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15.
Mitternacht

Die Straße war kaum breit genug für die Luxuswagen der wirtschaftlichen, kulturellen und menschlichen Auslese, die droben im Begriff stand, vom Konzert zum Büfett überzugehen. Sie ließ sich Zeit. Noch vor der geschlossenen Bühne und im Stehen, während Richard Wagner ihnen aufspielte, neidlos den Marsch aus Aida, plauderte die Auslese. Ihre Eindrücke der abgelaufenen Stunde erwiesen sich als durchweg erfreulich.

Der Rüstungspräsident betonte das gelungene Zusammenwirken aller – »ohne Ausnahme, meine Damen und Herren! Es wäre auch beklagenswert, wenn wir, auf die eine Welt blickt, nicht verstanden hätten, was uns verpflichtet.« »Das Gute, Schöne, Wahre über einen toten Punkt hinwegzuretten«, ergänzte Nolus, ohne zu bedenken, wohin. Nach Portorico, hätte er angeben können.

Der Präsident wurde, seines feierlichen Augenblickes wegen, von allen Seiten geknipst: diesmal mit der Nutte. Sie hatte es nicht herbeigeführt; den Drang nach Bildreportage über ihr Tun und Lassen wird sie später kennenlernen, wohl erst, wenn diese Stufe mit dem zertretenen Opfer hinter ihr liegt. Nein, aber sie wirkte anschaulich, je unbeteiligter sie sich gab – halb weggewendet, nur mit hinteren Wölbung dem alten Menschen meinetwegen verbunden. Ohne Absicht dramatisierte sie das Verhältnis. Einige Betrachter der Aufnahme mögen gleich heute früh den Blättern entnehmen, wie es mit einem der Großen der Erde weitergeht.

Genug, daß hier eine Pause eingetreten war. Stille, Sammlung, unentschieden wofür, wenn nicht als Vorbereitung auf das Büfett. Den Hintergründen der Unwesentlichen wurde bekannt, es sei bedient und aufgebaut, es warte. Dennoch unternahmen sie keinen Sturmangriff, weit davon. Die Unwesentlichen mit dem leeren Magen rochen unvergänglich nach ihrem Kaffeehaus, manches Mädchen erinnerte die Nase an die Mottenkiste. Es hinderte nicht, daß sie aushielten, und wußten sich deshalb kein Verdienst.

Gesittung, Rücksicht, une politesse exquise, wie Fürstin Anastasia es nannte, herrschten nunmehr allein. Derselben Dame wurden Diamanten, die sie wieder einmal verloren hatte, ausgehändigt, von einem ganz armen Schlucker. Er durfte dafür auf ihrer Hand den größten Brillanten küssen, und beide waren gerührt. Sie hatten Herz, sie hatten Zeit.

Draußen in der Straße galt dies weniger. Muße hätten die Führer der Luxuswagen gehabt, sogar mehr als ihnen erwünscht war. Es regnete, stark und plötzlich. Indessen sind um zwölf Uhr die letzten Theater aus. Bei dem Wetter nicht hinfahren und fremd gehen, hätte fühlbare Verluste gebracht. Ein herrschaftlicher Chauffeur lenkte seinen Buick aus der Reihe; dem Kameraden, der sich nicht entschließen konnte, erklärte er seine Sache.

»Neulich wohnte eine schwarze Fuhre stundenweit draußen. Es goß, und eine Damenbekanntschaft war mit. Du begreifst die Marktlage. Ich, vornehmer als der Jüngling, Madame schon eingestiegen. Er war wehrlos. Höchstens hat sie zuwenig bekommen, was ich zuviel nahm.«

»Deine Alte hat solange gewartet?«

»Schlimmstenfalls hätte ich ihr das Gasolin ersetzt. Aber sie war war überglücklich, mich wiederzusehen.«

»Heute könntest du noch länger ausbleiben«, sagte ein dritter, der hinzukam.

»Was treiben Sie denn oben?«

»Sie spielen sich auf«, meinte der dritte.

»Sie verdienen sich tot«, behauptete der zweite. Im Abfahren bemerkte der erste:

»Werden aber niemals unseren gepflegten Stil erreichen.« Die Verbleibenden fragten einander, wer über die Dauer des Empfanges unterrichtet sei. »Seine Geheimpolizei«, vermuteten sie – nicht im Hinblick auf den Hausherrn, der noch keine Leibwache hielt. Diese ist ein Vorrecht der Höchsten und Sichtbarsten. Ein Präsident der Rüstung schuldet sie seinem Range, nicht erst seiner Sicherheit.

