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14.
Es schickt sich nicht

Die Sängerin Alice wird nunmehr im Kabinett der Pompadour umherirren, wird stöhnen und dennoch erwarten, daß Tamburini sie rettet. Sie fühlt durchaus: nur er vermag und will es.

Sie fragte mit Stöhnen: Wo bleibt Arthur? Er verrät mich. Verräter! Das Wort machte ihr kalt im Rücken, ein Messer muß sich ähnlich anfühlen, wenn es eindringt. Das Folgende kam hörbar gesetzt daß jemand horchte:

»Seine Rache! Ich habe mich geweigert, die Micaela zu singen neben der Carmen seiner reichen Dilettantin. Ein Opfer meines künstlerischen Gewissens, das und nichts anderes bin ich. Er hat die Stehplätze gegen mich aufgewiegelt. Deutlich unterschied ich das unmelodische Kreischen der falschen Adrienne. Oh, der Neid. Ich kann nur bezeugen, Neid hab ich nie gekannt.«

Ihre Rückkehr zu sich selbst erweichte die Ärmste. Als sie aber zart im Gemüt war, gerade hier erschien von hinten Poulailler. Auf der echten Kommode schlug ihm das alte Uhrwerk die Stunde. Es erschrak davon selbst, daß seine Säulen bebten.

Zur gleichen Zeit bereute das Haus. Einkehr und Milde werden jedenfalls eintreten; warum sie ihm nicht vorweg zubilligen in dem Augenblick, als das Haus mit Zischen aufhörte, einfach weil der geschlossene Vorhang ihm seine Beute entzog. Unterhalb des Orchesters, soeben spielte es eine belebende Weise mit viel Schlagzeug und der süßen Säge, bemerkten zwei kühle, junge Leute den Umstand, der die unglückliche Alice vor allem quälte.

»Arthur«, sagte Stephanie, »rührt sich nicht. Was hat der Gute?«

»Melusine, an ihr hat der Gute genug«, erklärte André, sein lieber Sohn.

Das Mädchen wendete ein, er verweile bei ihrer vortrefflichen Mutter zu lange.

»So lange, bis sein Opernhaus zusammenbricht«, meinten beide Der Einzelfall machte sie besorgt, obwohl diese Kinder im ganzen beruhigt waren: etwas früher, etwas später breche alles zusammen.

»Wir müssen sie verheiraten«, entschied Stephanie.

»Unsere Eltern?« erkundigte er sich und wußte selbst: die Frage besonders das Erstaunen hätte ich unterlassen sollen. Meine Unbefangenheit ist verdächtig. Sie lächelt denn auch nur von mir weg, ich bewundere sie.

»Ich kenne Mama. Sie hat heute abend eine große Enttäuschung erlitten.« Nicht leichthin gesprochen, nicht künstlich. Stephanie bedauerte ihre Mutter. Ihn überkam sein Schuldgefühl.

»Alice ist zu bedauern«, versuchte er, aber sie schnitt ihm die Ausflucht ab.

»Das geht nicht dich an, mein Junge!« Streng und barmherzig redete sie ihm zu. »Sieh Melusine! Sieh, was du angerichtet hast! Das ist die Frau, der ein einziger Mißerfolg genügt; keine Sängerin, die zehnmal durchfallen muß, bis sie abgeht.«

»Leider überraschtest du sie mit Poulailler.« Er schämte sich, daß er es sprach, und wie, über sich weg in die Luft.

Stephanie ließ ihm Zeit, sich auf die Wahrheit zu besinnen. Als nichts erfolgte, schloß sie:

»Einen anderen als dich würde ich aufgeben.«

»Du gibst mich nicht auf?«

Sehr langsam bewegte sie ihr geliebtes Gesicht hin und her, es war tiefernst. Er konnte es küssen vor aller Welt, sie hätte stillgehalten.

Nicht einmal ihre Hand berührte er.

»Ich verdiene dich nicht«, sagte er.

