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26.
Der Ernst des Lebens

Zwei Minuten lang hingerissen von einem Entzücken, das unvergleichlich mehr Dauer versprochen hatte, wiederholten sie ohne Pause dieselbe sinnliche Beförderung der Seelen. Zurückgekehrt, für den Augenblick ernüchtert, sagten sie oder sagte einer: »C'est joli, les transports en commun.« Ist es die Frau, die ihre wichtigsten Freuden mit einem Scherz quittiert? In dem sogenannten Säulensaal des verstorbenen Hausherrn wird sogar der Mittag dämmerig, bei geschlossenen Läden, herabgelassenen Vorhängen, ungerechnet, daß die Straße keine Sonne hat.

Auch das Geflüster der beiden Personen, die so dringend beschäftigt sind, verliert sich unter dem niedrigen Plafond, wo unverhältnismäßig große Stukkaturen herrschen. Die Putten über ihnen spielen mit derselben Tätigkeit, die drunten auf dem Sofa todernst gemeint ist. Das allseitig ausgebogene Sofa, hoch geschwellt, aber hart mit seiner Füllung von Roßhaar, besetzt bekanntlich den ganzen Abstand zwischen zwei runden Trägern, wirklicher Marmor, die dem halbwegs feierlichen Raum seinen Namen verleihen, Säulensaal. Auf dem bauchig gewölbten Möbel liegt man unbequem, hat aber andere Gründe, gut zu liegen.

Wirklich, die Frau muß es gewesen sein: sie spricht noch einmal in ähnlichem Sinn, eher skeptisch, aber ihre Hände zweifeln nicht, sie liebkosen. Ihre Augen, die schmal geworden sind, schimmern feuchte Verführung, und meinen es überzeugt. Fraglich scheint, wieviel ihre Worte bedeuten. Sie sind nicht alle vorsichtig. Ob sie ernst sind?

»Du warst sehr stürmisch«, sprach Stephanie. »Fehlt nur, daß du mich gleich bei der Tür über den Tisch warfst. Angenommen, ich hätte meine Jungfernschaft noch zu verlieren gehabt, was Balthasar leugnet – ich würde es gar nicht bemerkt haben, so schnell ging es!«

Kaum zu Ende, zog sie ihn fester an sich, legte ihn in die Fesseln des Fleisches, mit der gleichen Leidenschaft, die sie soeben bespöttelt hatte. Auch er, anstatt zu danken für das empfangene Wohlwollen, kam nachher alsbald mit Anzüglichkeiten. Ihr unglückliches Wort von der Jungfernschaft mußte vergolten werden – aprés coup, wie er bei sich feststellte. Gleichviel, sie war zu aufrichtig gewesen, oder perfide. Daher sprach er:

»Die Bedingung des Erblassers habe ich hiermit erfüllt.«

»Wirst deine Sachen nehmen und gehen«, ergänzte sie, lächelte wohl, aber fühlte sich kalt werden von den Schultern bis in die Knie: kalt und schwach, sie hätte nicht aufstehen können.

Er schritt weiter in seiner Rache. »Unser Balthasar war um dich besorgt, mir traute er nicht. Sein letzter Satz, den du mir vorenthieltest, gab mir auf, dich ohne jeden Verzug zu lieben. Er nennt ausdrücklich dieses Sofa. Die Vorschrift ist streng privat, der Notar kennt sie nicht. Dennoch erbtest du im Sinn des Testierenden nur, wenn ich mitwirkte. Ich bin loyal.«

»Das größte Scheusal bist du. Keinen vor dir hielt ich dieser Niedertracht fähig.« Keinen vor dir! Abwechselnd nehmen sie Rache.

Er hätte vielleicht noch darauf gesetzt, die abgeleugnete Unschuld sei auch nicht übel, von ihr müsse er das hören? Zum Glück bemerkte er ihre Blässe, ihre gelähmten Glieder, denen ein Krampf drohte, und erblickte ihr Gesicht, mitsamt der armseligen Ironie, die darin erstarrt war, jäh überschwemmt von Tränen. Da brach er selbst in jammervolles Weinen aus.

»Verzeih mir!« stammelte er, seiner Zunge nicht mächtig.

»Du, verzeih mir!« Auch sie erstickte von Jammer und Not. Einander verstanden sie nur, weil jeder sich selbst verstand. Sie betteten ihre Köpfe auf dieselbe harte Lehne, sahen zu, wie der andere schluchzte, nochmals überfloß, und trauerten um ihn wie um sich. Sie berührten mit den Fingerspitzen ein Gesicht, um besser mit ihm zu leiden, anstatt wie sonst, um es zu bewundern. Aus dem Leiden aber wurde, im Verlauf der Minuten und der Tränen, nochmals die Lust. In dieser Umarmung wimmerten sie schmerzlich, während sie so gut wie gleichzeitig seufzten vor Glück.

