Autorenseite

 << zurück weiter >> 

4.
Völlerei der Gespenster

Hier ließen er und sie die Köpfe sinken. Ein Schatten wurde rückwärts fühlbar, bevor ein Zeichen ihn verriet. Der Hausherr war erschienen. Er ging auf unhörbaren Sohlen um den weitläufigen Tisch. Diesmal trug er einen echten Bratenrock der besten Epoche, dazu den niedrigen Umlegekragen, die große weiße Binde auf der gestärkten Hemdbrust. Auch dieses dunkle Beinkleid war eng, hatte gepolsterte Waden und wurde von Bügeln über die Stiefel gespannt. André sah mit einem Blick alles: auch die veränderte Haartracht.

Sein Großvater setzte sich gegenüber den Gästen, senkte wie sie den Kopf und legte die edlen Hände ineinander. Der Enkel nahm den äußeren Umriß dieses alten Lebens begierig in sich auf, die Tätigkeit der Augen verdrängte das ausdrückliche Bedauern: Schade, wie es nun ausgeht!

Die innere Sammlung des Gastgebers war beendet, er deckte die vorderste Schüssel auf, reichte seinen Gästen die Pasteten, ließ aber den eigenen Teller leer. André wurde deswegen besorgt und ratlos. Allein das Beispiel Irenes ermutigte ihn: sie nahm schon die dritte, da aß er vier. Auf der Schüssel blieben fünf, plötzlich waren sie verschwunden – im Magen Balthasars, wie sein Enkel mit Staunen begriff. Er hatte zwei Minuten lang nicht aufgepaßt.

Das vorzügliche Gebiß des Greises kaute noch: war dies der Grund, weshalb er stumm auf die beiden Gläser seiner Tischgenossen deutete? Nein. Er schenkte ein, gab ihnen Bescheid, sie hielten mit und tranken aus – alles unter Schweigen. Unverweilt griff Balthasar das zweite Mal nach der Flasche.

Der feierliche Vorgang wiederholte sich, nur daß man jetzt schluckweise genoß und die Hälfte zurückließ. Irene befolgte die Übung ohne hinzusehen. Aber André überzeugte sich, daß auch sein ausgehungerter Vorfahr weder sie noch ihn selbst ins Auge faßte. Er sah in sein Glas.

Bereitwillig machte der Junge es ebenso. Er überlegte: Mag sein, wir drei sind unsichtbar. Dieser Zustand überhebt all und jeder Verpflichtung, man darf anstandslos ein Saufaus sein, und kein lehrreiches Tischgespräch beeinträchtigt die Arbeit der Ernährung.

Er irrte, wenigstens zum Teil. Den Larose, soviel ihm davon übrigblieb, einen Wein, wie Samt so weich, konnte er noch hinuntergießen. Als er aber aus eigener Vollmacht neuerdings davon nehmen wollte, versetzte seine Nachbarin ihm einen scharfen Rippenstoß. Ernüchtert zog er die Hand zurück. Seien wir vernünftig, ermahnte er sich. An Unvernunft fehlte es in diesem Kreise nicht.

Der Hausherr enthüllte das folgende Gericht. Die Flamme, die es warm erhalten hatte, flackerte und erlosch. Bisher und weiterhin erwies jede der Lampen sich als ausgebrannt an dem genauen Punkt, wo sie überflüssig wurde. Der Lachs erfuhr seinerseits die Förmlichkeiten, die schon die Pasteten begleitet hatten. Als die Gäste ihm mit unverkennbarer Eßlust vorangegangen waren, fand auch Balthasar in seinem abgeschiedenen Zustand keinen Einwand mehr, sondern verzehrte doppelte Mengen.