Ein Mann, gebaut wie ein Kleiderschrank, zeigte sich unter dem grell beleuchteten Eingang. Die halbe Straße entblößte alle ihre nächtlichen Einzelheiten, sooft die Tür des festlichen Hauses aufging. Der Regen, schräg und und weißlich herabgekommen, spritzte von dem Makadam in bunten Garben, da die Pfützen farbig vom Öl der Automobile waren.

Zwei späte Spaziergängerinnen rannten quer hinüber nach dem Café an der Ecke. Ihre ausgeschnittenen Lackschuhe waren sofort voll Wasser. Andererseits umspannte das durchnäßte Kleid ihre Formen, als hätten sie gar nichts an. Ein Gast verließ die Drehtür, entschlossen, das Wetter zu nehmen, wie es war. Die Ansicht der Nymphen, nun sie herbeischwammen, ungeordnet aber suggestiv, bestimmte den Mann im besten Alter, haltzumachen unter dem äußeren Baldachin. Einige warteten hier ihre Zeit ab. Die Schwimmerinnen bemerkten den Mann nicht gleich, ihre Gesichter waren gesenkt bis auf die Büste. Lieber als ihre Fassade preiszugeben, ertrugen sie das Triefen im Nacken, die Rinnsale den Rücken entlang. Eingetroffen, bemerkten sie mit dem ersten Blick, daß die Gesellschaft schlecht gewählt wäre, Bridgespieler vor dem Auseinandergehen, ihre Frauen mit Brillen, Schminke, Zigaretten, überdies noch ganz trocken am Leibe. Kein Schutz zu hoffen gegen einen peinlichen Herrn, der sie kommen ließ, seiner Gelegenheit kühl versichert.

Sie bogen schroff ab, unter Verzicht auf das Dach. Ihre reizvoll gebrochene Linie, die Schenkel, woran nasse Seide klebte, alles strebte nach der Ecke, und wäre verschwunden. Eigentlich schon herum, stießen sie dennoch zusammen, mit wem oder was? Da half keine Übung. Ein Herr, oder nicht? Um die Ecke lag Dunkelheit. Vielleicht einer gewesen; man war nur nicht geboren, als dies ein Herr war. Sie einigten sich kurz auf Papa.

»Papa!« riefen sie wie aus einem Munde.

»Ihr habt mich bestellt, meine Töchter«, erwiderte die Gestalt. »Ich erscheine pünktlich.«

So eilig sie es hatten, die Rede erregte ihren Argwohn.

»Was tatest du hinter der Ecke, daß man dich nicht gleich sah?« fragte die eine. Die andere, mit offenem Mißtrauen, wenn auch geneigt, in der Not jede Erklärung anzunehmen: »Und gehört hat man dich noch weniger.«

Sie bemerkte seine Füße und lachte: »Er trägt Gummischuhe! Alterchen! Dich haben wir gefunden. Nur noch dein Auto!« Ihr Gefühl sprach dagegen, daß der ehemalige Herr mit seinen Galoschen allein unterwegs sei. Auch die zweite war der Meinung. Einmütig verlangten sie: »Nimm uns mit!«

Da er den Kopf hin und her bewegte, gaben sie ihm Bürgschaften, anstatt welche zu verlangen, so zweifelhaft die Erscheinung blieb. »Wir wollen nur nicht naß werden. Du übernimmst keinerlei Verpflichtung.«

»Bring uns zum Trocknen!« bat die Reifere mit tiefer Glockenstimme und stützte ihre Brust auf seine. »Ich werde heiser, das willst du nicht verantworten, als Kavalier der alten Schule.«

Gemeinsam zogen sie ihn in den nahen Schutz eines vorspringende Portals. »Hast du hier gewartet? Du bist noch trocken.«

»Papa, mit dir ist etwas nicht richtig«, vermutete die Schlanke, diesmal arglos, sogar zärtlich. »Gesteh es ruhig, du fährst einen falschen Wagen.«

»Das tun die besten Herren bei einem Wolkenbruch.« Damit er ihnen vertrauen sollte, hängten sie je einen abtropfenden Arm über sein Schultern. In einem beruflichen Idiom, nur wenigen verständlich, teilten sie einander mit, seine ausgestopfte Brust verspreche manches.

»Es ist nicht die Brieftasche«, sagte er so unerwartet, daß beide ihn losließen.

