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6.
Die Weinfässer

André küßte sie auf die Wange und entfernte sich schnell. Über das Geländer flüsterte sie dringlich: »Laufen Sie, junger Herr! Gleich hat er sich umgekleidet.«

Schon wieder ein Umzug! Nach seiner gründlichen Ergriffenheit dort oben vor der Kammer verspürte der Enkel die Neigung, dergleichen Kindereien spaßig zu nehmen. Mit Lauten der Heiterkeit betrat er den Säulensaal. Von der anderen Seite kam Balthasar.

»Du lachst«, bemerkte er. »Dann hast du, ganz für dich allein, gut gespeist?«

»Ich darf es gestehen«, erwiderte André.

»Und auf mein Wohl getrunken?«

»Öfter als nötig, Großpapa, denn du warst niemals in besserer Verfassung.«

Hierbei betrachtete er das Kostüm des Alten: ein rauher Arbeitsrock, die Hose faltig und keineswegs gestrafft über den Schuhen.

»Ist dein Geburtstag schon zu Ende?« fragte er.

»Das nicht«, erwiderte Balthasar. »Im Gegenteil. Aber möchtest du nicht wissen, wie meine Gesellschaft verlaufen ist?«

»Wie ist sie verlaufen?« sprach André ihm nach.

Balthasar holte weit aus, sowohl im Ton wie mit der Hand. »Wir hatten eine fesselnde und höchst ergiebige Zusammenkunft, ich und die anderen Erscheinungen meinesgleichen. Die Lebenden, ob es dir schon aufgefallen ist, bestreiten ihre Gespräche mit Prahlereien, Nichtigkeiten und der Sucht zu verletzen. Wir – wir schweigen.«

»Das ist das Sicherste«, gab der Enkel zu. »Besonders in Begleitung eines gepflegten Burgunders. Le bordeaux n'est pas un vin«, setzte er aus Übermut hinzu. Sein guter Balthasar sah ihn scharf, aber weinselig an.

»Derselbe, von dem du, bei deiner einsamen Mahlzeit, eine volle Flasche geleert hast.«

»Zwei«, behauptete André.

»Man sieht es. Du wackelst. Ich nicht. Versuche doch, mich umzuwerfen!«

Der Neunzigjährige übertrieb den Unternehmungsdrang, sein Enkel begann für ihn zu fürchten. »Großvater!« bat er. »Eine Ausschweifung, wenn sie selten vorkommt, soll gerade den älteren Knaben zu empfehlen sein, hör ich.«

Balthasar unterbrach: »Wunder wirkt sie. Laß es dir von mir anvertrauen!«

»Aber«, der Enkel schloß seine Bitte: »Nachher aber legt man sich schlafen.«

»Die Ewigkeit! Sie vergißt du?« rief Balthasar mit allem Feuer seiner Weine. »Ich spreche immer aus ihrer tiefen Stille, und scheint es dir, daß ich vor dir stehe, dann lieg ich in Wahrheit und ruhe.«

»Sehr schön.« André war bereit, alles Gewünschte anzuerkennen. Seit seinem Auftritt als Gespenst kostete es ihn wenig Widerstand seines Gewissens, das außerdem unter Alkohol gesetzt war, und unter welchen!

»Du Menschlein«, redete der von irdischen Verbindlichkeiten mehr als je Befreite ihn an. Ja, er bekam den Ausdruck der Allgüte. »Du Menschlein verlierst vom Genuß der edlen Gewächse dein Gedächtnis mitsamt der Leichtigkeit deiner zarten Jugend. Ich dagegen erinnere mich. Mein entrückter Geist findet für eine kurze Weile zum irdischen Spiel und Tand zurück. Am scherzhaftesten, mußt du wissen, ist der Besitz.«

»Was besitzest du denn?« fragte André nachsichtig, da er einsah: jetzt faselte der Alte.

Dem Enkel ins Ohr, unter argwöhnischem Auslugen nach jeder Richtung, raunte Balthasar:

»Du sollst meine Fässer sehen.«

»Deine Weinfässer?« Aus Schonung machte André sich nicht lustig, er ging auf das Geheimnis ein.

»Scht!« zischte sein drolliger Ahne. »Du bist der erste. Niemand kennt sie.«

Seine ausgetrunkenen Fässer! Was jetzt auf den Tisch kam, bezahlte nicht er selbst!