André hörte die arme Irene beklommen schnaufen. Sie fing an, die Bissen von dem Schlitz ihres künstlichen Mundes abgleiten zu lassen. In den echten, unter die Brücke mit den zwei Zähnen gelangten sie nicht immer, aber es war kein Vorsatz dabei. Auch ihm brannte hinter seiner Maske das Gesicht, er führte die Gabel nicht mehr ganz sicher; übrigens drängte es ihn zu sagen, daß er als Gespenst noch nie so gut gespeist habe. Die Versuchung ging von dem Getränk, einem hitzigen Weißwein aus. Sein Großvater goß ihn dreimal in die Gläser, keinen Tropfen daneben, und leerte das seine jetzt schon auf einen Zug. Beim dritten verschluckte das eine der Gespenster sich, still aber heftig rang es nach Luft.

Hier vergaß André sich wirklich. Er klopfte Irene den Rücken, damit sie den Atem wiederfände. Sobald ihre Kraft es erlaubte, trat sie ihn auf den Fuß. Er wollte sich mit einem Blick bei dem Hausherrn entschuldigen, der aber sah wie gewöhnlich in sein Glas.

Dies war noch gutgegangen. Der Lachs mit seiner Sauce Mousseline hatte eine ungemeine Zartheit besessen: so schmilzt nicht leicht einer auf der Zunge. Danach konnte die Hammelkeule, in Sahne abgelagert wie sie war, nur schlechthin überirdisch genannt werden, und der Unglückliche hätte es fast getan. Am äußersten Rand seines Fehltrittes besann er sich, daß der Hammel hier nicht die einzige metaphysische Erscheinung war.

Die unvermeidliche Katastrophe begab sich nach drei Glas Burgunder. Dieses Gewächs begeisterte Monsieur Million, oder wer es nun war, bis zu dem Grade, daß er, la langue pâteuse, aber deutlich genug aussprach:

»Le bordeaux n'est pas un Vin.«

Es war eine Redensart, bei der niemand sich so wenig dachte wie André. Er hatte sie gehört und zufällig behalten. Eine Kälte entstand. Der allzusehr Erwärmte wurde von ihr angeweht, in jäher Panik erkannte er die Grabeskühle. Schon rückte der tote Hausherr mit seinem Stuhl vom Tisch weg. Wär er aufgestanden, ganz ohne Spaß hätte André die Flucht ergriffen.

Ihn rettete die Stutzuhr auf dem Kamin. Er hatte sie im Rücken und erfuhr von ihrer Gegenwart erst jetzt. Sie ließ sich einfach einfallen zu spielen: »Ach, das Gold ist nur Schimäre« aus »Robert der Teufel«. Wie ging es zu? Der Schlag der Stunde blieb aus, auch ihr dünnes Singstimmchen gab die treue Dienerin des einstigen Reichen nur gerade jetzt zum besten. Sie machte eine Ausnahme, um die bedrohte Lage wiederherzustellen. Balthasar, angenehm berührt von der Meinung Roberts über das Gold, brachte seinen Stuhl in die vorige Stellung. Sein Enkel hatte den Zwischenfall alsbald vergessen.

Schwierig blieb Irene, sie hielt dem Mittagessen nicht länger stand. Ihr Herr in seiner Güte für Monsieur Million, weil er ihm recht gab hinsichtlich der überragenden Eigenschaften des Burgunders, füllte die Kelche – André sagte bei sich nunmehr »Die Kelche« – ein viertes Mal. Nach dem Übereinkommen mußte ausgetrunken werden. Dies geschehen, kippte Irene um. Sie fiel auf André. Er war genötigt, die, mißleitete Alte von seiner Schulter zu heben und ihren überladenen Magen gegen die Tischkante zu stützen, was nur mit Hilfe eines zweiten Stuhles gelang, der Körper senkte sich sonst nach der anderen Seite.

Diese flinke Bewegung störte auch Monsieur Million persönlich in seinem Gleichgewicht. Die Anordnung seines Gewandes litt unter den Umständen, von André trat dies und jenes zum Vorschein. Er gab die Partie schon verloren; ein Blick belehrte ihn, daß sein Großvater nicht mehr ins Glas sah. Im Gegenteil nahm er genaue Kenntnis.

Was war dies? Er lächelte. Er schien befriedigt von dem Vorgang selbst und von seinen Entdeckungen.