»Du verdienst mich. Du hast meine Mutter sehr unglücklich gemacht. Tu mit mir, was du willst.«

Hiernach schwiegen beide. Er sprach wohl mit dem Lippenrand, sie sollte ihn nicht hören, und verstand ihn gleichwohl. An Melusine handelte ich unentschlossen, so hieß sein Bekenntnis ungefähr. Warum? Wenn ich sie genommen hätte, jetzt stände es nicht schlimmer. Ich, so einfältig. Stephanie, so klug.

Sie antwortete mit ihren erschreckten Augen: Gut, daß du sie nicht nahmst. Die Enttäuschung wäre mein, käme aber um vieles früher als ihre, und vielleicht ertrüg ich sie nicht.

Plötzlich lachte er auf, sie schienen das heiterste Gespräch zu führen: »Ich, ein begehrter Mann!« – und sie lachte mit. Wirklich, dies waren recht muntere Jugendliche, versäumten nichts von Belang, waren allem, was wichtig ist, noch immer ausgewichen. Des enfants bien nés, sah Madame Babiline, da sie alles sah.

Nun kam aber in den kühlen Jungen eine Bewegung, niemand hätte in diesem Augenblick erwartet, er werde einen Sprung tun und davonlaufen.

»Was hast du?« fragte Stephanie.

Er spreizte die Finger nach seiner Schläfe. Den Namen »Poulailler!« stieß er aus und kannte nichts weiter mehr. »Die Welt hat dich wieder«, vermutete sie, ohne zu verstehen.

»Poulailler!« preßte er hervor, ein unerbittlicher Beschluß war gefaßt: Er oder ich!

Sie hob die Schultern, ihr fiel nicht ein, was irgend von Belang versäumt werden konnte, nachdem die Wahrheit der Herzen hergestellt war für sie beide. Er belehrte sie hastig, den Fuß schon anderswo, und auch den Sinn.

»Du selbst hast einen Herrn mit Melusine überrascht. Das war nicht mehr ich, oder verwechselst du mich mit Poulailler? Mich hast du entlarvt, Kompliment. Ich errate andere. Wie haben neben der Liebe die Diebe, nicht zu vergessen.« Hierbei dran er vor ihren Augen in die Wand ein.

»Geh in keine Falle!« riet sie ihm noch, als ein Türchen das unsichtbar gewesen war, sich über ihn schloß.

»Nourri dans le serail j'en connais les détours«, sagte er zu ihrer Beruhigung und wurde länger nicht gehört.

Zur gleichen Zeit trat die Reue des Hauses in Kraft. Wer sie mit dem Rücken fühlte, war der Intendant; er erinnerte in aller gebotenen Vorsicht an die Verdienste der durchgefallenen Meisterin:

»Wir können sagen, daß wir uns selbst zum Gespött machen. Vergessen wir ganz die Photoreportage?«

Er sah sich nach Hilfe um. Pauline Lucca oder wen sie sonst vorstellte, stützte sich über zwei Sitzreihen hinweg auf die entblößten Schultern einer älteren Dame. Selbst kein Säugling mehr, wie sie ausdrücklich zugab, hatte sie ein dermaßen unstatthaftes Verhalten dennoch nie erlebt von seiten eines Hauses, das sich achtete.

»Herr Intendant! Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren, sind wir das? Ist es zu glauben, wir, die auf dem heutigen Trümmerfeld der Kultur die letzten Säulen bewachen? Meine Tante Pauline Lucca hat überall und immer hergegeben, was sie besaß, ich schwöre, sie war wuchtiger als Alice. Unsere Eltern aber vertrugen die Schönheit, wo sie am kraftvollsten ist, die strotzenden Gliedmaßen, das üppige Organ, keine Größe konnte sie schrecken. Wir? Was zischen wir nieder? Unseren eigenen Verfall, oder ich heiße nicht Lucca.«

»Sie heißt ganz anders«, murmelte die Babiline, die nachgerade zersetzte, wo sie konnte. Das Haus in seiner Betretenheit stand auf seiten der Rednerin.

