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Sechsunddreißigstes Kapitel

Trotz aller seiner Liebenswürdigkeit und seines persönlichen Zaubers blieb mir Abdulla fremd, und ich fühlte mich in seinem Lager nicht wohl, vielleicht, weil ich keine gesellige Natur war und die Menschen hier ein Fürsichsein nicht kannten, vielleicht auch, weil ihr ungetrübt heiterer Sinn mir die Zwecklosigkeit meiner Sisyphusarbeit vor Augen führte, nicht nur selbst besser zu scheinen, als ich war, sondern auch andere besser zu machen. Abdulla verbrachte seinen vergnügten Tag zumeist in dem großen kühlen Zelt, zu dem nur seine näheren Freunde Zutritt hatten, während für die Erledigung von Bittgesuchen, Werbung neuer Anhänger und Schlichtung von Streitigkeiten nur eine öffentliche Sitzung am Nachmittag vorgesehen war. Die übrige Zeit las er Zeitungen, speiste ausgiebig und schlief. Am liebsten vertrieb er sich die Stunden damit, mit seinem Stab Schach zu spielen oder seine Possen zu treiben mit Mohammed Hassan. Mohammed, der eigentlich Muedhdhin hieß, war ein richtiger Hofnarr. Mir schien er ein langweiliger alter Dummkopf zu sein, da ich nach meiner Krankheit weniger als sonst zu Scherzen aufgelegt war.

Abdulla und seine Freunde, Schakir, Fausan, von den Scherifs die beiden Söhne Hamsas, von den Ateiba Sultan el Abbud und Hoschan, und Ibn Mesfer, der Haushofmeister, vergnügten sich einen großen Teil des Tages und alle Abendstunden damit, Mohammed Hassan zu quälen. Sie stachen ihn mit Dornen, warfen mit Steinen nach ihm, steckten ihm von der Sonne durchglühte Kiesel in den Nacken und setzten seine Kleider in Brand. Manchmal wurden die Späße auch umständlich vorbereitet, so etwa wenn sie einen Pulverfrosch mit langer Zündschnur unter eine Decke legten und, den ahnungslosen Mohammed Hassan veranlaßten, sich darauf zu setzen. Bei einer Gelegenheit schoß ihm Abdulla einen Kaffeetopf auf zwanzig Yard Entfernung dreimal vom Kopf herunter und belohnte ihn dann für seine leidensvolle Unterwürfigkeit mit einem Dreimonatssold.

Bisweilen machte sich Abdulla auf, um ein wenig zu reiten oder zu jagen, und kehrte dann erschöpft in sein Zelt zurück, um sich massieren zu lassen; später kamen dann Sänger, um seinen Kopfschmerz zu lindern. Er schwärmte für arabische Poesie und war darin ein ungewöhnlicher Kenner. Die Dichter in seiner Umgebung fanden bei ihm stets williges Gehör und reichen Lohn. Er interessierte sich auch für Geschichte und Literatur und hielt in seinem Zelt wissenschaftliche Disputationen ab, bei denen er Geldpreise verteilte.

Die Lage im Hedschas machte ihm, wie er vorgab, keine Sorgen, da er die Selbständigkeit Arabiens durch die von England seinem Vater gegebenen Versprechungen für gesichert hielt, und es war ihm bequem, sich damit zu beruhigen. Ich war drauf und dran, ihm zu sagen, daß der törichte alte Mann keine bestimmten oder uneingeschränkten Zusicherungen irgendwelcher Art erhalten hätte, und daß das arabische Schiff möglicherweise an politischer Unklugheit des Großscherifs scheitern könnte. Aber das würde eine Bloßstellung meiner englischen Auftraggeber bedeutet haben, und der innere Widerstreit zwischen Ehrlichkeit und Ergebenheit endigte wieder einmal in dem Notbehelf des Schweigens.