Der Ärmste umfaßte die Schulter seines Nachfahren:

»Komm, kleiner Sohn meines tüchtigen Arthur! Wir steigen zusammen in die Unterwelt.«

Schon auf der ersten Treppenstufe hielt er an: eine Gefahr war ihm eingefallen. »Sie kann uns nachspüren!« Er meinte Irene, die ihren Teil doch weg hatte und für entschlafen gelten konnte, eher als Balthasar. Indessen, was half es, ihm zu versichern, daß die Magd, nach so vieler Arbeit, ihre alten Füße unmöglich über mehrere Stockwerke schleppen werde, ihr Lohnherr bestand auf vollständiger Gewißheit. Behende, daß André ihm nur nachstaunte, erklomm er den oberen Absatz. Ein Schlüssel wurde umgedreht, einmal, noch einmal.

Beruhigt kehrte der Greis zurück, er nahm den Enkel bei der Hand wie einen Fünfjährigen, und die Reise begann. Das Erdgeschoß wurde dort, wo sie es betraten, von einer Diele eingeleitet. Wer sie nicht kannte, hätte auf den steinernen Fliesen den Halt verfehlt: durch die geschlossene Haustür drangen geringere Lichtstreifen als vorher mittags. André, dem jeder Schritt seit Knabenzeiten vertraut war, blieb dennoch unbeholfen am Fleck. Er fand es geraten, nicht zu wissen, wo der Keller lag.

Hinter der Treppe war die Mauer verstellt von einem roh gezimmerten, sehr schweren Schrank. Der neugierige Junge auf der Suche nach Verstecken hatte sich einstmals angestrengt, ihn um Zollbreite zu bewegen, nur so weit, daß vielleicht Stufen abwärts sichtbar würden. Vergebliche Mühe. Sein Großvater vielmehr drehte das altertümliche Möbel mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Entweder hatte sein heutiges Festmahl ihm die Kraft verliehen, sonst war ein Trick tätig. André ließ es unentschieden. Die edlen Gewächse wirkten bei ihm nach. Sie stimmten ihn weder blöde noch matt, nur beherzt und unernst war er auf dieser Stufe seiner Berauschtheit. Nicht einer der empfangenen Eindrücke ging tief. Die sagenhafte Kellertreppe machte ihm gar keinen, als sie wirklich dalag. »Im Namen des Volkes«, sprach er während seines Abstieges mit nachgeahmter Autorität, mußte aber alsbald hinter sich blicken, wo etwas knackte und etwas sich verschob. Ganz recht, der Schrank kehrte in seine vorige Stellung zurück. Auch eine Tür wurde ins Schloß gedrückt, ein Riegel vorgelegt. Die Finsternis war nunmehr vollkommen.

»Was machen wir nur?« fragte André unschuldig. Sein Großvater rieb ein Streichholz an, zwischen den felsigen Unregelmäßigkeiten der Wand entzündete er ein schwaches Lämpchen.

»Wir nehmen uns die Mühe, näher zu treten«, beschied ihn sein guter Balthasar, der die Höflichkeit noch weitertrieb. »Asseyez–vous, et reprenez courage«, verlangte er mit Geste über die weiten Räumlichkeiten hin. Die Schatten häuften sich von allen Seiten, aber sitzt man auf Schatten?

»Danke, guter Balthasar, oder soll ich an dieser Stelle zu dir Geheimrat sagen? Was den Mut betrifft, ist mit, als wär ein langer Weg nach Tipperary.«

»Scharfsinnig!« erwiderte der Großvater dem Enkel. »Wir sind hier nicht am Ziel, du bemerkst es pünktlich und ohne Schwanken.« Die Anerkennung wurde beeinträchtigt durch einen Unterton von Mißtrauen. Kein Zweifel, André war verdächtig, wie vorher Irene: mehr sogar, in einem tieferen Sinn vor allem. Leidende Eifersucht sprach mit. Was wär ich Blender noch, wenn du in meiner Unterwelt Bescheid wüßtest! So ist es aufzufassen, meinte André, aber er behält die Worte für sich. Ich habe nichts gehört.

Laut sagte er: »Großvater, darf ich dir etwas verraten? Du überschätzest deinen Keller. Als ich noch kindisch war –«. Er biß sich auf die Zunge.

»Du gibst zu verstehen: jetzt bin ich es.« Hiermit begnügte sich der Greis. Die böse Lust, die er nun einmal büßen wollte, überwog alle Hemmungen; den Jungen an der Hand ging er weiter.