»Noch mehr Wahrheiten!« wurde verlangt. »Wir vertragen! Die Korpulenz, das Gebrüll, wir vertragen!«

Die öffentliche Erzieherin erging sich weiter, obwohl ihre Eingebung zu Ende war; die Babiline unterließ nicht, darauf zu verweisen, ihr Tonfall parodierte jede Würde:

»Il pleut des veérités premiéres,
Ouvrez vos rouges tabliers!«

Der Hohn mochte recht haben, die Babiline tat Unrecht, bald hätte es sie einen Abrutsch von ihrer Klappe gekostet. Den Stoß, der ihr zu gedacht war, Stephanie fing ihn auf, wieder sie, und händigte der Fürstin nochmals ihre entfallenen Diamanten aus.

»Genug damit!« gebot sie der großen Dame. »Sie sehen, die Meinungen sind wandelbar.«

Dies hatte Arthur erkannt.

»Ruft Alice!« gebot er seinerseits den Hintergründen, die als letzte störrisch blieben und auf den Fingern pfiffen. Benachteiligt wie sie waren, unbestechlich wie sie geurteilt hatten, hielten die Hintergründe daran fest, daß die Laufbahn der berühmten Alice beendet sei. Endlich kommen andere daran!

»Ein offener Skandal! Der erste, der uns zustößt«, sprach Arthur in Übereinstimmung mit dem Intendanten, dem Rüstungspräsidenten und den vereinigten Notabeln.

Man verständigte sich dahin, daß der geschehene Mißgriff zu berichtigen, die verunglückte Sängerin dem Leben zurückzugeben sei. Eine Abordnung wurde beschlossen, um die Minderbemittelten an Vernunft und Anstand zu erinnern. Die Wahl fiel auf Nolus und die Nutte. Indessen sind der Schauplätze mehrere. Wo immer Dinge sich begeben, ergänzen sie Zwecke, die insgesamt keiner kennt, bevor sie erfüllt sind, und nachher auch nicht.

Der vielbegehrte André war nach dem Ort seines tätigen Eingreifens unterwegs, der Tenor Tamburini, wer denkt noch an ihn, hatte seinen Posten bezogen. Er ersehnte zu retten. Der bange Drang gutzumachen, was er verdorben hatte, erregte ihn wie einen Anfänger. An der Sackleinwand, die ihn vom nächsten Schritt trennte, stand der erfahrene Mann, Lampenfieber färbte seine gefurchten Wangen, er lauschte den widerspruchsvollen Geräuschen des Hauses, klopfenden Herzens erwartete er seine Berufung.

Der Anlaß, der ihn jung und des Kampfes froh machte, die arme Alice persönlich ließ er dort unten irren und stöhnen, gerade sie hatte Tamburini vergessen. Wer nichts vergäße, täte nichts.

Alice, wenn sie das wüßte! hatte ein einziges Gehirn fortwährend beschäftigt. Hier ist es, Poulailler streckte seinen ritterlichen Katzenkopf von der falschen Seite her in das Kabinett der Pompadour. Überfälle geschehen hier meistens von der falschen Seite: unter dem rückwärtigen Ausgang hatte zu ihrer Zeit Stephanie, gedeckt von Arthur, in das Kabinett gespäht: sie sah Poulailler dabei begriffen, vom Arm Melusines das Schmuckstück zu lösen. Jetzt zeigte leider der Augenschein, daß Alice, so wenig wie die andere, es freiwillig ablegte. Als ob es ihr Glück gebracht hätte! Aber so sind sie. Die durchgefallene Manon irrte, stöhnte, aber fuchtelte immer, damit es blitzte.

Als sie Poulailler kommen sah, erstarrte sie tragisch. »Ein Freund«, sprach sie dumpf. »Der einzige. Auch gut«

Sie überließ ihm ihre Hand, er nahm den Arm, gierig betastete er ihn rund um das Schmuckstück.

»Fühlen Sie denn gar nichts?« fragte er und flehte um Erbarmen.

»Sie lieben mich«, erkannte sie mit dem Scharfblick des eigenen Elends.

»Daher«, bestätigte er. »Weil ich Sie liebe, göttliche Frau, habe ich Sie übermäßig geschmückt. Wir sollen in der Anbetung nicht zu weit gehen, das bracelet ist verflucht und vergiftet, geschrien haben nicht Sie, sondern das teuflische Juwel. Es war im Bund mit Ihren verschworenen Feinden.«

»Daher«, begriff sie.