»Sie!« meinte die eine drohend, da sie sich getäuscht sah. Die Reifere begütigte: »Jetzt wissen wir Bescheid. Der hat einen Wagen. Nachher stellt er ihn wieder hin, wo er ihn abgeholt hat.«

»Auf dem Friedhof.«

Dies kam ruhig. Es hatte zu wenig Nachdruck, um so mehr befremdete es. Zwei der nächtlich Begegneten kannten den dritten nicht mehr und verleugneten ihn. Sie fliehen, könnte man sagen wenn nicht ohnedies das Wetter zur Eile drängte. Als sie aber einlenken wollen, woher sie gekommen sind, schlägt es hinter ihnen zwölf. Davon halten sie an, ernstlich erschrocken.

»Wie kann die Uhr schlagen, wo keine Kirche ist?«

»Es war auch keine Kirchenuhr.«

Man hat Erfahrung, aber sogar die Reifere war nahe daran einzugestehen, hier sei sie fehlgegangen.

»Merkst du, was er ist?« fragte sie.

»Ein Penner«, entschied die jüngere.

»Ein ironischer Papa, meine Liebe. Einige werden vom hohen Alter komisch, aber auf unsere Kosten.«

»Das mußten wir aufgabeln!«

Aus innerer Erschütterung ließ keine die andere weitergehen. Nebenbei hatten sie festgestellt, daß vor dem Café ziemlich alles stand wie vorher. Vielleicht, daß ein paar Bridgespieler wieder drinnen weilten. Draußen blickte der nicht genehme Mann von vierzig ihnen unverwandt entgegen. Sein Gesicht zeigte über ihre Rückkehr eine Genugtuung, die hätte kränken können, wären die armen Schönheiten nicht zu sehr begossen, außerdem soeben gedemütigt von einem rätselhaften Greis. Um so schlimmer, wenn er zuletzt harmlos war!

Daher verständigten sie sich über die andere Gefahr verhältnismäßig leicht und ohne Worte. Wenn das Individuum von seinem, auch schon überschwemmten Fleck solange nicht gewichen ist –! Angesetzt, lauf, lauf! Über den Damm rannten sie nach vorne umgelegt, das Wasser, das sie nicht auf den Rücken bekamen, spritzte ihnen von unten in den Mund. Denn jetzt stand er ihnen offen, nachgerade gaben Sie ihre Selbstachtung auf, sie weinten.

Ihre nächste Absicht bedurfte keiner Mitteilung. Wenn man dieser Hauptstraße entkäme, übermäßig beleuchtet wie sie jetzt ist von dem einzelnen verdammten Haus, und ein Netzwerk dunkler Gassen erreichte, hätte man schlecht gerechnet fünfzig Prozent gewonnen. Soll es nur fort gießen, dachten die Verfolgten, dann rührt er sich nicht und wir sind längst im »Blauen Engel«. Dort zieht man sich aus und legt sich trocken!

Gesagt, getan, sie liefen oder meinten zu laufen. In Wirklichkeit ging es mit ihnen nicht vorwärts, oder dauerte, wie wenn ein Fahrdamm mittlerer Breite ein Amazonenstrom gewesen wäre. Sie aber verkannten die Ursache ihrer hinderlichen Röcke, die ohnedies eng, jetzt ein angeklatschtes Futteral, keine ihnen beliebige Bewegung zuließen. In ihrem Zustand, so wenig Ordnung er, nachgerade auch innerlich, aufwies, hätten sie sich, einige Jahrzehnte früher, den Spielball höherer Mächte geglaubt. Dies war nicht mehr möglich, da sie, bescheidener als voraufgegangene Geschlechter ihrer Gattung, Genüge fanden an der erklärbaren Natur. Wäre sie in diesem gestörten Augenblick nur auch erklärbar gewesen!

Erstaunen, nein, als von der hohen Kante des jenseitigen Ufers zwei Hände ihnen dargeboten wurden. Ihnen wird immer etwas angetragen, die leere Hand ist wenig genug. An Vertraulichkeit gewöhnt, den meisten Vorurteilen entfremdet, lassen sie sich hinaufhissen. Nun sie ihre verweinten Gesichter heben, wer steht vor ihnen? Der ironische Papa!

»Schon wieder. Du, mein Junge, kannst einen hysterisch machen. Wieso kommst du mit deinen Knickbeinen vor uns an?«

»Warum hast du zwölf geschlagen?« erkundigte sich die Gefährtin.