Das sind Zustände, so bedachten sie, als sie, erleichtert für den Augenblick, getrennt lagen und schwiegen. Gleich am ersten Tage, das Zerwürfnis, der falsche Tritt! dachte jeder der beiden Köpfe, und sahen einander an, was sie dachten. Aber das ist das Gesetz, weil wir lieben; wir können nicht immer Freunde sein. Um nichts mehr zu sehen, versenkten sie, eines in das andere, ihr süßes Antlitz. Sie hielten sich zur Nachsicht an, waren wirklich voll Güte, aber waren es aus Mitleid, Reue und in der Furcht, das Geschehene möchte wiederkehren.

Wie denn nicht. Keiner von ihnen fühlte sich fähig, ganz zu vergessen oder des anderen gewiß zu sein. Gedanke des einen: Stephanie hat niemals geliebt vor André. Hat sie? Hat sie nicht? fehlte wenig, daß es ihm gleichgewesen wäre, mit ihr im Arm, ihren Gliedern, die um seinetwillen kalt und starr wurden. Wie qualvoll aber, wie bitter mußte der unterdrückte Zweifel aufsteigen bei der ersten Entfremdung – bei der nächsten vielmehr; wenn noch so kurz, waren sie schon diesmal Fremde geworden inmitten ihrer Vereinigung! Dann sagt man: ich habe sie niemals gekannt.

Gedanke der anderen: Unsinn, wie sollte André wohl um des Testamentes willen Stephanie geliebt haben. In aller Frühe war beschlossen, was sie jetzt taten; sie hätten nicht über sich vermocht, es aufzuhalten; was, Testament. Stephanie sah es durchaus ein, während ihre Zustände, abgeschwächt, dennoch Gefahr kündeten. Der Auftrag des Toten drängte sich in ihre Wünsche, wem gehorchen sie seitdem? Verbürgt ist keineswegs, daß Stephanie künftig, bei einer nächsten leidenschaftlichen Verirrung des Geliebten, ihrer mächtig bleiben wird, des Blutes und Atems, die aus der Regel fallen, des Hasses und Todes, die das Herz ergreifen wollen. Aber da sie heftiger als er gelitten hat, ist sie entschlossener als er, nie wieder sich überraschen zu lassen.

Sie war es, die sprach. Sie versprach ihm, ungeachtet ihres Wissens, daß sie es nicht halten könne: nie mehr werde ich dir weh tun, daher du auch mir nicht. Denn die Stärkere war sie gewiß, und nahm die Schuld auf sich. Er bat heiß: »Du hast keinen anderen gehabt!«

»Fühle mein Herz!« verlangte sie und legte seine Hand unter ihre Brust. Soll er sich überzeugen, daß es laut oder leise schlägt? Das wußten weder er noch sie. Anstatt zu prüfen, streichelte er. Was sie empfanden, war Beweis genug für beide. Worauf sie liebten. Worauf sie weinten, aber vor Glück. Die Erinnerung, wie böse und traurig sie gewesen waren, hob alle Grenzen der Seligkeit auf für beide Geheilten.

»Mein Mund ist ausgetrocknet«, sagte sie.

»Weil du durch den Mund atmest bei unseren transports und auch beim Weinen, das bezaubert mich«, sagte er. »Ich hole etwas zu trinken.«

Er wollte nur in das Eßzimmer gehen, und man sah bis dorthin, aber sie hielt ihn fest. »Laß mich nicht allein! Ohne dich wird mir dies alles unheimlich.« Er erinnerte sie: »In der vergangenen Nacht nanntest du die hiesige Gespensterhaftigkeit vergleichsweise heiter.« Aber sie wiederholte: »Dies alles.«

»Dies alles« war der tote Balthasar im Keller, war sein verödetes Haus, vielleicht auch der Säulensaal – hinzugenommen, daß sie darin liebten? Sie zeigte, um dies alles zu erklären, auf die Stühle, sichtlich für Besucher aufgestellt. Er antwortete ernst.

»Gewiß, die Stühle sind unheimlich. Auf dem einen saß ich gestern, Arthur auf dem anderen. Sie sind in Gedanken stehengeblieben, als ob noch gestern wäre, ich aber wußte schon gestern, was jetzt auf dem Sofa vorgeht, und sähe es mit Augen.«

»Glaubst du, daß wir die ersten sind?«

Er beruhigte sie. »Eher wären wir die letzten. In diesem Haus ist viel geliebt worden. Um so leerer ist es jetzt. Sobald wir uns von unserer Tätigkeit besinnen, wird es leer.« Er hätte hinzugefügt: Es ist nicht leer. Gespenster der alten Liebenden besuchen es wahrhaftig. Die Hauptperson befindet sich gerade bei ihrem Gold. Er hütete sich, es zu sagen, hob sie vom Sofa, trug sie durch die weit offenen weißen Türen und löschte ihren Durst.

Zusammen tranken sie die ganze Flasche aus, ohne daß vom Essen die Rede war. Hunger hätten sie gewiß gehabt, auch suchte André heimlich. Da er nichts fand, ließ er es gut sein, sonst wäre sofort die eingeschlossene Irene gekommen. Sie wären nicht länger allein gewesen. Stephanie schien die Alte vergessen zu haben. Von selbst umschlang sie ihn, damit er sie zurücktrage.