»Ich liebe Sie, ich befreie Sie von diesem bösen Zauber.« Er öffnete den Verschluß. Ihren entblößten Arm ließ er fallen nach dem Gesetz der Schwere. Sie hatte ihren gequälten Kopf an seiner zuverlässigen Brust geborgen. Sie seufzte erleichtert:

»Einziger Freund, mir wird schon besser. Dein bin ich.«

»Hörst du es rauschen? Das ist der Beifall. Das Getöse? Sie rufen! dich.«

Dies bezweifelte Alice, kein altes Zirkuspferd zu bleiben, war ihr unmöglich, mochte übrigens ein Schwindler sie dumm machen mit dem müßigen Gewäsch, über das sie niemals hinauskommen. Dumm wird eine Alice, weil es im Augenblick das Erträglichste ist.

Sie folgte willig, als er behutsam zurückwich in Richtung der historischen Kommode. Er zog eine Schublade hervor, versenkte das Armband, drückte sie sachte zu, drehte den Schlüssel um, behielt ihn – Alice an seiner Brust geborgen wird auf ihren Eid nehmen können, daß sie von allem nichts weiß.

Anders Nina. Dieses Mädchen ist dafür bekannt, daß es nach seiner Pflicht und Bestellung überall gleichzeitig sein muß. Es hatte dem Vorgang beigewohnt, auch wieder auf der falschen Seite, aber mit echtem Vergnügen. Einmal entdeckt, war Nina fort. Poulailler, bei größter Geschmeidigkeit, konnte die mächtige Last seiner neuen Eroberung nicht schnell genug abwälzen, der Flüchtigen nachzusetzen erwies sich als aussichtslos. Er kehrte wütend zurück:

»Noch immer der Fluch, beste Dame! Ihr Gefühl für mich ist beobachtet worden.«

»Dummkopf!« antwortete Alice.

Hier traf André ein; vielleicht war er früher als nötig zur Stelle gewesen, jedenfalls zeigte er sich jetzt.

»Woher kommen Sie? Über die Bühne?« fragte Poulailler ungläubig.

»Du kannst in Wirklichkeit nicht hier sein«, bestimmte Alice. »Es gäbe keine natürliche Erklärung, sieh den bleichen Poulailler! Uns vom Theater hält er für abergläubisch. Er selbst hat Furcht.«

»Furcht, ich?« Poulailler wuchs, aus dem mittleren Kater wurde ein beträchtlicher.

André, sportlich ungeübt, ein Knabe ohne volle Reife, sprach über die Schulter nach dem gefährlichen Kavalier hin:

»Er wird sogleich selbst auf rätselhafte Weise verschwunden sein.«

»Sie meinen?« Noch schärfer kann niemand eine Auseinandersetzung fordern als der Kavalier.

André lehnte sich, die Beine gespreizt, gegen die Kommode. Das war seine Antwort, wenn es als Antwort gemeint war. Unentschieden blieb sogar für einen Poulailler, ob diesmal nur ein schwacher Knabe dreist wurde. Er konnte Waffen haben, zum Beispiel eine verschlossene Schieblade, einen abwesenden Schlüssel, gesetzt, der Knabe wäre um eine Viertelminute früher hier gewesen, als er sich zu erkennen gab. Ein Poulailler, der nächtliche Besuche bei Präsidenten abstattete, läßt es darauf ankommen.

»Alice, der Intendant will mehr von dir hören«, sagte André.

»Ahnungsloser Junge!« war alles, was Sie für ihn übrig hatte.

»Beinahe will der Intendant es«, erklärte Poulailler mit untadelige Höflichkeit. »Damit er es vollends will, genügt ein Wort von mir an seinen Nachbarn, den Schießpräsidenten, der mir nichts abzuschlagen hat.«

»Er erlaubt Ihnen Einbrüche?« fragte André.

