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Fünfter Abschnitt
Das Kind ist des Mannes Vater

Die Eigentümlichkeiten des Mannes lassen sich in den moralischen Zügen des Kindes aufweisen. Goethe's Eigentümlichkeiten. Vielseitigkeit, Ernst, Förmlichkeit, Verständigkeit, ungeduldige Erregbarkeit.

Wie aus den sanften runden Linien im Gesichte des Kindes schon die Züge sprechen, die sich nach Jahren zu festen Formen entwickeln, so lassen sich in den geistigen Zügen des Kindes die Eigentümlichkeiten des Mannes nachweisen. Aber es ist mir oft so vorgekommen, als ob der Zusammenhang der Entwicklung in der Uebergangsperiode eine sichtliche Unterbrechung erleide, so nämlich, daß der Jüngling in vielen Beziehungen sowohl von dem verschieden erscheint, was er als Kind war, wie von dem, was er in reiferem Alter wird. Im Jünglingsalter, wo die Leidenschaften sich regen, verläßt der Charakter leicht die bis dahin inne gehaltene Bahn. Die Leidenschaft mehr als der Charakter beherrscht die Stunde. So wird aus einem verständigen Knaben oft ein wilder Jüngling, aber wie er heranreift, krystallisirt er sich auch wieder zu fester Verständigkeit.

Bei Goethe war das sicherlich der Fall. Wäre er jung gestorben, wie Shelley und Keats, so würde er unter die heitern Naturdichter gezählt; da er aber das zweiundachtzigste Jahr erreichte, so krystallisirte sich durch fünfzig Jahre hindurch ein Charakter, der jeden Kritiker stutzig macht. Dürftig, wie die Nachrichten aus seiner Kindheit sind, geben sie uns doch die Hauptzüge des Mannes. Wir wollen sie rasch überblicken.

Zuerst seine Vielseitigkeit. Selten hat ein Knabe solche Vollständigkeit menschlicher Begabung gezeigt wie er. Die vielfältige Thätigkeit seines Lebens ist in den verschiedenartigen Strebungen seiner Kindheit im voraus gezeichnet. Er erscheint uns als ein ordnungsliebender, etwas förmlicher, wißbegieriger, nachdenklicher, bedächtiger Knabe, als ein frühreifer Schüler, ein alles verschlingender Leser, ein tüchtiger Philosoph auf eigene Hand, der so tapfer unabhängig für sich selbst denkt, daß er mit sechs Jahren die Güte seines Schöpfers, mit sieben Jahren die Gerechtigkeit des Urtheils der großen Welt bezweifelt. Er ist erfinderisch, poetisch, stolz, liebevoll, flüchtig, sein Geist allen Einflüssen offen, von jedem Winde getrieben, und doch, während die Richtung seiner Thätigkeit so unstät und bestimmbar, ist er Herr über sich selbst. Die verschiedenartigen Naturen, die widersprechendsten Ansichten interessiren ihn. Er studirt sehr fleißig, wie nur ein Bücherwurm fleißig sein kann; Sprachen, Mythologie, Alterthümer, Juristerei, Philosophie, Poesie, Religion – alles treibt er eins nach dem andern, aber daneben macht er alle Festlichkeiten mit, lernt das Leben in verschiedenen Gestalten kennen und ist so halb ein kleiner Nachtschwärmer. Und wiederum von trüber, träumerischer Stimmung wird er heimgesucht und wälderwärts in die Einsamkeit treibt es ihn zu fliehen.