»Die Glocke warnte euch gerade beizeiten.« Mehr ließen sie ihn nicht sagen, mit Gelächter übertönten sie die Fortsetzung. Er sah beide an, bis sie schwiegen. Endlich hörten sie ihn. »Es wäre besser, ihr folgtet mir, oder blicktet hinter euch.«

Dies taten sie, während er einfach weiterging. Was war nur mit ihnen? Halten sich mit einem Verrückten auf, wenden der Straße den Rücken, als ob drüben kein jemand für sie Interesse hätte. Er hat es nur zu sehr und übt es aus. Entschlossen steigt er in die Gosse. Warum er auf einmal die treibenden Gewässer nicht mehr scheut? Weil die stürzenden plötzlich abbrechen. Vielmehr sind sie beendet, seit wann? Diesseits war nichts bemerkt worden, in ungeordneten Zuständen ist es denkbar, daß ein nicht mehr aktiver Wolkenbruch weiterwirkt im Gemüt, als bräche er noch immer. Wozu die Betrachtung? Eilends folgen sie ihrem Alten.

Ihr rüstiger Feind begeht aus Stolz auf seinen nahen Sieg den Fehler, daß er aufrecht schreitet, nach hinten gelehnt, anstatt vorgebeugt. Im Auge behält er seine beiden Opfer, nicht seine beiden Füße. Alsbald gleitet er aus, fällt auf das Gesäß, und Strahlen öligen Wassers schießen um ihn her, ein abgerundetes Farbenspiel, beinahe kunstvoll.

In den Armen des Alten von Mitternacht hängt je eine hingebende Gestalt: sogar einen Präsidenten könnte die feuchte Last erweichen.

»Wenn man auf Papa nicht hört!« sprach er streng, aber für sie allein.

Sie sagten ihm auch nur ins Ohr: »Du hast es in der Hand, daß wir durchkommen. Nenn uns deine Nichten.«

»Unnütz«, bestimmte er kalt. »Und wenn ihr Paula und Polly hießet.«

Da taten sie einen unwillkürlichen Ruck, hinter seinem Nacken sahen sie einander an. Woher weiß er nun das wieder? Ihre Handtaschen hingen vorn, ihre Namen standen darauf gestickt, wer besinnt sich gleich. Mit rechten Dingen geht es trotzdem zu, sie haben nie gezweifelt. Nur betroffen ist man. Wie von dem Ereignis selbst!

Ihr Feind hatte sich aufgerafft. Seine erwiesene Hinfälligkeit setzte ihn nicht nur im Ansehen herunter: auch sein Prestige versagte. Dafür war er wütend. Mochte er jemals aufgelegt gewesen sein, vorgebliche Nichten einem älteren Herrn hingehen zu lassen, damit war es aus. Indessen wendete der Beschützer der Verfolgten ihm das Gesicht zu. Was seine Schützlinge nie geglaubt hätten, dies genügte.

Man bewegte sich in Richtung des festlichen Hauses, seine Scheinwerfer, auf dem Dach, wo noch, hoben grell und genau hervor, was jeder nach sichtbaren Zeichen wert war und verlangen konnte. Gar nichts, die Gestalt aus der Pfütze, mit ihren Händen voll Wagenschmiere. Alles, die gepflegte, so gut wie trockene Erscheinung ohne Alter, die Waden straff, der lange dunkle Überrock auf Figur zugeschnitten, der hohe seidene Hut von den Augen geschoben, und sie blitzten!

Waren es die Scheinwerfer, oder walteten Berufung, Rang und Macht, wenn sie blitzten, das unterlegene Phänomen unterschied nur einfach das höhere, seiner Beurteilung unzugänglich ist es jedenfalls. Der Mensch erschrak vor dem Gesicht, nicht, daß es furchtbar gewesen wäre. Aber es wahrte einen unbekannten Abstand. Hätte sich noch von einem einfachen Hochmut reden lassen, ihn beugt man, bei irgend günstigen Umständen. Nein, hier begegnete dem Mann der Straße eine Fremdheit, die ihn verdrängte, ihn körperlich abdrängte vom Rande des Gehsteiges. Er bestieg ihn nicht: »Zu Befehl, Herr Geheimrat!« war alles, was er vermochte.

Niemand hatte dem Mann etwas befohlen, den Geheimrat erfand er auch nur, weil er nicht anders konnte. Sein rechter Arm beschrieb zwei, drei zackige Bewegungen, Teile eines Grußes, der unbegrenzten Gehorsam ausgedrückt hätte. Er kam nur nicht ganz heraus. Der Mann tritt in ziemlicher Verwirrung seinen Rückzug an. Hinüber, unbedingt hinüber nach der unbefugt verlassenen Seite!

Paula und Polly, oder wie sie sich nennen, schicken sonst jedem, mit dem sie fertig sind, ein abschätziges Gelächter nach. Sie unterlassen es im Hinblick auf den Geheimrat, dessen Arme sie bis jetzt umfassen. Nicht anders als den gehorsamen Mann hat ein Gesicht sie beängstigt mit bloßer Vornehmheit. Auch sie fühlen sich verdrängt. Hier schmiegt man sich nicht, man tritt weg und dankt. Ironisch gewiß; andernfalls wären sie Bettlerinnen, das sind sie nie und nirgends.