André strauchelte über unebene Quadern. Eine kräftige Führung, denn das war sie, erwies sich als nützlich. Die Schatten fielen aus unsicherer Höhe in einen durchaus leeren Grund, und dieser endete lange nicht. Nur daß die unbegrenzte Weite des Raumes allmählich doch abnahm. Zuletzt vermutete André, links und rechts begleiteten Wände ihren Weg. Wie wahr! jetzt stieß er an eine Ecke. Nach Moder roch es sowieso.

Er murmelte: »Entschieden wird es hübscher auf Schritt und Tritt.« Gerade nötigte Balthasar ihn, schroff einzulenken: das letztemal, denn »Halt!« befahl er und ließ die umklammerte Hand los. Der Enkel sah ihn nicht, er hatte keinen Schimmer von allem, was war und geschah. Er stand, nicht besonders gespannt. Schade, dachte er. Wenn ich das mit dreizehn Jahren erlebt hätte!

Wieder wurde eine Tür geöffnet und noch eine Treppe freigelegt. Sie wand sich schneckenhaft nach unten, war übrigens aus Eisen, wie deutlich zu erkennen. Das einfallende Tageslicht des zweiten Kellers erhellte ihn schwach, nach vielfacher Filterung. Gleichwohl, wer vorher blind gewandelt war und geharrt hatte, dem wurden die Augen aufgetan.

André durchschritt die Tür, auch sie war aus Eisen. Von der Plattform der Wendeltreppe überblickte er den Weinkeller und fand ihn nicht übermäßig groß. Die beiden Reihen der Fässer, die rings die Wände umgaben, erlaubten nur eine enge Mitte, auf ihr bewegte sich der glückliche Besitzer. Wie denn! Ausgelassene Sprünge tat er, hierhin, dorthin. Er betastete die festen Spangen, die seine köstlichen Gewächse bewahrten. Er zählte, ob nichts fehle. Sein Enkel begriff den Taumel eines überalterten Menschen, dem sonst nichts blieb als seine Weine. Die aber leben mit ihm noch. Es ist bekannt, daß sie in ihren Tonnen nicht untätig sind, sondern weiter zur Vollendung reifen.

Unvermittelt blieb er stehen, einen Fuß holte er aus der Luft zurück. Ihm war eingefallen, daß er einen Zuschauer habe. Vorgebeugt spähte er hinauf. In der Verkürzung gesehen war der sonst stattliche Balthasar ein Zwerg mit zugehöriger Bekleidung. Die rauhe Jacke, hinten weggerutscht, hing vorn bis auf die Füße. Seine Schultern bedeckte Spinnengeweb und Staub.

Daher sein Anzug, erkannte André. Aber mein guter Sonntagsrock! Während er sich untersuchte, wurde drunten gekichert, höhnisch, wie es von Wichtelmännchen heißt.

»Du traust dich nicht weiter«, wurde gerufen. »Komm getrost! Hier ist angenehm ventiliert. Hast du ein Mädchen mit, könnt ihr tanzen.«

André sah sich um – nach Stephanie. Das war sinnlos, wie er wußte. Dennoch, nur sie allein hätte all diesen Unsinn mitgetrieben, unbekümmert gleich ihm selbst. Er betrat die glatten Stufen wirklich. Sie waren wenig beschmutzt, es schien, man ging sie oft. Dabei sprach er beherzt und unernst:

»Danke, guter Balthasar. Ich bin Nichtschwimmer. Das Tanzen ist Asthmatikern zu empfehlen. Mein Verhältnis zum Gelde kennst du!«

Was war geschehen? Unten angelangt, fand er einen durchaus verwandelten Balthasar: weder den Gnomen noch seinen Übermut und Hohn. Der Herr der Fässer musterte ihn von oben, er fragte drohend und eisig:

»Was redest du vom Geld, mein kleiner Freund?«

»Darf ich nicht?« André stellte sich über jeden Bedarf hinaus zerknirscht. Recht wohl war ihm darum keineswegs. Worin hatte er gefehlt? Nun, seit dem Beginn des Mittagessens waren seiner falschen Zungenschläge mehr gewesen als ihm erinnerlich. Auch diesen wird er alsbald vergessen. Der Alte ließ sich rühren von seiner Reue, der gespielten und der echten.

»Nimm es dir nicht zu Herzen! Il radote. Lui, au moins, n'a pas le vin mauvais.«

Er behauptete von sich, daß der Wein gerade ihn nicht böse mache. In der Tat wurde er zärtlich. Er klopfte dem Enkel die Schulter, der Staub wirbelte, und es belustigte ihn. »Du bewunderst meinen Keller«, verlangte er.