Hervorstechend indeß unter seinen Charakterzügen sind Ernsthaftigkeit, Förmlichkeit, Verständigkeit. Er ist das gerade Gegentheil eines Nichtsnutz. Er macht seinen Eltern keine böse Sorge, was wohl aus ihm werden möge. Er scheint durchaus Herr seiner selbst. Das hat denn in späteren Jahren seine Beurtheiler so stutzig gemacht; diese äußere Ruhe der Selbstbeherrschung, diesen Mangel an Enthusiasmus konnten sie mit ihren Begriffen von einem Dichter nicht vereinigen. Gewiß hatte er Enthusiasmus, wenn je einer ihn hatte, – sofern nämlich enthusiastisch (»des Gottes voll«) sein so viel heißt, als von einer göttlichen Idee erfüllt und in ihrem Lichte rastlos thätig sein. Was man sonst Begeisterung nennt, der Aufruhr der Empfindungen und ihr Triumph über die machtlos gewordene Herrscherin Vernunft – das war ihm fremd; sein Verstand empfing den Hauptanstoß nicht von seinen Empfindungen. Während uns daher bei den meisten Dichtern zuerst ihr leicht bewegliches Gefühl mit all seinen Launen, Schwächen und menschlich schönen Verirrungen auffällt, trifft uns bei Goethe, dem Knaben und Manne, nicht dem Jünglinge, zuerst sein Verstand mit seiner Klarheit, seiner Ruhe und seiner ärgerlichen Freiheit von Verirrung. Ich sage: ärgerliche Freiheit; denn wir alle übersehen ja so gern die Verirrungen des Enthusiasmus – die einen, weil sie unser Mitleid beanspruchen, die andern, weil sie eine Gemeinsamkeit der Triebe zwischen dem Sünder und uns selbst darthun, – und wie erbarmungslos bekritteln wir dagegen die Erfolge der Vernunft, die kalten Berechnungen der Klugheit, die unsere Schwäche beschämen und von unserm Mitleid kein Almosen bedürfen! Warum wohl predigen wir alle Klugheit und können sie doch nicht leiden? Vielleicht deßhalb, weil wir dunkel fühlen, daß ohne die Irrthümer des Herzens das Leben seinen dauernden Reiz entbehren würde, und so finden gerade die Fehler, die aus unverständigem, unbedachtem Thun entspringen, vor dem natürlichen Gefühle Gnade, welches jenseits der rein verständigen Zwecke noch andere, höhere Ziele uns ahnen läßt. Das ist einer von den Gründen, warum die Verirrungen im Leben genialer Männer uns so unerlöschliche Sympathie abnöthigen.

Nach diesen Andeutungen darf ich an diejenigen, welche über die stille, auf sich selbst ruhende Hoheit Goethe's im Alter sich nicht trösten können, wohl die Frage richten, ob sie dieselbe bei näherem Nachdenken nicht doch mit ihren Begriffen von dem Wesen eines Dichters vereinigen können? Wir predigen Vernunft, aber wir sympathisiren mit der Empfindung. Unsere Abneigung gegen jene entspringt aus der Meinung, sie sei mit dieser unverträglich. Wenn aber ein Mann die Herrschaft des Willens und des Verstandes mit der tiefsten und feinsten Empfindung vereinigt, müssen wir dann nicht sagen, er habe in lebendiger Einheit zu Ehren gebracht sowohl was wir lehren, als was wir lieben? Daß Goethe beides in sich vereinigte, wird diese Lebensbeschreibung mehr als genügend beweisen. In den nächstfolgenden Abschnitten erscheint er wild, ruhelos, ziellos sich verirrend und so keck ausgelassen, daß dem glühendsten Verehrer genialer Wüstheit Genüge geschehen wird: bisweilen sind in dem Jünglinge der Knabe und der Mann kaum noch zu erkennen.

Noch ein Charakterzug muß hier beachtet werden, die ungeduldige Hast, mit der er von einem Gegenstande zum andern eilte. Sie lag seiner vielfältigen Thätigkeit nach so verschiedenen Richtungen hin zu Grunde, und andrerseits verschuldete sie es, daß er es nie in einer Sache zu der vollendeten Fertigkeit eines Meisters brachte. Er war außerordentlich bestimmbar, erhielt von jedem äußeren Einflusse Anstoß und blieb nicht fest bei einer Sache, weil mit der Fähigkeit, vieles auszunehmen, eine Ungeduld verknüpft war, die ihn bald ermatten ließ. Es giebt Leute, die viele Sprachen lernen, aber die Grammatik auch nur einer einzigen Sprache niemals ganz beherrschen. Zu ihnen gehört Goethe. Leicht angeregt, seine Thätigkeit in einer neuen Richtung zu entfalten, hatte er nicht die Geduld, die ordentlich am Anfang anfängt und stufenweise zu sicherer Meisterschaft sich erhebt. Wie ein Adler stürzte er sich auf seine Beute; geduldig wie eine Katze darauf zu warten, war ihm versagt. Dieser ungeduldigen Hast muß es zugeschrieben werden, daß er so manche Werke unvollendet gelassen, manche andere unter langen Zwischenräumen ruckweise beendet hat. Prometheus, Mahomet, die natürliche Tochter, Elpenor, Nausikaa, die Achilleïs u. a. sind Fragmente geblieben; an Faust, Egmont, Tasso, Iphigenie, Wilhelm Meister hat er lange Jahre gearbeitet. Was in wenigen Tagen, so lange der Anstoß dauerte, gemacht werden konnte, das wurde fertig; größere Arbeiten zogen sich durch eine ganze Reihe von Jahren hin.



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