Unterwegs sagte sie: »Die Liebe ist grauenhaft« – dies, während sie mit der schmalen Seite der Hand über ihre Stirn strich. Er legte sie nieder, schob ihr endlich ein Kissen unter, es war ihm inzwischen in die Hände gefallen – da vollendete sie, was ihr im Sinn lag. »Sie muß grauenhaft sein, wäre sie sonst die Seligkeit?«

Sie ergaben sich lange, man hofft auf immer, ihrer Seligkeit. Vollendet wurde sie erst durch die Anfälle von Angst, die sich einschoben.

Ob sie alt werden sollten? Alt und kalt? Auseinandergeworfen oder, was war schlimmer, zusammen und hier?

»Neunzig Jahre zu werden in dem Haus, das uns gehört, in Wahrheit wir ihm!«

Nur sie hatte es geerbt, aber er unterließ die Berichtigung. »Naître et mourir dans la même maison. Es erschreckt, wenn man es bedenkt. Nicht wissen, wohin verschlagen man sterben wird, ist ebenso schrecklich.« Sie waren einig, ihre trockenen Gedanken mit Küssen zu ertränken. Die Kehlen hat der Wein befeuchtet. Sie liebten viel, weinten mehrmals dankbar dem Segen, den sie spendeten. Ein einfacher Kuß auf die Stirn, sie gab ihn in plötzlich gefühlter Dankbarkeit, erschütterte den Jungen; er hielt die Minute, nur diese, für die Höhe seines Lebens. Macht sie künftig anderen großen Minuten Platz, wird er sie doch nie vergessen.

Endlich lächelten sie in die Dunkelheit, die von den Fenstern über den Boden schlich – vor der Zeit: die Stadt, ihnen fern, hatte Sonne. Die lautlose Straße im Schatten, das Zimmer mit der frühen Nacht, sie waren es zufrieden, sie fühlten sich jung, dauerhaft und kühn. »Wir behalten das Haus!« entschieden sie. Aber es war ein Beschluß im Traum. Nicht allein jung sind sie, auch ermüdet und wenig aufmerksam, auf Dauer nur bedacht, um beieinander zu liegen.

»Einmal sah ich im Vorübergehen eine Traumdiele, so hieß sie, und nahm mir vor, gerade dort zu tanzen« – sprach er dahin.

Sie suchte nicht im geringsten zu verstehen. Auch er hörte ihr zu wie einem Märchen. »Irgendwo«, sagte sie, »gab es ein Mädchen und einen Knaben, deren Liebe nicht wohlgelitten war. So beschlossen sie zu sterben. Nicht eigentlich zu sterben, das war der Zweck nicht. Nur, zu lieben, wenn sie auch stürben. ja, es war in Italien. Sie gingen hinauf unter das Dach, in ein ausgeräumtes Zimmer, wo wenig zu fürchten war, daß man sie suchte. Dort legten sie sich auf den bloßen Boden. Drei Tage später wurden sie aufgefunden, beide von der Liebe tot, der wörtliche Liebestod.«

Dies erzählte Stephanie ihrem Geliebten. Wie lange her, war sie keusch, aber auf ihre Enthaltsamkeit nicht stolz gewesen. Da sie an sich und ihren Geliebten dachte, während sie von dem anderen Paar sprach, ist nicht gesagt, daß die Sätze geordnet und deutlich herauskamen. André hätte auch dann nur traumhaft Kenntnis genommen: er hatte eine absence, wie er noch feststellen konnte. Hat das Bewußtsein verloren – mehr oder weniger, jedenfalls in angenehmen Grenzen.

Als er es zurücknahm, stand Stephanie drüben vor dem Pfeilerspiegel, eingehend beschäftigt, ihre Schönheit herzustellen: eine Funktion, der er mit Verehrung beiwohnte. Plötzlich fiel ihm ein, hinzuspringen, und sie tief auf den Rücken zu küssen. Die Hand und der Stift glitten ihr aus, sie bat ungeduldig, er möge ihr Ruhe geben. Er tat es um so weniger, worauf sie den Arm fallen ließ; stumm wartete sie ab. Ihre Haltung und sein eigener Mißgriff beschämten ihn. Nichts mehr sagen! Worte wären anmaßend oder zu demütig gewesen. Er verließ das Zimmer.

Fertig zum Ausgehen, kehrte er zurück. Sie setzte noch den Hut auf; er sah sie bemüht, wobei die Lippen zusammengezogen werden. »Störe ich?« fragte er. Sie lachte. »Laß dich nicht zu gut erziehen!« sagte sie. »Eine Frau verträgt es nicht. jetzt will ich deine Meinung hören.«

»Wie du aussiehst? Muß ich es dir mitteilen, dann hat es keine Helena von Troja gegeben vor dir.«

Wenn er einen Kuß der Dankbarkeit auf seine Stirn erwartete, hier fehlte der Anlaß. »Soyons sérieux«, sagte sie, als ob beide den Ernst des Lebens nicht abgehandelt hätten diesen ganzen Tag.

Sie nahm seinen Arm, sie führte ihn nach den Seiten des Sofas. »Geschäftlich, meine ich. Wir können nicht auf die Straße gehen, bevor unsere Beschlüsse gefaßt sind.«

Er bekam auf einmal Sehnsucht nach der Straße, aber gut, nicht seufzen! »Du willst meine Meinung hören?« fragte er bereitwillig.