»So viele Schätze!« André gab sich als den hingerissenen Toren. »Ich bin in der Höhle des Ali Baba!«

Der Alte lächelte, sowohl erhaben als auch verschmitzt: »Diesen Besitz hat der Staat mir lassen müssen, als er den anderen raubte.«

»Ach, das Gold ist nur Schimäre!« sang André. Sein Großvater nickte beifällig. »Du hast sicher Durst.«

»Daß du auch alles errätst!« Der Enkel schmolz von Verehrung. Dem guten Greise gefällig zu sein, war sein ganzes Trachten. Übrigens langweilte ihn der Aufenthalt. Durstig war er auch nicht.

Balthasar belehrte ihn. »Übe dich zu trinken und deine Gedanken beisammen zu haben. Du hast vergessen, die Tür zu schließen.«

Welche Tür? wollte der Junge fragen, da sah er sie droben allerdings offenstehen. Gehorsam lief er nach der Treppe. Sonderbarer Heiliger! dachte er über den Geheimrat, der in Geheimnissen aufging. Hinter ihm erstreckten sich lichtlose Gänge und Hallen, den Ausgang sicherte ein Trick. Ihm genügte es nicht. Ein Neunzigjähriger hätte Grund, die Türen offenzulassen, im Fall ihm etwas zustieße!

Gut denn, die eiserne Tür war angezogen und verriegelt. Von der Plattform herab sah André den Alten hin gehockt zwischen den beiden Reihen der Fässer. Aus einem von ihnen schöpfte er Wein. Vielmehr, genauer betrachtet, hatte er es gar nicht angezapft. Er tastete dahinter, zum Vorschein kam eine Kanne: aus ihr, zweifellos aus ihr füllte Balthasar die Gläser. Gut denn, beschloß André hier wieder. Es ist sein Mundvorrat, er hat ihn zur Hand. Meinetwegen keine Umstände!

Indessen kam Balthasar vom Boden auf, hastig rückte er den Kopf, überrascht zu werden schien ihm unerwünscht. »Nein doch«, sprach der anständige Junge vor sich hin. »Wer wird da aufpassen. Ich bin es nicht gewesen.«

Schon war er unten, sein guter Balthasar kam ihm mit erhobenem Glas entgegen. jetzt saßen sie auf einem Faß, taten einander Bescheid und plauderten. Der Eigentümer des Kellers wollte wissen, ob sein Enkel erklären könne, wieso in diese Tiefe dennoch Tageslicht einfiele. André hob hilflos die Schultern:

»Ist es wirklich Tageslicht, dann wirft die Sonne es herab«, entschied er und trank aus. Sein Großvater war befriedigt: »Siehst du, daß mein Wein auch deinen Kopf mit der Zeit nur klarer macht?«

André hätte sich gern eine ernsthafte Würdigung verdient: »Ein Architekt würde allenfalls herausfinden, welche Umwege, vom Dach her durch das ganze Haus, dieser blasse Schein genommen hat. Ich zeichne nur Plakate.«

»Recht von dir!« Balthasar war nunmehr völlig einverstanden. »Daraufhin schöpf ich uns nochmals an der beliebten Stelle.«

Gesagt, getan, er rutschte vom Faß und verschwand hinten. André hütete sich, ihm nachzusehen. Hätte er es doch getan, anstatt gelangweilt am Boden zu suchen! Hierbei sollte nichts Gutes herauskommen. Neben ihm, unter dem nächsten Faß, in einem fahlen Rest gesiebter Helligkeit glitzerte etwas. André, sich bücken und das Goldstück aufheben, war das Werk einer unbedachten Regung. Gleich nachher wollte er es ebenso zurücktun, fürchtete aber, sich zu verraten, wußte nicht mehr, wohin mit dem Ding, und der zurückgekehrte Balthasar fand es bei dem ersten Blick auf seiner flachen Hand.

»Was ist das!« Seine Stimme war ungewohnt, ja, nie gehört. Der Ertappte versuchte Ausreden, die er kaum erfunden, auch schon aufgab.

»Ich hatte es zufällig bei mir. Ein Andenken, frage Arthur! Nein Großvater, nein, guter Balthasar. Es war unter dem Faß. Hier!« Dabei sprang er auf die Füße, legte das Goldstück auf seinen vorigen Platz und wartete, geteilt zwischen Schuldgefühl und der Lust zu lachen.