André dachte unbestimmt: Er weiß, hat immer gewußt. Sein Glaube an unsere Überweltlichkeit steht auf schwachen Füßen, um so hartnäckiger verteidigt er ihn. Dennoch freut es ihn, wenn plötzlich die Natur einen Zipfel zeigt. Man darf es nur nicht zugeben, so wenig wie den Ausspruch des toten Million, Bordeaux sei kein Wein. Daß ich beileibe nichts rede! Er fiele aus den Wolken, es wäre das Ende. Er würde mich enterben. Welch ein scherzhafter Einfall des jungen André! Die Aussicht, enterbt zu werden, verursachte ihm einen Hustenanfall, der aber eigentlich unterdrücktes Gekicher war.

Balthasar bekam alsbald seine vorige Feierlichkeit zurück, da schon wieder gegen die Regel verstoßen wird, wenn Zurückgekehrte eine Erkältung mitbringen. In wohlgesinnter Absicht schenkte er seinem alten Freund, und gleich sich selber mit, von dem bewährten Burgunder ein. Bei ihm verharrte man während des Plumpuddings, dem beide zusprachen, als müßten sie sich für eine schwache Mahlzeit entschädigen.

Die Wangen des Neunzigjährigen waren mild gerötet, um einiges feuriger unter den Augen, und auch sie erglänzten nachgerade, man konnte meinen vom Leichtsinn der Jugend. Wenn André nicht getäuscht wurde seitens seines vernebelten Kopfes, dann winkte der gute Balthasar nach der faltigen Hülle des zweiten Gespenstes seiner eigenen Seligen, die über dem Tisch lag und, das Gesicht auf den Armen, entschlummert schien. Wer kann sagen, ob sie ihm im Leben immer gefallen hatte. Jetzt mußte die Gattin sich besiegt geben, er aber, tot wie nur einer, hielt sich oben.

Allmählich entschwanden die Zweifel, die beiden noch aufrechten Tischgenossen verband wahrhaftig eine stille und stumme Vertraulichkeit. Der Alte warf dem Jungen die Scheiben einer Orange hinüber, und trafen sie den Teller, entblößte er sein untadeliges Gebiß. André sah den Augenblick nahe, wo er wagen konnte, das Bild des verwandelten Balthasar auf ein Blatt zu entwerfen. Heimlich tastete er unter seinem Gewand: der Schwierigkeiten, die es ihm entgegensetzte, ungeachtet, zog er schließlich das Nötige hervor.

Zuerst versuchte er es mit seinen Knien. Das Skizzenbuch auf den Tisch zu legen, war bequemer. Er stellte einen Haufen des abgegessenen Geschirrs davor hin. Wer es wegschob, war Balthasar. Er wollte zusehen, wie sein witziges Porträt entstand: die Perücke, ohnehin kleidsamer als die erste, saß jetzt ein wenig schief, mit zerzausten Löckchen. Wie munter, wie galant, dies alte Angesicht, aber das unheimlich Vergangene blieb darin bestehen, als wäre es eine verewigte Laune.

Der Zeichner erkannte in seinem umwölkten Gehirn, daß Erscheinungen dieser Art, gerade dieser, nicht schlecht geeignet wären, zwischen einer Auswahl prächtiger Konservenbüchsen gezeigt zu werden. Er beschloß demgemäß. Der Einwilligung des Modells war er versichert, es blickte teilnahmsvoll und überaus gnädig auf den eilenden Stift.

Da, ein Glockenschlag. In seinen hallenden Nachklang fiel der zweite. Der dritte ließ warten, dann erfolgte er, tief, dumpf, und erstarb auch schon. André fuhr sehr erschrocken herum nach der sonst bescheidenen Stutzuhr, die ihm plötzlich so gewaltig verkündete, es sei drei Uhr, und er sitze seit zwei Stunden zu Tisch. Als er von dem Kamin sich wieder gegen seinen Großvater wendete, war Balthasar verschwunden.