»Nicht nur hören, auch befolgen«, sagte sie fest. »Sogar wenn du anordnest, daß wir von dem Gold deines Ahnen ein palacial building kaufen und darin leben wie die Gangster.«

»Ich merke, daß du einen Rat in dieser Richtung mißbilligen würdest.«

»Das darf dich nicht beeinflussen. Du sollst handeln wie der Erbe, der du eigentlich wärest.«

André: »Aber ich bin es nicht. Die Wahl unseres Balthasar ist nach reichlichem Ermessen auf dich gefallen. Er war überzeugt, du werdest sein Gold in seinem Sinn verwalten.«

Stephanie, rümpft die Nase: »Klarer, bitte!«

André: »Es ist mehr als klar, was er damit anfing. Er bewahrte es in Weinfässern auf. Dabei bleibst du. Wie denn sonst? Verlangst du, daß ich einen Truck besorge und die Ladung vermittels mehrer Fahrten auf die Staatsbank bringe? Zunächst einmal würden wir beide eingesperrt werden.«

Stephanie: »Folgt die Verurteilung, voraussichtlich in gleicher Höhe wie der nachgezahlte Betrag, je Million ein Jahr. Nein. Unnötig kompliziert, viel zu auffallend. So wären wir es allerdings los.«

André: »Verfolgen wir wirklich die Tendenz, es loszuwerden?«

Stephanie: »Es scheint dir lieber zu sein.«

André: »Nepomuk hielt die Fässer einfach für leer. Das behaupte ich nicht; nur wünschte ich mir seine fromme Pfiffigkeit. Wären sie dennoch so gut wie leer? Tief in dem abgründigen Balthasar saß ein Spaßvogel.«

Stephanie: »So schade um ihn! Und macht uns so viel Mühe!«

Hier hängte sie ihren Arm über seine Schulter, die Hand griff von selbst in seine Brust. Sie wollte getröstet werden, er küßte die Hand und sogleich, versenkt in die Sache, ihren Hals. »Attention à tes doigts!« sagte sie und beseitigte seine verirrten Finger. »Siehst du nicht, wo wir sitzen?«

Sie saßen aber auf den beiden in Gedanken stehengebliebenen Stühlen, wie der Besuch von gestern. André gab Stephanie frei, er stand sogar auf.

»Mir fällt ein, daß ich dort gar nicht gesessen habe. Ein Gedächtnisfehler, wie konnte er bis jetzt anhalten? Balthasar hatte mich zu sich genommen.« Befangener Blick nach dem Sofa. »Auf einem Stuhl, ich glaube deinem, saß Arthur.«

Er hatte sich abgewendet, da kam ihm eine Erleuchtung. Es handelte sich nicht darum, die Bestimmung des Sofas gestern und heute zu vergleichen. Verletzte Pietät war kein Gegenstand; der gute Balthasar hatte nur, was er wollte.

André, zurück bei Stephanie, ohne sich zu setzen:

»Ich weiß, warum du von Arthur angefangen hast.«

Stephanie: »Du nanntest ihn zuerst. Es ist wahr, daß ich darauf brachte.«

André: »Und willst sagen –.«

Stephanie: »Für das erste nur, was dich und ihn unterscheidet. Du brauchst sowenig Geld wie ich; er – noch mehr als Melusine.«

André, in heller Bewunderung: »Welch eine Idee! Dir mußte sie kommen, mir nur ein dunkler Drang.«

Stephanie: »Noch habe ich keine Idee. Bevor du sie nachprüfst, ist es keine.«

André: »Prüfen, was? Ob Melusine und Arthur mit dem Staat in Händel geraten, wenn sie die Weinfässer abholen? Die kennen andere Tricks als wir.«

Stephanie: »Tricks, die sich lernen lassen, meine ich nicht. Du auch nicht. In der Frage interessiert dich weniger das Gold und was mit ihm geschieht. Deine Sorge sind unsere lieben Vorfahren.«

André: »Arthur und Melusine – für sie enden alle Sorgen mit dem Existenzkampf.«

Stephanie: »Du bist sicher, daß er endet?«

André: »Diesmal ist es zu viel Geld. In ihren verhältnismäßig kleinen Geschäften können sie es nicht alles loswerden.«

Stephanie: »Dann vergrößern sie ihre Geschäfte.«

André gibt den Widerstand auf: »Wozu reden, wir wissen doch. Sie werden nach wie vor ihre schwarzen Tage haben, wo man vom Stuhl fällt, in die Weite flieht, das heißt, man flieht nicht, man hat eine absence. Das gehört zu ihnen, ob Geld oder keines. Wer Katastrophen um zu leben braucht, dem werden sie; und der Existenzkampf läßt sich gesetzlich nicht abschaffen, da er menschlich ist.«

Stephanie: »Näher zu mir!« Sie küßt ihn auf die Stirn, der unvergleichliche Dankeskuß. »Ähnlich hätte Balthasar gesprochen. Vielleicht ist alles falsch?«