»Danke, Geheimrat«, hiermit ließen sie ihn los. Einen Schritt hinter ihm sagten sie schon: »Witze! Aber Hauptsache, wir kommen durch.« Zwei Schritte war er voraus, als sie überlegten: »Diesmal ist es noch gut gegangen, aber wie lange. Ob wir türmen?«

Die Flucht wäre zweifellos vorzuziehen, aber wohin, da jenseits des Dammes der Feind immer mitzog. Abgewiesen, beschämt, bestand er dennoch auf seiner Befugnis, beizuwohnen und abzupassen. Die Reihe konnte wieder an ihn kommen. Den Geheimrat mit samt seiner Größe, bezweifelte der Mann aus sicherer Ferne. Bislang war nichts zu machen. Die erste Blöße, die ein vornehm- allzu Vornehmer sich zuzog, sollte den Mann rächen. Im voraus freute er sich seiner beschmierten Hand: sie soll an den feinen Rock greifen, und womöglich in das noch gewähltere Gesicht.

Wird der Verdächtige sich zum Empfang begeben? Das Haus betreten, wo die Welt empfängt, und zugelassen werden? In dem Fall, gute Nacht. Nein, er geht vorüber, womit die Frage als entschieden gelten soll. Er gehört nicht zu den Unantastbaren, nächstens wird er greifbar sein.

Er läßt die lange Reihe der Wagen zur Hälfte hinter sich. Bleibt er nunmehr stehen, scheint der Aufenthalt doch nicht von ihm herausgefordert, eher von dem herrschaftlichen Chauffeur, der, stolz auf die Bekanntschaft, seine Kappe berührt. Wen hätte es nicht überrascht? Der Mann drüben hält entgeistert an. Die Begleiterinnen diesseits, von ihrem Freund auf manches gefaßt, verzichten weiterzugehen, bevor seine Absichten sich zeigen. Man könnte sie vermuten, mit ihm hat man schon mehr erlebt. Dieser bessere Greis ist nun einmal ein Effekthascher. So geheimnisvoll wie er sein möchte, kann er nicht sein.

Der Fragliche tat übrigens nichts Auffallendes, sehr wenig neigte er den Kopf seitwärts. Der Chauffeur, dessen Wagen offenbar gemeint war, antwortete mit einem zweiten Griff nach der Kappe, noch freudiger als der erste. Damit schien alles geordnet. Eine Unterredung war es kaum gewesen. Der eine sprach gar nicht. Der willfährige Diener folgte nur dem Bedürfnis sich obendrein zu entschuldigen. »Herr Geheimrat haben zu befehlen«, sagte er, vernehmlich für diese und jene Seite. Drüben zog jemand sich lautlos zurück, nach einem beschatteten Winkel, aber wo war einer. »Für diese Eventualität stehe ich hier«, sagte der Chauffeur. »Damit ich die Damen wegfahren kann.«

Hierbei hatte er den Takt, die Damen nicht anzusehen. jeder hätte zuerst seine Neugier befriedigt. Schließlich sind wir hübsch, dachten sie. Nasse Kleider nehmen uns nichts, wir verstecken uns nicht, wie der Mann drüben. Nein, der Junge hat nicht für uns sein Zartgefühl. Dem Alten erweist er es, er will nicht wissen, wen der Alte mitbringt. Der dringt schon wieder durch, erkannten sie, mit einer Hochachtung ohne Ironie, beeinflußt von der Haltung des Chauffeurs. Er, von dem man etwas wollte, wurde leise und bat.

»Möchte Herrn Geheimrat um einen kurzen Augenblick gebeten haben. Herr Arthur begleitet manchmal Damen, wenn man aufbricht. Oh! Zeit ist genug, ich stehe zur Verfügung. Nur möchte ich eine Benachrichtigung hinterlassen haben, wenn der Wagen anders benötigt werden sollte.«

Sehr gedämpft und besonders devot schloß der Mensch, der vielleicht die Wahrheit sprach. Sprechen konnte er, wie folgt:

»Herr Geheimrat, man weiß es, besuchen keinen so weltlichen Empfang. Übrigens würde ich mir nicht gestatten, Herrn Geheimrat eine subalterne Meldung zuzumuten.«

Seine Fähigkeit sich auszudrücken, machte den beflissenen Angestellten glücklich. Er grüßte, strahlte, schnell trat er seinen Weg an. Die Erlaubnis hatte er gewiß erhalten; wie, war nicht zu bemerken. Ein Hochgestellter wartet jetzt allerdings, bis er bedient wird. Aber seinem hohlen Rücken, den Händen in feinem Leder, die darauf ruhen, ist abzulesen, daß er aus eigener Laune im Regen steht. Es regnet wieder, wenn auch mit Maßen.