»Lesen Sie die Morgenblätter?«

Poulailler leitete seinen Rückzug ein, langsam genug, daß die Sängerin ihn noch vor dem Ausgang einholen konnte. Sie warf ihm beide Arme um den Nacken

»Tu es für mich! Wenn du es dahin bringst, daß ich meine Arie wiederholen darf, für dich stehl ich, mord ich und zünde ich das Haus an!«

Sie küßte ihn schallend. Man mochte von Alice befürchtet haben, was immer, dies war mehr. Der junge André, mit all seinem Vorrat an unwahrscheinlichen Erfahrungen, hatte heute abend wenige zu beklagen gehabt wie diese. Im Haus ging ein Meinungswechsel vor. Mir, sah André, glaubte sie nicht einmal die Meldung. Dem anderen traut sie zu, daß er sie wahr macht. Wahr ist leider, daß Sie mit ihm stehlen würde. Er braucht nur die Duldung eines Präsidenten, schon hat er ihren schallenden Kuß.

Als die vorurteilslose Künstlerin sich ihres Zuschauers erinnerte, lachte sie ihn aus.

»Ich weiß, was du denkst. Schrecklich ist der Existenzkampf.«

»Noch schrecklicher der Erfolg«, sagte André.

Poulailler seinerseits hatte draußen Nina angetroffen. Diesmal lief sie nicht fort, beide verstanden sich sogleich. »Achtung auf die Kommode!« verlangte er, und das Mädchen:

»Den Schlüssel her, oder ich rede.«

Sie bekam etwas dergleichen in die Hand gedrückt, fühlte es an, fragte, was das solle, in welchen Geldschrank es passe: aber ein fester Griff setzte sie in Bewegung. Das Paar erreichte die Halle, als man dortselbst im besten Prügeln war.

Nolus und die Schützlingin des Präsidenten erfüllten bei den Hintergründen ihren Auftrag, jeder nach seiner Art. Der Bankier mit geschwollener Stirn, soviel Stirn seine tiefgelegenen Haarwurzeln ihm erlaubten, streckte zwei, drei der kräftigsten jungen Leute nieder, bevor sie seine Faust auch nur kommen sahen. Infolge der gelungenen Kinnhaken wankte bei anderen das unbestochene Urteil über die Sängerin Alice, fanatische Rufe nach ihr wurden laut. Die Kraft der eigenen Stimme macht unter Umständen gewalttätig. Wer noch widersprach, mußte dafür leiden.

Die Nutte zeigte Geld her. Nicht, daß sie es den Kameraden ausgeliefert hätte: ihr einst gering geschätztes Beispiel siegte durch sich selbst, obwohl nicht überall. Das häßliche Entlein blieb fest; ihm mußte die Verführerin etwas Greifbares zustecken, damit es auch nur zeitweilig abließ von seinem Mißgetön. Adrienne, wie anders ihre Redlichkeit und Treue! Sie entriß dem Entlein seinen Schein, trat ihn mit Füßen, ihre Hervorrufe der verehrten Meisterin unterbrach sie darum nicht. Siehe, der Rache entging die ehrliche Haut, weil am Boden um die Banknote gekämpft wurde.

»Alice! Wir wollen Alice! Alla porta! Fine funerals!«

Ein Hingestreckter und Wiedererstandener schrie besessen Heil! Verwirrte Gefühle einer Masse, die sich weder beherrscht noch kennt. Dagegen werden Strenge des Gedankens, ein Wille, der Richtung hält, schlechterdings nur vorn angetroffen. Die schlaue Auslese wird immer führen, aber zwischen ihr und der geballten Unfähigkeit des Hintergrundes sehen die mittleren Ränge abgehärtet zu und lassen und lassen geschehen. Das ist das Haus.

Die paar individuellen Beobachter können unmöglich eine Klasse für sich beanspruchen. Ihre private Sache, wie Melusine, Anastasia, Stephanie und André die Lage ansehen. An mehreren Stellen der Geschichte haben sie nicht nur die Sängerin Alice verlorengegeben: das Opernhaus selbst schien der Vergangenheit anzugehören. Ihre Eindrücke unterliegen dem Wechsel. Anastasia besonders ist erfreut von der' Brutalität des Bankiers, der Sittenlosigkeit der Nutte; beide gemeinsam machen den Skandal unwiderruflich. Aber wer kann wissen, vermutet Melusine. Aktien, die nur noch Fetzen Papier waren, und so weiter, wie bekannt.