André: »Vielleicht ist alles falsch. Denn die Personen, die unsere Sorge sind, jetzt lieben sie.«

Stephanie: »Und wir können bezeugen, die ganze Welt wird neu, weil wir lieben.«

André: »Wenn es so wäre! Für uns, ja, für uns wird sie neu. Schon sehe ich sie nicht mehr als Faulenzer, namens Lindi.«

Stephanie: »l'Indifferent.«

André: »Ich werde mich aufregen können über die Ungerechtigkeit der Welt. Auf ihrem Empfang habe ich dich vollends lieben gelernt.«

Stephanie: »Wir lieben uns. Der Knabe muß wohl ein Mann werden.«

André: »Wie wir uns lieben, ist die Liebe, ich hätte gern gesagt, allmächtig. Ich sage, verzeihlich. An unserem ersten Tage hast du schon Nachsicht gehabt mit mir und meinen Schwächen.«

Stephanie: »Du, schon ein Mitleid mit meiner Schwäche. Sagte ich, die Liebe sei grauenhaft? Möglich; aber sie macht gut.«

Sie tauchten Mund und Gesicht ineinander. Auf einem steifen Stuhl, in der unbequemsten Haltung freuten sie sich ihrer; verlangten keinen anderen Genuß, als sich zu freuen auf alles, was sie, in absehbaren Zeiten, einander bringen, zufügen, verzeihen und danken werden.

Hiermit war der Gegenstand ihres Gespräches erschöpft. Das Ergebnis: Melusine und Arthur lieben wie wir, will sagen, von uns ganz verschieden. Das Gold im Keller wird sie auf keinen Fall kalt lassen; sie brauchen es wie je: nicht um des Besitzes willen, eher um es zu verlieren, und unbedingt für ihre Emotionen. Machten wir ihnen mit dem Gold im Keller das verhängnisvollste Geschenk, sie wollen es nicht anders, wissen sich auf Erden nichts Besseres. Wenn sie daran zugrunde gingen? Dann war es eine Gelegenheit von vielen. Eine Gewissensfrage, vor Gott besteht sie nicht. Wir weisen sie ab.

Sie schwiegen davon. Nicht jedes Wort läßt sich nackt aussprechen, mögen die beiden noch so eng beisammen und miteinander allein sein. Im Körperlichen gibt es für sie keine Indezenz. Im Moralischen fürchten sie nicht die Wahrheit, dennoch scheuen sie das nackte Wort.

Ausgemacht war, daß die Vorfahren den begrabenen Schatz des Urahnen heben und glücklich sein sollten. In das Glück der Jungen paßte er nicht. Seiner ledig, waren sie ärmer, um viel Geld und noch mehr Mißgefühl.

»Aber das Haus?« fragte André, als sie den Säulensaal verließen und nochmals zurückblickten. »Du erbst auch das Haus.«

»Du hast keinen Wunsch?« fragte Stephanie.

»Nur deinen. Balthasar hat sich auf dich verlassen: du werdest mit seinem Gold umzugehen wissen. Siehe, du findest heraus, was er gemeint hat. Im Grunde wollte er natürlich nichts anderes, als daß Arthur es bald verschwendet. Jetzt das Haus.«

»Wir behalten es«, entschied sie. »Obwohl es mir unheimlich ist mit seinem Zuviel von Glück. Ich will es heute nicht ansehen. Schon auf dem einen Möbel war des Glückes genug.«

»Unheimlich, sagst du. Kein Heim für uns? Als wäre das Glück ein Haus, worin man heimisch werden darf.«

»Komm!« sagte sie und ging voran. »Länger bleiben, kostet dich Aperçus.«

Im Begriff, die Treppe zu betreten, hielten sie an. »Und Irene?«

»Wer hat das zuerst gesagt? Ich denke schon längst an die Alte. Wie du?« Sie sprachen durcheinander.

»Wir konnten sie nicht brauchen. Deshalb sitzt sie nunmehr zwanzig Stunden eingesperrt bei Kaffee und Brot. Die Liebe macht gut.«

»Sie macht noch besser. Du wirst sehen.« Dies gesagt, klopfte André oben an die Tür. »Irene? Noch nicht verhungert?«

Eine Stimme, die seitdem dünner geworden war, flehte: »Machen Sie auf, großer Junge! Du hast mich vergessen bei deiner Braut. Er hätte es früher nicht anders gemacht. Ist sie fort?«

»Sie ist fort. Der Schlüssel auch.«

»Er hängt am Türpfosten.«

Stephanie sah ihn hängen, aber sie schwieg.