Abdulla zeigte großes Interesse für den Krieg in Europa und verfolgte ihn eifrig in den Zeitungen. Ebenso war er in der Politik des Westens bewandert und konnte alle Höfe und Ministerien Europas auswendig hersagen – sogar den Namen des Schweizer Bundespräsidenten wußte er. Ich stellte erneut fest, wie sehr der angenehme Umstand, daß wir noch einen König hatten, dem Ansehen Englands in der asiatischen Welt zugute kam. Altertümliche und kunstvoll aufgebaute Gemeinschaften, wie Arabien mit seinen geistlichen und feudalen Oberhäuptern, fanden die Gewähr einer ehrenhaften Sicherheit darin, mit uns als einem Staat zu verhandeln, deren höchste Stelle nicht der wandelbare Preis von Verdienst oder Ehrgeiz war.

Mit der Zeit minderte sich immer mehr mein erster günstiger Eindruck von Abdullas Charakter. Seine ständige Unpäßlichkeit, die anfangs wohl Mitleid erregen konnte, bekam leicht etwas Verdächtiges, wenn man sie als Trägheit und Nachgiebigkeit gegen sich selbst erkannte, und wenn man sah, daß er sie als Vorwand für sein häufiges Nichtstun benutzte. Seine gelegentlichen Anwandlungen von erfreulicher Entschiedenheit enthüllten sich als schwache Tyrannei, hinter der sich Launenhaftigkeit verbarg; seine Liebenswürdigkeit schien mehr Bequemlichkeit zu sein, seine Heiterkeit mehr Zerstreuungssucht. Dabei war sein ganzes Wesen von Unaufrichtigkeit wie von einem Sauerteig durchzogen. Selbst seine geistige Schlichtheit schien bei näherem Zusehen nur ein Trug; und er überließ ererbten religiösen Vorurteilen die Herrschaft über seine Intelligenz, weil ihm das weniger Mühe verursachte als die Beschäftigung mit nicht verbrieften Ideen.

Als ich eines Tages bei ihm eintrat, saß er hochaufgerichtet mit großen Augen und zwei hochroten Flecken auf den Wangen. Sergeant Prost, sein alter Ratgeber, war gerade von Oberst Bremond gekommen und hatte, ohne den Inhalt zu kennen, ein Schreiben überbracht, in dem Bremond darauf hinwies, wie die Briten die Araber von allen Seiten umstellten – in Aden, in Ghasa, in Bagdad –, und daß er hoffe, Abdulla werde sich über dieses Beginnen klar sein. Abdulla fragte mich heftig, was ich davon dächte. Ich half mir mit einer Finte und erwiderte in einer schöngesetzten Phrase, ich nähme an, er würde unserer Ehrlichkeit mißtrauen, wenn er herausfände, daß wir unsere Verbündeten in Privatbriefen hinter ihrem Rücken verleumdeten. Dieses auf sehr subtile Weise vergiftete Arabisch gefiel ihm, und er erwies uns das spitzfindige Kompliment, zu sagen, er wisse ja, daß wir aufrichtig wären, da wir sonst nicht durch einen Mann wie Oberst Wilson in Dschidda vertreten sein würden. Hier verfing sich, charakteristisch genug, seine Spitzfindigkeit in ihrem eigenen Netz, da er nicht die doppelte Spitzfindigkeit merkte, die ihn widerlegte. Er begriff nicht, daß Ehrlichkeit das sich am besten bezahlt machende Werkzeug von Schelmen sein konnte und auch Wilson gerade rasch und gern bereit sein mochte, bei den ihm vorgesetzten Würdenträgern schlimme Absichten vorauszusetzen.

Wilson sagte nie etwas auch nur Halbwahres. Wenn er beauftragt wurde, dem König beizubringen, daß die monatliche Unterstützung zur Zeit nicht erhöht werden konnte, so rief er Mekka einfach an und sagte: »Mehr Geld haben wir nicht, Herr.« Er war nicht nur unfähig zu lügen, sondern auch gewitzigt genug, zu wissen, daß Lüge der dümmste Schachzug Spielern gegenüber ist, die ihr ganzes Leben in einem Nebel von Täuschungen verbringen und ein außerordentlich fein entwickeltes Empfindungsvermögen haben. Die arabischen Führer zeigten eine Vollkommenheit des Instinkts, ein Sichverlassen auf die Intuition, ein unwillkürliches Vorauswissen, was unserm logisch arbeitenden Verstand unfaßbar war. Nach Frauenart begriffen und urteilten sie rasch, mühelos, irrational. Es schien fast, als hätten sich durch den Ausschluß der Frauen vom öffentlichen Leben im Orient die ihnen eigenartigen Gaben auf die Männer übertragen. Ein Teil der Schnelligkeit, Verschwiegenheit und Geradlinigkeit, die für unseren Sieg charakteristisch waren, mag vielleicht auf Rechnung dieser doppelten Begabung zu setzen sein, und bezeichnend ist, daß es in der ganzen arabischen Bewegung vom Anfang bis zum Schluß nichts Weibliches gab, außer den Kamelen.