Der musterhafte Chauffeur unterließ sogar im Vorbeistreifen, die Damen zu besichtigen. Sie begriffen, daß er es längst getan hatte, und waren einverstanden. Er kniff ein Auge zu, damit sie sähen, er wisse Bescheid. Auch sie gaben ihm ein diskretes Zeichen. Der Geheimrat, der nicht hersah, beherrschte dennoch den Vorgang. Die Kameraden des jungen Chauffeurs nahmen dieselbe Rücksicht wie er; sie hielten ihn unterwegs nicht auf, sie begleiteten ihn nur um sich das Phänomen erklären zu lassen.

»Quelle idee!« sagte einer. »Die Fuhre ladest du auf? Hier vor dem Haus, und jeder kann zusehen.«

»Drüben nimmt einer Anstoß«, sagte der zweite. »Wenn dir das gleich ist.«

»Ich weiß«, war die Antwort. »Aber der Alte will es nun mal. Was kannst du machen.«

»Sicher machst du ein gutes Geschäft.«

»Das denkt ihr. Von dem Alten bekomme ich gar nichts. Mag sein Arthur holt es morgen nach, daher melde ich mich gleich jetzt.«

»Ja so, der Alte ist großzügig auf deine Kosten.«

»Die Zusammenhänge«, betonte der junge Mensch. »Die Zusammenhänge muß man kennen«, raunte er, nicht mehr hochgemut und dreist. Er schien sogar ergriffen, wahrscheinlich von den Geheimnissen, die er bei sich trug.

»Was ist denn los?« wurde er gefragt, als er schon halb im Haus war. Er überzeugte sich, ob niemand aufpaßte. Hier gingen Detektive ein und aus. »Soll ich?« fragte er sich selbst. »Ach was!« entschied er.

»Ach was, ihr könnt es hören. Dort oben sind reiche Leute, meint ihr? Schlucker sind es, wenn ich den Alten sehe.«

»Er spart die Trinkgelder«, wurde eingewendet.

»Aber den ganzen Empfang, mit Scheinwerfern, Musik und Polizei, bezahlt er.«

»Bitte sehr. Mein Präsident hält sich die Leibwache selbst.«

»Wer weiß. Manch einer müßte seinen Laden zumachen, wenn nicht der Alte eingriffe. Sie wackeln alle.«

Hiermit sprang er im Vorflur die Treppe hinan. Seine Kameraden sahen ernst einander an. »Wackeln. Mich wundert nur, daß er es bemerkt hat«, sagte der Ältere, kratzte sich unter der Kappe den Kopf und wurde sichtlich düsterer.

Der zweite fragte: »Kommt es dir auch vor, als ob bald abgereist wird?«

»Man kann es abreisen nennen«, murrte der Graue. »Was nachher sein wird? Wo es keine Präsidenten mehr gibt?«

»Die Existenzangst wird sein«, entschied der Befragte, aber es war keine Frage gewesen.

Der Chauffeur des Hausherrn Arthur erstattete droben seine Meldung. Nina war es, die vorüberlief, ihr rief er besonders freudig nach: »Ich soll ein paar Straßenmädchen nach Hause fahren!«

Sofort kehrte sie um. »Haben Sie das erfunden, oder Arthur?«

»Ni l'un ni l'autre«, sagte der hübsche Junge und versuchte eine Annäherung, die gelang.

»Dann ist es –?«

Er nickte stark. »Sie, Nina, haben ein Urteil über uns Männer.«

»Nachgerade.«

»Wer wird sich etwas ausdenken, als ob er alle zum besten hat: Arthur und seine Gäste, die Polizei, die dabeisteht, die Mädchen selbst, die an der Ordnung zweifeln müssen. Sogar ich bin ihm gut genug, mich zu verblüffen.«

»Halten Sie mich nicht auf, wegen eines Verrückten!«

Aber der Junge spannte sie in dem Grade, daß sie blieb. Er sah atemlos aus, von seinem Zuviel an Wissen.