André neigte unversehens sein liebes, wohlanständiges Lächeln gegen Stephanie, sie wendete sich hin:

»Aus der Wand zurück?« bemerkte sie. »Geheimnisse, und im Gesicht keine Spur von ihnen.«

Er entschuldigte seinen natürlichen Mangel an Ausdruck des Mienenspiels.

»Doch, du bist blaß.«

»Du wärest es auch«, erwiderte er ihr. »Es war höchst widerwärtig. Immerhin wird Alice ihre Nummer wiederholen. Tamburini hat etwas vor, mais il y a des aléas, würde mein Großvater befürchten. Gleichviel.«

Sie hielt von keinem Eingreifen etwas, wenn es zweideutig ausfalle; das Haus sei gerade unsicher genug. »Auf der Höhe der Ereignisse bewegt sich dein prächtiger Vater«, sprach sie in der Manier des Radioberichterstatters bei dem aufregendsten Boxkampf. »Unser Arthur erteilt den Reportern seine Weisungen! Sie werden befolgt werden, dafür bürgt das unverkennbare Interesse der Präsidenten, die ihn jetzt sämtlich umringen: um ihr Geld geht es! Ihr Mienenspiel leidet an Ausdruck keinen Mangel.«

»Gut«, gab André zu. »Die Morgenblätter werden von den wirklichen Vorgängen schweigen. Sind die Skandale darum aus der Welt? Stephanie, im Vertrauen, das Schicksal unserer Eltern bleibt allen aléas unterworfen.«

»Und meines? Und deines?« fragte ihr Gesicht, angstvoller als sie wollte, zärtlicher als sie wußte. – Während die törichte Musik anbrach, was sie längst hätte tun sollen; während der Vorhang hinaufging und Tamburini nach vorn kam.

Er kam dem Hause ganz unerwartet, daher verstummten augenblicklich die Geräusche. Auch gab er sich als freudige Überraschung, dermaßen unbescheiden hatte niemand ihn gekannt. Er hält sich für ein Weihnachtsgeschenk! Im Erstaunen über seine lyrische Geschwelltheit rief aus der Mitte jemand hinauf:

»Vuol cantar la Bohème?«

Der Vorwitzige wurde unsanft zum Schweigen gebracht. Sonderbar! Ein Mann, dessen ganze Sorge früher gewesen war, nur ja das Haus nicht herauszufordern, bevor sein Gesang es rühren und erheben konnte, auf einmal will er um seiner selbst willen bewundert sein, die kleine Unebenheit mit eingeschlossen, und erreicht es. Nun er von seiner Leiblichkeit überzeugt, Begeisterung leuchtend den Kopf in den Nacken wirft, weiß immer noch jeder, was dahinter steckt: genug, dies Ding hat aufgehört mitzuspielen. Kein Mäntelchen tut es, die Kraft, die gerademacht, legt niemand sich einfach um, sie muß in vieljähriger Übung erworben sein.

Nehme man an, daß er vor einem Spiegel ungezählte Male versucht hat, den Schönen zu geben. Es wird in der Jugend gewesen sein, als vor seinem schmerzlichen Bewußtsein die Mehrzahl der Menschen schön und er allein die beschämende Ausnahme war. Vergebens, der Buckel erwies sich stärker, er hat damals jede Anstrengung zuschanden gemacht. Retten konnte den Sänger einzig die Leistung, wenn beide, Leistung und Gestalt, auf den öffentlichen Schaubühnen um die gleiche Seltenheit wetteiferten. Das ist gelungen, mit Stolz, mit Demut, wer unterscheidet sie, und den bekannten Vorspruch: »Ich bin gekommen, nicht mich sehen, sondern mich hören zu lassen.«

Das Können und der Fehler haben, unentwegt vertauscht, ihre großen Augenblicke gehabt, beinahe in allen Vorführungen, über die endlosen Jahre. Hier und jetzt, nein, die Jahre sind zu Ende. Das Schicksal des beschwerten Genies wird von ihm selbst nicht länger anerkannt. Dort oben bewegt sich unbescheiden, im lyrischen Genuß eines nie bestandenen Daseins, der Weltberühmte, bewundert, beneidet, verherrlicht von schönen Personen beiderlei Geschlechts, und weiß es, und macht davon den glänzenden Gebrauch.