Diese verging ihm alsbald: der gute Balthasar wurde furchtbar. »Ich bin bestohlen!« schrie er entsetzlich. »Hier lag nirgends Gold!« schrie er im Widerspruch mit sich selbst, aber ihm war alles gleich, er führte sich auf, als wäre nichts, sogar der Anstand nicht mehr zu verlieren. Hingeworfen mit beiden Knien, mit dem ganzen Bauch sogar zum Schrecken seines Enkels, tastete der Greis die Fliesen ab, seine gekrallten Finger kratzten in ihren Lücken, wühlten Schmutz auf und untersuchten ihn trotz einem Hals, der hustete und keuchte.

Alles vollzog sich pünktlich und unglaubhaft wie im Traum. Was dem Enkel immer durch den verstörten Sinn fuhr, der Angsttraum von einem Balthasar führte es ohne weiteres aus. jetzt wird er hochspringen, dachte André. Wie der Wind war er auf. Jetzt dreht er mir den Hals um! Da spreizte der Alte die Hände. Der Junge duckte sich und entging dem Griff. Aber er kann mich hier einschließen, wie droben Irene! Dies spricht er laut aus, um den Traum auf seine letzten Absichten zu prüfen, ihn, sofern es sein kann, abzubrechen.

»Wenn du mich hier einschließt, sauf ich deinen ganzen Wein!«

»Wein?« wiederholte der Rasende, jäh erschöpft, als käm er weither. Er führte die beschmutzte Hand an seine Stirn. »Ich sehe, ich habe mich verirrt«, sprach er schamhaft, schloß die Augen und wartete auf ein gutes Wort. Der Junge erriet die Seele des Alten, sie rührte ihn sehr. Was der Ärmste jetzt an leeren Anklagen vorbrachte, sollte ihn und die überstandene Krise entschuldigen, das war alles, was er meinte, und André gab ihm recht.

»Hier sind Diebe gewesen«, behauptete der Greis.

»Ja doch, Großvater«, sagte sein Enkel.

»Du hast den Keller gekannt, ich bemerkte es gleich droben, beim Eingang.« Dies kam verlegen, obwohl noch immer Mißtrauen beabsichtigt wurde.

»Guter Balthasar!« sagte sein Enkel. »Bedenke meine Einfalt! Ich wäre bei weitem nicht gewitzt genug gewesen, deinen reizenden Keller zu entdecken. Nein. Aber wer kann dergleichen?«

»Ein Architekt?« fragte der Alte bescheiden.

»Die lassen wir beiseite. Wozu in die Ferne schweifen? Am nächsten liegen deine Leute.« Als Antwort auf ein ratloses Blinzeln betonte er stärker: »Liegen deine Leute. Die dich auch sonst gern aufsuchen. Sagen wir besser: dir erscheinen. In gelben Kutschen, wenn es nicht schwarze, längliche sind.«

Balthasar starrte ergriffen: »Wo hatte ich meine Gedanken? Ein Kind muß das erlösende Wort sprechen!«

Er eilte auf der engen Mitte hin und her: »Natürlich bedürfen sie einer kleinen Übung nach ihrer langen Unbeweglichkeit. Sie sind die einzigen, die ungestraft den Lichtschacht benutzen, um einzudringen, noch davon abgesehen, daß die Türen gerade sie nicht aufhalten.«

Er hatte eine wahrhaft beglückte Miene bekommen. Leider störte ihn ein unabweislicher Einwand. Er blieb stehen, er klagte:

»Aber sie stehlen nicht!«

André erfreute sich einer ungemeinen Leichtigkeit, das Hindernis war keines.

»Haben sie denn gestohlen?« fragte er und zeigte das Goldstück. »Durchaus nicht. Sie bezahlten bar, was sie tranken.«

»Was sie tranken«, wiederholte Balthasar überrascht. Seine gewohnte Sicherheit hatte ihn nun einmal verlassen. Dem vorigen Toben folgte jetzt Abstumpfung, dies stellte der Enkel mit wachsender Besorgnis fest. Ein schleuniger Luftwechsel schien ihm geboten.

»Nimm doch und laß uns gehen!«

Der Alte betrachtete weinerlich das Goldstück. Auf einmal griff er zu und barg es in seiner Kleidung.