»Diesen, ich behaupte leichtsinnigen Gedanken, der aber viel bedeutet, behaupte ich – hat nur ein echter Reicher.«

»Sie sind gut.«

»Und aus dem vorigen Jahrhundert muß er sein. Gar nicht mehr lebendig, man kennt ihn durch alte Schmöker.«

»Sie haben Zeit zu lesen.«

»Auch aufzupassen auf ein altes Haus. Vor der verschlossenen Tür wartet der Vater mit dem Sohn. Stundenlang, sozusagen, wird ihnen nicht aufgemacht. Mensch! Hast du schon mal so was von Geduld gesehen? Die Zerknirschtheit? Und das war unser energischer Arthur! Ganz zum kleinen Kind geworden, fürchtet sich vor Schlägen!«

»Unser Arthur? Sie träumen. Hatte er Sie dabei eingeladen?«

»Mich läßt er eine Straße weiter parken, ich und der Wagen dürfen uns nicht zeigen. Ich schiele um die Ecke. Würden Sie glauben, daß er den Sohn als Stütze benutzt, und ohne ihn nicht eingetreten wäre?«

»So habe ich es mir gedacht, nach allem, was André sagt. Deshalb trauen Sie dem Alten Geld zu?«

»Sie nicht? Wovor sonst wird Arthur klein?«

»André hat manchmal den Verdacht, dann läßt er ihn wieder fallen. Sie, mein Junge, sind ein Zugelassener, die sehen mitunter mehr als wir Zugehörige. Wenn Ihre Einbildungen wahr sind, darf ich hier nicht weggehen.«

»Sie verreisen – auch?«

»Verreisen? Woher haben Sie das? Allerdings, ein Herr der dringend verreist, weit fort, macht mir Vorschläge.«

»Sehen Sie, der auch. Demnächst verreisen alle.«

»Ich nicht«, beschloß Nina. »Hier könnte etwas zu erben sein.«

»Aus dem verschlossenen Haus verreist niemand, der Besitzer hat Laune für zwecklose Wunderlichkeiten um Mitternacht. Jetzt muß ich seine Mädchen fahren«, erinnerte er sich beizeiten und lief. Nina stand noch da, als er fort war. Sie sann: Herr Nolus verreist und will mich mitnehmen. Sicherer wären Arthur und André, wenn sie erben. Sorgen hat man bei den Zeiten!

Draußen hatte sich so vieles verändert, daß der Chauffeur unruhig wurde. Seine Kameraden waren auf seine Erlebnisse nicht mehr neugierig, vielmehr lachten sie ihn aus. Wenn er ihre stummen Hinweise recht verstand, war ihm unterdessen ein Streich gespielt worden. Jedenfalls sah er weder den Alten noch seine beiden Freundinnen.

Er eilte, und kam gerade zurecht, um die drei zu ertappen. Sie waren eigenmächtig in den Wagen gestiegen, aber nicht nur das. Ihr Geheimrat veranlaßte die beiden Damen, endlich ihre nassen Kleider auszuziehen. Ja, sie taten es ihm zuliebe, denn den Schnupfen hatten sie schon. Enthüllten sich unentgeltlich. Bis ich so weit bei ihnen wäre, dachte der Chauffeur und kannte des Wunderns kein Ende.

Der alte Kavalier hielt die große Pelzdecke des Wagens weit ausgespannt vor das Fenster. Wenn der rüstige Mann dort drüben kein schattiges Versteck gefunden hatte, der Blick in den Wagen wurde ihm auch erlassen. Der Chauffeur erwog den Gedanken gleichfalls, die verhangene Seite aufzusuchen, nur daß sein Taktgefühl sich verspätet meldete. Drinnen war man bereit.

Der Herr legte schnell und gewandt seinen Gefährtinnen die Decke um. worauf er sie plötzlich verließ und nicht mehr kannte. Ein Wink der Chauffeur öffnete, der Herr stieg aus, ohne weiteres nahm er die Richtung des Hauses. Die aufgerissenen Augen des tief ergriffenen Jungen folgten ihm, wie er stelzte und den Kopf hoch trug. Da sieht man noch einmal, wie es war, dachte er, ohne einzeln zu unterscheiden, was er alles einbegriff: den Herrn von einst, seine Ironie und Launenhaftigkeit, sein unbekümmertes Selbstbewußtsein. Der Junge Fahrer und Leser blickte einem Zeitalter nach: seines war es nicht, wünschte es sich keineswegs.

»Wohin befehlen die Damen?« fragte er mit gezogener Kappe in den Wagen hinein. Er versuchte sich in dem Ton, den der Alte vermutlich gewohnt gewesen war von seiner wohlerzogenen Dienerschaft. Den nackten Mädchen unter der Pelzdecke blieb die Spucke weg, wie sie selbst es genannt hätten.

Dem Führer der präsidentiellen Leibwache, der gebaut war wie ein Kleiderschrank, lag nichts ferner als die Achtung vor dem Altertum. Es traf sich, daß der Leibwächter wieder einmal das Haus verließ, als der Unbekannte es betreten wollte. Er hielt sich an die Form, aber in rauher Art.