Nur scheinbar geschieht dies plötzlich; es muß in Wirklichkeit oft erprobt sein. Wie anfangs vor seinem Spiegel, hat der Mann sich seither vor einer inneren Psyche in der Schönheit versucht und fand nur den unanständigen Entschluß nicht, sie bei der Welt hervorzukehren. Wie wenn die Welt der noblen Enthaltung schon einmal Dank gewußt hätte! Mach ihr großartig vor, was du nicht bist, sie erkennt dich.

Kein Vergleich mit seinem vorigen Auftreten, als man in den weißen Kreis des Scheinwerfers starrte bis hinter die leibliche Hülle des Zauberers, ihm lauschte und ihn nicht sah. Diesmal zaubert er ungezwungen, betrachte ihn dir ruhig, kein Tadel an ihm und wird sich hören lassen, wann es ihm beliebt, unsere Nachsicht braucht er nicht. Der, um Erlaubnis bitten? Er befiehlt, das ist klar, wir haben die ganze Szene mit Kruzifix, Marion und Zubehör von Douces images »N'est-ce pas ma main« von vorn an durchzunehmen, unsere erste Prüfung bestanden wir schlecht. Aber gern! Wie gern!

Die Hände rühren, in Jubel ausbrechen wäre unstatthaft. Der selbstherrliche Meister heischt Schweigen und Gehorsam, was auch bei weitem das Angenehmste ist, immer vorausgesetzt, seine glatten Bewegungen, die vollkommene Eingenommenheit seiner Person von sich selbst, sein Leuchten. Die Gesten in das Haus hinein haben genügt, es kennt nunmehr das weitere Verhalten der Dinge und sein eigenes. Ein Wink für den Kapellmeister, aber Richard Wagner war im voraus erbötig, glänzend setzt er ein. Der folgende Verlauf ist fraglos, kein Wort darüber vonnöten, ja, wer gar nicht mehr dabei wäre, im Bilde ist er doch.

Mais il est épatant, war der Eindruck der Fürstin Anastasia und schlicht, wie Sie empfand, stimmte sie für diesmal mit den Geringsten überein. Das alles, um Alice zu retten. Warum nicht mich?

Dasselbe hoffte Adrienne, gewiß kam noch anderen der Mut. Sie sahen ihn hochherzig, sie überlegten nicht, ob sie ihn gerade darum auch schön sehen. Melusine, ach! von keinem gläsernen Sarg träumte sie, als er seine Arie wiederholte. Könnte ich trotz allem meine Stimme wiederfinden? war ihr Traum.

Still und lieb sprach Stephanie zu André.

»Wir sollten fortgehen.«

Da er fragte, warum:

»Wo wir dabei sind, geschieht selten das Merkwürdigste, eher noch draußen. Hier innen ist bekannt, daß in einer Minute die wiedererstandene Alice schreien, vielleicht nicht mehr schreien jedenfalls aber triumphieren wird.«

»Du weißt selbst nicht, wie sehr du recht hast. Sie trägt kein Armband mehr.«

Auf seine dunkle Anmerkung ging sie nicht ein.

»Ich muß nicht dabeigewesen sein«, wiederholte sie. »Es ist so gut wie geschehen.«

Sprach André zärtlich und leise:

»Wir wollen durch die Wand entweichen. Kann sein, daß draußen mein Großvater erscheint, er wäre merkwürdiger als Alice. Aber was treibt dich von dannen?«

Sie ab Auskunft:

»Ich bin bewegt. Für eine Jugend, wie wir sind, schickt es sich nicht, zu weinen.«


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