»Du hattest einen glücklichen Einfall, mein Kind. Dafür soll dir einstmals aller Wein gehören. Du bist kein mühseliger Hochstapler, du nicht. Dein Vater endet im Armenhaus. Du aber erbst.«

»Eine Weinhandlung«, ergänzte André. »Am jüngsten Tag. Aber nimm einmal an, sie machten auch dann noch Krieg. Den Menschen wär es zuzutrauen. Ein siegreicher Feind säuft uns den Keller aus!«

»Keine Sicherheit«, stöhnte Balthasar. »Ich gehe zu Bett.« Es eilte ihm. Er strebte, dem Enkel voran, nach der Treppe.

Trotz dem Zittern seiner Knie erklomm er sie hastig, entsicherte die erste der Türen und ließ sie offenstehen, einzig bedacht, die zweite zu erreichen. Von dem unteren Keller her begleitete die beiden Läufer ein Rest ersterbenden Lichtes, wie wäre anders der Enkel hinter dem Großvater durch die winkligen Gänge, weiten Gewölbe bis an das Ziel gelangt!

Hier konnte man es erreicht glauben. André stolperte auf unsichtbaren Stufen, Balthasar nahm sie lautlos wie der Geist, für den er sich halten wollte. Der letzte Riegel glitt weg, es knackte der Trick, der Schrank verschob sich. Hausherr Balthasar tat ein übriges, auch das Tor nach der Straße öffnete er seinem Gast, durch einen Spalt entließ er ihn. Als André sich umwendete, fand er nur rauhe Bohlen, brüchigen Stein und den gezackten Riß über die augenlose Front.

Die beschattete Straße, so traurig sie vor Stunden gewesen war, blendete ihn jetzt, sie versprach den Ausweg in das Glück Als erstes dachte er: Stephanie! Nur Stephanie, dachte er. Wäre sie erfreut, den Weinkeller zu erben? Würd es ihr mehr sagen als mir? Ich glaube: nein und glaub auch: doch. Wir alle wissen voneinander nichts.

Könnt ich behaupten, was ich noch soeben mit Händen gegriffen habe? Er besah seine Hand: eine Spinne lief darüber, aber von dem Goldstück blieb nicht die Spur. Ich wäre gewiß, was Balthasar jetzt tut. Er hat den zweiten Keller offengelassen, es ist klar, daß er umkehrt. Das weitere errate ich. Indessen, als er mich anfallen wollte, befolgte er auch nur meine eigene Eingebung. Oder geschah es umgekehrt, ich griff der seinen vor? Nein, obwohl ich weiß, was er dort unten jetzt tut, glaub ich es nicht! Leider kann es ihm schwerlich wohlbekommen.

Während sein sonst sympathischer Enkel eine besonnte Gegend betrat und ihn schrittweis vergaß, war Balthasar schon längst nur bei sich selbst und seinen köstlichen Fässern. Ein Spundloch nach dem anderen schlug er auf, und aus jedem stürzte das Gold hervor. Die Goldstücke rannen über seine edlen und schmutzigen Hände, sie versammelten sich zu gelben Lachen, Haufen Goldes stiegen an, er kniete hinein.

Er badete in Metall, rührte harte Wellen auf, ließ sie an seiner wehen, beseligten Brust herablaufen, vergrub darin das Gesicht. Kein heißer Wein hatte ihn berauscht wie hier die kalte Berührung. Mystisch erhoben von dem Geheimnis seines Kultes stimmte er Preis und Lob an, eintönig näselnd in der Art, wie allenfalls die vorgeschichtlichen Priester:

»Sei gelobt, mein Gold! Du allein bestehst. Mein Gold, dich preise ich, nur du bist treu! Nichts bleibt vom Leben unvergällt, nur du! Im Tod umarme ich dich und habe dich mitgenommen!«

Er streckte sich auf den Rücken aus, die Flut des unterweltlichen Flusses trug ihn dahin. er wünschte sehr: für immer, auf niemehr.

»Gold«, hauchte er und wurde müde, müde. »Wärest du Wein gewesen, ich hätte ihn getrunken bis auf die Neige. Frauen, ich hätte sie geliebt, bis sie häßlich sind. Rennpferde wären mir krepiert. Menschen hätten mich betrogen, wie gewohnt. Geschäfte hätten mich um alles gebracht, ihnen untertan ist der kindliche Arthur, von mit falsch benannt nach einem Philosophen. Der Weise war nur ich.«

Im Entschlummern lallte der Liebende: »Gold, mein Gold, nimm mich dahin! Ich will in dir begraben sein, und mit dir leben für und für. Unsterblichkeit ist allein bei dir, o Gold!«


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