André sprang auf, sein Schrecken schweifte aus und wurde Entsetzen. Damit er ungehindert erkenne, was wirklich oder nur vorgespielt war, riß er die Larve vom Gesicht. Irene sprach von ihren Armen zu ihm herauf:

»Nur Ruhe, junger Herr! Das Läuten hat er selbst gemacht.« Sie gab sich so weit Haltung, daß sie in die Flucht der Zimmer deuten konnte. Dort sollte ihr Brotgeber abgegangen sein, aber André fand seine Spur nicht, zweifelte übrigens an dem unverwüstlichen Glockenton aus seiner welken Brust.

Irene sah es und erklärte: »Seine leibliche Unzucht, ich meine den Dienst des Bauches, verschafft ihm zeitweilig eine furchtbare Kraft. Nehmen Sie sich in acht, junger Herr!«

Hier fiel André auf seinen Stuhl zurück. »Erfährst du brave Person denn Anfechtungen?« fragte er, ganz aus der Fassung.

»Wo denken Sie hin, Sie Schlimmer?« Irene drohte ihm mit dem Finger. Sie war auf den Füßen, ohne Verkleidung. Ihre Geister hatte sie größtenteils zurück. »Jetzt doch nicht mehr«, sagte sie vorwurfsvoll. »Das liegt zu den Zeiten der Seligen, als wir alle noch in Blüte standen.«

»Fünfzig Jahre?« vermutete André mit einem Schauder.

»Wer wird sie zählen«, behauptete die Magd im Tonfall ihres Philosophen. »Die Zeit ist nichts Wirkliches.« Aus eigenen Erinnerungen, verriet sie: »Million war ein so hübscher Herr. Sie hatten heute viel von ihm.«

Dem aufmerksamen Jungen wurde der Kopf immer heller. »Ich verstehe. Nicht nur, daß unser Balthasar sich mit dir verging: die Selige vergalt es ihm mit seinem Freund. Ich verstehe. Zur Feier eurer einstigen Verirrungen mußt du jetzt bei seinen Gelagen die Selige machen, mußt umkippen und einschlafen.«

Sie erklärte nicht ohne Befangenheit: »Es war auch, weil Sie, junger Herr, so sehr an meinen Geliebten erinnerten. Ich meine den Geliebten der Seligen, die ich sein sollte.«

André erschrak, heftiger als das erstemal. Die Rolle, die er gespielt hatte, gewann erst jetzt ihre ganze Unheimlichkeit. Harmlos schlug Irene vor: »Legen Sie doch das unpassende Gewand ab, junger Herr!«

Er tat es mit einer Hast, die sie nicht erwartet hatte; wickelte sich heraus und warf es zu Boden. Irene las es auf, zusamt den anderen Teilen der zweifachen Maskerade. Sie wollte das Ganze hinauftragen, aber noch diesseits der Tür sah André sie schwanken. Er unterstützte das vielgeprüfte Weib, das sich sträubte.

»Daß du mir auf der Treppe verunglückst!« Liebevoll beharrte er bei seiner Hilfe. Dieses Wesen, als es jung und reizend gewesen, hatte seine Großmutter betrogen, schön und im dankbarsten Alter auch sie. »Bis in deine Kammer bring ich dich!«

So stiegen sie und stiegen. Die Alte atmete beschwerlich. »Sein Geburtagsessen wird mir lange vor dem Magen stehen«, stöhnte sie.

Ihm fiel ein: »Großvater ist doch arm. Wer bezahlt unsere Völlerei?«

»Ich«, antwortete sie schlicht. Vor ihrer Behausung angelangt, sammelte sie Luft, um zu erläutern: »Das ist das wenigste, was ich ihm schulde, und kann es auch. Als er reich war, schenkte er mir viel. Ich habe das meiste gerettet, er von seinen sieben Millionen nichts, aus bloßem Eigensinn. Ich segne seinen Eigensinn, jetzt kann ich ihm unbelohnt dienen, obwohl das Haus allein besorgen über meine Kräfte geht: und manchmal darf ich ihn plumpsatt machen. Das ist gut, wenn so spät noch einer nach dir ruft!«


 << zurück weiter >>