»Diesmal hat er ihn mitgenommen. Deinem großen André kannst du glauben, Irene. Er mir einen Brief dagelassen, er mußte zum Notar.«

»Dann steht es um ihn wie mir ahnte. Ich fürchte mich. Mach auf!«

»Deine Ahnungen kommen vom Hungern. Schließlich muß es nicht wahr sein, daß er beim Notar ist. Er kann im Keller sein, den öffnet kein Schlüssel.«

»Mach auf! Ich kenne das Kunststück. O Himmel! Er ist drunten! Aus. Es ist aus!«

Sie war zusammengebrochen und schluchzte, aber wie schwach! »Sie überlebt ihn nicht«, sagte Stephanie, als er am Rande der Treppe zu ihr stieß. »Ist es erlaubt, daß wir sie preisgeben? Uns erlaubt?«

Traurig gestand er: nein. »Dann nehmen wir sie mit hinunter? Der Eingang zum Keller steht offen, ein Kunststück braucht sie nicht. Sie wird auf einmal den Toten und sein Gold erblicken. Über dem Toten vergißt sie das Gold. Ihn aber trägt sie aus dem Keller, wie Edith Schwanenhals ihren König vom Schlachtfeld trug. Auf der Reise stirbt sie.«

Er rief zurück. »Irene! Hast du dich beruhigt?«

Sie antwortete vernehmlich: »Ich weiß alles und bin ruhig.«

»Gut, Irene. Gedulde dich, bis Arthur kommt! Kurze Zeit, er läßt nicht warten, das verspreche ich dir.«

Hiermit ging das Paar abwärts, beide in Verwirrung über ihr Handeln und Versäumen. »Wird immer alles fragwürdig bleiben?« sprach sie gegen die dunkle Haustür.

»Wie ich uns kenne, ja. Aber wir können uns ändern.« Als er so beschieden hatte, hielt er in der Hand den riesigen Hausschlüssel. Hinaus gelangten sie.

»Das war das«, sagte – wer von beiden? Tief einzuatmen war ihr erstes. Die Luft hatte sich abgekühlt zwischen den kalten, dunklen Häusern. Deutlicher als am Morgen roch die Straße nach Kellern. Mehrmals unterschieden sie Weinkeller und verständigten einander traurig.

»Werden wir ihn noch wiedersehen?« fragten sie.

»Meinst du, daß wir Arthur begleiten?«

»Jedenfalls müssen wir nach der Villa hinausfahren. Melusine hat ihn heute dabehalten.« Dies sprach Stephanie. André suchte gut auszulegen, wie er handelte. »Tatsächlich bleibt es das klügste, alle praktischen Schritte ihm allein zu überlassen. Die Dinge liegen so schwierig, daß jeder einen Agenten nehmen würde.«

»Zum Glück ist Arthur ein Agent«, bemerkte sie. »Abgesehen von seinem persönlichen Interesse in der Sache. Das wiegt noch schwerer.«

»Das wiegt noch schwerer«, wiederholte er. »Trotzdem wird Arthur die erste halbe Stunde vom Schmerz gebrochen sein. Ich war es nicht, obwohl Balthasar mich geliebt hat, oder beinahe geliebt, und ich ihn von Geburt.«

»Arthur, gebrochen?« fragte sie. »Ja. Ich sehe ihn bei der Leiche weinen. Er ist sentimental, das paßt zu seiner Tüchtigkeit. Dir fehlt beides, Empfindsamkeit und Bravour.«

»Anstatt ihrer habe ich Leidenschaft, die eine, die du kennst. Sie wird die einzige bleiben.«

»Aber mit ihr kannst du es weit bringen«, sagte Stephanie im Ton der Freundschaft. »Bis zum großen Mann. Einfacher: zum Mann.«

Hier verließen sie die alte Gasse, gingen durch die milde Sonne des späten Nachmittags und erreichten die Haltestelle. Welcher bekannte Wagen fährt an? Diesmal kommt er von der anderen Seite, stoppt aber auch jetzt hinter dem Autocar, der sie hinausbringen sollte nach Villa Barber. Sie mußten ihn versäumen, Poulailler trompetete und schwenkte nach ihnen die Arme. Wenn sie seinem Ungestüm widerstanden hätten, blieb immer noch, daß er um die linke Seite seines Gesichtes einen Verband trug. Was war geschehen?

»Ihnen ist es nicht nach Wunsch ergangen, Poulailler? How are you?«

»Moi, wonderful. Aber ihr solltet Nolus sehen. Der liegt. Fest und sicher liegt er im Hospital, ich weiß es von Nina. Natürlich ist sie von ihm zu mir übergegangen, seit ich das Paket habe.«

»Was erfreut sie mehr?« wollte Stephanie wissen. »Das Paket oder Nina?«

»Beide Pakete«, sagte er, mit einem Lächeln wie ein Kind. War es zynisch beabsichtigt, rein fiel es aus: so glücklich war Poulailler. Er erzählte, aus Lust zu reden!

»Quand j'avais tombé Monsieur, Madame jetait les hauts cris. Déjé, au téléphone, elle composait le numéro, elle aurait appelé la Police.«

»Sie haben auch Nina niedergeschlagen«, vermutete André.

»Moi! Vous êtes fou. Sehe ich aus wie einer, der sich an Frauen vergreift? Herr Nolus mit dem letzten Rest seiner Kraft riß sie am Bein, bis sie auf ihn fiel. Das tat ihm weh, er schrie lauter als sie, da war sie still. Ich konnte ihr noch schnell erklären, wie es für sie stehe, wenn sie auspacke. ›Si a la Préfecture, vous vous mettez à table, ma jolie, ce Monsieur est capable de vous faire votre affaire.‹ Nach dieser Warnung vor ihrem eventuellen Mörder mußte ich fort. Aber er selbst hat ihr dasselbe noch bestimmter versprochen, bevor er vor Schmerzen in Ohnmacht sank.«

»Gegen Sie bleibt er ohnmächtig.« Das Paar bewunderte ihn. »Sans doute vous en avez la preuve.« Aber es zweifelte.