Die eindrucksvollste Gestalt in Abdullas Umgebung war Scherif Schakir; er war neunundzwanzig Jahre alt und seit seiner Kindheit der Gefährte der vier Emire. Seine Mutter war Tscherkessin gewesen, ebenso seine Großmutter. Von ihnen hatte er seine helle Gesichtsfarbe, aber seine Haut war von Blatternarben zerfressen. Aus dem weißlichen zerstörten Gesicht blickten zwei unruhige, sehr helle und große Augen; da ihm Wimpern und Brauen fast ganz fehlten, bekam sein Blick etwas Starres und Verwirrendes. Seine Gestalt war groß, schmächtig und hatte fast etwas Knabenhaftes infolge des ständigen scharfen Trainings seines Körpers. Seine Stimme war scharf, entschieden, aber dabei angenehm und überschlug sich in der Erregung. Im Umgang war er von einer entzückenden Aufrichtigkeit, dabei kurz angebunden und geradezu herrisch.

Der unbekümmerte Freimut seiner Rede schien vor nichts auf der Welt Achtung zu haben, König Hussein ausgenommen. Dabei verlangte er Ehrerbietung seiner Person gegenüber, mehr sogar noch als Abdulla, der stets mit seinen Gefährten Possen trieb, diesem Schwarm in Seide gekleideter Burschen, die sich bei ihm einfanden, wenn er belustigt sein wollte. Schakir war immer gern dabei, aber er pflegte jede Freiheit, die man sich etwa gegen ihn herausnahm, schmerzhaft zu bestrafen. Er kleidete sich einfach, aber sauber und hatte, wie Abdulla, die Gewohnheit, sich vor allen Leuten lange und ausgiebig in den Zähnen. herumzustochern. Für Bücher hatte er kein Interesse und plagte seinen Kopf nicht mit Nachdenken; aber er war klug und sehr anregend in der Unterhaltung. Er war fromm, verabscheute jedoch Mekka und beschäftigte sich mit Tricktrackspielen, wenn Abdulla den Koran las. Gelegentlich aber konnte er endlos lange beten.

Im Krieg war er der rechte Held. Seine Taten machten ihn zum Liebling der Stämme. Zum Dank dafür nannte er sich selbst einen Beduinen, einen Ateibi, und ahmte sie nach. Sein schwarzes Haar trug er in Flechten zu beiden Seiten seines Gesichts, hielt es mit Butter glänzend und kräftigte es durch häufiges Waschen mit Kamelurin. Läuse ließ er gewähren, in Befolgung des beduinischen Sprichworts, daß nur ein Knauser seinen Kopf für sich allein haben wolle; und er trug den »brîm«, einen aus dünnen Lederriemen geflochtenen Gürtel, dreimal um die Lenden geschlungen, um den Leib zu stützen und zusammenzuhalten. Schakir besaß herrliche Pferde und Kamele und galt für den besten Reiter in Arabien, der es mit jedem aufzunehmen bereit war.

Schakir machte den Eindruck, daß er einen einmaligen Energieaufwand einer dauernden Anstrengung vorzog; aber hinter all seinem tollen Wesen lag doch eine gewisse Ausgeglichenheit und Verschlagenheit. Scherif Hussein hatte ihn vor dem Krieg mehrfach als Gesandten nach Kairo geschickt zur Regelung persönlicher Angelegenheiten mit dem Khediven von Ägypten. Der Beduine mag sich recht sonderbar ausgenommen haben in der üppigen Stuckpracht des Abdin. Abdulla brachte Schakir unbegrenzte Bewunderung entgegen und suchte die Welt mit dessen heiterer Sorglosigkeit zu betrachten. Beide zusammen machten meine Mission im Wadi Ajis sehr schwierig.


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