennen.«

»Richtig, und was geht es uns an.«

»Was geht es uns an«, wiederholte sie. »Es wäre denn, jemand anderer, von dem wir nichts wissen, wollte das Gold gerecht verwenden. Hieß es vorher nicht, Gerechtigkeit sei erlaubt, wenigstens solange wir jung sind? Hingeben für die bessere Lage aller, hingeben allein ist gerecht.«

Er sah sie an und bewunderte sie. »Das kommt von dir. Ich habe meine Zweifel für mich behalten, bis die Erbin sie erriete. Die Enterbten, wie sie genannt wurden, sind unzählig, eine Quasi-Gesamtheit. Ihre gerechte Sache erhielte Antrieb und Beistand durch Subsidien von solchem Betrag.«

»Welcher Betrag?« fragte sie. »Die Gerechtigkeit auf Erden ist nicht in bar zu kaufen, fürchte ich. Sind wir jung genug, es zu glauben?«

»Forse che si, forse che no. Wahr ist: die gerechte Sache verschlänge, was aus den Fässern rinnt, noch schneller als die beiden Auserlesenen es verschwenden können.«

»Trotz allem!« erwiderte sie ihm. »Die Gerechtigkeit, die wir nicht sehen, muß nahe sein. Denn wir sehen die Liebe.«

Für dieses Wort umarmten sie einander, mit Küssen der Dankbarkeit und anderen.

Von jetzt an gingen sie Hand in Hand, glücklich und gut. »Uns ist zugeteilt Arbeit und Liebe: von beiden viel. Bevor wir liebten, dachten wir, unser Leben lang nur wenig zu arbeiten.« Dies sagten sie einander, während die Luft ihnen zu klingen begann. Es war die seltene Stunde, da von besonnener Seligkeit und einer Güte, die sich kennt, die Himmel tönend werden.

Alle tun ihnen von Herzen leid, so sagen sie, wegen der Unwissenheit aller. Sie beide würden sich vermessen, als besäßen sie den Sinn und das Wesen; ahnen aber, es ist vermessen. Wir wissen nichts, bekennen sie. Darum sind wir glücklich. Wären wir gewiß, daß wirklich alle Fässer voll Gold sind, es wäre noch gar nichts. In welcher Welt geschehen solche Dinge? Es ist dieselbe, die den Empfang bei der Welt veranstaltet. Wir begreifen ihn nach unserer Weise. Fragwürdig nennt ihn, wer nicht liebt. Wir lieben und fragen nicht. Frohsinn gleicht der Wehmut. Schmerzvoll ist das Glück.

Die Luft klingt, der Erdboden hebt die Schwebenden. Wir sind die ganze Zeit ohne sichere Kenntnis, in welchem Land dies spielt, in wie vielen Sprachen wohl; – und die Absicht? Mit uns einfachen Kindern die Absicht?

Jung zu sein, antworten sie. Das wäre kein Schluß? Es ist kein Schluß, antworten sie. Wir bleiben immer jung.

Sie gehen weiter.


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