»Der Beweis, daß er gegen mich machtlos ist? Hilfe nicht rufen darf und eisern schweigen muß von den Schecks, die er so gut wie ich gestohlen hatte? Ce cher ami! Den Beweis hat er mir nachgeschickt, mit seiner Freundin. Il n'est que de s'entendre. In Kürze aufgeklärt, lief Nina ihm davon und mir nach. Ich war noch nicht um die Ecke, wo ich geparkt hatte.«

Stephanie verstand: »Sie nahmen das temperamentvolle Mädchen nach Hause mit.« Aber Poulailler öffnete sein einziges freies Auge vor Staunen weit.

»Die Krawallnutte habe ich natürlich abgeliefert, wo ihre Anwesenheit unverfänglich ist, bei Arthur. C'est l'enfance de l'art.«

»Sie beschämen mich«, sagte Stephanie.

»Don't worry«, sagte Poulailler. »Möchten Sie, mein Fräulein, gewisse Knalleffekte des Lebens nie erfahren!«

»Das hoffe ich für meine Verlobte«, bestätigte André und dachte an den Weinkeller seines Großvaters, ein nicht zu verachtender Theatercoup des Lebens. »Wenn eine Frage erlaubt ist: Sie begeben sich wohl demnächst auf Reisen mit Ihren beiden Paketen? Sie selbst sprachen von zwei.«

»Das geht nicht«, entschied Poulailler. Er holte aus, mit dem Arm und der Rede. »Sie denken an Monsieur Nolus, der nichts eiliger gehabt hätte. Sie denken an meinen Freund den Präsidenten und seine Reisebegleiterin, dasselbe Genre, von dem auch meine wäre, tempérament à part. Indessen erinnern wir uns, daß jeder dieser reifen Herren seine ersten Schritte jenseits der bürgerlichen Grenzen unternimmt! Das vollzieht sich unfehlbar in Gesellschaft einer Prostituierten.«

»Den Titel führt keine der Damen«, berichtigte Stephanie. »Da Sie im Moralischen übertreiben, Poulailler, sehe ich kommen, daß Sie heiraten wollen.«

»Sogar Sie selbst, honey«, gestand er zur wirklichen Überraschung des Paares. »Ne craignez rien, ich versage es mir, Sie Ihrem Jungen wegzunehmen. So beginnt kein neues Leben.«

André wies ihn zurecht. »Dans le métier de Don Juan, vous n'avez plus toutes les chances, cher ami. Comme burglar non plus.«

»Dites que je sais m'arréter à temps. Vermögen immer vorausgesetzt, bin ich für Ordnung und gute Sitte.«

Das Merkwürdige war, daß keiner lachte. Der eine glaubte, was er sprach, die anderen wurden überzeugt, von nichts als seinem halben Gesicht, da die linke Seite wegfiel. Die unbedeckte Hälfte versprach zwingend eine ganze Zukunft des ehrenhaften Wandels.

André bemerkte: »Dès qu'il fut riche il devint un tres honnête homme – das muß ich gelesen haben. Alles hat man gelesen, bevor es eintrifft.«

Stephanie rief zur Ordnung: »Laß bitte die Literatur! Poulailler, es ist klar, das erwähnte Vermögen haben Sie realisiert.«

Poulailler: »Wenn nicht Nolus mir das Risiko abgenommen hätte.«

Stephanie: »Und sind auf dem Wege, mit Arthur zu teilen.«

Poulailler: »Was kann Sie daran befremden?«

Stephanie: »Oh! nichts. Sie sind korrekt – eher zu korrekt. Vergessen Sie nicht, daß Arthur auf das Konto Opernhaus auch dann nur seinen Anteil einzahlen könnte, nicht Ihren. Der verringerte Betrag würde auffallen.«

Poulailler: »Wem? Den steuerflüchtigen Gebern? Es gibt Mittel, sie zu beruhigen. Mit seinem Anteil wird Arthur sich selbst sanieren.«

Stephanie: »C'est fait. Votre argent ferait double emploi. Gardez le tout.«

Poulailler, mit Anstand und Würde: »Bemerken Sie, daß die Zumutung mich nicht beleidigt.«

»Der Sie doch in Ehrensachen kitzlig sind«, warf André ein.

Poulailler: »Auch frage ich nicht, wo unser Freund inzwischen Kapitalien gefunden haben mag.«

»Die Antwort, fürchte ich, werden Sie niemals bekommen, Poulailler«, schloß André.