»Mein Herr, wollen Sie sich legitimieren!«

E bekam keine Antwort, nur den gebieterischen Blick weit offener brauner Augen. Der illegitime Gast wollte weitergehen, als ob nichts im Wege stände, an dem Kleiderschrank vorbei, vielmehr durch ihn hindurch. Ein Arm, der Eisen war, schnellte vor. Im letzten Augenblick meldete sich ein zweiter Leibwächter.

»Mensch! Lassen Sie doch, er tut nichts.«

»Wer so spät kommt und sich verkleidet hat!« sagte der erste. Denn der erste Leibwächter glaubte dem Fremden seine Erscheinung nicht. Er prüfte das Gesicht aus der Nähe, sah wirklich Schminke darin, und verfügte: »Der Mann ist gar nicht alt. Der hat Absichten. Geradeso selten sie aus, wenn unser Patron ihr Geld hat.« Hiermit holte er aus einer Pfeife einen gellenden Ton, damit ein Uniformierter käme und den Verdächtigen mitnähme.

Der zweite Leibwächter wünschte dringend, den Fehler zu verhüten. »Das ist doch der Vater vom Alten«, raunte er dem ersten zu. Er fand nur Unglauben, aber die Chauffeure sollten es ihm bestätigen; schon umringten sie den Eingang. Auch der rüstige Mann von drüben war da und witterte Morgenluft.

Der erste Leibwächter verlor die Haltung. Ängstlich fragte er: »Der Vater unseres Präsidenten?«

»Na ja doch«, beschied ihn der zweite fälschlich; er wendete den Kopf nach irgend jemand, zufällig war es der Mann von drüben.

»Der Kerl ist zu dumm«, warf er hin. Alsbald sanken die Hoffnungen des Rüstigen um das ganze Maß der Verachtung, die der zweite verriet.

Der Chauffeur des Präsidenten unterhielt sich köstlich. »Unseren Vater muß ich doch kennen. Seit Menschengedenken sieht er aus wie der Weihnachtsmann.«

Der Kleiderkasten hätte sich wahrhaftig gern durchgesetzt, aber er fürchtete die Folgen. Er nahm seinen Hut ab, er bat: »Mein Herr, wenn Sie es nicht Ihretwegen tun wollen, tun Sie es für mich! Zeigen Sie irgendeinen Ausweis!« Da machte der Fragliche Front, nicht gegen ihn, gegen die Versammlung, die allem Möglichen entgegensah, nur gerade dem Ereignis nicht.

Er öffnete seinen feinen, auf Figur geschnittenen Tuchmantel. Der Frack erschien. Er entfernte den Schal, der Hals wurde frei, und unterhalb begann ein Blitzen.

Es war kein Ordensband, keine Rosette, auch kein einzelner Stern. An roter Krawatte über die weiße zu legen, funkelte, blitzte, erschlug den Blick ein gedrängtes Abbild des Nachthimmels, aber dermaßen strahlt er nicht. Das Weltall verträgt bei weitem nicht den Vergleich mit einem Glanz wie ihn die Welt verleiht, gesetzt, sie will einmal. Hier hatte sie gewollt, und dieser Alte blendete.

Die Chauffeure konnten nicht lange in eine mehrfache Sonne sehen, verstärkt wie das diamantene Feuer war vom Licht der Jupiterlampen, der Scheinwerfer. Sie kniffen die Lider ein. Mit gesenktem Blick salutierten die Leibwächter. Der rüstige Mann selbst, solange er auf ganz andere Handlungen bedacht gewesen sein mochte, jetzt riß er mit Anstrengung die Augen auf und knallte die Absätze aneinander.

Ihr Sieger betrachtete sie der Reihe nach gebieterisch. Ohne ein Wort kehrte er ihnen den Rücken, er erstieg langsam die Stufen im Vorflur. Bevor er oben war, hatten die Leibwächter sich besonnen, daß er eskortiert werden mußte. Keine Verhaftung kam mehr in Frage: ein Ehrengeleit.

Leer lag die Diele, die Treppe mit den großartigen Kandelabern. Droben die Halle verriet keine menschliche Gegenwart. Auf halber Höhe hielt der Gast den Fuß an. Erstens fehlte es ihm an Atem. Ferner bedurfte es der Gebärde, die seinem Gefolge befahl, zurückzubleiben. Sie wären durchgeklettert bis auf das Dach.

In dem Eintrittszimmer, seitlich zwischen Halle und großem Saal, schlug eine Uhr: halb eins. Auftritt Balthasar.


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