Stephanie sprach noch in seinen Satz hinein: »Es wird Zeit. Wir fahren mit Ihnen.«

Poulailler: »Das war das erste, was ich Ihnen riet, am Anfang dieses Gespräches. Es wurde lang und länger.«

Stephanie: »Die Überfülle des Stoffes hat Sie in Wirklichkeit zu der Einladung nicht kommen lassen. Oder wären Sie mit Arthur lieber ungestört?«

Poulailler: »Da ich die Erlaubnis habe, Sie zu bitten, steigen Sie ein!«

Er verließ seinen Sitz und öffnete ihnen die zweite Tür. »Das junge Paar bleibt im Fond allein«, erklärte er, griff an die Hutkrempe und kehrte auf den Platz des Fahrers zurück. »Bewundernswert!« sagten sie, scheinbar zueinander, eigentlich für ihn. »Als Ehrenmann bleibt er dennoch taktvoll wie vorher.«

Bei dem Geräusch des Startens sprach er vor sich hin: »Mein rétroviseur führt mir Tun und Lassen eines Liebespaares vor Augen; Geschäftsgeheimnisse verrät er nicht. Diese Kinder fahren zu einer geschäftlichen Unterredung, infolge deren ich mit Arthur eine Diskussion haben werde. Nichts peinlicher, aber ich bringe sie hin. Habe ich, seit ich reich bin, schon gelitten? Hébété? Ramolli? Was kann ich dagegen tun, sie sind mir sympathisch.«

Soweit der neue Reiche: zuerst in geformten Silben, dann umgestaltet, endlich präzis, aber unhörbar. Den luxuriösen Sportwagen aus seiner geldlosen Zeit lenkte, wand, rettete er elegant aus dem Drang der Straßen, wo jeder, aber auch jeder ihn angerannt hätte. Immer war es Poulailler, der die Katastrophe abwendete. Dabei überlegte er nur eins: Arthur darf keine Schwierigkeiten machen. Das wäre die Katastrophe.

Sein Kopf wiederholte in Abwandlungen, aber das Problem blieb sich gleich: Hat er wirklich seit heute morgen Geld gefunden – aber wo findet man Geld, man wäre denn ein Poulailler, der Beschützer der Schwachen, der ungerechten Reichtum enteignet! Setzen wir den härtesten Fall, er soll etwas gefunden haben. Das junge Paar sieht aus, als habe es für ihn gehandelt: besonders das Mädchen. Unerklärt bisher, aber jedes Kreuzworträtsel kommt an den Tag. Vielleicht, daß Arthur selbst von nichts weiß. Ich hätte ihn überrascht, wenn ich den beiden zuvorgekommen wäre, was seine instinktvolle Absicht war. Da ich anfange, Zusammenhänge zu ahnen, wäre es illoyal von mir gehandelt.

Er drückte den Akzelerator und jagte durch die lange verkehrsarme Vorstadt. Sein Kopf gewann gleichfalls an Schnelligkeit. Im Gegenteil will ich ihnen Zeit lassen. Sie sollen bei Arthur ein Vorurteil überwinden. Vielleicht, daß sie die Rechten sind. Er – wenn er Geld hat – bekommt sofort auch Moral. Er wird zurückweisen, von dem Nolus abgejagten Vermögen, die Hälfte in eigenen Besitz zu nehmen. Infolgedessen muß er verlangen, daß auch ich meinen Anteil zurückerstatte, für Rechnung des Opernhauses, das eine Illusion ist, aber das tätige Leben soll abtreten ihretwegen. Ein Widersinn.

Der Widersinn wäre dem erfolglosen Poulailler nicht so bald aufgefallen. Er beginnt Ungerechtigkeiten zu entdecken, nun er ausgiebig verdient hat und sein Existenzkampf eine Pause zuließe; nur leider wird unbillig mit ihm verfahren werden. Ce serait à désespérer du genre humain, et de la justice.

Die Rettung beider, des Menschen und der Gerechtigkeit, fand Poulailler augenblicklich, die Zeit drängte. Die Jugend! Il n'y a qu'elle, pour la consolation du juste. Ich habe sie lange besessen, ich war reuelos und war hochherzig. Plötzlich verdiene ich mehr Geld als ich ausgeben kann, schon bricht das Alter an. Es drohte mir ohnedies, es wäre häßlicher gekommen, hätte ich Nolus nicht niedergeschlagen. Passons. Hinter mir sitzt die Jugend. Ich sehe im Spiegel, daß sie redlich bemüht ist, nur an sich zu denken, kann aber nicht. Hochherzig wie sie sein muß, wirft sie ängstliche Blicke nach mir.

Sie sieht in mit einen ungerecht Bedrängten, der ich auch bin. Sie flüstert, daß Arthur, ob sie ihm noch so viel Geld bringen, meines doch annehmen solle, weil auch ich sonst meinen Anteil herauszugeben gezwungen wäre. Um der Gerechtigkeit willen, soll er sich zusammen mit mir kompromittieren, beschließt diese reuelose Jugend. Mein Kapital ist nicht einwandfrei erworben. Das blinkende Gold, das sie selbst anschafft, kann auch keine unverdächtige Herkunft haben, das hat es nie. Aber ich mische mich nicht ein. Fragen sind verboten. Sofort wäre alles fraglich. Die Jugend wird handeln nach ihrem Sinn, der reuelos und der hochherzig ist.

Hier hielt der Wagen.


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